Der Sohn einer Magd

Part 2

Chapter 23,723 wordsPublic domain

Diese Furcht war wahrscheinlich dem Kinde nicht eigentümlich, falls nicht die Stürme, welche die Eltern durchmachten, als die Mutter es trug, einen besonderen Einfluß auf das Kind ausgeübt hatten. Es hatte nämlich gehörig gestürmt. Drei Kinder waren vor der Ehe geboren, und Johan kam im Anfang der Trauzeit zur Welt. Willkommen war er wahrscheinlich nicht, am allerwenigsten, da ein Konkurs seiner Geburt vorangegangen war; er also in einer geplünderten Häuslichkeit, die vorher behäbig gewesen, in der jetzt aber nur noch Betten, Tische und Stühle vorhanden waren, geboren wurde. Der Bruder des Vaters starb zur selben Zeit, und zwar als des Vaters Feind, weil der Vater sein freies Verhältnis nicht auflösen wollte. Der Vater liebte dieses Weib und zerriß das Band nicht, sondern knüpfte es fest fürs Leben.

Der Vater war eine verschlossene Natur; hatte vielleicht deshalb einen kräftigen Willen. Er war Aristokrat von Geburt und Erziehung. Es gab einen alten Stammbaum, der im siebzehnten Jahrhundert Adel nachwies. Später waren die Vorfahren Geistliche gewesen, aus nordschwedischem, vielleicht finnischem Blut. Dann hatte sich das Blut gemischt. Des Vaters Mutter war von deutscher Geburt und stammte aus einer Tischlerfamilie. Des Vaters Vater war Kaufmann in Stockholm, Führer der Bürgerwehr und hoher Freimaurer gewesen; auch hatte er König Carl Johan verehrt. (Ob er den Franzosen, den Marschall oder den Freund Napoleons verehrte, ist noch nicht entschieden.)

Johans Mutter war die Tochter eines armen Schneiders; ihr Stiefvater hatte sie ins Leben hinaus geschickt, zuerst als Magd, dann als Kellnerin. In dieser Stellung war sie von Johans Vater entdeckt worden. Sie war Demokratin aus Instinkt, sah aber zu ihrem Manne auf, weil er „aus guter Familie‟ war; und sie liebte ihn, ob als Retter, Gatte oder Familienversorger, ist schwer zu sagen.

Der Vater duzte Knecht und Magd und wurde von ihnen Herr genannt. Er war trotz seiner Niederlage nicht zu den Mißvergnügten übergegangen, sondern verschanzte sich mittels religiöser Resignation: es war eben Gottes Wille. Auch isolierte er sich in seiner Häuslichkeit. Schließlich blieb ihm immer noch die Hoffnung, wieder in die Höhe zu kommen.

Aber er war Aristokrat aus dem Grunde, bis in seine Gewohnheiten hinein. Sein Gesicht hatte einen veredelten Typus angenommen: glattrasiert, feinhäutig, das Haar wie Ludwig Philipp. Dazu trug er eine Brille, kleidete sich immer fein und liebte reine Wäsche. Wenn der Knecht seine Stiefel putzte, mußte er Handschuhe anziehen: dessen Hände hielt der Herr für so schmutzig, daß er sie nicht in seinen Stiefeln haben wollte.

Die Mutter blieb in ihrem Innersten Demokratin. Sie war immer einfach aber rein gekleidet. Die Kinder sollten immer heile und reine Kleider haben, aber nicht mehr. Sie war vertraulich zu den Dienstboten und bestrafte ein Kind, das gegen einen von ihnen unhöflich gewesen war, sofort, ohne den Fall zu untersuchen, auf die bloße Anzeige hin. Gegen Arme war sie immer barmherzig; mochte der eigene Haushalt noch so knapp sein, niemals ließ sie einen Bettler von ihrer Tür gehen, ohne ihm etwas Essen zu geben. Alle alten Ammen, vier Stück, kamen oft auf Besuch und wurden dann wie alte Freundinnen empfangen.

Furchtbar war der Sturm über die Familie dahingefahren, und wie erschrockene Hühner waren die zerstreuten Mitglieder zusammengekrochen; Freunde und Feinde durcheinander; denn sie fühlten, sie hatten sich gegenseitig nötig und sie konnten sich gegenseitig beschützen.

Tante mietete zwei Zimmer der Wohnung ab. Sie war die Witwe eines berühmten englischen Erfinders und Fabrikbesitzers, der ruiniert gestorben war. Sie hatte Witwenpension; von der lebte sie mit ihren beiden Töchtern, die eine feine Erziehung genossen hatten. Sie war Aristokratin, hatte ein glänzendes Haus gehabt, hatte mit vornehmen Leuten verkehrt. Sie hatte ihren Bruder geliebt, seine Ehe aber nicht gebilligt, jedoch seine Kinder zu sich genommen, als der Sturm kam. Sie trug eine Spitzenhaube und ließ sich die Hand küssen. Lehrte die Kinder ihres Bruders gerade auf dem Stuhl sitzen, schön grüßen, sich sorgfältig ausdrücken.

Ihre Zimmer trugen Spuren des früheren Luxus und der zahlreichen und vermögenden Freunde. Ein gepolstertes Jakarandamöbel mit einem gehäkelten Überzug in englischem Muster. Die Büste des verstorbenen Mannes, im Frack der Akademie der Wissenschaften, mit dem Wasaorden. An der Wand ein großes Ölporträt vom Vater in der Majorsuniform der Bürgerwehr. Die Kinder glaubten immer, das sei der König; er hatte nämlich soviel Orden, die sich später aber als Zeichen der Freimaurer herausstellten.

Tante trank Tee und las englische Bücher.

Ein anderes Zimmer wurde vom Bruder der Mutter bewohnt, der am Heumarkt einen Materialwarenhandel hatte; außerdem von einem Vetter, dem Sohn des verstorbenen Bruders des Vaters, der in die Technische Hochschule ging.

In der Kinderstube hielt sich die Großmutter mütterlicherseits auf. Eine scharfe Alte, die Hosen flickte, Kittel ausbesserte, Abc lehrte, wiegte und zauste. Sie war religiös und kam jeden Morgen um acht Uhr, nachdem sie erst in der Klarakirche ihr Morgengebet verrichtet hatte. Im Winter trug sie eine Laterne, denn Straßenlaternen gab es noch nicht und die Argandschen waren gelöscht.

Sie kannte ihre Stellung, liebte den Schwiegersohn und dessen Schwester wahrscheinlich nicht. Die waren ihr zu fein. Der Vater behandelte sie mit Achtung, aber nicht mit Liebe.

In drei Zimmern wohnte der Vater mit seiner Frau und sieben Kindern nebst zwei Dienstboten. Die Möbel bestanden fast nur aus Wiegen und Betten. Kinder lagen auf Plättbrett und Stühlen, Kinder in Wiegen und Betten. Der Vater hatte kein Zimmer für sich, war aber stets zu Hause. Nahm nie eine Einladung von seinen vielen Geschäftsfreunden an, weil er sie nicht wieder einladen konnte. Ging nie in die Kneipe und nie ins Theater. Er hatte eine Wunde, die er verbergen und heilen wollte. Sein Vergnügen war ein Klavier. Die eine Tochter der Schwester kam jeden zweiten Abend, und dann wurden Haydns Symphonien vierhändig gespielt. Nie etwas anderes. Später auch Mozart. Nie etwas Modernes.

Als die Verhältnisse es ihm wieder erlaubten, hatte er später auch noch ein anderes Vergnügen. Er hielt sich Blumen in den Fenstern. Aber nur Pelargonien. Warum Pelargonien? Johan glaubte später, als er älter wurde und die Mutter nicht mehr lebte, seine Mutter immer neben einer Pelargonie oder beide zusammen zu sehen. Die Mutter war blaß, sie machte zwölf Kindbetten durch und wurde lungenkrank. Ihr Gesicht glich wohl den durchsichtig weißen Blättern der Pelargonie mit ihren Blutstreifen, die im Grunde dunkeln und eine beinahe schwarze Pupille bilden, schwarz wie die der Mutter.

Der Vater ließ sich nur bei den Mahlzeiten sehen. Traurig, müde, streng, ernst war er, aber nicht hart; er sah strenger aus, als er war, weil er bei der Heimkehr immer ohne weiteres eine Menge Sachen entscheiden sollte, die er nicht beurteilen konnte. Auch wurde sein Name immer benutzt, um die Kinder in Schrecken zu versetzen. „Wenn Papa das erfährt‟ bedeutete Schläge. Das war gerade keine dankbare Rolle, die man ihm gegeben. Gegen die Mutter war er immer mild. Er küßte sie immer nach der Mahlzeit und dankte ihr fürs Essen. Dadurch gewöhnten sich die Kinder daran, sie als die Geberin aller guten Gaben und den Vater als den aller bösen zu betrachten. Das war ungerecht.

Man fürchtete den Vater. Wenn der Ruf: „Papa kommt!‟ zu hören war, liefen alle Kinder davon und versteckten sich; oder eilten in die Kinderstube, um sich zu kämmen und zu waschen. Bei Tisch herrschte Todesschweigen, und der Vater sprach nur wenig.

Die Mutter hatte ein nervöses Temperament. Flammte auf, wurde aber bald wieder ruhig. Sie war verhältnismäßig zufrieden mit ihrem Leben, denn sie war gestiegen auf der sozialen Stufenleiter und hatte ihre eigene Stellung wie die ihrer Mutter und ihres Bruders verbessert. Sie trank des Morgens Kaffee im Bett; hatte Ammen, zwei Dienstboten, Großmutter zur Hilfe. Wahrscheinlich überanstrengte sie sich nicht.

Für die Kinder war sie aber immer die Vorsehung. Sie schnitt die Niednägel, verband verletzte Finger, tröstete und beruhigte immer, wenn der Vater gestraft hatte, trotzdem sie der öffentliche Ankläger war. Das Kind fand sie kleinlich, wenn sie dem Papa „petzte‟; Achtung wenigstens erwarb sie sich dadurch nicht. Sie konnte ungerecht, heftig sein; zur Unzeit strafen, auf die bloße Anzeige eines Dienstboten; aber das Kind bekam auch Essen aus ihrer Hand, wurde von ihr getröstet; darum war sie beliebt, während der Vater immer ein Fremder blieb, eher ein Feind als ein Freund.

Das war des Vaters undankbare Stellung in der Familie. Aller Versorger, aller Feind. Kam er müde, hungrig, finster nach Hause und wagte, fand er den Fußboden frisch gescheuert und das Essen schlecht bereitet, einen Tadel auszusprechen, so erhielt er eine etwas kurze Antwort. Er lebte in seinem eigenen Hause wie auf Gnade, und die Kinder verbargen sich vor ihm.

Der Vater war mit seinem Leben weniger zufrieden, denn er war hinabgestiegen, hatte seine Stellung verschlechtert, mußte entsagen. Und wenn er die, denen er das Leben gegeben und das Essen schenkte, unzufrieden sah, wurde er nicht froh.

Aber die Familie selbst ist keine vollkommene Einrichtung. Für die Erziehung hatte niemand Zeit; die nahm die Schule da auf, wo die Mägde aufgehört hatten. Die Familie war eigentlich eine Speisewirtschaft, eine Wasch- und Plättanstalt; aber eine unzweckmäßige. Nie etwas anderes als Kochen, Einkaufen, Waschen, Plätten, Scheuern. So viele Kräfte in Bewegung für so wenig Personen. Der Gastwirt, der Hunderte speiste, wandte kaum mehr auf.

Die Erziehung bestand aus Schelten und Zausen, wies hin auf Gebet und Gehorsam. Das Leben empfing das Kind mit Pflichten, nur mit Pflichten, nicht mit Rechten. Aller andern Wünsche durften sich äußern, die des Kindes wurden unterdrückt. Das Kind konnte keinen Gegenstand anfassen, ohne etwas Unrechtes zu tun; nicht umherlaufen, ohne im Wege zu sein; nicht ein Wort äußern, ohne zu stören. Schließlich wagte es sich nicht mehr zu rühren. Seine höchste Pflicht und seine höchste Tugend war: auf einem Stuhle stillsitzen und ruhig sein.

-- Du hast keinen Willen, so lautete es immer. Und damit wurde der Grund zu einem willenlosen Charakter gelegt.

-- Was werden die Menschen sagen, hieß es später. Und damit wurde sein Selbst angegriffen: er konnte nie er selber sein, war immer abhängig von fremder Ansicht, die sich ändert; traute sich selber nichts zu, ausgenommen in den wenigen Augenblicken, in denen er seine energische Seele unabhängig von seinem Willen arbeiten fühlte.

Der Knabe war äußerst empfindsam. Weinte so oft, daß er deshalb einen besonderen Schimpfnamen bekam. Jeder kleine Tadel verletzte ihn; er war in beständiger Unruhe, einen Fehler zu begehen. Er achtete aber auf Ungerechtigkeiten und wachte über die Verfehlungen der Brüder, indem er hohe Anforderungen an sich selber stellte. Wenn die Brüder nicht bestraft wurden, fühlte er sich tief gekränkt; wenn sie zur Unzeit belohnt wurden, litt sein Gerechtigkeitsgefühl. Darum wurde er für neidisch gehalten. Er ging dann zur Mutter, um sich zu beklagen. Bekam einige Male recht, wurde aber ermahnt, es nicht so genau zu nehmen. Aber man war ja so genau gegen ihn, und es wurde ihm befohlen, genau gegen sich selbst zu sein. Er zog sich zurück und wurde bitter. So wurde er scheu und verschlossen. Verbarg sich ganz hinten, wenn etwas Gutes verteilt wurde, und weidete sich daran, wenn er übersehen wurde. Er fing an, Kritik zu üben und bekam Geschmack für Selbstquälerei. Bald war er melancholisch, bald war er mutwillig.

Sein ältester Bruder war hysterisch; konnte, wenn er beim Spiel geärgert wurde, unter konvulsivischem Lachen, das ihn zu ersticken drohte, niederfallen. Dieser Bruder war der Liebling der Mutter und der andere der des Vaters. Lieblinge gibt es in allen Familien. Es ist nun einmal so, daß das eine Kind mehr Sympathie erringt als das andere; weshalb, ist nicht zu entscheiden. Johan war niemandes Liebling. Das fühlte er und das grämte ihn. Die Großmutter sah es und nahm sich seiner an. Er lernte das Abc bei ihr und half ihr beim Wiegen. Aber er war mit dieser Liebe nicht zufrieden; er wollte die Mutter gewinnen. Und er wurde zutunlich, betrug sich aber so plump dabei, daß er durchschaut und zurückgestoßen wurde.

Es wurde strenge Zucht im Hause gehalten. Lüge wurde schonungslos verfolgt und Ungehorsam auch. Kleine Kinder lügen aber oft aus mangelhaftem Gedächtnis. Was hast du getan? fragt man sie. Es ist vor zwei Stunden geschehen, und das Kind denkt nicht so weit zurück. Da das Kind die Handlung für gleichgültig hielt, hat es sie sich nicht gemerkt. Darum können kleine Kinder lügen, ohne es zu wissen. Darauf muß man achten.

Sie können auch aus Notwehr lügen. Sie wissen, daß sie bei einem Nein frei ausgehen und daß sie bei einem Ja Schläge bekommen.

Sie können auch lügen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Es ist eine der ersten Entdeckungen des erwachenden Verstandes, daß ein glücklich angebrachtes Ja oder Nein recht nützlich sein kann.

Das Häßlichste ist, wenn sie sich gegenseitig beschuldigen. Sie wissen, der Fehltritt wird bestraft werden, einerlei an wem. Es kommt also darauf an, einen Sündenbock zu finden. Da hat die Erziehung schuld. Diese Strafe ist reine Rache. Der Fehltritt soll nicht bestraft werden, denn das heißt, noch einen Fehler begehen. Der Übeltäter soll gebessert werden; belehrt werden, um seiner selbst willen den Fehltritt nicht wieder zu begehen.

Diese Gewißheit, daß der Fehltritt bestraft wird, ruft die Furcht beim Kinde hervor, daß es für den Schuldigen gehalten wird; so schwebte Johan in einer beständigen Furcht, man würde irgendeinen Fehltritt entdecken.

Eines Mittags besichtigt der Vater die Weinflasche, die Tante benutzte.

-- Wer hat den Wein ausgetrunken? fragt er und sieht sich unter den Kindern um.

Niemand antwortet, aber Johan errötet.

-- So, du bist es gewesen, sagt der Vater.

Da Johan niemals das Versteck der Weinflasche auskundschaftet hat, fängt er an zu weinen und schluchzt:

-- Ich habe den Wein nicht ausgetrunken.

-- Was, du leugnest auch noch!

Auch noch!

-- Du sollst was erleben, wenn wir von Tisch aufstehen!

Der Gedanke, was dann geschehen würde, und die Betrachtungen, die der Vater über Johans verschlossenes Wesen fortsetzt, veranlassen Johan, noch mehr zu weinen.

Man steht vom Tische auf.

-- Komm, sagt der Vater, und geht in die Schlafstube.

Die Mutter folgt.

-- Bitte Papa um Verzeihung, sagt sie.

-- Ich habe es nicht getan, schreit er jetzt.

-- Bitte Papa um Verzeihung, sagt die Mutter und zaust ihn.

Der Vater hat hinter den Spiegel nach der Rute gegriffen.

-- Lieber Papa, verzeih mir, brüllt der Unschuldige.

Jetzt aber ist es zu spät. Das Bekenntnis ist abgegeben. Die Mutter hilft bei der Exekution. Das Kind heult vor Harm, vor Wut, aus Schmerz, am meisten aber vor Schande, vor Demütigung.

-- Bitte Papa jetzt um Verzeihung, sagt die Mutter.

Das Kind sieht sie an und verachtet sie. Es fühlt sich allein, verlassen von der, zu der es sich stets flüchtete, um Milde und Trost zu suchen, aber so selten Gerechtigkeit fand.

-- Verzeih, lieber Papa, sagt er mit zusammengebissenen lügenden Lippen.

Nun schleicht er in die Küche zu Luise hinaus, dem Kindermädchen, das ihn zu waschen und zu kämmen pflegt, und weint sich in ihrer Schürze aus.

-- Was hast du getan, Johan? fragt sie teilnehmend.

-- Nichts! antwortet er. Ich habe es nicht getan.

Mama kommt in die Küche.

-- Was sagt Johan? fragt sie Luise.

-- Er sagt, er habe es nicht getan.

-- Leugnet er noch!

Johan wird zurückgeführt, um dazu gezwungen zu werden, zu bekennen, was er nie begangen hat.

Und jetzt bekennt er, was er nie begangen hat.

Herrliche, sittliche Einrichtung, heilige Familie, unantastbare, göttliche Stiftung, die Bürger zu Wahrheit und Tugend erziehen soll! Du angebliches Heim der Tugenden, wo unschuldige Kinder zu ihrer ersten Lüge gezwungen, wo die Willenskraft durch Willkür geknickt, wo das Selbstgefühl von enge wohnenden Egoismen getötet wird. Familie, du bist das Heim aller sozialen Laster, die Versorgung aller bequemen Frauen, die Ankerschmiede des Familienvaters, die Hölle der Kinder!

Seit diesem Tage lebte Johan in ewiger Unruhe. Nicht der Mutter, nicht Luise, noch weniger den Brüdern und am wenigsten dem Vater wagte er sich zu nähern. Feinde überall. Gott kannte er noch nicht anders als durch das Abendgebet. Er war Atheist, wie das Kind ist; aber im Dunkeln ahnte er wie der Wilde und das Tier böse Mächte.

Wer trank den Wein aus? fragte er sich. Wer war der Schuldige, für den er litt? Neue Eindrücke, neue Sorgen ließen ihn bald die Frage vergessen, aber die aufregende Handlung blieb ihm im Gedächtnis haften.

Er hatte das Vertrauen der Eltern, die Achtung der Geschwister, die Gunst des Vaters verloren; Großmutter verhielt sich still. Vielleicht schloß sie aus andern Gründen auf seine Unschuld, denn sie schalt ihn nicht, aber sie schwieg. Sie hatte nichts zu sagen.

Er war wie ein bestrafter Mensch. Bestraft für eine Lüge, die man im Hause so verabscheute, und für Diebstahl, ein Ausdruck, der nicht einmal genannt werden durfte. Hatte sein bürgerliches Ansehen verloren, war eine verdächtige Person; wurde von den Geschwistern verhöhnt, daß er sich habe ertappen lassen.

Und das alles mit seinen Folgen, die für ihn volle Wirklichkeit hatten, beruhte auf etwas, das nicht vorhanden war: das war seine Schuld.

* * * * *

Es herrschte nicht gerade Armut im Hause, aber Übervölkerung. Kindtaufe, Begräbnis, Kindtaufe, Begräbnis. Zuweilen zwei Taufen ohne Begräbnis dazwischen. Das Essen wurde streng eingeteilt und war nicht gerade kräftig; Fleisch gab es nur Sonntags. Trotzdem wuchs Johan doch tüchtig und war seinem Alter voraus.

Er wurde jetzt zum Spielen auf den Hof gelassen. Es war ein gepflasterter Brunnen wie gewöhnlich, in den die Sonne niemals kam. Die Schatten blieben über dem ersten Stockwerk stehen, weiter reichten sie nicht. Ein großer Müllkasten, der einer alten Kommode mit Klappe glich, geteert, aber aufgesprungen, stand auf vier Füßen an der Wand. Spül- und Mülleimer wurden hier ausgegossen, und aus den Rissen rann eine schwarze Sauce auf den Hof. Große Ratten hielten sich unter dem Kasten auf und guckten dann und wann hervor, um in den Keller zu fliehen. Holzställe und Aborte begrenzten die eine Hofseite. Da war schlechte Luft, Feuchtigkeit und kein Licht. Sein erster Versuch, den Sand zwischen den großen Feldsteinen aufzugraben, wurde von dem mürrischen Verwalter unterbrochen. Der hatte einen Jungen. Johan spielte mit ihm, fühlte sich ihm gegenüber aber nie recht sicher. Der Junge war ihm an körperlicher Stärke und geistigem Verstand unterlegen, wußte sich aber immer bei Zwistigkeiten auf seinen Papa, den Verwalter, zu berufen. Seine Überlegenheit bestand darin, eine Autorität auf seiner Seite zu haben.

Der Baron im Erdgeschoß hatte eine Treppe, deren Geländer aus Eisen waren. Das war ein hübscher Ort zum Spielen, aber jeder Versuch, auf das Geländer hinauf zu klettern, wurde von einem herausstürzenden Bedienten vereitelt.

Auf die Straße zu gehen, war streng verboten. Blickte er aber durch den Torweg und nach dem Kirchhof hinauf, hörte er Kinder dort spielen. Er verlangte nicht danach, dabei zu sein, denn ihm war bange vor den Kindern. Wenn er die Gasse hinuntersah, erblickte er das Wasser der Klarabucht und die Waschbrücken. Das sah neu und geheimnisvoll aus, aber er fürchtete sich vor dem See. An stillen Winterabenden hatte er Notschreie von Ertrinkenden gehört, die in den Mälarsee gegangen waren. Das geschah recht oft. Man saß um die Lampe in der Kinderstube. -- Still! sagte eine der Mägde. Alle lauschten. Lange, anhaltende Rufe waren zu hören. -- Es ertrinkt jemand, sagte einer. Man lauschte, bis es wieder still wurde. Dann wurden Geschichten von Ertrinkenden erzählt.

Die Kinderstube lag nach dem Hof hinaus, und von deren Fenster sah man ein Blechdach und einige Dachkammern. In denen standen alte abgelegte Möbel und anderes Hausgerät. Diese Möbel ohne Menschen wirkten unheimlich. Die Mägde sagten, es spuke dort. -- Was ist das, spuken? Das konnten sie nicht sagen, aber ungefähr war es, daß tote Menschen umgingen.

So wurde Johan von den Mägden erzogen, und so werden wir alle von der Unterklasse erzogen. Das ist ihre unwillkürliche Rache, daß sie unsern Kindern unsern abgelegten Aberglauben geben. Dieser Umstand ist es vielleicht, der die Entwicklung in so hohem Grade aufhält, wenn er auch den Klassenunterschied etwas ausgleicht. Warum gibt die Mutter diese wichtigste Aufgabe aus der Hand, während sie doch vom Vater unterhalten wird, um die Kinder zu erziehen? Nur zuweilen betete Johans Mutter das Abendgebet mit ihm, meistens aber war es das Kindermädchen. So hatte dieses ihn ein altes katholisches Gebet gelehrt, das lautete: „Ein Engel ging um unser Haus, er trug zwei goldne Lichter voraus...‟

Wenn es der Traum des Menschen ist, sich von Arbeit zu befreien, so scheint die Frau durch die Ehe diesen Traum verwirklicht zu haben. Darum steht die Familie als soziale Einrichtung der Herde sehr nahe: Männchen, Weibchen und Junge; und nicht eine Stufe über der Horde, da die Sklaven (Diener) hinzugekommen sind. Darum wird man für die Familie (Speiseanstalt) erzogen und nicht für die Gesellschaft, wenn man überhaupt erzogen wird.

* * * * *

Die andern Zimmer lagen nach dem Klarakirchhof hinaus. Über den Linden erhob sich das Schiff der Kirche wie ein Berg, und auf dem Berge saß der Riese mit dem kupfernen Hut, der einen nie ruhenden Lärm vollführte, um den Lauf der Zeit anzugeben. Der schlug Viertel im Diskant und Stunden im Baß. Der läutete Frühgebet um vier Uhr mit einer kleinen Glocke, er läutete Morgengebet um acht Uhr, er läutete Abend um sieben Uhr. Der schlug zehn Uhr vormittags und vier Uhr nachmittags. Der tutete alle Stunden von zehn bis vier Uhr nachts. Der läutete mitten in der Woche bei Begräbnissen, und jetzt während der Cholerazeit läutete er oft. Und Sonntags, o, da läutete er so, daß die ganze Familie weinerlich aussah und niemand hörte, was der andere sagte.

Das Tuten nachts, wenn Johan wach lag, war sehr unheimlich. Am schlimmsten aber war die Feuerglocke. Als er diesen tiefen dumpfen Klang zum ersten Male in der Nacht hörte, bekam er Schüttelfrost und weinte. Das Haus wachte immer auf. -- Es brennt! flüsterte einer. -- Wo ist es? Man zählte die Schläge und dann schlummerte man wieder ein; Johan aber schlief nicht. Er weinte. Da konnte Mutter aufstehen, ihm die Decke ordentlich zustopfen und sagen: -- Sei nicht bange, Gott behütet die Unglücklichen schon! -- Das hatte er bisher von Gott nicht gedacht.

Morgens lasen die Mägde im Blatt, es habe im Süden der Stadt gebrannt und zwei Menschen seien im Feuer umgekommen. -- Dann war es Gottes Wille, sagte Mutter.

Sein erstes Erwachen zum Leben wurde immer von Läuten und Tuten begleitet. In alle seine ersten Gedanken und Wahrnehmungen läuteten Begräbnisglocken hinein, und sein ganzes erstes Lebensjahr wurde mit Viertelschlägen abgemessen. Heiter machte ihn das wenigstens nicht, wenn es auch seinem künftigen Nervenleben keine bestimmte Farbe gab. Doch wer weiß! Die ersten Jahre sind ebenso wichtig, wie die neun Monate vorher.

* * * * *

Mit fünf Jahren kam Johan in den Kindergarten. Er konnte seine Aufgaben und lernte auswendig. Das Zusammenleben mit den kleinen Freunden und Freundinnen löste die häusliche Einförmigkeit ab; der Verkehr mit Altersgenossen aus andern Gesellschaftsklassen erweiterte seine Gedanken, verscheuchte die monotone Kritik an Geschwistern und Eltern, gab Erziehung.