Part 29
Das Verhältnis zum Vater war die ganze Zeit über gut gewesen, und der Alte hatte sich bis zu einem gewissen Grad für Erziehung empfänglich gezeigt. Aber sein unverständiger Stolz in einer so untergeordneten Eigenschaft, wie es die Vaterschaft ist, brach zuweilen aus und verletzte. Johan, der beständig zu Hause wohnte, brachte einige Abendstunden mit dem Vater zu und sprach mit ihm über alle Fragen des Lebens. Schließlich auch über Religion. Eines Tages sprach er eine halbe Stunde über Parker; zuletzt bat ihn der Alte um das Buch. Er behielt es einige Tage, sagte aber nichts, und Johan fand das Buch auf seiner Kammer wieder. Der Vater war zu stolz, um einzuräumen, daß der Freidenker ihn angesprochen habe; aber durch einen Bruder erfuhr Johan, der Vater sei besonders über die berühmte Predigt „Vom Alter‟ entzückt gewesen.
In der Frage der Opposition gegen den Professor verhielt sich der Vater schwankend. Er fand auch, Recht solle Recht bleiben, aber die Geringschätzung, mit der Johan von dem alten Professor sprach, gefiel ihm nicht. Johan sah indessen, daß er das Spiel gewonnen hatte und daß der Alte sich für seine Erfolge lebhaft interessierte.
Aber eines Tages im Frühling war Johan aufs Land gefahren, nachdem er dem Hausfräulein davon einfache Mitteilung gemacht hatte. Als er am andern Tage heimkehrte, wurde er mit Schelte empfangen.
-- Du verreisest, ohne es mir zu sagen?
-- Ich habe es dem Hausfräulein gesagt.
-- Ich verlange, daß du mich um Erlaubnis bittest, solange du mein Brot issest.
-- Um Erlaubnis bittest? Was ist das für ein Geschwätz?
Johan stand auf und ging; lieh sich hundert Kronen von einem Kaufmann, der ihm wohlwollte und fuhr mit drei Bundesbrüdern nach einer Insel im Stockholmer Inselmeer, wo sie sich bei einem Fischer für dreißig Kronen den Monat in Pension gaben.
Niemand suchte ihn zurückzuhalten. Wahrscheinlich brach die Krisis aus, weil Johan innerhalb der Leitung des Hauses fühlbaren Einfluß auf Vater und Geschwister auszuüben begann. Es war nämlich eine Herrin da, die ihre Macht nicht aus den Händen lassen wollte.
Den Sommer verbrachte Johan damit, daß er tüchtig fürs Examen arbeitete, denn jetzt hatte er keine Hilfe mehr von Hause zu erwarten. Es war ein gesundes und strenges Leben mit unschuldigen Vergnügungen. Er war bekleidet mit Schlafrock, Unterhosen, Wasserstiefeln. Die Kameraden hatten noch weniger an. Man badete, segelte, focht; spielte in freien Stunden wie Kinder. Johan gab sich ganz der zunehmenden Verwilderung hin. Starke Getränke kamen fast nie auf den Tisch; Johan fürchtete sie, denn sie machten ihn wahnsinnig.
Auf die Enthaltsamkeit und die Arbeit aber folgte das Verlangen, andere zu bekehren und eine große Selbstgefälligkeit. Die letzte ist immer die Folge, ob nun der Opferwillige fühlt, daß er in dieser Hinsicht besser ist als die andern, oder ob das Opfer gebracht worden, um sich besser zu fühlen. Er predigte einem Bruder, der trank, Nüchternheit; moralisierte die andern, die nicht arbeiteten, sondern nach dem Badeort fuhren, um zu tanzen oder stark zu essen. Er hatte Kierkegaard im Leibe, wollte ethisch sein und wetterte gegen die Ästhetik.
Er studierte nun Philologie und nahm Dante, Shakespeare und Goethe durch. Den letzten haßte er, weil der Ästhet war. Hinter allem lag wie ein dunkler Hintergrund der Bruch mit dem Vater. Nach der Bekanntschaft des letzten Winters sah er ihn indessen in einer verklärten Gestalt; hatte ihm für die Vergangenheit recht gegeben und alle kleinen Mißhelligkeiten der Kindheit vergessen. Am meisten vermißte er jedoch die Geschwister, besonders die Schwestern, die ihm persönliche Bekanntschaften geworden waren.
Die Arbeit mit Wortwurzeln und Wörterbuch war ihm eine Qual; jetzt aber peinigte und schulte er seine Phantasie gern durch strenge Arbeit. Das war die Pflicht, der Beruf.
Gegen Ende des Sommers war er wild und scheu. Die Kleider, die jetzt vorgesucht wurden, waren unbequem; der Kragen, den er monatelang nicht benutzt hatte, peinigte ihn wie ein Halseisen; die Stiefeletten waren zu eng. Ihm kam alles wie ein Zwang vor, gleich Konvention und Unnatur.
Einmal hatte man ihn zu einer Gesellschaft nach dem Badeort Dalarö verführt, aber er war sofort wieder umgekehrt. Er war schüchtern und konnte Eitelkeit und Gelächter nicht vertragen. Nicht etwa, weil er Unterklasse war, denn er hatte aufgehört das zu sein und sich als solche zu fühlen. Die Askese hatte seinen Willen und seine Tatkraft gestärkt.
* * * * *
Als die Universität in Upsala wieder begann, nahm er seine Reisetasche und fuhr hin, ohne mehr als eine Krone zu besitzen; ohne zu wissen, ob er ein Zimmer oder etwas zu essen bekommen werde.
Er konnte bei Rejd wohnen; dort legte er sich aufs Arbeiten.
Am ersten Abend suchte er ausgehungert Is auf. Der hatte den ganzen Sommer allein in Upsala gesessen und sah noch trauriger aus als gewöhnlich. Seine Erscheinung war jetzt die eines Schattens. Die Einsamkeit hatte seine Seele noch kränker gemacht. Er ging mit Johan aus und lud ihn zum Abendessen ein.
Is sprach wie gewöhnlich und zerriß sein Opfer; doch das wehrte sich, schlug zurück, indem es den Ästhetiker angriff. Is betrachtete den Ausgehungerten, wie er aß, und berauschte sich selbst an der Branntweinflasche. Er wurde mütterlich, zärtlich und erbot sich, Johan Geld zu leihen. Der dankte gerührt und nahm zehn Kronen an, denn jetzt borgte er ohne Furcht, weil er eine Zukunft zu haben glaubte.
Schließlich wurde Is berauscht und phantasierte. Dann schlug er plötzlich um, nannte Johan einen Egoisten und warf ihm vor, daß er die zehn Kronen genommen habe.
Der Selbstsucht verdächtigt werden, war das schlimmste, was Johan kannte, denn Christus hatte ihm eingeredet, das Ich müsse gekreuzigt werden. Sein Selbst war gewachsen, da er von Druck befreit worden und mit der Öffentlichkeit in Berührung gekommen war. Menschen, die hervorgetreten sind, bekommen ein größeres Ich durch die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird; oder ziehen sich die Aufmerksamkeit gerade deswegen zu, weil sie ein größeres Ich haben als die andern. Er fühlte, daß er auf einem rechten Weg für seine Zukunft arbeite; er drang vorwärts mit Arbeit und Willenskraft und vieler Freunde Hilfe; aber nicht durch Marktschreierei oder auf Schleichwegen.
Aber diese Beschuldigung schlug ihm ins Gesicht, denn sie mußte ja alle treffen, die ein Ego haben. Er wollte das Geld zurückgeben; da aber setzte sich Is aufs hohe Pferd, spielte den Gentleman und fuhr fort zu romantisieren. Johan hatte den Eindruck, dieser Idealist da sei ein Lump, der sich dämonisch mache, um die Reue über zehn Kronen zu verbergen.
Eine Zeitlang bildete Is eine einzige Gesellschaft, bis die Kameraden in der Universitätstadt anlangten. Er war immer undurchdringlich, seltsam, aber fesselnd. Schließlich, eines Abends, zeigte er eine neue Seite. Mitten in einem Gespräch, während Johan den Inhalt seines neuen Einakters erzählte, begannen seine Augen zu glühen; er schien Johan nur zu sehen, nicht zu hören. Dann wurde er elegisch, sprach schlecht von den Frauen und trat schließlich an Johan heran, um ihn zu küssen. Im Nu hatte Johan das Rätsel gelöst, durchschaute das Geheimnis des Scharlatans. Da packte er ihn bei der Brust und warf ihn in eine Ecke zwischen Ofen und Kommode; wie ein Sack lag der kleine zusammengefaltete Körper da. Darum also hatte der alte Student die Verbindung der Jünglinge aufgesucht! Darum also!
Jetzt kamen die Studenten an und alle hatten Geld. Johan wanderte mit seiner Reisetasche und seinen Büchern von einem zum andern; er fühlte, wie der Willkommene unwillkommen wurde, wenn er zu lange auf fremdem Sofa lag. So borgte er sich Geld für ein Zimmer. Es war ein elendes Loch mit einem Zeltbett, ohne Laken und Bezug. Kein Leuchter, nichts. Aber er legte sich ins Bett, ohne die Unterkleider auszuziehen, und arbeitete, während ein Licht in einer Flasche brannte. Dann und wann verschafften die Freunde ihm etwas zu essen.
Dann aber kam die Kälte. Sobald es dunkel wurde, ging er fort und lieh sich eine Feuerung Holz, das er in seiner Reisetasche nach Haus trug. Dann lernte er von einem Physiker, wie man Kohlenfeuer macht, wenn das Holz schwarz gebrannt ist. Auch führte ein Schornstein durch das Zimmer, der jeden Donnerstag, wenn gewaschen wurde, warm war. An dem stand er dann, die Hände auf dem Rücken, und lernte aus dem Buch, das er auf der herangeschobenen Kommode aufgestellt hatte.
* * * * *
Johans Einakter „Der Friedlose‟ wurde gespielt und mit Kälte aufgenommen. Der Stoff war religiös. Es drehte sich um Heidentum und Christentum; das Christentum wurde verteidigt als eine neue Zeitrichtung, nicht als Kirchenlehre. Christus selbst wurde beiseite geschoben, und Gott, der Einzige, der Wahre, auf seine Kosten erhöht.
Auch ein Familienkonflikt war vorhanden. Nach der damaligen Sitte wurden die Frauen zum Nachteil des Mannes herausgestrichen.
In einigen Sätzen deutete der Dichter auch an, wie er über des Dichters Stellung im Leben dachte.
DER JARL. Bist du ein Mann, Orm?
ORM. Ich bin nur ein Dichter geworden.
DER JARL. Darum bist du auch nichts geworden.
Johan glaubte jetzt nämlich, das Leben des Dichters sei ein Schattenleben; er habe kein Ich, sondern lebe nur in einem andern Ich. Aber ist es so sicher, daß der Dichter kein Ich hat, weil er nicht nur ein einziges hat? Vielleicht ist er reicher als andere, da er mehrere besitzt. Und warum ist es besser, ein Ich zu haben, da das einzige Ich jedenfalls nicht mehr unser Eigentum ist als mehrere Ichs; ein Ich ist ja ein von Eltern, Erziehern, Verkehr, Büchern zusammengesetztes Resümee? Vielleicht weil die Gesellschaft, als eine Maschinerie, verlangt, daß diese Einheiten, die Ichs, wie Räder, Muttern, Maschinenteile für einen beschränkten automatischen Zweck arbeiten sollen. Aber dann ist ja der Dichter mehr denn der Maschinenteil, wenn er selbst eine ganze Maschine ist?
In dem Einakter hatte Johan sich in fünf Personen verkörpert. Im Jarl, der gegen die Zeit kämpft; im Dichter, der überschaut und durchschaut; in der Mutter, die sich empört und rächt, deren Rachgier aber durch ihr Mitgefühl aufgehoben wird; in dem Mädchen, das mit dem Vater ihres Glaubens wegen bricht; in dem Geliebten, der eine unglückliche Liebe trägt. Johan verstand die Motive aller handelnden Personen; er sprach für die Sache aller.
Aber ein Theaterstück, das für Durchschnittsmenschen geschrieben wird, die über alles fertige Ansichten haben, muß Partei ergreifen für mindestens einige seiner Gestalten, um das immer leidenschaftliche und parteiische Durchschnittspublikum zu gewinnen. Das hatte Johan nicht tun können, weil er an ein absolutes Recht oder Unrecht nicht glaubte, aus dem einfachen Grunde, weil diese Begriffe alle relativ sind. Man kann recht für die Zukunft und unrecht für die Zeitgenossen haben; man hat dieses Jahr unrecht, bekommt aber nächstes Jahr recht; der Vater kann glauben, der Sohn habe recht, während die Mutter findet, er habe unrecht; die Tochter hat recht, zu lieben, wen sie liebt, der Vater aber glaubt, sie habe unrecht, einen Heiden zu lieben.
Das ist der Zweifel. Warum hassen und verachten die Menschen den Zweifler? Weil der Zweifel Entwicklung ist, und die Gesellschaft die Entwicklung haßt, da sie ihre Ruhe stört. Aber Zweifel ist gerade wahre Menschlichkeit und wird mit Humanität im Urteil enden. Nur der Dumme ist sicher; nur der Unwissende glaubt die Wahrheit gefunden zu haben. Aber Ruhe ist Glück, darum suchen die Pietisten das Glück in der Ruhe des Stumpfsinns. Der Zweifel zehrt an der Tatkraft, sagt man. Aber ist es denn besser, zu handeln, ohne sich zu besinnen und die Folgen der Handlung zu überlegen? Das Tier und der Wilde handeln blind, gehorchen der Begierde und dem Trieb; darin gleichen sie den Männern der Handlung!
Als er von der Aufführung nach Upsala zurückkehrte, wurde er wiederum von schmähenden Kritiken verfolgt. Teils waren sie wahr; zum Beispiel, daß die Form den „Kronprätendenten‟ entlehnt sei; aber auch das war nur zum Teil wahr, denn Johan hatte den eiskalten Ton und die herbe Sprache direkt aus den isländischen Sagen genommen, während er den Lebensinhalt aus seiner eigenen Vorratskammer geholt hatte. Der Hohn verfolgte ihn; er wurde für einen Mann gehalten, der Dichter werden wolle; das war das Schlimmste, dessen man verdächtigt werden konnte.
* * * * *
Während er Not leidet und arbeitet, kommt, eine Woche nach der Niederlage, ein Brief vom Rendanten des Königlichen Theaters mit dem Ersuchen, Johan solle sofort nach Stockholm kommen: der König wünsche ihn zu sehen.
Krankhaft mißtrauisch, glaubt Johan der Gegenstand eines Ulks zu sein; er geht sofort mit dem Brief zu seinem klugen Freund, dem Naturforscher. Dieser telegraphiert noch am Abend an einen bekannten Schauspieler des Königlichen Theaters und bittet ihn, den Rendanten zu fragen, ob er wirklich an Johan geschrieben habe.
In der Nacht schlief Johan unruhig, zwischen Hoffnung und Furcht hin- und hergeworfen. Am nächsten Morgen kam die Antwort: es sei richtig, Johan solle sofort kommen. Er reiste.
Warum zögerte er nicht, die königliche Gnade anzunehmen, während ihm doch der Empörer im Leibe saß? Weil er, ganz einfach, keiner demokratischen Partei angehörte; weder Mutter noch Vater je versprochen hatte, nicht die königliche Gunst anzunehmen; weil er an die Aristokratie glaubte, daran, daß die Besten zum Herrschen berechtigt sind. Und er glaubte nicht, daß die Besten dort unten zu finden sind; das hatte er ja auch in seiner kleinen Tragödie „Das sinkende Hellas‟ gezeigt, in der er die Demagogen verhöhnte. Tyrannen haßte er, aber dieser König war kein Tyrann. Zum Zaudern war also kein Anlaß, weder außer ihm noch in ihm.
Er fuhr also nach Stockholm und wurde vorgelassen. Der König war jetzt sehr krank, sah so abgezehrt und verfallen aus, daß er einen schmerzlichen Eindruck machte. Er war mild, wie er da mit seiner langen Tabakspfeife stand und den jungen bartlosen Dichter anlächelte, der stolpernden Schrittes zwischen den Reihen der Adjutanten und Kammerherren eintrat. Der König dankte Johan für das Vergnügen, das das Stück ihm bereitet habe. Er habe sich selbst in seiner Jugend mit einem Wikingergedicht beim Wettstreit der Schwedischen Akademie beteiligt und liebe das Altnordische. Er wolle dem jungen Studenten zu seinem Doktor verhelfen. Es schloß damit, daß er Johan an die Hofverwaltung wies, der er zu einer ersten Auszahlung Auftrag gegeben habe. Später solle es mehr werden. Dabei sprach er die Vermutung aus, Johan habe noch einige Jahre bis zum Doktorexamen.
Damit war seine nächste Zukunft gesichert. Johan fühlte sich von dieser Güte eines Königs, der an so viel und so viele zu denken hatte, dankbar gerührt.
Er kehrte nach Upsala zurück und sah zwei Monate lang, wie der Sonnenschein ihn in einen Stern verwandelt hatte. Der Hofmarschall, der ihm das Geld anwies, hatte ihn gefragt, ob er +später+ ins Ministerium oder die Bibliothek eintreten wolle. So weit waren seine Gedanken nicht gestiegen und stiegen auch jetzt noch nicht.
Der hauptsächlichste Zweck des menschlichen Strebens scheint zu sein und muß wohl sein: das Leben bis zum Tode auf die am wenigsten unangenehme Art zu fristen. Dieser Zweck schließt die Fürsorge für das Wohl der andern nicht aus; im Gegenteil, denn zum angenehmen Leben gehört das Bewußtsein, fremdes Recht nicht unnötig verletzt zu haben. Darum können rechtmäßig erworbene Reichtümer einem allein ein angenehmes Leben gewähren; darum kann keine Laufbahn, die über Leichen geht oder andere zur Seite schiebt, ein angenehmes Leben bereiten; darum ist der Utilitarismus, die Weltanschauung, die das Glück für die meisten will, nicht unmoralisch.
Trotz aller Askese konnte Johan nicht umhin, sich glücklich zu fühlen. Sein Glück bestand in der halben Gewißheit, daß er sein Leben leben könne, ohne die größeren Schmerzen zu erdulden, die Unsicherheit der Existenzmittel verursachen. Sein Dasein war von der Not bedroht gewesen; jetzt war er geschützt. Das Leben war ihm wiedergeschenkt, und es ist lieblich, leben zu dürfen, wenn man noch im Wachstum steht. Seine von Hunger und Oberanstrengung zusammengefallene Brust hob sich, sein Rücken wurde gerade, das Leben kam ihm nicht mehr so traurig vor. Er war mit seinem Los zufrieden, weil das Leben heller zu werden schien; er wäre undankbar gewesen, wenn er sich zu den Mißvergnügten gestellt hätte.
Lange dauerte das aber nicht. Als er die alten Kameraden um sich her in ihrer früheren Lage, die sich durch +sein+ Glück nicht verändert hatte, weiter arbeiten sah, fand er, daß eine Disharmonie eingetreten war. Sie waren gewohnt, ihm wie einem Notleidenden zu helfen; jetzt war das nicht mehr nötig. Sie hatten ihn gern, weil sie ihn beschützen durften; waren gewohnt, ihn unter sich zu sehen. Als er nun in die Höhe kam, neben sie, über sie, fanden sie ihn natürlich verändert. Die veränderten Verhältnisse hatten ihn verändern müssen. Der Notleidende ist nicht so kühn in seinen Ansichten und nicht so gerade im Rücken wie der Geborgene. Er war verändert für sie, aber war er darum schlechter? Selbstgefühl ist ja sonst eine geschätzte Ware. Genug, er verletzte nur mit seinem Glück; noch mehr dadurch, daß er nun seinerseits die andern glücklich machen wollte.
Das Geschenk brachte ihm Verpflichtungen, und Johan beeilte sich, Kolleg und Seminar zu belegen. Er machte am Ende des Semesters das Tentamen in Philologie, Astronomie, Staatswissenschaft; erhielt aber in allen Fächern eine geringere Zensur, als er gedacht hatte. Er hatte einerseits zu viel studiert, andererseits zu wenig.
Im Tentamen wurde er gewöhnlich von Aphasie ergriffen. Die Physiologie schreibt diese Krankheitsform Schäden zu, die der linken Stirnwindung zugefügt sind. Wirklich hatte Johan zwei Narben über dem linken Auge: die eine von einem Beilhieb, die andere von einem Stein, an dem er sich schwer geschlagen hatte, als er den Hügel der Sternwarte hinunterstürmte. Dieser Aphasie wollte er auch eine unüberwindliche Schwierigkeit, Reden zu halten und fremde Sprachen zu sprechen, zuschreiben. Er saß da, ohne antworten zu können, obwohl er mehr wußte, als gefragt wurde. Dann kam der Trotz und die Selbstquälerei, der Mißmut und die Neigung, die Flinte ins Korn zu werfen. Die Lehrbücher kritisierte er; fühlte sich unehrlich, wenn er das lernte, was er verachtete. Die Rolle, die man ihm gegeben, begann, ihm unbequem zu werden; er sehnte sich fort, wohin es auch sei, wenn er nur fort komme.
Nicht daß er das Geschenk als eine Wohltätigkeit empfunden hätte. Es war ein Stipendium, eine Belohnung für ein Verdienst, wie Künstler es zu allen Zeiten für ihre Ausbildung erhalten hatten; und der königliche Geber war nicht der Monarch, sondern der persönliche Freund und Bewunderer. Darum übte dieses Geschenk auch keinen Einfluß auf seine aufrührerischen Gedanken aus; höchstens, daß er für einen Augenblick verleitet wurde, die Welt gut zu finden, weil es ihm selber gut ging. Seine Opposition hatte sich jetzt auch schon vertieft; er schob nicht mehr die Schuld für die Verkehrtheit der Gesellschaft auf die Monarchie allein; er glaubte nicht, wie die Heiden, die Jahresernte würde besser werden, wenn man den König auf dem Altar der Götter schlachte.
Seine Mutter würde vor Freude über seine Auszeichnung geweint haben, hätte sie gelebt, so aristokratisch war sie.
Demokraten sind wir alle, bis zum Kronprinzen hinauf, indem wir das, was oben liegt, zu uns herunter wünschen; sind wir aber in die Höhe gekommen, wollen wir nicht wieder heruntergerissen werden. Die Frage ist nur die, ob das, was oben liegt, in geistigem Sinne höher ist und ob es wirklich dort liegen muß. Daran begann Johan jetzt zu zweifeln.
22.
+Auflösung.+
(1872)
Bei Beginn des Frühlings zog Johan mit einem ältern Kameraden zusammen, um die Studien fortzusetzen. Als er die alten Bücher, die er schon so lange studiert hatte, wieder vornehmen sollte, waren sie ihm sofort zuwider. Das Gehirn war voller Eindrücke, hatte dichterisches Material angehäuft und wollte nicht mehr aufnehmen; Phantasie und Gedanke arbeiteten bereits und konnten dem Gedächtnis nicht mehr allein die Herrschaft überlassen. Zweifel und Apathie stellten sich ein; manchmal blieb er den ganzen Tag auf dem Sofa liegen. Oft kam ihm ein Verlangen, alles hinzuwerfen, um in Leben und Tätigkeit hinauszukommen. Aber das königliche Stipendium hielt ihn in Fesseln; legte ihm Pflichten auf; hatte er doch, indem er es annahm, die Hand darauf gegeben, er werde den Doktor machen, der jetzt halb fertig war.
So begann er Philosophie. Als er aber die Geschichte der Philosophie gelesen hatte, fand er alle Systeme in gleichem Maße gültig oder ungültig, und sein Gedanke leistete Widerstand gegen alle fremden Gedanken.
In der Verbindung herrschte Spaltung und Schlaffheit. Man hatte alle seine Jugendgedichte vorgelesen und produzierte nichts Neues; die Sitzungen wurden nur mit Punsch abgehalten. Is hatte sich auch hier bloßgestellt; bei einer Szene mit einem andern Bundesbruder war er auch hier hinausgeworfen worden, hatte sein Messer gezogen und Schläge gekriegt. Er hatte sich unter einer lächerlichen Maske gerettet und war jetzt nur noch ein Gegenstand des Spottes, nachdem man entdeckt, daß seine Weisheit in Referaten aus den Zeitschriften der Studentenschaft bestand, welche die andern nicht zu benutzen wußten.
Bei Beginn des Semesters wurde außerdem vom Professor der Ästhetik ein ästhetischer Verein gegründet, durch den die „Runa‟ überflüssig wurde.
Bei einer Sitzung dieses Vereins kam Johans Empörung gegen die Autoritäten zum Ausbruch. Er hatte nämlich am Abend getrunken und war halbberauscht. Während des Gesprächs mit dem Professor kam man auf brennende Fragen. Johan wurde aus seinen Verschanzungen so weit herausgelockt, daß er erklärte, Dante habe wenig Bedeutung für die Menschheit und werde überschätzt. Johan hatte eine ganze Reihe guter Gründe, konnte sie aber nicht anbringen, als der Professor ihm zusetzte, während der ganze Verein sich um die Streiter scharte und sie in die Ofenecke drängte.
Johan wollte zuerst sagen, die Komposition der „Göttlichen Komödie‟ sei nicht originell, sondern eine sehr gewöhnliche Form, die kurz vorher in der Vision des Albericus angewandt worden. Er wollte behaupten, Dante habe in dieser Dichtung nicht die ganze Bildung und alle Gedanken seiner Zeit geben können, da er so ungebildet gewesen, daß er nicht Griechisch konnte. Dante sei kein Philosoph, da er den Gedanken in die Bande der Offenbarung geschlagen; deshalb sei er auch kein Vorläufer der Renaissance oder der Reformation. Er sei kein Patriot, denn er huldige einem deutschen Kaisertum von Gottes Gnaden; höchstens florentinischer Lokalpatriot. Auch Demokrat sei er nicht, denn er träume immer von einem vereinigten Papst- und Kaisertum. Er habe nicht das Papsttum angegriffen, sondern einige Päpste, die unsittlich gelebt, wie er selbst in seiner Jugend. Er sei ein Mönch, ein wahrhaft beschränktes Kind seiner Zeit, eile ihr nicht einen Schritt voraus, da er ungetaufte Kinder in die Hölle sende. Er sei ein enger Royalist, der Brutus neben Satan in den Brennpunkt der Hölle setze. Ihm fehle jede Selbstkritik, da er unter die schlimmsten Verbrechen Undankbarkeit gegen Freunde und Verrat gegen das Vaterland aufnehme, während er selbst seinen Freund und Lehrer Brunetto Latini in die Hölle befördert und den deutschen Kaiser Heinrich VII. gegen seine Vaterstadt Florenz unterstützt habe. Er habe einen schlechten Geschmack, da er zu den sechs größten Dichtern der Welt Homer, Horaz, Lucian, Ovid, Virgil und -- sich selbst rechne. Wie könnten moderne Menschen, die so streng gegen allen Skandal sind, Dante preisen, der durch seine Dichtung so viele lebende Personen und Familien entehrt und seine geliebte Vaterstadt Florenz beschimpft habe, als er unter den Dieben fünf Florentiner von edler Geburt findet.