Part 6
Aber wie sollten Kinder, die nichts anderes sahen als eine Gesellschaft, in der das Schwerste unten lag und das Leichteste oben schwamm, umhin können, das, was unten lag, für schlechter zu halten? Aristokraten sind wir alle. Das ist allerdings zum Teil wahr, aber es ist dafür nicht gut, und wir müßten aufhören es zu sein. Die Unterklasse ist indessen in Wirklichkeit demokratischer als die Oberklasse: sie will nicht höher steigen, sondern nur auf ein Niveau kommen. Am liebsten möchte die Unterklasse das Gleichgewicht dadurch erreichen, daß sie das Niveau herabsetzt; dann braucht sie sich nicht bis zur Verzweiflung anzustrengen, um sich zu „erheben‟. Es gibt Aristokraten mit dem Namen Demokraten, die sich zu erheben suchen, um Druck ausüben zu können, aber sie sind bald durchschaut. Ein wahrer Demokrat möchte lieber das unberechtigt Erhöhte herabsetzen als sich „erheben‟. Man sagt von ihm, er wolle einen auf seinen niedrigen Standpunkt herabziehen. Der Ausdruck ist korrekt, hat aber eine falsche, häßliche Bedeutung erhalten.
Die Gesellschaft gehorcht dem Gesetz des Archimedes vom Gleichgewicht der Flüssigkeiten in zusammenhängenden Röhren. Beide Flächen streben danach, in die gleiche Lage zu kommen. Aber Gleichgewicht kann nur dadurch eintreten, daß die höhere Fläche sinkt; dadurch wird gleichzeitig die niedrige erhöht. Dahin strebt die Arbeit der modernen Gesellschaft. Und es kommt dahin! Sicher! Und dann wird es ruhig.
Da er jetzt keine körperliche Arbeit mehr zu Hause tat, wurde sein Leben ausschließlich ein inneres, unwirkliches Gedankenleben. Er las zu Hause alles, was er in die Hände bekam. An den freien Nachmittagen Mittwochs und Sonnabends saß der Elfjährige in Schlafrock und Rauchmütze, die er vom Vater bekommen, eine lange Pfeife im Munde, die Finger in die Ohren gebohrt, vertieft in irgendein Buch, am liebsten ein Indianerbuch. Er hatte bereits fünf verschiedene Robinsonaden gelesen und sich unglaublich an ihnen ergötzt.
Aber in Campes Bearbeitung hatte er, wie alle Kinder, die Moral übersprungen. Warum hassen alle Kinder Moralpredigten? Sind sie unmoralisch von Natur? Ja, antworten die neuen Moralisten, denn sie sind noch Tiere und erkennen den Gesellschaftsvertrag nicht an. Ja, aber die Moral tritt bei den Kindern auch nur mit Pflichten und keinen Rechten auf. Die Moral ist darum ungerecht gegen das Kind, und das Kind haßt die Ungerechtigkeit.
Neben der Lektüre hatte er ein Herbarium angelegt, eine Insektensammlung, eine Mineralsammlung; auch las er die Flora von Liljeblad, die er in Vaters Bücherschrank gefunden hatte. Dieses Buch liebte er mehr als die Schulbotanik; darin standen eine Menge kleiner Dinge über den Nutzen der Pflanzen, während das andere Buch nur von Staubfäden und Stempeln sprach.
Wenn die Brüder ihn mit Absicht in seiner Lektüre störten, konnte er auffahren und sie mit Schlägen bedrohen. Dann sagte man, er sei überstudiert.
Die Verbindung mit den Wirklichkeiten des Lebens löste er auf; lebte ein Scheinleben in fremden Ländern, in seinen Gedanken; war unzufrieden mit dem grauen einförmigen täglichen Dasein; mit seiner Umgebung, die ihm immer fremder wurde. Aber der Vater wollte nicht, daß er sich in seinen Phantasien verlor, deshalb gab er ihm kleine Aufträge, ließ ihn Zeitungen holen, schickte ihn zur Post. Johan hielt das für Eingriffe in seine persönlichen Rechte und tat es immer mit Mißvergnügen.
Es wird jetzt soviel über die Wahrheit und über „die Wahrheit sagen‟ gesprochen, als wäre das eine schwere Sache, die Lob verdiene. Wenn man vom Lob absieht, so ist es nicht ganz ohne, daß es schwierig ist, zu erfahren, wie sich etwas in Wirklichkeit verhält; denn das bedeutet ja die Wahrheit. Ein Mensch ist nicht immer der, für den sein Ruf ihn ausgibt; ja, eine ganze öffentliche Meinung kann falsch sein; hinter jedem Gedanken lauert eine Leidenschaft, jedes Urteil ist von einer Neigung gefärbt. Aber die Kunst, Sachverhalt von Neigung zu trennen, ist grenzenlos schwer; so konnten sechs Berichterstatter zu gleicher Zeit sechs verschiedene Farben auf dem Krönungsrock des Kaisers sehen. Neue Gedanken werden von unsern automatischen Gehirnen nicht gern angenommen; ältere Leute glauben nur an sich selbst; Ungebildete bilden sich ein, daß sie doch ihren eigenen Augen glauben können, obwohl es soviel Gesichtstäuschungen gibt.
In Johans Häuslichkeit wurde die Wahrheit verehrt.
-- Sprich immer die Wahrheit, was auch geschehen möge, wiederholte der Vater oft; dann erzählte er eine Geschichte von sich selber. Er hatte einmal einem Kunden versprochen, eine Ware an einem bestimmten Tage abzusenden. Er vergißt es, kann sich aber entschuldigen; denn als der wütende Kunde aufs Kontor kommt und ihn mit Schimpfworten überschüttet, antwortet der Vater damit, daß er demütig seine Vergeßlichkeit eingesteht, um Verzeihung bittet und sich bereit erklärt, den Verlust zu ersetzen. Moral: Der Kunde ist höchst erstaunt, reicht ihm die Hand, bezeugt seine Achtung. (Nebenbei: Kaufleute müssen nicht so hohe Forderungen an einander stellen!)
Der Vater hatte einen guten Kopf und als älterer Mann war er seiner Schlußfolgerungen sicher.
Johan, der niemals beschäftigungslos sein konnte, hatte eine Entdeckung gemacht: daß man sich den langen Weg nach und von der Schule vertreiben und zugleich reicher werden konnte. Er hatte einmal auf der trottoirlosen Holländerstraße eine Schraubenmutter gefunden. Die gefiel ihm, denn sie konnte an einer Schnur ein guter Schleuderstein werden. So ging er mitten auf der Straße und nahm alles Eisen auf, das er fand. Da die Straßen schlecht waren und übermütiges Fahren nicht verboten war, wurden die Wagen und Geräte sehr mißhandelt. Ein aufmerksamer Wanderer konnte sicher sein, jeden Tag einige Hufnägel, einen Bolzen und mindestens eine Schraubenmutter zu finden, manchmal auch ein Hufeisen. Johan liebte am meisten die Schraubenmuttern; die machte er zu seiner Spezialität. In wenigen Monaten hatte er wohl eine halbe Metze gesammelt.
Eines Abends spielt er damit, als der Vater ins Zimmer kommt.
-- Was hast du da? fragt der Vater und macht große Augen.
-- Das sind Schraubenmuttern, antwortet Johan sicher.
-- Woher hast du die?
-- Die habe ich gefunden.
-- Gefunden? Wo?
-- Auf der Straße.
-- An einer Stelle?
-- Nein, an vielen. Man geht mitten auf der Straße und sieht auf die Erde.
-- Nein, hör mal, das glaube ich nicht. Das lügst du. Komm, ich muß anders mit dir reden.
Die Rede wurde mit dem Rohrstock gehalten.
-- Willst du jetzt bekennen!
-- Ich habe sie auf der Straße gefunden.
Es wird geprügelt, bis er „bekennt‟.
Was sollte er bekennen? Der Schmerz und die Furcht, der Auftritt werde kein Ende nehmen, zwangen ihm diese Lüge ab:
-- Ich habe sie gestohlen.
-- Wo?
Nun wußte er nicht, wo eine Schraubenmutter am Wagen sitzt, aber er mutmaßte, sie sitzen unten.
-- Unter Karren.
-- Wo?
Die Phantasie rief einen Ort hervor, wo viele Karren standen.
-- Beim Bau gegenüber der Schmiedegasse.
Die genaue Bestimmung der Gasse machte die Sache wahrscheinlich. Der Alte glaubte jetzt sicher die Wahrheit erfahren zu haben. Und die Schlußfolgerungen begannen.
-- Wie konntest du sie mit den bloßen Fingern nehmen?
Daran hatte er nicht gedacht. Er sah den Werkzeugkasten des Vaters vor sich.
-- Mit einem Schraubenzieher.
Man kann Muttern nicht mit einem Schraubenzieher nehmen, aber die Phantasie des Vaters war einmal im Gang und ließ sich anführen.
-- Aber das ist ja furchtbar! Du bist ja ein Dieb! Wenn nun die Polizei gekommen wäre.
Johan dachte einen Augenblick, ihn mit der Erklärung zu beruhigen, es sei ja alles Lüge; aber die Aussicht, mehr Schläge zu kriegen und kein Abendbrot zu bekommen, hielt ihn zurück.
Als er sich am Abend niedergelegt hatte und die Mutter kam und ihn bat, sein Abendgebet zu sprechen, sagte er pathetisch und mit erhobener Hand:
-- Hol mich der Teufel, ich habe die Muttern nicht gestohlen.
Die Mutter sah ihn lange an; dann sagte sie:
-- Du mußt nicht so fluchen!
Die Körperstrafe hatte ihn gedemütigt, ihn gekränkt; er war böse auf Gott, Eltern und am meisten auf die Brüder, die nicht für seine Sache Zeugnis abgelegt, obwohl sie den Verlauf kannten. Er sprach kein Gebet an diesem Abend, aber er wünschte, es möge Feuer ausbrechen, ohne daß er anzustecken brauche. Und auch noch Dieb!
Seit diesem Abend war er verdächtig, oder richtiger, sein schlechter Ruf hatte sich befestigt. Lange wurde er damit gepeinigt, daß man ihn an diesen Diebstahl erinnerte, den er nicht begangen hatte.
* * * * *
Ein anderes Mal machte er sich selber der Lüge schuldig, aber durch eine Unachtsamkeit, die er lange nicht erklären konnte. (Wird Eltern zum Nachdenken empfohlen.) Ein Schulkamerad kommt mit seiner Schwester an einem Sonntagmorgen im Frühling zu ihnen und fragt, ob er mit in den Hagapark kommen wolle.
-- Ja, das möchte ich, aber ich muß erst Mama um Erlaubnis fragen. (Papa war fort.)
-- Dann beeile dich!
Ja, aber er muß dem Schulfreund erst sein Herbarium zeigen.
-- Wollen wir jetzt gehen?
-- Ja, aber ich muß erst Mama fragen.
Ein kleiner Bruder kommt und will mit dem Herbarium spielen. Der Unfug wird verhindert, jetzt aber soll der Besuch auch seine Mineralsammlung sehen.
Während der Zeit wechselt er seinen Kittel. Dann nimmt er ein Stückchen Brot aus dem Eßschrank. Die Mutter kommt und begrüßt die Kinder. Man spricht von dem einen und dem andern. Johan hat es eilig, bringt die Sachen hinein und führt seine Freunde in den Garten hinaus, um ihnen den Froschteich zu zeigen. Endlich gehen sie nach Haga. Er, ruhig in dem vollen Glauben, die Mutter um Erlaubnis gefragt zu haben.
Der Vater kommt nach Haus.
-- Wo bist du gewesen?
-- Ich bin mit den Freunden im Hagapark gewesen.
-- Hast du von Mama Erlaubnis gehabt?
-- Ja.
Die Mutter widerspricht. Johan verstummt vor Bestürzung.
-- So, du lügst?
Er ist sprachlos. Aber er war so sicher, daß er die Mutter um Erlaubnis gebeten hatte, um so mehr, als keine abschlägige Antwort zu befürchten war. Er war ja fest entschlossen gewesen, es zu tun, aber die Nebenumstände waren dazwischen gekommen; er hatte es vergessen und er wollte dafür sterben, daß er nicht log.
Kinder sind im allgemeinen zu ängstlich, um zu lügen; aber ihr Gedächtnis ist kurz, die Eindrücke wechseln so schnell; und sie verwechseln Wünsche und Entschlüsse mit vollzogenen Handlungen.
Lange lebte der Junge in dem Glauben, die Mutter habe gelogen. Als er später oftmals über das Vorkommnis nachdachte, glaubte er, sie habe die Sache vergessen oder seine Bitte nicht gehört. Viel, viel später begann er zu argwöhnen, daß sein Gedächtnis ihn vielleicht getäuscht habe. Aber er war berühmt wegen seines guten Gedächtnisses, und es handelte sich ja nur um zwei, drei Stunden Zwischenzeit.
Sein Argwohn, daß die Mutter nicht die Wahrheit gesprochen (und warum sollte sie nicht eine Unwahrheit sagen können, da Frauen ihre Halluzinationen so leicht mit Wirklichkeiten verwechseln?) wurde kurz darauf bestärkt. Die Familie hatte ein neues Möbelstück gekauft. Das war ein großes Ereignis! Die Knaben sollten gerade der Tante einen Besuch machen. Mutter wollte die Neuigkeit verheimlichen, um Tante bei deren nächstem Besuch überraschen zu können. Darum bat sie die Kinder, von dem Ereignis nicht zu sprechen.
Sie kamen zu Tante. Sie fragt sofort:
-- Hat Mama das gelbe Möbelstück gekauft?
Die Brüder schweigen, aber Johan antwortet fröhlich:
-- Nein!
Nach der Rückkehr werden sie beim Mittagtisch von Mutter gefragt:
-- Hat Tante nach dem Möbelstück gefragt?
-- Ja!
-- Was habt ihr geantwortet?
-- Ich habe nein gesagt, rief Johan.
-- Was, du bist so dreist, zu lügen, legt der Vater los.
-- Ja, Mama hat es gesagt, antwortet der Junge.
Die Mutter erbleicht und der Vater verstummt.
Es war ja eigentlich unschuldig, aber es war nicht so bedeutungslos in seinem Zusammenhang. Leise Zweifel an der Wahrheitsliebe der „andern‟ erwachten beim Kinde und eröffneten jetzt einen neuen Belagerungszustand von Gegenkritik.
Die Kälte gegen den Vater nimmt zu; er forscht jetzt nach Unterdrückung und macht trotz seiner Schwäche kleine Versuche, sich zu empören.
Jeden Sonntag wurden die Kinder in die Kirche befohlen, in der die Familie einen Kirchenstuhl besaß. Der sinnlos lange Gottesdienst und die unbegreiflichen Predigten hörten bald auf, Eindruck zu machen. Ehe man Heizung eingeführt hatte, war es eine vollständige Marter, im Winter zwei Stunden im Kirchenstuhl zu sitzen und an den Füßen zu frieren; aber man mußte doch dahin, ob fürs Heil der Seele oder der Ordnung halber oder um das Haus in Ruhe zu lassen, wer weiß. Vater selbst war eine Art Theist. Er las lieber die Predigten von Wallin, als daß er in die Kirche ging. Dafür neigte die Mutter zum Pietismus. Sie lief hinter Olin und Elmblad und Rosenius her und hatte Freundinnen, die den „Pietisten‟ und die „Taubenstimme‟ ins Haus brachten. Die „Taubenstimme‟ wurde von Johan untersucht: sie enthielt lustige Geschichten von den Missionären in China und Beschreibungen von Schiffbrüchen. Den „Pietisten‟ ließ er liegen: das war nur Dekokt von den Episteln des Neuen Testaments.
Eines Sonntags bekommt Johan, vielleicht infolge einer unvorsichtigen Bibelerklärung in der Schule, indem dort von der Freiheit der Geister gesprochen wird, den Einfall, nicht in die Kirche zu gehen. Er bleibt ganz einfach zu Hause. Mittags, ehe der Vater nach Hause kommt, erklärt Johan vor Geschwistern und Tanten, niemand könne das Gewissen eines andern zwingen; darum ginge er nicht in die Kirche. Er wurde für etwas sonderbar gehalten: darum entkam er dieses Mal der Schläge; wurde aber wieder in die Kirche geschickt.
* * * * *
Der Verkehr der Familie konnte außerhalb der Verwandtschaft nicht groß sein, weil die Ehe nicht nach Gesetz und Regel geschlossen worden. Aber Leidensgenossen suchen sich gegenseitig auf: so wurde der Verkehr mit einem der Jugendfreunde des Vaters unterhalten, der seine Geliebte geheiratet und deshalb von Eltern und Kameraden verstoßen worden war. Er war Jurist und Beamter. Bei ihm war eine dritte Familie zu treffen, auch aus dem Beamtenstand, mit demselben Eheschicksal. Die Kinder wußten natürlich nichts von dem Trauerspiel, das hier aufgeführt wurde. Alle Familien hatten Kinder, aber Johan fühlte sich nicht zu ihnen hingezogen. Seine Schüchternheit und Menschenfurcht hatte nach den Martergeschichten in Haus und Schule zugenommen; auch hatten die Übersiedlung nach der entlegenen Stadtgegend wie die Sommeraufenthalte auf dem Lande ihn verwildert. Er wollte nicht tanzen lernen; er fand die Knaben albern, die sich so vor den Mädchen brüsteten. Als die Mutter ihn bei einer Gelegenheit ermahnte, höflich gegen die Mädchen zu sein, fragte er: warum denn? Er war jetzt recht kritisch geworden und wollte immer wissen: warum?
Als man einst einen Ausflug ins Grüne machte, suchte er die Knaben zur Meuterei zu bewegen, da sie die Schals und Sonnenschirme der Mädchen trugen.
-- Warum sollen wir diese jungen Dinger bedienen? sagte er; aber die Knaben hörten nicht auf ihn.
Schließlich wurde er es so müde, mitzugehen, daß er sich krank stellte oder seinen Anzug im Teich naßmachte, damit er aus Strafe zu Hause bleiben mußte. Er war kein Kind mehr; darum war ihm nicht wohl unter den andern Kindern; aber die Älteren sahen in ihm nur ein Kind. So wurde er einsam.
* * * * *
Im Alter von zwölf Jahren wurde er eines Sommers nach einem neuen Küsterhaus in der Nähe von Mariefred am Mälarsee geschickt. Da waren viele Pensionäre, alle von sogenannter unehelicher Geburt. Da der Küster keine größeren Kenntnisse besaß, reichte sein Wissen nicht aus, Johans Aufgaben mit ihm durchzunehmen. Beim ersten Versuch in Geometrie fand der Lehrer Johan so bewandert, daß er am besten allein weiter arbeite. Da war er hoch! Er arbeitete allein weiter.
Der Küsterhof lag neben dem Park des Herrensitzes, und in dessen königlichen Umgebungen ging er spazieren, frei von Arbeit, frei von Aufsicht. Die Flügel wuchsen ihm und die Mannbarkeit näherte sich.
Durch erworbenes und vielleicht natürliches Schamgefühl hat man so lange die wichtige Frage der Mannbarkeit und der damit zusammenhängenden Erscheinungen verborgen gehalten. Schlechte Bücher von medizinischen Spekulanten und von Pietisten, die um jeden Preis Propaganda machen wollen; furchtsame oder unwissende Eltern haben, manche in guter Absicht, alles getan, um junge Sünder vom Weg der Untugend zu scheuchen. Spätere und aufgeklärtere Untersuchungen kenntnisreicher Ärzte haben sich wieder die Aufgabe gestellt, die Ursachen der Erscheinung zu suchen und vernünftige Heilmittel zu finden. Vor allem aber das Kind von der übertriebenen Furcht vor den Folgen zu befreien, weil es sich gezeigt hat, daß gerade Schreck und Gewissensqual die Ursache waren zu den verhältnismäßig wenigen Fällen von Wahnsinn und Selbstmord, die vorgekommen sind. Ferner hat man entdeckt, daß nicht das Laster selbst, sondern der unbefriedigte Trieb die krankhafte Erscheinung hervorruft. Ein neuer französischer Arzt ist so weit gegangen, die Handlung zu verteidigen, da sie der Natur nachhelfe, ohne Schaden zu tun. Das sei dahingestellt.
Tatsache ist indessen, daß gerade die Geisteskranken mit dieser schlechten Gewohnheit behaftet sind. Aber der Fehlschluß liegt darin, daß man Ursache und Wirkung verwechselt. Geisteskranke werden eingeschlossen: was sollen sie denn da machen? Bei Geisteskranken hat mit dem Erlöschen des Seelenlebens das vegetative und animalische Leben überhand genommen; darum sucht sich der Trieb, wie er kann, seine Befriedigung, ohne daran gehindert zu werden. Ein zweiter Fehlschluß: jeder Geisteskranke wird ausgeforscht, ob er schon einmal Hand an seinen Körper gelegt hat. Alle Geisteskranken haben es. Doch deshalb ist das noch nicht die Ursache der Krankheit; denn man weiß jetzt, daß viele Menschen einmal Hand an ihren Leib gelegt haben. Das wird aber geheim gehalten. Deshalb glauben eine Menge junger Sünder, allein das eingebildete Verbrechen zu begehen; glauben, daß die gestrengen Lehrer, die sie einschüchtern, unschuldig gelebt haben.
Andererseits kann nicht geleugnet werden, daß die Übertreibung Krankheiten zur Folge haben kann; dann ist es aber die Übertreibung, die sie verursacht hat. Und wird die schlechte Gewohnheit so lange fortgesetzt, daß die natürliche Art nicht zu ihrem Recht kommt, so entstehen eben dadurch Übelstände. Daß Widerwille gegen das andere Geschlecht die Folge werden soll, ist nicht wahr; denn lasterhafte Burschen sind später große Weiberhelden, gute Gatten, glückliche Väter geworden. Eigentümlich ist auch, daß die Frauen Unschuldigen nicht ihre Gunst gewähren.
Wie war es denn zugegangen? Auf die gewöhnlichste Art. Ein älterer Kamerad ging beim Baden mit dem Beispiel voran, und die jüngeren folgten. Ein Gefühl von Scham oder Sünde verspürte man nicht, und niemand machte ein Geheimnis daraus. (Diese in den Schulen oft vorkommende Unart hatte gerade zu dieser Zeit Aufsehen erregt, Untersuchungen zur Folge gehabt und war sogar öffentlich in der Presse besprochen worden. Man vergleiche unten Kapitel 8.) Die ganze Sache schien kaum einen Zusammenhang mit dem höheren Geschlechtsleben zu haben; denn in ein Mädchen war der Junge schon im Alter von acht Jahren verliebt gewesen, als der Trieb noch vollständig schlief.
Gleichzeitig bekam Johan Kenntnis davon, daß die Schulkinder des Dorfes im Walde mit einander zu verkehren pflegten, wenn sie aus der Schule kamen. Diese Kinder waren acht bis neun Jahre alt. Die Eltern bekamen Wind von der Sache, mischten sich aber nicht hinein. Dieser Zustand oder Übelstand soll eine Regel auf dem Lande sein; er müßte in Betracht gezogen werden, wenn man so übersicher über Laster und Anstiftung zum Laster schreibt.
Einen Wendepunkt im Seelenleben des Knaben bildete dieses Ereignis nicht; denn zum Grübler war er geboren, und zum Einsiedler machten ihn seine neuen Gedanken. Übrigens legte er das Laster bald ab, als ihm ein warnendes Buch in die Hand fiel. Da aber trat an die Stelle des Lasters ein Kampf gegen die Begierde, die er nicht besiegen konnte, weil sie ihn in der Form von Gaukelbildern während des Schlafs überfiel, wenn seine Kraft nicht zugegen war. Und nicht eher konnte er ruhigen Schlaf genießen, bis er im Alter von achtzehn Jahren den Verkehr mit dem andern Geschlecht begann.
* * * * *
Später im Sommer verliebte er sich in die Tochter des Inspektors, eine Zwangzigjährige, die nicht im Küsterhause verkehrte. Er kam nicht dazu, mit ihr zu sprechen; spähte aber ihre Wege aus und kam oft in die Nähe ihrer Wohnung. Das Ganze war eine stille Verehrung ihrer Schönheit, aus der Entfernung, ohne irgendwelche Begierde, ohne irgendeine Hoffnung. Die Neigung glich eher einer stillen Trauer und hätte sich vielleicht ebensogut auf eine andere gerichtet, wenn er mehrere Mädchen gekannt hätte. Es war eine Madonnenverehrung, die nichts begehrte; es müßte denn sein, ein großes Opfer zu bringen: am liebsten ein Ertrinken im See, aber in ihrer Gegenwart. Es war ein dunkles Gefühl davon, daß er nur ein halber Mensch sei, der nicht leben wollte, ohne sich durch die andere, „bessere‟, Hälfte ergänzt zu haben.
Der Kirchendienst wurde fortgesetzt, machte jetzt aber keinen besonderen Eindruck mehr. War nur langweilig.
Dieser Sommer war indessen sehr wichtig in seiner Entwicklung, weil er ihn vom Elternhaus löste. Keiner von den Brüdern war dabei. Keine Nabelschnur verband ihn mehr mit der Mutter. Das machte ihn reifer und härtete die Nerven ab; allerdings nicht sofort, denn gelegentlich, wenn er nicht froh war, packte ihn das Heimweh furchtbar. Dann erschien ihm die Mutter in dem alten verklärten Licht: huldvoll und beschützend, als Wärmequelle, als fürsorgliche Hand.
Anfang August kam ein Brief mit der Nachricht, der ältere Bruder Gustav werde nach Paris fahren, um dort in einem Pensionat die Sprache zu lernen und sich kaufmännisch auszubilden; vorher solle er einen Monat auf dem Lande zubringen und dort den Bruder ablösen. Der Gedanke an die nahende Trennung, der Glanz der großen Weltstadt, die Erinnerung an manche lustige Streiche, die Sehnsucht nach dem Elternhause, die Freude, einen seines Blutes wiederzusehen: alles vereinigte sich jetzt, um Johans Gefühle und Phantasie in Bewegung zu setzen. Während der Woche, in der er den Bruder erwartete, dichtete er ihn um zu einem Freunde, einem überlegenen Manne, zu dem er aufsah. Und Gustav war ihm als Mensch überlegen. Er war ein kühner frischer Jüngling, zwei Jahre älter als Johan, mit dunkeln, starken Zügen; grübelte nicht, sondern besaß ein tatkräftiges Temperament; war klug, konnte schweigen, wenn's nötig war; zuschlagen, wenn's darauf ankam; verstand zu wirtschaften und zu sparen. Er ist zu klug, meinte der träumende Johan. Die Aufgaben konnte er nicht, denn er schätzte sie gering, aber er verstand die Kunst des Lebens: fiel ab, wenn's nötig war; schritt ein, wenn's sein mußte; war niemals traurig.
Johan hatte ein Bedürfnis, jemanden zu verehren; in einem andern Stoff, als sein eigner schwacher Ton war, ein Bildwerk zu kneten, in das er seine schönen Wünsche legen konnte. Acht Tage lang übte er diese Kunst. Er traf Vorbereitungen zur Ankunft des Bruders, indem er ihn allen seinen Freunden aufs vorteilhafteste ausmalte, ihn dem Lehrer empfahl, Spielplätze mit kleinen Überraschungen aussuchte, bei der Badestelle ein Sprungbrett anbrachte...
Am Tage vor der Ankunft ging er in den Wald und pflückte Multbeeren und Blaubeeren, mit denen er den Gast erfreuen wollte. Darauf deckte er einen Tisch mit weißen Papierbogen. Auf die legte er die Beeren, immer eine gelbe und eine blaue, und in der Mitte ordnete er sie in Form eines großen G. Das Ganze wurde mit Blumen umgeben.