Der Sohn einer Magd

Part 5

Chapter 53,715 wordsPublic domain

Die Kirchenglocken schienen ihn zu verfolgen.

Auf dem Kirchhof spielte man zwischen den Gräbern, und die Kirche wurde ihm bald vertraut. Des Sonntags wurden alle Pensionäre aufs Orgelchor geschickt. Wenn der Küster das Kirchenlied begann, waren die Knaben an den Stimmen aufgestellt: bei einem Nicken des Meisters wurden alle Stimmen auf einmal ausgezogen und die Jugend brach los im Chor. Das machte immer eine große Wirkung auf die Gemeinde.

Indem er die heiligen Dinge aus der Nähe sah und selber mit dem Zubehör zum Kultus zu tun hatte, wurden die hohen Dinge ihm bald vertraut und seine Ehrfurcht verringerte sich. So erhob ihn das Abendmahl nicht mehr, als er am Abend vorher in der Küche des Küsters von dem heiligen Brot gegessen hatte; dort wurde es gebacken und mit einer Stanze gestempelt, auf die das Kruzifix graviert war. Die Knaben aßen es und nannten es Mundlack. Einmal wurde er nach dem Abendmahl zusammen mit den Kirchenvorstehern in die Sakristei geladen und bekam dort Wein zu trinken.

Trotzdem erwachte jetzt, nachdem er von der Mutter losgerissen worden und sich von unbekannten drohenden Mächten umgeben fühlte, ein starkes Bedürfnis, sich an einen Schutzgeist anzuschließen. Sein Abendgebet sprach er mit ziemlicher Andacht; morgens, wenn die Sonne schien und der Körper ausgeruht war, empfand er dieses Bedürfnis nicht.

Eines Tages, als die Kirche gelüftet wurde, liefen die Kinder hinein und spielten darin. In einem Anfall von Wildheit wurde der Altar gestürmt. Aber Johan, der zu weiteren Großtaten angestachelt wurde, stieg auf die Kanzel, kehrte das Stundenglas um und predigte aus der Bibel. Dieser Streich machte großes Glück.

Als er wieder herunter kam, lief er oben auf den Kirchenstühlen durch die ganze Kirche, ohne den Boden zu berühren. Als er an den ersten Kirchenstuhl beim Altar kam, der dem Grafen gehörte, trat er so heftig auf das Gesangbuchpult, daß es krachend zu Boden stürzte. Eine Panik entsteht; alle Kameraden eilen aus der Kirche. Allein stand er da, wie vernichtet.

Jetzt wäre er gern zur Mutter gestürzt, um seine Schuld zu bekennen und sie um Hilfe zu bitten. Aber sie war nicht da. Er erinnert sich an Gott. Fällt vorm Altar auf die Knie und betet das ganze Vaterunser. Stark und ruhig, als habe er einen Gedanken von oben bekommen, steht er vom Boden auf, untersucht den Kirchenstuhl, sieht, daß die Zapfen nicht abgebrochen sind; nimmt die Leiste, paßt Fugen und Zapfen ein; zieht einen Stiefel aus, um ihn als Hammer zu benutzen; und mit einigen wohlgezielten Schlägen ist das Pult in Ordnung gebracht. Er prüft sein Werk; es hält.

Verhältnismäßig ruhig verläßt er die Kirche. Wie einfach, dachte er jetzt. Er schämte sich, daß er das Vaterunser gebetet hatte. Warum schämte er sich? Vielleicht fühlte er dunkel, daß es in diesem wirren Komplex, der Seele heißt, eine Kraft gibt, die, in der Stunde der Not zur Selbstverteidigung aufgerufen, eine recht große Fähigkeit sich zu helfen besitzt. Daß er nicht glaubte, Gott habe ihm geholfen, ging daraus hervor, daß er nicht niederfiel und für die Hilfe dankte; und dieses unbestimmte Gefühl von Scham entstand wahrscheinlich daher, daß er einsah, er sei über den Fluß gegangen, um Wasser zu holen.

Das war aber nur ein vorübergehender Augenblick von Selbstgefühl. Er verblieb ungleich und wurde jetzt auch launenhaft. Laune, Kapuze, diables noirs, wie der Franzose sagt, ist eine noch nicht ganz erklärte Erscheinung. Das Opfer ist besessen: es will das eine, tut aber das Gegenteil; es leidet unter dem Verlangen, sich Böses zuzufügen, und genießt beinahe die Selbstquälerei. Es ist eine Seelenkrankheit, eine Krankheit des Willens; und ältere Psychologen wagten eine Erklärung, indem sie auf die Zweiheit im Gehirn hinwiesen; dessen beide Halbkugeln könnten unter gewissen Umständen selbständig wirken, jede für sich, und im Kampfe gegen einander. Doch hat man diese Erklärung verworfen. Die Doppelheit der Persönlichkeit haben viele beobachtet, und Goethe hat sie im „Faust‟ behandelt. Launenhafte Kinder, die „nicht wissen, was sie wollen‟, enden mit Weinen, in das sich die Nervenspannung auflöst. Sie „betteln um Schläge‟, sagt man auch; und eigentümlich ist, wie eine leichte Züchtigung bei solchen Gelegenheiten die Nerven ins Gleichgewicht bringt und dem Kinde beinahe willkommen zu sein scheint; es beruhigt sich sofort, ist versöhnlich, durchaus nicht bitter über die Strafe, die es nach seiner Ansicht ungerecht erlitten hat. Das Kind hat wirklich um Strafe als Medizin gebettelt.

Aber es gibt eine andere Art, die schwarzen Geister auszutreiben. Man nimmt das Kind in seine Arme, damit es den Magnetismus eines freundlichen Menschen fühlt, und es beruhigt sich. Diese Art ist besser als alle anderen.

Der Knabe hatte solche Anfälle. Wenn ein Vergnügen winkte, ein Ausflug zum Beispiel, um Beeren zu pflücken, bat er, zu Hause bleiben zu dürfen. Er wußte, er werde sich zu Hause sehr langweilen. Er wollte so gern mitgehen, aber er wollte vor allem zu Hause bleiben. Ein anderer Wille, stärker als seiner, befahl ihm, zu Hause zu bleiben. Je mehr man auf ihn einredete, desto fester wurde der Widerstand. Kam dann aber jemand, packte ihn scherzhaft beim Kragen und warf ihn auf den Leiterwagen, dann gehorchte er und war froh, daß er von dem unerklärlichen Willen befreit worden. Er gehorchte im allgemeinen gern und wollte niemals sich aufspielen oder befehlen. Er war von Geburt zu sehr Sklave; die Mutter hatte ihre ganze Jugend hindurch gedient und gehorcht und war als Kellnerin höflich gegen alle gewesen.

Eines Sonntags waren sie im Pfarrhaus. Da waren Mädchen. Er mochte sie gern, ihm war aber bange vor ihnen. Die große Kinderschar zog aus, um Erdbeeren zu pflücken. Einer schlug vor, man solle die Beeren zusammen tun und, wenn man nach Haus gekommen, in Zucker mit Löffeln essen. Johan pflückte fleißig und hielt die Übereinkunft, aß nicht eine Beere, sondern lieferte seinen Teil ehrlich ab. Er sah aber andere mogeln. Bei der Heimkehr werden die Beeren von der Tochter des Geistlichen ausgeteilt; die Kinderschar umdrängt das Mädchen und jeder bekommt seinen Löffel voll. Johan steht hinten; wird vergessen und bekommt keine Beere.

Übergangen! Mit Bitterkeit im Herzen geht er in den Garten hinaus und versteckt sich in einer Laube. Er fühlt sich als der Letzte, der Schlechteste. Jetzt aber weint er nicht, sondern fühlt etwas Hartes und Kaltes in sich aufsteigen, gleich einem Gerippe aus Stahl. Er beginnt die ganze Gesellschaft zu kritisieren und findet, daß er der Redlichste war, denn er hat draußen auf der Lichtung nicht eine Beere gegessen. Also -- da kam der Fehlschluß -- weil er besser als die anderen war, wurde er übergangen. Ergebnis: er hielt sich für besser als die anderen. Und es war ihm ein großer Genuß, daß er übergangen worden.

Er hatte auch eine Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen und sich abseits zu halten, so daß er übergangen wurde. Einmal brachte der Vater einen Pfirsich mit zum Abendtisch. Alle Kinder erhielten eine Scheibe von der seltenen Frucht, aber aus irgendeinem Grunde wurde Johan vergessen, ohne daß der sonst gerechte Vater es merkte. Der Knabe war so stolz darauf, daß er von neuem an sein hartes Schicksal erinnert worden, daß er später am Abend den Brüdern gegenüber damit prahlen mußte. Sie glaubten ihm nicht, für so unerhört fanden sie die Geschichte. Je unerhörter, desto besser!

Auch von Abneigungen wurde er gequält. Eines Sonntags kam ein Wagen voll Kinder auf den Küsterhof gefahren. Heraus stieg ein schwarzhaariger Knabe von tückischem, aber kühnem Aussehen. Johan lief bei seinem Anblick fort und versteckte sich auf dem Boden. Man suchte ihn auf, der Küster suchte ihn zu begütigen, aber er blieb in seinem Winkel sitzen und hörte zu, wie die Kinder spielten, bis der schwarze Junge wieder abfuhr.

Weder kalte Bäder, wilde Spiele, noch strenge Körperarbeit konnten seine schlaffen Nerven abhärten, die zuweilen einen Augenblick lang aufs äußerste gespannt werden konnten.

Er hatte ein gutes Gedächtnis, lernte ordentlich, am liebsten Wirklichkeiten wie Geographie und Naturwissenschaft. Arithmetik nahm er mit dem Gedächtnis auf, aber Geometrie haßte er. Eine Wissenschaft von Unwirklichkeiten beunruhigte ihn; erst später, als er ein Handbuch der Feldmessung erhielt und den praktischen Nutzen der Geometrie einsah, bekam er Lust zu dem Stoff: er maß Bäume und Häuser, schritt Gärten und Alleen ab, konstruierte Figuren aus Pappe.

Er war jetzt in seinem zehnten Jahr. War breitschulterig und braungebrannt; das Haar war blond und über einer krankhaft hohen und hervortretenden Stirn in die Höhe gekämmt. Diese Stirn veranlaßte die Verwandten zu manchem Gerede und zog ihm den Spitznamen „Professor‟ zu.

Er war nicht mehr Automat, sondern sammelte eigne Beobachtungen und zog Schlußfolgerungen; darum näherte er sich dem Zeitpunkt, da er sich von seiner Umgebung absondern und einsam werden mußte. Aber die Einsamkeit mußte für ihn eine Wüstenwanderung werden, denn er besaß keine genügend starke Persönlichkeit, um für sich gehen zu können. Seine Neigung für die Menschen blieb unbeantwortet, weil ihre Gedanken nicht mit den seinen gleichen Schritt hielten. Später mußte er sein Herz dem ersten besten anbieten, aber niemand wollte es annehmen, denn es war ihnen fremd; so mußte er sich in sich selber zurückziehen, verletzt, gedemütigt, übersehen, übergangen.

* * * * *

Der Sommer ging zu Ende und er fuhr nach Hause, da die Schule wieder begann. Doppelt traurig kam ihm jetzt das dunkle Haus am Klarakirchhof vor. Wenn er die lange Reihe von Zimmern sah, die in genau bestimmten Jahren durchlaufen werden mußten, ehe eine neue Reihe von Zimmern auf dem Gymnasium begann, fand er das Leben nicht gerade verlockend.

Gleichzeitig beginnt sich sein Selbstdenken gegen die Aufgaben zu empören. Die Folge werden schlechte Zeugnisse.

Ein Halbjahr später, nachdem er in der Rangordnung heruntergekommen, nimmt der Vater ihn aus der Klaraschule und bringt ihn in die Jakobischule. Zur selben Zeit bricht die Familie von der Nordzollstraße auf und zieht nach der Großen Graubergstraße beim Sabbatsberg.

4.

+Berührung mit der unteren Klasse.+

Christinenberg, so wollen wir das Vororthaus nennen, lag noch einsamer als das an der Nordzollstraße. Die Graubergstraße war nicht gepflastert. Stundenlang konnte man höchstens einen einsamen Wanderer sehen, und Wagenlärm war ein solches Ereignis, daß man ans Fenster gelockt wurde, um nachzusehen, was es gab. Das Haus lag in einem mit Bäumen bewachsenen Hofe und glich einer Pfarre auf dem Lande. War von Gärten und großen Tabakspflanzungen umgeben. Weite Felder mit Teichen erstreckten sich bis zum Sabbatsberg. Jetzt aber pachtete der Vater kein Land; die freie Zeit verging darum in Faulenzen. Die Spielkameraden waren jetzt armer Leute Kinder, die Jungen des Müllers und des Kuhhirten. Die Spielplätze waren besonders die Mühlenberge, und die Windmühlenflügel waren die Spielsachen.

Die Jakobischule war die Schule der armen Kinder. Hier kam er in Verkehr mit der unteren Klasse. Die Schulkameraden waren schlechter gekleidet, hatten wunde Nasen und häßliche Züge, rochen übel. Seine eigenen Lederhosen und Schmierstiefel machten hier keine schlechte Wirkung. Er fühlte sich ruhiger in dieser Umgebung, da sie ihm anstand; wurde vertraulicher zu diesen Kindern als zu den hochmütigen in der Klaraschule.

Aber viele von diesen Kindern waren groß im Lernen ihrer Aufgaben, und das Genie der Schule war ein Bauernjunge. Dagegen waren viele sogenannte „Strolche‟ in den unteren Klassen, und diese hörten gewöhnlich in der zweiten auf. Johan ging jetzt in die dritte Klasse und kam mit ihnen nicht in Berührung, und sie rührten niemals einen in einer höheren Klasse an.

Diese Kinder hatten gleichzeitig irgendein Gewerbe, hatten schwarze Hände, waren recht alt, bis zu vierzehn, fünfzehn Jahren. Viele von ihnen segelten im Sommer mit der Brigg Carl Johan und erschienen dann im Herbst in teerigen Leinwandhosen, mit Schmachtriemen und Messer. Sie schlugen sich mit Schornsteinfegern und Tabaksbindern, tranken einen Appetitschnaps in der Frühstückspause, besuchten Kneipen und Cafés. Unaufhörlichen Untersuchungen und Ausweisungen waren diese Knaben ausgesetzt und galten allgemein, aber sehr mit Unrecht, für schlechte Kinder. Viele von ihnen sind seitdem tüchtige Bürger geworden, und einer, der auf Carl Johan (der Strolchbrigg) gesegelt hat, endete später als Offizier bei der Garde. Er hat niemals von seiner Segelfahrt zu sprechen gewagt; wenn er aber die Wachtparade am Hafen vorbeiführt und die berüchtigte Brigg dort liegen sieht, überläuft ihn ein Schauder, sagt er.

Eines Tages traf Johan einen früheren Kameraden von der Klaraschule. Er suchte ihm auszuweichen. Der aber geht auf Johan zu und fragt ihn, in welche Schule er jetzt gehe.

-- So, du gehst in die Strolchschule, sagte der Kamerad.

Johan fühlte, daß er „heruntergekommen‟ war, aber er hatte es selbst gewünscht. Er stach durchaus nicht von den Kameraden ab, sondern fühlte sich bei ihnen zu Hause, mit ihnen verwandt; er gedieh hier besser als in der Klaraschule, denn hier drückte nichts von oben. Er wollte selber nicht in die Höhe steigen und irgendeinen unterdrücken, sondern er litt unter Druck von oben. Er wollte nicht hinauf, sondern hatte den Wunsch, daß es dort oben überhaupt niemand gebe. Aber es wurmte ihn doch, daß die alten Kameraden glaubten, er sei heruntergekommen. Und als er beim Schauturnen in die dunkle Schar der Jakobiner kam und den lichten Rotten der Klaristen mit ihren feinen Sommeranzügen und hellen Gesichtern gegenüberstand, da sah er den Klassenunterschied; fiel dann das Wort „Strolche‟ vom anderen Lager, dann war Krieg in der Luft. Zuweilen schlugen die beiden Schulen sich, aber Johan ging nie mit, Er wollte die alten Freunde nicht sehen und seine Erniedrigung nicht zeigen.

Der Prüfungstag bot in Jakob einen anderen Anblick als in Klara. Handwerker, dürftig gekleidete Mütter, herausgeputzte Speisewirtinnen, Fuhrleute, Schenkwirte bildeten die Zuschauer. Und die Rede, die der Schulvorsteher vor der Versammlung hielt, war etwas anderes als die heitere Blumenrede des Erzbischofs. Er las die Namen der Faulen (oder fürs Lernen schwach Begabten); schalt Eltern, weil ihre Kinder zu spät gekommen oder ausgeblieben waren. Der Saal hallte wider vom Weinen armer Mütter, die vielleicht diese leichterklärlichen Versäumnisse nicht verschuldet hatten. Jetzt glaubten sie in ihrer Einfalt, schlechte Söhne zu haben.

Dann kamen die Prämien. Es waren immer die Söhne wohlhabender Bürger, die sich ganz ihren Aufgaben hatten widmen können, die jetzt als Musterschüler begrüßt wurden.

Die Moral, die doch die Lehre von Pflichten und Rechten sein sollte, schließlich aber eine Lehre von den Pflichten unseres Nächsten gegen uns geworden ist, trat nur als eine große Gesetzsammlung von Pflichten auf. Noch hatte das Kind nicht von einem einzigen menschlichen Recht sprechen hören. Alles erhielt es aus Gnade: lebte aus Gnade, aß aus Gnade, durfte aus Gnade die Schule besuchen. Hier in der Schule der Armen verlangte man noch mehr von den Kindern: man verlangte von den Armen, daß sie heile Kleider hatten. Wo sollten sie die hernehmen? Man tadelte ihre Hände, weil sie durch Berührung von Teer und Pech schwarz geworden waren. Man verlangte Aufmerksamkeit, feines Benehmen, Höflichkeit -- also alles, was man nicht verlangen konnte. Der Schönheitssinn des Lehrers verführte ihn oft zu Ungerechtigkeiten.

Johan hatte einen Nebenmann, der nie gekämmt war, eine Wunde unter der Nase hatte, aus dessen Ohren ein übelriechender Fluß kam. Seine Hände waren unrein, seine Kleider fleckig und zerrissen. Selten konnte er seine Aufgaben, wurde immer getadelt und kriegte Schläge auf die Handfläche. Eines Tages wurde er von einem Kameraden beschuldigt, Ungeziefer in die Klasse verschleppt zu haben. Da wurde ihm ein besonderer Platz angewiesen; er war ausgestoßen. Er weinte bitter, o wie bitter. Dann blieb er aus. Johan wurde als derzeitiger Klassenkustos ausgeschickt, um ihn zu suchen. In der Totengräbergasse wohnte er. In einem Zimmer wohnte die Malerfamilie mit Großmutter und vielen kleinen Kindern. Georg, so hieß der Junge, hatte eine kleine Schwester auf dem Schoß, die verzweifelnd schrie. Die Großmutter hatte ein anderes Kind in ihren Armen. Vater und Mutter waren auf Arbeit gegangen, jeder an seine Stelle. In diesem Zimmer, das niemand aufräumte und das nicht aufgeräumt werden konnte, roch es nach den Schwefeldämpfen des Koks und dem Unrat der Kinderchen; hier wurden Kleider getrocknet, Essen bereitet, Ölfarbe gerieben, Kitt geknetet.

Hier lagen alle Motive zu Georgs Immoralität klar zutage. Aber, wendet immer ein Moralist ein, man ist nie so arm, daß man sich nicht heil und rein halten kann. Wie einfältig! Als ob Nähen (wenn man etwas Heiles zu nähen hat), Seife, Wäsche, Zeit nichts kosten! Heile Kleider haben, rein sein, sich satt essen können, ist wohl das Höchste, das der Arme erreichen zu können glaubt. Georg konnte es nicht und deshalb wurde er ausgestoßen.

Neuere Moralisten haben die Entdeckung zu machen geglaubt, daß die Unterklasse unmoralischer ist als die Oberklasse. Unter unmoralisch verstand man dieses Mal, daß sie soziale Verträge nicht so gut hält wie die Oberklasse. Das ist ein Irrtum, wenn nichts Schlimmeres. In allen Fällen, in denen die Unterklasse nicht von Not gezwungen wird, ist sie pflichttreuer als die Oberklasse. Sie ist auch barmherziger gegen ihresgleichen, milder gegen die Kinder, vor allem geduldiger. Wie lange hat sie nicht geduldet, daß ihre Arbeit von der Oberklasse benutzt wird, bis sie schließlich ungeduldig geworden ist!

Übrigens hat man immer die Moralgesetze so schwebend wie möglich halten wollen. Warum werden sie nicht in Schrift und Druck festgelegt wie das göttliche und das bürgerliche Gesetz? Vielleicht weil ein ehrlich geschriebenes Moralgesetz auch die Rechte des Menschen aufnehmen müßte.

* * * * *

Johan begann sich jetzt gegen die Aufgaben zu empören. Zu Hause las er alles Mögliche, aber die Aufgaben machte er nachlässig. Die vornehmsten Lehrfächer der Schule waren jetzt Latein und Griechisch. Die Methode des Unterrichts war sinnlos. Ein halbes Jahr brauchte man, um einen Feldherrn im Nepos zu übersetzen. Der Lehrer hatte eine Art, die Sache verwickelt zu machen; die bestand darin, daß der Schüler „die Konstruktionsordnung herausnehmen‟ sollte. Aber er erklärte nie, was das zu bedeuten hatte. Es bestand nämlich darin, daß man die Worte des Textes in einer gewissen Ordnung vorlas; aber in welcher, das sagte er nie. Mit der Übersetzung fiel sie nicht zusammen. Als der Knabe einige Versuche gemacht hatte, den Zusammenhang zu begreifen, aber nicht zur Klarheit kommen konnte, schwieg er. Er wurde halsstarrig, und als er zum Übersetzen aufgerufen wurde, schwieg er, obwohl er die Aufgabe konnte. Denn sobald er anfing, hagelte es Tadel: über den Tonfall der Worte, das Tempo, die Stimme.

-- Kannst du nicht? Verstehst du nicht? rief der Lehrer außer sich.

Der Knabe schwieg und blickte den Pedanten verächtlich an.

-- Bist du stumm?

Er schwieg. Jetzt war er zu alt, um Schläge zu bekommen, die man sich außerdem abzugewöhnen anfing. Und so mußte er sich setzen.

Er konnte den Text übersetzen, aber nicht auf die einzige Art, die der Lehrer wollte. Daß der Lehrer es nur auf eine einzige Art haben wollte, fand der Junge albern. Er hätte den ganzen Cornelius Nepos in wenigen Wochen durchgestürmt; dieses absichtliche, unvernünftige Kriechen, während man doch laufen konnte, drückte ihn nieder. Er sah keinen Sinn darin.

Dasselbe war in der Geschichtsstunde der Fall.

-- Nun, Johan, sagte der Lehrer ungefähr, erzähle uns jetzt, was du von Gustav dem Ersten weißt.

Der Knabe erhebt sich von seinem Platze, und zügellos kommen ihm die Gedanken ungefähr so:

-- Was ich von Gustav dem Ersten weiß? Oh, das ist sehr viel. Aber das wußte ich in der ersten Klasse schon (jetzt ist er in der vierten), und das weiß der Lehrer auch. Was hat es denn für einen Zweck, alles herzuplappern?

-- Ist das alles, was du weißt?

Er hat nicht ein Wort gesagt, und die Kameraden lachen. Jetzt wird er böse. Er versucht zu sprechen, aber die Worte bleiben ihm im Halse stecken. Womit soll er beginnen? Gustav war auf Lindholm in der Landschaft Roslagen geboren. Aber das wußte er ja vorher und der Lehrer auch. Wie dumm, das noch einmal wiederzukauen.

-- Du kannst also deine Aufgabe nicht? Du weißt gar nichts von Gustav dem Ersten?

Jetzt öffnet er den Mund und sagt kurz und bestimmt:

-- Doch, das kann ich gewiß!

-- So, du kannst es? Warum antwortest du denn nicht?

Er war der Ansicht, der Lehrer frage zu dumm; jetzt wollte er nicht antworten. Er ließ alle Gedanken an Gustav den Ersten fallen und dachte mit aller Gewalt an etwas anderes: an die Karten an der Wand, die Lampen an der Decke. Er machte sich taub.

-- Dann setz dich, da du deine Aufgabe nicht kannst, sagt der Lehrer.

Er setzt sich und läßt seinen Gedanken freien Lauf, nachdem er sich dafür entschieden, daß der Lehrer gelogen hat.

Es lag darin etwas von Sprachstörung, der Unfähigkeit oder Unlust zu sprechen. Diese Aphasie begleitete ihn lange durchs Leben, bis der Rückschlag kam in der Form von Schwatzhaftigkeit, der Unfähigkeit, den Mund zu halten; dem Trieb, alles auszusprechen, was der Gedanke erzeugte.

Die Naturwissenschaften lockten ihn. In den Stunden, in denen der Lehrer der Schulbotanik farbige Figuren von Pflanzen und Bäumen zeigte, schien ihm das dunkle Zimmer heller zu werden. Wenn der Lehrer aus Nilssons Fauna über das Leben der Tiere vorlas, dann lauschte er und merkte sich alles.

Aber der Vater sah, daß es mit den andern Lehrfächern schlecht ging. Besonders mit Latein. Aber Johan mußte Latein und Griechisch lernen. Warum? Er war wohl dazu ausersehen, Student zu werden. Der Vater stellte eine Untersuchung an. Als er vom Lateinlehrer hörte, der halte seinen Sohn für einen Idioten, muß das sein Selbstgefühl verletzt haben. Er beschloß, den Jungen aus der Schule herauszunehmen und in eine Privatlehranstalt zu geben, deren Methoden vernünftiger waren. Ja, der Vater war so gereizt, daß er sich zu der Vertraulichkeit herabließ, Johans Verstand zu loben und zum ersten Male etwas Böses über seinen Lehrer zu sagen.

Indessen hatte diese Berührung mit den ärmeren Klassen bei Johan einen deutlichen Unwillen gegen die höheren erzeugt. In der Jakobischule herrschte ein demokratischer Geist: die Gleichalterigen fühlten sich immer auf gleicher Höhe mit einander. Keiner entzog sich des andern Gesellschaft aus andern Gründen als persönlicher Abneigung. In Klara gab es Kastenunterschied und Geburtsunterschied. In Jakob hätte Vermögen eine Aristokratie bilden können, aber es gab keine Vermögenden. Und die ganz Armen wurden von den Kameraden mit Teilnahme behandelt, ohne Herablassung, wenn auch der dekorierte Schulvorsteher und die akademisch gebildeten Lehrer Widerwillen gegen die Elenden zeigten.

Johan fühlte sich mit den Kameraden solidarisch und verwandt, war ihnen wohlgesinnt, empfand aber Scheu vor den Höheren. So wich er den großen Straßen aus. Ging immer die traurige Holländerstraße oder die arme Badestubenstraße.

Aber die Kameraden lehrten ihn die Bauern geringschätzen, die hier ihre Quartiere hatten. Das war Städteraristokratismus, den auch das unbedeutendste Stadtkind, wie arm es sein mag, eingesogen hat. Diese eckigen Figuren in grauen Röcken, die auf Milchkarren und Heufuhren saßen, wurden als lächerliche Menschen behandelt, untergeordnete Wesen, die man ungestraft mit Schneebällen bewerfen konnte. Sich an deren Schlitten anhängen, galt für ein selbstverständliches Vorrecht. Sie anschreien, das Wagenrad drehe sich rund, und sie dazu bringen, sich das Wunder anzusehen, war ein ständiger Witz.