Der Sohn einer Magd

Part 30

Chapter 303,455 wordsPublic domain

Wie gewöhnlich, wurde der Streit geführt, indem die Standpunkte, sowohl des Angreifers wie des Angegriffenen, wechselten. Johan wollte dem Professor zeigen, daß von dessen Standpunkt aus die „Komödie‟ ein Pamphlet sei; dann aber sattelte der Professor um und ging zum Standpunkt des Feindes über und meinte, +er+ werde sie doch nicht als Pamphlet mißbilligen. Johan antwortete, diese Bezeichnung gebe er ihr, aber nicht die einer außerordentlichen Dichtung von ewigem Wert, wie der Professor sie in seinem Kolleg genannt habe. Dann schlug der Professor wieder um und wollte die Dichtung von ihrer Zeit aus beurteilt sehen.

-- Eben, antwortete Johan, aber Sie haben sie von unserer Zeit und allen künftigen Zeiten aus beurteilt; also haben Sie unrecht gehabt. Aber auch von der eigenen Zeit aus gesehen, wird sie nicht epochemachend, da sie nicht ihrer Zeit vorauseilt, sondern mitten in ihr steht und sogar hinter ihr zurückbleibt. Sie ist ein Sprachdenkmal für Italien, nichts mehr, und dürfte an einer schwedischen Universität nicht gelesen werden, weil die Sprache veraltet ist und -- das letzte Wort! -- weil sie zu wenig Bedeutung hat, um in die Entwicklungsreihe der Bildung zu gehören.

Ergebnis: Johan wurde für unverschämt und halbverrückt gehalten.

Nach dieser Explosion war er erschöpft und unfähig zur Arbeit. Das ganze Leben in dieser Kleinstadt, in der er sich nicht heimisch fühlte, war ihm zuwider. Die Kameraden ermahnten ihn, sich Ruhe zu gönnen, denn er habe zu viel gearbeitet; das hatte er allerdings.

Wieder entstanden Pläne, drängten sich vor, zeitigten aber keine Folgen. Seine Seele befand sich in Auflösung, schwebte wie ein Rauch, war äußerst empfindlich. Die graue, schmutzige Stadt quälte ihn, die Landschaft peinigte ihn. Er lag auf einem Sofa und sah sich die Illustrationen einer deutschen Zeitschrift an. Der Anblick von Landschaften aus andern Ländern wirkte wie Musik auf ihn; er empfand ein Bedürfnis, grüne Bäume und blaue Seen zu sehen. Er wollte aufs Land hinaus; aber es war erst Februar und die Luft war grau wie Sackleinwand, Straßen und Wege kotig.

Wenn er ganz niedergeschlagen war, ging er zu seinem Freunde, dem Naturforscher. Es erfrischte ihn, dessen Herbarien und Mikroskope, Aquarien und physiologische Präparate zu sehen.

Am meisten erfrischte ihn der stille friedliche Atheist selbst, der die Welt ihren Gang gehen ließ, denn er wußte, daß er mit seinen geringen Kräften mehr für die Zukunft arbeite als der Dichter mit seinen konvulsivischen Anstrengungen. Doch war der Kamerad nicht ganz frei von Künstlertum, denn er malte in Öl. Das interessierte Johan außerordentlich. Eine grünende Landschaft mitten in den Nebeln dieses furchtbaren Winters hinmalen und sie an die Wand hängen zu können: das wäre etwas!

-- Ist malen schwer? fragte er.

-- Nein, behüte, es ist leichter als zeichnen. Versuch es nur!

Johan hatte schon ohne Bangen ein Lied für Gitarrebegleitung komponiert: er hielt also das Malen für nicht so unmöglich. Er lieh sich Staffelei, Farben, Pinsel. Dann ging er nach Hause und schloß sich ein. Aus einer illustrierten Zeitung nahm er eine Zeichnung, die eine Schloßruine vorstellte; die kopierte er. Als er die blaue Farbe wie ein klarer Himmel wirken sah, wurde er sentimental. Als er dann grüne Büsche und eine Wiese hervorzauberte, wurde er unaussprechlich glücklich, als habe er Haschisch gegessen.

Der erste Versuch war gelungen. Dann aber wollte er ein Gemälde kopieren. Das ging nicht. Alles wurde grün und braun; er konnte seine Farben nicht auf den Ton des Originals stimmen. Da verzweifelte er.

Eines Tages, als er sich eingeschlossen hatte, hörte er, wie ein Besuch mit dem Kameraden im äußern Zimmer sprach. Sie flüsterten, als sprächen sie von einem Kranken.

-- Jetzt malt er auch noch! sagte der Kamerad in einem sehr niedergeschlagenen Ton.

Was sollte das bedeuten? Hielten sie ihn für gestört? Ja, jetzt verstand er es. So war es. Er dachte über sich selbst nach und kam zu der Schlußfolgerung wie alle Grübler, er sei gestört. Was war da zu machen? Wenn man ihn einsperrte, würde er verrückt werden; davon war er überzeugt. Besser ist, dem zuvorkommen, dachte er. Er erinnerte sich, daß man in seiner Gegenwart einst von einer Privatirrenanstalt auf dem Lande gesprochen hatte, und er schrieb an den Vorsteher.

Nach einiger Zeit erhielt er eine freundliche Antwort, in der er ermahnt wurde, ruhig zu sein. Der Briefschreiber habe sich bei Kameraden nach Johan erkundigt und kenne jetzt seinen Seelenzustand. Das sei eine Krisis, die alle empfindlichen Naturen durchmachten usw.

Also diese Gefahr war überstanden. Aber er wollte ins Leben hinaus, wohin es auch sei.

Eines Tages sieht er, daß eine herumreisende Theatergesellschaft nach der Stadt gekommen ist. Er schreibt einen Brief an den Direktor und ersucht um ein Debüt. Erhält keine Antwort und macht keinen Besuch.

So wurde er hin- und hergeworfen, bis schließlich das Schicksal kam und ihn befreite. Drei Monate waren vergangen und die Hofverwaltung ließ nichts von sich hören. Die Kameraden rieten ihm, an den Hofmarschall zu schreiben und höflich zu fragen, wie es sich mit dem Geld verhalte. Das tat er und bekam diese Antwort: „Es ist nie von einer regelmäßigen Unterstützung die Rede gewesen, sondern Seine Majestät haben die Gratifikation nur für einmal erteilt. Jedoch mit Rücksicht auf Ihre bedrängte Lage geruhen Majestät, noch einmal 200 Kronen zu bewilligen, die gleichzeitig abgehen.‟

Zuerst freute sich Johan, denn jetzt war er frei; dann aber beunruhigte ihn diese Wendung der Sache, da in den Zeitungen gestanden hatte, er sei Stipendiat; auch war das Stipendium ja tatsächlich vom König für „die Jahre‟ versprochen worden, die er noch zum Doktorexamen brauchte. Auch hatte ja der Hofmarschall mit der Zukunft gewinkt, die man doch nicht mit 200 Kronen machen konnte. Man dachte hin und her über die Ursache. Die einen hielten es für wahrscheinlich, der König habe die Sache vergessen; andere, seine wirtschaftliche Lage erlaube es ihm nicht; man wußte nämlich, daß sein guter Wille nicht immer im Verhältnis zu seinem Können stand.

Niemand sprach seine Mißbilligung aus; und Johan war froh in seiner Seele, hätte nicht eine gewise Blamage darin gelegen, daß das Stipendium eingezogen wurde: man konnte ihn ja verdächtigen, er habe nur damit geprahlt. Die an eine „Ungnade‟ glaubten, schrieben diese dem Umstand zu, daß Johan es versäumt hatte, dem König seine Aufwartung zu machen, als er Weihnachten und Neujahr in Stockholm war. Andere schoben die Schuld darauf, daß er seine gedruckte Tragödie „Das sinkende Hellas‟ nicht förmlich überreicht, sondern ganz einfach ins Schloß geschickt hatte; aber seine Geradheit hatte ihm verboten, selbst hinzugehen.

Zehn Jahre später hörte er eine ganz neue Deutung der „Ungnade‟. Er sollte nämlich ein Schmähgedicht auf den König verfaßt haben! Aber diese Geschichte war eine „reine‟ Dichtung, wahrscheinlich die einzige, die der übel bekannte Gewährsmann der Nachwelt geschenkt hat.

Die Tatsache blieb bestehen, und jetzt war der Entschluß bald gefaßt. Er wollte nach Stockholm fahren, um Schriftsteller zu werden, wenn möglich Dichter, falls sich seine Begabung als stark genug erwies.

Der Zimmergenosse nahm es auf sich, ihm den Rückzug zu decken; der schützte vor, Johan müsse einige Zeit in Stockholm weilen, damit der Wirt nicht unruhig wurde und Johan die Miete, die erst am Schluß des Semesters zu bezahlen war, währenddessen zusammenbringen konnte.

Ein Abschiedsfest wurde gehalten. Johan dankte seinen vielen Freunden, indem er die Verpflichtungen, die jeder gegen seinen Verkehr hat, anerkannte, da sich eine Persönlichkeit nicht aus sich selbst entwickelt, sondern aus jeder andern Seele, mit der sie in Berührung kommt, einen Tropfen saugt; wie die Biene aus Millionen Blüten ihren Honig sammelt, den sie doch selbst umschmilzt und als ihren ausgibt.

So fuhr er ins Leben hinaus, fort aus Träumen und vergangenen Zeiten, um in seiner eigenen Zeit und in der Wirklichkeit zu leben. Aber schlecht war er vorbereitet; die Universität war nicht die Schule fürs Leben. Er hatte auch das Gefühl, die Stunde der Entscheidung sei da. In einer schlecht ausgeführten Rede nannte er das Fest einen Abschiedsschmaus, den man dem Bräutigam vor der Hochzeit gibt; denn jetzt solle er Mann werden und die Knabenjahre hinter sich lassen; sich in die Gesellschaft einordnen, ein nützlicher Bürger werden, sein eigenes Brot essen.

So glaubte er damals, aber er sollte bald finden, daß die Erziehung ihn untauglich für die Gesellschaft gemacht hatte. Und als er sich nicht darein fand, ein Ausgestoßener zu sein, erwachten seine Zweifel, ob nicht die Gesellschaft, zu der doch Schule und Universität gehören, auch eine Schuld an seiner Erziehung habe; ob nicht die Gesellschaft Gebrechen habe, die geheilt werden müssen.

ANMERKUNGEN DES ÜBERSETZERS

Aus Strindbergs Briefen Strindbergs Lebensgeschichte Die parallelen Jahrzehnte in Strindbergs Leben Strindbergs väterlicher Stammbaum

AUS STRINDBERGS BRIEFEN

An den Verleger Albert Bonnier.

Wenn Sie diesen ersten Teil gelesen haben, den wir aus Rücksicht aufs Publikum nicht Teil nennen dürfen, vielmehr müssen wir jeden der fünf Bände besonders taufen, so fragen Sie sich wohl, wie das Publikum tun wird: Was ist das? Ist das ein Roman? Nein! Biographie? Nein! Memoiren? Nein!

Ich antworte, es ist ein Buch, das ist, für was es sich ausgibt: Die Geschichte der Entwicklung einer Seele, 1849-67, unter den angegebenen Voraussetzungen. Dieses Buch gewährt auch außer dem Psychologischen, das die Hauptsache ist (warum auch alle Schilderungen vermieden und die Anekdote nur aufgenommen wurde, um den Charakter zu beleuchten) einige andere Interessen: es bildet die vollständige Biographie eines bekannten und bedeutenden Dichters, so wenig lügnerisch, wie eine Biographie geschrieben werden kann; ferner eine Geschichte der inneren schwedischen Verhältnisse von 1849-67. Darum wird das Buch nützlich für die Jugend sein, weil es die jüngste Vergangenheit erklärt, ohne deren Verständnis die Gegenwart nicht zu begreifen ist. August Strindberg. Grèz (bei Paris), 25. April 1886.

Ich möchte das Vorwort gern gedruckt haben, weil über Lehre und Leben heute so viel gefaselt wird. Auch diesen Passus bitte ich an geeigneter Stelle einzuschalten, etwa nach den Worten über das Trinken:

+Autor.+ Ebensowenig kann ich mein Leben in Einklang bringen mit meiner Lehre von der sogenannten Unsittlichkeit, teils weil mein Trieb von Kirche und Gesetz legalisiert ist, teils weil mir monogame Instinkte angeboren sind.

+Interviewer.+ Aber warum predigen Sie denn geschlechtliche Freiheit?

+Autor.+ Weil ich aus der Erfahrung meiner Jugend weiß: wer nicht verheiratet ist, brennt; und weil ich nicht will, daß die Eiferer für Sittlichkeit die Triebe der anderen durch Gesetze fesseln, da die Eiferer für Unsittlichkeit die Sittlichen nicht unsittlich machen wollen. Also die wirkliche Freiheit -- für andere -- predige ich! Habe also in diesem Falle keine egoistischen Zwecke.

25. Mai 1886. August Strindberg.

Der Verleger meint, das Vorwort werde dem Buche schaden und lehnt es ab.

Geben Sie das Interview Gustaf af Geijerstam, der das Buch wohl anzeigen wird. Er glaubt ja, daß die Kritik das Publikum darüber aufklären soll, was der Autor meint. Gut! Möge er aufklären, daß der Autor weder Biographie noch Verteidigung noch Bekenntnisse hat geben wollen, sondern sein Leben, das er am besten von allen Leben kennt, benutzt hat, um die Geschichte von der Entstehung einer Seele zu geben und den Begriff Charakter zu bestimmen -- worauf ja die ganze Literatur beruht. Er kann Strophen abdrucken, wenn er will.

30. Mai 1886. August Strindberg.

Geijerstam las das Interview, gab es aber dem Verleger zurück. Inzwischen hatte Strindberg schon, bei seinem unerhörten Fleiße, den zweiten Teil (Kapitel 11-22) vollendet. Er war inzwischen nach der Schweiz gezogen.

In einigen Tagen geht der zweite Teil vom „Sohn einer Magd‟ ab. Vielleicht schon morgen. Ich halte ihn für das bedeutendste Buch, das seit langem in Schweden geschrieben wurde, aber es ist für die Gebildeten geschrieben und kann von der Unter- und Mittelklasse nicht gelesen werden. Wendet sich daher an die akademisch Gebildeten, für die ich eigentlich schreiben müßte. Von Nisse und Nasse nicht verstanden zu werden, freut mich nicht, und ich kann sie nicht bekehren. August Strindberg. Othmarsingen (Schweiz), 18. Juni 1886.

Als Untertitel schlägt Strindberg für den zweiten Teil (Kapitel 11-22) „Sturm und Drang‟ vor; diesen +deutschen+ Titel übersetzt der Verleger mit „Gärungszeit‟.

Gärung ist gut, aber das ist ein Fäulnisprozeß. Paßt also nicht für meine gesunden Gedanken.

18. Juli 1886. August Strindberg.

Die deutsche Ausgabe vereinigt beide Teile in einem Bande.

STRINDBERGS LEBENSGESCHICHTE

Strindberg will seine autobiographischen Schriften als EIN GANZES betrachtet wissen; ja, er möchte sie in einem einzigen Bande vereinigen, damit seine Leser nur das ganze Werk erwerben können, nicht diesen oder jenen Teil. Um diesen Wunsch des Dichters, soweit es möglich ist, zu erfüllen, werden Teile wie „Die Beichte eines Toren‟ +nicht einzeln+ verkauft.

Strindbergs Lebensgeschichte erscheint in diesen fünf Bänden:

1. Der Sohn einer Magd 2. Die Entwicklung einer Seele 3. Die Beichte eines Toren 4. Inferno -- Legenden 5. Entzweit -- Einsam.

In den ersten drei Bänden, die schon die an einander anklingenden Titel als drei Teile eines Ganzen bezeichnen, rechnet der 40jährige Strindberg in den Jahren 1886, 87, 88 mit seinem Leben ab; denn er hatte die Absicht, sich zu töten, nachdem er sein Leben geschildert. Durch die Lebensgeschichte aber befreite er sich, wie durch einen Selbstmord, von seinem bisherigen Leben so vollständig, daß er ein neues beginnen konnte.

Dieses neue Leben, das er seit seinem körperlichen „Tode‟ begann, würde den 50jährigen Strindberg zu einem geistigen „Tode‟, dem Wahnsinn, geführt haben, wenn er sich nicht auch vor dem errettet hätte, indem er 1897, 98 in einem neuen Band seiner Lebensgeschichte, in „Inferno‟ und „Legenden‟, sich noch einmal von seinem Leben befreite.

Dem 50jährigen, der den leiblichen Tod wie den geistigen Tod überwunden hatte, konnte nichts mehr etwas anhaben: mit erhabener Ruhe schilderte er dann 1902, 03 sein früheres Leben „Zu Zweien‟ und sein jetziges Leben als „Einsamer‟.

So sind Strindbergs autobiographische Schriften aufzufassen! Als Testamente eines, der sterben wollte, stehen sie hoch über allem „Skandal‟ und aller „Sensation‟. Wie Strindberg selbst als Genie eine Ausnahme ist, so darf diese außerordentliche Lebensgeschichte nicht mit gewöhnlichem Maß gemessen werden, sondern ist als Ausnahmeerscheinung zu beurteilen.

DIE PARALLELEN JAHRZEHNTE IN STRINDBERGS LEBEN

Der 20jährige, bis zum _ROTEN ZIMMER_, bis 1879

1. Religiös 2. Nach einem Selbstmordversuch dramatische Produktion 3. Schreibt philosophische Wissenschaft 4. Verläßt die schwedische Heimat nicht 5. Heiratet zum ersten Male 6. _Das Schwedische Volk_ 7. _Das Rote Zimmer_

Der 30jährige, bis zur _LEBENSGESCHICHTE_ I-III, bis 1889

1. Sozialist 2. Nach dem _Roten Zimmer_ dramatische Produktion 3. Schreibt soziale Wissenschaft 4. Weilt fünf Jahre im Ausland 5. Die Krisis der Ehe 6. _Schwedische Schicksale und Abenteuer_ 7. _Die Inselbauern_

Der 40jährige, bis zur _LEBENSGESCHICHTE IV_, bis 1899

1. Individualist 2. Nach der _Lebensgeschichte_ dramatische Produktion 3. Schreibt Naturwissenschaft 4. Weilt fünf Jahre im Ausland 5. Heiratet zum zweiten Male 6. _Schwedische Natur_ 7. _Am offnen Meer_

Der 50jährige, bis zum _BLAUBUCH_, bis 1909

1. Religiös 2. Nach der _Lebensgeschichte_ dramatische Produktion 3. Schreibt philosophische Wissenschaft 4. Verläßt die schwedische Heimat nicht 5. Heiratet zum dritten Male 6. _Schwedische Historien_, _Schwedische Miniaturen_ 7. _Die Gotischen Zimmer_, _Schwarze Fahnen_

STRINDBERGS VÄTERLICHER STAMMBAUM

Nach +Paul Meijer-Granqvist+ in Stockholm.

Von seiner Herkunft schreibt Strindberg selbst: „Es gab einen alten Stammbaum, der im siebzehnten Jahrhundert Adel nachwies.‟ Hier hat der Dichter männliche und weibliche Abstammung vermengt; denn auf der Schwertseite hatte die Familie kein adliges Blut in den Adern, und der einzige Geistliche, Strindbergs Urgroßvater, Henrik, der den Familiennamen annahm, war Bauernsohn aus dem Dorfe +Strinne+ (daher der Name) im Kirchspiel Multrå in Ångermanland. Er war 1710 geboren und starb 1767 als Unterpfarrer von Refsund und Sundsjö in Jämtland. Durch ihn kommt wahrscheinlich, nach Strindbergs Worten, „die ganze väterliche Verwandtschaft aus Jämtland, mit nordschwedischem und vielleicht finnländischem Blut‟.

Henrik Strindberg ehelichte 1743 Maria Elisabet Åkerfelt (geb. 1725), deren Vater Hauptmann im jämtländischen Regiment war; und auf deren väterliche Abstammung zielt wohl der Dichter mit der „alten Stammtafel‟. Durch diese Mutter seines Großvaters stammt der Dichter in der Tat von ihrem Urgroßvater ab, Johan Olofsson zu Rajkull, der 1646 geadelt wurde und den Namen Åkerfelt erhielt „für seine dem König Gustav Adolf und dem Reichskanzler Oxenstjerna geleisteten Dienste; außerdem dafür, daß er bei der Grenzkommission in Estland und dem Burggericht auf Schloß Reffle (Reval) von Nutzen gewesen‟. Dessen Sohn, Johan Åkerfelt, wurde Hauptmann bei der Garnison in Riga; nahm 1682 seinen Abschied, als er einen Hof, Tulina, am Newafluß zu Lehen erhielt; auf diesem Hof wohnte er bis 1702, da er, nach der Familienüberlieferung, genötigt wurde, mit seinen Kindern auf einem Boot zu entfliehen, weil die Russen seinen Hof und die Saat auf dem Felde plünderten. Mit seiner Frau, Sabina Wolff, Tochter eines Kapitäns bei der Adelsfahne, hafte er einen Sohn, Zacharias (geb. in Riga 1682), der sich als tapferer Krieger unter Carl XII. bekannt machte. Nach dem Ende des großen Unfriedens erhielt dieser den Charakter als Major, nahm seinen Abschied und starb 1754. Während er zu Wismar in Garnison lag (1713, nach der Schlacht bei Gadebusch), gewann er als Braut eine Tochter des Dr. med. Martin Scheffel, der einem alten geachteten Patriziergeschlecht in Wismar angehörte.

Zacharias Åkerfelt und Maria Elisabeth Scheffel hatten außer der Tochter, die durch ihre Heirat mit Henrik Strindberg die Stammmutter der Familie Strindberg wurde, mehrere Kinder (das adelige Geschlecht Åkerfelt starb indessen bereits mit einem Enkel 1836 aus), aber von diesen interessieren uns hier nur zwei: der Sohn Gotthard Wilhelm Åkerfelt zeigte dieselben künstlerischen Anlagen wie sein Oheim mütterlicherseits, der Porträtmaler Johan Heinrich Scheffel, und ward ein zu seiner Zeit beliebter Porträtmaler. Der Bruder Kari Åkerfelt wieder wurde ein vermögender Seidenfabrikant in Stockholm.

Das interessiert uns insofern, als es dieser Åkerfelt gewesen sein dürfte, der die Schwesterkinder Strindberg aus Jämtland zu sich nach Stockholm nahm, als ihr Vater 1767 verschied und die meisten von ihnen noch unmündig waren. Von den Töchtern verheiratete sich die eine zuerst mit einem Händler Arengren zu Stockholm, dann mit dem bekannten Juristen Johan Holmbergsson, und wurde in letzter Ehe Mutter des originellen +Malers+ Johan Holmbergsson, der auf den Straßen von Stockholm einherging in „Hut, Stiefeln und Rock, die denen Carls XII. gleich waren, und mit einem Stab in der Hand, der dem der Veleda selbst glich‟. Er schrieb und sprach sogar das Schwedische des 16. Jahrhunderts! „Schwedischen Schicksalen und Abenteuern‟ widmete er seinen Zeichenstift und seinen Pinsel, wie sein Verwandter August Strindberg einige Dezennien später seine Dichterphantasie. Unzweifelhaft war auch wohl Johan Holmbergsson „ein Stück von einem Dichter‟.

Die beiden Priestersöhne Strindberg, Henrik und Zacharias, ließ der Oheim mütterlicherseits, der Seidenfabrikant Karl Åkerfelt, Kaufleute werden; der erste endete als Seidenfabrikant in Borås (wo es vielleicht noch Nachkommen von ihm gibt), der letzte als Kolonialwarenhändler in Stockholm. Dieser letzte, Zacharias, geboren 1758, gestorben 1828, war des Dichters +Großvater+ und eine merkwürdige Persönlichkeit. Nicht nur, weil er eines der hervorragendsten Mitglieder der Stockholmer Bürgerschaft war, das im „Militärkorps der Bürgerschaft‟ es sogar zum Stadtmajor brachte, sondern noch mehr durch die literarischen und künstlerischen Interessen, die er mit seinen Verwandten, dem Schwestersohn Holmbergsson, dem Onkel Gotthard Wilhelm Åkerfelt, dem Großonkel Scheffel gemeinsam hatte. Bei dem alten Stadtmajor fanden diese Interessen ihren besonderen Ausdruck in einer alles verschlingenden Leidenschaft fürs Theater. Unter seiner Leitung sah der bekannte „Aurora‟-Verein den Tag (1815), der dann nahezu anderthalb Jahrzehnte unter seiner Großmeisterschaft stand, bis zu seinem Tode 1828, und dafür sorgte, daß der Geschmack des bürgerlichen Stockholm für Dramatik befriedigt wurde. Ja, der Herr Stadtmajor unterließ es sogar nicht, selbst die Feder zu ergreifen und das Repertoir mit „schwedischen Originalschauspielen‟ zu versorgen, wenn diese auch mehr von gutem Willen als von dramatischer Begabung und Bildung zeugen.

Stadtmajor Strindberg, der zugleich Freimaurer war, trug den Seraphinenorden und die Pro-Patria-Medaille und führte ein gastfreies fröhliches Haus. 1793 mit Anna Johanna Neijber verheiratet, hatte er zwei Söhne, Ludwig und Oskar, sowie eine Tochter, die 1822 den bekannten „suecisierten‟ englischen Erfinder und Philantropen Samuel Owen heiratete, den Vorgänger John Ericssons in der Schöpfung und Entwicklung der Dampferflotte.

Beim Tode des Stadtmajors 1828 und noch etwa anderthalb Jahrzehnte befand sich die Familie in großem Wohlstand. Indessen veränderte sich die geschäftliche Konjunktur. Owen mußte seine Faktorei verkaufen und sein Eigentum an seine Bürgen abtreten; auch seine Schwäger Strindberg verloren beinahe alles, was sie besaßen.

Gerade in dieser schweren Zeit kam der Dichter zur Welt (1849). Die Familie zeigte indessen, daß sie Schneid besaß. Besonders erwies sich die Dampferkommission, der sich August Strindbergs Vater widmete, als ein gutes und lohnendes Geschäft, das noch heutigentags von seinem zweiten Sohn Oskar geführt wird, der, 1847 geboren, zwei Jahre älter als der Dichter ist. Der älteste Bruder wieder ist Beamter in der Lebensversicherungsgesellschaft Nordstern, und ist als Orchesterleiter bei der Oper tätig gewesen -- die Familie hat immer musikalische Interessen gehabt. Eine Schwester ist in Stockholm verheiratet mit dem Gymnasialprofessor Dr. v. Philp; eine andere mit Hartzell in Norrköping.

Von den Kindern des Oheims väterlicherseits müssen wieder genannt werden die Großhändler I. O. und A. G. Strindberg, von denen der letzte ein gutes Geschäft in Flaggentuch u. dgl. betreibt; beim ersten ist auch etwas von der literarischen Art, die den Vetter so berühmt gemacht hat. Der Großhändler I. O. Strindberg ist nämlich ein sehr produktiver Gelegenheitsdichter (Signatur meist Occa). Bekannt ist auch, daß einer seiner Söhne, Nils Strindberg, dem Namen neue Sympathien verschafft hat, indem er sich mutig an die Seite Andrées stellte, als dieser durch seine Ballonfahrt zum Pol ein neues Blatt zu den „Schwedischen Schicksalen und Abenteuern‟ fügen wollte.

Druck von Gerhard Stalling, Oldenburg i. O.

FUSSNOTEN: