Part 21
Manfred gefiel Johan, weil er mit dem Himmel und der himmlischen Regierung unzufrieden ist. Wenn Manfred sein Pfui über die Menschen ruft, so gilt es wohl der Gesellschaft, aber die Gesellschaft war noch nicht entdeckt. Keineswegs waren diese, Rousseau und Byron und die andern, unzufriedene Menschenhasser. Altes Christentum ist die Forderung, daß man die Menschen lieben soll. Wenn man sagte, man interessiere sich für sie, wäre das bescheidener und wahrer. Menschen fürchten kann der wohl tun, der im Kampf überlistet und abgetan ist, aber hassen kann sie wohl niemand, da sich ja jeder solidarisch mit der Menschheit fühlt und weiß, daß der Verkehr der größte Genuß des Lebens ist. Byron war ein Geist, der früher geweckt wurde als die andern und der theoretisch die Volksmenge seiner Zeit hassen mußte, der aber doch für aller Wohl kämpfte und duldete.
Als Johan sah, daß die Dichtung in ungereimten Versen geschrieben war, begann er sie zu übersetzen; kam aber nicht weit, da er von neuem entdeckte, daß er keine Verse schreiben konnte. Er war nicht berufen.
Bald schwermütig, bald mutwillig, empfand er oft ein unwiderstehliches Verlangen, im Rausch das brennende Feuer des Gedankens zu löschen und das Gehirn in seinem Laufe anhalten zu lassen. Von Natur schüchtern, fühlte er sich zuweilen getrieben, vorzutreten, aus sich etwas zu machen, Zuhörer zu sammeln, aufzutreten. Wenn er viel getrunken hatte, wollte er deklamieren. Große Gedichte, feierliche. Aber mitten im Vortrag, wenn die Ekstase am größten war, hörte er seine eigene Stimme, wurde schüchtern, verlegen, fand sich lächerlich und schlug plötzlich um, ging in einen niedrigeren Ton über, geriet ins Komische hinein, um mit einer Grimasse zu enden. Er hatte Pathos, aber nur für eine Weile; dann kam die Selbstkritik, und er lachte über seine übertriebenen Gefühle. Die Romantik lag im Blut, aber die nüchterne Wirklichkeit war im Begriff zu erwachen.
Auch Anfälle von Launen und Selbstquälerei verfolgten ihn. So blieb er von einem Mittagessen fort, zu dem er geladen war, lag auf seinem Zimmer und hungerte bis zum Abend. Er schob die Schuld darauf, daß er sich verschlafen.
Der Sommer näherte sich seinem Ende und er sah dem Beginn der Volksschule mit Überdruß und Furcht entgegen. Jetzt war er in Kreisen gewesen, in denen die Armut nie ihr verheertes Gesicht gezeigt hatte; jetzt hatte er den lockenden Wein der Bildung gekostet und die Lust, wieder nüchtern zu werden, verloren.
Seine Schwermut nahm zu, er zog sich auf sich selbst zurück und verschwand aus dem Verkehrskreis. Aber eines Abends klopfte man an seine Tür; der alte Arzt, der sein intimster Verkehr gewesen und in derselben Villa wohnte, trat ein.
-- Wie steht es mit dem Humor? fragte er und setzte sich nieder wie ein alter väterlicher Freund.
Johan wollte nicht bekennen. Wie sollte er sagen, daß er mit seiner Stellung unzufrieden war? Wie bekennen, daß er Ehrgeiz habe und es in der Welt zu etwas bringen wolle?
Aber der Doktor hatte das alles gesehen und verstanden.
-- Sie müssen Arzt werden, sagte er. Das ist eine Tätigkeit, die für Sie paßt und Sie mit dem Leben in Berührung bringen wird. Sie haben eine lebhafte Phantasie, aber Sie müssen sich über sich selbst klar werden, sonst geht es Ihnen schlecht. Sie haben ja Lust für den Beruf? Nicht wahr? Habe ich recht geraten?
Er hatte recht geraten. Durch die Berührung mit diesen neuen Propheten, die auf die Geistlichen und Beichtväter gefolgt waren, hatte Johan in ihren praktischen Kenntnissen vom Menschenleben die Höhe menschlicher Weisheit gesehen. Ein Weiser werden, der die Rätsel des Lebens versteht, das war augenblicklich sein Traum. Augenblicklich, denn er wollte eigentlich keine bestimmte Laufbahn einschlagen, auf der er in die Gesellschaft eingeordnet würde. Nicht etwa aus Furcht vor Arbeit, denn er arbeitete mit Leidenschaft und litt unter Müßiggang. Er wollte sich aber nicht in die Listen der Gesellschaft einschreiben lassen, keine Nummer werden, kein Zahnrad, keine Schraubenmutter. Er konnte nicht gezähmt werden. Er wollte draußen stehen und betrachten, lehren und verkünden. Die Laufbahn des Arztes war in gewissem Sinne frei. Er war nicht Beamter, hatte keine Vorgesetzte, saß auf keinem Dienstzimmer, war nicht an den Glockenschlag gebunden. Das war ja ziemlich verlockend, und Johan wurde gelockt. Aber wie sollte das zugehen? Acht Jahre Studium!
Daran hatte der freundliche Mann auch gedacht.
--Wohnen Sie bei uns in der Stadt und unterrichten Sie meine Knaben.
Das war ja ein reines Geschäft, eine Stellung und keine demütigende Wohltätigkeit. Aber die Schule? Seinen Posten aufgeben?
-- Das ist nicht Ihr Platz, schnitt der Doktor ab. Jeder soll nach seinen Gaben wirken. Ihre Gaben können nicht in der Volksschule wirken, wo sie den Unterricht, wie ihn die Schulbehörde verlangt, geben sollen.
Das fand Johan vernünftig, aber die Mönchslehre war ihm so in Fleisch und Blut übergegangen, daß er einen Stachel im Herzen fühlte. Er wollte so gern aus der Volksschule fort, aber ein sonderbares Pflichtgefühl hielt ihn zurück. Daß man ihm Ehrgeiz, einen so menschlichen Trieb, vorwerfen könnte, erregte seine Scham. Und seine Stellung, die war ihm, dem Sohn der Magd, dort unten angewiesen. Aber der Vater hatte ihn ja hinaufgezogen, buchstäblich hinaufgezogen: warum sollte er denn wieder hinunter, um dort unten Wurzel zu fassen?
Er kämpfte einen kurzen, blutigen Kampf; dann nahm er das Anerbieten mit Dank an und verabschiedete sich von der Schule.
13.
+Der Arzt.+
(1868)
Bei den Heimatlosen, den Israeliten, fand Johan jetzt sein neues Heim. Sofort schlug ihm eine neue Luft entgegen. Keine Erinnerung ans Christentum. Man quälte weder sich selbst noch andere. Kein Tischgebet, kein Kirchenbesuch, kein Katechismus. Was wollen die, welche an die Bedeutung des Christentums in der Entwicklung glauben, von einem Volke sagen, das zweitausend Jahre der Weltgeschichte ohne Christentum gelebt und sich zu einer solchen Kulturhöhe wie die andern erhoben hat, daß es beinahe vollständig in die christliche Gesellschaft hat aufgehen können? Sollte vielleicht die europäische „Weltgeschichte‟ das Christentum entbehren können: Kirchenversammlungen, Päpste, Inquisition, Dreißigjährigen Krieg, Luther entbehren können? Sollte vielleicht das Christentum ganz einfach eine Periode der Vermenschlichung gewesen sein, die eintreten mußte und nur mit der Entstehung der Kirche zusammenfiel, aber nicht von ihr abhängig war? Der Mohammedaner und der Buddhist können ja ebenso human sein wie der Christ, trotzdem die ersten den letzten nur treffen, wenn von Menschlichkeit keine Rede ist: nämlich in Kriegszeit.
Hier ist gut sein, dachte Johan; das sind befreite Menschen, die aus den Kulturen aller Länder das Beste geholt haben, ohne das Schlechte haben mitnehmen zu müssen. Sie waren viel auf Reisen gewesen, hatten Verwandte im Ausland, sprachen alle Sprachen, empfingen Ausländer im Hause. Alle großen und kleinen Angelegenheiten des Landes wurden besprochen und mit den ausländischen Originalen verglichen; dadurch bekam man einen größeren Gesichtskreis und konnte das Vaterländische richtiger einschätzen.
Die patriarchalische Leitung der Familie hatte nicht die Form von Familientyrannei angenommen; im Gegenteil behandelten die Kinder ihre Eltern mehr wie ihresgleichen, und die Eltern waren zärtlich, ohne kleinlich zu sein. In einen unfreundlichen Weltteil verschlagen, von halben Feinden umgeben, suchten die Mitglieder der Familie Schutz beieinander und hielten zusammen. Ohne Vaterland sein, was man für so schwer hält, hat den Vorteil, daß die Intelligenz immer am Leben erhalten wird. Unaufhörliche Wachsamkeit, beständige Beobachtung, neue und reiche Erfahrungen bieten sich dem Wandernden, während der Stillsitzende träge wird und sich auf andere verläßt.
Die Kinder Israel nehmen eine eigentümliche Ausnahmestellung in sozialer Hinsicht ein. Sie haben die Messiasverheißung vergessen und glauben nicht daran. In den meisten Ländern Europas sind sie Mittelklasse geblieben. Unterklasse zu werden, war ihnen wohl verweigert, wenn auch nicht in der Ausdehnung, wie man gewöhnlich glaubt. Oberklasse zu werden, ebenfalls. Darum fühlen sie sich nicht verwandt mit der Unterklasse und auch nicht mit der Oberklasse. Sie sind Aristokraten aus Gewohnheit und Neigung, haben aber dasselbe Interesse wie die Unterklasse: nämlich den Stein, der oben liegt und drückt, abzuheben. Aber sie fürchten den Proletarier, denn der ist religiös verdummt und liebt die Reichen nicht. Darum fliehen die Kinder Abrahams lieber nach oben, als daß sie unten Sympathie suchen.
Zu dieser Zeit, 1868, begann man die Frage, wie weit sich die Rechte der Juden erstrecken, zu erörtern. Alle Liberalen stimmten dafür. Damit dankte das Christentum ab. Taufe, Trauung, Konfirmation, Kirche, alles wurde unnötig für den Bürger einer christlichen Gemeinschaft. Solche scheinbar kleinen Reformen wirken auf den Staat wie der Tropfen auf den Felsen.
Es herrschte deshalb eine fröhliche Stimmung in der Familie, da die Zukunft der Söhne nun heller zu werden schien, als die des Vaters gewesen war, dessen akademische Laufbahn die Gesetzgebung einmal gehindert hatte.
Ein freigebiger Tisch wurde im Hause gehalten; alles war von bester Ware und in reichlicher Menge. Die Dienstboten hielten haus und hatten freie Hände in allem; wurden niemals als Dienstboten behandelt. Das Hausmädchen war Pietistin, durfte es sein, soviel sie wollte. Sie hatte eine gute und humoristische Natur und scherzte, unlogisch genug, mit dem im Hause herrschenden frohen Heidentum. Niemand scherzte dagegen mit ihrem Glauben. Johan selber wurde bald als vertrauter Freund, bald als Kind behandelt; er wohnte mit den Knaben zusammen. Sein Dienst war leicht. Es lag dem Vater mehr daran, daß er den Kindern Gesellschaft leiste, als daß er sie unterrichte. Er wurde hier etwas „verwöhnt‟, wie man zu sagen pflegt, mit der gewöhnlichen Auffassung, daß die Jugend zurückgesetzt werden müsse. Erst neunzehn Jahre alt, wurde er als einer ihresgleichen unter bekannte und reife Künstler, Ärzte, Schriftsteller, Beamte aufgenommen. Er begann sich für erwachsen zu halten, und die Rückschläge wurden darum desto härter.
Seine medizinische Laufbahn begann mit chemischen Versuchen auf der Technischen Hochschule. Da bekam er die erträumten Herrlichkeiten seiner Kindheit aus nächster Nähe zu sehen. Aber wie trocken und langweilig waren die Wurzeln der Wissenschaft! Säuren auf Salze gießen und sehen, wie die Lösung ihre Farbe ändert, das war nicht angenehm. Aus einigen Lösungen Salze hervorbringen, nicht sehr interessant. Später, als die Analyse kam, begann das Geheimnisvolle. Einen Becher, so groß wie ein Punschglas, mit einer wasserklaren Flüssigkeit füllen und dann auf dem Filter die vielleicht zwanzig Stoffe, die sie enthält, vorzeigen, das hieß doch etwas in die Geheimnisse eindringen.
Wenn er allein im Laboratorium war, machte er kleine Versuche auf eigene Faust. So stellte er sich unter ziemlich großer Gefahr eine kleine Flasche mit Blausäure her. Die zu haben, war ein merkwürdig angenehmes Gefühl. Der Tod, in wenigen Tropfen unter einem Glaspfropfen eingeschlossen.
Gleichzeitig beginnt er die Studien in Zoologie, Anatomie, Botanik, Physik, Latein. Noch mehr Latein! Lesen, sich eine Übersicht schaffen, den Stoff bezwingen, das ging; aber auswendig lernen, das war ihm zuwider. Der Kopf war schon mit so vielen Dingen erfüllt, daß noch mehr nur schwer hineinging. Aber es mußte.
Schlimmer war es, daß soviel anderes jetzt mit der Medizin zu konkurrieren anfing. Das Dramatische Theater lag einen Steinwurf von Hause entfernt; dorthin ging er einige Male in der Woche auf den dritten Rang, Stehplatz. Von dort sah er jetzt die elegante und heitere Welt der französischen Komödie, die man auf Brüsseler Teppich spielte. Diese leichte gallische Natur, die der schwermütige Schwede als sein fehlendes Komplement bewundert, nahm ihn gefangen. Welches Gleichgewicht, welche Widerstandskraft gegen die Schicksalsschläge besaß doch dieses Volk eines südlicheren, sonnigeren Landes! Seine Gedanken wurden noch schwerer, als er seinen germanischen „Weltschmerz‟ fühlte, der einen solchen Flor über alles breitete, daß hundertjährige französische Erziehung ihn nicht hatte fortblasen können. Er wußte aber nicht, daß das Bühnenleben der Pariser nicht das Leben ist, das der emsige und sparsame Pariser hinter dem Pult oder dem Ladentisch führt. Die französische Komödie war für die reichen Emporkömmlinge des zweiten Kaisertums geschrieben: Politik und Religion standen unter Zensur, aber nicht Moral. Sie war aristokratisch, wirkte aber befreiend, indem sie die Wirklichkeit packte, wenn sie auch nicht unter Marquis und Kaufleute hinunterstieg. Sie gewöhnte die Zuschauer daran, sich in dieser feinen Welt heimisch zu fühlen; man vergaß dabei die andere niedrigere Welt, und wenn man aus dem Theater kam, glaubte man, auf Souper bei seinem Freunde dem Herzog gewesen zu sein.
Der Zufall wollte auch, daß die Frau Doktor eine gute Bibliothek mit der schönen Literatur der ganzen Welt besaß. Das war ein Schatz! Und der Doktor besaß eine Galerie schwedischer Meister und eine wertvolle Sammlung Kupferstiche.
Die Ästhetik, die jetzt ungehemmt blühte, brach ins Leben und sogar in die Schule ein, in der literarische Vereine Vortrag hielten. In der Familie sprach man so viel von Gemälden und Künstlern, Dramen und Schauspielern, Büchern und Dichtern, daß der Doktor sich oft veranlaßt sah, das Gespräch mit einer starken Dosis aus seiner Praxis zu würzen.
Jetzt beginnt Johan auch Zeitungen zu lesen. Das politische und soziale Leben mit seinen mannigfaltigen Fragen offenbart sich ihm, stößt ihn aber zuerst zurück, da er Ästhet und Familienegoist geworden ist. Die Politik gehe ihn nichts an, dachte er; das sei eine Fachwissenschaft wie alle andern.
Seinen Unterricht bei den beiden Mädchen setzte er fort, auch verkehrte er weiter in ihrer Familie. Außer dem Hause verkehrte er mit erwachsenen Verwandten, die Kaufleute waren, und deren Bekannten. Sein Kreis war also ausgedehnt; er sah das Leben nicht von einem Gesichtspunkt. Aber diese unaufhörliche Beschäftigung mit Kindern muß ihn niedergehalten haben. Er fühlte nicht, daß er älter wurde; und er konnte die Jugend nicht überlegen behandeln. Er merkte jetzt schon, daß die Jungen ihm voraus waren; daß sie mit neuen Gedanken geboren wurden; daß sie dort weiter bauten, wo er aufgehört hatte. Wenn er später erwachsene Schüler traf, sah er beinahe zu ihnen auf, als seien sie älter. Sie schienen ihn überholt zu haben, wenn sich auch die Gesichtstäuschung dahin auflöste, daß sie sich selber überholt hatten, wie er sie früher gesehen.
* * * * *
Der Herbst 1868 war da. In den Folgen der neuen Staatsverfassung hatte man sich so verrechnet, daß man mißvergnügt war. Die Gesellschaft war auf den Kopf gestellt. Die Bauern bedrohten Stadt und Kultur, und die Erbitterung war allgemein.
Ist das letzte Wort schon gesagt von der Bauernpartei? Wahrscheinlich nicht. Sie begann äußerst demokratisch reformatorisch, und ihr Angriff auf die Zivilliste war das Kühnste, was man gesehen hatte. Das bedeutete, auf gesetzlichem Wege die Monarchie stürzen. Bewilligte der Reichstag so wenig Geld, daß sich der König verletzt fühlte, dann ging er. Das war ebenso einfach als genial.
In einer Zeit, die das Recht der Mehrheit verkündet, hätte man nicht erwartet, daß das Vorgehen der Bauern auf Widerstand stoßen werde. Schweden war ein Bauernreich, denn die Landbevölkerung bestand aus vier Millionen; bei einer Volksmenge von viereinhalb Millionen ist das wohl die Mehrheit. Sollte nun die halbe die vier regieren oder umgekehrt? Das letzte scheint billiger zu sein. Nun sprechen natürlich die Städter von der Selbstsucht und Tyrannei der Bauern. Aber haben denn die Arbeiter auf ihrem Programm einen einzigen Punkt, der die Lage der Bauern, Instleute und Kätner verbessern will? War nicht ihre Selbstsucht größer, als sie den Brotpreis der vierzehn Prozent gegen das ganze Gewerbe und Dasein der sechsundachtzig Prozent durch Schutzzölle schützen wollten? Wie dumm, von Selbstsucht zu sprechen, da ja jeder einzige dem Ganzen nützen soll, wenn er sich selber nützt!
Jetzt, 1868, entdeckten die Mißvergnügten eine Partei, die der gesetzlichen und löblichen Mehrheit gegenübergestellt werden sollte und die alle gründlichen Reformen auf ihr Programm schrieb. Das war die neuliberale Partei, die meist aus Schriftstellern bestand, dann aus einigen Handwerkern, einem Professor und andern. Diese Partei wieder erweckte die städtischen Industriearbeiter als einen neuentdeckten Stand. Mit dieser Handvoll Personen, die nicht die größeren und wichtigeren Interessen des Grundbesitzes hatten, deren Stellung so wenig gesichert war, daß eine Teuerung sie zu Proletariern machen konnte, sollte jetzt die Gesellschaft umgeschaffen werden. Was wußten die Arbeiter von der Gesellschaft? Wie wollten sie die haben? Zu ihren Gunsten sollte sie umgeschaffen werden, wenn auch der Bauernstand draufging! Aber das hieß sich die Beine absägen, denn Schweden ist kein exportierendes Industrieland. Daher würden die vier Millionen Kunden auf dem Lande im selben Augenblick, in dem sich ihre Kaufkraft verringerte, ohne es zu wollen, die Industrie ruinieren und die Arbeiter auf die Straße setzen. Daß die Arbeiter vorwärts kommen, ist eine Notwendigkeit; aber alle Menschen, wie die Industriesozialisten es fordern, zu Industriearbeitern machen wollen, ist viel unvernünftiger, als alle Menschen zu Bauern machen, wie die Bauernsozialisten beabsichtigen. Das Kapital, das die Arbeiter jetzt angreifen, ist doch wohl das Fundament der Industrie; rührt man das an, so stürzt die Industrie zusammen; dann müssen die Arbeiter zurück, woher sie gekommen sind und noch täglich kommen -- aufs Land.
Noch war die Bauernpartei nicht verdorben durch den Verkehr mit feinen Herren; war weder konservativ geworden noch machte Kompromisse. Der Krieg schien zwischen Land und Stadt auszubrechen. Jedenfalls war Gewitter in der Luft. Die kleinste Veranlassung konnte Blitze hervorbringen, wenn sie auch nur von Bärlappsamen waren.
Die Hauptstadt mit ihrem hohen Interesse für die Kultur wollte Karl XII. eine Statue errichten. Warum? War dieser letzte Ritter des Mittelalters das Ideal der Zeit? War das Idol von Gustav IV. Adolf und Karl XII. ein Ausdruck für die neue unkriegerische Zeit geworden, die begann? War es ein Echo von der Zeit des Skandinavismus, da Er selbst in höchsteigener Person den sterbenden Kriegsruhm Schwedens neu beleben wollte? Oder ging das Ganze, wie es so oft geschieht, vom Atelier des Bildhauers aus? Wer weiß? Das Standbild war fertig und sollte enthüllt werden. Tribünen für die Zuschauer wurden errichtet, aber so ungeschickt, daß die Feier von der Volksmenge nicht gesehen werden konnte, während der abgesperrte Raum nur den Hof und die Eingeladenen, die Sänger und die Gehilfen faßte. Da das Volk auch zum Denkmal gesammelt hatte, glaubten alle das Recht aufs Schauen zu haben. Die Tribünen machten böses Blut. Man schrieb in den Zeitungen, reichte eine Bittschrift ein, daß die Tribünen abgebrochen würden; die Antwort war aber nein. Das Volk sammelte sich, um die Tribünen niederzureißen; da aber zog Militär auf.
Der Doktor gab ein Diner für die italienische Operngesellschaft. Man war vom Nachtisch aufgestanden, als Laute von der Straße zu hören waren. Zuerst klang's wie Regen, der auf ein Blechdach fällt, dann war deutlich das Massengeschrei zu hören. Johan horchte auf. Es war nichts mehr zu hören. Die Weingläser klangen zwischen italienischen und französischen Phrasen, die über den Tisch hin und her geworfen wurden; Lachen schallte und Witze hagelten; die Fischgesellschaft hörte sich selber kaum. Da aber drang ein Brüllen von der Straße herauf, gleich danach Pferdegetrappel, Gerassel von Waffen und Sattelzeug. Einen Augenblick wurde es still, der eine und der andere erbleichte.
-- Was ist das? fragte die Primadonna.
-- Das Pack lärmt, antwortete ein Professor.
Johan stand vom Tische auf, ging in sein Zimmer, nahm Hut und Mantel und eilte hinaus. Das Pack! klang's in seinen Ohren, während er die Straße hinunterging. Das Pack! Das waren die früheren Klassengenossen seiner Mutter, das waren seine Schulkameraden und dann seine Schüler; das war dieser dunkle Hintergrund, auf dem die hellen Gemälde dort oben wirken konnten. Er hatte wieder dieses Gefühl, als sei er desertiert; habe unrecht getan, sich in die Höhe zu arbeiten. Aber er mußte doch erst in die Höhe kommen, um für die in der Tiefe etwas ausrichten zu können. Ja, so hatten viele gesprochen: waren sie aber erst hinaufgekommen, hatte es ihnen so gut dort oben gefallen, daß sie die dort unten vergaßen. Diese Reiter zum Beispiel, die aus den allerdunkelsten Löchern gekrochen waren, wie brüsteten die sich! Mit welchem ungemischten Vergnügen hieben sie auf ihre Kameraden ein; wenn man auch zugeben mußte, daß sie noch lieber die schwarzen Hüte niedergehauen hätten.
Er ging weiter und kam auf den Markt, wo das neue Denkmal stand. Die Tribünen hoben sich vom Abendhimmel ab wie riesige Marktbuden, und unten um sie wimmelte es von Menschen. Aus der Mündung der Straße war Pferdegetrappel zu hören, ein kurzer Schritt nur. Und dort kamen sie angeritten, die blauen Gardereiter, die Stützen der Gesellschaft, auf die sich die Oberen verließen. Johan wurde von einem rasenden Verlangen ergriffen, dieser Masse Pferde, Menschen, Säbel entgegenzugehen, als sähe er in ihnen den ganzen Druck verkörpert. Das war der Feind! Also los auf ihn. Die Truppe reitet weiter, und Johan stellt sich mitten auf die Straße.
Woher hatte er seinen Haß gegen die Aufrechterhalter der Ordnung, die einst ihn und seine Rechte verteidigen würden, nachdem er emporgekommen und auf die andern drückte? Wenn diese Volksmenge, mit der er sich jetzt solidarisch fühlte, freie Hände bekommen, hätte sie vielleicht den ersten Stein durch das Fenster geworfen, hinter dem er eben mit vier Weingläsern gesessen. Gewiß, aber das hinderte doch nicht, daß er ihre Partei ergriff; man sieht ja oft, wie die Oberklasse, allerdings inkonsequent, Partei gegen die Polizei ergreift. Diese abstrakte Freiheitsmanie ist wohl eigentlich des Naturmenschen ewiger kleiner Aufruhr gegen die Gesellschaft.
Er geht der Reiterei entgegen, mit einer dunkeln Absicht, sie alle zu Boden zu schlagen, als ihn glücklicherweise jemand beim Arm packt, kräftig, aber freundlich. Man bringt ihn wieder nach Haus zum Doktor, der jemanden ausgesandt hat, um ihn zu suchen. Nachdem er sein Ehrenwort gegeben, diesen Abend nicht mehr hinauszugehen, sinkt er auf ein Sofa nieder und fällt in Fieber.
Am Tage der Enthüllung sang er unter den Studenten mit, befand sich also unter den Auserwählten, den „oberen Zehntausend‟, und hatte allen Grund, für sein Teil zufrieden zu sein.
Als die Feier beendet war, stürmte das Volk vor. Die Polizei drängte es zurück. Da aber begann das Volk mit Steinen zu werfen. Die Schutzleute zogen ihre Säbel und hieben ein, verhafteten und mißhandelten.
Johan war auf den Platz vor der Jakobikirche gekommen, als ein Kommissär auf einen Kerl einhieb, während es Steine regnete und den Schutzleuten die Helme abgeschlagen wurden. Ohne zu zögern, sprang er auf den Polizisten los, packte ihn beim Kragen, schüttelte ihn und schrie:
-- Lassen Sie den Mann los!
Der Kommissär blickte bestürzt auf den Angreifer.
-- Wer sind Sie? fragte er zögernd.
-- Ich bin der Satan, und ich werde Sie holen, wenn Sie den Mann nicht loslassen.
Jener ließ wirklich los, aber nur, um Johan zu packen. In diesem Augenblick schlug ihm ein Stein seinen dreikantigen Hut herunter. Johan riß sich los.