Part 23
Was seine Vorstellungen von der hohen Bedeutung des Theaters noch erhöhte, war die Lektüre von Schillers Vorlesung „Die Schaubühne, als moralische Anstalt betrachtet‟. Sätze wie diese zeigten doch, wie hoch das Ziel war, nach dem er strebte: „Die Schaubühne ist der große Kanal, in dem das Licht der Weisheit von dem denkenden bessern Teil des Volkes herniederströmt, um sich in milden Strahlen über den ganzen Staat auszubreiten.‟ -- „In dieser künstlichen Welt träumen wir uns von der wirklichen fort, wir finden uns selbst wieder, unser Gefühl wird geweckt, heilsame Gemütsbewegungen erschüttern unsere schlummernde Natur und treiben unser Blut in raschen Wellen. Der Unglückliche weint hier seinen eigenen Kummer in fremdem aus, der Glückliche wird nüchtern, der Sichere nachdenklich. Der empfindsame Weichling härtet sich zum Mann, der rohe Unmensch beginnt hier erst zu fühlen. Und dann endlich, welch ein Triumph für dich, Natur! -- so oft zu Boden getretene, so oft wiederauferstehende Natur! -- wenn Menschen aus allen Kreisen und Zonen und Ständen, abgeworfen jede Fessel der Künstelei und der Mode, herausgerissen aus jedem Drange des Schicksals, durch +eine+ allwebende Sympathie verbrüdert, in +ein+ Geschlecht wieder aufgelöst, ihrer selbst und der Welt vergessen und ihrem himmlischen Ursprung sich nähern. Jeder einzelne genießt die Entzückungen aller, die verstärkt und verschönert aus hundert Augen auf ihn zurückfallen, und seine Brust gibt jetzt nur einer Empfindung Raum -- es ist diese: ein Mensch zu sein!‟
So schrieb der fünfundzwanzigjährige Schiller, und der zwanzigjährige Jüngling unterschrieb es.
Das Theater ist wohl eine Bildungsanstalt für Jugend und Mittelklasse, die sich noch von Schauspielern und bemalter Leinwand täuschen lassen können. Für Ältere und Gebildete ist es ein Vergnügen; besonders die Kunst des Schauspielers nimmt die Aufmerksamkeit gefangen. Darum ist es beinahe eine Regel, daß alte Kritiker unzufrieden und brummig werden. Sie haben die Illusion verloren und lassen keinen Fehler in der Technik durch.
Die neueste Zeit hat das Theater, besonders die Kunst des Schauspielers, bis zum Äußersten überschätzt; darauf ist dann der Rückschlag erfolgt. Die Schauspieler haben nämlich ihre Kunst von der Dramatik losgerissen, indem sie sich einbildeten, auf eignen Füßen gehen zu können. Daher das Sternwesen, die Schauspielerverehrung. Dann kam die Opposition. In Paris, wo man am weitesten gegangen, zeigte sich der Gegenstrom zuerst. Der Figaro rief die Helden am Théatre-Français zur Ordnung und erinnerte sie daran, daß sie die Puppen der Dichter seien.
Daß heute (1886) alle großen europäischen Theater herunterkommen, deutet an, daß die Kunst an Interesse verliert. Die Gebildeten gehen nicht mehr ins Theater, weil der Wirklichkeitssinn sich entwickelt hat und die Phantasie, ein Überrest des Wilden, zurückgeht. Die Ungebildeten haben weder Zeit noch Geld, um ins Theater zu gehen. Dem Varieté, das ergötzt, ohne zu erziehen, scheint heute die Zukunft zu gehören, denn es ist Spiel und gewährt Erholung. Alle bedeutenden Dichter wählen eine andere, geeignetere Form, um die großen Fragen zu behandeln. Ibsens Stücke haben immer ihre Wirkung in Buchform ausgeübt, ehe sie gespielt wurden; und wenn sie gespielt werden, dreht sich das Interesse am meisten darum, +wie+ man sie spielt -- also ein Interesse zweiten Grades.
Johan machte den gewöhnlichen Fehlschluß der Jugend, daß er Schauspieler und Dichter vermengte. Der Schauspieler war der Verkünder, und der Dichter war der Verantwortliche, der hinter jenem steht.
Jetzt im Frühling verließ Johan seine alte Stellung als Hauslehrer bei den beiden Mädchen; er hatte also freie Zeit genug, um während des Sommers seine Kunst zu studieren, im geheimen und auf eigene Faust. Er hatte über die Bücher gelächelt, und die ersten, die er jetzt aufsuchte, waren die Bücher. Darin standen die Gedanken und Erfahrungen der Menschen, und mit diesen, von denen die meisten tot waren, konnte er jetzt vertraulich sprechen, ohne verraten zu werden. Er hatte gehört, daß im Schloß eine Bibliothek sei, die dem Staate gehöre und aus der man Bücher leihen könne. Er verschaffte sich eine Bürgschaft und ging ins Schloß. Es war feierlich: viele, viele Bücher standen in den kleinen Zimmern, und grauhaarige, stille Greise saßen da und studierten. Er bekam seine Bücher und ging scheu und glücklich nach Hause.
Er wollte seine Sache gründlich behandeln, ihr auf den Grund gehen, und er war gründlich. Aus Schiller holte er die Äußerung von der tiefen Bedeutung des Theaters; aus Goethe nahm er eine ganze Abhandlung, mit direkten Vorschriften, wie man gehen und stehen, sich halten und setzen, hereinkommen und hinausgehen solle; in Lessings „Hamburgischer Dramaturgie‟ las er einen ganzen Band Theaterkritiken mit den feinsten Beobachtungen. Lessing machte ihm am meisten Hoffnung; der erklärte sogar, das Theater sei durch die Kunst der Schauspieler heruntergekommen und verlangte, man solle mit Dilettanten aus den gebildeten Klassen spielen; die würden die Rollen besser verstehen als die geschulten und oft ungebildeten Schauspieler. Auch las er Remond de Sainte Albine[4], dessen viel zitierte Beobachtungen über Bühnenkunst von großem Wert sind.
Daneben unternahm er praktische Übungen. Zu Hause beim Doktor ordnete er eine Bühne an, wenn die Knaben fort waren. Er übte sich im Auftreten und im Abgang. Inszenierte die ganzen „Räuber‟, maskierte und kostümierte sich als Karl Moor und spielte ihn. Er ging ins Nationalmuseum, um die Gebärden der antiken Skulpturen zu sehen; legte den Spazierstock ab, um sich auf der Straße im freien Gehen zu üben. Seiner Schüchternheit, die ihm beinahe die Krankheit der Platzfurcht zugezogen hatte, tat er Gewalt an: er ging jetzt mit Vorliebe über den nächsten großen freien Platz, wo große Volkshaufen standen. Er turnte zu Hause jeden Tag und focht mit den Schülern. Er gab acht auf jede Bewegung der Muskel; übte sich im Gehen mit hocherhobenem Kopf und vorgestreckter Brust, während die Arme frei herabhingen, die Hand (nach Goethe) lose geballt war, die Finger in einer abnehmenden Reihe schön herabfielen.
Am schlimmsten stand es um die Ausbildung der Stimme, denn er wurde im Hause gehört, wenn er deklamierte. Da kam er darauf, aus der Stadt herauszugehen. Und der Ort, der einzige, wo er ungestört sein konnte, war der große Exerzierplatz im Norden der Stadt. Dort überschaute er die ganze weite Ebene und konnte aus großer Entfernung einen Menschen kommen sehen; dort erstarb der Laut so sehr, daß er sich anstrengen mußte, um sich selber zu hören. Auf die Weise erhielt er eine starke Sprechstimme.
Jeden Tag ging er dort hinaus. Dort raste er gegen Himmel und Erde. Die Stadt, deren Kirchtürme er sehen konnte, war die Gesellschaft, während er hier draußen in der Natur stand. Er ballte die Faust gegen Schloß, Kirchen, Kasernen; schnaubte gegen die Truppen, die ihm bei ihren Manövern oft zu nahe kamen. Etwas Fanatisches lag in seiner Arbeit, und er scheute keine Mühe, um sich seine unbändigen Muskeln gehorsam zu machen.
15.
+Wie er Aristokrat wird.+
(1869)
Im Hause verkehrte unter andern ein junger Mann, der die Bildhauerkunst studierte. Er war aus den unteren Schichten der Gesellschaft gekommen, war Schmiedejunge gewesen und jetzt in die Akademie eingetreten, wo er sein Probestück machte. Er war glücklich und immer heiter, glaubte von der Vorsehung auf seine neue Laufbahn berufen zu sein; erzählte, wie er vom Geist geweckt und getrieben worden, im Dienst des Schönen zu wirken. Johan hatte ihn gern, weil er weder grübelte noch sich selbst kritisierte, sondern vollständig unbewußt war. Außerdem war er ein Mitschuldiger, der dasselbe vermessene Ziel wie Johan verfolgte: aus der Unterklasse herauszukommen; das Gefühl aber, daß er sich schuldig mache, fehlte ihm, während Johan ständig davon geplagt wurde.
Der Bildhauer war auch gläubiger Christ, war fest in seinem Glauben; wollte von einem andern Glauben nichts wissen. Die beiden jungen Leute kamen sofort überein, den Glauben des andern zu achten. Johan hielt diese Übereinkunft, während der Freund sie zuweilen vergaß. Der war als Christ streng in theoretischer Moral, gab aber sonst dem Fleisch das Seine. Johan betraf ihn eines Tages dabei, wie er mitten am Vormittage ein Mädchen aus seinem Zimmer ließ. Ohne verlegen zu werden, erklärte der Bildhauer ganz einfach, sein Fleisch verlange das, während er gleichzeitig erzählte, andere Menschen lebten wie Schweine.
Johan fragte ihn einmal, wie seine Religion ihm das erlauben könne.
-- Ja, siehst du, antwortete der wahre Christ, wir, die wir in Christus leben, wir haben alle Sünde auf Jesus geworfen.
Aber das Gesetz?
-- Das Gesetz hat Jesus für uns vervollkommnet. Keiner kann das Gesetz erfüllen, darum ist Jesus in die Welt gekommen, um den Fluch des Gesetzes aufzuheben. Und darum, mein lieber Johan, siehst du, nur mit Christus kann man Freude und wahren Frieden haben!
Johan fand das kolossal. Jetzt begriff er den angeblichen Frieden der Pietisten. Sie schoben die Schuld auf die Sünde und den Teufel, um die Taten zerbrachen sie sich nicht weiter den Kopf. Das war eine bequeme Religion, etwa wie Schlafrock und Pantoffeln.
-- Du bist nicht glücklich, fuhr der Freund fort, weil du unter dem Gesetze stehst; weil du es erfüllen willst, um fehlerfrei zu werden; das aber kann niemand.
Daran lag es also. Johan hatte immer eine Art böses Gewissen, daß er Fehler habe. Dieses Gewissen sollte also zum Schweigen gebracht und alles auf Jesus geworfen werden. Das aber war ungereimt: er würde also niemals Frieden finden. Es lag etwas Humanes in solchem Pietismus, in diesem fröhlichen Christentum, sich immer schuldfrei zu fühlen; immer tun zu können, was man wollte, wenn man nur glaubte, Jesus sei Gott. Das war ja moderner Determinismus, der alles entschuldigte, weil er alles erklärte; mit der Ausnahme, daß er nur den Gläubigen zu sündigen erlaubte; nur in Jesus durfte man sündigen und fröhlich sein.
Das sind Jesuiten, dachte Johan: wenn man mit der Partei stimmt, darf man sündigen, kann aber streng gegen andere sein.
Eines Tages kam dieser Freund Albert zu Johan und teilte ihm mit, er wolle nach Kopenhagen fahren, um Thorwaldsens Museum zu sehen. Ein schlauer Unternehmer veranstalte nämlich eine Dampferfahrt nach Kopenhagen, durch den Götakanal hin und an der Küste zurück, gegen eine sehr geringe Summe.
-- Komm mit, sagte er.
Bald war der Entschluß gefaßt, daß Johan und einer der Knaben mitfahren sollten. Die Veranlassung der Dampferfahrt war der Einzug der Kronprinzessin in die dänische Hauptstadt; für sie aber war es eine Wallfahrt nach dem Grabe Thorwaldsens.
* * * * *
An einem Augustabend sitzt Johan neben dem Bildhauer, einem der Knaben und einem von dessen Schulkameraden auf dem Achterdeck des Dampfers. In der Dämmerung, die schon eingetreten ist, sieht man Herren und Damen an Bord kommen. Die Gesellschaft scheint ganz gut zu sein. Starke Familienväter mit Fernglas und Reisetasche, Damen in hellen Kleidern und Hüten nach der neuesten Mode. Es ist eine Bewegung und ein Wirrwarr; man sucht seine Schlafplätze, die allen versprochen sind. Johan und seine Begleiter sitzen ruhig da und warten ab. Sie haben ihren Mundvorrat wie ihre Decken und fürchten nichts.
Als der Dampfer abgestoßen ist und Ordnung in das Gewirr kommt, sagt Johan:
-- Jetzt wollen wir ein Butterbrot essen, ehe wir uns niederlegen.
Man sucht nach der Reisetasche und dem Brotkorb. Sie sind nicht zu finden. Man entdeckt, daß sie nicht mitgekommen sind. Das war ein harter Schlag, denn die Kasse war nicht groß, und man hatte sich auf den vortrefflichen Mundvorrat verlassen, den die Frau Doktor besorgt. Nun, man ißt aus dem Kasten des Bildhauers, aber da sind nur trockene Sachen, die nicht viel verschlagen.
Dann will man sich niederlegen. Von allen Seiten wird nach Schlafplätzen gefragt. Es gibt keine. Die Passagiere werden erregt und Flüche hageln. Man muß sich also aufs Deck setzen. Man schreit nach dem Veranstalter der Fahrt, aber er ist nicht an Bord. Johan legt sich aufs bloße Deck; die Knaben ziehen eine Persenning über, denn der Tau fällt und eine scharfe Kälte herrscht.
Sie erwachen frierend in Södertelje, denn die Matrosen hatten ihnen die Persenning fortgenommen.
Auf dem Kanaldamm erscheint jetzt der Veranstalter, der seines Zeichens Tapezierer ist. Die Passagiere werfen sich über ihn und schleppen ihn an Bord, überschütten ihn mit Vorwürfen. Er verteidigt sich und will ans Land, aber vergebens. Ein Standgericht wird abgehalten. Man beschließt die Fahrt fortzusetzen, behält aber den Tapezierer als Geisel.
Der Dampfer fährt durch den Kanal; als er aber eine Schleuse passiert, schwingt sich der Veranstalter hinauf und verschwindet unter einem Hagelschauer von Flüchen.
Die Fahrt wird fortgesetzt, und um die Mittagszeit ist man im Götakanal. Auf dem Achterdeck wird der Mittagstisch gedeckt. Johan und seine Begleiter nehmen Quartier im Rettungsboot, das am Achter hängt, und essen ein einfaches Mittagsmahl aus dem Kasten des Bildhauers. Der Bildhauer, der auf einem Ballen im Ladungsraum geschlafen hat, ist bei guter Laune und kennt Stand und Namen aller Passagiere.
Der Mittagstisch ist jetzt besetzt. Präses ist der Schornsteinfegermeister mit Familie. Dann kommen Pfandleiher, Schenkwirt, Fuhrmann, Schlächter, Diener nebst Familie, eine Menge junger Ladenburschen und einige Dirnen. Johan leidet, als er gedämpfte Barsche und Erdbeeren, Rotwein und Sherry sieht, denn er ist durch Luxus schon so verdorben, daß er von einfacher Nahrung krank wird. Das ist die Oberklasse unter den Passagieren. Der Schornsteinfegermeister spielt den großen Herrn. Er verzieht das Gesicht über den Rotwein und schilt die Kellnerin; die erklärt aber, die Wirtin bestimme über die Waren. Der Diener des Reichsarchivs macht den Gelehrten und scheint als Beamter auf die Philister herabzusehen.
Beim Sherry werden Reden gehalten. Die Unterklasse vom Vorderdeck hängt an Relingen und Geländern und lauscht. Nach den Parias im Rettungsboot sieht niemand. Man weiß, daß sie da sind, aber man sieht sie nicht. Die weiße Mütze wünscht man wohl gern fort, denn es sitzen zwei Augen unter dem Schirm, die sehen, daß es keine bessern Leute sind. Johan empfindet das. Er ist aus dieser Klasse heraus, der er von Geburt angehört, aber er hat kein Essen und ist nichts. Er empfindet seine Unterlegenheit und ihre Überlegenheit. Sie haben gearbeitet, und darum essen sie. Ja, aber er hatte ebensoviel wie sie gearbeitet. Ja, aber nicht auf diese Art. Er arbeitete und hatte Ehre von seiner Arbeit, sie nahmen das schöne Essen und verzichteten auf die Ehre. Beides konnte man nicht haben.
Die Leute saßen da, gesättigt und fröhlich, tranken Kaffee und Likör und nahmen das ganze Achterdeck ein. Jetzt wurden sie kühn und machten Bemerkungen über die Gesellschaft im Rettungsboot. Die konnte nur schweigen und leiden, denn jene waren in der Mehrheit und Oberklasse, weil sie konsumierten.
Johan fühlte sich in einem Element, das nicht das seine war. Eine feindliche Luft war um ihn, ihm war schlecht zumute. Hier an Bord gab es keine Polizei, die ihm helfen würde; auf keine Gerechtigkeit konnte er sich berufen; kam es zu Händeln, würden alle ihn verurteilen. Er brauchte nur eine spitzige Antwort zurückzugeben, so würde er Schläge kriegen. Pfui Teufel, dachte er, dann lieber Offizieren und Beamten gehorchen: die würden niemals solche Tyrannen sein wie diese Demokraten.
Später versuchte er, auf Alberts Rat, sich ihnen zu nähern, aber sie waren unzugänglich.
Auf der Fahrt zwischen Venersborg und Göteborg kam es zum Ausbruch. Der Hunger nahm so bedenklich zu, daß man eines Mittags beschloß, in den Speisesalon hinunterzugehen, um vom Butterbrottisch zu essen. Johan und die Knaben gingen. Da waren so viel Leute, daß man kaum an den Tisch herankommen konnte. Johans Schüler behielt darum, und nach den Sitten seiner Klasse, den Hut auf. Der Schornsteinfeger erblickte den Hut.
-- Hör mal, schrie er, ist dir das Zimmer etwa zu hoch?
Der Knabe tat, als verstehe er nicht.
-- Den Hut ab, Junge! rief man wieder.
Der Hut bleibt sitzen. Ein Ladenbursch schlägt ihn herunter. Der Knabe nimmt den Hut auf und setzt ihn wieder auf den Kopf. Da bricht der Sturm los. Wie ein Mann stürzen alle hin und schlagen den Hut herunter. Dann geht es auf Johan los.
-- Und so ein Halunke hat einen Hauslehrer, der dem Jungen keinen Anstand beibringen kann! Wir wissen schon, wer Sie sind.
Und nun hagelte es Scheltworte über die Eltern.
Johan versuchte die Gesellschaft darüber aufzuklären, daß man in diesen Kreisen an öffentlichen Orten den Hut aufbehalte, +jenes+ also kein Ausdruck von Geringschätzung gewesen sei. Das aber wurde übel aufgenommen. +Jenes+ und in diesen +Kreisen+! Was schwatzte er für Unsinn! Wollte er sie Anstand lehren?
Ja, das konnte er, da sie gerade von diesen Kreisen vor fünfundzwanzig Jahren gelernt, den Hut abzunehmen, was jetzt nicht mehr Sitte war; und er hätte ihnen sagen können, daß sie in fünfundzwanzig Jahren den Hut aufbehalten würden, sobald sie nur Wind bekommen, daß es fein sei. Das aber hatten sie noch nicht.
Sie gingen wieder auf Deck.
-- Mit diesen Leuten kann man sich nicht auseinandersetzen, sagte Johan.
Er war von dem Auftritt erschüttert. Er hatte einen Ausbruch des Klassenhasses erlebt; hatte die Augen funkeln gesehen von Leuten, die er nicht gekränkt; hatte den Fuß der künftigen Oberklasse auf seiner Brust gefühlt. Also, sie waren seine Feinde geworden. Die Brücke zwischen ihnen und ihm war abgebrochen. Aber das Blutsband war noch da, und er hegte denselben Haß gegen die Gesellschaft und deren unberechtigte Höhen wie sie; denselben Groll auf die Konvention, vor der sie sich alle beugen mußten; ja, er hatte Karl Moors Worte im Ohr, aber die, die ihn eben geschlagen hatten, waren alle Spiegelberger. Kamen sie in die Höhe, würden sie alle treten, Große wie Kleine; kam er in die Höhe, würde er nur die Großen treten. Das war der Unterschied zwischen ihnen. Doch es war die Bildung, die ihn demokratischer als sie gemacht hatte; also: hinüber zu den Gebildeten! Die würden für die Unteren arbeiten, aber aus der Entfernung und von oben. Mit dieser rohen, unförmlichen Masse konnte man nichts anfangen.
Der Aufenthalt an Bord wurde jetzt unerträglich. Jeden Augenblick konnte man einen Ausbruch erwarten. Und der kam.
Johan saß auf dem oberen Deck, der Dampfer war jetzt auf dem Kattegatt, als er unter sich einen heftigen Lärm, Stimmen, Geschrei hörte. Er glaubt die Stimme seines Schülers zu erkennen. Er stürzt hinunter. Auf dem Zwischendeck steht der Sünder, umgeben von einer Menschenmenge. Der Pfandleiher fuchtelt mit den Armen und schreit. Johan fragt, was los sei.
-- Er hat meine Mütze gestohlen! schreit der Pfandleiher.
-- Das ist doch wohl nicht möglich, sagt Johan.
-- Doch, ich habe es gesehen; er hat sie in diese Reisetasche gelegt.
Es war Johans Reisetasche.
-- Das ist meine Reisetasche, sagt Johan; bitte, sehen sie selbst nach!
Der öffnet die Reisetasche und -- da liegt die Mütze des Pfandleihers. Allgemeine Bestürzung. Johan ist betroffen, und der Sturm will gegen die beiden Diebe losbrechen. Ein Student, der stiehlt! Das war ein Leckerbissen! Wie war das zugegangen? Jetzt erinnerte sich Johan. Er hatte eine ebensolche graue Mütze wie der Pfandleiher, die er des Nachts zum Schlafen benutzte. Er hatte dem Knaben gesagt, er solle die in die Reisetasche legen; der Knabe hatte dann die falsche genommen.
Johan wandte sich an die Passagiere.
-- Meine Herren, begann er, halten Sie es für möglich, daß der Sohn eines reichen Mannes eine fettige Mütze nimmt, wenn er selbst eine fast neue besitzt? Sehen Sie nicht, daß ein Irrtum begangen ist?
-- Ja, antwortete die Unterklasse, es ist ein Irrtum.
Aber der Pfandleiher blieb bei seiner Behauptung.
-- Dann bleibt mir nur übrig, diesen Herrn für den Irrtum um Entschuldigung zu bitten; und ich ersuche meinen Schüler, das gleiche zu tun!
Das tat der, wenn auch widerstrebend. Allgemeine Befriedigung, Gemurmel, das sei fein!
Damit war der Fall glücklich abgetan.
-- Siehst du, sagte Johan zu dem Knaben, die Leute lassen doch mit sich reden!
-- Ach was! Sie fühlten sich nur geschmeichelt, weil Sie „Meine Herren‟ sagten. Ein verdammtes Pack!
-- Vielleicht, antwortete Johan, der die Demütigung zu groß für solch eine Kleinigkeit fand.
Endlich waren sie in Kopenhagen. Hungrig, frierend, schlecht gelaunt, saßen sie in Regenschauern vor Thorwaldsens Museum, das infolge des Festes geschlossen war. Aber Albert schwor, er werde hineinkommen. Nachdem sie eine Stunde neben dem Schornsteinfeger, dem Schenkwirt und all den andern Passagieren gewartet hatten, kam ein alter Mann, der gelehrt aussah. Der wollte hinein. Albert stürzt sich über ihn her, nennt Molins, des schwedischen Bildhauers, Namen, und sie werden hineingelassen; die andern Passagiere aber nicht. Albert war drinnen hingerissen, konnte es aber nicht unterlassen, dem Schornsteinfeger, der draußen stand, eine Fratze zu schneiden. Am meisten aber freute sich der junge Sünder, der das Pack haßte.
-- Jetzt sind wir Herren, sagte er.
Johan war nicht in der Stimmung, Thorwaldsen herrlich zu finden. Das war ein Künstler des Durchschnitts, gerade talentvoll genug, um so berühmt zu werden. Albert fand die Antike verfeinert, wagte aber nicht, zu widersprechen.
Den Einzug sahen sie nicht. Sie saßen auf dem Turm der Frauenkirche und schauten sich die Aussicht an.
Gegen Nacht, als man müde und abgespannt war, wollten sie auf den Dampfer gehen, um zu schlafen; der aber war nach Malmö hinübergefahren. Sie standen im Regen auf der Straße. In ein Hotel konnten sie nicht gehen, denn sie hatten kein Geld. Da faßte Albert den Entschluß, geradeswegs in eine Schenke zu gehen und um Nachtlogis zu bitten. Es war eine Seemannsschenke beim Zollhaus. Eine Herberge habe man wohl, aber die sei nur für Seeleute. Das tut nichts, wir müssen unter Dach. So wurden sie in ein Hofzimmer geführt. Dort standen zwei Bänke mit Betten, aber eine Waschschüssel war nicht zu sehen; die Wände hatten keine Tapeten, und es sah schäbig aus. Auf der einen Bank lag ein Matrose. Wer sollte zu ihm hineinkriechen? Albert entschloß sich dazu; bald war er entkleidet und lag neben dem Fremdling, der ein Holländer war und mit einem Schnaps geweckt wurde. Bald schlief die ganze Gesellschaft. Johan verwünschte das ganze Abenteuer; denn die Betten rochen.
Die Heimfahrt, an der Küste entlang, war ein einziges, großes Leiden. Ohne Essen und mit wenig Geld, mußte man das Leben fristen, indem man in den kleinen Städten, die angelaufen wurden, rohe Eier kaufte und trank. Dazu kam hartes Brot und Branntwein; das war die Diät für drei Tage.
Albert allein fühlte sich wohl und vergnügte sich. Er schlief in der Schanze bei den Matrosen und ergötzte sie mit Geschichten. Er war mit ihnen verwandt und konnte ihre Sprache. Er trank mit ihnen und erhielt warmes Essen; ja, er ging zuweilen in die Küche und erbettelte sich einen Teller Suppe.
-- Wie leicht wird ihm das Leben, dachte Johan. Er vermißt den Luxus nicht, weil er ihn nie gekostet hat; er wird nicht wie ein Fremdling ausgestoßen, wenn er sich diesen Leuten nähert. Er kann schmausen, während wir hungern. Er sieht nur Freunde überall. Aber sein Tag wird auch kommen, wenn er nicht mehr Unterklasse ist; wenn Luxus und feine Gewohnheiten ihn ebenso hilflos und unglücklich gemacht haben.
* * * * *