Part 28
Als er dann am Ende von „Entweder -- oder‟ kam und fand, daß auch der Ethiker, der Sittliche, verzweifelt war; daß die ganze Pflichtlehre nur einen Philister geschaffen, da riß er mitten durch. Nein, dann lieber Ästhetiker! Aber man kann nicht Ästhetiker sein, wenn man fünf Sechstel seines Lebens Christ gewesen ist, und man kann nicht Ethiker sein ohne Christus. So wurde er wie ein Ball zwischen beiden hin- und hergeworfen, und das Ende war sehr richtig die Verzweiflung.
Hätte er nun die „Erbaulichen Reden‟ gelesen, würde er vielleicht dem Christentum einen Schritt näher gekommen sein; vielleicht, denn das zu entscheiden, ist jetzt (1886) schwer; aber Christus zurücknehmen, das hieß einen ausgerissenen Zahn wieder einsetzen, den man mit dem Zahnweh freudig aufs Feuer geworfen hatte. Es wäre auch möglich gewesen, daß er das ganze Buch als eine Jesuitenschrift in die Ecke geschleudert hätte, also gerettet worden wäre, wenn er gewußt hätte, daß „Entweder -- oder‟ einen nur zum Kreuz hinpeitschen sollte. So aber entstand nur eine schreiende Disharmonie. Die „Wahl‟ und der „Sprung‟ sollten ausgeführt werden! Aber wie und wohin? Zwischen ästhetisch und ethisch. Es ging hin und her. In den Weltenraum hinaus zum Paradoxon oder Christus konnte er den Sprung nicht tun; das wäre die Vernichtung oder der Wahnsinn gewesen. Aber Kierkegaard predigte den Wahnwitz. War es die Verzweiflung des Überbewußten, daß er immer bewußt ist? War es die Sehnsucht des Durchschauenden nach der Bewußtlosigkeit des Rausches?
Johan hatte wohl den Kampf zwischen seinem Willen und fremdem Willen kennen gelernt. Er hatte dem Vater Kummer gemacht, als er dessen Pläne kreuzte; aber das war gegenseitig; das ganze Leben bestand aus einem Gewebe von einander kreuzenden Willen. Des einen Tod, des andern Brot; nichts Gutes dem einen, ohne etwas Böses dem Übergangenen. Genuß und Leiden, in ewigem Wechsel und Kampf. Seine Sinnlichkeit oder Genußsucht hatten andere nicht gekränkt, andern nicht Kummer verursacht. Er besuchte allgemeine Mädchen, die nichts Höheres wünschten, als sich verkaufen zu können; er hatte niemals eine Unschuld verführt; war niemals gegangen, ohne zu bezahlen. Er war moralisch aus Gewohnheit oder Instinkt, aus Furcht vor den Folgen, aus Geschmack; aus Erziehung; aber gerade daß er sich nicht unmoralisch fühlte, war ein Mangel, eine Sünde. Nach der Lektüre „Entweder -- oder‟ fühlte er sich sündig. Der kategorische Imperativ schlich sich an ihn heran unter einem lateinischen Namen und ohne ein Kreuz auf dem Rücken, und er ließ sich anführen. Er sah nicht, daß es zweitausend Jahre Christentum waren, die sich verkleidet hatten.
Kierkegaard würde nicht so tief gegraben haben, wenn nicht eine Menge Umstände gerade damals mitgewirkt hätten. Kierkegaard predigte in den Briefen des Ästhetikers das Leiden als Genuß. Johan litt unter dem öffentlichen Hohn; er litt unter den Schmerzen, die seine schwere Arbeit hervorrief; er litt unter nicht erwiderter Liebe; er litt unter unbefriedigtem Geschlechtstrieb, weil es in Upsala schwer war, Mädchen zu bekommen; er litt unter dem Trinken, denn er war fast jeden zweiten Abend berauscht; er litt in seiner künstlerischen Tätigkeit unter Seelenkämpfen und Zweifeln; er litt unter Upsala und der häßlichen Landschaft; er litt unter der ungemütlichen Wohnung; er litt unter den Prüfungsbüchern; er litt unter dem bösen Gewissen, daß er nicht studierte, sondern schrieb.
Aber all dem lag auch etwas anderes zugrunde. Er war in strenger Arbeit und Pflichterfüllung erzogen. Jetzt lebte er gut, sorglos, genoß eigentlich. Das Studieren war ein Genuß; das Dichten, trotzdem es schmerzte, war ein unerhörter Genuß; das Kameradenleben war lauter Fest und Lustbarkeit. Sein Unterklassenbewußtsein erwachte und sagte ihm, es sei nicht recht, zu genießen, während andere arbeiteten; und seine Arbeit war ein Genuß, denn sie brachte ihm große Ehre ein und vielleicht auch Gold. Daher sein beständiges böses Gewissen, das ihn ohne Ursache verfolgte. Fühlte er jetzt bereits Zeichen dieses erwachenden Bewußtseins von unerhörter Schuld gegen die Unterklasse, die Sklaven, die arbeiteten, während er genoß? Erwachte jetzt bei ihm dunkel dieses Rechtsgefühl, das heute (1886) viele von der Oberklasse so ergriffen hat, daß sie nicht ganz ehrlich erworbene Kapitalien zurückgeben; Arbeit und Zeit der Befreiung der Unterklasse opfern; aus Trieb, aus Gefühl, gegen ihr eigenes Interesse arbeiten, um recht zu tun? Vielleicht!
Kierkegaard war aber nicht der Mann, die Disharmonie zu lösen. Erst den Philosophen der Entwicklungslehre blieb es vorbehalten, zwischen Sinnlichkeit und Vernunft, zwischen Genuß und Pflicht Frieden zu stiften. Die sollten das hinterlistige _Entweder -- oder_ streichen und das _Sowohl -- als auch_ verkünden, dem Fleisch das Seine und dem Geist das Seine geben.
Kierkegaards wirkliche Bedeutung wurde Johan erst viele Jahre später klar, als er in ihm ganz einfach den Pietisten, den Ultrachristen sah, der zweitausend Jahre morgenländische Ideale in einer modernen Gesellschaft verwirklichen wollte. Aber Kierkegaard hatte recht in einem Fall. +Sollte+ es Christentum sein, dann auch ordentlich; das „Entweder -- oder‟ galt jedoch hier nur für die Priester der Kirche, die sich Christen nennen.
Weiter sah Kierkegaard nicht; und von ihm, der sein Buch 1843 schrieb und zum Geistlichen erzogen war, konnte man nicht verlangen, daß er schrieb: entweder ein solches Christentum oder keins. In diesem Fall hätte man wahrscheinlich keins gewählt. Jetzt setzte er sich dafür ein: ob du nun ästhetisch oder ethisch bist, du mußt dich doch dem Wahnwitz Christus in die Arme werfen. Das Falsche war, ethisch und ästhetisch einander gegenüber zu stellen, denn sie passen recht gut zusammen. Aber Johan brachte sie niemals zusammen, bis er nach endlosem Kampfe im Alter von 37 Jahren ein Kompromiß versuchte, als er fand, daß Arbeit und Pflicht auch ein Genuß sind; und das Vergnügen selbst, gut angewandt, eine Pflicht.
Jetzt, 1870, ritt ihn das Buch wie ein Alp. Er wurde böse, als die Kameraden es als Dichtung hinstellen wollten. Es half nicht, daß sie es an Reichtum, Tiefe, Stil über Goethes „Faust‟ setzten. Johan konnte damals auch nicht verstehen, daß der Säulenheilige Kierkegaard selbst genossen hatte, als er Teil A schrieb; daß Verführer und Don Juan der Dichter selbst sind, der seinen Trieb in der Phantasie befriedigte. Nein, es sei Dichtung, glaubte man.
Alle Voraussetzungen für Kierkegaards Eintreten in Johans Leben waren gegeben; dazu kam jetzt die oben angedeutete Bekanntschaft, die gar keine Rolle gespielt hätte, wenn nicht der Boden bereitet gewesen wäre, denn auf die andern Kameraden wirkte der Mann schließlich nur lächerlich. Damit verhielt es sich indessen so. Bruder Thurs, der Sohn Israels, kam eines Tages und erzählte, er habe die Bekanntschaft eines Genies gemacht, das in die Verbindung einzutreten wünsche.
-- Ah, ein Genie!
Keiner der Bundesbrüder glaubte dieser Gnadengabe teilhaftig zu sein, nicht einmal Johan; und sehr fraglich ist, ob irgendein Dichter eigentlich geglaubt oder gefühlt hat, daß er es sei. Man kann, wenn man Vergleiche anstellt, finden, daß man bessere Arbeiten gemacht hat als andere; und ein guter Kopf wird natürlich fühlen, daß er etwas besser versteht als andere; aber ein Genie, das ist etwas Besonderes. Dieser Titel wird gewöhnlich erst nach dem Tode ausgeteilt und fällt jetzt aus dem Sprachgebrauch fort, nachdem man die Geschichte der Entwicklung des Genies gegeben hat.
Die Neuigkeit erregte Aufsehen, und der Unbekannte wurde unter dem Namen Is in die Verbindung gewählt. Er sei nicht Poet, hieß es, aber er sei gelehrt und ein starker Kritiker.
Eines Abends, als Zusammenkunft bei Thurs war, kam er. Bei der Tür blieb ein kleiner dünner Mensch stehen, der keinen Überrock hatte, sondern wie ein beurlaubter Arbeiter gekleidet war. Die Kleider sahen aus, als seien sie geborgt, denn Ellbogen und Kniekehlen hingen an den unrichtigen Stellen. (Das wurde sofort von Johan beobachtet, der Kleider früher zu erben pflegte.) In der Hand hielt er einen schmutzigen Hut von der Farbe einer Biersuppe, wie man ihn nur bei Leierkastenspielern sieht. Sein Gesicht sah aus wie das eines südländischen Rattenfallenhändlers. Das schwarze Haar hing auf die Schultern herab, und das Gesicht war von schwarzem Bart zugewachsen, der auf die Brust herabfiel.
-- Ist es möglich, fragte man sich, ist das ein Student?
Er glich allem andern und sah aus, als sei er vierzig Jahre alt; er war aber nur dreißig.
Mit dem Hut in der Hand blieb er an der Tür stehen wie ein Bettler und wagte sich kaum vor.
Nachdem Thurs ihn ins Zimmer gezogen und ihn vorgestellt hatte, wurde die Sitzung eröffnet. Is begann zu sprechen und man lauschte.
Es war die Stimme eines Weibes, die sich zuweilen in unverschämter Art zu einem Flüstern senkte, als verlange der Redner Totenstille oder spreche zu seinem eigenen Vergnügen. Wovon er sprach, würde schwer wiederzugeben sein, denn es handelte von allem, was er gelesen hatte; und da er zehn Jahre länger als die Zwanzigjährigen gelesen hatte, fanden die ihn in seiner Gelehrsamkeit bewundernswürdig.
Darauf las ein anderer ein Gedicht vor. Is sollte sich darüber äußern. Er begann mit Kant, berührte Schopenhauer und Thackeray und schloß mit einem Vortrag über George Sand. Keiner merkte, daß er nicht auf das Gedicht einging.
Dann zog man ins Wirtshaus, um zu essen. Is sprach immer Philosophie, Ästhetik, Weltgeschichte. Zuweilen mit einem traurigen Ausdruck in den schwarzen unbegreiflichen Augen, die nie auf der Gesellschaft ruhten, sondern ein unsichtbares Publikum weit in der Ferne, in unbekannten Räumen zu suchen schienen. Die Verbindung lauschte andächtig, hingerissen.
Von diesem Mann sollte Johan jetzt sein Urteil hören. Er sowohl wie einer der poetischesten Bundesbrüder fingen an, stark an ihrem Beruf zu zweifeln. Oft, wenn sie viel getrunken hatten, fragten sie einander, ob man glaube. Darunter verstand man, ob der andere zum Dichter berufen sei. Es war ganz der gleiche Zweifel, den Johan empfunden, als er sich fragte, ob er ein Kind Gottes sei. Jetzt sollte Is Johans neues Drama lesen und sein Urteil abgeben.
Eines Morgens ging Johan zu ihm hinauf, um sein Urteil zu hören. Is sprach bis Mittag. Wovon? Von allem. Aber er hatte jetzt in Johans Seele eingegriffen. Er hatte die Fäden durch Thurs' Berichte kennen gelernt und riß jetzt an ihnen nach Belieben. Nicht aus Mitgefühl wühlte er in Johans Eingeweiden, sondern aus einem Verlangen, das an die Spinne erinnerte. Über das Stück äußerte er sich nicht direkt, sondern entwarf den Plan zu einem neuen, nach seinem Sinn. Er wirkte wie ein Magnetiseur. Johan war betört, verließ ihn aber in Verzweiflung, als habe der Freund seine Seele genommen, sie zerpflückt und die Stücke von sich geworfen, nachdem er seine Neugier befriedigt.
Aber Johan kam wieder und saß auf dem Sofa des weisen Mannes, lauschte auf seine Worte, als seien sie ein Orakel; fühlte sich vollständig in seiner Gewalt. Oft glaubte er, es sei ein Geist, der auf dem Teppich wandere, wenn sein Körper in der Tabakswolke verschwand. Er wirkte „dämonisch‟, das heißt, beim ersten Anblick unerklärlich. Er hatte kein Blut in den Adern, keine Gefühle, keinen Willen, keine Begierden. Es war ein sprechender Kopf. Sein Standpunkt war keiner und alle. Er war ein Präparat von Büchern; der Mann war typisch für einen Buchgelehrten, der nie gelebt hatte.
Oft, wenn die Bundesbrüder allein waren, sprachen sie über Is. Thurs war seiner schon müde und fragte sich, ob er ein Verbrechen begangen habe, denn er schien von einer beständigen Unruhe getrieben zu werden. Dazu kam an den Tag, daß er Poet sei, seine Poesien aber nicht zeigen wolle, weil er von der Dichtkunst zu hoch denke. Auch wunderte man sich, daß man nie ein Buch in der Wohnung des gelehrten Mannes fand. Und dann fragte man sich, warum er diese Jünglinge aufsuche, denen er so überlegen war und deren Poesie er verachten mußte.
Die Jünglinge, die selbst am Ausgang der Romantik standen, kannten den blutlosen Romantiker nicht wieder, der den festen Boden unter den Füßen verloren hatte. Sie sahen in dem langen Haar und dem schäbigen Hut die Kopie von Murgers Bohémien. Sie wußten nicht, daß diese „Zerrissenheit‟ eine Pariser Mode war; daß diese hohle Weisheit von deutscher Mystik gesponnen wurde; diese Experimentalpsychologie aus Kierkegaard stammte; daß dieses interessante Wesen, das ein nicht begangenes Verbrechen durchblicken ließ, einen tiefen geheimen Kummer andeutete, Byron entlehnt war. Das verstanden sie nicht. Darum konnte Is auch mit Johans Seele spielen und ihn in seinem Garn halten. Ja, Johan war so von ihm eingenommen und umstrickt, daß er sich in einer Rede Gamaliel nannte, der zu Pauli (Is') Füßen gesessen, um Weisheit zu empfangen.
Das schließliche Ergebnis war, daß Johan eines Abends sein neues Drama verbrannte. Es war die Arbeit eines Vierteljahrs, die in Flammen aufging. Als er die Asche sammelte, weinte er. Is hatte, ohne es zu sagen, ihm gezeigt, daß er kein Dichter sei. Alles war ein Irrtum, auch das! Dazu kam die Verzweiflung darüber, daß er den Vater betrogen habe und nun keine Arbeit nach Haus bringen könne, die sein Versäumnis gerechtfertigt hätte.
In einem Anfall von Reue und um irgendein Ergebnis aufweisen zu können, meldet er sich zu der schriftlichen Prüfung im Latein, jedoch ohne die erforderlichen Aufgaben und Aufsätze geschrieben zu haben. Der Professor erblickt seinen Namen und kennt ihn nicht. Der Pedell kommt an einem Sonntagabend, als Johan eben von einem Mittagessen angeheitert zurückgekehrt ist. Johan geht kühn zum Professor und fragt, was er wolle.
-- Sie gedenken die schriftliche Prüfung in Latein zu machen?
-- Ja.
-- Aber ich sehe Ihren Namen nicht auf meiner Liste.
-- Ich habe schon die erste schriftliche Prüfung in Latein bestanden.
-- Das gehört nicht hierher. Man muß sich nach Gesetzen und Bestimmungen richten.
-- Ich kenne keine Bestimmung über die drei Aufsätze.
-- Ich glaube, Sie sind unverschämt!
-- Das mag so aussehen!
-- Hinaus, Herr, oder...
Die Tür wird geöffnet, und Johan ist hinausgeworfen. Er schwört, er werde doch kommen und schreiben; aber am nächsten Morgen verschläft er.
Also auch dieser Strohhalm ist verbrannt.
Eines Morgens kurz darauf kommt ein Kamerad und weckt ihn.
-- Weißt du, daß W. tot ist? (W. war ein Tischgenosse im selben Pensionat.)
-- Nein!
-- Er hat sich den Hals durchschnitten.
Johan stürzt in die Höhe, kleidet sich an und eilt mit dem Kameraden nach W.s Wohnung. Sie stürzen die Treppen hinauf und kommen auf einen dunkeln Boden.
-- Ist es hier?
-- Nein, hier!
Johan tappt nach einer Tür; die Tür gibt nach und fällt auf ihn. In diesem Augenblick sieht er eine Blutlache auf dem Fußboden. Er macht Kehrt, läßt die Tür los, ist die Treppen hinunter, ehe die Tür zu Boden schlägt.[5]
Diese Szene erschütterte ihn unerhört. Er fing an zu grübeln. W. hatte einige Tage vorher Johan im Park der Bibliothek getroffen, in dem Johan die Einsamkeit suchte, um an seinem Stück zu arbeiten. W. kam und grüßte; fragte, ob er ihm Gesellschaft leisten dürfe, oder ob er vielleicht störe. Johan antwortete aufrichtig, er störe. W. ging traurig davon. War es der ertrinkende Einsame, der eine Seele suchte und zurückgestoßen wurde? Johan fühlte sich beinahe schuldig an diesem Morde. Aber er war nicht zum Tröster berufen.
Jetzt spukte der Tote vor Johan; er wagte nicht mehr, sein Zimmer zu besuchen, sondern schlief bei Kameraden. Eine Nacht lag er bei Rejd. Der mußte das Licht brennen lassen und wurde in der Nacht mehrere Male von Johan, der nicht schlafen konnte, geweckt.
Eines Tages wurde Johan von Rejd mit seiner Blausäureflasche überrascht. Der billigte scheinbar den Plan zum Selbstmord, bat aber, vorher einen Abschiedsbecher mit ihm zu trinken. Sie gingen ins Wirtshaus, bestellten acht Grogs, die auf einem Tablett hineingetragen wurden. Jeder trank vier in vier Zügen; der Erfolg war der erwünschte: Johan ward eine „Leiche‟.
Er wurde nach Haus getragen; da aber die Haustür geschlossen war, trug man ihn über ein Grundstück und warf ihn über seinen Zaun. Dort blieb er in einem Schneehaufen liegen, bis er wieder auflebte und in sein Zimmer kroch.
Die letzte Nacht, die er in Upsala war, einige Tage später, schlief er auf einem Sofa bei Thurs, während die Kameraden über ihn wachten und die Zimmer hell erleuchtet waren. Sie wachten gutmütig bis zum Morgen; dann begleiteten sie ihn zum Bahnhof und setzten ihn in den Zug.
Als der Zug aus dem Weichbild von Upsala herausfuhr, atmete Johan wieder. Es war ihm, als habe er etwas Garstiges, Unheimliches verlassen, etwa eine nordische Winternacht mit dreißig Grad Kälte. Er schwor, sich niemals wieder in dieser Stadt niederzulassen, in der die Seelen, von Leben und Gesellschaft verbannt, infolge Überproduktion der Gedanken faulten, von nicht abfließendem Grundwasser zerfressen wurden, wie Leere mahlende Mühlsteine Feuer fingen.
21.
+Der Schützling eines Königs.+
(1871)
Als Johan wieder zu den Eltern nach Hause kam, fühlte er sich geborgen, als sei er nach einer stürmischen und nächtlichen Bootsfahrt an Land gestiegen. Und wieder schlief er eine ruhige Nacht in seinem alten Zeltbett auf der Kammer der Brüder.
Hier sah er jetzt stille geduldige Menschen, die zu bestimmten Zeiten kamen und gingen, arbeiteten und schliefen; genau ebenso wie früher, ohne von Träumen oder ehrgeizigen Plänen beunruhigt zu werden. Die Schwestern waren zu großen Mädchen herangewachsen und führten den Haushalt. Alle arbeiteten, nur er nicht. Wenn er damit sein ausschweifendes, regelloses Leben verglich, das keine Ruhe, keinen Frieden kannte, hielt er sie für glücklicher und besser. Es war ihnen ernst mit ihrer Lebensführung; sie verrichteten ihre Arbeit, erfüllten ihre Pflichten, ohne zu lärmen oder zu prahlen.
Er suchte jetzt alte Bekanntschaften unter Kaufleuten, Kontoristen, Schiffskapitänen auf und fand sie alle neu und erfrischend. Sie führten seine Gedanken in die Wirklichkeit zurück; er fühlte wieder festen Boden unter den Füßen. Damit begann er falsche Idealität zu verachten; wie er zugleich einsah, daß es unwürdig vom Studenten sei, den Philister zu verachten.
Dem Vater beichtete er jetzt, einfach und offen, jedoch ohne Reue, sein elendes Leben in Upsala und bat ihn, zu Hause bleiben zu dürfen, um von dort aus das Examen zu machen; sonst sei er verloren. Das wurde ihm erlaubt, und nun bereitete er seinen Feldzugsplan für den Frühling vor. Zuerst wollte er bei einem guten Lehrer in Stockholm die lateinische Arbeit schreiben; im Frühling wollte er dann nach Upsala fahren, um sich durchzuschlagen. Ferner wollte er seine Abhandlung in Ästhetik schreiben und sich für die Prüfung in diesem Fach vorbereiten. Mit diesen Vorsätzen begann er ein ruhiges Arbeitsleben, als Neujahr kam.
Noch aber hatte er die Niederlage mit dem „Freidenker‟ nicht verwunden. Auch reizten ihn die Fragen der Freunde, ob sie nicht bald etwas Neues von ihm sehen würden. So entschloß er sich, in vierzehn Tagen sein verbranntes Stück noch einmal zu schreiben, und zwar als Einakter.
Das geschah. Und dann studierte er.
Als der April kam, schrieb er eine Probearbeit für seinen Lehrer, und der schwor darauf, daß er durchkommen werde. Dann fuhr er nach Upsala. Dem Vater gefiel diese Kraftprobe nicht übel, als er hörte, Johan sei ganz sicher, aber er fragte, ob es nicht praktischer sei, sich dem Professor zu fügen.
-- Nein, jetzt sei es eine Prinzipienfrage und eine Ehrensache.
Er ging in die Sprechstunde des Professors und wartete, bis er an die Reihe kam. Als der Alte ihn erblickte, wurde er rot und fragte:
-- Sind Sie wieder hier?
-- Ja!
-- Was wollen Sie?
-- Mich zur lateinischen Arbeit anmelden.
-- Ohne eine Probearbeit geschrieben zu haben?
-- Ich habe die in Stockholm geschrieben, und ich wollte nur fragen, ob die Satzungen mir erlauben, die schriftliche Prüfung zu machen.
-- Die Satzungen? Fragen Sie den Dekan danach; ich weiß nur, was +ich+ verlange.
Johan ging und suchte sofort den Dekan auf. Das war ein junger, lebhafter, sympathischer Mensch. Johan trug seine Sache vor und schilderte den Verlauf.
-- Die Satzungen sagen nichts darüber, aber der alte P. läßt Sie ohne Satzungen durchfallen.
-- Das werden wir doch sehen! Erlauben Sie, Herr Dekan, daß ich die schriftliche Prüfung machen darf?
-- Das kann Ihnen nicht verweigert werden. Sie wollen also Ihren Willen durchsetzen?
-- Ja, das will ich!
-- Sind Sie denn so sicher?
-- Ja!
-- Dann Glück auf! sagte er und klopfte Johan auf die Schulter.
Er ging zur schriftlichen Prüfung, schrieb seine Arbeit. Nach einer Woche erhielt er ein Telegramm: Bestanden. Man schrieb diesen Ausgang dem Edelmut des Professors zu und mißbilligte Johans unbefugtes Vorgehen; Johan aber schob den Erfolg auf seinen Fleiß und seine Kenntnisse, wenn er auch nicht leugnen konnte, daß der Professor ein ehrlicher Mann gewesen, da er ihn nicht durchfallen ließ, obwohl er die Macht dazu besaß.
Im Mai sollte die Prüfung in Ästhetik sein. Gegen allen Brauch sandte Johan seine Abhandlung durch die Post nach Upsala und bat brieflich, die Prüfungsstunde festzusetzen.
Die Abhandlung hieß „Hakon, der Jarl‟, behandelte Öhlenschlägers Drama und drehte sich um Idealismus und Realismus. Ihr Zweck war: erstens dem Professor eine Vorstellung zu geben, wie belesen der Verfasser in der Ästhetik im allgemeinen sei und welche Kenntnisse er besonders in der dänischen Literatur habe; zweitens dem Verfasser selbst Klarheit über seinen Standpunkt zu verschaffen.
Nach Kierkegaard hatte Johan sich selbst und seinen überwundenen Standpunkt in der Person des Bruders A. angegriffen. Bruder A. beginnt mit seinen Zweifeln, ob es ein allgemein gültiges Urteil gebe, kann aber diesen Knoten nicht lösen. Schlägt mit seinen Studien auf dem Nationalmuseum um sich und kommt dann sofort auf „Hakon, den Jarl‟.
Bruder B. nimmt den Bruder A. vor, karikiert sich selbst, dabei auch einige Züge von Is entlehnend; trägt seine Ansichten über die dänische Literatur vor; um eine selbständige Ansicht zu zeigen, muß er dabei Professor Dietrichson angreifen. Dann pflügt er mit Georg Brandes' Kalbe in Shakespeares Stoppelfeld und stürzt sich schließlich auf Kierkegaard.
-- Was will denn Kierkegaard? fragte er. Ich glaube, er weiß es selbst nicht! Aber was er nicht will, ist: Unglaube, Irreligiosität, Leichtsinn... Leider wußte Johan nicht, daß Kierkegaard das Paradoxon wollte.
Zu der bestimmten Zeit trat Johan vor den Lehrer, der sonst für liberal und human galt. Er merkte sofort, eine Sympathie war nicht vorhanden. Mit einer fast verächtlichen Miene gibt ihm der Professor die Schrift zurück. Er erklärt, sie passe am besten „für die Leserinnen der Neuen Illustrierten Zeitung‟; auch sei die dänische Literatur nicht von solchem Interesse, daß sie ein Spezialstudium werden könne.
Johan war verletzt und erklärte, die dänische Literatur habe größeres Interesse für Schweden als zum Beispiel Malesherbes und Boileau, über die andere geschrieben hatten.
Die Prüfung beginnt und nimmt den Charakter eines heftigen Streites an. Sie wird am Nachmittage fortgesetzt und endet mit einer Zensur, die unter der erwünschten ist und der Erklärung, Universitätstudien könnten nur an der Universität gemacht werden.
Johan wendet ein, ästhetische Studien seien am besten in Stockholm zu machen, wo man Nationalmuseum, Bibliothek, Theater, Hochschule der Musik, Künstler habe.
Nein, das sei Unsinn; hier in Upsala müsse es sein.
Johan ließ etwas über Kolleg und Seminar fallen, und man trennte sich nicht als Freunde.
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