Der Sohn einer Magd

Part 8

Chapter 83,767 wordsPublic domain

Es war übrigens der schwarze Sarg und die vielen Menschen, die sie erschreckt hatten; denn die Kleinen vermißten die Mutter kaum, weinten nicht nach ihr und hatten sie in kurzer Zeit vergessen. Das mütterliche Band ist nicht so leicht geknüpft; das geschieht nur durch eine lange persönliche Bekanntschaft. Johans wirkliches Vermissen dauerte kaum ein Vierteljahr. Er trauerte lange, aber das war mehr ein Bedürfnis, in der Stimmung weiterzuleben, die ein Ausdruck für seine natürliche Schwermut war: die hatte jetzt in der Trauer um die Mutter eine geeignete Form gefunden.

* * * * *

Auf den Todesfall folgte ein langer Sommer in Muße und Freiheit. Johan verfügte zusammen mit dem ältesten Bruder, der nicht vor sieben aus seinem Geschäft kam, über zwei Zimmer eine Treppe hoch. Der Vater war den ganzen Tag abwesend, und wenn sie sich trafen, schwiegen sie. Die Feindschaft war abgelegt, aber Freundschaft war unmöglich. Der Jüngling war jetzt sein eigener Herr; kam und ging, schaltete und waltete. Das Hausfräulein wich ihm aus, und sie gerieten niemals in Konflikt. Den Verkehr mit Kameraden ließ er, schloß sich auf seinen Zimmern ein, rauchte Tabak, studierte und grübelte.

Immer hatte er gehört, Kenntnisse seien das Höchste; das sei ein Kapital, das nie verloren gehen könne; damit könne man sich immer wieder hinaufhelfen, wie tief man auch gesellschaftlich sinkt. Alles kennen lernen, alles wissen, war bei ihm eine Manie geworden. So hatte er die Zeichnungen des ältesten Bruders gesehen und sie rühmen hören. In der Schule hatte er nur geometrische Figuren gezeichnet. Er wollte also zeichnen. Während der Weihnachtsferien kopierte er in einem Zuge und mit einer Art Raserei alle Zeichnungen des Bruders. Die letzte der Sammlung war ein Pferd. Als er fertig war und gesehen hatte, daß es keine Kunst war, hörte er auf zu zeichnen.

Alle Kinder spielten ein Instrument, nur Johan nicht. Johan hörte so oft Tonleiter und Übungen auf Klavier, Geige und Cello, daß er's nicht mehr aushalten konnte: die Musik wurde ihm, was die Kirchenglocken gewesen. Er wollte spielen können, aber er wollte nicht die Tonleiter durchmachen. Er nahm insgeheim Noten und spielte sofort die Stücke. Es war schlecht, aber er hatte ein Vergnügen daran. Um sich zu entschädigen, unterrichtete er sich bei allem, was die Geschwister spielten, über Komponist und Werk, um ihnen in Kenntnis der Musikliteratur überlegen zu sein. Einmal wurde ein Notenschreiber gesucht, um die „Zauberflöte‟ für ein Geigenquartett zu kopieren. Johan erbot sich dazu.

-- Kannst du Noten schreiben? wurde er gefragt.

-- Ich will's versuchen, sagte er.

Er übte sich einige Tage und dann schrieb er alle vier Stimmen aus. Es war eine lange und langweilige Arbeit; er wäre beinahe müde geworden, aber er kriegte sie schließlich fertig. Hier und dort war es wohl etwas nachlässig, aber es konnte benutzt werden.

Er hatte keine Ruhe, bis er alle Pflanzen der Stockholmer Flora kennengelernt hatte. Als er sie kannte, ließ er den Stoff fallen. Eine botanische Exkursion machte ihm kein Vergnügen mehr; Wanderungen in der Natur boten ihm nichts Neues; er konnte keine unbekannte Pflanze mehr finden. Die wenigen Mineralien kannte er. Die Insekten besaß er in seiner Sammlung. Die Vögel kannte er an ihren Stimmen, ihren Federn, sogar an ihren Eiern.

All das waren nur äußere Erscheinungen; Namen von Dingen, die bald ihr Interesse für ihn verloren. Er wollte das Innere sehen. Man pflegte ihn Zerstörungsgeist zu schelten, denn er nahm alles auseinander, erst Spielsachen, dann alles, was ihm in die Hände kam. Zufällig geriet er in eine Vorlesung der Akademie der Wissenschaften und sah chemischen und physikalischen Experimenten zu. Die ungewöhnlichen Geräte fesselten ihn. Der Professor war ein Zauberer, aber einer, der erzählte, wie das Wunder zugeht. Das war ihm neu, und er wollte in das Verborgene eindringen.

Er sprach dem Vater von seiner neuen Neigung. Der hatte sich in jungen Jahren mit Galvanoplastik beschäftigt und gab ihm jetzt Bücher aus seinem Bücherschrank: Focks Physik, Girardins Chemie, Figuiers Entdeckungen und Erfindungen, Nyblaeus' Chemische Technologie. Auf dem Boden befand sich außerdem eine galvanische Batterie mit sechs Elementen des alten Daniellschen Kupfer- und Zinksystems. Die bekam er schon als Zwölfjähriger in die Hände und hantierte so viel mit Schwefelsäure, daß er Handtücher, Servietten, Kleider verdarb. Nachdem er alle Gegenstände, die er geeignet fand, galvanisiert hatte, ließ er diese Beschäftigung liegen.

Jetzt im Sommer in der Einsamkeit warf er sich mit Ungestüm auf die Chemie. Aber er wollte nicht die Experimente machen, die im Lehrbuch standen: er wollte Entdeckungen machen! Alle Mittel fehlten ihm: Geld, Apparate; aber das hinderte ihn nicht. Seine Natur war nun derart und wurde es noch mehr nach dem Tode der Mutter, als er sein eigener Herr geworden, daß sich sein Wille durchsetzen mußte, trotz allem und allem. Spielte er Schach, plante er einen Anfall auf den König des Gegners; ging rücksichtslos darauflos, ohne auf seine Verteidigung zu achten; überrumpelte zuweilen den Gegner durch seine Rücksichtslosigkeit, verlor aber oft die Partie.

-- Hätte ich noch einen Zug gehabt, wärest du matt gewesen, sagte er.

-- Ja, aber diesen Zug hast du nicht mehr, darum bist +du+ matt.

Wollte er an eine Schublade und der Schlüssel war nicht zur Hand, nahm er die Feuergabel und brach das Schloß so auf, daß Schrauben und Schloß losgerissen wurden.

-- Warum hast du das Schloß entzweigemacht? fragte man.

-- Weil ich an die Schublade wollte!

Es war jedoch eine gewisse Beharrlichkeit in diesem Draufgängertum; aber nur solange die Raserei dauerte.

Er wollte sich eine Elektrisiermaschine machen. Oben auf dem Boden fand er einen Spinnrocken. Von dem brach er fort, was er nicht gebrauchen konnte, um nun das Rad durch eine runde Glasscheibe zu ersetzen. Er verfiel auf ein Innenfenster. Mit einem Quarzsplitter schnitt er die Scheibe aus. Nun sollte sie aber rund werden und ein Loch in der Mitte erhalten. Mit einem Schlüsselbart brach er Splitter nach Splitter ab, oft nicht größer als ein Sandkorn. Das nahm mehrere Tage in Anspruch. Rund wurde nun die Scheibe. Aber wie sollte er ein Loch hinein bekommen? Ein Loch in eine Glasscheibe. Er machte sich einen Drillbohrer. Für den Bügel brach er einen Regenschirm entzwei, um ein Fischbein zu bekommen, und nahm eine Geigensaite zum Strang. Dann ritzte er die Scheibe mit Quarz, befeuchtete sie mit Terpentin und drillte. Er merkte aber keinen Erfolg. Als er dem Ziel so nahe war, verlor er Geduld und Besinnung. Er wollte das Loch durch eine Sprengkohle erzwingen. Die Scheibe zersprang.

Da warf er sich auf sein Bett, machtlos, müde, hoffnungslos. In den Verdruß mischte sich auch das Gefühl der Armut. Hätte er nur Geld! Er ging oft an das Schaufenster von Spolander auf der Westlichen Langgasse, um sich die chemischen Apparate anzusehen. Er hätte gern gewußt, was sie kosteten, wagte aber nicht hineinzugehen und zu fragen. Was hätte das für einen Zweck gehabt? Er hätte ja doch kein Geld vom Vater erhalten.

Nachdem er sich von seinem Mißgeschick erholt hatte, wollte er machen, was noch niemand gemacht hat und niemand machen kann: ein Perpetuum mobile. Der Vater hatte erzählt, längst sei ein großer Preis auf die Erfindung des Unmöglichen ausgesetzt. Das war etwas, das ihn lockte. Er stellte einen Wasserfall, der eine Pumpe zog, mit einem Heronsbrunnen zusammen. Der Fall sollte die Pumpe in Gang setzen, die Pumpe sollte wieder das Wasser hochziehen, und der Heronsbrunnen dabei helfen. Er mußte auf den Boden gehen und eine Razzia abhalten. Nachdem er alle möglichen Dinge zerbrochen hatte, um Material zu sammeln, begann die Arbeit. Ein Kaffeekocher mußte eine Röhre hergeben, eine Sodawassermaschine gab das Sammelbecken, die Kommode gab Beschlag, der Sekretär Holz, ein Vogelbauer lieferte Eisendraht, eine Ampel wurde ein Becken und so weiter.

Der Tag war gekommen, als die Probe gemacht werden sollte. Da kommt das Hausfräulein und fragt, ob er mit den Geschwistern nach Mamas Grab gehen will. -- Nein, er habe nicht Zeit. -- Ob nun das böse Gewissen ihn bei der Arbeit störte oder ob er nervös war, genug: der Versuch mißlang. Da nahm er, ohne den Fehler gutmachen zu wollen, den ganzen seltsamen Apparat und zerschlug ihn an den Steinen des Kachelofens. Da lag das Werk, das so vielen nützlichen Dingen den Garaus gemacht hatte.

Später entdeckte man, wie er auf dem Boden gehaust hatte. Er bekam Schelte, machte sich aber nichts daraus.

Um sich für den Hohn, den er sich durch seine mißlungenen Versuche im Hause zugezogen hatte, zu entschädigen, machte er einige Knallgasexplosionen und fertigte eine Leidener Flasche an. Einer toten schwarzen Katze, die er auf dem Hügel der Sternwarte gefunden, zog er das Fell ab und trug es in seinem Taschentuch nach Hause.

Eines Nachts, als der älteste Bruder und er von einem Konzert nach Hause kamen, waren keine Streichhölzer zu finden, und sie wollten das Haus nicht wecken. Johan suchte Schwefelsäure und Zink hervor, stellte beim Schein der Gaslaterne Wasserstoffgas her, schlug Feuer mit dem Elektrophor und steckte die Lampe an. Damit war sein Ruf als „Chemiker‟ gemacht.

Er stellte auch Jönköpinger Streichhölzer nach dem Rezept der Technologie her. Deshalb war er sehr erstaunt, daß die Jönköpinger Streichhölzer später ein Patent erhielten; übrigens waren die bereits im Handel gewesen als Björneborger Wachsstreichhölzer.

Dann ließ er die Chemie wieder für einige Zeit liegen.

Vaters Bücherschrank enthielt eine kleine Sammlung, die jetzt zu Johans Verfügung stand. Da waren, außer den oben erwähnten chemischen und physikalischen Arbeiten: Gartenbücher, eine illustrierte Naturgeschichte, Meyers Universum, Handbuch für Mütter nebst Entbindungskunst, eine deutsche Anatomie mit Figuren, eine deutsche Geschichte Napoleons mit Stahlstichen, Wallins, Franzéns und Tegnérs Gedichte, Wallins Predigten, Blumauers Aeneis, Don Quichotte, Frau Carléns und Fredrika Bremers Romane, Deutsche Klassiker...

Außer den Indianerbüchern und Tausendundeiner Nacht hatte Johan noch keine Dichtungen gelesen. Er hatte in Romane hineingeblickt, sie aber langweilig gefunden, besonders weil sie keine Illustrationen hatten. Als jetzt aber die Chemie und alle andern Wirklichkeiten der Natur durchforscht waren, stattete er eines Tages dem Bücherschrank einen Besuch ab. Er blickte in die Gedichte hinein. Da fühlte er sich in der Luft schweben und wußte nicht, wo er zu Hause war. Er verstand sie nicht. Dann bekam er Fredrika Bremers „Schilderungen aus dem Alltagsleben‟ in die Hand. Daraus schlug ihm Familienklatsch und Tantenmoral entgegen, und er stellte sie zurück. Dann las er den „Jungfrauenturm‟. Das waren Erzählungen und Abenteuer. Die unglückliche Liebe rührte ihn. Aber wichtiger als alles war, daß er sich unter diesen erwachsenen Menschen erwachsen fühlte. Er verstand, was sie sprachen; er merkte, daß er kein Kind mehr war. Diese Erwachsenen waren ja seinesgleichen. Er war unglücklich verliebt gewesen, hatte gelitten, gekämpft, war aber im Gefängnis der Kindheit zurückgehalten worden. Und jetzt kam es ihm ganz zum Bewußtsein, daß seine Seele im Gefängnis lag. Sie war längst flügge gewesen, aber man hatte ihre Schwingen beschnitten und sie ins Bauer gesetzt.

Er suchte den Vater auf, um mit ihm zu sprechen wie mit einem Gleichaltrigen, aber der Vater verschloß sich und brütete auf seiner Trauer.

* * * * *

Im Herbst wurde Johan von neuem zurückgesetzt und aufgehalten. Er war reif für das eigentliche Gymnasium, wurde aber in der Schule zurückgehalten, weil er zu jung sei und reifen solle. Er raste. Zum zweiten Male riß man ihn am Rock zurück, als er laufen wollte. Er fühlte sich wie ein Omnibuspferd, das unaufhörlich anzieht und unaufhörlich zurückgehalten wird.

Das riß sein Nervenleben entzwei, erschlaffte seine Willenskraft, legte den Grund zu seiner künftigen Mutlosigkeit. Er wagte nie etwas recht lebhaft zu wünschen, denn er hatte oft gesehen, wie seine Wünsche vereitelt wurden. Er wollte sich der Arbeit hingeben, aber Arbeit half ja nicht: er war zu jung. Nein, die Schule war zu lang! Die zeigte das Ziel in der Ferne, setzte aber dem Läufer Schlagbäume. Er hatte ausgerechnet, daß er mit fünfzehn Jahren Student werden könne. Er wurde es erst mit achtzehn. Und in den letzten Jahren, als er den Ausgang aus dem Gefängnis so nahe sah, wurde ihm noch ein weiteres Strafjahr auferlegt, da die höchste Klasse zweijährig gemacht wurde.

Kindheit und Jugend waren für ihn recht qualvoll; er war des ganzen Lebens müde und suchte jetzt den Trost im Himmel.

6.

+Die Schule des Kreuzes.+

Die Trauer hat die glückliche Eigenschaft, sich selbst aufzuzehren. Sie stirbt Hungers. Da sie im wesentlichen ein Abbruch von Gewohnheiten ist, kann sie durch neue ersetzt werden. Da sie ein leerer Raum ist, wird der bald wieder gefüllt wie durch einen wirklichen horror vacui.

Eine zwanzigjährige Ehe war aufgelöst. Ein Kamerad im Kampfe gegen die Widrigkeiten des Lebens war gefallen; eine Gattin, an deren Seite ein Mann gelebt hatte, war dahingegangen und ließ einen Cölibatär zurück. Die Leiterin des Hauses hatte ihren Posten aufgegeben: alles geriet in Unordnung. Die kleinen schwarz gekleideten Kinder, die überall, in den Zimmern, im Garten, dunkle Flecken bildeten, hielten die Trauer am Leben. Der Vater glaubte, sie seien verlassen und schutzlos. Er kam von seiner Arbeit oft schon nachmittags heim und saß dann allein in der Lindenlaube an der Straße. Er hatte die älteste Tochter, die sieben Jahre alt war, auf dem Schoß, und die andern spielten zu seinen Füßen. Oft sah Johan den grauhaarigen Mann mit den hübschen traurigen Zügen dort in dem grünen Halblicht der Laube sitzen. Er konnte ihn nicht trösten und er suchte ihn nicht mehr auf. Er sah, daß der Vater weich sein konnte, was er nicht geglaubt hatte; sah, wie er die Tochter anstarrte, als suche er in den unbestimmten Gesichtslinien des Kindes die Züge der Toten. Dieses Bild sah er oft von seinem Fenster aus, zwischen den Stämmen der Bäume, in der langen Perspektive der Allee. Es machte ihn warm und erschütterte ihn; ihm wurde bange um den Vater, weil dieser nicht mehr derselbe war wie früher.

Sechs Monate waren vergangen, als der Vater eines Herbstabends mit einem fremden Herrn nach Hause kam. Es war ein alter Mann, der außerordentlich gemütlich aussah. Er scherzte gutmütig, war freundlich und artig gegen Kinder und Dienstboten; er hatte eine unwiderstehliche Art, die Menschen zum Lächeln zu bringen. Er wurde Rendant genannt, war ein Jugendfreund von Johans Vater; man hatte entdeckt, daß er im Hause nebenan wohnte. Die Alten sprachen von den Erinnerungen an ihre Kindheit. Da war ein Vorrat, der den leeren Raum füllen konnte. Zum ersten Male erweichten sich die erstarrten Züge des Vaters, wenn er von dem geistreichen und lustigen Mann zum Lächeln verlockt wurde. In einer Woche lachte er, und mit ihm die ganze Familie, wie nur die lachen können, die lange geweint haben. Der Rendant war ein Spaßmacher ersten Ranges; dazu spielte er Geige, Gitarre und sang Bellman. Neue Luft kam ins Haus, neue Anschauungen in die Menschen, die Trugbilder der Trauer verdunsteten. Der Rendant hatte auch Trauer gehabt: er hatte seine Braut verloren und war dann Junggeselle geblieben. Das Leben hatte ihm nicht gelächelt, aber er hatte die Sache mit dem Leben nie recht ernst genommen.

Dann kam Gustav heim von Paris; in Uniform, mengte französische Worte unter schwedische; war eine lebhafte Natur, hatte schnelle Gebärden. Der Vater empfing ihn mit einem Kuß auf die Stirn, und eine Wolke von Trauer zog vorbei, denn der Sohn war bei Mutters Tod nicht zu Hause gewesen. Dann aber wurde es wieder klar, und Leben kam ins Haus. Gustav trat ins Geschäft ein; jetzt hatte der Alte einen, mit dem er von dem sprechen konnte, was ihn interessierte.

An einem Abend spät im Herbst nach dem Essen, als der Rendant da war und alle zusammensaßen, stand der Vater auf und bat ums Wort. -- Meine Kinder und mein Jugendfreund, begann er. Dann verkündete er seine Absicht, seinen kleinen Kindern eine neue Mutter zu schenken. Er fügte hinzu, daß die Zeit der Leidenschaften für ihn vorbei sei, und daß nur das Interesse für die Kinder ihn zu dem Entschluß bestimmt habe, Fräulein X. zu seiner Ehefrau zu machen.

Es war das Hausfräulein.

Dies sagte er mit einem überlegenen Tone, als wolle er ausdrücken: das geht euch eigentlich nichts an; aber ihr müßt es doch erfahren!

Dann wurde das Fräulein gerufen, um die Glückwünsche entgegenzunehmen; die des Rendanten waren recht warm, aber die der drei Jünglinge sehr gemischt.

Zwei von ihnen hatten ein nicht ganz reines Gewissen; sie hatten sie heftig, aber unschuldig angebetet. Der dritte, Johan, hatte in letzter Zeit mit ihr auf dem Kriegsfuß gestanden. Wer am meisten verlegen war, ist nicht zu entscheiden.

Eine lange Pause entstand. Die Jünglinge prüften Herz und Niere, stellten ihr Konto auf, überlegten die Folgen dieses nicht erwarteten Ereignisses.

Johan muß sich zuerst in die neue Situation gefunden haben, denn er ging noch am selben Abend in die Kinderstube und trat direkt auf das Fräulein zu. Ihm wurde schwarz vor den Augen, als er diese kleine Rede hielt, die er in der Eile nach Art des Vaters zusammengestellt und auswendig gelernt hatte.

-- Da wir jetzt in ein ganz anderes Verhältnis zu einander kommen werden, so bitte ich Sie, Fräulein, das Vergangene zu vergessen und uns Freunde sein zu lassen.

Das war aufrichtig gemeint, klug gehandelt, hatte keinen Hintergedanken. Es war ein Abschluß der Vergangenheit und ein guter Wunsch für die Zukunft.

Am nächsten Mittag kam der Vater zu Johan in seine Kammer hinauf und dankte ihm für sein edles Benehmen gegen das Fräulein. Als Ausdruck seiner Freude überreichte er ihm ein kleines Geschenk, ein lange ersehntes sogar: einen chemischen Apparat.

Johan schämte sich, das Geschenk anzunehmen, und fand seine Handlung nicht edel. Die war eine natürliche Folge, sie war klug. Aber Vater und Fräulein wollten sie durchaus erhöhen und in ihr eine gute Vorbedeutung für ihr Liebesglück lesen. Sie mußten natürlich bald ihren Irrtum einsehen, der dann auf das Schuldkonto des Knaben gesetzt wurde.

Daß sich der Vater der Kinder wegen wieder verheiratete, daran war nicht zu zweifeln; daß er aber auch das junge Weib liebte, das ist sicher. Und warum sollte er nicht? Das ging niemanden etwas an. Aber die Erscheinung ist konstant: sowohl daß sich Witwer bald wieder verheiraten, wie schwer die Ehe auch gewesen sein mag; wie daß sie eine Untreue gegen die Verstorbene zu begehen glauben. Sterbende Gatten pflegen in der letzten Stunde am meisten von dem Gedanken gequält zu werden, daß der Überlebende sich wieder verheiraten könnte.

Die Brüder nahmen die Sache flott und beugten sich. Sie trieben den Vaterkultus wie Religion: glauben und nicht zweifeln. Sie hatten nie daran gedacht, daß die Vaterschaft nur eine zufällige Eigenschaft war, die jedem zufallen konnte.

Aber Johan zweifelte. Er geriet in endlose Erörterungen mit den Brüdern und griff den Vater an, weil er sich vor Ausgang des Trauerjahres verlobt hatte. Er beschwor den Schatten der Mutter, weissagte Unglück und Verderben, wurde zu Übertreibungen gereizt und ging weiter, als er wollte.

Das Argument der Brüder war: es geht uns nichts an, was Papa tut!

-- Es ist wahr, daß ihr nicht darüber urteilen dürft; aber angehen tut es euch sehr.

-- Wortklauber, sagten sie, denn sie wußten nicht, daß die Worte mehrere Werte haben können.

Eines Abends kurz darauf, als Johan von der Schule nach Hause kam, sah er, daß das Haus erleuchtet war und hörte Musik und Geplauder. Er ging auf das Zimmer und setzte sich hin, um zu arbeiten. Da kam das Hausmädchen: der Vater bitte ihn, hinunter zu kommen; es sei Besuch da.

-- Wer?

-- Die neuen Verwandten.

Er bat, einen schönen Gruß zu bestellen und zu sagen, er habe keine Zeit.

Dann kam ein Bruder herauf. Der schalt zuerst, bat dann aber. Des Alten wegen könne er wohl hinunter kommen, nur einen Augenblick, um guten Tag zu sagen. Er müsse sofort kommen.

-- Ja, ich will's mir überlegen.

Schließlich ging er hinunter; sah den Saal voller Damen und Herren: drei Tanten, eine neue Großmutter, ein Großvater, ein Oheim. Die Tanten waren junge Mädchen. Er machte mitten im Zimmer eine Verbeugung, artig aber steif.

Der Vater war böse, wollte es aber nicht zeigen. Er fragte Johan, ob er ein Glas Punsch nehmen wolle. Johan nahm es. Darauf fragte der Alte ironisch, ob er soviel für die Schule zu arbeiten habe. Ja, das habe er. Dann ging er wieder auf sein Zimmer hinauf.

Dort war es kalt und halbdunkel. Arbeiten konnte er kaum, da er von unten Musik und Tanz hörte. Die Köchin kam und rief zum Essen. Er wolle nichts haben. Hungrig und außer sich ging er im Zimmer auf und ab. Oft wollte er hinuntergehen, wo es warm, hell und fröhlich war; viele Male hatte er die Türklinke in der Hand; immer aber kehrte er wieder um. Er war schüchtern. Von Natur furchtsam vor den Menschen, war er während des Sommers, in dem er mit niemandem gesprochen hatte, noch wilder geworden. So ging er hungrig zu Bett und hielt sich für den unglücklichsten Menschen, den es geben konnte.

Am folgenden Tag kam der Vater auf sein Zimmer hinauf. Jetzt sagte er ihm, er sei falsch gewesen, als er damals das Fräulein um Verzeihung gebeten.

-- Um Verzeihung? Er hatte ja nichts begangen!

Jetzt aber wolle der Vater ihn beugen, wenn er sich auch noch so hart mache.

-- Versuch's nur, dachte Johan.

Die Versuche blieben eine Zeit lang aus; aber Johan stählte sich unterdessen, um ihnen zu begegnen.

* * * * *

Der Bruder saß oben auf der Kammer bei der Lampe und las. Johan fragte: Was liest du? Der Bruder zeigte den Titel auf dem Umschlag. Da stand in großen Frakturbuchstaben auf gelbem Umschlag der berüchtigte Titel: „Eines Jugendfreundes Warnung vor dem gefährlichsten Feinde der Jugend.‟

-- Hast du das gelesen? fragte Gustav.

Johan antwortete ja und zog sich zurück. Als Gustav mit dem Lesen fertig war, legte er das Buch in seine Schublade und ging hinunter. Johan öffnete die Schublade und nahm die unheimliche Schrift an sich. Die Augen liefen über die Seiten, ohne daß sie es wagten, haften zu bleiben. Die Knie klapperten, das Blut verschwand aus dem Gesicht, die Pulse froren. -- Er war also mit fünfundzwanzig Jahren zum Tode oder zum Wahnsinn verurteilt. Sein Rückgrat und sein Gehirn würden schrumpfen, sein Gesicht einem Totenkopf ähnlich werden, sein Haar ausfallen, die Hände zittern -- es war entsetzlich. Und das Heilmittel? Jesus! Aber Jesus konnte den Körper nicht heilen, nur die Seele. Der Körper war zum Tode verurteilt -- bei fünfundzwanzig Jahren -- blieb einem nur übrig, die Seele von ewiger Verdammnis zu retten.

Das war Dr. Kapffs berüchtigte Parteischrift, die so viele Jünglinge ins Irrenhaus gebracht hat, aus dem einzigen Grunde, um die Anzahl der protestantischen Jesuiten zu vermehren. Eine solche Schrift, so tief unsittlich, so schädlich, müßte wahrhaftig verfolgt, beschlagnahmt, verbrannt werden. Oder wenigstens durch aufgeklärte Gegenschriften unschädlich gemacht werden.

Eine solche gab es wirklich. Sie fiel später in Johans Hände, der dann alles tat, um sie zu verbreiten, denn sie war so selten. Sie hieß „Onkel Palles Rat an junge Sünder‟ und sollte von Medizinalrat Wistrand verfaßt sein. Es war ein herzliches Buch, das die Sache unbefangen auffaßte; aufmunternd zu den Knaben sprach; besonders betonte, daß man die Gefahren des Lasters übertrieben habe. Auch gab es praktische Ratschläge und gesundheitliche Anweisungen.