Der Sohn einer Magd

Part 25

Chapter 253,599 wordsPublic domain

Endlich hatte er seine Bestimmung gefunden, seine Rolle im Leben, und nun bekam sein loses Wesen ein Gerippe. Er wußte jetzt ungefähr, was er wollte, und damit hatte er wenigstens ein Steuer auf seinem Boot. Und nun stieß er vom Lande, um sich auf Langfahrt hinaus zu begeben, immer bereit, abzufallen, wenn der Wind zu hart gegen den Bug stieß; aber nicht um in See abzutreiben, sondern um im nächsten Augenblick wieder vollen Wind zu nehmen und anzuluven.

Nachdem er sich seinen Familienkummer vom Herzen geschrieben hatte, brach die Erinnerung an die religiösen Kämpfe in einer dreiaktigen Komödie hervor. Die leichtete das Schifflein bedeutend.

Seine Schaffenskraft während dieser Zeit war unerhört. Das Fieber kam jetzt tagtäglich: in nicht mehr als zwei Monaten schrieb er zwei Komödien und eine Tragödie in Versen; außerdem schüttelte er Verse aus dem Ärmel.

Das Trauerspiel war sein erstes eigentliches Kunstwerk, wie man es nennt, denn es handelte nicht von etwas, das sich in seinem eigenen Leben zugetragen hatte. Das sinkende Hellas: nicht mehr und nicht weniger war das Thema. Die Kompostion war ganz und klar, doch waren die Situationen nicht neu und es wurde viel deklamiert. Das einzige, was er aus seiner eigenen Vorratskammer holte, war strenge asketische Moral und Verachtung des ungebildeten Demagogen. So ließ er einen alten Mann gegen die Unsittlichkeit der Zeit und gegen den Mangel an Vaterlandsliebe wettern. Demosthenes höhnt den Demagogen auf eine Art, die an den Schornsteinfeger und den Pfandleiher der Kopenhagener Reise erinnerte. Der Leiter der Schauspielerschule bekam auch seinen Teil, weil er sich oft Johan gegenüber beklagte, er habe keine genügende Bildung erhalten. Das Stück war aristokratisch, und die Freiheit, die hier ausposaunt wurde, war die der sechziger Jahre: die nationale Freiheit.

Inzwischen war die Familienkomödie der Direktion des Königlichen Theaters eingereicht worden, jedoch anonym.

Während sie da lag, tat er frohen Mutes Dienst als Statist. Wartet nur, dachte er, bald kommt die Reihe an mich, dann habe ich ein Wort mitzusprechen. Er war jetzt kühn auf der Bühne und fühlte sich, auch wenn er im „Wilhelm Tell‟ den Anzug eines Bauernjungen trug, als ein verkleideter Prinz. „Ich bin gewiß kein Schweinehirt, wenn ihr's auch glaubt‟, summte er vor sich hin.

Die Antwort auf das Stück ließ auf sich warten. Schließlich verlor er die Geduld und vertraute sich dem Leiter der Schauspielerschule an. Der hatte das Stück gelesen und Talent darin gefunden, aber -- gespielt konnte es nicht werden.

Das war ja kein Donnerschlag für ihn, da er noch das Trauerspiel besaß. Das ward besser aufgenommen, sollte aber hier und dort umgearbeitet werden.

Eines Abends, als die Schule schloß, bat der Lehrer ihn, zu bleiben.

-- Jetzt haben wir gesehen, wozu Sie taugen, sagte er. Sie haben eine schöne Laufbahn vor sich: warum denn die schlechtere wählen. Daß Sie Schauspieler werden können, ist wahrscheinlich, wenn Sie einige Jahre arbeiten; aber warum sich abquälen auf diesem undankbaren Gebiet? Reisen Sie nach Upsala zurück und beendigen Sie Ihr Studium! Werden Sie dann später Schriftsteller, denn man muß erst Erfahrungen machen, ehe man gut schreiben kann.

Schriftsteller werden, das gefiel ihm, das Theater verlassen, auch; aber nach Upsala zurückkehren -- nein! Er haßte die Universität und sah nicht ein, wie das Unnütze, das man dort lernte, dem Schreiben zugute kommen könne; dafür müßte man doch das Leben selbst studieren.

Dann aber begann er nachzudenken. Da er einsah, daß er jetzt noch nicht ein Stück zur Annahme bringen könne, um es als Rettungsbrett zu benutzen, griff er nach dem andern Strohhalm: Upsala. Wieder Student werden, war mit zwanzig Jahren keine Schande; und beim Theater wußte man jetzt, daß er kein durchgefallener Anfänger war, sondern auch ein Dichter.

Gleichzeitig erfuhr er, daß er noch ein mütterliches Erbe von einigen hundert Kronen ausstehen habe. Mit denen konnte er das erste Semester leben. Er ging zum Vater, nicht als verlorener Sohn, sondern als vielversprechender Schriftsteller und Gläubiger. Es kam zu einem heftigen Zwist, der damit endete, daß sein Erbe ihm ausgezahlt wurde.

Er hatte jetzt ein Trauerspiel mit dem gewaltigen Titel „Jesus von Nazareth‟ entworfen. Das behandelte Jesu Leben in dramatischer Form und sollte mit einem Schlage und für alle Zeiten das Götterbild zerschmettern und das Christentum ausroden. Als er aber einige Szenen vollendet hatte, sah er ein, daß der Stoff zu groß sei und langwierige Studien verlange.

Die Spielzeit ging ihrem Ende zu. Die Schauspielerschule gab ihre übliche Vorstellung auf der Bühne des Dramatischen Theaters. Er hatte keine Rolle bekommen, übernahm aber das Soufflieren. Und im Souffleurkasten schloß seine Laufbahn als Schauspieler. Soviel war übrig geblieben von seinem Karl Moor, den er auf der Bühne des Großen Theaters hatte spielen wollen! Verdiente er dieses Schicksal? War er schlechter für die Bühne ausgerüstet als die andern? Das war nicht wahrscheinlich, wurde aber nie entschieden.

Am Abend nach der Vorstellung wurde den Schülern ein Schmaus gegeben. Johan war auch eingeladen, hielt eine Rede in Versen, um seinen Rückzug zu decken. Berauschte sich wie gewöhnlich, betrug sich dumm und verschwand vom Schauplatz.

18.

+Die Verbindung Runa.+

(1870)

Das Upsala der sechziger Jahre weist Zeichen des Endes und der Auflösung einer Periode auf, die man die Boströmsche nennen könnte. In welchem Verhältnis steht das für die Zeit geltende philosophische System zu der Zeit selbst? Das System scheint die Gedanken der Zeit an dem bestimmten Zeitpunkt zusammenzufassen. Der Philosoph macht nicht die Zeit, sondern die Zeit macht den Philosophen. Der Philosoph sammelt die Gedanken seiner Zeit; dadurch kann er auf seine Zeit wirken; darum ist und muß seine Wirkung mit dem Ausgang der Epoche zu Ende sein.

Die Boströmsche Philosophie hatte den Fehler, daß sie schwedisch sein wollte, daß sie zu spät kam, daß sie über ihre Zeit leben wollte. Eine schwedische Philosophie zu schaffen, war ein Unding; damit riß man sich von dem großen Mutterstamm los, der draußen auf dem Festland wächst und nur Samen nach der harten Erde der hyperboräischen Halbinsel sendet. Sie kam zu spät, denn es ist Zeit nötig, um ein System zu schaffen; und ehe das fertig wurde, war die Zeit weitergegangen.

Boström als Philosoph kam nicht wie aus einer Kanone geschossen. Alles Wissen ist Sammelwerk und ist gefärbt von der Persönlichkeit. Boström ist gewachsen aus Kant und Hegel, begossen von Biberg und Grubbe, um schließlich einige ziemlich selbständige Schüsse zu treiben. Das ist alles! Den Grundgedanken selbst scheint er aus Krauses Panentheismus geholt zu haben, dem Versuch, die Kant-Fichtesche Philosophie und die Schelling-Hegelsche auszugleichen. Diesen Eklektizismus hatte man schon Grubbe vorgeworfen. Boström studierte zuerst Theologie, und diese scheint seinen Geist zu binden, als er die spekulative Theologie schreibt. Seine Sittenlehre bekam oder nahm er von Kant. Boström einen originellen Philosophen nennen, ist Lokalpatriotismus. Sein Einfluß erstreckt sich nicht über die Grenzen Schwedens und reicht nicht weiter als bis zum Ausgang der sechziger Jahre. Seine Staatslehre war schon 1865 Altertumskunde geworden, als die Studenten noch, aus Ehrerbietung gegen den Lehrer, in der Prüfung nach seinem Lehrbuch erklären mußten, die Volksvertretung durch die vier Stände sei die einzig vernünftige; später wurde das natürlich gestrichen.

Wie kam Boström auf eine solche Idee? Kann man aus dem zufälligen Umstand schließen, daß er, der Sohn eines armen Mannes aus Norrland, in eine zu nahe Berührung mit König Karl Johan und dem Hof kam, nämlich als Lehrer der Prinzen? Konnte der Philosoph dem Schicksal aller entgehen, in +gewissen+ Beziehungen persönliche Neigungen oder hergebrachte Vorstellungen zu verallgemeinern? Wahrscheinlich nicht. Boström war als Idealist subjektiv, so subjektiv, daß er der Wirklichkeit ein selbständiges Dasein versagte, als er erklärte: „Sein ist wahrgenommen werden‟ (vom Menschen). Die Welt der Erscheinungen bestehe also nur in und durch unsere Wahrnehmung. Der Fehlschuß wurde übersehen, und der war ein doppelter. Das System geht nämlich von einem unbewiesenen Satz (petitio principii) aus und müßte wohl darin berichtigt werden: die Welt der Erscheinungen besteht +für uns+ nur durch unsere Wahrnehmung; das hindert aber nicht, daß sie für sich besteht ohne unsere Wahrnehmung. Durch die Naturwissenschaft ist ja bewiesen, daß die Erde mit einem sehr hohen organischen Leben bestanden hat, ehe ein wahrnehmender Mensch da war.

Boström brach mit dem Christentum der Kirche, behielt aber, gleich Kant und sogar wie die späteren Philosophen der Entwicklung, die Sittenlehre des Christentums. Kant war mitten in dem kühnen Vorgehen seines Gedankens infolge Mangels an psychologischen Kenntnissen stehen geblieben und diktiert ganz einfach den kategorischen Imperativ und die praktischen Postulate. Das Sittengesetz, das ja von der Epoche abhängt und mit ihr wechselt, bleibt weiter ganz christlich „Gottes Gebot‟. Boström stand noch „unter dem Gesetz‟, beurteilte den sittlichen Wert oder Unwert einer Handlung nach dem Motiv; und das einzig befriedigende Motiv ist die „Achtung vor dem unsichtbaren Wesen des Verpflichteten‟, das sich im Gewissen offenbart. Aber Gewissen gibt es ebenso viele wie Religionen und Volksstämme; darum wurde die Sittenlehre ganz unfruchtbar.

Boström fördert die Entwicklung nur, als er 1864 gegen Bischof Beckman im Kampfe um die Höllenlehre auftritt, obwohl diese Lehre schon damals von den Gebildeten mit Hilfe der Neurationalisten verworfen war. Hemmend für die Entwicklung wieder wurde Boström durch seine Schriften: „Der Monarch nicht verantwortlich und heilig‟ und „Sind die Stände des Reiches berechtigt, die sogenannte (!) Änderung der Volksvertretung im Namen des schwedischen Volkes durchzuführen?‟

In seiner Eigenschaft als Idealist wird Boström für das heute (1886) lebende Geschlecht nicht nur bedeutungslos, sondern auch reaktionär. Er ist ein notwendiges Glied einzig und allein in der verwerflichen Reaktionsphilosophie, die so verhängnisvoll und verdunkelnd der Aufklärungsphilosophie des achtzehnten Jahrhunderts folgt. Er hat gelebt und ist tot! Friede seiner Asche!

* * * * *

Ein anderes Barometer der geistigen Atmosphäre soll die schöne Literatur sein. Um das aber sein zu können, muß sie die Freiheit haben, die Fragen der Zeit behandeln zu können; das erlaubte die damalige Ästhetik aber nicht.

Die Poesie sollte sein und war (nach Boström) ein Spiel, ebenso wie die schönen Künste. Die Poesie wurde unter solchen Verhältnissen und mit der üblichen Philosophie der Ichvergötterung lyrisch; drückte des Dichters kleine persönliche Gefühle und Neigungen aus, spiegelte darum die Zeit nur in gewissen Zügen, die vielleicht nicht die wesentlichsten sind.

Die schwedische Poesie der sechziger Jahre war die der Signaturen. Aber von diesen waren nur zwei von Bedeutung: Snoilsky und Björck. Snoilsky war, um einen Ausdruck des Pietismus zu gebrauchen, „erweckt‟; Björck war „tot‟. Beide waren, wie man zu sagen pflegt, geborene Dichter, das heißt, ihre Anlagen zeigten sich früher als gewöhnlich. Beide machten sich schon in der Schule bemerkbar, kamen früh zu Ehre und Ruhm, sahen durch Geburt und Stellung das Leben von den sonnigen Höhen. Snoilsky war, ohne es zu wissen, von den Geistern der neuern Zeit ergriffen. Von der Furcht vor der Hölle und der Mönchsmoral befreit, es erlebend, wie der Adel seine Vorrechte zurückgeben muß, läßt er Geist und Fleisch frei. Er ist Revolutionär in seinen ersten Gedichten und liebt die phrygische Mütze; er predigt die Lebensfreude des Fleisches, hat einen gewissen Haß gegen die Überkultur als konventionelles Band. Aber als Dichter entging er nicht dem tragischen Geschick des Dichters: nicht ernst genommen werden. Poesie war nun einmal Poesie, und Snoilsky war Poet.

Björck war mit einem Sinn begabt, der für starke Eindrücke nicht empfänglich war. Harmonisch, schlaff, fertig von Anfang an, lebt er sein Leben versunken in inneres Nachdenken; oder er bemerkt nur die kleinen Ereignisse der äußeren Welt und schildert die hübsch und korrekt. Die große Mehrheit, die das harmonische Leben des Automaten lebt, glaubt, seine Poesie atme eine unendliche Liebe zum Nächsten. Warum aber erstreckt sich diese Liebe nicht weiter, nicht über die großen Menschenkreise hinaus, über die ganze Menschheit? Björcks Liebe geht nicht über die persönliche Ruhe hinaus, zu welcher der einzelne gelangt, wenn er die Pflichten von sich fern hält, die das Zusammenleben aufstellt. Er ist mit seiner Welt zufrieden, weil die Welt ihm hold gewesen ist; Kampf darf es nicht geben, weil der die persönliche Ruhe stört. Björck zeigt uns den Glücklichen, dessen Leben nicht im Streit mit seiner Erziehung steht, der vielmehr Stein für Stein auf dem einmal gelegten Fundament aufbaut; alles geht handwerksmäßig nach Wasserwage und Lineal; das Haus wird fertig, wie es gezeichnet ist, ohne daß der Plan eine Änderung erfahren hat. Von Familientyrannei gezähmt, früh Achtung und Bewunderung der Menschen kostend, blieb er im Wachstum stehen. Den Boströmschen Kompromiß mit dem Christentum nahm er ungesehen an; damit hatte er sein Lebenswerk gemacht. Seine Dichtung wird besonders als die reine, die seraphische hervorgehoben. Was ist das Reine, das heute so schroff dem Sinnlichen gegenüber gestellt wird? Er kriegte sie nicht, das ist das Geheimnis; wie sich Dantes himmlische Liebe zu Beatrice aus der gleichen unfreiwilligen Ursache herleitete. Björck besingt also das Unerreichbare, mit der stillen Milzsucht der unbefriedigten Liebe. Aber das war doch keine Tugend, und das Reine sollte ja eine Tugend sein. Hätte er sie nur gekriegt!

Übrigens, wie verhielt es sich mit dem Reinen in den Herzen der Signaturen? Blühte nicht die unanständige Anekdote, wurden nicht die „Bierstuben‟ besucht, das Dekameron übersetzt, „Geranien und Kakamoja‟ von den Signaturen herausgegeben? Alle Menschen sind wohl sinnlich veranlagt, aber es galt damals für unrein, seine Sinnlichkeit zu zeigen; darum mußte sie unterirdischen Abfluß haben. Snoilsky brach mit der Heuchelei und sang sich aus; und Björck verriet sich auch, als er erzählte, wie er die Minderjährige auf der Heimfahrt im Wagen geküßt. Nicht das Kind küßte er, sondern das Mädchen, und das Mädchen in kurzem Kleid. Hans Jaegers Feinde hätten das sicher für unrein, frühreif oder etwas noch Schlimmeres gehalten. Auch gibt es Überlieferungen von der Zeit der Signaturen, daß der seraphischeste von allen seraphischen Dichtern ein stürmisches Leben geführt habe und daß die Engelsflügel erst wuchsen, als das Bocksfell Haare ließ. Sie sangen Wasser, aber sie tranken Wein, wie die Dichter von heute (1886) beschuldigt werden, daß sie Wein singen und Wasser trinken. Immer soll das Leben des Dichters in Mißklang zu seinen Lehren stehen. Warum? Will er beim Dichten sich selbst loswerden und einen andern erfinden? Ist es die Sucht, sich zu verkleiden? Ist es Schüchternheit? Die Furcht vor der Hingabe, vorm Entblößen der Scham? Der künftigen Wissenschaft der Seele ist da eine tüchtige Aufgabe gestellt, das herauszubringen!

Björck sang 1865 beim Reformfest in Upsala; aber die königliche Revolution besingt er. Harmonie sieht er in allem; wenn er von der wiederhergestellten Eintracht zwischen Schweden und Norwegen (1864) singt, ist er lauter Wohllaut. Auch Abraham Lincoln besingt er. Negeremanzipation und weiße Sklaverei: das ist das Freiheitsideal der heiligen Allianz. Revolution, aber gesetzliche Revolution von Gottes Gnaden! Nun, er wußte es nicht besser, und wenige wußten es damals besser. Darum kein Gericht über den Mann, sondern nur ein Urteil über seine Tat, deren Motiv für die Nachwelt gleichgültig ist.

Die Jugend las die Signaturen, viele mit großer Erbauung. Sie verkündeten keine neue Zeit, sondern sie weissagten hinterher: jetzt sei das Tausendjährige Reich gekommen, die Ideale verwirklicht, die Grenzlinie aufgehoben, ein für alle Male aufgehoben. Sie sahen mit Befriedigung auf ihr geschaffenes Werk, rieben sich die Hände und fanden alles gut.

Ein stiller Friede hatte sich 1870 über die ganze Universitätsstadt Upsala gebreitet; jetzt könne man bis zum Jüngsten Tage schlafen, meinte alt und jung. Da aber sind Mißlaute zu hören, und in den Tagen des allgemeinen Friedens gewahrt man Feuerzeichen auf den Bergspitzen der Nachbarn. Von Norwegen signalisert man offnes Wasser, und die Leuchttürme werden angezündet.

Rom nahm Griechenland, aber Griechenland nahm Rom ein. Schweden hatte Norwegen genommen, jetzt aber nahm Norwegen Schweden ein.

Lorentz Dietrichson wird 1861 zum Dozenten der Universität Upsala ernannt, und er ist der Vorbote. Er macht Schweden mit der dänischen und norwegischen Dichtung bekannt und gründet die literarische Gesellschaft, aus der die Signaturen hervorgingen.

Nachdem Norwegen von der dänischen Monarchie losgerissen war und aufgehört hatte, eine Filiale des Hauptkontors von Kopenhagen zu sein, wurde es nicht Schweden aufgepfropft, sondern kehrte bei sich selber ein und eröffnete gleichzeitig eine direkte Verbindung mit dem Festland. Während das Land zur Selbständigkeit erwachte, strömte gleichzeitig ein großer Golfstrom vom Ausland unmittelbar an seine Küsten.

Björnson war es, der Norwegen Selbstgefühl gab, und als das zu beschränktem Patriotismus ausartete, kam Ibsen mit der Schere.

Als dieser Kampf hitziger wird und Christiania sich nicht mehr zum Walplatz hergeben will, wird der Streit ins gastfreundliche Schweden verlegt. Der norwegische Wein, der stark „beschnitten‟ war, eignete sich gut zur Ausfuhr, und die Pamphlete gewannen auf der Reise über Land und wurden in Schweden Literatur. Die Gedanken kamen an die Oberfläche, aber die Persönlichkeiten setzten sich auf den Boden des Gefäßes.

Ibsen und Björnson brachen in Schweden ein; Tidemand und Gude waren Sieger in der Kunstausstellung von 66; Kierulf und Nordraak beherrschten Lied und Klavier.

Björnson begann als Bezauberer; Ibsen als Wecker. „Zwischen den Treffen‟ riß die Stockholmer hin, und ganz mit Recht. Den „Bund der Jugend‟ verstand man infolge der lokalen Anspielungen nicht; ja, man verstand nicht einmal, daß er die neuen Bestrebungen verhöhnte, denn er verhöhnte nicht die schwedischen Verhältnisse. Man hörte munkeln, daß Steensgaard Björnson sein solle und daß der Schauspieler sich porträtgetreu maskiert habe; doch das ging einen nichts an. Den „17. Mai‟ gab man preis, aber man bewunderte Dahlqvist als Aslaksen.

Dann kam „Brand‟. Der war bereits 66 erschienen, kam aber erst 69 in Johans Hände. Er griff tief in sein altchristliches Herz, war aber finster und streng. Das Schlußwort vom Deus Caritatis befriedigte nicht, und der Dichter schien zu viel Sympathie für seinen Helden gehabt zu haben, um ihn nur ironisch dem Untergang überlassen zu können.

Brand machte Johan viel Kopfzerbrechen. Er hatte das Christentum fallen gelassen, aber die schreckliche Moral der Askese beibehalten. Er forderte Gehorsam gegen seine alten Lehren, die nicht mehr anzuwenden waren; er verhöhnte das Streben der Zeit nach Menschlichkeit und Vergleich, schließt aber damit, den Gott des Vergleichs zu empfehlen. Brand war ein Pietist, ein Fanatiker, der gegen die Welt recht zu haben glaubte, und Johan fühlte sich verwandt mit diesem entsetzlichen Egoisten, der obendrein unrecht hatte. Keine Halbheit, nur drauflosgehen, alles niederbrechen, was im Wege steht, denn du allein hast recht! Johans zartes Gewissen, das unter jedem Schritt, den er tat, litt, weil dieser Schritt Vater oder Freunden weh tun konnte, wurde von Brand betäubt. Alle Bande der Rücksicht, der Liebe sollten der „Sache‟ wegen zerrissen werden.

Daß Johan jetzt nicht mehr die ungerechte Sache der Haugianer führte, war ein Glück, sonst wäre auch er beim Bergrutsch untergegangen! Brand aber gab ihm den Glauben an ein Gewissen, das reiner war als das, was die Erziehung ihm gegeben hatte, und ein Recht, das höher stand als das gewöhnliche Recht. Und er brauchte diese Eisenstange in seinem schwachen Rücken, denn er hatte lange Perioden, in denen er sich aus Menschlichkeit selbst unrecht und dem ersten besten recht gab; darum war er auch sehr leicht anzuführen.

Brand war der letzte Christ, der einem alten Ideal nachgab, darum konnte er kein Muster für den werden, der eine dunkle Aufruhrlust gegen alle alten Ideale fühlte.

Das Stück bleibt ein schönes Gewächs, das keine Wurzel in der Zeit hat und darum ins Herbarium gehört.

Dann kam „Peer Gynt‟. Der ist eher dunkel als tief und hat seinen Wert als Gegengift gegen die nationale Selbstliebe. Daß Ibsen nicht verbannt oder verfolgt wurde, nachdem er dem stolzen norwegischen Volk so bittere Dinge gesagt hatte, zeigt, daß man in Norwegen den Streit ehrlicher führte als in Schweden.

Die „Komödie der Liebe‟ wirkte „peinlich‟. Sie leugnete die Liebe und zeigte die Ehe als eine Lebensversicherung für das Weib, das die Prämien mit ihrer Gunst bezahlt. So roh wirkte damals die Wahrheit.

Ibsen galt damals als Menschenhasser und als Björnsons Neider und Feind. Man war in zwei Lager geteilt und der Streit, welcher von beiden der größere sei, hatte kein Ende, denn er handelte über das Problem der Kunst: Inhalt oder Form.

Der Einfluß der norwegischen Poesie auf die schwedische Entwicklung ist groß gewesen und zum Teil sehr wohltuend, doch war darin etwas eigentümlich Norwegisches, das auf Schweden, ein Land mit ganz anderer Entwicklung, nicht anzuwenden war.

In den abgesonderten Tälern Norwegens wohnte ein Volk, das aus Not und Mangel in den Entsagungslehren des Christentums eine fertige Askesephilosophie vorfand, die den Himmel als Entgelt fürs Entbehren versprach. Eine schwere, düstere und karge Natur, ein feuchtes Klima, lange Winter, große Entfernungen zwischen des Dörfern, Einsamkeit -- alles wirkte zusammen, um das Christentum in den strengen Formen des Mittelalters zu erhalten.

Es ist auch etwas im norwegischen Charakter, das man geisteskrank nennen könnte, von der Art des englischen Spleens; und wer weiß, ob nicht Norwegens intime Berührung mit dem hypochondrischen Inselvolk Spuren in die Kultur gedrückt hat. In Jonas Lies „Hellseher‟ ist diese Geisteskrankheit dargestellt; da herrscht die gleiche unheimliche Stimmung, die man in den isländischen Sagen trifft. Der Kampf des Geistes gegen das physische Dunkel, gegen die Kälte. Die Schilderung vom traurigen Schicksal des Nordländers, von sonnigen Ländern zu den Wildnissen des Dunkels und der Kälte verwiesen zu sein, das jetzt seine Berichtigung in der Auswanderung sucht; deren ethnographische Bedeutung man vor der wirtschaftlichen vergessen hat. Norwegischer Charakter ist die Frucht von vielen hundert Jahren Tyrannei, ungerechter Behandlung, schwerem Brotkampf, Mangel an Freude.

Diese nationalen Eigentümlichkeiten hätte der Schwede nicht mit in den Kauf nehmen sollen, aber sie haben ihn vernorwegert. In der schwedischen Literatur spukt noch der Dovrealte; Brand läuft mit seinen idealen Forderungen herum, die der romanisierte und heitere Schwede nicht aufrichtig teilen kann. Darum sitzt ihm diese fremde Volkstracht jetzt so schlecht; darum klingt die moderne schwedische Musik so unharmonisch, als ein Nachklang der Geige von Hardanger, die von Grieg neu gestimmt ist; darum erscheint die neue Mundartensucht so übel gewählt; darum schnarrt das Wort von größerer sittlicher Reinheit im Munde des lebenslustigen Schweden. Er hat nicht unter langwieriger nationaler Unterdrückung geseufzt und braucht sich nicht in der Vergangenheit aufzusuchen; er ist in seinem offenen flachen See- und Flußland nicht so düster geworden, und darum kleidet ihn die saure Miene nicht.