Part 18
In Schweden gibt es eine Bahn, die regelmäßig drei Passagiere in ihren drei Klassen hat: Fabrikbesitzer, Verwalter, Buchhalter. Vielleicht erleben wir's, daß man anfängt die Bahnhöfe zu schließen aus Mangel an Kohlen, wenn die Grubenstreiks die Preise erhöht haben; aus Mangel an Schaffnern, wenn die Löhne gestiegen sind; und aus Mangel an Frachten, wenn Hafer und Holz nicht mehr ausgeführt werden können. Das Eisen ist schon zu teuer, um die Bahn zu benutzen, und muß die alten Wasserstraßen aufsuchen.
Die Predigt gegen die Kultur hilft nicht; das weiß man wohl; wenn man aber die Bewegungen der Zeit verfolgt, wird man sehen, daß ein Rückgang zur Natur im Gange ist; wird bereits mit dem von Turgenjew eingeführten Wort „Vereinfachung‟ bezeichnet. Es ist der Irrtum der Evolutionisten, daß sie in allem, was sich in Evolution oder Bewegung befindet, einen Fortschritt zum Glück der Menschheit sehen; denn sie sehen nicht, daß sich eine Krankheit auch zur Krisis, Genesung oder Tod, entwickelt.
Welch loses Anhängsel ist doch die Kultur! Mach einen Adeligen betrunken, und er wird ein Wilder werden; laß ein Kind ohne Erziehung in den Wald (angenommen, es kann sich dort ernähren), und es wird nicht einmal sprechen lernen. Aus einem Bauernjungen, der so niedrig stehen soll, kann man (in derselben Generation also) einen Gelehrten, Minister, Erzbischof, Künstler machen. Hier kann man nicht von Vererbung sprechen, denn der Bauer, der Vater, der auf einem für niedrig geltenden Standpunkt stehen geblieben ist, hat doch nichts von veredelten Gehirnen erben können. Und die Kinder der Genies sind gewöhnlich nichts anderes als ausgebrannte Gehirne; oft bleibt eine gewisse Meisterschaft im Beruf des Vaters; die ist jedoch meist durch täglichen Verkehr mit dem Vater erworben.
Die Stadt ist die Feuerstätte, die das lebendige Brennholz vom Lande verschlingt; um die jetzige soziale Maschinerie im Gang zu halten, das ist wahr; aber dieses Brennmaterial wird auf die Dauer zu teuer, und darum wird die Maschine stehen bleiben. Die künftige Gesellschaft wird diese Maschine nicht brauchen, um arbeiten zu können; oder es wird gehen, indem man Brennmaterial spart. Aber von dem Bedürfnis der gegenwärtigen Gesellschaft auf das der künftigen zu schließen, ist ein Fehlschluß.
Die jetzige Gesellschaft ist vielleicht ein Naturprodukt, aber ein unorganisches; die künftige Gesellschaft wird erst ein organisches Produkt, also ein höheres, werden, weil sie den Menschen nicht von den ersten Grundbedingungen für ein organisches Dasein löst. Es wird der gleiche Unterschied werden wie zwischen Steinstraße und Wiese.
* * * * *
Die Träume des Jünglings verließen oft die künstliche Gesellschaft, um die Natur aufzusuchen. Die Gesellschaft war zustande gekommen, indem die Menschenhand den Naturgesetzen Gewalt angetan hatte. Man kann eine Pflanze vergewaltigen, indem man sie unter einem Blumentopf bleicht; man bringt dann zwar ein für den Menschen nützliches Salatgewächs hervor, verdirbt aber die Pflanze als Pflanze in ihrer Fähigkeit, gesund zu leben und sich fortzupflanzen. Der Kulturmensch ist eine solche Pflanze, ist durch Kunstbleiche für die gebleichte Gesellschaft nützlich gemacht, aber unglücklich und ungesund als einzelner. Soll denn das Bleichen immer weiter gehen, damit die morsche Gesellschaft bestehen bleibt? Soll der einzelne unglücklich leben, um eine ungesunde Gesellschaft aufrecht zu erhalten? Und kann die Gesellschaft gesund sein, wenn die einzelnen krank sind? Der einzelne kann wohl nicht verlangen, daß die Gesellschaft seinetwegen geopfert wird; aber +die+ einzelnen oder die Mehrheit haben das Recht, Änderungen im Zustand der Gesellschaft zu fordern, damit sie sich wohlbefinden; denn die Gesellschaft, das sind sie ja selber!
Auf dem Lande mit seinen einfacheren Verhältnissen glaubte Johan in einer unbemerkten Stellung gedeihen zu können, ohne es zu spüren, daß er gesunken oder herabgestiegen sei. In der Stadt dagegen nicht, denn dort wurde er unaufhörlich an die Höhe und den Fall erinnert. Gutwillig herabsteigen, ist nicht peinlich, wenn die Zuschauer nur überzeugt werden können, daß es gutwillig geschieht; fallen aber ist bitter, zumal ein Fall immer mit Applaus von den unten Stehenden begrüßt wird. Steigen oder Emporstreben, seine Stellung verbessern ist ein Gesellschaftstrieb geworden; der Jüngling wurde davon getrieben, obwohl er nicht immer einsah, daß das Empor auch höher führe.
Johan wollte jetzt ein Ergebnis haben, ein Leben in Tätigkeit finden, das ihn ernährte. Er sah die vielen Anzeigen der offiziellen „Postzeitung‟ durch, in denen Volksschullehrer verlangt werden. Da waren Stellen mit 300 Kronen, 600 Kronen, Wohnung, Kuhweide, Garten. Er bewarb sich um die eine Stellung nach der andern, bekam aber keine Antwort.
Als das Semester um war und die 80 Kronen verzehrt waren, fuhr er nach Hause, ohne zu wissen, wohin er sich wenden, was er werden, wovon er leben solle. Er hatte in den Vorhof hineingeblickt, um zu sehen, daß dort kein Platz für ihn war.
12.
+Unten und oben+.
(1867-68)
Hast du jetzt ausgelernt? Mit solchen und ähnlichen Fragen wurde er ironisch bei der Heimkehr begrüßt. Der Vater nahm die Sache ernster und versuchte Pläne zu machen, ohne einen durchführen zu können. Johan war Student; das war eine Tatsache, aber was weiter? Es war Winter, und so konnte nicht einmal die weiße Studentenmütze dem Jüngling einen mildernden Glanz verleihen oder der Familie Ehre gewähren. Man hat gesagt, der Krieg würde aufhören aus Mangel an Offizieren, wenn man ihnen die Uniformen nehme; sicher ist, daß nicht so viele Studenten würden, wenn sie nicht das äußere Abzeichen trügen. In Paris, wo es nicht gebräuchlich ist, verschwinden die Studenten in der Menge; niemand macht ein Geschäft aus ihnen. In Berlin dagegen drängen sie sich als ein bevorrechtigter Stand neben die Offiziere. Darum ist auch Deutschland ein Doktorenland und Frankreich ein Mitbürgerland.
Der Vater sah nun, daß er einen Taugenichts für die Gesellschaft erzogen, der nicht zu graben vermochte, sich vielleicht aber nicht schämte zu betteln. Die Welt stand dem Jüngling offen, darin zu verhungern, darin unterzugehen. Seinen Plan, Volksschullehrer zu werden, billigte der Vater nicht. Welch ein geringes Ergebnis von soviel Arbeit! Alle seine ehrgeizigen Träume würden auch unter einem solchen Herabsteigen leiden. Volksschullehrer, das war ja wie Unteroffizier; Unterklasse ohne Hoffnung auf Steigen; und gestiegen mußte werden, solange alle andern stiegen; gestiegen muß werden, bis man sich den Hals bricht, solange die Klassen- und Ranggesellschaft existiert. Johan hatte die Studentenprüfung nicht machen dürfen, um sich Kenntnisse zu erwerben, sondern um Oberklasse zu werden; und jetzt stand er doch im Begriff, Unterklasse zu werden!
Es wurde ihm peinlich zu Hause; er glaubte Gnadenbrot zu essen, als Weihnachten vorüber war und er nicht länger als Gast gelten konnte. Da trifft er eines Tages zufällig auf der Straße einen bekannten Lehrer, den er lange nicht gesehen hat. Sie sprechen von der Zukunft, und der Freund schlägt Johan die Stockholmer Volksschule als einen guten Lebensunterhalt vor, während man für den Doktor arbeitet; da habe man einen Gehalt von tausend Kronen und sei täglich um ein Uhr frei.
-- Überall, nur nicht in Stockholm, meint Johan.
-- Oh, es sind mehrere Studenten an der Volksschule angestellt.
-- Wirklich? Dann hat man ja Leidensgenossen!
-- Ja, und einer ist früher Lehrer an der Neuen Elementarschule gewesen.
Johan ging hin, meldete sich an und wurde angestellt, mit 900 Kronen. Der Vater billigte den Entschluß, als er hörte, daß Johan dabei für den Doktor arbeiten könne. Johan versprach, sich im Elternhaus in Pension zu geben.
* * * * *
An einem Wintermorgen um halb acht Uhr ging Johan von der Nordzollstraße nach Klara hinunter. Ganz wie er im Alter von acht Jahren getan hatte. Dieselben Straßen, dieselben Klaraglocken. Und in der untersten Klasse. Es war eine Strafarbeit, die elf Jahre alt war! Ebenso furchtsam, ja noch furchtsamer, zu spät zu kommen, trat er in die große Klasse ein, in der er nebst zwei Lehrerinnen über einhundert Kinder unterrichten sollte. Und da saßen sie jetzt, dieselben Kinder wie von Jakob, aber in jüngerer Auflage. Häßlich, verkrümmt, blaß, hungrig, kränklich; mit niedergeschlagenen Gesichtern, groben Kleidern, schweren Schuhen. Das Leiden, am meisten vielleicht +das+ Leiden, daß andere es besser haben und daß sie es immer besser haben werden, denn das glaubte man damals, hat aufs Gesicht der Unterklasse diesen hoffnungslosen Zug gedrückt, den weder die religiöse Resignation noch die Hoffnung auf den Himmel austilgen kann. Mit bösem Gewissen flieht die Oberklasse vor ihnen, baut ihre Häuser außerhalb der Stadt und überläßt es der Armenpflege, mit diesen Ausgestoßenen in persönliche Berührung zu treten.
Das Kirchenlied wurde gesungen, das Vaterunser gebetet; alles war noch ebenso wie früher, nichts hatte Fortschritte gemacht; nur die Bänke waren gegen Stühle und Tische ausgetauscht und das Zimmer war hell und luftig. Johan mußte die Hände falten und das Kirchenlied mitsingen. Sofort wurde seinem Gewissensfrieden Gewalt angetan.
Das Gebet war zu Ende und der Rektor kam. Er sprach etwas väterlich zu Johan. Es war also ein Vorgesetzter, Vorschläge und Ratschläge wurden ihm mitgeteilt. Diese Klasse sei die schlechteste und der Lehrer müsse streng sein.
So führte denn Johan seine Klasse in ein besonderes Zimmer, um die Stunde zu beginnen. Das Zimmer glich auf ein Haar der Vorschule von Klara, und dort stand das furchtbare Katheder mit den Treppenstufen, das einem Schafott glich und rotgebeizt war, als sei es mit Blut besudelt. Und dann bekam er einen Stock in die Hand, mit dem er bald aufklopfen, bald schlagen sollte. -- Er sollte schlagen! Er besteigt das Blutgerüst. Er war diesen dreißig Knaben- und Mädchengesichtern gegenüber schüchtern, die spähend in seinem Gesicht zu lesen suchten, ob er schwierig sei.
-- Was habt ihr aufbekommen? fragte er.
-- Das erste Gebot! schrie die ganze Klasse.
-- Nein, nur einer darf antworten! Du dort rechts: wie heißest du?
-- Hallberg, schrie die ganze Klasse.
-- Nein, nur einer soll antworten: den ich frage.
Die Kinder kicherten.
-- Der ist nicht gefährlich, meinten sie.
-- Nun, wie lautet das erste Gebot? fragte Johan den, der ganz rechts saß.
-- Du sollst keine Götter haben neben mir!
Das konnte er also.
-- Was ist das? fragte er von neuem, indem er versuchte, so wenig Betonung wie möglich auf „das‟ zu legen.
Das ging auch.
Darauf fragte er fünfzehn Kinder das gleiche, und eine Viertelstunde war vergangen. Johan dachte, das ist idiotisch. Was sollte er jetzt machen? Von Gott sprechen, was er wußte? Aber auf dem damaligen Standpunkt der Forschung war man bescheiden dabei stehen geblieben, daß man nichts von Gott wisse. Johan war Theist und glaubte wohl noch an einen persönlichen Gott, aber etwas Näheres konnte er nicht über ihn sagen. Am liebsten hätte er Christi Gottheit angegriffen, dann aber wäre er entlassen worden.
Eine Pause entstand. Es war unheimlich still, während er über seine falsche Stellung und die Albernheit im Unterrichten nachdachte. Wenn er jetzt hätte sagen dürfen, man wisse nichts von Gott, so wäre der ganze Katechismus und die ganze Biblische Geschichte überflüssig gewesen. Daß sie nicht stehlen durften, das wußten sie; und daß sie nicht lügen durften, auch. Warum denn soviel Wesen davon machen? Er bekam eine tolle Lust, freundlich gegen die Kinder zu sein und sie wie Mitschuldige zu nehmen.
-- Nun, was sollen wir jetzt tun? fragte er.
Der eine guckte den andern an und die ganze Klasse kicherte.
-- Der Lehrer ist aber nett, dachten sie.
-- Was pflegt der Lehrer zu tun, wenn er die Aufgabe überhört hat? fragte er den Ersten.
-- Er pflegt sie zu erklären, antwortete der und noch einige.
Freilich konnte Johan Entstehung und Geschichte des Gottesbegriffes erklären, aber das durfte er ja nicht.
-- Ihr könnt euch rühren, sagte er, aber ihr dürft nicht schreien.
Die Kinder sahen ihn an und er sie. Sie lächelten sich gegenseitig zu. -- Findet ihr nicht auch, daß dies idiotisch ist? hatte er auf den Lippen; es nahm aber keine konkretere Form an als im Lächeln.
Aber Johan wurde bald ernst, als er sah, daß sie ihn auslachten. Diese Methode geht nicht, dachte er.
Er bat sich Ruhe aus und begann das Gebot noch einmal durchzugehen, bis alle eine Frage bekommen hatten. Nach unerhörten Anstrengungen wurde die Uhr wirklich neun, und die Stunde war aus.
Jetzt versammelten sich die drei Abteilungen der Klasse wieder in dem großen Saal, um sich bereitzumachen, auf den Hof zu gehen und frische Luft zu schöpfen. Bereitmachen ist das richtige Wort, denn eine so einfache Sache, wie auf den Hof gehen, erforderte eine lange Vorbereitung. Eine genaue Beschreibung würde einen Druckbogen füllen und vielleicht zu den modernen Karikaturen gezählt werden; wir müssen uns mit einer Andeutung begnügen.
Zuerst mußten alle einhundert Kinder stillsitzen, regungslos, absolut regungslos auf ihren Stühlen sitzen und still, absolut still sein, als sollten sie photographiert werden. Die ganze Schar sah einen Augenblick vom Katheder aus wie ein grauer Teppich mit hellen Mustern; aber im nächsten Augenblick bewegte einer den Kopf; die Wirkung war verdorben; das Opfer mußte aus seiner Reihe treten und sich an die Wand stellen. Das Ensemble war gestört, und es mußte noch oft geklopft werden, ehe die zweihundert Arme parallel auf der Tischplatte lagen und die hundert Köpfe im rechten Winkel zum Schlüsselbein saßen. Als die Ruhe beinahe wieder eingetreten war, begann ein neues Klopfen, welches das Absolute forderte. Aber im selben Augenblick, in dem das Absolute eintreten sollte, wurde ein Muskel müde, erschlaffte ein Nerv, ließ eine Sehne nach. Wieder Auflösung, Schläge, Geschrei und neue Arbeit am Absoluten. Es endete gewöhnlich damit, daß die Lehrerin (die Lehrer trieben es nicht bis ins Absolute) ein Auge zumachen und tun mußte, als sei es absolut.
Jetzt trat der wichtige Augenblick ein, da die hundert auf ein neues Klopfen von ihren Plätzen aufstehen sollten, um sich auf den Boden zu stellen; aber nichts weiter. Das war ein heikler Augenblick: Schiefertafeln polterten und Lineale klapperten. Sie mußten sich wieder setzen. So saßen sie wieder und mußten die Übung von neuem beginnen, indem sie absolut still sitzen sollten.
Waren sie wirklich auf die Beine gekommen, so begann der Marsch nach dem Hof in Abteilungen, aber auf Zehen, absolut. Sonst mußte man wieder umkehren und sich wieder setzen, und wieder aufstehen. Und so weiter, und so weiter. Oh! Sie mußten auf Zehen gehen, in Schuhen mit Holzsohlen, in feuchten Stiefeln, in Schuhen mit Pechnaht. Das war ein großer Mißgriff: er erzog die Jugend zum Schleichen und gab ihrem ganzen Auftreten etwas Katzenhaftes, Hinterlistiges.
Auf dem Hofe mußte der Lehrer jetzt die Trinkenden in eine gerade Linie vor die Wasserleitung stellen, die sich beim Eingange befand; gleichzeitig die Abtritte beaufsichtigen, die auf der andern Seite des langen Hofes lagen; außerdem Spiele anordnen und die Spiele mitten auf dem Hofe überwachen.
Darauf wurden die Kinder wieder aufgestellt und marschierten hinein. Kamen sie nicht still hinein, so mußten sie wieder hinausgehen. Oh!
Dann begann eine neue Stunde. Ein vaterländisches Lesebuch wurde gelesen, dessen Zweck hauptsächlich darauf hinauszugehen schien, den Kindern Ehrfurcht vor der Oberklasse und vor Schweden einzupflanzen. Schweden sollte das beste Land von Europa sein, obwohl es in klimatischer und wirtschaftlicher Hinsicht eines der schlechtesten ist; obwohl seine Kultur vom Ausland entlehnt ist und alle seine Könige von ausländischer Geburt sind. Solche Lehren wagte man den Kindern der Oberklasse in der Klaraschule und der Privatlehranstalt nicht zu bieten. Doch in der Jakobischule hatte man den Mut, die armen Kinder ein Lied vom Herzog von Östergötland singen zu lassen, in dem sich eine Strophe an die Mannschaft der Flotte wandte und ihr Siege in erwünschten Schlachten versprach: der Sieg sei selbstverständlich, denn „Prinz Oskar führt uns an‟.
Gleich am Anfang der Stunde kommt der Schulvorsteher. Johan will das Lesen unterbrechen, doch der Vorgesetzte gibt ihm einen Wink, fortzufahren. Die Kinder haben nach der Katechismusstunde den Respekt verloren und sind unaufmerksam. Johan zankt sie aus, aber ohne Erfolg. Da tritt der Vorsteher mit einem Rohrstock vor; nimmt das Buch vom Lehrer und hält eine kleine Rede. Diese Abteilung sei die schlechteste und der Lehrer sollte nun sehen, wie man sie behandeln müsse.
Die Übung, die jetzt folgte, schien zum Hauptzweck zu haben, absolute Aufmerksamkeit zu erzwingen. Das Absolute schien das Ziel zu sein, zu dem man bei der Abrichtung dieser Menschenkinder kommen wollte, in dieser unvollkommenen Welt des Relativen.
Der Lesende wurde unterbrochen und ein Name aus der Menge aufgerufen. Im Text folgen und aufmerksam sein, hielt dieser alte Mann für das Einfachste von der Welt, obwohl er sicher oft erfahren, wie die Gedanken ihre eigenen Wege gehen, während das Auge über eine Seite im Buche irrt. Der Unaufmerksame wurde bei den Haaren oder den Kleidern gezogen und mit dem Rohrstock gehauen, bis er sich unter Geheul am Boden wälzte.
Dem Lehrer wurde anbefohlen, den Rohrstock fleißig zu gebrauchen; damit ging der Vorsteher. Es blieb nichts anderes übrig, als die Methode zu befolgen oder abzugehen. Da das letzte nicht möglich war, blieb Johan. Er hielt eine Rede an die Kinder und bezog sich auf den Vorsteher.
-- Jetzt wißt ihr, wie ihr euch betragen müßt, um keine Schläge zu kriegen. Wer sich Schläge zuzieht, hat sie selbst verschuldet. Gebt mir nachher nicht die Schuld. Hier liegt der Rohrstock, dort ist die Pflicht; erfüllt die Pflicht, sonst kommt der Rohrstock -- ohne mein Verschulden.
Das war recht listig gesprochen, war aber doch unbarmherzig, denn man hätte erst in Erfahrung bringen müssen, wieweit die Kinder die Pflicht erfüllen können. Sie konnten es nicht, denn sie waren die lebhaftesten und darum die unaufmerksamsten. Der Rohrstock war also den ganzen Tag in Bewegung. Notschreie gellten, Angst stand in den Gesichtern der Unschuldigen geschrieben: es war schauerlich.
Aufmerksam sein fällt nicht unter das Machtgebiet des Willens; darum war all dieses Strafen lauter Marter. Johan fühlte, wie sinnlos seine Rolle war, aber er hatte ja seine Pflicht hinter sich. Oft wurde er müde und ließ es gehen, wie es ging; dann aber kamen Kameraden, Lehrer und Lehrerinnen und machten ihm freundliche Vorstellungen. Oft fand er das Ganze so wahnsinnig, daß er mit den Kindern lächeln mußte, während der Rohrstock in Bewegung war. Beide Teile sahen ein, daß sie an dem Unmöglichen und Unnötigen arbeiteten.
Ibsen, der weder an den Geburtsadel noch an den Geldadel glaubt, hat jüngst (1886) seinen Glauben an den neuen Adel des Industriearbeiters ausgesprochen. Warum soll es denn durchaus Adel sein? Wenn die Entartung daher kommt, daß man überhaupt nicht mit dem Körper arbeitet, so entartet man vielleicht noch leichter durch zuviel körperliche Arbeit und durch Not. Alle diese Kinder, die Körperarbeiter zu Eltern hatten, sahen kränklicher, schwächlicher, unverständiger aus als die Kinder der Oberklasse, die Johan gesehen hatte. Der eine oder andere Muskel mochte stärker entwickelt sein, du Schulterblatt, eine Hand, ein Fuß, aber das Blut sah schlecht aus, wie es durch die blasse Haut schimmerte. Viele hatten große Köpfe, die von Wasser aufgeschwollen zu sein schienen; Ohren und Nasen liefen, die Hände waren erfroren. Die Berufskrankheiten der städtischen Arbeiter schienen sich vererbt zu haben: hier sah man in kleinerem Maßstab die Lungen und das Blut des Gasarbeiters, die durch Schwefeldämpfe verdorben waren; die Schultern und ausgebogenen Füße des Schmieds; das von Firnissen und giftigen Farben angegriffene Hirn des Malers; den skrofelartigen Ausschlag des Schornsteinfegers; die eingedrückte Brust des Buchbinders. Hier hörte man das Echo von dem Husten des Metallarbeiters und Asphaltbereiters; roch die Gifte des Tapetendruckers; beobachtete die Kurzsichtigkeit des Uhrmachers in neuen Auflagen. Das war wahrhaftig keine Rasse, der die Zukunft gehörte oder auf welche die Zukunft bauen konnte; auch kann sie sich auf die Dauer nicht vermehren, denn die Reihen der Arbeiter rekrutieren sich immer vom Lande.
Erst gegen zwei war der Saal geleert, denn fast eine Stunde dauerte es, bis sie unter Klopfen und Schlägen aus dem Zimmer auf die Straße kamen. Das Unpraktischste war, daß die große Menge Kinder erst in den Flur marschierte, um die Mäntel anzuziehen, und dann wieder in den Saal zurückmarschierte, statt direkt nach Hause zu gehen.
Als Johan auf die Straße kam, fragte er sich: ist das die berühmte Erziehung, die man mit so großen Opfern der Unterklasse gegeben hat? Fragen konnte er, und man antwortete: wie ist es anders möglich? Nein, mußte er antworten. Hatte man die Absicht, eine sklavische Unterklasse zu erziehen, die immer gehorcht, so schlagt die Kinder mit dem Rohrstock; habt ihr die Absicht, einen Proletarier zu erziehen, der nichts vom Leben fordern darf, so lügt ihnen einen Himmel vor. Sag diesen Kindern, der Unterricht sei sinnlos, erlaub ihnen Kritik, laß ihnen ihren Willen in einem Punkt, und wir gehen der Auflösung der Gesellschaft entgegen. Aber die Gesellschaft ist ja auf eine gehorsame pflichttreue Unterklasse gebaut; also unterdrück sie von Anfang an, nimm ihnen den Willen, nimm ihnen die Vernunft; lehre sie, nicht hoffen, aber doch zufrieden sein. Es lag System in der Torheit.
Aber es gab in der Volksschulmethode, was den Unterricht betraf, sowohl Gutes wie Böses. Gutes: man hatte ein Anschauungsmaterial eingeführt; das war eine Erbschaft des schon 1827 gestorbenen Pestalozzi, des Schülers Rousseaus. Böses: die in die Volksschule eintretenden Studenten hatten die „Wissenschaft‟ eingeführt. Es genügte nicht mehr, das Einmaleins einfach zu können: man mußte es verstehen. Verstehen? Und doch kann ein Ingenieur, nachdem er die Technische Hochschule durchgemacht hat, nicht erklären, +warum+ ein Bruch durch drei gekürzt werden kann, wenn die Summe der Zahlen durch drei zu teilen ist. Sollten die Seeleute nicht Logarithmentafeln benutzen, obwohl sie die Logarithmen nicht „ausrechnen‟ können? Daß man nicht auf dem schon Gebauten weiterbaut, sondern immer wieder den Grundstein legen will, dürfte wohl ein Luxus sein: daher das viele Lernen in den Schulen.
Man könnte einwenden, Johan hätte sich erst selbst als Lehrer reformieren sollen, ehe er den Unterricht reformierte. Aber er durfte ja nicht, denn er war ein willenloses Werkzeug in den Händen des Vorstehers, der Geschäftsordnung, der Schulbehörde. Die besten Lehrer, das heißt, welche die schlechtesten (hier besten) Ergebnisse herausgeschlagen hatten, waren die ungebildeten Lehrer, die vom Seminar kamen. Die zweifelten nicht an der Methode, waren nicht zart gegen die Kinder; aber vor ihnen hatten die Kinder am meisten Respekt. Ein großer grober Kerl, der von der Stellmacherzunft gekommen war, hatte die langen Jungen vollständig in Händen. Die Unterklasse sollte also mehr wirkliche Achtung und Furcht vor ihresgleichen haben als vor der Oberklasse? Großknecht und Werkführer sollten also mehr Respekt genießen als Inspektor und Meister? Woher kommt das? Sieht die Unterklasse, daß sie mehr Teilnahme erwarten kann von dem, der ihre Leiden gelitten hat und nicht fürchten kann, daß er zu ihnen herunterkommt? Ist sie darum diesem gegenüber nachgiebiger? Oder sieht sie ein, daß der Vorgesetzte, der aus ihren Reihen gekommen ist, ihre Sache besser versteht und darum mehr Achtung verdient?