Part 19
Auch die Lehrerinnen genossen mehr Respekt als die Lehrer. Sie waren pedantisch, forderten das Absolute und waren durchaus nicht weichherzig, eher grausam. Sie liebten die raffinierte Strafe, Schläge auf die Handfläche zu geben; dabei legten sie einen Unverstand an den Tag, den das oberflächlichste Studium der Physiologie berichtigt hätte. Wenn das Kind infolge der Reflexbewegung die Finger fortzog, wurde es noch mehr gestraft, weil es die Finger nicht still halte. Als ob man das Blinzeln unterlassen könnte, wenn einem Staub ins Auge weht!
Die Lehrerinnen hatten den Vorteil, daß sie nicht soviel von den Lehrfächern wußten, um von Zweifeln gequält zu werden. Daß sie weniger Gehalt hatten als die Lehrer, war eine Unwahrheit. Sie hatten verhältnismäßig mehr; und wenn sie mit einem dürftigen Lehrerinnenexamen mehr als die Studenten hatten, war das ungerecht. Sie wurden außerdem begünstigt, für ein Wunder gehalten, wenn sie tüchtig waren, und erhielten Stipendien, um ins Ausland zu reisen.
Als Kameradinnen waren sie freundlich und hilfreich, wenn man höflich und bescheiden war und ihnen die Zügel überließ. Von einer Liebelei war nicht die Spur zu sehen; auch sahen die Männer sie in Situationen, die alles andere als gewinnend waren, und von Seiten, die Frauen sonst dem andern Geschlecht nicht zu zeigen pflegen, nämlich als Profose. Sie machten sich Notizen über alles, bereiteten sich auf die Stunden vor, waren kleinlich und zufrieden, durchschauten nicht. Es war eine sehr passende Beschäftigung für sie unter den damaligen Verhältnissen.
Wenn Johan nicht mehr schlagen wollte oder über ein Kind nichts vermochte oder an allem zweifelte, schickte er das Kind zu einer Lehrerin, die mit Vergnügen die garstige Rolle des Henkers übernahm.
Was den geeigneten Lehrer macht, ist wohl nicht festgestellt. Die einen wirkten durch ihre Ruhe, die andern durch ihre nervöse Art; andere wieder schienen die Kinder zu magnetisieren, andere schlugen sie; andere wirkten durch ihr Alter, ihr männliches Äußeres. Die Frauen wirkten als Frauen, das heißt durch eine halbvergessene Überlieferung von einer vergangenen Mutterherrschaft.
Johan war ungeeignet. Er sah zu jung aus und war ja auch erst achtzehn Jahre alt; zweifelte an der Methode und an allem; war in einem Winkel seines ernsten Innern spielerisch und knabenhaft; auch war ihm alles nur eine Nebenbeschäftigung, denn er war ehrgeizig und wollte weiter; wohin, das wußte er nicht.
Auch war er Aristokrat wie seine Zeitgenossen. Durch die Erziehung waren seine Gewohnheiten, seine Sinne verfeinert worden oder entartet, wenn man will. Er ertrug also nur schwer schlechten Geruch, häßliche Gegenstände, entstellte Körper, unschöne Aussprache, zerlumpte Kleider. Das Leben hatte ihm ja doch viel gegeben, und diese täglichen Erinnerungen ans Elend quälten ihn wie ein böses Gewissen. Er hätte selbst einer von der Unterklasse sein können, wenn seine Mutter sich mit einem ihres Standes verheiratet hätte.
Er sei hochmütig, hätte ein Ladenbursche gesagt, der es zum Redakteur einer Zeitung gebracht; derselbe Redakteur, der damit prahlte, daß er mit seinem Los zufrieden sei; ganz vergessend, daß er zufrieden sein konnte, da er aus seiner geringgeachteten Stellung emporgestiegen war. Er sei hochmütig, hätte ein Schuhmachermeister gesagt, der lieber ins Wasser ginge, als daß er zum Gesellen niederstiege. Johan war hochmütig, daran ist nicht zu zweifeln; ebenso hochmütig, wie Meister Schuhmacher; vielleicht doch nicht ganz so hochmütig, da er vom Studenten zum Volksschullehrer herabgestiegen war. Aber das war keine Tugend, sondern eine Notwendigkeit; auch prahlte er nicht mit seinem Schritt, noch wollte er sich den Schein eines sogenannten Volksfreundes geben. Über Sympathie und Antipathie ist man nicht Herr, und wenn man von unten immer Liebe und Aufopferung von der Oberklasse verlangt, so ist das Idealismus. Die Unterklasse ist für die Oberklasse geopfert, aber wahrhaftig, sie hat sich gutwillig geopfert. Sie hat das Recht, ihre Rechte zurückzunehmen, aber sie soll es selbst tun. Niemand gibt seine Stellung gutwillig auf; darum darf die Unterklasse nicht darauf warten, daß Könige oder Oberklasse es tun. Reißt uns herunter! Aber alle auf einmal!
Will ein Aufgeklärter aus der Oberklasse dabei helfen, so können die Unteren dankbar sein, zumal eine solche Hilfe immer der Beschuldigung unreiner Motive ausgesetzt ist. Die Unterklasse sollte daher die Motive ihrer Helfer nicht so genau beschnüffeln: das Ergebnis der Handlung wird immer das gleiche für sie. Das scheint die höchste Oberklasse eingesehen zu haben: darum hält sie immer den aus der Oberklasse, der mit der Unterklasse stimmt, für einen Verräter. Er ist ein Verräter gegen seine Klasse, das ist wahr, das müßte ihm aber die Unterklasse in Rechnung setzen.
Johan war nicht so sehr Aristokrat, daß er das Wort Pack benutzte oder die Armen verachtete. Er stand durch seine Mutter in zu naher Verwandtschaft mit ihnen, aber ihnen war er ein Fremder. Das war die Schuld der Klassenerziehung. Diese Schuld kann für die Zukunft aufgehoben werden, wenn die Volksschule reformiert wird, indem man die bürgerlichen Kenntnisse aufs Programm setzt, und obligatorisch für alle ist, von der man sich nicht freikaufen kann. Dann wäre es ja keine Schande mehr, Volksschullehrer zu werden, wie es jetzt tatsächlich eine ist: sogar als Vorwurf und Beschimpfung wird es benutzt, daß man Volksschullehrer gewesen ist. Dieser Kummer wäre dann vorüber; daraus geht hervor, daß die Reformen der Gesetze vorangehen müssen; nachher werden wir selbst reformiert werden.
Um sich obenzuhalten, verlegte er sich auf seine zukünftige Arbeit. Jetzt konnte er Bücher kaufen, und er kaufte sie. Mit seiner italienischen Grammatik, die er zwischen den Stunden auf dem Schulhof lernte, glaubte er sich gleichsam obenzuhalten. Er war so ehrlich, daß er diese Bemühungen, hinaufzuklettern, nicht in einen idealen Durst nach Erkenntnis oder in ein höheres Streben für die Menschheit umdichtete. Wenn er auch zuweilen von Verzweiflung niedergedrückt wurde, er bildete sich nicht ein, im Himmel einige gutmütige Professoren zu treffen. Er studierte für die Doktorprüfung, das war die Sache.
Aber die schwache Diät in Upsala, das schlechte Mittagessen, die Milch und das Brot hatten ihm die Kraft genommen; dabei war er in der genußsüchtigen Zeit der Jugend. Zu Hause war es langweilig, und abends saß er im Café oder in der Kneipe, wo er Freunde traf. Die starken Getränke gaben ihm Kraft, und er schlief gut danach.
Dieses Verlangen nach Alkohol scheint regelmäßig im mannbaren Alter eines jeden Jünglings aufzutreten. Er, wie das ganze Geschlecht, ist ja von Trinkern geboren, Glied von Glied seit der ältesten Heidenzeit, als Bier und Meth getrunken wurden: wie sollte da nicht das Verlangen Bedürfnis werden? Bei Johan war es ein Bedürfnis; wenn er es unterdrückte, so war die Folge, daß sich seine Kräfte verminderten. Und fragen kann man, ob die Enthaltsamkeit in Getränken nicht dieselben Gefahren für uns haben mag, wie für den Arsenikesser der Entschluß, das Gift nicht mehr zu benutzen. Wahrscheinlich wird die sonst lobenswerte Bewegung mit Mäßigkeit schließen: das wäre eine wirkliche Tugend und nicht eine Kraftprobe, die Prahlerei und Selbstgefälligkeit zur Folge hat.
Johan begann jetzt auch, sich fein zu kleiden, nachdem er bisher nur abgelegte Kleider aufgetragen hatte. Das Gehalt kam ihm so unglaublich groß vor, daß es in seiner vergrößernden Phantasie unerhörte Dimensionen annahm. Die Folge war, daß er bald Schulden hatte. Schulden, die wuchsen und wuchsen und niemals bezahlt werden konnten, wurden der Geier, der an seinem Leben hackte, der Gegenstand seiner Träume, der Wermut seiner Freuden. Welche Leichtgläubigkeit, welch außerordentlicher Selbstbetrug lag doch hinter diesem Schuldenmachen! Was hoffte er? Den Doktor zu machen? Und dann? Lehrer zu werden mit einem Gehalt von 750 Kronen; das war weniger, als er jetzt hatte.
* * * * *
Nicht am wenigsten quälend war, sein Gehirn den Auffassungsgaben der Kinder anzupassen. Das bedeutete auch, sich auf das Niveau der Jüngeren und Unverständigeren herablassen; den Hammer so weit niederschrauben, daß er den Amboß traf, wodurch die Maschine beschädigt wurde.
Wirklichen Gewinn brachten dagegen die Beobachtungen in den Wohnungen der Kinder, die er als Lehrer am Sonntag aufsuchen mußte. Ein Junge war der schwierigste von allen. Er war schmutzig und schlecht gekleidet; war ungekämmt; grinste beständig; konnte sich erlauben, ungenötigt und geräuschvoll zu stinken; wußte niemals seine Aufgaben und kriegte immer Schläge. Er hatte einen zu großen Kopf mit Glotzaugen, die unaufhörlich schielten und rollten. Johann mußte seine Eltern aufsuchen, um sich nach seinem unregelmäßigen Schulbesuch und unordentlichen Betragen zu erkundigen. Er wanderte also nach der Apfelbergstraße, in der die Eltern eine Kneipe hatten. Der Vater war auf Arbeit gegangen; aber die Mutter stand hinter dem Ladentisch. Die Kneipe war dunkel und stank; Männer füllten sie, die drohend auf den eintretenden Herrn sahen, den sie wahrscheinlich für einen Geheimpolizisten hielten. Johan sagte der Mutter, was ihn herführe, und er durfte hinter den Ladentisch kommen, um in die Kammer zu gelangen. Er brauchte nur das Zimmer und dessen Lage zu sehen, um zu verstehen. Die Mutter schalt den Jungen bald, bald entschuldigte sie ihn; und das letzte konnte sie. Das Kind pflegte Reste zu trinken. Das war die Lösung, und die genügte. Was war dabei zu machen? Die Wohnung ändern, ihm bessere Nahrung geben; eine Bonne, die ihn überwachte -- alles Geldfragen!
Dann kam Johan ins Armenhaus von Klara, das von alten Armenhäuslern geräumt und während des Mangels an Wohnungen vorläufig Familien geöffnet war. In einem großen Saale lagen und standen wohl ein Dutzend Familien, die den Boden mit Kreidestrichen geteilt hatten. Da stand ein Tischler mit einer Hobelbank; dort saß ein Schuhmacher mit seinem Tisch; rings herum auf beiden Seiten des Kreidestrichs kribbelten Kinder und Frauen; der Kreidestrich war zu schmal, um zu verbergen, was verborgen zu werden pflegt.
Was konnte Johan da machen? Bericht erstatten über eine bekannte Sache, Holzmarken austeilen, Essen und Kleider anweisen.
Dann stieß er auf die stolze Armut oben in den Bergen des Viertels Königsholm. Dort wurde er hinausgewiesen.
-- Wir brauchen uns gottlob noch nicht an die Armenpflege zu wenden. Wir stehen uns gut!
-- So? Dann dürfen Sie aber Ihr Kind im Winter nicht in zerrissenen Schuhen gehen lassen.
-- Das geht Sie nichts an, Herr!
Damit wurde die Tür zugeschlagen.
Oft gab es schauerliche Szenen. Das Kind krank, das Zimmer von den Schwefeldämpfen des Koks erfüllt, alle hustend, von der Großmutter bis hinab zum Allerjüngsten. Was konnte Johan dabei tun? Ihm wurde schlecht zumut, und er floh! Ein andres Heilmittel als Armenpflege gab es damals nicht, und die Literatur, die das Elend schilderte, konnte nur beklagen; von einer Hoffnung wußte man nichts. Darum hatte man nichts anderes zu tun als zu beklagen, für den Augenblick zu helfen und zu fliehen, um nicht zu verzweifeln.
Diese Beschäftigung lag wie eine drückende Wolke auf ihm, und er verlor die Lust zur Arbeit. Hier war etwas verkehrt, das fühlte er, aber es konnte ja nicht besser werden; das sagten alle Zeitungen und Bücher, und die Menschen auch. Es sollte wohl so sein. Das Emporklettern stand ja jedem frei! Klettere doch auch!
* * * * *
An den Nachmittagen studierte Johan und ergänzte die lebenden Sprachen durch Italienisch. Er hatte erfahren, daß man Boccaccios „Dekameron‟ übersetzen müsse. Das ist ein sonderbares Prüfungsbuch, dachte er. Es enthielt recht unmittelbare Aufforderungen zur Unsittlichkeit und machte sich über die Männer, die von ihren Frauen betrogen wurden, lustig. Sehr unterhaltend war es gerade nicht. Es hatte auch andere Seiten, die Johan aus der Literaturgeschichte kannte. Es war ein Oppositionsbuch gegen das Mönchsleben des Mittelalters, geschrieben gegen Ende des Mittelalters, und es machte sich über die Ehe lustig. Boccaccio scheint zuerst die lächerliche Stellung des Ehemanns durchschaut zu haben: der hat die Familie zu versorgen und seine Vaterschaft ist nicht immer ganz zweifellos, nachdem die Frau dem Manne die Arbeit aufgebürdet und ihn allein für alle ihre Kinder verantwortlich gemacht hat. Es ist also eine Satire auf das köstliche Patriarchat, das die Frau zu ihrem Vorteil gegen das vernünftigere und ursprünglichere Matriarchat eingetauscht hat. Während sie die Unterdrückte zu sein schien, wählte sie die günstigere Stellung, indem sie sich keine anderen bürgerlichen Rechte vorbehielt als die Befehlshaberstellen der Kaiserin, Königin, Äbtissin, Mutter und Madonna.
Indessen schien diese franke Behandlung geschlechtlicher Geschichten dem Trieb Sanktion zu geben, und jetzt säte er seinen Wildhafer nach allen Seiten aus. Er hatte gewöhnlich zu gleicher Zeit drei Flammen. Eine große heilige reine, wie er sie nannte, aus der Entfernung, mit Heiratsplänen im Hintergrunde; also ein Ehebett, aber rein. Dann eine kleine Liebelei mit einem Wirtshausmädchen. Schließlich die ganze große Freischar: blonde, braune, rothaarige, schwarze. Es sah aus, als wachse die Reinheit des Gefühls im Verhältnis zur Schwierigkeit, aber auch mit dem Bildungsgrad. Eine wirkliche Liebe kann wohl nur zwischen Personen derselben Klasse entstehen. Auch die Liebe ist eine Klassensache geworden, obwohl sie schließlich dieselbe Sprache in allen Klassen hat.
Johan hatte ein Jahr lang eine Verbindung mit einer Kellnerin unterhalten. Da er Frauen immer mit einer gewissen Achtung behandelte und nicht eher brutal wurde, bis die Situation reif war, begann das Mädchen eine Neigung zu ihm zu fassen, schien an ernste Absichten zu glauben, obwohl er nichts dergleichen andeutete, noch irgendwelche Versprechungen gab. Es bewilligte jede Gunst, nur die letzte nicht. Es war ein entnervendes Leben, und Johan beklagte sich einem Freunde gegenüber.
-- Du bist zu schüchtern, sagte der Freund. Die Mädchen lieben nun einmal kühne Männer.
-- Aber ich bin nicht schüchtern, beteuerte Johan.
-- Aber du bist es anfangs gewesen. Man muß sofort seine Absichten zeigen.
Es war wirklich zu spät. Diese Beobachtung fand er dann oft bestätigt. Wenn es keine Hoffnung auf Ehe gab, dann war es leicht; sonst nicht.
Zwei Jahre verlor er an dieser Neigung, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Oft schien es ganz nahe zu sein. Er durfte sie in der Nacht treffen, auf einer Feuerleiter zum Fenster hinaussteigen, sich mit Kettenhunden herumschlagen, am Zaun die Kleider zerreißen, ohne etwas anderes als halbe Gunst zu erreichen. Es endete mit Tränen und Bitten.
-- Ich liebe dich zu sehr! sagte sie.
Was sollte das heißen? Oder war sie ganz einfach vor den Folgen bange? Das ist ihm nicht klar geworden.
* * * * *
Die Zeit verging und der Frühling näherte sich. Johans nächster Verkehr war ein Lehrer an der Kunstgewerbeschule, der dichtete und in der Literatur Bescheid wußte, auch musikalisch war. Sie machten ihre Spaziergänge nach dem Wirtshaus „Stallmeisterhof‟ hinaus, sprachen von Literatur und aßen dort zu Abend. Während Johan seiner Kellnerin den Hof machte, spielte der Lehrer auf dem Piano. Zuweilen leistete der Lehrer sich das Vergnügen, lustige Verse an die Mädchen zu schreiben. Johan war darauf versessen, Verse zu schreiben, aber er konnte es nicht. Das mußte angeboren sein und auf einmal kommen, wie die Bekehrung. Er war ganz deutlich nicht berufen. Wie gern wäre er es gewesen! Er fühlte sich von der Natur vernachlässigt, wie mit einem Gebrechen behaftet.
Eines Abends, als Johan mit dem Mädchen plauderte, sagte sie ganz plötzlich zu ihm:
-- Freitag ist mein Namenstag. Du wirst mir doch einige Verse schreiben?
-- Ja, sagte Johan, das will ich tun.
Als er dann den Lehrer traf, erzählte er dem sein übereiltes Versprechen.
-- Ich werde sie dir schreiben, sagte der.
Am nächsten Tage lieferte er Johan ein Gedicht ab, das fein ins Reine geschrieben und in Johans Namen verfaßt war. Es war durchsichtig unanständig und lustig. Am Morgen des Namenstages wurde es abgesandt.
Am Abend desselben Tages kamen die beiden Lehrer, um zu gratulieren und zu Abend zu essen. Das Mädchen war eine Weile nicht zu sehen, denn sie hatte Gäste zu bedienen. Den Herren wurde gedeckt, und sie fingen an zu essen.
Das Mädchen erschien in der Tür und winkte Johan. Sie sah beinahe ernst aus. Johan stand auf und folgte ihr eine Treppe hoch.
-- Hast du diese Verse geschrieben? fragte sie.
-- Nein, sagte Johan.
-- Das habe ich mir gedacht! Die Büfettmamsell sagt, sie habe sie schon vor zwei Jahren gelesen; da habe sie dieser Lehrer an die alte Marie geschrieben, die ein schlechtes Mädchen war. Pfui, Johan!
Er nahm seine Mütze und wollte hinausstürzen; aber das Mädchen umschlang ihn mit seinen Armen, um ihn zurückzuhalten, denn es sah, er war leichenblaß und außer sich. Er riß sich jedoch los und lief in den Bellevuepark hinaus. Von dort stürmte er in den Wald hinein, indem er die gebahnten Wege verließ. Die Zweige der Büsche schlugen ihm ins Gesicht, Steine rollten ihm um die Füße, erschrockene Vögel flogen auf. Er war vor Scham ganz wild geworden und suchte aus Instinkt den Wald auf, um sich zu verbergen.
Es ist eine merkwürdige Erscheinung: in den Wald laufen ist der höchste Ausbruch der Verzweiflung, ehe der Mensch ins Wasser geht. Der Wald ist das vorletzte, das Wasser das allerletzte. Man erzählt von einem berühmten Dichter dies: Zwanzig Jahre lang sei er populär gewesen, aber bei einer plötzlichen Wendung seiner Dichtung wurde er vollständig unpopulär und von seiner Höhe herabgestürzt. Wie vom Blitz war er getroffen, wurde rasend und schämte sich; verließ die Stadt, um den Wald aufzusuchen. Dort erholte er sich. Der Wald ist die Urheimat der Barbarei und der Feind des Pfluges, also der Kultur. Wenn nun ein Kulturmensch plötzlich seiner Kulturherrlichkeit entkleidet wird, seines so künstlich gewebten Rufes, wird er in einem Augenblick Barbar oder Wild. So lose hängt das Kleid der Kultur auf dem Körper. Wenn ein Mensch verrückt wird, wirft er die Kleider ab. Was könnte also die Verrücktheit sein? Ein Rückgang? Ja, manche halten das Tier auch für wahnsinnig.
Es war Abend, als Johan in den Wald kam. In einem Dickicht legte er sich auf einen großen Steinblock. Er schämte sich, das war der Haupteindruck. Ein empfindlicher Mensch ist sehr viel strenger gegen sich selbst, als andere glauben. Er war unbarmherzig und er geißelte sich. Er hatte zuerst mit geliehenen Federn glänzen wollen, also gelogen; hatte zweitens ein unschuldiges Mädchen in ihrer Tugend gekränkt.
Der erste Punkt der Anklage schloß auch einen zweiten in sich, einen sehr empfindlichen: seine Unfähigkeit als poetische Intelligenz. Er wollte mehr, als er konnte. Er war unzufrieden mit seiner Stellung, die Natur und Gesellschaft ihm angewiesen hatten. Aber (jetzt begann die Selbstverteidigung, nachdem sich das Blut von der Abendkühle beruhigt hatte) man wurde ja immer in der Schule ermahnt, emporzustreben; man sprach ja lobend von emporstrebenden Naturen; damit erklärte man ja das Mißvergnügen mit der zufälligen Stellung für berechtigt. Ja, aber (da kam die Geißel) er hatte ja durch Betrug weiterkommen wollen. Durch Betrug! Dagegen gab es keine Berufung! Er schämte sich. Er war entkleidet, entlarvt; konnte seinen Rückzug nicht decken. Durch Mogelei, Falschheit, Betrug! So war es.
Der älteste Beschreiber Japans erzählt von einem japanischen Mädchen, das buchstäblich vor Scham starb, weil ihr ein natürliches Unglück in einer Gesellschaft passierte. Man kann also vor Scham sterben. Als alter Christ fürchtete Johan am meisten, einen Fehler zu besitzen; und als Mitglied der Gesellschaft hatte er die Furcht, daß dieser Fehler zu sehen sei. Fehler hatte man, das war bekannt, aber es galt für zynisch, sie zu bekennen, denn die Gesellschaft will immer besser scheinen als sie ist. Manchmal aber verlangte die Gesellschaft, man solle bekennen, wenn man Verzeihung erlangen wollte; das war aber nur eine Täuschung, denn die Gesellschaft wollte das Bekenntnis nur, um das Vergnügen der Strafe zu genießen. Die Gesellschaft war sehr trügerisch. Johan hatte sofort bekannt, war bestraft worden, fühlte sich aber doch als Missetäter.
Der zweite Punkt war auch schwierig. Das Mädchen hatte ihn also rein geliebt, und er hatte sie nur besitzen wollen. Wie roh, wie gemein! Wie konnte er glauben, daß eine Kellnerin nicht unschuldig lieben kann! Seine eigene Mutter war ja in derselben Stellung gewesen wie dieses Mädchen! Er hatte sie gekränkt. Schäme dich, schäme dich!
Jetzt hörte er im Park halloen und seinen Namen rufen. Die Stimmen des Mädchens und des Lehrers hallten von den Bäumen wider, er aber antwortete nicht. Einen Augenblick fiel ihm sein ganzes Strafgerät aus den Händen; er wurde nüchtern und dachte: Ich gehe zurück, wir setzen das Abendbrot fort, holen Riekchen und trinken ein Glas mit ihr. Dann ist es vorüber. Aber nein! Er war zu hoch oben, und man kann nicht auf einmal hinabsteigen.
Die Rufe verstummten. Er blieb betäubt liegen und mahlte wieder und wieder an seinem doppelten Verbrechen. Er hatte gelogen und er hatte ihre Gefühle gekränkt.
Die Dunkelheit senkte sich. Es prasselte in den Büschen; er fuhr zusammen, geriet in Angstschweiß. Dann ging er weiter und setzte sich auf eine Bank. Dort saß er, bis es taute. Er fror und war feucht. Stand auf und ging heim.
Jetzt war sein Kopf klar, und er dachte. Wie dumm, diese ganze Geschichte! Es war ja nicht meine Absicht, daß sie mich für den Dichter halten sollte; ich war ja bereit, sie den Zusammenhang wissen zu lassen. Es war ja nur ein Scherz. Und ihre Gefühle, hm, so rein waren sie gerade nicht gewesen, als ich zu ihrem Fenster hinauskletterte. Übrigens dieser Lehrer hatte ihn ja auch angeführt. Aber das war einerlei!
Als er auf seine Kammer kam, lag der Lehrer in Johans Bett und schlief. Er wollte aufstehen, aber Johan sagte nein. Er wollte sich noch einmal geißeln. Er legte sich auf die Erde, nahm eine Zigarrenkiste unter den Kopf und breitete einen Scharfschützenmantel über sich.
Als er am nächsten Morgen erwachte, fragte Johan mit zitternder Stimme:
-- Wie hat sie es aufgenommen?
-- Sie hat gelacht, dann haben wir Punsch getrunken, und dann war es vorüber. Sie fand die Verse ganz festlich!
-- Sie hat gelacht? War sie nicht böse?
-- Durchaus nicht!
-- Und doch hat sie mir gegenüber immer die Tugendhafte gespielt!
-- Ja, du hast sie immer zu sentimental genommen. Dieser lange Hornberg sagte neulich, es sei nicht soweit her mit Riekchens Tugend. Er hätte sie haben können....
-- Was? Hornberg?
-- Jaja! Er hat sie nicht bekommen, aber jedenfalls ... Du weißt, sie ist früher bei den „Wildkatzen‟ gewesen, und da...
Johan wollte nicht mehr hören. Und um diese Kleinigkeit hatte er eine entsetzliche Nacht durchlitten. Er schämte sich zu fragen, ob sie nicht um ihn unruhig gewesen seien. Aber da sie Punsch getrunken und gelacht hatten, war es wohl nicht so ernst gewesen! Nicht einmal unruhig um sein Leben!
Er kleidete sich an und ging zur Schule.
* * * * *
Die egoistische Selbstkritik des Christentums hatte Johan daran gewöhnt, sich mit seinem Ich zu beschäftigen, es zu hätscheln; sich mit ihm zu befassen, als sei es eine andere geliebte Person. So gut gepflegt, wuchs das Ich und sah immerfort nach innen, statt nach außen auf die Welt zu sehen. Es wurde eine interessante persönliche Bekanntschaft, ein Freund, dem geschmeichelt werden, der aber auch die Wahrheit hören und korrigiert werden mußte.