Part 26
Als er dagegen große, neue Gedanken via Christiania oder direkt vom Ausland durch Ibsen und Björnson bekam, hätte der Schwede das Nettogewicht behalten, die norwegische Tara aber lassen sollen. Das „Puppenheim‟ sogar ist norwegisch. Nora ist verwandt mit den isländischen Frauen, die das Matriarchat mitnahmen; gehört zur Familie der unheimlichen herrschsüchtigen Frauen der „Krieger auf Helgeland‟: die sind reine Norwegerinnen, bei denen die Gefühle erfroren oder durch die Familienheiraten der Jahrhunderte verwachsen sind. Die schwedische Frauenliteratur ist norwegisch-norwegisch, mit ihrer unbescheidenen idealen Forderung an den Mann und mit ihrem Verhätscheln der verwöhnten Frau; mehrere junge Schriftsteller haben norwegischen Stil in die schwedische Sprache eingeführt, und eine Schriftstellerin hat schließlich die Handlung nach Norwegen verlegt und den Helden norwegisch sprechen lassen. Weiter kann man nicht gehen!
Ausländisches gern, denn das ist universal; aber nicht Norwegisches, denn das ist provinziell, und das haben wir selbst ebenso gut!
* * * * *
So war er wieder in Upsala, in dieser Universitätsstadt, aus der er vor neun Monaten geflohen, in die er höchst ungern wieder zurückging.
Zu etwas gezwungen werden, was er nicht wollte, machte immer den Eindruck auf ihn, als begegnete er einem persönlichen Feinde, der ihm seine Wünsche und seine Abneigungen ablistete und ihn zwang, sich zu beugen. Da er noch unter Gottes besonderer Aufsicht zu stehen glaubte, nahm er das hin, als diene es zu seinem Besten. Später aber hatte er das Gefühl, es gebe eine böse Macht. Aus diesem Gefühl entwickelte sich dann der Glaube an zwei lenkende Mächte, eine böse und eine gute, die sich in der Herrschaft teilten oder sich ablösten.
Er fragte sich wieder, was hast du hier zu tun? Den Doktor zu machen; vor allem aber den Rückzug vom Theater zu decken. Insgeheim wollte er wohl ein Stück schreiben, um sich unter dem Schutz des Erfolges dem Examen zu entziehen.
In der ersten Zeit fühlte er sich durchaus nicht wohl auf seiner einsamen Bodenkammer. Er war jetzt an Komfort gewöhnt, an große Zimmer, guten Tisch, Bedienung und Gesellschaft. Gewohnt, als Mann behandelt zu werden und mit älteren gebildeten Menschen zu verkehren, konnte er sich schwer darein finden, wieder Student zu sein. Aber er warf sich ins Gewimmel und hatte bald drei verschiedene Verkehrskreise.
Zuerst die Mittagsgesellschaft, die aus Medizinern und Naturforschern bestand. Von ihnen hörte er zum ersten Male den Namen Darwin; dieser Name flog an ihm vorbei wie eine Lehre, für die er noch nicht reif war.
Dann die Abendgesellschaft, die aus einem Theologen und einem Juristen bestand; mit denen spielte er Karten bis tief in die Nächte hinein.
Er glaubte jetzt nur deshalb in Upsala zu sein, um zu wachsen, älter zu werden; und daß es ziemlich einerlei war, was er tat, wenn nur die Zeit verbracht wurde. Er warf jetzt ein Trauerspiel „Erich XIV.‟ nieder. Fand es aber schlecht und verbrannte es, denn die Selbstkritik war erwacht und die Forderungen gewachsen.
Später im Semester kam er in eine dritte Gesellschaft, die dann sein besonderer Kreis wurde für die ganze Zeit in Upsala und noch länger. Zufällig traf er eines Abends einen älteren Kameraden, mit dem er die Privatschule besucht hatte. Sie sprachen von Literatur, und bei einem Glase Grog wurde der Plan entworfen, einige junge Dichter zu einer Gesellschaft zusammenzubringen. Das hieß eine Art Wirkungskreis schaffen.
Der Plan wurde ausgeführt. Außer Johan und dem zweiten Stifter wurden vier junge Studenten gewählt. Es waren vortreffliche Jünglinge, ideal angelegt, wie man sagt; hatten gute Vorsätze und schwärmten für unbekannte Ideale. Sie waren mit den Widerwärtigkeiten des Lebens noch nicht in Berührung gekommen, hatten vermögende Eltern, keine Sorgen und wußten noch nichts vom Kampfe ums Brot. Johan hatte eben die unangenehmsten Verhältnisse verlassen, Menschen gesehen, die sich immer die Zähne zeigten, eingebildete leere Schauspielereleven; jetzt sah er sich in eine neue Welt versetzt. Da gingen die seligen Jünglinge an ihren gedeckten Tisch, rauchten feine Zigarren, machten ihre Spaziergänge, poetisierten schön über das schöne Leben, das sie noch nicht kannten.
Satzungen wurden entworfen und die Verbindung nahm den Namen „Runa‟ an, der Lied bedeutet. Daß man sie Runa nannte, kam wohl von der nordischen Renaissance, die mit dem Skandinavismus gekommen war; von König Karl XV. in der Poesie, von Winge und Malmström in der Malerei, von Molin in der Bildhauerei geadelt wurde und jetzt ebenso schön in Björnsons und Ibsens Dramen aus dem alten nordischen Leben aufgelebt war. Auch trug das Studium der isländischen Sprache dazu bei, das eben an der Universität eingeführt war.
Die Anzahl der Mitglieder sollte höchstens neun sein; jeder erhielt als Bundesbruder eine Rune als Namen. Johan wurde Frö und der zweite Stifter Ur. Alle Richtungen waren vertreten. Ur war ein großer Patriot und verehrte Schweden mit dessen Erinnerungen. Das Land habe die feinste Geschichte von Europa und sei immer frei gewesen. Sonst war er ein realistisch veranlagter Mann, der einen ausgebildeten Sinn für Statistik, Staatswissenschaft, Biographie besaß, ein strenger und geschickter Kritiker der Form war, auch die Verwaltung des Bundes führte. Verläßlicher Freund, guter Gesellschafter, hilfreich und herzlich.
Auch ein vollblütiger Romantiker war da, der Heine las und Absinth trank; ein gefühlvoller Jüngling, der noch für alle alten Ideale schwärmte, aber am meisten für Heine.
Da war ein Seraph, der das unendlich Kleine besang, besonders die Seligkeit der Kindheit.
Da war einer, der still die Natur verehrte.
Schließlich einer, der aus allem das Beste auswählte und improvisierte. Es war ein Kind Israels; seine Fähigkeit, auf eine Aufforderung hin zu improvisieren, war unglaublich; und zwar konnte er es in jeder Tonart. Zwei Minuten nach der Aufforderung stand er auf und sprach aus dem Stegreif wie Anakreon, wie Bellman, wie Horaz, wie die Edda; was es auch sein mochte, auch in fremden Sprachen.
Die erste Zusammenkunft war bei Thurs, dem Improvisator, der am geräumigsten wohnte, zwei Zimmer und die besten Pfeifen hatte. Als einer der Stifter verlas Johan zuerst von allen seine Antrittsrede, die nach den Satzungen in Versen sein mußte. Sie begann mit Brages Harfe, die verstummt sei, und fragte nach dem Barden. Das war das Neunordische, das man jetzt wieder ausgraben zu müssen glaubte. Mit den Worten „das kleinliche Streben der Zeit‟ wurde das ganze Programm der Idealisten bezeichnet. Die große Arbeit der Zeitgenossen für die Wirklichkeit, für Verbesserung der Lebensbedingungen sei kleinlich. Der Geist war in der Materie gefangen; darum sollte die Materie der Feind sein: das waren die Lehren der Romantik.
Dann geht der Dichter hinaus in die Natur, hört die Glocken der Domkirche, den Wind und die Vögel singen, um dann die sehr berechtigte Frage zu tun: Die Natur singt, warum sollte ich denn schweigen? Er beschließt, nicht länger zu schweigen, sondern loszusingen: vom Frühling des Lebens, dem fröhlichen und jungen; vom Herbst des Lebens, von der Liebe zur Heimaterde. Da kommt der weise Mann mit dem erfrorenen Herzen, nimmt sein Lied, zerpflückt es und nennt es Unsinn. Da verstummt der Gesang vor der Überklugheit des Tages.
Jetzt (1886) bestimmt zu sagen, was Johan damals (1870) mit Oberklugheit meinte, ist nicht leicht; aber das waren wohl ganz einfach Vorahnungen künftiger Kritiken; und der weise Mann war wohl niemand anders als der Kritiker.
Dann legt er los gegen die elenden Krämerseelen, die das goldene Kalb anbeten, aber keine Lieder lieben. Ein Zusammenhang mit dem Trachten der Zeit war hier nicht zu finden, denn in den sechziger Jahren herrschte infolge schlechter Ernten großer Mangel an Geld. Schwindel und Unwesen der Aktiengesellschaften begann erst mit den siebziger Jahren. Es war das Programm des Dichters damals, auf das goldene Kalb loszuhacken; darum schlüpfte dieses Stichwort in die Verse hinein.
Die Rede schließt wie üblich mit Tegnérs Epilog bei der Doktorpromotion, wenn auch die Todesgedanken des Einundzwanzigjährigen etwas unbegründet sind:
Ist einst in ferner Zeit das Jugendfeuer im Aug erloschen -- schlägt der Puls nur schwach, der Sänger nur ein Schatten noch, ein scheuer -- wenn wir dann hören einen Frühlingstag die neue Jugend ihre Lieder singen, hier oben in dem alten Odinshain, sie sollen in Erinnerung uns bringen den frischen frohen jungen „Lied‟-Verein.
Die beiden letzten Reihen enthielten kein Versprechen, hatten überhaupt keinen Sinn. Ein Programm wurde nicht gegeben. Daß das Lied im Norden verstummt sei, schwebte dem Jüngling vor; wie aber der neue Ton lauten sollte, gab er nicht an. Daß er oder die Verbindung neue Lieder beginnen werde, ließ er nicht durchblicken. Eine dunkle Ahnung ist in dem Gedicht, daß sie Epigonen seien. Es spricht nämlich die Besorgnis aus, die Nachwelt werde ihnen keinen Marmor errichten, sie würden verschwinden im Grab des Vergessens. Das Ganze ist eine Mischung von Bescheidenheit und Unverschämtheit, die für den Mann bezeichnend ist.
Ein poetisches Faulenzerleben begann. Jeden Abend kam man zusammen, entweder in der Kneipe oder bei einem Bundesbruder. Aber für einen künftigen Schriftsteller war die Zeit nicht verloren. Johan konnte aus der reichen Bibliothek der Kameraden schöpfen; durch den Meinungsaustausch gewöhnte er sich daran, die Literatur von vielen Gesichtspunkten zu sehen. Doch das Leben, die allgemeinen Interessen, die Politik des Tages, die existierten noch nicht; man lebte in Träumen.
Zuweilen erwachte sein Unterklassenbewußtsein und er fragte sich, was er unter den reichen Jünglingen zu schaffen habe. Doch er beruhigte sein Gewissen durch Rausch und Gespräche; er redete sich Mut ein, weiter zu gehen, etwas vom Leben zu verlangen. Denn er hatte, nach der Ansicht der Kameraden, einen guten Einsatz.
Seine Kammer war schlecht; es regnete durchs Dach, ein Bett war nicht vorhanden: nur eine Pritsche, die am Tage Sofa war. Wenn ihm die Zeit lang wurde und die poetischen Gespräche ihn ekelten, suchte er seinen alten Kameraden, den Naturforscher, auf. Da konnte er durchs Mikroskop sehen, hörte von Darwin und der neuen Weltanschauung sprechen. Dort fand er Rat, praktischen, wohlwollenden; und dieser Freund war es, der ihn ermahnte, für das Königliche Theater einen Einakter in Versen zu schreiben.
-- Nein, in einem Akt habe ich keinen Spielraum; dann lieber ein Trauerspiel in fünf.
-- Aber das ist schwerer zur Annahme zu bringen.
Schließlich ließ er mit sich sprechen und beschloß, eine kleine Idee auszuführen, die von Thorwaldsens erstem Besuch in Rom handelte. Sein Freund lieh ihm Bücher über Italien, und er begann zu arbeiten.
In vierzehn Tagen war das Stück fertig.
-- Das wird gespielt werden, sagte der Freund. Das sind Rollen, siehst du!
Da es bis zur nächsten Zusammenkunft der Verbindung noch weit war, eilte Johan am Abend zu Thurs und Rejd hinauf und las ihnen das Stück vor. Sie waren beide der Meinung des Naturforschers: das Stück werde gespielt.
Und sie schmausten und tranken Champagner; hielten Reden und tranken bis zum Morgen; bis sie auf Rejds Fußboden einschliefen, die Punschgläser neben sich. Sie erwachten in einigen Stunden, leerten bei Sonnenaufgang die halbvollen Gläser und gingen hinaus, um weiter zu feiern.
Die Teilnahme der beiden war herzlich, uninteressiert, warm, ohne eine Spur von Neid. Immer erinnerte sich Johan gern an diesen seinen ersten Erfolg: es war eine seiner besten Jugenderinnerungen.
Der schwärmerische ergebene Rejd vermehrte die Dankbarkeitschuld, indem er mit seiner zierlichen Handschrift das Stück ins Reine schrieb. Dann wurde das Erzeugnis an die Direktion des Königlichen Theaters gesandt.
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Der Frühling kam und den Mai verlebte man in einem einzigen Rausch. Die Verbindung hatte eine Klause im „Kleinen Verderben‟ für ihre Abendschmäuse ausersehen. Dort wurde gesprochen, Reden gehalten, unmäßig getrunken.
Schließlich mußte man sich trennen, da die Ferien begannen; verabredete aber, sich noch einmal in Stockholm zu treffen, um durch einen Ausflug ins Grüne den Feiertag der Verbindung zu begehen.
An einem Junimorgen um sechs Uhr versammelten sich die vier Stammbrüder der Verbindung im Hafen von Stockholm, wo ein Ruderboot gemietet war. Die Bundeslade, ein großer Karton, in dem die Akten verwahrt wurden, verstaute man neben Mundvorrat und Flaschenkörben. Nachdem Os und Rejd die Ruder genommen, steuerte man auf den Kanal zu, der durch den Tiergarten führt, um den Bestimmungsort, eine Landzunge auf der Lidinginsel, zu erreichen.
Thurs blies Bellmansche Melodien auf einer Flöte und Frö (Johan) begleitete ihn auf einer Gitarre, die er in Upsala spielen gelernt hatte.
Sobald man gelandet, wurde auf einer Wiese am Strande das Frühstück gedeckt. Mitten auf das Tischtuch wurde die Bundeslade gestellt, mit Grün und Blumen bekleidet; auf die stellte man die Branntweinflasche nebst Gläsern. Johan, der für sein in Griechenland spielendes Trauerspiel griechische Altertümer studiert hat, ordnet die Mahlzeit auf griechische Art: die Gäste essen liegend und bekränzt. Darauf macht man zwischen einigen Steinen ein Feuer und kocht Kaffee. Um neun Uhr morgens wird Kognak und Punsch getrunken.
Johan liest sein religiöses Drama „Der Freidenker‟ vor. Nach der Vorlesung wird es kritisiert. Dann läßt man der Beredsamkeit freien Lauf. Thurs ist der größte Sprecher; er macht Gefühlen und Gedanken in gebundener Form Luft. Gedichte werden vorgelesen und mit Beifall aufgenommen.
Man musiziert. Johan singt zur Gitarre, bald romantische Volkslieder mit weinerlichem Vortrag, bald unanständige Weisen.
Als der Mittag kommt, sind die Geister noch heiß, aber etwas schläfrig.
Am Nachmittage, als die Sonne im Westen steht, hält man einen kurzen Schlummer. Dann wird der Rausch wieder aufgefrischt und geht in einen neuen Abschnitt über. Thurs, das Kind Israels, hat ein Gedicht über die Größe des Nordens vorgetragen und die alten Götter Skandinaviens angerufen. Ur, der Patriot, versagt ihm das Recht, sich andere Götter anzueignen. Man fängt Feuer bei der Judenfrage, Streit droht auszubrechen, es endet jedoch mit Umarmungen.
Jetzt beginnt das sentimentale Stadium. Man muß weinen, denn der Alkohol hat diese Wirkung auf Magenhaut und die Nerven der Tränendrüsen. Ur fühlt das Bedürfnis zuerst, und unbewußt sucht er etwas Trauriges auf. Er bricht in Tränen aus. Man fragt warum. Er weiß es zuerst nicht, schließlich aber findet er, daß man ihn als Bruder Lustig behandelt habe. Er beteuert, daß er eine sehr ernste Natur sei; daß er großen Kummer habe, den niemand kennt. Jetzt aber erleichtert er sein Herz und spricht von einer Familiengeschichte. Nachdem er sich erleichtert hat, wird er wieder froh.
Aber der Abend ist lang, und man sehnt sich nach Haus. Die Gehirne sind leer; man ist einander müde, hat Spiel und Rausch satt. Man wird tiefsinnig und untersucht die Philosophie des Rausches. Woher haben die Menschen diese Sucht, sich wahnsinnig zu machen? Und was liegt dahinter? Ist es des südländischen Auswanderers Sehnsucht nach einem verlorenen sonnigen Dasein? Ein Bedürfnis muß dem Rausch zugrunde liegen, denn eine Unart könnte nicht, ohne einen Sinn zu besitzen, die ganze Menschheit ergriffen haben. Ist es der Gesellschaftsmensch, der im Rausch alle gesellschaftliche Lüge abwirft, denn Verkehr und Staat verlangen unwillkürlich, daß man seine Gedanken nicht ausspricht? Warum liegt sonst die Wahrheit im Wein? Warum verehrten die Griechen Bacchus als einen, der Menschen und Sitten veredelt? Warum liebte Dionysos Frieden und warum sollte er Reichtümer verbreiten? Hat der Wein, der hauptsächlich vom männlichen Geschlecht genossen wird, Einfluß auf die Entwicklung der Intelligenz und Tatkraft des Mannes gehabt, so daß er dem Weib überlegen wurde? Und warum blieb Mohammeds Volk, das nicht Wein trinkt, auf einer Kulturstufe stehen, die für niedriger gehalten wird? Als das Salz der tägliche Nahrungsstoff bei Ackerbauer und Hirt wurde, um die Salze zu ersetzen, welche die früheren Jäger im Blut des Wildes erhielten, konnte da nicht der Wein ein Ersatz gewesen sein für verlorene Nahrungsstoffe? Und für welche? Ein Gedanke oder ein Bedürfnis muß einem so seltsamen Brauch zugrunde liegen. Oder sollte das Bedürfnis, das Bewußtsein zu verlieren, dem Satz der pessimistischen Schule recht geben, daß das Bewußte der Anfang des Leidens ist? Man wird ja naiv, unbewußt wie ein Kind; man wird ja ein Tier vom Wein! Ist es die verlorene Seligkeit, die man wiedergewinnen will? Aber die Reue, die hinterher kommt? Reue und Magensäure haben dieselben Symptome. Ist es etwa eine Verwechslung: wird als Reue empfunden, was nur Magenkrampf ist? Oder bereut der wieder zum Bewußtsein erwachte Trinker, daß er sich am Tage vorher entblößt, seine Geheimnisse verraten hat? Da ist doch etwas zu bereuen! Er schämt sich, daß er sich hat überrumpeln lassen; empfindet Furcht, weil er sich entblößt, die Waffen fortgegeben hat. Reue und Furcht liegen ja nahe beieinander.
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Noch einmal ertränkten die Bundesbrüder das Bewußtsein. Dann setzte man sich ins Boot, um nach Hause zu fahren. Jetzt aber gerieten Johan und Thurs in einen Streit über Bellman, der bis zum Hafen von Stockholm dauerte und mit scharfen Wahrheiten schloß.
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Einen alten Groll hatte Johan auf Bellman. Als er einst in seiner Schulzeit einen ganzen Sommer krank lag, hatte er aus Vaters Bücherschrank zufällig „Fredmans Episteln‟ von Bellman geholt. Er fand das Buch verrückt, aber er war zu jung, um ein begründetes Urteil zu haben. Später kam es zuweilen vor, daß der Vater sich ans Klavier setzte und Bellmansche Lieder summte. Unbegreiflich, dachte der Knabe, daß Vater und Oheim das so köstlich finden können. Eine Weihnacht brach ein sehr heftiger Streit zwischen seiner Mutter und seinem Oheim über Bellman aus. Der Bruder seiner Mutter stellte ihn über alles, über Bibel, über Predigten. Es sei Tiefe in Bellman. Tiefe! Wahrscheinlich war Atterboms romantische Parteikritik durch die Zeitungen zur Mittelklasse durchgesickert. Als Gymnasiast und Student hatte Johan die Idyllen gesungen, natürlich ohne die Worte zu begreifen oder überhaupt an sie zu denken. Er sang eben mit im Quartett oder Chor, denn es klang lustig. Schließlich hatte er Ljunggrens 1867 verfaßte Vorlesungen in die Hand bekommen, und ein Licht ging ihm auf, aber nicht das, was Ljunggren angesteckt. Das ist Wahnsinn, dachte er. Bellman ist ein Liedersänger, ja meinetwegen; aber ein großer Dichter, der größte Dichter, den der Norden besitzt? Unmöglich!
Bellman hat seine nach französischem Muster zugeschnittenen Lieder vor Hof und Freunden gesungen, aber nicht fürs Volk; das hätte Amaryllis, Tritone, Fröja und die ganze Sippschaft des Rokoko nicht begriffen. Er starb und wurde vergessen. Warum wurde er von Atterbom ausgegraben? Weil die kämpfende Partei, die romantische Schule, eine Verkörperung des Regellosen, das sie den Akademikern gegenüber rühmen wollte, brauchte, da sie sich doch nicht selber rühmen konnte. Dann kam die Schule zur Macht. Wenn man weiß, wie feige die Menschen gegen den Druck einer Ansicht sind; wenn man weiß, wie die Mittelklasse nachäfft und die Autorität verehrt, so wundert man sich nicht mehr, daß Bellman so erhoben wurde. Ljunggren und Eichhorn kamen dann als Forscher und mußten noch mehr Schönheit und Geist als Atterbom finden. Dann übernahm die Geistlichkeit den Kultus, und damit war der Gott fertig. Ja, Byström hatte bereits den kleinen Lotteriesekretär und Hofpoeten zu Dionysos gemacht und ihm die Züge des antiken Bacchuskopfes gegeben.
Johans Opposition richtete sich vor allem gegen den Gott. Dann fand er, als Idealist, Bellmans Humor widrig und unwahr. Kein Trunkenbold, und wenn er noch so groß ist, liegt im Rinnstein und denkt an den Beischlaf seiner Mutter, durch den er zur Welt gekommen ist. Keine Lustpartie macht an einem Sonntagvormittag einen Ausflug, um beim Glockengeläut, im Sonnenschein, den Beischlaf auszuüben. Das ist keine Lebensfreude, denn die gehört der Jugend, und es handelt sich hier um impotente Greise. Darum ist Bellman der Dichter für Grogonkels und der Stammvater des garstigen alten Junggesellen Konjander.
Die Idyllen sind nachlässig, aus dem Ärmel geschüttelt, haben Notreime; hängen so wenig zusammen wie die Gedanken in einem berauschten Gehirn. Man weiß nicht, ist es Nacht oder Tag; der Donner rollt bei Sonnenschein; die Wellen schlagen, wenn das Boot in Windstille liegt. Das ist Text für Musik, und als solchen kann man sogar das Adreßbuch benutzen. Einerlei, was es ist, wenn es nur klingt.
Wie gewöhnlich, nahm Thurs es persönlich. Es war ein Angriff auf seinen guten Geschmack und auf seine Sitten. Johan behauptete nämlich, er heuchle diese Bewunderung nur, er habe sie sich angelesen, sie sei nicht echt. Thurs erklärte Johan für übermütig, weil er den größten Dichter meistern wolle.
-- Beweise, daß er der größte ist!
-- Tegnér, Atterbom haben es gesagt....
-- Das ist kein Beweis!
-- Natürlich, Widerspruchsgeist!
-- Der Zweifel ist der Gewißheit Anfang, und Sinnlosigkeiten müssen bei einem gesunden Gehirn Widerspruch erregen.
Und so weiter!
Während es kein allgemeines oder allgemein gültiges Urteil gibt, da ja jedes Urteil persönlich ist, so gibt es dagegen Urteile der Mehrheit und der Partei. Johan wurde mit diesen geduckt und schwieg seitdem über Bellman mehrere Jahre lang. Als später der alte Fryxell nachwies, daß Bellman kein Apostel der Nüchternheit gewesen, zu dem ihn Eichhorn und Ljunggren gemacht hatten; auch kein Gott, sondern ein mäßiger Liedersänger, da sah Johan einen Funken von Hoffnung, daß sein persönliches Urteil auch einst das Urteil der Mehrheit werden könne. Da sah er die Frage aber schon von einem andern Gesichtspunkt: Schweden würde weder unglücklicher noch schlechter sein, wenn Bellman niemals gelebt hätte. Da hätte er den Patrioten und Demokraten sagen mögen: Bellman war ein Stockholmer Dichter, ein royalistischer Hofpoet, der mit den kleinen Leuten recht grausam scherzte. Da hätte er den Goodtemplern, die Bellman singen, sagen mögen: Ihr singt Trinklieder, die beim Trinken geschrieben sind und das Trinken besingen.
Persönlich blieb er dabei, daß Bellman angenehm zu singen ist wegen der leichten französischen Melodien; und von der vorurteilsfreien französischen Moral war er durchaus nicht verletzt, im Gegenteil. Jetzt aber mit einundzwanzig Jahren wurde er verletzt, denn er war Idealist und verlangte Reinheit in der Poesie, ganz wie die überlebenden Idealisten und Verehrer Bellmans von heute (1886).
Diese haben sich und ihre Moral unter das Wort Humor gerettet. Was aber meinen sie mit Humor? Ist es Scherz oder Ernst? Was ist denn Scherz? Des Feigen Scheu, seine Meinung zu sagen? Im Humor findet sich die Doppelnatur des Menschen wieder: des Naturwesens Gleichgültigkeit gegen hergebrachte Moral und des Christen Seufzen über das Unmoralische, das doch so lockend, so verführerisch ist. Der Humor spricht mit zwei Zungen: des Satyrn und des Mönches. Der Humorist läßt die Mänade los, glaubt sie aber aus alten schlechten Gründen mit Ruten peitschen zu müssen. Es ist eine Übergangsform, die im Sterben liegt und in den unteren Stadien ihr letztes Leben lebt. Die großen modernen Geister haben die Rute fortgefegt und heucheln nicht länger, sondern sprechen gerade heraus. Die alte Säufersentimentalität kann nicht mehr für gutes Herz gelten, da man entdeckt hat, daß es nur schlechte Nerven sind.
Nachdem man sich müde gestritten hatte, stieg die Verbindung an Land. Es war jetzt helle Sommernacht. Mit Eßkörben und Gitarre, die Bundeslade an der Spitze, zogen sie, als wahre Idealisten, zu Mädchen.