Der Sohn einer Magd

Part 3

Chapter 33,785 wordsPublic domain

Wenn er, sehr viel später, an diese Zeit dachte, waren nur noch zwei Erinnerungen von Bedeutung ihm geblieben. Die eine, die später sein Erstaunen erregte, war: ein siebenjähriger Knabe sollte in geschlechtlichem Verhältnis zu einem gleichaltrigen Mädchen stehen. Sein Geschlechtsleben war noch nicht erwacht; er wußte also nicht, um was es sich eigentlich handelte; an das Wort, das den Vorgang bezeichnete, erinnerte er sich. Das Vorkommnis soll übrigens nicht so vereinzelt sein, nach dem, was Ärzte in ihren Büchern berichten, und seine eigenen späteren Beobachtungen, die er an Bauernkindern machte, zeigten, daß die Angabe wenigstens glaubhaft war.

Die zweite Erinnerung war diese: Ein Knabe hatte auf seiner Schiefertafel einen alten Mann gezeichnet und darunter geschrieben: Gott. Dafür wurde er bestraft. Dieser Knabe, der schon Gebete konnte und den Katechismus gelernt, hatte also keine höhern Begriffe von dem höchsten Wesen erworben als den, der durch die Gott Vater vorstellende, den Zehn Geboten vorgedruckte Figur dargestellt wird. Der rechte Gottesbegriff scheint also nicht angeboren zu sein. Wenn er durch die Erziehung erworben werden soll, müßte das offizielle Lehrbuch nicht so niedrige Vorstellungen von einem alten Mann erwecken, der sich nach einer Arbeit von sechs Tagen ausruhen mußte.

* * * * *

Die Erinnerungen der Kindheit zeigen alle, wie zuerst die Sinne erwachen und die lebhaftesten Eindrücke aufsaugen, wie der geringste Hauch die Gefühle in Bewegung setzt; wie später sich die Beobachtungen hauptsächlich auf grelle Ereignisse richten, zuletzt auf moralische Verhältnisse, Gefühl von Recht und Unrecht, Gewalt und Barmherzigkeit.

Die Erinnerungen liegen ungeordnet, ungestaltet gezeichnet wie die Bilder im Thaumatrop; dreht man aber die Scheibe, so schmelzen sie zusammen und bilden ein Bild; ob nun bedeutungslos oder bedeutungsvoll.

Eines Tages sieht er große bunte Bilder von Kaisern und Königen in blau und roten Uniformen, welche die Mägde in der Kinderstube angebracht haben. Er sieht ein anderes Bild, das ein Gebäude vorstellt, das in die Luft gesprengt wird und voller Türken ist. Er hört aus einer Zeitung vorlesen, wie man mit brennenden Kugeln in Städte und Dörfer schießt, in einem entfernten Lande; erinnert sich sogar an Einzelheiten: die Mutter weinte, als von armen Fischern gelesen wird, die mit ihren Kindern aus den brennenden Hütten heraus mußten. Diese Bilder bedeuteten: Kaiser Nikolaus und Napoleon der Dritte, die Stürmung Sewastopols und die Beschießung der finnischen Küste.

Vater ist einen ganzen Tag zu Hause. Man stellt alle Trinkgläser des Haushalts auf die Fensterbänke; füllt die Gläser mit Schreibsand und steckt Stearinlichter hinein. Abends werden alle Lichter angezündet. Es ist warm und hell in den Zimmern. Und Lichter brennen in der Klaraschule und in der Kirche und im Pfarrhaus. Und Musik ist aus der Kirche zu hören. Was war das? Das war die Illumination bei der Genesung König Oscars des Ersten.

Großer Lärm in der Küche. Die Flurglocke hat geläutet, und Mutter ist hinausgerufen worden. Da steht ein Mann in Uniform mit einem Buch in der Hand und schreibt. Die Köchin weint, die Mutter bittet und spricht laut; aber der Mann im Helm spricht noch lauter.

Das ist die Polizei!

Die Polizei, heißt es in der ganzen Wohnung. Die Polizei. Und es wird den ganzen Tag von der Polizei gesprochen. Der Vater wird aufs Polizeirevier gerufen. Soll er verhaftet werden? Nein, er soll drei Reichstaler und sechzehn Schillinge bezahlen, weil die Köchin am Tage einen Aufwascheimer in den Rinnstein gegossen hat.

Eines Nachmittags sieht er, wie man unten auf der Straße die Laternen ansteckt. Eine der Kusinen macht ihn darauf aufmerksam, daß sie ohne Öl und Docht brennen, nur mit einer Metallröhre. Das sind die ersten Gaslaternen.

Er liegt viele Nächte zu Bett, ohne am Tage aufzustehen. Er ist müde und schläfrig. Ein gestrenger Herr kommt ans Bett und sagt, er müsse die Hände unter der Decke halten. Er muß mit einem Löffel etwas Unangenehmes einnehmen; bekommt nichts zu essen. Man flüstert im Zimmer und Mutter weint. Dann ist er wieder aufgestanden und sitzt am Fenster in der Schlafstube. Es läutet den ganzen Tag. Grüne Bahren werden über den Kirchhof getragen. Ein dunkler Knäuel Menschen steht um einen schwarzen Kasten. Totengräber mit ihren Spaten kommen und gehen. Er muß eine Kupferplatte an einem blauen Seidenband auf der Brust tragen und den ganzen Tag an einer Wurzel kauen. Das ist die Cholera von 1854.

Eines Tages geht er mit einer der Mägde weit fort. So weit geht er, daß er Heimweh bekommt und nach der Mama weint. Das Mädchen geht mit ihm in ein Haus. Sie sitzen in einer dunkeln Küche neben einer grünen Wassertonne. Er glaubt, sie werden nie mehr wieder nach Hause kommen. Aber sie gehen noch weiter. An Schiffen und Prahmen vorbei, an einem unangenehmen Hause aus Backsteinen mit langen hohen Mauern vorüber, in dem Gefangene sitzen. Er sieht eine neue Kirche, eine lange Allee von Bäumen, eine staubige Landstraße, an deren Seiten Kuhblumen stehen. Jetzt trägt das Mädchen ihn.

Schließlich kommen sie an ein großes Haus aus Stein; neben dem steht ein gelbes Haus aus Holz, das ein Kreuz trägt; und ein großer Hof liegt da mit grünen Bäumen. Sie sehen weißgekleidete Menschen, die blaß sind, hinken, trauern. Sie kommen in einen großen Saal hinauf, in dem braungestrichene Betten stehen. In den Betten liegen nur alte Frauen. Die Wände sind weißgetüncht, die alten Frauen sind weiß, das Bettzeug ist weiß. Und es riecht schlecht. Sie gehen an einer Menge Betten vorbei und bleiben mitten im Saal an einem Bett rechter Hand stehen. Da liegt eine jüngere Frau mit schwarzem gekräuselten Haar, in weißer Nachtjacke. Sie liegt halb auf dem Rücken. Ihr Gesicht ist abgemergelt, sie hat ein weißes Tuch über Kopf und Ohren. Ihre mageren Hände sind zur Hälfte mit weißen Lappen umwunden, und die Arme schwingen unaufhörlich im Bogen nach innen, so daß die Fingerknöchel sich aneinander reiben. Als sie das Kind erblickt, schlottern Arme und Knie heftig, und sie bricht in Tränen aus. Sie küßt den Jungen auf den Kopf. Dem ist nicht wohl zumute; er ist schüchtern und dem Weinen nahe. -- Kennst du Christel nicht wieder? fragt sie. -- Er muß es wohl nicht. Und dann trocknet sie wieder ihre Augen. -- Sie beschreibt nun dem Mädchen ihre Leiden, und diese holt aus einem Arbeitsbeutel Eßwaren. Die alten Frauen beginnen jetzt halblaut zu plaudern, und Christel bittet das Mädchen, nicht zu zeigen, was es im Beutel hat, denn sie seien so neidisch, die andern. Und darum schmuggelt das Mädchen einen gelben Reichstaler in das Gesangbuch, das auf dem Nachttisch liegt.

Die Zeit wird dem Knaben lang. Sein Herz sagt ihm nichts; nicht, daß er das Blut dieser Frau, das einem andern gehörte, getrunken; nicht, daß er seinen besten Schlaf an diesem jetzt eingesunkenen Busen geschlafen; nicht, daß diese schlotternden Arme ihn gewiegt, ihn getragen haben. Das Herz sagt ihm nichts; denn das Herz ist nur ein Muskel, der Blut pumpt, einerlei, aus welchem Brunnen.

Als er aber beim Abschied ihre letzten brennenden Küsse empfangen hat und endlich, nachdem er sich vor den alten Frauen und der Krankenpflegerin verbeugt hat, aus der Krankenluft herausgekommen ist und unter den Bäumen auf dem Hofe Atem holt, fühlt er eine Schuld; eine schlecht angelegte Schuld, die er nicht anders bezahlen kann als mit ewiger Dankbarkeit und etwas Essen in einem Beutel und einem Reichstaler im Gesangbuch. Und er schämt sich, daß er froh ist, von den braungestrichenen Betten des Leidens fortzukommen.

Das war seine Amme, die fünfzehn Jahre unter Krämpfen und Ausmergelung in demselben Bette lag, bis sie starb. Sein Bild mit der Gymnasiastenmütze wurde ihm von der Leitung des Krankenhauses am Sabbatsberg zurückgesandt. Lange Jahre hatte es dort gehängt, nachdem der erwachsene Jüngling schließlich nur einmal im Jahr ihr eine Stunde unbeschreiblicher Freude geopfert, die für ihn eine Stunde leichter Gewissensqual war. Wenn er auch von ihr Brand ins Blut, Krampf in die Nerven bekommen hatte, empfand er doch eine Schuld, eine repräsentative Schuld, denn persönlich war er ihr nichts schuldig, da sie ihm nichts anderes geschenkt hatte, als was sie verkaufen mußte. Daß sie gezwungen war, ihr Blut zu verkaufen, war das Verbrechen der Gesellschaft. Und als Mitglied der Gesellschaft fühlte er sich gewissermaßen mitschuldig.

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Auf dem Kirchhof ist er zuweilen. Da ist ihm alles fremd. Steinerne Keller mit Deckeln, die Buchstaben und Figuren tragen; Rasen, auf den man nicht treten darf; Bäume mit Laub, das man nicht anrühren darf. Großmutter bricht eines Tages einen Zweig ab, aber da kommt die Polizei.

Das große Gebäude, gegen dessen Fundament er immer anstößt, versteht er nicht. Leute gehen aus und ein; Gesang und Musik sind von innen zu hören; die Glocken läuten, und die Uhr schlägt. Es ist geheimnisvoll. Und auf dem östlichen Giebel sitzt ein Fenster, das ein vergoldetes Auge hat. -- Das ist Gottes Auge! -- Das versteht er nicht, aber es ist jedenfalls ein sehr großes Auge, das weit sehen muß.

Unter dem Fenster ist ein vergittertes Kellerloch. Großmutter zeigt dem Knaben, daß dort unten weiße Särge stehen. -- Dort wohnt die Nonne Klara. -- Wer war das? -- Das weiß er nicht, aber es war wohl ein Gespenst.

Er steht in einem außerordentlich großen Raum und weiß nicht, wo er zu Hause ist. Es ist sehr schön; alles in Weiß und Gold. Eine Musik, wie von hundert Klavieren, singt über seinem Kopf, aber er sieht weder die Instrumente noch den Spielmann. In langer Allee stehen Bänke da und ganz vorn ist ein Gemälde, wahrscheinlich aus der biblischen Geschichte. Zwei weiße Menschen liegen auf den Knien und haben Flügel, und da stehen große Leuchter. Das ist wahrscheinlich der Engel mit den beiden vergoldeten Lichtern, „der um unser Haus geht‟. Und dort steht ein Herr in rotem Rock und kehrt einem still den Rücken zu. In den Bänken beugen sich die Menschen nieder, als ob sie schliefen. -- Nehmt die Mützen ab, sagt der Oheim und hält den Hut vors Gesicht.

Die Knaben sehen sich um und erblicken dicht neben sich einen braungestrichenen ungewöhnlichen Schemel, auf dem zwei Männer in grauen Mänteln und Kapuzen liegen; sie haben eiserne Ketten an Händen und Füßen, und Gardisten stehen neben ihnen.

-- Das sind Diebe, flüstert der Oheim.

Der Knabe findet es unheimlich, unerklärlich, ungewöhnlich, streng, auch kalt. Das finden die Brüder sicher auch; denn sie bitten den Oheim, gehen zu dürfen, und er geht sofort.

Unbegreiflich! Das ist sein Eindruck von dem Kultus, der die einfachen Wahrheiten des Christentums malen soll. Grausam! Grausamer als Christi milde Lehre. Das mit den Dieben war am schlimmsten. Eiserne Ketten und solche Mäntel!

* * * * *

Eines Tages, als die Sonne warm scheint, ist Unruhe im Hause. Möbel werden gerückt, Schubladen geleert, Kleider verstreut. Am nächsten Morgen kommt eine Droschke und holt sie. Und dann reist man; die einen auf Ruderbooten, die andern in der Droschke.

Am Hafen riecht es nach Öl, Talg und Steinkohlenrauch. Die frischgestrichenen Dampfer leuchten in glänzenden Farben und ihre Flaggen wehen. Karren rasseln an den großen Linden vorbei; das gelbe Reithaus liegt staubig und schäbig neben dem Holzschauer. Er soll auf dem Wasser fahren. Erst aber begrüßen sie den Vater in seinem Kontor.

Der Knabe ist erstaunt, einen fröhlichen, rüstigen Mann zu treffen, der mit braungebrannten Dampferkapitänen scherzt, freundlich und wohlwollend lächelt. Ja, er ist sogar jugendlich und hat einen Pfeilbogen, mit dem die Kapitäne nach dem Fenster des Reithauses zu schießen pflegen. Es ist eng im Kontor, aber sie dürfen hinter die grüne Schranke kommen und hinter einer Gardine ein Glas Porter trinken. Die Buchhalter sind höflich, achtsam, wenn der Vater sie anspricht. Johan hatte den Vater noch nie in seiner Tätigkeit gesehen; nur zu Hause als den müden und hungrigen Familienversorger und Richter, der lieber mit neun Personen in drei Zimmern wohnte als allein in zweien. Er hatte nur den beschäftigungslosen, essenden, zeitunglesenden Vater bei seinen nächtlichen Besuchen im Hause gesehen, nicht den Mann in seinem Tätigkeitskreis. Er bewunderte ihn, fühlte aber, daß er ihn auch jetzt weniger fürchtete; ja er glaubte, daß er ihn einst werde lieben können.

Er hat Furcht vor dem Wasser, aber ehe er sich's versieht, sitzt er in einem ovalen Zimmer in Weiß und Gold, mit roten Samtsofas. Ein so feines Zimmer hatte er noch nie gesehen. Aber alles klirrt und zittert. Er sieht durch ein kleines Fenster und erblickt grüne Ufer, blaugrüne Wellen; Heukähne und Dampfer ziehen vorbei. Es ist wie ein Panorama oder so, wie das Theater sein soll. Auf den Ufern marschieren kleine rote Häuser und weiße, vor denen grüne Bäume mit Blütenschnee stehen; große grüne Flächen mit roten Kühen ziehen vorbei, ganz wie in den Weihnachtsschachteln. Die Sonne macht eine Schwenkung und der Dampfer fährt unter Bäumen mit gelben Fransen und braunen Raupen hindurch, an Landungsbrücken mit bewimpelten Segelbooten; an Hütten, vor denen Hühner picken und ein Hund bellt, vorbei. Die Sonne scheint auf Fensterreihen, die auf dem Boden liegen, und alte Männer und Frauen geben mit Gießkannen und Harken umher. Dann kommen wieder lauter grüne Bäume, die sich aufs Wasser neigen, gelbe und weiße Badehäuser. Ein Kanonenschuß knallt über seinem Kopfe, das Pochen und Zittern hört auf; die Ufer machen Halt; er sieht eine Mauer über seinem Kopfe und Hosen und Röcke von Menschen, sowie eine Menge Schuhe. Er wird die Treppe hinaufgeführt, die ein goldenes Geländer hat, und er sieht ein großes, großes Schloß.

-- Hier wohnt der König, sagt jemand.

Das war das Schloß von Drottningholm; die schönste Erinnerung aus seiner Kindheit, die Märchenbücher mitgerechnet.

In einer weißen Hütte oben auf einem Hügel werden die Sachen ausgepackt, und dann rollen sich die Kinder im Grase, in richtigem grünen Grase, in dem keine Kuhblumen wachsen wie auf dem Klarakirchhof. Der Himmel ist so hoch und hell, und Wälder und Meeresflächen grünen und blauen in der Ferne.

Vergessen ist der Müllkasten, das Schulzimmer mit dem Geruch nach Schweiß und Urin; die schweren Kirchglocken dröhnen nicht mehr, die Totengräber sind fort.

Abends aber läutet es in einem kleinen Glockenstuhl, der ganz in der Nähe ist. Er sieht mit Erstaunen die kleine gefällige Glocke, die in der freien Luft schwingt und gerade recht über Park und Buchten singt. Er denkt an die grimmen Bässe im Turme zu Hause, deren dunklen Schlund er einen Augenblick gesehen hat, wenn sie durch die Luken schwangen.

Abends, wenn er müde und frischgewaschen nach allen Schweißbädern einschlummert, hört er das Schweigen in den Ohren klingen; vergebens wartet er darauf, daß die Glocke schlägt und der Turmwächter tutet.

Und am nächsten Morgen erwacht er, um aufzustehen und zu spielen. Er spielt, tagaus, tagein, eine ganze Woche. Niemals ist er einem im Wege, und alles ist so friedlich. Die Kleinen schlafen drinnen, und er ist den ganzen Tag draußen.

Der Vater ist nicht zu sehen. Aber am Sonnabend kommt er hinaus. Dann hat er einen Strohhut auf und ist heiter; kneift die Jungen in die Backen und lobt sie, daß sie gewachsen und braun geworden sind. Er schlägt nicht mehr, denkt das Kind. Es versteht nicht, daß das von etwas so Einfachem abhängen konnte, daß hier draußen mehr Raum vorhanden und die Luft reiner ist.

Der Sommer war glänzend, hinreißend wie ein Zaubermärchen. Unter Pappelalleen Lakaien mit silberbeschlagener Uniform; auf dem See himmelblaue Drachenschiffe mit richtigen Prinzen und Prinzessinnen; auf dem Wege gelbe Kaleschen, purpurrote Landauer und arabische Pferde, die zu vieren vor zügellangen Peitschen liefen.

Und das Schloß des Königs mit dem spiegelnden Fußboden, den goldenen Möbeln, den Kachelöfen aus Marmor, den Gemälden. Der Park mit seinen Alleen, die wie lange, hohe, grüne Kirchen waren; die Wasserkünste mit den Figuren, die nicht zu verstehen waren und wohl aus Märchenbüchern stammten; das Sommertheater, das ein Rätsel blieb, aber als Labyrinth benutzt wurde; der gotische Turm, immer geschlossen, immer geheimnisvoll, ohne eine andere Aufgabe, als das Echo von den Stimmen der Sprechenden wiederzugeben.

Im Park wurde er von seiner Kusine begleitet, die er Tante nannte. Ein eben erwachsenes hübsches Mädchen mit feinen Kleidern und einem Sonnenschirm. Sie kommen in einen Wald, den dunkle Fichten düster machen; sie wandern ein Stück weiter, immer weiter; da hören sie Gemurmel von Stimmen, Musik und das Klappern von Tellern und Gabeln; sie stehen vor einem kleinen Schloß, das keinem andern gleicht. Drachen und Schlangen schlängeln sich vom Dachfirst herab; Greise mit gelben, eirunden Gesichtern blicken mit schwarzen schiefen Augen herunter und haben Zöpfe im Nacken; Buchstaben, die er nicht lesen kann, die etwas gleichen und doch so verschieden von allem andern sind, kriechen am Dachgesims entlang. Unten aber im Schloß bei offenen Fenstern sitzen Könige und Kaiser zu Tisch, essen von Silber und trinken Weine.

-- Dort sitzt der König, sagt die Tante.

Ihm wird bange, und er sieht nach, ob er auf den Rasen getreten ist oder etwas Böses tun will. Er glaubt, der König, der schöne, wohlwollende Züge trägt, sieht mitten durch ihn hindurch; und er will fortgehen. Aber weder Oscar I. noch die französischen Marschälle oder russischen Generäle sehen ihn an, denn sie denken jetzt an den Pariser Frieden, der dem orientalischen Kriege ein Ende machen soll. Polizisten dagegen gehen umher wie brüllende Löwen, und an die erinnert er sich nicht gern. Wenn er nur einen sieht, fühlt er sich schuldig und denkt an drei Reichstaler und sechzehn Schillinge.

Er hat indessen die höchste Offenbarung der Macht gesehen, die höher ist als die der Brüder, der Mutter, des Vaters, des Verwalters, des Hauswirts, des Generals mit den Federn, der Polizei.

* * * * *

Es ist ein anderes Mal. Wieder mit der Tante. Sie gehen an einem kleinen Hause neben dem Schloß vorbei. Auf einem sandigen Hofe steht ein Mann in Zivil: Panamahut und Sommeranzug. Er hat einen schwarzen Bart und sieht stark aus. Rings um ihn läuft an einer Leine ein schwarzes Pferd. Der Mann rasselt mit einer Hasenklapper, knallt mit einer Peitsche, gibt Schüsse ab.

-- Das ist der Kronprinz! sagt Tante.

Er sah gerade so aus wie ein gewöhnlicher Mensch und war wie Oheim gekleidet.

Ein anderes Mal, im Park, tief im Schatten unter den hohen Bäumen, hält ein Offizier auf einem Pferd. Er grüßt die Tante, hält sein Pferd an, spricht zu Tante und fragt den Knaben, wie er heiße. Der antwortet wahrheitsgemäß, wenn auch etwas schüchtern. Das dunkle Gesicht sieht ihn mit guten Augen an, und er hört ein tiefes, dröhnendes Lachen. Darauf verschwindet der Reiter.

-- Das war der Kronprinz!

Der Kronprinz hatte ihn angesprochen! Er fühlt sich sehr gehoben und etwas sicherer. Der furchtbare Machthaber war ja nett.

Eines Tages erfährt er, daß Vater und Tante alte Bekannte eines Herrn sind, der auf dem großen Schlosse wohnt, ein Dreikant auf dem Kopfe und einen Säbel an der Seite hat. Das Schloß erhält ein anderes, freundlicheres Aussehen. Er ist so gut wie bekannt mit denen dort oben, denn der Kronprinz hat mit ihm gesprochen und Papa duzt den Rendanten. Jetzt versteht er, daß die bunten Lakaien unter ihm stehen, besonders als er erfährt, daß die Köchin mit einem abends ausgeht.

Er hat eine Ahnung von der sozialen Abstufung bekommen und entdeckt, daß er wenigstens nicht ganz unten steht.

Ehe er sich's versieht, ist das Zaubermärchen aus. Der Müllkasten und die Ratten sind wieder da; doch macht der Junge des Verwalters keinen Gebrauch mehr von seiner Überlegenheit, wenn Johan das Steinpflaster aufgraben will; denn Johan „hat mit dem Kronprinzen gesprochen‟ und die Herrschaften „haben auf Sommerfrische gewohnt‟.

Der Knabe hat die Herrlichkeit der Oberklasse in der Ferne gesehen. Er verlangt danach, wie nach einer Heimat, aber das Sklavenblut der Mutter erhebt sich dagegen. Aus Instinkt verehrt er die Oberklasse, verehrt sie zu sehr, als daß er zu hoffen wagte, dorthin zu kommen. Und er fühlt, daß er nicht dahin gehört. Aber er gehört auch nicht zu den Sklaven.

Das wird ein Zwiespalt in seinem Leben.

2.

+Die Abrichtung beginnt.+

Der Sturm war vorüber. Die Vereinigung der Verwandten begann sich aufzulösen. Man konnte selber gehen. Aber die Überbevölkerung, das tragische Schicksal der Familie, dauerte fort. Doch lichtete der Tod. Im Hause gab es immer schwarze Papiere von Begräbnisbonbons, die auf die Wände der Kinderstube geklebt wurden. Die Mutter trug beständig eine Schoßjacke, und alle Vettern und Tanten waren zu Gevattern verbraucht worden; jetzt mußte man sich an Buchhalter, Kapitäne, Restauratrizen wenden. Trotzdem schien der Wohlstand allmählich zurückzukehren.

Da der Raum allzu eng wurde, zog die Familie in einen Vorort und mietete in der Nordzollstraße sechs Zimmer nebst Küche. Gleichzeitig trat Johan im Alter von sieben Jahren in die höhere Lehranstalt von St. Klara ein.

Es war ein langer Weg für die kurzen Beine, zumal da vier Male am Tage gegangen werden mußte, aber der Vater wollte die Kinder abhärten. Das war richtig und löblich, aber soviel unnötiger Verbrauch der Muskel hätte durch kräftige Nahrung ersetzt werden müssen; das aber erlaubten die Mittel des Hauses nicht. Auch konnte die übertriebene Gehirntätigkeit nicht durch die einseitige Gehbewegung aufgehoben werden, zu der noch das Tragen der schweren Schulmappe kam.

Plus und Minus hoben sich nicht auf, und dieser Mangel an Gleichgewicht hatte neuen Zwiespalt zur Folge.

Im Winter wird der Siebenjährige mit seinen Brüdern um sechs Uhr geweckt, während es noch ganz dunkel ist. Er ist nicht ausgeschlafen, sondern hat noch das Schlaffieber im Körper. Vater und Mutter, Geschwister und Mägde schlafen weiter. Er wäscht sich mit kaltem Wasser; trinkt eine Tasse Gerstenkaffee und ißt ein Franzbrot, während er in Rabes Grammatik die Endungen der vierten Deklination durchnimmt; ein Stück von „Joseph wird von seinen Brüdern verkauft‟ durchliest; den zweiten Artikel nebst Erklärung herplappert.

Dann werden die Bücher in den Ranzen gesteckt und man geht. Auf der Nordzollstraße ist es noch dunkel. Jede zweite Öllaterne schaukelt in dem kalten Wind an ihren Stricken, und der Schnee liegt tief. Kein Knecht ist noch draußen gewesen und hat geschaufelt. Ein kleiner Streit entsteht zwischen den Brüdern über die Schnelligkeit ihres Marsches. Nur Bäckerwagen und Schutzleute sind in Bewegung. Bei der Sternwarte sind die Schneehaufen so hoch, daß Stiefel und Hosen feucht werden. Auf der Königshöhe tritt man beim Bäcker ein und kauft sich zum Frühstück ein Franzbrot, das gewöhnlich auf dem Wege verzehrt wird. Beim Heumarkt trennt er sich von den Brüdern, die in eine private Realschule gehen.

Als er schließlich an der Ecke der Klaraberggasse anlangte, schlug die Uhr, die verhängnisvolle Uhr der Klarakirche. Die Beine bekamen Flügel, der Ranzen schlug ihn in den Rücken, die Schläfen klopften, das Gehirn sprang unter den heftigen Schlägen der Pulse. Als er in die Kirchhofsgasse kam, sah er, daß die Klassen leer waren. Es war zu spät.

Die Pflicht war für ihn wie ein abgelegtes Versprechen. Höhere Macht, zwingende Not, nichts konnte ihn davon lösen. Der Schiffskapitän hat es gedruckt auf dem Frachtbrief, daß er sich verpflichtet, die Ware unbeschädigt an dem und dem Tage abzuliefern, „wenn Gott will‟. Wenn Gott Sturm oder Schnee sendet, ist er entbunden. Der Knabe aber hatte keine derartige Vorsichtsmaßregel getroffen. Er hatte seine Pflicht vernachlässigt, und er sollte bestraft werden: das war alles.

Schweren Schrittes ging er in die Klasse. Dort war nur der Kustos, der ihn anlächelte und seinen Namen auf die schwarze Tafel schrieb, unter der Überschrift: Sero.