Part 20
Es war die Krankheit der Zeit, in ein System gebracht von Fichte, nach dem alles im Ich und durch das Ich war; ohne das Ich gab es keine Wirklichkeit. Das war die Formel für die Romantik und den subjektiven Idealismus. „Ich stand am Ufer bei der Königsburg‟, „Ich wohne tief im Berge‟, „Ich kleiner Knabe wache am Tor‟, „Ich denke der holden Tage‟ hatten alle denselben Ton. War diese „Ichheit‟ denn so hochmütig? War nicht das Ich des Dichters bescheidener als das königliche Wir des Journalisten?
Der heutige Realismus hat dieses bescheidene Ich wieder aufgenommen, das „für meinen geringen Teil‟ bedeutet. Gleichzeitig hat die naturwissenschaftliche Philosophie „so scheint es mir‟ gegen „so ist es‟ vertauscht. Ist es wirklich so? Ja, dann haben wir einen Fortschritt auf die Wahrheit zu gemacht, das heißt auf die Entdeckung, wie es sich wirklich verhält. Ist es nicht so, dann haben wir, Gott sei uns gnädig, eine neue Theologie auf dem Halse.
Dieses Versinken ins Ich oder die neue Kulturkrankheit, von der jetzt (1886) geschrieben wird, ist wohl bei allen Menschen, die nicht mit dem Körper gearbeitet haben, konstant gewesen. Das Gehirn ist nur ein Impulsorgan für die Muskeln. Wenn nun die Impulse des Gehirns beim Kulturmenschen nicht auf die Muskeln wirken, niemals ihre Kraft ausgeben können, wird das Gleichgewicht erschüttert, wie bei dem unbefriedigten Geschlechtstrieb. Das Gehirn bekommt Träume; von Säften überfüllt, die nicht in Muskeltätigkeit kommen können, setzt es die unwillkürlich um, in Systeme, Gedankenverbindungen, in Maler-, Bildhauer-, Dichterhalluzinationen. Geschieht kein Abfluß, so kann Stockung eintreten, heftige Ausbrüche, Depression, schließlich Wahnsinn. Die Schule, die ein solcher Vorkursus zum Irrenhaus ist, mußte zum Turnen als Korrektiv greifen. Aber mit welchem Erfolge? Es besteht kein Zusammenhang zwischen der Gehirntätigkeit des Lernens und der Muskeltätigkeit des Turnens; die gehorcht ja durch das Kommandowort nur einem fremden Willen.
Alle studierenden Jünglinge bekommen solches Steigen nach dem Gehirn. Daß diese aus Instinkt oft auf Verbesserung oder Verschönerung der Gesellschaft ausgehen, ist ein Glück; besser aber würde es sein, wenn das Gleichgewicht wiederhergestellt würde, und eine gesunde Seele in einem gesunden Körper wohnte. Man hat das Heilmittel gesucht, indem man körperliche Arbeit in den Schulen einführte. Besser wäre es wohl, den ersten Unterricht ins Haus zu verlegen, die Schule zu einer Mitbürgerschule zu machen, und dann jeden für sich selbst sorgen zu lassen. Übrigens wird die Emanzipation der Unterklasse die Kulturmenschen zu etwas körperlicher Arbeit zwingen, die jetzt von den Haussklaven verrichtet wird; dann wird wohl Gleichgewicht eintreten. Daß die Intelligenz darunter nicht leidet, wird man glauben, wenn man sieht, daß die stärksten Geister der Zeit wenigstens Nebenbeschäftigungen gehabt haben: wie Mill, der Beamter; Spencer, der Ingenieur; Edison, der Telegraphist war.
Die Studentenzeit, die ungesundeste Zeit, weil nicht diszipliniert, ist auch die gefährlichste. Das Gehirn soll aufnehmen, unaufhörlich aufnehmen, aber niemals abgeben, nicht einmal in geistiger Produktion, während gleichzeitig das ganze Muskelsystem brachliegt.
Bei Johan war zu dieser Zeit eine Überproduktion von Gedanken und Phantasie vorhanden. Und die mechanische, sich beständig in denselben Kreisen bewegende, mit gleichen Fragen und Antworten angeordnete Schularbeit gab keinen Abfluß. Sie vermehrte im Gegenteil seinen Vorrat der Beobachtungen von Kindern und Lehrern. Da lagen Materialsammlungen von Erfahrungen, Beobachtungen, Kritik, Gedanken in einer ungeordneten Masse und gärten. Er suchte darum Gesellschaft auf, um sich aussprechen zu können. Als das aber nicht reichte und er niemanden fand, der immer den Resonanzboden hergeben konnte oder wollte, fing er an zu deklamieren.
Das Deklamieren war Ausgang der 1860er Jahre sehr in Mode gekommen. In den Familien las man Runebergs Tragödie „Die Könige von Salamis‟ vor; auf Konzerten, die damals zahlreich, besonders von Scharfschützen veranstaltet wurden, deklamierte man. Und beinahe immer dieselben Stücke! „Asenzeit‟, „Milchstraße‟. Sehlstedt und so weiter. Die Deklamation war im Begriff zu werden, was der Quartettgesang gewesen: ein Abfluß all der Begeisterung, der hoffnungsvollen Freude, die auf die nationale Erweckung von 1865 gefolgt war. Da der Schwede weder geborener noch erzogener Redner ist, wurde er Sänger und Deklamator; vielleicht auch weil sein Mangel an Originalität den fertigen Ausdruck suchen muß. Ausführend, aber nicht schöpferisch.
Der gleiche Mangel an Eigenem zeigte sich auch im Junggesellenleben, in dem die Anekdotenerzählung blühte. Diesen schlechten und langweiligen Zeitvertreib hat man aufgegeben, da man aus den neuen Fragen des Tages Stoff genug für Gespräch und Erörterung erhält.
Eines Tages kam Johan zu seinem Freunde dem Elementarlehrer hinauf, bei dem er andere junge Lehrer traf. Als das Gespräch zu stocken anfing, griff der Freund nach einem Band Schiller, der damals in einer neuen wohlfeilen Auflage erschienen war und hauptsächlich dieses billigen Preises wegen gekauft wurde. Er schlug die „Räuber‟ auf und man las. Johan erhielt Karl Moors Rolle. Die erste Szene des ersten Aktes ist zwischen dem alten Moor und Franz. Dann kam die zweite Szene. Johan las: „Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen....‟
Johan kannte die „Räuber‟ nicht, hatte sie niemals spielen sehen. Er las zuerst zerstreut, aber während er las, begann er aufzuleben. Das waren neue Töne. Seine dunklen Träume waren in Worte umgesetzt, seine revoltierende Kritik in Druck. Es gab also einen andern Menschen, und zwar einen großen berühmten Dichter, der den gleichen Ekel vor der ganzen Schul- und Universitätsbildung empfunden; der lieber ein Robinson oder Straßenräuber sein, als sich in diese Armee, die Gesellschaft heißt, einschreiben lassen wollte.
Johan las weiter; die Stimme zitterte, die Wangen wurden heiß, die Brust arbeitete schwer. „Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit abgeschmackten Konventionen....‟
Da stand ja alles zu lesen, alles!
-- Und das ist Schiller? rief er aus. Derselbe Schiller, der die elende Geschichte des Dreißigjährigen Krieges und das zahme Theaterstück „Wallenstein‟ geschrieben hat, die man in der Schule liest! Ja, es war derselbe.
Hier war der Aufruhr gepredigt; der Aufruhr gegen Gesetze, Gesellschaft, Sitten, Religion. Das war die Revolution von 1781, also acht Jahre vor der großen Revolution. Das war das Programm der Anarchisten hundert Jahre vor ihrer Zeit, und Karl Moor war der Nihilist. Das Drama erschien mit einem Löwen auf dem Titel und dem Motto: „In Tyrannos‟. Der Dichter, damals zweiundzwanzig, mußte fliehen. An der Absicht des Stückes war also nicht zu zweifeln. Es trug auch ein zweites Motto, aus Hippokrates, das die Absicht ebenso deutlich zeigt: „Was Arznei nicht heilt, heilt das Eisen; was Eisen nicht heilt, heilt das Feuer‟.
Ist das nicht deutlich genug? Dann aber war da ein Vorwort, in dem der Dichter um Entschuldigung bittet und zurücknimmt. Er leugnet, Franzens Sophismen zu teilen; erklärt, daß er das Laster in Karl habe strafen wollen. Und dann sagt er über die Religion: „Auch ist jetzt der große Geschmack, seinen Witz auf Kosten der Religion spielen zu lassen (wie Voltaire und Friedrich der Große), daß man beinahe für kein Genie mehr passiert, wenn man nicht seinen gottlosen Satyr auf ihren heiligsten Wahrheiten sich herumtummeln läßt.... Ich kann hoffen, daß ich der Religion und der wahren Moral keine gemeine Rache verschafft habe, wenn ich diese mutwilligen Schriftverächter in der Person meiner schändlichsten Räuber dem Abscheu der Welt überliefere.‟
War nun Schiller wahr, als er das Drama schrieb, und falsch, als er das Vorwort schrieb? Gleich wahr in beiden Fällen, denn der Mensch ist ein Doppelgänger, tritt bald als Naturmensch, bald als Gesellschaftsmensch auf. Am Schreibtisch, in der Einsamkeit, als die stillen Buchstaben niedergeschrieben wurden, scheint Schiller wie andere, besonders junge Dichter unter dem Einfluß des blinden Spiels der Naturtriebe gearbeitet zu haben, ohne auf das Urteil der Menschen Rücksicht zu nehmen, ohne an ein Publikum oder Gesetze und Verfassungen zu denken. Die Hülle wurde einen Augenblick gehoben, und der Betrug der Gesellschaft in seiner ganzen Größe durchschaut. Das Schweigen der Nacht, in der die Arbeit, besonders bei der Jugend, betrieben wird, erinnert nicht an das lärmende, kunstvoll zusammengesetzte Leben draußen; das Dunkel verhüllt diese Steinmassen, in die sich schlecht angepaßte Tiere niedergelassen haben. Dann kommt der Morgen, das Tageslicht, der Straßenlärm, die Menschen, die Freunde, die Polizei, die Glockenschläge, und der Seher bebt vor seinen Gedanken. Die öffentliche Meinung erhebt ihr Geschrei, die Zeitungen schlagen Lärm, die Freunde verlieren sich, es wird einsam um einen, und ein unwiderstehliches Entsetzen packt den Angreifer der Gesellschaft. Willst du nicht mit uns sein, sagt die Gesellschaft, so geh, geh hinaus in den Wald. Bist du ein schlecht angepaßtes Tier oder ein Wilder, so deportieren wir dich nach einer niedrig stehenden Gesellschaft, in die du passest.
Und die Gesellschaft hat von ihrem Standpunkt aus recht und bekommt leider recht. Aber die künftige Gesellschaft feiert den Empörer, den einzelnen, der eine Verbesserung der Gesellschaft angeregt hat; lange nach seinem Tode bekommt der Empörer recht.
Im Leben eines jeden wachen Jünglings tritt ein Augenblick ein, gerade beim Übergang von der Familie zur Gesellschaft, in dem das ganze künstliche Kulturleben ihn anekelt und er losbricht. Bleibt er dann in der Gesellschaft, so wird er von allen diesen vereinigten Dämpfern der Gefühle und des Brotes bald unterdrückt; er wird müde, wird geblendet, gibt den Kampf auf und überläßt die Fortsetzung andern Jünglingen. Dieser unbeirrte Blick auf die Dinge, dieser Ausbruch einer gesunden Natur, der sich notwendigerweise bei dem unverkümmerten jungen Manne finden muß, der dann von der Gesellschaft getrübt, gedämpft wird, ist mit einem Namen gestempelt worden, der den Wert der guten Absichten des Jünglings verringern soll. Man spricht von „Frühlingsflut‟ und will damit sagen, es sei nichts anderes als eine Kinderkrankheit, die vorübergeht; eine Saftsteigung, die Blutstockung und Schwindel hervorruft. Wer weiß, ob der Jüngling nicht richtig sah, ehe die Gesellschaft ihm die Augen ausstach? Und warum dann den Geblendeten höhnen?
Schiller mußte in den Staat hineinkriechen und Brotstellen annehmen, um leben zu können. Sogar das Gnadenbrot von Herzögen essen. Darum ging es mit seiner Dichtung immer mehr abwärts, wenn auch nicht aus ästhetischem oder untergeordnetem Gesichtspunkt. Aber seinen Tyrannenhaß kann er doch nicht verleugnen. Der schlägt jetzt nieder auf Philipp von Spanien, Doria von Genua, Geßler von Österreich; darum hören aber die Schläge auf zu wirken. Schillers Opposition, die sich zuerst gegen die ganze Gesellschaft richtete, richtet sich später gegen die Monarchie allein. Und er beschließt seine Laufbahn auch mit diesem Rat an einen Weltverbesserer (jedoch nachdem er auf die große Revolution die Reaktion hatte folgen sehen):
Nur für Regen und Tau und fürs Wohl der Menschengeschlechter laß du den Himmel, Freund, sorgen wie gestern so heut.
Der Himmel, der unglückselige alte Himmel sollte dafür sorgen, ebenso +gut+ wie früher.
Wie man einmal seiner Wehrpflicht genügt im Alter von zwanzig Jahren, so genügte Schiller seiner. Wie viele haben sich nicht davon gedrückt!
Johan nahm es nicht so genau mit dem Vorwort und dessen Folgerungen oder sah die nicht; er nahm Karl Moor wörtlich und identifizierte sich mit ihm, denn der paßte ihm. Er ahmte ihn nicht nach, denn er war ihm so ähnlich, daß er ihm nicht nachzuäffen brauchte. Ebenso aufsässig, ebenso schwankend, ebenso unklar; immer bereit, bei Alarm sich den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern.
Der Lebensüberdruß wurde noch größer; er begann Pläne zu entwerfen, wie er aus der geordneten Gesellschaft fliehen könne. Einmal war er darauf verfallen, nach Algier zu reisen und in die Fremdenlegion einzutreten. Es wäre schön, dachte er, in der Wüste leben zu können, in einem Zelt, auf halbwilde Volksstämme schießen und vielleicht erschossen werden. Diese Unruhe und dieser Lebensekel rührten nicht etwa von der Unterdrückung seines geschlechtlichen Lebens her, denn jetzt versagte er seinen Trieben nichts mehr. Es war wohl die Frühlingsflut, die alle Dämme und Pfahlwerke, die Schule und Elternhaus errichtet hatten, niederriß.
Zur rechten Stunde aber traten Umstände ein, die ihn für eine Zeit wieder mit den Verhältnissen aussöhnten. Durch die Empfehlung eines Freundes wurde ihm die Stelle eines Hauslehrers für zwei Mädchen in einem reichen und gebildeten Hause angeboten. Die Kinder sollten nach neuen freisinnigen Methoden erzogen werden, weder ins Mädchenpensionat gehen noch eine Gouvernante haben. Das war ein wichtiger Beruf, dem sich Johan nicht gewachsen fühlte. Auch, wandte er ein, ein Volksschullehrer? Weiß man nicht, daß ich das bin? Gewiß. Und doch? Man ist liberal in dem Hause! Wie liberal man damals war!
Ein neues Doppelleben begann. Aus der Strafanstalt der Volksschule mit Katechismus und Biblischer Geschichte, mit Armut, Elend und Grausamkeit, ging er um ein Uhr, um Mittag zu essen, das er in einer Viertelstunde verschlang, und war um zwei an Ort und Stelle. Es war damals das feinste Haus in Stockholm, mit Portier, pompejanischem Aufgang, bemalten Flurfenstern. In einem schönen großen hellen Eckzimmer mit Blumen, Vogelbauern, Aquarium sollte er zwei gut gekleideten, gewaschenen und gekämmten Mädchen, die fröhlich waren und sich sattgegessen hatten, Unterricht geben. Und zwar sollte er seine eigenen Gedanken aussprechen dürfen. Der Katechismus war verbannt; man sollte nur ausgewählte Erzählungen aus der Biblischen Geschichte lesen, indem man Leben und Lehre des Idealmenschen freisinnig erläuterte, denn die Kinder sollten nicht konfirmiert, sondern zu neuen Menschen erzogen werden. Und jetzt wurde Schiller gelesen und für „Wilhelm Tell‟ und das kleine glückliche Land, „das Land der Freiheit‟, geschwärmt. Man sog den Saft aus Shakespeares Roheiten, die noch nicht als Unsittlichkeiten gestempelt waren. Johans gesundes Geschlechtsleben machte, daß er über die heiklen Stellen in „Julius Caesar‟ frei und offen sprechen und auf die wißbegierigen Fragen der frischen Kinder nach den Geheimnissen des Geschlechtslebens bei Pflanzen und Tieren antworten konnte, wenn sie Naturwissenschaft hatten. Er lehrte sie alles, was er wußte; sprach mehr, als er fragte; weckte die Hoffnung auf eine bessere Zukunft bei ihnen und teilte diese Hoffnung selbst.
Hier bekam er einen Einblick in eine Gesellschaftsklasse, die er noch nicht kannte: die des gebildeten und reichen Mannes. Da fand er Freisinn und Mut und Verlangen nach Wahrheit. Unten in der Volksschule war man feige, konservativ, unwahrhaftig. Wären die Eltern der Kinder, auch wenn die Schulbehörde es vorschlug, willig gewesen, die Religion aus der Schule auszuscheiden? Wahrscheinlich nicht! Mußte also die Aufklärung von oben kommen? Sicherlich; nicht von ganz oben, sondern von der Republik der Männer der Wissenschaft, welche die Wahrheit suchten. Johan fühlte auch, daß man oben sitzen mußte, um gehört zu werden. Also: nach oben streben, oder die Bildung herunterreißen und die Funken unter alle ausstreuen! Es war wirtschaftliche Unabhängigkeit nötig, um freisinnig zu sein; eine Stellung, um seine Worte zu Geltung zu bringen; also auch da Aristokratie.
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Es gab damals eine Gruppe junger Ärzte, Gelehrter, Schriftsteller, Abgeordneter, die eine freisinnige Gesellschaft bildeten, ohne sich als Verein zu konstituieren. Sie hielten populäre Vorlesungen; versprachen, keine Orden anzunehmen; hatten freimütige Ansichten über die Staatskirche, schrieben in Zeitungen. Die bekanntesten Namen waren: Axel Key, Nordenskiöld, Christian Lovén, Harald Wieselgren, Hedlund, Viktor Rydberg, Meijerberg, Jolin und mehrere ungenannte. Sie wirkten für sich im stillen, ohne größeren Lärm zu machen, allerdings mit einer Ausnahme. Nach der Reaktion von 1872 verblaßten sie, wurden müde; in eine Partei konnten sie nicht aufgehen; und das war gut, da die agrarische Partei bereits anfing durch den jährlichen Stockholmer Aufenthalt und den Besuch bei Hofe korrumpiert zu werden. Jetzt (1886) gehören sie alle zu der gemäßigt oder vornehm liberalen Partei, soweit sie nicht zu den Gleichgültigen und Müden übergegangen sind; was ganz natürlich wäre, nachdem sie so viele Jahre nutzlos gekämpft hatten.
Durch die Familie seiner Schülerinnen kam Johan in äußerliche Berührung mit dieser Gruppe; sah deren Mitglieder wenigstens aus der Nähe und hörte sie bei Diners und Soupers sprechen. Manchmal dachte er, das seien die richtigen Männer, die es machen würden, indem „sie zuerst aufklären und dann reformieren‟. Hier traf er auch den Leiter der Volksschule und wunderte sich, ihn unter den Liberalen zu finden. Aber er hatte ja die Schulbehörde über sich und war so gut wie machtlos. Bei einem fröhlichen Diner, als Johan kühn geworden, faßte er sich ein Herz und wollte mit dem Herrn ein verständiges Wort sprechen. Hier, dachte er, können wir wohl Auguren sein und ein gutes Champagnerlächeln über alles lächeln. Der Vorgesetzte aber wollte nicht lächeln, sondern ersuchte ihn, das Gespräch aufzuschieben, bis sie sich in der Schule treffen würden. Nein, das wollte Johan nicht, denn in der Schule hatten sie, alle beide, andere Ansichten: darum sprach man jetzt von „etwas anderm‟. Sowohl Johan wie der Volksschulleiter hatten sich selber reformiert, durften darum aber nicht andere reformieren; das war nur eine Posse von dem, der es versprochen hatte.
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Die Schulden wuchsen und die Arbeit vermehrte sich. Von acht bis eins in der Volksschule; Mittag essen und zu den Privatstunden gehen innerhalb einer halben Stunde; atemlos ankommen, während der Verdauung, die in Schlaf überzugehen droht; bis vier Unterricht erteilen; dann nach Hause gehen, um neue Stunden zu geben; am Abend zu den beiden Schülerinnen zurückkehren; nachts für seine Doktorprüfung arbeiten, nachdem er zehn Stunden Unterricht erteilt. Das war Überanstrengung. Der Schüler findet seine Arbeit schwer, aber er ist Wagen, während der Lehrer Pferd ist. Es ist bestimmt schwerer, Lehrer zu sein als an der Schraube oder dem Kran einer Maschine zu stehen, und ebenso einförmig.
Das von Arbeit und gestörter Verdauung betäubte Gehirn mußte angeregt werden, die Kräfte mußten ersetzt werden, und er wählte das nächste und beste Mittel: in ein Café gehen, ein Glas trinken, eine Weile sitzen. Es war gut, daß es solche Erfrischungsräume gab, wo junge Leute zu treffen waren, wo Familienväter sich einen Augenblick bei einer Zeitung ausruhen oder in einem Geplauder von „etwas anderm‟ sprechen konnten.
Während des folgenden Sommers zog er mit einer Sommerkolonie in den Tiergarten hinaus. Dort unterrichtete er die beiden Mädchen einige Stunden allein und einen ganzen Schwarm anderer Kinder außerdem. Es war ein reicher und abwechselnder Verkehr. Die Kolonie war in drei Lager geteilt: das gelehrte, das künstlerische, das bürgerliche Lager. Johan gehörte allen dreien an. Man hat gesagt, die Einsamkeit sei schädlich für die Entwicklung des Charakters (zum Automaten), und man hat gesagt, viel Verkehr sei schädlich für die Entwicklung des Charakters. Man kann alles sagen und alles kann wahr sein; es kommt nur auf den Standpunkt an. Aber für die Entwicklung einer Seele zu einem reichen, freien Leben ist viel Verkehr notwendig. Je mehr Menschen man sieht, mit je mehr Menschen man spricht, desto mehr Gesichtspunkte lernt man kennen, desto mehr Erfahrungen erwirbt man. Jeder Mensch hat immer ein Korn, das seine Originalität ist; jeder einzelne hat seine Geschichte. Johan fühlte sich bei allen wohl. Er sprach gelehrte Dinge mit den Gelehrten, über Kunst und Literatur mit den Künstlern, sang Quartette und tanzte mit der Jugend, unterrichtete die Kinder; botanisierte, segelte, ruderte, schwamm mit ihnen. Wenn er aber einige Zeit im Gewimmel gewesen war, zog er sich in die Einsamkeit zurück, auf einen Tag oder mehrere, um seine Eindrücke zu verdauen.
Die sich wirklich vergnügten, waren die Bürger. Sie kamen von ihrer Arbeit in der Stadt, warfen ihre Bürde ab und spielten am Abend. Alte Großkaufleute warfen Ring, tanzten, spielten Spiele, sangen wie Kinder. Die Gelehrten und Künstler saßen auf Stühlen, sprachen von ihrer Arbeit, wurden von ihren Gedanken wie vom Alp geritten, sahen nie wirklich glücklich aus. Sie konnten sich nicht von der Tyrannei der Gedanken befreien. Die Bürger hatten sich auch ein kleines grünes Gärtchen in ihrem Herzen bewahrt, das weder Gewinnsucht noch Spekulation noch Konkurrenz abbrennen konnte. Etwas Gefühlvolles und Herzliches war ihnen geblieben, das Johan Natur nennen wollte. Sie konnten lachen wie Narren, schreien wie Wilde, gelegentlich sich leicht rühren lassen. Sie weinten auch über das Unglück oder den Tod eines Freundes, umarmten sich in den Augenblicken der Entzückung, konnten über einen schönen Sonnenuntergang hingerissen sein. Die Professoren saßen auf Stühlen und sahen die Landschaft nicht, weil sie eine Brille trugen; ihre Blicke waren nach innen gerichtet, und ihre Gefühle zeigten sie nie. Ihr Gespräch bestand aus Schlüssen und Formeln; ihr Lachen war bitter; bei all ihrer Gelehrsamkeit schienen sie Marionetten zu sein. Ist das etwa ein höherer Standpunkt? Ist es nicht ein Mangel, ein ganzes Gebiet des Seelenlebens brachgelegt zu haben?
Mit dem dritten Lager wurde Johan jedoch am intimsten. Das war ein kleiner Kreis, der aus der Familie eines Arztes und dessen Verkehr bestand. Da sang der berühmte Tenor W., während Professor M. ihn begleitete; da spielte und sang der Komponist J.; da sprach der alte Professor P. von seinen römischen Reisen mit Malern vom alten Stamm. Hier war Gefühlsleben in reichem, aber künstlerischen Maße. Man genoß den Sonnenuntergang, aber man analysierte die Lichtwirkung und die Schlagschatten, sprach von Linien und Werten. Die geräuschvolleren Vergnügungen der Großkaufleute wurden als störend empfunden und ihr Spiel als unkünstlerisch. Für die Kunst, das schöne Spiel, schwärmte man hier. Johan fühlte sich einige Stunden wohl unter diesen liebenswürdigen Menschen; wenn er aber von der Villa nebenan Quartettgesang und Tanzmusik hörte, verlangte er dorthin; da war es bestimmt lustiger.
In einsamen Stunden las er; jetzt erst schloß er wirkliche Bekanntschaft mit Byron. „Don Juan‟, den er schon kannte, hatte er nur leichtsinnig gefunden. Der handelte von nichts, und die Naturschilderungen waren unerträglich lang. Das sind nur Abenteuer oder Anekdoten, dachte er. In „Manfred‟ machte er von neuem die Bekanntschaft mit Karl Moor, wenn auch in anderer Tracht. Manfred war kein Menschenhasser; er haßte mehr sein Ich und ging in die Alpen, um sich selber zu fliehen, fand sich aber immer neben sich mit seinem Verbrechen; Johan begriff sofort den Gedanken, daß Manfred in verbrecherischem Verhältnis zu seiner Schwester steht. Heute glaubt man, Byron habe dieses Verbrechen, das in Wirklichkeit nicht vorhanden war, durchschimmern lassen, um sich interessant zu machen. Interessant sein wie die Romantiker, zu welchem Preis auch immer, würde man jetzt (1886) übersetzen mit: sich von andern unterscheiden, über die andern hinausstreben. (Dieses ewige Streben!) Das Verbrechen galt für ein Zeichen von Kraft; darum wollte man mit einem Verbrechen prahlen können, aber mit einem, das nicht bestraft wurde; mit Polizei und Gefängnis wollte man nichts zu tun haben. Es lag wohl auch etwas von Opposition gegen Gesetz und Moral in dieser Prahlerei mit einem Verbrechen.