Part 24
Als er heimgekehrt war, tobte er sich aus. So war es überall: die oben standen, traten die Unteren; und die unten stehen, reißen einen zurück, wenn man hinauf will. Was ist das für ein Gerede vom Aristokraten und Demokraten? Die Unteren sprechen von ihrer demokratischen Denkart wie von einer Tugend. Was ist das für eine Tugend, die zu hassen, die oben stehen? Und was bedeutet Aristokrat? Aristos bedeutet der Beste und krateo herrschen. Also Aristokrat ist, wer will, daß die Besten herrschen; Demokrat, wer will, daß die Schlechtesten es tun. Aber, da kommt ein Aber: Wer sind denn die Besten? Ist niedrige gesellschaftliche Stellung, Armut, Unwissenheit etwas, das die Menschen besser macht? Nein, dann würde man doch nicht der Arbeit und der Unwissenheit entgegenarbeiten? Welchen könnte man also die Macht überlassen, mit der Gewißheit, daß sie den am wenigsten Schlechten in die Hände fällt? Denen, die am meisten wissen? Aber dann hat man ja die Professorenherrschaft, dann wird Upsala -- nein, nicht die Professoren! Wer denn? Ja, darauf konnte er nicht antworten, aber sicher nicht der Schornsteinfeger und der Fuhrmann, die auf dem Dampfer gewesen waren.
Tiefer drang er dieses Mal nicht in die Sache ein, denn man hatte die Frage noch nicht aufgeworfen, ob man nicht allen die gleiche Bildung geben könne, oder ob überhaupt jemand herrschen solle.
Er war auf die schlimmste von allen Aristokratien gestoßen, auf die Oberklasse der Unterklasse, oder, wie sie mit einem häßlichen Namen genannt wird, den Philister. Eine schlechte Kopie der Oberklasse, stimmte er mit der Macht, äffte die Gewohnheiten der Vornehmen nach, bereicherte sich durch fremde Arbeit, zitierte Autoritäten, haßte Opposition, seinen stillen Widerspruch gegen die Oberen ausgenommen. Der Schornsteinfeger wurde reich durch die Elendesten von allen, der Fuhrmann durch die armen Kutscher und Gäule, der Pfandleiher hatte unbilligen Gewinn an der Not. Und so weiter.
Ein Lehrer dagegen, ein Arzt, ein Künstler konnte seine Arbeit nicht Sklaven überlassen; der mußte sie selbst verrichten, war also kein solcher Hai, wie die dort unten. Brachte nun die Bildung den Menschen Glück, machte Bildung die Menschen besser, so war diese Aristokratie berechtigt, wohltätig; konnte sich für besser halten. Aber die Bildung bekam man für Geld oder konnte sich zu ihr durchbetteln oder durchpumpen, wie so viele Studenten es taten. Dann war es keine Tugend wenigstens. Nein, das war es nicht, aber man mußte sich über den andern fühlen, wenn man mehr wußte und die Gesetze des Zusammenlebens so beobachtete, daß man niemanden kränkte. Für die wahre Demokratie blieb nur das Nivellieren übrig, auf daß niemand sich unten zu fühlen brauchte und niemand oben zu sein glaubte.
16.
+Hinter dem Vorhang.+
(1869)
Das schwedische Theater war zu dieser Zeit vielen Angriffen ausgesetzt, und wann wird das Theater nicht angegriffen? Das Theater ist eine Miniaturgesellschaft innerhalb der Gesellschaft, ebenso wie diese eingerichtet, mit Monarch, Ministern, Beamten, einer ganzen Reihe Volksklassen, die eine über der andern. Ist es da sonderbar, daß diese Gesellschaft immer den Angriffen der Unzufriedenen ausgesetzt ist?
Zu diesem Zeitpunkt aber hatten die Angriffe einen mehr praktischen Zweck. Ein früherer Provinzschauspieler hatte das Königliche Theater mit einer Broschüre beschossen, die höhere Gesichtspunkte nicht aufwies, aber den Erfolg hatte, daß der Autor in die Direktion berufen wurde. Das reizte zur Nachfolge, und viele schrieben jetzt Abhandlungen, um in die Direktion zu kommen.
Das Königliche Theater war damals wohl weder besser noch schlechter als früher. Aber, fragte man, ist das Theater eine Bildungsanstalt, für die es sich ausgibt, warum setzt man denn Ungebildete zu Leitern ein? Darauf antwortete man: Wir haben eben einen der gelehrtesten Männer des Landes, Hyltén-Cavallius, auf dem Posten gehabt, und wie ist es da gegangen? Trotzdem er den Vorteil besaß, nicht adelig zu sein, wurde er doch von der demokratischen Presse, die ihn von unten beim Rock riß, totgemacht. Heute (1886) ist die Utopie der Selbstregierung verwirklicht, das Theater hat einen Mann vom Bau an der Spitze, und nun ist die Zufriedenheit allgemein.
An dem bestimmten Tage ging Johan ins Theater, um sich zum Debüt anzumelden. Nachdem er etwas gewartet hatte, erlangte er Zutritt und wurde nach seinem Anliegen gefragt.
-- Debüt!
-- So? Haben Sie an ein besonderes Stück gedacht?
-- Karl Moor in den „Räubern‟! antwortete er, herausfordernder, als nötig war.
Man blickte einander an und lächelte.
-- Aber es müssen drei Rollen sein. Haben Sie keine andere vorzuschlagen?
-- Lucidor!
Man beriet und erklärte darauf, diese Stücke ständen jetzt nicht auf dem Spielplan. Das hielt Johan nicht für stichhaltig, erhielt aber die vernünftige Antwort, das Theater könne nicht für unerprobte Kräfte so große Stücke in Szene setzen und seinen Spielplan erschüttern. Darauf schlug der Direktor den „Fechter von Ravenna‟ vor. Nach solchen Triumphen, wie sie der letzte Darsteller der Rolle gefeiert hatte, zu kommen, nein, das wagte Johan nicht.
Das Ende war: Johan sollte mit dem Dramaturgen sprechen.
Nun begann ein Kampf, wahrscheinlich nicht der erste und nicht der letzte auf diesem Zimmer.
-- Seien Sie vernünftig, Herr; man muß diesen Beruf ebenso lernen wie alle andern. Niemand ist fertig geboren. Kriechen Sie, ehe Sie gehen. Nehmen Sie zuerst eine kleine Rolle.
-- Nein, die Rolle muß so groß sein, daß sie mich trägt. In einer kleinen Rolle muß man ein großer Künstler sein, um in die Augen zu fallen.
-- Hören Sie auf mich, Herr, ich habe Erfahrung.
-- Andere haben in großen Rollen debütiert, ohne auf der Bühne gewesen zu sein.
-- Aber Sie werden sich den Hals brechen!
-- Dann breche ich mir eben den Hals!
-- Aber die Direktion gibt nicht die erste Bühne des Landes zu Experimenten des ersten besten her.
Das war ein Grund. Er wolle also eine kleine Rolle nehmen. Man entschloß sich für Härved Boson in Hedbergs „Hochzeit von Ulfåsa‟.
Zu Hause las Johan die Rolle und war verdutzt. Das war keine Rolle. Die handelte von nichts. Er zankte nur einige Male mit seinem Schwager und dann umarmte er seine Frau. Aber er mußte die Rolle nehmen. Man hatte eben heruntergehandelt.
Die Proben begannen. Hohle Worte ohne Bedeutung hinauszuschreien, das war grausam.
Nach einigen Proben erklärte der Lehrer, er habe keine Zeit mehr und empfahl Johan, den Proben der Schauspielerschule beizuwohnen.
-- Ja, aber Schüler werde ich nicht!
-- Nein, nein.
Man sprach von der Schauspielerschule wie von einem Kindergarten oder einer Sonntagsschule. Alle möglichen Leute wurden aufgenommen, ob sie Schulbildung hatten oder nicht. Dahin wollte Johan nicht. Nein, nur zuhören.
Mit schweren Schritten ging er hin. Gewohnt, selbst Lehrer zu sein, trat er als eine Art Ehrengast ein und setzte sich auf einen Stuhl. Aber er zog sich eine unangenehme Aufmerksamkeit zu. Die Stunde verging damit, daß die „Milchstraße‟, die er auswendig konnte, und einige andere Gedichte hergesagt wurden.
-- Aber davon kann man doch für die Bühne nichts lernen, wagte er dem Lehrer zu sagen.
-- Dann kommen Sie auf die Bühne und erproben Sie das Rampenlicht, sagte der.
-- Wie ist das möglich?
-- Als Statist.
-- Statist? Hm! Das geht abwärts, ehe es begann, dachte Johan. Aber er beschloß, alles durchzumachen.
Eines Morgens erhielt er die Ladung, sich auf der Probe von Björnsons „Maria Stuart‟ einzufinden. Der Bote übergab ihm ein kleines blaues Heft, auf dem geschrieben stand: Ein Edelmann. Und inwendig auf einem weißen Blatt las er: „Die Lords haben einen Unterhändler gesandt, der eine Herausforderung an den Grafen Bothwell überbringt‟. Das war die ganze Rolle. Und das war also sein Debüt!
Zu der festgesetzten Zeit betrat er die kleine Hintertreppe und gelangte am Diener vorbei auf die Bühne. Zum ersten Male stand er hinter den Kulissen. Das war die Kehrseite. Ein großes Magazin mit schwarzen Wänden; ein zernagelter schmutziger Scheunenfußboden; und diese grauen Leinwandschirme mit ihrem rohen Holz!
Von hier hatte man ihm herrliche Szenen aus der Weltgeschichte gegeben, von hier hatte Masaniello gerufen: „Nieder mit den Tyrannen‟, während er zitternd im vierten Rang stand. Hier hatte Hamlet gehöhnt und gelitten; von hier hatte ja auch einmal Karl Moor sein Pfui über die Gesellschaft und die ganze Welt gerufen. Ihm wurde bange. Wie sollte man hier, beim Anblick des rohen Holzes und der grauen Sackleinwand, selber Illusion bekommen? Alles sah staubig und schmutzig aus; die Arbeiter waren arme Teufel; die Schauspieler und Schauspielerinnen sahen in ihren bürgerlichen Kleidern nach nichts aus.
Er wurde ins Foyer geführt, wo man erst eine halbe Stunde lang die Gavotte tanzte, die das Stück eröffnete. Es war volles Tageslicht. Auf einem Stuhl saß der alte Musiklehrer seiner Familie und strich die Geige. Der Ballettmeister schrie und schlug in die Hände. Man wurde aufgestellt. Das ist nicht verabredet, dachte Johan. Aber es war zu spät.
So befand er sich mitten in einem Wechseltanz, den er nicht konnte; wurde gestoßen und gescholten. Nein, das mache ich nicht mit, dachte Johan, aber er konnte nicht mehr zurück.
Ein Gefühl von Scham überkam ihn. Mitten am Vormittag tanzen: das war keine schöne Beschäftigung. Und dann vom Lehrer zum Schüler hinabsteigen; der Letzte hier sein: soweit war er noch nie zurückgegangen.
Es klingelte zur Probe. Man wurde auf die Bühne getrieben. Dort stellte man sich zur Gavotte auf. An der Rampe standen die großen Schauspieler, welche die Hauptrollen hatten; von dort zogen sich die beiden Reihen bis in den Hintergrund.
Das Orchester spielt. Der Tanz beginnt in langsamen feierlichen Rhythmen. Aber unten von der Rampe hört man die tiefen Stimmen der beiden Puritaner, die über die Verderbnis des Hofes ihr Wehe rufen.
Das war von ergreifender Wirkung; Johan fühlte, wie es ihn packte. Die Herren hatten Hüte, Mäntel und Stöcke, die Damen Mäntel und Muffe, aber es machte doch Eindruck.
Johan stand in der Kulisse und hörte das ganze Stück. Maria Stuart liebte er nicht, sie war grausam und gefallsüchtig; Bothwell war zu roh und stark; Darnley, der schwache hamletartige Mann, der niemals aufhören konnte, diese Frau zu lieben, der vor Liebe verbrannte, trotz allem, trotz Untreue, Hohn, Bosheit: den liebte er. Und dann Knox. Hart wie Stein mit seiner sittlichen Forderung und seinem furchtbaren norwegischen Christentum.
Es war doch etwas, vorzutreten und im Kleide solcher Persönlichkeiten ein Stück Geschichte zu durchleben. Es war feierlich, wie früher in der Kirche. Nachdem er seine Rolle gesagt hatte, ging er, entschlossen, alles zu ertragen -- für die heilige Kunst!
* * * * *
Der Schritt war also getan. An den Vater hatte er einen exaltierten Brief geschrieben und versprochen, er werde entweder etwas Großes auf dieser Laufbahn werden, die er jetzt betreten, oder sich wieder zurückziehen. Er hatte sich gelobt, nicht nach Hause zu gehen, bis er Erfolg gehabt. Der Doktor war traurig, aber schlug keinen Lärm, denn er sah ein, daß es unmöglich war, ihn zurückzuhalten. Aber er hatte andere geheime Pläne zur Rettung, die er jetzt ins Werk zu setzen begann. Zuerst hatte er Johan bewogen, einige medizinische Broschüren zu übersetzen, für die er einen Verleger gefunden. Jetzt kam er mit dem Vorschlag, sie sollten zusammen Artikel im „Abendblatt‟ schreiben. Johan hatte für sich Schillers „Schaubühne als moralische Anstalt‟ übersetzt; da die Theaterfrage jetzt im Reichstag behandelt worden war, schrieb der Doktor eine Einleitung, in der er den Bauern ernstlich ihre Kulturfeindlichkeit vorhielt; so kam der Artikel in die Zeitung.
Eines andern Tages kam der Doktor mit einem Heft der medizinischen Zeitschrift „The Lancet‟, das die Frage behandelte, ob die Frau zur Ärztin tauglich sei. Ohne zu zögern, auf sein bloßes Gefühl hin, erklärte sich Johan gegen die Bewegung. Er hatte eine unbeschreibliche Ehrerbietung vor der Frau als Weib, Mutter, Gattin; aber die Gesellschaft war, wie sie einmal war, auf den Mann als Familienversorger und die Frau als Gattin und Mutter aufgebaut; also besaß der Mann seinen Arbeitsmarkt mit vollem Recht und allen Pflichten, die sich daraus ergaben. Jede dem Manne genommene Arbeit wäre entweder eine Ehe weniger oder ein hart bedrängter Familienvater mehr, denn der Trieb zur Ehe lag so tief beim Manne, daß er nie aufhören würde, sich zu verheiraten, wenn die Not auch noch so groß sei. Übrigens hatte das Weib seinen großen Arbeitsmarkt für sich: es konnte Magd, Haushälterin, Näherin, Gouvernante, Lehrerin, Schauspielerin, Künstlerin, Schriftstellerin, Königin, Kaiserin werden, vor allem Gattin und Mutter. Aber die Unverheirateten? Für die reichte eben der Arbeitsmarkt des Weibes. Es handelte sich also um einen Eingriff in die Rechte des Mannes. Wollte die Frau in das Gebiet des Mannes eindringen, so mußte der Mann auch von der Pflicht, die Familie zu versorgen, befreit werden; durfte man die Vaterschaft nicht ermitteln. Das aber wollte man nicht. Man begann im Gegenteil eine Jagd auf die prostituierten Frauen, um dadurch den Mann zur Ehe zu treiben; durch das Besitzrecht der verheirateten Frau gefesselt, würde der dann zum Haussklaven herabsinken.
Dieses verwickelte Problem, das erst in vieljähriger Arbeit zu entwirren war, nahm Johan instinktiv und schrieb gegen die Bewegung, in der er den Untergang des Mannes sah. Die Frauenemanzipation hatte in den fünfziger Jahren die wildesten Formen angenommen: der Feldruf „Keine Herren, keine Herren‟ bezeichnete den wahren Charakter der Bewegung, die auch in einer Komödie von Rudolf Wall, genannt „Fräulein Garibaldi‟, lächerlich gemacht wurde. Aber während die Jahre vergingen, hatten die Damen im stillen gearbeitet.
Groß war deshalb die Überraschung sowohl des Doktors wie Johans, als sie ihren Artikel im „Abendblatt‟ sahen, aber so geändert, daß er für die Bewegung sprach.
-- Der Redakteur ist in den Händen von Frauen, sagte der Doktor; damit war die Sache erklärt.
* * * * *
Beim Theater ging es abwärts und der Krisis zu. Johan war in eine Garderobe, in der man Branntwein trank und es unsauber war, geschickt worden, um sich zusammen mit Statisten anzuziehen.
-- Sie wollen mich ducken, dachte er; aber nur Geduld.
Jetzt wurde er ganz einfach als Statist für die eine Oper nach der andern befohlen. Er erklärte, er fürchte weder Rampe noch Publikum, da er in der Kirche gepredigt habe. Es half nicht. Aber das Schlimmste war, stundenlang auf Proben herumzulungern, ohne etwas zu tun. Las er dann ein Buch, mußte er hören, er habe kein Interesse. Ging er fort, schlug man Lärm.
In der Schauspielerschule wurden jetzt Rollen gelernt. Kinder, die nur die Kleinkinderschule durchgemacht hatten, mußten Goethes Faust lesen, natürlich, ohne etwas zu begreifen. Aber merkwürdig, ihre Unerschrockenheit rettete sie; ja, sie kamen so gut weiter, daß man denken könnte, der Schauspieler brauche eigentlich nicht zu begreifen, wenn es nur so klinge.
Nach einigen Monaten hatte Johan alles satt. Das war Handwerk. Die größten Schauspieler waren müde und gleichgültig, sprachen nie von Kunst, nur von Engagement und Spielhonorar. Keine Spur von dem frohen Leben hinter den Kulissen, von dem man soviel geschrieben hatte. Still wie Arbeiter saßen sie da und warteten auf ihr Stichwort; Tänzerinnen und Chorsängerinnen saßen in ihren Kostümen da und nähten und stickten. Im Foyer ging man auf Zehen, sah nach der Uhr, putzte den falschen Bart, aber sagte kein Wort.
Eines Abends, als Björnsons „Maria Stuart‟ gegeben wurde, saß Johan allein im Foyer und las eine Zeitung. Dahlqvist, der John Knox spielte, kam herein. Johan, der den großen Schauspieler grenzenlos verehrte, stand auf und verbeugte sich. Wenn er mit solch einem Manne sprechen könnte! Bei dem Gedanken zitterte er. Knox mit seinem herrlichen weißen langen Haar, seiner schwarzen Tracht und den halberloschenen großen Augen in dem gewaltigen, jetzt in Falten liegenden Gesicht ließ sich am Tische nieder. Er gähnte.
-- Was ist die Uhr? fragte er mit Grabesstimme.
Johan antwortete, es sei halb zehn, während er seine burgundische Sammetjacke aufknöpfte, um die Uhr zu suchen, die nicht vorhanden war.
-- Das geht ja heute verflucht langsam, sagte Knox und gähnte wieder. Dann begann er über verschiedenen Klatsch zu plaudern. Es war nur eine Ruine der früheren Größe, die einst ihre Neider gezähmt hatte, als er Karl Moor gab. Auch er hatte alles durchschaut, auch er hatte alles satt. Und er hatte doch einst so hoch von seiner Kunst gedacht!
Da Johan jetzt freien Eintritt ins Theater hatte, suchte er vom Zuschauerraum aus Studien zu machen. Aber siehe da, die Illusion war fort. Das war Herr X. und Frau Y., dort hing der Hintergrund aus „Quentin Durward‟, dort saß Högfelt, dort hinter der Kulisse stand Boberg. Es war aus mit der Illusion.
Und mit der kläglichen Rolle, an der er nun täglich wiederkäute, fand sich nach und nach der Ekel ein. Aber damit kam die Reue und die Furcht, daß er sich nicht mit Ehre aus dem Spiel ziehen könne. Endlich faßte er sich ein Herz und ersuchte um eine Probe. Das Stück war wohl fünfzig Male gespielt worden, und die großen Schauspieler liebten es nicht mehr; aber sie mußten kommen.
Die Probe fand statt, ohne Kostüm, ohne Requisiten. Johan war auf die damals übliche Schreimanier eingeübt, und er schrie wie ein Geistlicher. Es ging schlecht.
Nach der Probe verkündete der Lehrer das Urteil. Er solle in die Schauspielerschule eintreten. Nein, das wolle er nicht. Er weinte vor Grimm, ging nach Hause und nahm eine Kugel Opium, die er sich lange aufgehoben; sie wirkte aber nicht. Dann holte ihn ein Kamerad ab, und er trank sich einen Rausch.
17.
+Er wird Dichter.+
(1869)
Am nächsten Morgen war er zerschlagen, wund, zerrissen. Die Nerven zitterten noch; Scham und Rausch heizten den Körper. Was sollte er tun? Die Ehre mußte gerettet werden! Er wollte einige Monate als Eleve aushalten, um sich dann von neuem als Schauspieler zu versuchen.
Er blieb an diesem Tage zu Hause und las die „Erzählungen des Feldschers‟ von Topelius. Wie er so las, kam es ihm vor, als habe er es selber erlebt. Es handelte von einer Stiefmutter und einem Stiefsohn, die sich versöhnten. Der Bruch mit seinen Eltern hatte ihn immer wie eine Sünde gequält, und er verlangte nach Versöhnung und Frieden. Diese Sehnsucht nahm heute einen ungewöhnlich traurigen Ausdruck an; während er auf dem Sofa lag, begann sein Gehirn Pläne auszusinnen, wie die Disharmonie mit dem Elternhaus zu lösen sei. Als Frauenverehrer, der er damals war und unter dem Einfluß des „Feldschers‟ dachte er, nur ein Weib könne ihn mit dem Vater versöhnen. Und diese schöne Rolle gab er der Stiefmutter.
Während er so daliegt, fühlt er ein ungewöhnliches Fieber im Körper; während dieses Fiebers arbeitet der Kopf daran, die Erinnerungen an die Vergangenheit zu ordnen, einige auszuscheiden und andere hinzuzufügen. Neue Nebenpersonen treten auf; er sieht, wie sie sich in die Handlung einmischen; hört sie sprechen. Es ist, als sehe er sie auf der Bühne.
Nach einigen Stunden hat er eine Komödie in zwei Akten fertig im Kopf.
Es war eine sowohl schmerzhafte wie wollüstige Arbeit; wenn man es eine Arbeit nennen kann, denn es ging ganz von selber, ohne seinen Willen, ohne sein Zutun.
Jetzt aber mußte es geschrieben werden.
In vier Tagen war das Stück fertig. Zwischen Schreibtisch und Sofa ging er hin und her; in den Zwischenstunden fiel er wie ein Lappen auf dem Sofa zusammen. Als das Stück zu Ende war, stieß er einen tiefen Seufzer aus, als seien Jahre von Schmerz vorüber; als sei ein Geschwür geschnitten. Er war so froh, daß es in ihm sang. Jetzt wollte er sein Stück dem Theater einreichen. Das war die Rettung!
Am selben Abend setzte er sich hin, um einem Angehörigen einen Glückwunsch zu schreiben, weil er eine Stellung gefunden. Als er die erste Zeile geschrieben hatte, schien sie wie ein Vers zu klingen. Da fügte er die zweite Zeile hinzu, die reimte auf die erste.
Schwerer war das nicht?
In einem Zuge schrieb er einen vier Seiten langen Brief in gereimten Versen nieder. Er konnte also auch Verse schreiben!
Schwerer war das nicht? Und einige Monate früher hatte er einen Freund gebeten, ihm bei Versen für einen Namenstag zu helfen; hatte aber eine ablehnende Antwort erhalten, die ihn jedoch ehrte: Er solle nicht im Mietswagen fahren, wenn er einen eigenen besitze.
Man wird also nicht geboren, Verse zu schreiben; man lernt es auch nicht, trotzdem man in der Schule alle Versarten lernt; sondern es kommt -- oder kommt nicht.
Ihm schien's der Gnadenwirkung des Heiligen Geistes zu gleichen. War die seelische Erschütterung nach seiner Niederlage als Schauspieler so stark gewesen, daß sie das ganze Lager von Erinnerungen und Eindrücken umgekehrt hatte? War die Einbildungskraft unter einen so starken Druck gebracht worden, daß sie zu arbeiten anfing? Alles war ja längst vorbereitet! War es nicht seine Phantasie, die Bilder erzeugte, wenn er sich im Dunkeln fürchtete? Hatte er nicht in der Schule Aufsätze geschrieben? Nicht seit Jahren Briefe? Hatte er nicht seinen Stil durch Lektüre, Übersetzen, Schreiben für Zeitungen gebildet? Doch, so war es wohl, aber jetzt erst merkte er das sogenannte künstlerische Arbeitsvermögen.
Die Kunst des Schauspielers war also nicht die Form, in der er sich ausdrücken konnte; das war ein Irrtum, der jetzt aber leicht zu berichtigen war.
Indessen mußte er seine Schriftstellerei ziemlich geheimhalten und bis Ende der Spielzeit als Eleve beim Theater bleiben, damit seine Niederlage nicht allen offenbar ward. Oder bis das Stück angenommen war; angenommen mußte es natürlich werden, da er es für gut hielt.
Doch wollte er die Probe machen, ob es wirklich gut sei. Zu diesem Zweck lud er zwei von seinen gelehrten Bekannten ein, die außerhalb des Theaters standen. An dem Abend, als sie kommen sollten, räumte er seine Bodenkammer auf. Er putzte sie, zündete an Stelle der Studierlampe zwei Stearinlichter an, deckte den Tisch mit einem reinen Tischtuch und stellte darauf: eine Flasche Punsch mit Gläsern, Aschenbecher und Streichhölzchen.
Es war das erste Mal, daß er Besuch hatte, und die Veranlassung war neu und ungewöhnlich. Man hat oft die Arbeit des Dichters mit Gebären verglichen, und der Vergleich hat eine gewisse Berechtigung. Es war wie der Friede des Kindbettes nach dem Sturm; man hatte das Gefühl, es sei etwas oder jemand gekommen, das oder der vorher nicht da gewesen war; man hatte gelitten und geschrien, und jetzt war es still und friedlich geworden!
In Festtagsstimmung befand er sich; es war wie früher zu Hause: die Kinder waren fein gekleidet, und der Vater in seinem schwarzen Gehrock warf den letzten Blick auf die Anordnungen, ehe der Besuch kam.
Die beiden Bekannten langten an. Unter Schweigen las er das Stück bis zu Ende vor. Dann wurde das Urteil gefällt: die älteren Freunde begrüßten ihn als Dichter.
Als sie wieder gegangen waren, fiel er auf seine Knie und dankte Gott, daß er ihn aus der Bedrängnis befreit und ihm die Dichtergabe gegeben.
Sein Verkehr mit Gott war recht unregelmäßig gewesen. Eigentümlich war, daß er in großer Not seine Kräfte sammelte und nicht gleich zum Herrn schrie; in der Freude dagegen fühlte er ein unwillkürliches Bedürfnis, sofort dem Geber alles Guten zu danken. Es war umgekehrt wie in der Kindheit; und das war natürlich, da sich der Begriff von Gott zum Geber aller guten Gaben entwickelt hatte, während der Gott der Kindheit der Gott der Furcht gewesen war, der alles Unglück in seiner Hand hielt.