Der Sohn einer Magd

Part 22

Chapter 223,480 wordsPublic domain

Mit Bajonetten wurde jetzt die Volksmasse nach der Wache getrieben, die sich auf dem Gustav-Adolf-Platze befand. Hinterdrein folgten viele Menschen, Herren aus höheren Gesellschaftsklassen, wild, schreiend; wie es schien, fest entschlossen, die Gefangenen zu befreien. Johan lief mit. Es war, als habe ein Sturmwind sie vorwärts geführt. Menschen, die durchaus nicht belästigt, nicht zurückgedrängt worden waren, die eine hohe Stellung in der Gesellschaft einnahmen, stürzten blind vorwärts, setzten Stellung, Familienglück, Brot, alles aufs Spiel. Johan fühlte, wie eine Hand seine faßte. Er drückte sie ebenfalls und sah neben sich einen fein gekleideten Herrn mittleren Alters, dessen Züge verzerrt waren. Sie kannten einander nicht, sie sprachen nicht miteinander, aber sie liefen Hand in Hand wie zwei, die von dem gleichen Geist ergriffen sind. Sie stießen auf einen Dritten. Johan kannte einen Schulkameraden wieder, der schon Beamter war, den Sohn eines Ministers. Dieser junge Mann hatte die Opposition in der Schule niemals mitgemacht, galt im Gegenteil für einen Reaktionär, der eine Zukunft vor sich habe. Er war jetzt weiß im Gesicht wie eine Leiche, die Wangen waren von Blut geleert, die Muskeln lagen dicht am Schädel: er glich einem Totenkopf, in dem zwei Augen brannten. Die drei konnten nicht sprechen, aber sie faßten sich gegenseitig bei den Händen und liefen auf die Wache zu, die gestürmt werden sollte. Die Flutwoge stürmte vorwärts, vorwärts, bis sie sich, wie immer, an den Bajonetten brach, um sich in Schaum aufzulösen.

Eine halbe Stunde später saß Johan mit einigen Studenten bei einem Beefsteak im Opernkeller. Er erzählte sein Abenteuer als etwas, das außerhalb von ihm und ohne seinen Willen geschehen sei. Ja, er scherzte darüber. Das konnte Feigheit gegenüber der öffentlichen Meinung sein; aber auch ganz einfach, daß er seinen Ausbruch objektivierte, ihn jetzt in Ruhe als Mensch der Gesellschaft beurteilte. Die Luke war einen Augenblick geöffnet worden, der Gefangene hatte seinen Kopf herausgesteckt, dann flog die Luke wieder zu.

Sein unbekannter Mitschuldiger war, wie er später entdeckte, ein durchaus konservativ gesinnter Großkaufmann. Der wich nun Johans Blicken aus, wenn sie sich trafen. Einmal stießen sie auf einem Trottoir zusammen und mußten einander ansehen. Sie lächelten nicht.

Während sie im Opernkeller saßen, kam die Nachricht vom Tode des Dramatikers Blanche. Die Studenten nahmen sie ziemlich kühl auf. Künstler und Bürger wärmer. Aber die Unterklasse sprach von Mord. Sie wußte, daß er wegen der Tribünen persönlich beim König vorstellig geworden war. Sie wußte, daß er immer, obwohl er alles Gute dieser Welt besaß, an sie dachte, und sie war dankbar. Dumme Menschen wandten wie gewöhnlich ein: es war keine Kunst von ihm, sich eine Rede für die Armen zu leisten, da er reich und gefeiert war. War es keine Kunst? Die größte Kunst!

Eigentümlich war, daß sich die ganze Unzufriedenheit gegen den Oberstatthalter und die Polizei entlud, nicht wie sonst gegen den König. Karl XV. war eine Persona grata; er durfte tun, was er wollte, ohne unpopulär zu werden. Er war nicht herablassend oder demokratisch, eher hochfahrend. So erzählte man sich Geschichten, daß Günstlinge in Ungnade gefallen seien, weil sie bei frohem Gelage den Respekt außer acht gelassen. Er konnte Soldaten Tabak in den Mund stecken, aber er beschimpfte Offiziere, die seinen Launen nicht sofort gehorchten. Bei Feuersbrünsten teilte er Ohrfeigen aus. Lachte nicht, wenn er im Witzblatt karikiert wurde, wie man annahm. Er war der Herrscher und glaubte sowohl Krieger wie Staatsmann zu sein. Griff selber in die Regierung ein, konnte Fachmänner anschnauzen: „das verstehst du nicht.‟ Aber er war populär und blieb es. Der Schwede, der darunter zu leiden scheint, wenn ein Wille versagt, bewunderte diesen Willen und beugte sich vor ihm. Eigentümlich war auch, daß der Schwede ihm sein unregelmäßiges Leben verzieh, vielleicht, weil er kein Geheimnis daraus machte. Er hatte sich seine eigene Moral geschrieben, und nach der lebte er. Daher besaß er Harmonie, und Harmonie ist immer ein angenehmer Anblick.

Man konnte Empörer aus Instinkt sein, aber an die notwendige Übergangsform zu einer besseren Staatsverfassung, der Republik, glaubte man nicht. Man hatte in Frankreich gesehen, wie auf zwei Republiken neue Monarchien gefolgt waren. Man war heimlich Anarchist, aber nicht Republikaner, und man hatte sich einreden lassen, die Monarchie sei kein Hindernis für die Entwicklung der Freiheit.

So dachten die Jungen. Die Älteren dagegen, wie der Dramatiker Blanche, sahen die ganze Rettung in der Republik. Darum ist die altliberale Schule heute (1886) so etwas wie konservativ republikanisch geworden.

* * * * *

Als der Doktor sah, daß die schöne Literatur seiner Frau Johans medizinische Studien überwucherte, beschloß er, ihn in die Geheimnisse seines Berufes blicken zu lassen; ihm einen Vorgeschmack davon zu geben, der ihm helfen sollte, die langwierigen Vorstudien zu überwinden, die er selbst für zu weitläufig hielt. Johan konnte jetzt mehr Chemie und Physik als der Arzt; und der war der Ansicht, es sei nur Bosheit, durch schwere Vorstudien den Konkurrenten die Laufbahn zu erschweren. Warum nicht sofort wie in Amerika an der Leiche arbeiten, da es doch ein Fachstudium war? So durfte Johan direkt von seinen anatomischen Büchern als Amanuensis in die Praxis übergehen.

Das war ein neues, abwechslungsreiches Leben voller Wirklichkeit. Man fuhr in eine dunkle Gasse, kam in ein Pförtnerzimmer, wo ein Weib im Fieber lag. Trat ans Bett, zwischen arme Kinder, Großmutter und andere Verwandte, die auf Zehen gingen und das Urteil erwarteten. Nahm die muffige, zerlumpte Decke ab, entblößte eine eingesunkene, arbeitende Brust, zählte die Pulsschläge. Dann griff man zu Papier und Feder.

Dann fuhr man in die Villenstraße, wurde auf weichen Teppichen durch glänzende Zimmer in eine Schlafstube geführt, die wie ein Tempel aussah. Hob eine blauseidene Decke, schiente das Bein eines in Spitzen gekleideten, engelhaften Kindes. Betrachtete auf dem Rückweg eine Gemäldesammlung und sprach von Künstlern.

Das war neu, das war interessant. Aber was für einen Zusammenhang hatte das mit Titus Livius und der Geschichte der Philosophie?

Dann aber kamen die chirurgischen Einzelheiten. Man wird um sieben Uhr morgens geweckt, kommt in die schwarze Kammer des Doktors, muß beim Ausbrennen einer Wunde mit Hand anlegen; einer Wunde, die von einer geschlechtlichen Krankheit herrührt. Das Zimmer riecht nach Menschenfleisch und das ist widerlich bei fastendem Magen. Oder muß einem Patienten den Kopf halten, während der Doktor mit einer Gabel Drüsen aus dem Rachen zieht; fühlen, wie der Kopf des Patienten unter dem Schmerz zuckt.

Daran gewöhnt man sich bald, sagte der Doktor, und das war wahrscheinlich. Aber Johans Gedanken waren jetzt bei Goethes Faust, Wielands leckern Romanen, George Sands sozialen Phantasien, Chateaubriands Naturschwärmereien, Lessings verständigen Theorien. Die Phantasie war in Bewegung gesetzt, und das Gedächtnis wollte nicht arbeiten; die Wirklichkeit mit ihren Brandwunden und geronnenem Blut war unschön; die Ästhetik hatte den Jüngling so gefaßt, daß das Leben ihm traurig und abstoßend vorkam.

Der Verkehr mit Künstlern hatte seine Augen für eine neue Welt geöffnet: eine freie Gesellschaft in der Gesellschaft. Sie kamen an den reichen und gebildeten Tisch schlecht gekleidet, mit schwarzen Nägeln und unreiner Wäsche, als seien sie nicht nur den andern ebenbürtig, sondern überlegen. Worin? Sie konnten kaum ihren Namen schreiben, sie liehen Geld, um zu bezahlen, sie führten eine rohe Sprache. Alles war ihnen erlaubt, das andern nicht erlaubt war. Warum? Sie konnten malen. Aber das konnte man ja auf der Akademie lernen, und die Akademie fragte nicht, ob alle, die eingeschrieben wurden, auch Genies seien? Wie wußte man also, daß sie Genies waren? War Malen denn mehr als Wissen, Kenntnisse besitzen, gelehrt sein?

Und diese Künstler hatten ein eigenes Moralgesetz, das anerkannt wurde. Sie mieteten sich ein Atelier und ließen sich Frauen kommen, die sich nackt entkleideten. Sie prahlten mit ihren Geliebten, während sich andere ihrer schämten und ihretwegen getadelt wurden. Sie konnten in Geldverlegenheit sein und scherzten darüber, während andere dadurch belastet wurden; ja, es gehörte zu einem richtigen Künstler, ein „Lump‟ zu sein, wie man es sonst nannte.

Das sei eine heitere, freie Welt, dachte Johan; in der werde er sich wohl fühlen, ohne alle konventionelle Fesseln, ohne Pflichten gegen die Gesellschaft, vor allem aber ohne Berührung mit der langweiligen Wirklichkeit. Aber er war kein Genie; wie sollte er also da hineinkommen? Sollte er malen lernen, um den Freibrief zu erhalten? Nein, das ging nicht; er hatte nie ans Malen gedacht, dazu war er nicht berufen; auch würde die Malerei nicht alles ausdrücken, was er sagen wollte, wenn er einmal zum Sprechen käme. Sollte es etwas sein, +wenn+ es etwas sein sollte, so wäre es das Theater. Der Schauspieler durfte vertreten und alle diese Wahrheiten sagen, wie bitter sie auch sein mochten, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Das war sicherlich eine schöne Laufbahn.

14.

+Vor dem Vorhang.+

(1869)

Johans Versuch, die Universität Upsala nach Stockholm zu verlegen, sollte nicht ohne Folgen bleiben; die Kameraden hatten ihn ja gewarnt. Als er also zeitig im Frühling nach Upsala fuhr, um seine lateinische Arbeit zu schreiben, hatte er durch die Post an den Dozenten die üblichen drei Probeaufsätze und die festgesetzten fünfzehn Kronen vorausgeschickt. So gelang sein Attentat oder wurde nicht bemerkt, und die Arbeit leistete er.

Jetzt aber im Mai wollte er die Vorprüfung in Chemie machen. Um ganz sicher zu gehen, ließ er sich vom Assistenten der Technischen Hochschule prüfen. Der erklärte, er besitze mehr Kenntnisse, als zur medizinischen Prüfung notwendig seien. So vorbereitet, fuhr Johan nach Upsala. Den ersten Besuch machte er bei einem Kameraden, der schon die Vorprüfung in Chemie bestanden hatte und die Geheimnisse kannte.

-- Ich kann Synthese und Analyse; auch kenne ich die organische Chemie, begann Johan.

-- Das ist gut, denn wir brauchen nur die Synthese zu kennen; aber das hilft nichts, denn du hast nicht auf +seinem+ Laboratorium gearbeitet.

-- Das ist wahr, aber das der Hochschule ist viel besser.

-- Das hilft nichts, denn es ist nicht seins.

-- Wir werden doch sehen, ob Kenntnisse nicht genügen.

-- Wenn du so sicher bist, dann mach den Versuch; aber höre auf das, was ich dir jetzt sage. Zuerst mußt du zum Dozenten gehen, um die Fragen kennen zu lernen.

-- Was?

-- Für eine Krone paukt er eine Stunde mit dir; er fragt dich alle die merkwürdigeren Fragen, die der Professor während des letzten Jahres gestellt hat. So pflegt er jetzt zu fragen, ob man aus seinem Kadaver Streichhölzchen und Ammoniak aus deinen alten Stiefeln machen könne. Aber die Fragen erfährst du vom Dozenten. Zweitens darfst du nicht in Frack und weißer Binde kommen, am allerwenigsten so fein gekleidet, wie du jetzt bist. Darum will ich dir meinen Reitrock leihen, der auf den Schultern grün und an den Nähten rot ist, und meine Schaftstiefel, denn Stiefeletten liebt er nicht.

Johan befolgte die Instruktion und ging zuerst zum Dozenten. Der stellte an ihn die Fragen, die zuletzt vorgekommen waren. Zum Entgelt mußte Johan versprechen, unter allen Umständen zurückzukehren und die Fragen zu nennen, die er selbst erhalten. Mit denen wollte der Dozent sein Material an Fragen vermehren.

Am nächsten Tage ging Johan zu dem Kameraden, um sein Kostüm anzuziehen. Die Hosen wurden hochgezogen, damit die Schäfte der Stiefel zu sehen seien; der Kragen wurde auf der einen Seite aufgebogen, damit die Haut zwischen Bündchen und Kragen zu sehen war.

So vorbereitet ging er zu seinem ersten Tentamen.

Der Professor der Chemie war ein früherer Fortifikationsoffizier, der seinerzeit von der gelehrten Gilde in Upsala nicht gern empfangen worden. Er war Soldat, nicht akademisch gebildet, also eine Art „Philister‟. Das hatte ihn gereizt und leberkrank gemacht. Um sein laienhaftes Äußeres zu verwischen, affektierte er den überstudierten und geradsinnigen Gelehrten. Ging schlecht gekleidet und machte sich ungewöhnlich. Schüler des Berzelius, viele Hunderte waren das wohl gewesen, liebte er's, daran zu erinnern. Das war sein Trumpf. Berzelius trug unter anderm zerrissene Hosen; daher war ein Loch in den Hosen das Kennzeichen eines tüchtigen Chemikers. Daher alle diese Sonderbarkeiten.

Johan stellte sich vor, wurde mißtrauisch betrachtet und gebeten, in einer Woche wiederzukommen. Da erklärte er, er sei besonders hergereist und könne sich, da er arm sei, keine Woche in der Stadt aufhalten. Wirkte sich die Erlaubnis aus, am nächsten Tage wiederkommen zu dürfen. -- Es würde bald erledigt sein, meinte der Alte. -- Was?

Am nächsten Tage saß Johan auf einem Stuhl vor dem Professor. Es war ein sonniger Nachmittag im Mai und der Alte schien sein Mittagessen schlecht verdaut zu haben. Er sah unheimlich aus, als er von seinem Schaukelstuhl seine erste Frage hinwarf.

Zuerst kamen die Antworten korrekt. Dann wurden die Fragen gewundener, als seien sie Schlingen.

-- Wenn ich ein Stück Land habe und vermute Salpeter, wie soll ich's da anfangen, um eine Salpeterfabrik anzulegen?

Johan antwortete, indem er eine Salpeteranalyse vorschlug.

-- Nein.

-- Dann weiß ich nichts anderes.

Es wurde still und die Fliegen summten. Lange still, unangenehm still.

-- Jetzt werden die Stiefel bald kommen oder die Streichhölzchen, dachte Johan; da werde ich glänzen. Aber es kam nichts. Johan brachte sich in Erinnerung und hustete. Aber der Professor schwieg. Johan überlegte sich, ob er durchschaut sei und der Alte den Prüfungsrock wiedererkannt habe.

Dann kam eine neue Frage, die unbeantwortet blieb. Dann noch eine.

-- Es ist zu früh, sagte der Alte und stand auf.

-- Aber ich habe ein Jahr auf dem Laboratorium gearbeitet und kann auch Analyse.

-- Die Rezeptur können Sie wohl, aber Sie haben sie nicht verdaut! Sehen Sie, auf der Hochschule ist man Handwerker, hier aber ist man Gelehrter.

Es verhielt sich nun gerade umgekehrt, denn die Mediziner beklagten sich darüber, daß sie wie Köchinnen dastehen und Mixturen und Salze bereiten müßten, ohne eine Analyse machen zu dürfen; während doch diese gerade Aufgabe des Arztes war; die Synthese hatte der Apotheker zu machen. Jetzt aber hatte die einige Jahre früher angeregte Frage, ob die Universität nicht nach Stockholm zu verlegen sei, Upsala gegen die Hauptstadt erhoben; auch war das Laboratorium der neu erbauten Technischen Hochschule zu Stockholm ebenso berühmt wegen seiner vortrefflichen Einrichtungen, wie das der Universität Upsala wegen seiner erbärmlichen berüchtigt war. Hier spielte also kleinlicher Sinn mit, und Johan fühlte die Ungerechtigkeit.

-- Ich bekomme also kein Zeugnis?

-- Nein, Herr, nicht dieses Jahr; aber kommen Sie nächstes Jahr wieder!

Er schämte sich zu sagen: Gehen Sie auf mein allein seligmachendes Laboratorium.

Johan war außer sich. Also weder Kenntnisse noch Fleiß, allein Geld und Kriechen. Hatte er etwa Richtwege gesucht? Nein, im Gegenteil, er hatte Umwege gehen müssen, weite und mühsame, während die andern die gerade Straße zogen, und der direkte Weg ist der kürzeste!

Er kam in den Park der Bibliothek, böse wie eine Biene. Wollte zuerst gar nicht wieder in die Stadt hinein, sondern setzte sich auf eine Bank. Hätte er das verdammte Loch nur in Brand stecken können. Ein Jahr? Nein, niemals! Er hatte alles satt. Warum soviel Unnötiges lernen, wenn es doch vergessen wurde und nie in der Praxis vorkam. Und so lange schuften, um schließlich diesen schmutzigen Beruf auszuüben: Urinproben analysieren, im Auswurf stochern, in allen Winkeln des Körpers wühlen? Pfui Teufel!

Wie er da sitzt, kommt eine Gesellschaft fröhlicher Menschen und bleibt lachend vor der Rückseite der Bibliothek stehen. Sie blicken nach den Fenstern hinauf, wo die langen Bücherreihen zu sehen sind, Gestell neben Gestell! Sie lachen! Damen und Herren lachen über die Bücher! Er glaubte sie zu erkennen! Ja, es sind Levasseurs französische Schauspieler, die er in Stockholm gesehen hat und die jetzt in Upsala gastieren. Sie lachen die Bücher aus. Glückliche Menschen, die Träger der Bildung und des Geistes sein können, ohne Bücher zu studieren! Vielleicht hatte jede Seele etwas zu geben, was nicht in den Büchern stand, aber einst darin stehen würde. Ja, gewiß, so war es. Er selbst besaß ja solche Vorräte an Erfahrungen und Gedanken, die sicherlich die Wissenschaft vom Menschen bereichern konnten; und reif lagen sie da.

So beschlich ihn wieder der Gedanke, in diesen bevorrechtigten Stand einzutreten, der außerhalb und über allen kleinen Gesetzen der Gesellschaft stand, der keinen Rang kannte, in dem man sich also nicht als Unterklasse fühlte. Da konnte man sich auf das allgemeine Urteil berufen und in voller Öffentlichkeit arbeiten. Das war etwas anderes als hier in einem abgelegenen dunkeln Loch aufgehängt zu werden, ohne Untersuchung, ohne Urteil, ohne Zeugen.

Gestärkt von dem neuen Gedanken, stand er auf, lächelte über die Bücher oben in der Bibliothek und ging in die Stadt hinein, entschlossen, nach Hause zu fahren und um ein Debüt auf dem Königlichen Theater zu bitten.

* * * * *

Jeder Stadtmensch wird einmal in seinem Leben die Lust empfunden haben, als Schauspieler aufzutreten. Das ist wohl der Kulturtrieb, sich zu vergrößern, etwas aus sich zu machen, sich mit andern, größern, erdichteten Personen zu identifizieren, der hier wirkt. Bei Johan, der Romantiker war, sprach auch das Verlangen mit, vorzutreten und zum Volke zu sprechen. Er glaubte nämlich, daß er sich seine Rollen wählen könne, und er wußte schon, welche. Daß er, wie alle andern, die Fähigkeit zu haben glaubte, kam wohl von dem Überschuß an unverbrauchter Kraft, den der Mangel an körperlicher Arbeit hervorbringt, und von dem daraus folgenden Vergrößerungstrieb beim Gehirn, das durch die geistige Überanstrengung unregelmäßig arbeitet. In dem Beruf selbst sah Johan keine Schwierigkeit, erwartete aber Widerstand von anderer Seite.

Vererbung annehmen, weil die Neigung in der Familie gewesen, dürfte vielleicht übereilt sein, da wir eben angenommen haben, daß sich das Verlangen bei den meisten findet. Doch hatte der Großvater väterlicherseits, Bürger von Stockholm, Theaterstücke für eine Liebhaberbühne geschrieben, und ein junger entfernter Verwandter lebte noch als warnendes Beispiel. Dieser letzte war Ingenieur gewesen, hatte in einem großen Eisenwerk gelernt, war an einer Bahn angestellt. Hatte also eine schöne Zukunft vor sich gehabt, aber plötzlich seine Laufbahn abgebrochen und war zum Theater gegangen. Johan erinnerte sich noch, wie in seiner Jugend zu Hause bei dem Verwandten Stücke von Studenten der Technischen Hochschule eingeübt wurden; er hatte auch eine solche Aufführung im Saal eines Restaurants gesehen. Der Schritt des Ingenieurs wurde ein Familienkummer, der sich niemals legte, und der viel bedauerte junge Mann war zu dieser Zeit noch nichts geworden, sondern reiste mit einer namenlosen Provinzgesellschaft umher. Das also war der schwierigste Punkt. -- Ja, das ist er, antwortete Johan sich selber, aber ich werde Glück haben! -- Warum? Weil er es glaubte. Und er glaubte es, weil er es wünschte.

Man könnte vielleicht die Lust für angeboren halten, weil Johan als Kind viel mit einem kleinen Kindertheater spielte; aber alle Kinder spielen Theater. Er hatte wohl die Lust dadurch bekommen, daß er andere spielen sah. Und das Theater war ja eine unwirkliche, bessere Welt, die einen aus der langweiligen wirklichen herauslockte. Die letzte wäre einem nicht so langweilig vorgekommen, wenn die Erziehung harmonischer, realistischer wäre, nicht so romantisch, wie sie ist.

Genug, der Entschluß war gefaßt. Ohne irgend einem etwas zu sagen, geht er zum Leiter der Schauspielerschule, dem Dramaturgen des Königlichen Theaters.

Als er seine eigenen Worte hörte: ich will Schauspieler werden, schauderte ihn. Es war ihm, als risse er sich angeborene Scnüchternheit ab und tue seiner Natur Gewalt an.

Der Lehrer fragte, was er sei.

-- Ich wollte Arzt werden.

-- Und eine solche Laufbahn wollen Sie verlassen, um die schwerste und schlechteste von allen zu wählen?

-- Ja!

Das sagten alle Schauspieler von ihrer Laufbahn: die schwerste und schlechteste, obwohl sie es so gut hatten. Das geschah nur, um einen abzuschrecken.

Johan bat um Privatstunden, damit er debütieren könne. Der Lehrer wollte gerade aufs Land reisen, denn die Spielzeit war zu Ende; aber er ersuchte Johan, am ersten September wiederzukommen, dann werde das Theater wieder eröffnet und die Direktion sei wieder in der Stadt. Das war eine Verabredung, und er war zufrieden.

Als er auf die Straße hinunterkam, ging er mit aufgesperrten Augen dahin, als sehe er in eine helle Zukunft hinein; den Sieg hatte er selbstverständlich in der Hand, er war bereits davon berauscht und flog, aber mit schwankenden Schritten, die Straße hinunter.

Im Hause des Doktors sagte er nichts, auch allen andern gegenüber schwieg er. Drei Monate lagen vor ihm: in denen wollte er für sich alles lernen, um bereit zu sein. Aber geheim, denn er war schüchtern und feig. Feig vor dem Kummer des Vaters, feig vor der Enttäuschung des Doktors; schüchtern vor der ganzen Stadt, die erfahren würde, daß er sich zum Schauspieler zu eignen glaubte; schüchtern vor dem Hohn der Verwandten, dem Grinsen und Abraten der Freunde. Das war die Frucht der Erziehung: was werden die Menschen sagen? Und die Furcht wurde so übertrieben, daß seine Einbildung die Handlung zu einem Verbrechen machte. Es war ja auch ein Eingriff in den Seelenfrieden vieler Menschen, denn Verwandte, Freunde, Bekannte fühlen ja eine Erschütterung, wenn ein Glied gewaltsam aus der Kette gerissen wird. Das empfand er, darum mußte er die Bedenklichkeiten des Gewissens abschütteln.

Als Debütrollen hatte er sich Karl Moor und Wijkanders Lucidor gewählt. Das war kein Zufall, sondern streng logisch. In diesen beiden hatte er beim Lesen sein Inneres ausgedrückt gefunden, deshalb wollte er in ihren Zungen sprechen. Lucidor, den schwedischen Dichter des siebzehnten Jahrhunderts, faßte er als eine höhere Natur auf, die, durch Armut untergraben, unzufrieden wurde und unglücklich endete. Natürlich eine höhere Natur! In diesen Schwärmereien fürs Theater tauchte auch etwas von dem auf, was er empfunden, als er predigte, als er sich beim Schulgebet empörte; das war der Verkünder, der Prophet, der Wahrheitsager!