Der Sohn einer Magd

Part 4

Chapter 43,732 wordsPublic domain

Eine qualvolle Weile vergeht. Dann ist ein starkes Geschrei aus der zweiten Klasse zu hören und die Hiebe eines Rohrstockes fallen dicht. Das ist der Rektor, der an den Zuspätkommenden seine Pflicht tut oder sich Bewegung macht. Johan beginnt zu weinen und zittert am ganzen Körper. Nicht vor dem Schmerz, sondern vor der Schande, übergelegt zu werden wie ein Schlachttier oder ein Missetäter.

Da wird die Tür geöffnet. Er fährt auf. Aber es ist die Aufwärterin, welche die Lampe putzen will.

-- Guten Tag, Johan, sagt sie. Bist du zu spät gekommen? Du bist doch sonst so ordentlich! Wie geht's Hanna?

Johan antwortet, daß es Hanna gut geht, und daß es auf der Nordzollstraße sehr geschneit hat.

-- Seid ihr nach der Nordzollstraße gezogen?

Jetzt wird wieder die Tür geöffnet und der Rektor kommt herein.

-- Nun, du?

-- Sie dürfen nicht unfreundlich gegen Johan sein, Herr Rektor; er wohnt auf der Nordzollstraße.

-- Still, Karin, gehen Sie, sagt der Rektor.

-- So, du wohnst auf der Nordzollstraße? Das ist allerdings weit. Aber du mußt doch rechtzeitig hier sein!

Damit ging er.

Karins Verdienst war es, daß er keine Schläge bekam. Es war das Verdienst des Schicksals, daß Hanna beim Rektor mit Karin zusammen gedient hatte. Es war die Macht der Beziehungen, die ihn von einer Ungerechtigkeit rettete.

* * * * *

Und dann die Schule mit ihrem Unterricht! Ist nicht genug geschrieben über Latein und Rohrstock? Vielleicht! Denn er übersprang später alle Stellen in Büchern, die von Schulerinnerungen handelten; er las keine Bücher, die dieses Thema behandelten. Seine schwersten Träume, die er als Erwachsener hatte, wenn er abends etwas Schweres gegessen oder einen ungewöhnlich kummervollen Tag gehabt, bestanden dann, daß er sich in der Klaraschule befand.

Nun verhält es sich so, daß der Schüler eine ebenso einseitige Vorstellung vom Lehrer bekommt wie die Kinder von den Eltern. Der erste Klassenlehrer, den er hatte, sah aus wie der Menschenfresser in dem Märchen vom Däumling. Er schlug stets und sagte, er würde die Kinder so hauen, daß sie am Boden kriechen sollten; er würde sie kurz und klein hauen, wenn sie ihre Aufgabe nicht könnten.

Er war indessen nicht so schlimm, denn als er Stockholm verließ, überreichten Johan und seine Kameraden ihm ein Album; ja, der Lehrer war recht beliebt, galt für eine alte ehrliche Haut. Der Mann endete als Landwirt und Held eines Idylls.

Ein anderer galt für ein Ungeheuer an Bosheit. Er schien wirklich aus Neigung zu schlagen. -- Hol den Rohrstock, so begann er die Stunde, in der er darauf ausging, so viele wie möglich dabei zu ertappen, daß sie ihre Aufgabe nicht gelernt hatten. Sein Ende war, daß er sich nach einem scharfen Zeitungsartikel aufhing.

Als Johan aber Student war, hatte er ihn ein halbes Jahr vor seinem Tode im Walde der Eulenbucht getroffen und war gerührt worden, als sich der alte Lehrer über die Undankbarkeit der Welt beklagte. Er hatte vor einem Jahre von einem früheren Schüler aus Australien einen Kasten Steine als Weihnachtsgeschenk empfangen. Kameraden des grimmigen Lehrers sprachen auch von ihm wie von einem wohlwollenden Narren, den sie zu hänseln pflegten.

So viele Gesichtspunkte, so viele Urteile! Aber noch heute können alte Klaristen nicht zusammentreffen, ohne sich mit Entsetzen und Haß über die größte Unbarmherzigkeit auszusprechen, die sich je in Menschengestalt offenbart habe, wenn sie auch alle anerkennen, daß er ein ausgezeichneter Lehrer war.

Sie wußten es wohl nicht besser, waren so erzogen, die Alten; und wir, die ja alles verstehen wollen, sind wohl auch verpflichtet, alles zu verzeihen.

Das hinderte nicht, daß die Schulzeit, die erste, als eine Lehrzeit für die Hölle und nicht fürs Leben galt; daß die Lehrer dazusein schienen, um zu quälen, nicht um zu strafen; daß das ganze Leben wie ein schwerer drückender Alp Tag und Nacht auf einem lag; es half ja nicht, daß man seine Aufgaben konnte, wenn man von Hause fortging. Das Leben war eine Strafanstalt für Verbrechen, die man begangen hatte, ehe man geboren war; darum lief das Kind fortwährend mit einem bösen Gewissen herum.

Aber Johan lernte auch etwas fürs Leben.

Klara war eine Schule für Kinder besserer Leute, denn die Gemeinde war reich. Johan hatte Lederhosen und Schmierstiefel, die nach Tran und Wichse rochen. Man saß deshalb nicht gern neben ihm, wenn man eine Samtbluse anhatte.

Er beobachtete auch, daß die, welche arm gekleidet waren, mehr Schläge kriegten, als die, welche gut gekleidet waren; ja die hübschen Knaben gingen ganz frei aus. Hätte er damals Seelenkunde und die Lehre vom Schönen gelernt, hätte er diese Erscheinung verstanden; nun verstand er sie nicht.

Der Prüfungstag hinterließ eine schöne, unvergeßliche Erinnerung. Die alten schwarzen Zimmer waren frisch gescheuert; die Kinder hatten ihre Feiertagskleider an; der Rohrstock war fortgelegt; alle Hinrichtungen ausgesetzt. Es wär ein Tag des Jubels und Klanges, da man in diese Marterkammern eintreten konnte, ohne zu zittern. Die Rangordnung, die in der Klasse am Morgen vorgenommen wurde, bereitete einige Überraschungen; die Heruntergekommenen stellten Vergleiche und Betrachtungen an, die nicht immer schmeichelhaft für das Urteil der Lehrer ausfielen. Die Zeugnisse wurden für ziemlich summarisch gehalten; mußten es aber wohl sein. Doch die Ferien winkten: bald würde alles vergessen sein. Bei der Schlußfeier dankte der Erzbischof den Lehrern, aber die Schüler wurden getadelt und ermahnt. Doch machte die Anwesenheit der Eltern, besonders der Mütter, die kalten Zimmer warm. Ein unwillkürlicher Seufzer: warum kann es nicht immer so friedlich sein wie heute? entrang sich den Lippen der Kinder.

Zum Teil sind die Seufzer erhört worden; die Jugend sieht jetzt nicht mehr in der Schule eine Strafanstalt, wenn sie auch noch keinen rechten Sinn in dem vielen überflüssigen Lernen sehen kann.

Johan war kein Licht in der Schule, aber auch kein Taugenichts. Da er infolge seiner früheren Kenntnisse durch Erlaß in die Lehranstalt eingetreten war, als er das erforderliche Alter noch nicht erreicht hatte, war er immer der Jüngste. Als er aber nach der zweiten Klasse versetzt werden sollte, wurde er, trotzdem sein Zeugnis durchaus genügte, ein Jahr in der Klasse zurückgehalten, um zu reifen. Das war ein schwerer Rückschlag in seiner Entwicklung. Seine ungeduldige Laune litt darunter, daß er ein ganzes Jahr die alten Aufgaben noch einmal lernen mußte. Zwar hatte er viel freie Zeit, aber seine Lust zum Lernen ließ nach; auch fühlte er sich übergangen. Zu Hause war er der Jüngste, in der Schule auch, aber nur an Jahren, denn der Verstand war älter.

Der Vater schien seine Lust zum Lernen bemerkt zu haben und ihn zum Studenten machen zu wollen. Er nahm seine Aufgaben durch, denn er besaß Elementarbildung. Als aber einmal der Achtjährige mit seiner lateinischen Übersetzung kam und um Hilfe bat, mußte der Vater eingestehen, daß er nicht Latein könne. Das Kind fühlte die Überlegenheit, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Vater sie auch anerkannte. Der ältere Bruder, der gleichzeitig mit Johan in der Klaraschule angefangen hatte, wurde schleunigst herausgenommen, weil Johan eines Tages dem Älteren die Aufgabe zeigte. Es war unverständig vom Lehrer, es soweit kommen zu lassen, und klug vom Vater, das Mißverhältnis zu berichtigen.

Die Mutter war stolz auf das Wissen des Sohnes und prahlte damit ihren Freundinnen gegenüber. In der Familie spukte oft das Wort Student. Bei dem Studentenkongreß zu Anfang der fünfziger Jahre war die Stadt von weißen Mützen überschwemmt.

-- Wenn du erst eine weiße Mütze bekommst! sagte die Mutter.

Als Studentenkonzerte abgehalten wurden, sprach man mehrere Tage davon. Bekannte aus Upsala kamen auch zuweilen nach Stockholm und sprachen immer von dem frohen Leben, das der Student führe. Ein Kindermädchen, das in Upsala gedient hatte, nannte Johan den Studenten.

* * * * *

Mitten in dem furchtbaren Geheimnisvollen des Schullebens, in dem das Kind niemals einen ursächlichen Zusammenhang zwischen lateinischer Grammatik und dem Leben finden konnte, tauchte etwas neues Geheimnisvolles auf, um nach einer kurzen Zeit wieder zu verschwinden.

Die neunjährige Tochter des Rektors wohnte den französischen Stunden bei. Sie wurde mit Absicht auf die hinterste Bank gesetzt, damit sie nicht gesehen werden sollte; und sich auf dem Platz umzudrehen, war ein grobes Verbrechen. Sie war indessen im Zimmer und wurde wahrgenommen. Das körperliche Geschlechtsleben des Knaben war noch nicht erwacht, aber er, wie wahrscheinlich die ganze Klasse, verliebte sich. Die Aufgaben in den Stunden, denen sie beiwohnte, gingen immer gut; der Ehrgeiz war geweckt; niemand wollte in ihrer Gegenwart geprügelt oder gedemütigt werden. Sie war allerdings häßlich, aber sie war fein gekleidet. Ihre Stimme klang weicher als die der Knaben, die Stimmwechsel hatten, und des Lehrers gestrenges Gesicht lächelte, wenn er zu ihr sprach. Wenn er ihren Namen aufrief, wie schön der klang! Und ein Vorname unter all diesen Familiennamen!

Johans Liebe äußerte sich in einer stillen Traurigkeit. Er konnte nicht mit ihr sprechen, und würde es auch nicht gewagt haben. Er fürchtete sie und sehnte sich nach ihr. Wenn aber jemand ihn gefragt hätte, was er von ihr wolle, hätte er es nicht sagen können. Er wollte nichts von ihr. Sie küssen? Nein, man küßte sich in seiner Familie nicht. Sie anfassen? Nein! Viel weniger also sie besitzen. Besitzen? Was sollte er mit ihr machen? Er fühlte, daß er an einem Geheimnis trug. Das quälte ihn so, daß er litt, und sein ganzes Leben dunkel wurde. Eines Tages nahm er zu Hause ein Messer und sagte: ich schneide mir den Hals ab. Die Mutter glaubte, er sei krank. Was es war, konnte er nicht sagen. Er war damals etwa neun Jahre alt.

Wären es nun ebensoviel Mädchen wie Knaben in der Schule gewesen, und in allen Stunden, wären wahrscheinlich kleine unschuldige Freundschaftsverbindungen entstanden; die Elektrizitäten wären abgeleitet worden, die Madonnenverehrung auf ihr richtiges Maß herabgesetzt, unrichtige Begriffe vom Weib hätten nicht ihn und seine Kameraden durchs Leben begleitet.

* * * * *

Des Vaters beschauliche Natur, seine Menschenscheu nach den Niederlagen; der Verruf, in den er bei der Gesellschaft durch seine anfangs ungesetzliche Verbindung mit der Mutter geraten war, all das hatte ihn dazu gebracht, sich nach der Nordzollstraße zurückzuziehen. Da hatte er ein Vorstadthaus mit einem großen Garten gemietet, mit ausgedehnten Kuhweiden, mit Pferdestall, Viehstall, Gewächshaus. Er hatte immer das Land geliebt und gern das Feld bestellt. Früher hatte er einmal ein kleines Gut vor der Stadt gemietet, hatte es aber nicht bewirtschaften können. Jetzt wollte er einen Garten haben, vielleicht sowohl für sich selbst wie für die Kinder; diese bekamen nun eine Erziehung, die etwas an die von Rousseaus Emile erinnerte.

Durch lange Bretterzäune war das Grundstück von den benachbarten getrennt. Die Nordzollstraße war eine Baumallee, die noch keine gepflasterten Bürgersteige hatte und wenig bebaut war. Sie wurde meist von Bauern und Milchwagen befahren, die nach und von dem Heumarkt kamen. Leichenwagen, die zum Neuen Kirchhof hinauszogen; Schlittenpartien nach der Brunnenbucht; junge Leute, die nach den Wirtshäusern vor der Stadt fuhren: das war der weitere Verkehr.

Der Garten, der das kleine einstöckige Haus umgab, war groß. Lange Alleen mit wenigstens hundert Apfelbäumen und unzähligen Beerenbüschen kreuzten sich. Dichte Lauben aus Flieder und Jasmin waren hier und dort angepflanzt, und in einer Ecke stand noch eine gewaltige alte Eiche. Da war es schattig, geräumig und gerade so weit verfallen, daß es stimmungsvoll war. Östlich vom Garten erhob sich ein Hügelzug, der mit Ahorn, Birke, Eberesche bewachsen war. Ganz oben stand ein Tempel aus dem vorigen Jahrhundert. Die andere Seite des Hügelzugs war zwar hier und dort nach Kies angegraben, der sich nicht als ergiebig erwiesen, bot jedoch schöne Partien von Tälchen mit Faulbeerbäumen und Gesträuchen aus Weiden und Dornbusch. Von dieser Seite sah man weder Haus noch Straße. Nur wenige vereinzelte Häuser waren weit entfernt zu sehen, dagegen Tabakscheunen und Gärten in Unendlichkeit.

Man sollte also das ganze Jahr über auf Sommerfrische wohnen, und dagegen hatten die Kinder nichts einzuwenden. Jetzt konnte Johan aus nächster Nähe die Geheimnisse und Schönheiten des Pflanzenlebens sehen und entdecken; und der erste Frühling war eine wunderbare Zeit der Überraschungen.

Wenn die frisch umgegrabene Erde mit ihrer tiefen Schwärze unter dem weißen und hellroten Sonnenzelt der Apfelbäume lag, wenn die Tulpen in ihren orientalischen Farben leuchteten, da war es für ihn feierlich im Garten; feierlicher als bei der Prüfung und in der Kirche, den Weihnachtsgottesdienst nicht ausgenommen.

Die Folge war, daß das körperliche Leben sich beschleunigte. Die Knaben wurden in die Bäume hinauf geschickt, um das Moos von den Ästen zu kratzen; sie reinigten die Beete von Unkraut; schaufelten Wege, begossen und harkten. Der Viehstall war von einer Kuh bevölkert, die kalbte. Der Heuboden wurde zur Schwimmschule, indem man von den Balken herabsprang; das Pferd im Stall wurde zur Tränke geritten.

Die Spiele auf dem Hügelzug wurden wild; Steinblöcke wurden hinabgerollt, Baumwipfel geentert, Streifzüge unternommen.

Die Wälder und Gebüsche des Hagaparkes wurden durchsucht; in den Ruinen stieg man auf junge Bäume und fing Fledermäuse; die eßbaren Eigenschaften von Sauerklee und Engelsüß wurden entdeckt; Vogelnester geplündert. Bald wurde auch das Pulver erfunden, nachdem man Pfeil und Bogen abgelegt, und zu Hause auf den Hügeln wurden bald Kramtsvögel geschossen.

Die Folge war eine gewisse Verwilderung. Die Schule wurde immer widriger und die Straßen der Stadt immer unangenehmer.

Zu gleicher Zeit begannen die Jugendbücher die Rückkehr zur Natur zu fördern. Robinson war epochemachend, und Die Entdeckung Amerikas, Der Skalpjäger und andere weckten einen aufrichtigen Ekel vor den Schulbüchern.

Die Wildheit nahm während der langen Sommerferien so zu, daß die Mutter die unbändigen Knaben nicht mehr lenken konnte. Sie wurden zuerst versuchsweise in die Schwimmschule nach dem Ritterholm geschickt, aber der halbe Tag wurde unterwegs auf den Straßen verbracht. Schließlich faßte der Vater den Entschluß, die drei ältesten auf dem Lande in Pension zu geben; den Rest vom Sommer sollten sie dort bleiben.

3.

+Fort von Hause.+

Er steht auf dem Vorderdeck eines Dampfers, der mitten auf dem Inselmeer dahinfährt. Es ist während der Fahrt so viel zu sehen gewesen, daß er keine Langeweile empfunden hat. Jetzt aber ist es Nachmittag, der immer etwas Trauriges hat wie das erste Alter; die Schatten der Sonne fallen so neu und verändern alles, ohne wie die Nacht alles zu verbergen. Er beginnt etwas zu vermissen. Er hat ein Gefühl von Leere; er fühlt sich verlassen; glaubt etwas abgebrochen zu haben. Er will nach Hause; und die Verzweiflung, daß er das nicht sofort kann, erfaßt ihn so, daß er sich entsetzt und weint. Als die Brüder ihn fragen, warum er weine, antwortet er, er wolle nach Hause zu Mama. Sie lachen ihn aus. Jetzt aber taucht das Bild der Mutter auf. Ernst, milde, lächelnd erscheint sie ihm. Hört ihre letzten Worte beim Dampfer: Sei gehorsam und höflich gegen alle Menschen, achte auf deinen Anzug und vergiß nicht dein Abendgebet. Er denkt daran, wie ungehorsam er gegen sie gewesen ist, und er fragt sich, ob sie krank ist. Ihr Bild steigt auf, gereinigt, verklärt, und zieht ihn an mit den niemals reißenden Fäden der Sehnsucht. Diese Sehnsucht nach der Mutter begleitete ihn durchs ganze Leben. War er zu früh zur Welt gekommen? War er nicht ausgetragen worden? Was hielt ihn so mit der Mutter verbunden?

Darauf erhielt er nie eine Antwort, weder in den Büchern noch im Leben; aber die Tatsache blieb bestehen: er wurde nie er selbst, nie ein abgeschlossenes Individuum. Er blieb eine Mistel, die nicht wachsen konnte, ohne von einem Baum getragen zu werden; er wurde eine Kletterpflanze, die eine Stütze suchen mußte. Er war von Natur schwächlich und furchtsam; er übte sich in allen männlichen Sportarten, war ein guter Turner, ritt auf fliegendem Pferd, führte alle Arten Waffen, schwamm und segelte: aber nur, um nicht schlechter als die andern zu sein. Sah niemand zu, wenn er badete, kroch er ins Wasser; sah einer zu, warf er sich kopfüber vom Dach des Badehauses hinein. Er fühlte seine Bangigkeit und wollte sie verbergen. Er fiel niemals Kameraden an; wurde er aber angegriffen, schlug er zurück, auch wenn der Gegner stärker war. Er kam erschrocken zur Welt und lebte in einem beständigen Schreck vor Leben und Menschen.

Der Dampfer läßt die Inseln zurück, das Meer öffnet sich: eine blaue Fläche ohne Strand. Das neue Schauspiel, der frische Wind, die Munterkeit der Brüder heitert ihn auf. Er denkt daran, daß er bald achtzehn schwedische Meilen auf der See gefahren ist, als der Dampfer in die Bucht von Nyköping einfährt.

Als der Landungsteg gelegt ist, kommt ein Mann mittleren Alters mit hellem Backenbart auf den Dampfer, spricht mit dem Kapitän und nimmt die Knaben in Empfang. Er sieht freundlich aus und ist heiter. Es ist der Küster von Vidala.

Am Strande steht eine Droschke mit einer schwarzen Mähre. Bald sind sie in der Stadt und halten auf dem Hof des Kaufmanns, wo auch die Bauern einkehren. Es riecht nach Hering und Dünnbier auf dem Hofe, und das Warten wird unerträglich. Er fängt noch einmal an zu weinen. Endlich kommt Herr Lindén und bringt auf einem Bauernwagen das Gepäck. Nach vielen Händedrücken und kleinen Gläsern geht's aus der Stadt heraus. Es ist Abend, als man den Zoll passiert.

Brachfelder und Feldzäune öffnen eine weite, öde Fernsicht. Über roten Dörfern ist in der Ferne ein Waldrand zu sehen. Durch den Wald muß man hindurch, und man hat drei Meilen zu fahren. Die Sonne geht unter und man fährt durch den dunkeln Wald. Herr Lindén plaudert und sucht den Mut der Knaben aufrechtzuerhalten. Er spricht von Spielkameraden, Badestellen, Erdbeerpflücken. Johan schläft ein. Erwacht bei einem Wirtshaus, in dem berauschte Bauern lärmen. Die Pferde werden ausgespannt und getränkt.

Die Fahrt geht weiter durch dunkle Wälder. Bei den Anhöhen muß man absteigen und gehen. Die Pferde rauchen und schnauben, die Bauern auf dem Gepäckwagen scherzen und trinken, der Küster plaudert mit ihnen und macht Witze. Und dann fährt man wieder und schläft ein. Erwacht wieder, steht auf und rastet. Noch mehr Wälder, in denen früher Räuber gehaust haben; schwarze Fichtenwälder unter dem Sternenhimmel, Hütten und Zauntüren. Der Junge ist ganz verwirrt und nähert sich dem Unbekannten mit Beben.

Schließlich wird die Landstraße eben; heller wird's, und die Wagen halten vor einem roten Hause. Diesem Hause gegenüber steht ein hohes, schwarzes Gebäude. Eine Kirche. Wieder eine Kirche. Eine alte Frau, wie er glaubt, groß und mager, kommt und empfängt die Kinder, um sie in ein Zimmer zu ebener Erde zu führen, in dem ein Tisch gedeckt ist. Sie hat eine scharfe Stimme, die nicht freundlich klingt, und Johan ist bange. Man ißt im Dunkeln, aber das Essen schmeckt nicht, denn es ist ungewöhnlich; man ist müde und das Schluchzen sitzt einem im Halse.

Dann wird man auf die Bodenkammer hinaufgeführt, immer im Dunkeln; kein Licht wird angesteckt. Es ist eng; Bettstellen stehen da, und auf Stühlen und am Boden sind Betten gemacht; es riecht furchtbar. Die Bettdecken bewegen sich und ein Kopf erscheint. Dann noch einer. Man kichert und flüstert, aber die Kömmlinge können keine Gesichter sehen. Der älteste Bruder bekommt ein eigenes Bett, aber Johan und der zweite Bruder sollen mit den Füßen gegeneinander liegen. Das ist neu. Nun, sie kriechen hinein und ziehen an der Decke. Der große Bruder streckt sich ungeniert aus, aber Johan erhebt Einspruch gegen den Übergriff. Sie treten sich und Johan wird geschlagen. Er weint sofort. Der älteste Bruder schläft bereits.

Aus einer Ecke tief unten am Boden ertönt eine Stimme.

-- Liegt still, Bengels, und schlagt euch nicht.

-- Was sagst du? antwortet der Bruder, der ein kühner Junge ist.

Die Baßstimme antwortet:

-- Was ich sage? Ich sage, er soll den Kleinen nicht quälen!

-- Geht das dich etwas an?

-- Ja, das geht mich an. Komm her, ich werde dich durchhauen.

-- Durchhauen? Du?

Im Hemd steht der Bruder auf. Der Baß kommt ihm entgegen. Es ist ein vierschrötiger Junge mit breiten Schultern; das ist alles, was man sehen kann. In den Betten richten sich viele Zuschauer auf.

Sie schlagen sich und der große Bruder kriegt Prügel.

-- Nein, schlag ihn nicht; schlag ihn nicht.

Der kleine Bruder wirft sich dazwischen. Er konnte niemals sehen, daß einer von seinem Blut Schläge bekam oder sonst zu leiden hatte, ohne es in seinen Nerven zu fühlen. Wieder seine Unselbständigkeit, die unlösbaren Blutsbande, die Nabelschnur, die nicht durchschnitten werden, nur abgenagt werden konnte.

Dann wird es still und der Schlaf kommt, der bewußtlose, der dem Tode gleichen soll und der darum so viele zur vorzeitigen Ruhe verlockt hat.

* * * * *

Ein neues Leben beginnt. Die Erziehung ohne Eltern; denn der Knabe ist draußen in der Welt unter fremden Menschen. Er ist furchtsam und vermeidet sorgfältig, daß er getadelt werden kann. Greift niemand an, aber verteidigt sich gegen Übergriffe. Übrigens sind die Knaben zahlreich genug, um Gleichgewicht halten zu können; und die Gerechtigkeit wird von dem Breitschultrigen ausgeübt, der einen Buckel hat, vielleicht aber darum immer dem Schwächeren hilft, wenn dieser ungerecht angefallen wird.

Des Vormittags wurde gelernt; vorm Essen gebadet; nachmittags draußen gearbeitet. Man jätet im Garten, trägt Wasser von der Quelle, putzt die Pferde im Stalle. Es ist der Wunsch des Vaters, daß die Kinder körperlich arbeiten sollen, obwohl sie die gewöhnliche Pension zahlen.

Aber Johans Gehorsam und Pflichtgefühl reicht nicht aus, um ihm das Leben erträglich zu machen. Die Brüder ziehen sich Tadel zu, und darunter leidet er ebensosehr. Er fühlt sich mit ihnen solidarisch und wird diesen Sommer nicht mehr als ein Drittel Mensch. Andere Strafe als Stubenarrest kommt nicht vor, aber Tadel ist genug, um ihn zu beunruhigen. Die Arbeit macht seinen Körper stark, aber die Nerven sind ebenso empfindlich gegen Eindrücke. Bald trauert er um die Mutter, bald ist er äußerst aufgeräumt und leitet die Spiele, besonders die ausgelassenen. Im Kalksteinbruch Steine lösen, auf dem Boden des Steinbruchs Feuer anzünden, auf Brettern steile Berge hinunterrutschen. Furchtsam und verwegen, ausgelassen und grüblerisch: kein Gleichgewicht.

Die Kirche stand auf der andern Seite der Landstraße und warf mit ihrem pechschwarzen Dach und ihrer leichenweißen Wand einen Schatten über das sommerliche Gemälde. Grabkreuze ragen über die Kirchenmauern und gehören schließlich zu seiner täglichen Fensteraussicht. Die Kirche schlägt nicht den ganzen Tag über wie die Klarakirche in Stockholm, aber abends um sechs Uhr dürfen die Knaben mit der Leine, die vom Turm herunterhängt, läuten. Es war ein großer Augenblick, als er zum ersten Male an die Reihe kam. Er fühlte sich fast als Beamten der Kirche, und als er drei Male die drei Schläge zählte, glaubte er, Gott, Pastor, Kirchspiel würden zu Schaden kommen, wenn er einmal zuviel anschlage.

Sonntags durften die großen Knaben in den Turm hinaufsteigen und die Glocken läuten. Dann stand Johan auf der dunkeln Holztreppe und bewunderte sie.

Später im Sommer kam eine Bekanntmachung mit schwarzen Rändern. Als sie in der Kirche vorgelesen wurde, entstand große Aufregung. König Oscar I. war gestorben. Man erzählte viel Gutes von ihm, wenn auch niemand ihn gerade betrauerte. Jetzt aber wurde täglich zwischen zwölf und eins geläutet.