Der Sohn einer Magd

Part 16

Chapter 163,695 wordsPublic domain

Hatte er sich an den Lehrern der Klaraschule gerächt, indem er ihnen Kasten voll Steine zu Weihnachten geschickt? Nein! War er denn streng gegen die andern und war er kleinlich, wenn er ihre Handlungsweise ihm gegenüber beurteilte? Nein, behüte, er war nicht schwer zu behandeln, glaubte leicht und konnte zu allem verleitet werden, wenn er nur nicht Zwang oder Druck fühlte. Kameraden hatten ihm gegen ein Tauschversprechen sein Herbarium, seine Insektensammlung, seine chemischen Apparate, seine Indianerbücher abgelockt. Hatte er sie gemahnt oder sie schikaniert? Nein, er schämte sich, in ihrem Namen, und nahm fürlieb. Am Ende eines Vierteljahrs hatte der Vater eines Schülers vergessen, Johan zu bezahlen. Er schämte sich zu mahnen, und erst ein halbes Jahr später mußte er auf Verlangen seines Vaters die Forderung eintreiben.

Es war ein eigentümlicher Zug bei Johan, daß er sich mit andern identifizierte, im Namen anderer litt, sich schämte. Wenn er im Mittelalter gelebt hätte, würde er sich stigmatisiert haben.

Wenn ein Bruder eine Dummheit oder Geschmacklosigkeit sagte, schämte sich Johan. In der Kirche hörte er einmal einen Chor Schulkinder gröblich falsch singen. Er verbarg sich im Kirchenstuhl und schämte sich sehr.

Er schlug sich mit einem Kameraden, und es gelang ihm, diesem einen starken Stoß gegen die Brust zu versetzen; als er aber sah, wie sich das Gesicht des Jungen vor Schmerz verzog, fing er an zu weinen und reichte ihm die Hand.

Wenn jemand ihn um eine Sache bat, die er höchst ungern tun wollte, litt er in dessen Namen, dessen Wunsch er nicht erfüllen konnte.

Er war so feige, daß er niemand ungehört von sich gehen ließ, aus Furcht vor dem Anblick eines Unzufriedenen. Er fürchtete sich noch im Dunkel, fürchtete sich vor Hunden, Pferden, fremden Menschen. Doch konnte er, wenn's sein mußte, mutig sein; zum Beispiel, als er sich in der Schule auflehnte, obwohl es seine Studentenprüfung kosten konnte; oder als er sich gegen den Vater empörte.

„Ein Mensch ohne Religion ist ein Vieh‟, stand in dem alten Abcbuch. Da man jetzt entdeckt hat, daß die Tiere sehr religiös sind; daß, wer Wissenschaft besitzt, keine Religion braucht; so wird die nützliche Wirkung der Religion sehr herabgesetzt. Indem er stets die Kraft nach außen, in Gott, verlegte, hatte der Jüngling die Kraft und den Glauben an sich verloren. Gott hatte sein Ich geschwächt. Er betete immer und alle Augenblicke, wenn er in Not war. Er betete in der Schule, wenn die Frage an ihn kam; er betete am Spieltisch, wenn die Karten gegeben wurden. Die Religion hatte ihn verdorben: sie hatte ihn zum Himmel erzogen statt zur Erde. Die Familie hatte ihn verdorben: sie hatte ihn für die Familie gebildet statt für die Gesellschaft. Die Schule hatte ihn für die Universität entwickelt statt fürs Leben.

Er war unschlüssig, schwach. Wenn er Tabak kaufen wollte, fragte er den Freund, welche Sorte. Daher fiel er immer in die Hände von Freunden. Das Bewußtsein, beliebt zu sein, nahm ihm die Furcht vorm Unbekannten, und die Freundschaft stärkte ihn.

Noch verfolgten ihn Launen. Eines Tages, als er in Stellung auf dem Lande war, fuhr er nach der Stadt, um von dort aus Fritz zu besuchen. Als er in die Stadt kam, fuhr er nicht weiter, sondern blieb zu Hause bei den Eltern auf einem Bett liegen, indem er stundenlang mit sich kämpfte, ob er zu Fritz hinausfahren solle oder nicht. Er wußte, der Freund erwarte ihn; sehnte sich selber danach, Fritz zu treffen, fuhr aber nicht. Am nächsten Tage fuhr er zurück zu seiner Herrschaft, schrieb einen klagenden Brief an Fritz und suchte sich zu erklären. Aber Fritz wurde böse und verstand keine Launen.

In all seiner Schwäche fühlte er zuweilen einen ungeheuern Fonds von Kraft: dann traute er sich alles zu.

Im Alter von zwölf Jahren sah er ein französisches Jugendbuch, das der Bruder aus Paris mitgebracht hatte. -- Das wollen wir übersetzen und zu Weihnachten erscheinen lassen, sagte er. -- Sie übersetzten es; dann wußten sie aber nicht, was weiter zu machen sei, und das Buch blieb liegen.

Er bekam eine italienische Grammatik und lernte Italienisch.

Als er in Stellung war, wollte er, da kein Schneider zu erreichen war, ein Paar Hosen ändern. Er trennte die Nähte auf, nähte sie anders wieder zu und plättete mit dem großen Stallschlüssel.

Er flickte auch seine Schuhe.

Wenn er die Geschwister Quartette spielen hörte, war er nie zufrieden mit der Ausführung. Er spürte eine Lust, aufzuspringen und ihnen die Instrumente fortzunehmen, um ihnen zu zeigen, wie es sein mußte.

Wenn er seine Singstimme übte, benutzte er das Cello. Wenn er nur gewußt hätte, wie die Saiten hießen.

Johan hatte die Wahrheit sagen gelernt. Log ein wenig, wie alle Kinder, aus Selbstverteidigung oder auf naseweise Fragen; es machte ihm aber ein brutales Vergnügen, mitten in einer Unterhaltung, wenn man mit der Wahrheit Umstände machte, gerade heraus zu sagen, was alle dachten. Auf einem Ball fragte seine Dame, als er schweigsam war, ob ihm das Tanzen kein Vergnügen mache.

-- Nein, durchaus nicht.

-- Warum tanzen Sie denn?

-- Weil ich dazu gezwungen bin.

Er hatte Äpfel gestohlen, wie alle Knaben, und das bedrückte ihn nicht; er machte kein Geheimnis daraus. Es war ja hergebracht.

In der Schule hatte er niemals Verdrießlichkeiten gehabt. Einmal am letzten Tage des Vierteljahrs hatte er einen Kleiderhaken abgebrochen und alte Schreibhefte zerrissen, aber mit andern zusammen. Er allein wurde bestraft. Es war eine Unart, ein Ausbruch wilder Freude und wurde nicht weiter tragisch genommen.

Wie er jetzt über sich zu Gericht saß, begann er die Urteile anderer Menschen über sich zu sammeln; jetzt erst war er bestürzt über die wechselnden Urteile. Der Vater hielt ihn für hart; die Stiefmutter für boshaft; die Brüder für sonderbar; die Mägde hatten ebenso viele Urteile, wie ihre Zahl war; die letzte hatte ihn gern, war der Meinung, die Eltern behandelten ihn schlecht und er sei nett; die Freundin hielt ihn zuerst für gefühlvoll; der Ingenieur zuerst für ein liebenswürdiges Kind; Freund Fritz für einen Kopfhänger, aber voller Wildheiten; nach den Tanten hatte er ein gutes Herz; nach Großmutter hatte er Charakter; seine Geliebte, die eine Kellnerin war, vergötterte ihn natürlich; die Lehrer in der Schule wußten nicht recht, was sie mit ihm anfangen sollten; gegen die schroffen war er schroff, gegen die freundlichen freundlich. Und die Kameraden? Die sagten es nie; Schmeichelei war nicht gebräuchlich, dagegen Schelte und Schläge, wenn's nötig war.

Johan fragte sich jetzt, ob er ein so vielseitiger Mensch sei, oder ob die Urteile so vielseitig waren. War er falsch? Zeigte er sich anders gegen die einen als gegen die andern? Ja, und davon hatte die Stiefmutter Witterung. Sie sagte immer, er tue schön, wenn sie etwas Gutes über ihn hörte. Ja, aber alle taten schön. Sie, die Stiefmutter, war freundlich gegen ihren Mann, hart gegen die Stiefkinder, weich gegen ihr eigenes Kind, war demütig gegen den Hauswirt, hochmütig gegen die Mägde, knickste vor dem Geistlichen, lächelte die Mächtigen an, grinste über die Ohnmächtigen.

Das war das Gesetz der Anpassung, das Johan noch nicht kannte. So waren die Menschen; es war ein Trieb, sich anzupassen; der war berechnet, konnte aber auch unbewußt, eine Reflexbewegung sein. Wie ein Lamm gegen seine Freunde, wie ein Löwe gegen seine Feinde.

Wann aber war man wahr? Und wann war man falsch? Wo war das Ich zu finden? Das der Charakter sein sollte? Es war nicht auf der einen noch auf der andern Seite: es war auf beiden. Das Ich ist kein Selbst; es ist eine Menge Reflexe, ein Komplex von Trieben und Begierden, von denen bald die einen unterdrückt, bald die andern losgelassen werden!

Der Komplex des Jünglings war, durch viele Kreuzungen des Blutes, streitende Elemente im Familienleben, reiche Erfahrungen aus Büchern, bunte Erlebnisse im Leben, ein ziemlich reiches Material, aber ungeordnet. Er suchte noch seine Rolle, da er seine Stellung noch nicht gefunden hatte; darum fuhr er fort „charakterlos‟ zu sein.

Er war noch nicht dazu gekommen, sich zu entscheiden, welche Triebe zu unterdrücken seien und wieviel vom Ich für die Gesellschaft geopfert werden müsse, in die er jetzt eintreten sollte.

Hätte er sich selber sehen können, würde er erkannt haben, daß die meisten Worte, die er sprach, den Büchern und den Kameraden entlehnt waren; seine Gebärden Lehrern und Freunden; seine Mienen Verwandten; seine Natur Mutter und Amme; seine Neigungen dem Vater, dem Großvater vielleicht. Sein Gesicht trug keine Züge, weder von der Mutter noch vom Vater. Da er weder den Vater der Mutter noch die Mutter des Vaters gesehen hatte, konnte er über seine Ähnlichkeit mit diesen beiden nicht urteilen. Was hatte er denn von sich selbst und in sich selbst? Nichts! Aber zwei Grundzüge waren in seinem Seelenkomplex, die für sein Leben und sein Schicksal bestimmend wurden.

Der Zweifel! Er nahm die Gedanken nicht kritiklos an, sondern entwickelte sie, verglich sie miteinander. Darum konnte er nicht Automat werden und sich nicht in die geordnete Gesellschaft eintragen lassen.

Empfindlichkeit gegen Druck! Darum suchte er teils den Druck zu verringern, indem er sein eigenes Niveau hob, teils das höhere zu kritisieren, um einzusehen, daß es nicht so hoch steht, also nicht so erstrebenswert ist.

So trat er ins Leben hinaus! Um sich zu entwickeln, und doch immer zu bleiben, wie er war.

11.

+Im Vorhof+.

(1867)

Der in Upsala einfahrende Dampfer ist an der Domkirche vorbeigekommen; Universität und Bibliothek treten hervor. -- Jetzt beginnt das eigentliche Steinwerfen! ruft ein Kamerad aus, einen Ausdruck von den Straßenunruhen von 1864 gebrauchend. -- Das eigentliche! Die fröhliche Stimmung, die nach dem Frühstück und dem Punsch geherrscht hat, legt sich; man fühlt, es ist Ernst in der Luft und der Kampf wird beginnen. Man verspricht einander nicht ewige Freundschaft, versichert sich nicht gegenseitig der Hilfe. Die Jugend ist aus dem Rausch der Romantik erwacht. Man weiß, bei der Landung scheidet man voneinander; neue Interessen werden die Schar zerstreuen, die das Klassenzimmer bisher zusammengehalten hat; der Wettstreit wird Bande zerreißen; alles wird vergessen werden. Das eigentliche Steinwerfen wird beginnen.

Johan mietete mit dem Freunde Fritz zusammen ein Zimmer in der Klostergasse. Darin waren zwei Betten, zwei Tische, zwei Stühle und ein Schrank. Es kostete dreißig Kronen fürs Vierteljahr, also fünfzehn Kronen für jeden. Das Mittagessen wurde von der Aufwärterin geholt und kostete zwölf Kronen im Monat, also sechs Kronen für jeden. Morgens und abends wurden ein Glas Milch und ein Butterbrot verzehrt. Das war alles. Holz kaufte man von einem Bauern auf dem Markt, für vier Kronen eine Bauernklafter. Dann erhielt Johan einen Glasballon mit Petroleum von Haus als Geschenk; auch durfte er seine Wäsche nach Stockholm schicken. Er hatte achtzig Kronen in seiner Tischschublade; damit sollte er alle Ausgaben des Vierteljahrs bestreiten.

In eine neue eigentümliche Gesellschaft, die von jeder andern verschieden war, trat er jetzt ein. Sie hatte Vorrechte wie das alte Herrenhaus und eigenen Gerichtsstand. Aber es war eine Kleinstadt; es roch nach Bauern. Alle Professoren waren Bauern, kein einziger Stockholmer. Häuser und Straßen waren die einer typischen Kleinstadt. Und hierher war das Hauptquartier der Bildung verlegt, infolge einer Inkonsequenz der Regierung, die doch ganz sicher die Hauptstädte für die großen Mittelpunkte der Bildung hielt.

Man war Student und als solcher Oberklasse in der Stadt, deren Bürger mit dem verächtlichen Namen „Philister‟ bezeichnet wurden. Der Student stand noch außer und über dem bürgerlichen Gesetz. Fenster einschlagen, Zäune niederbrechen, mit der Polizei raufen, den Straßenfrieden stören, ins Eigentumsrecht eingreifen -- war erlaubt, denn es wurde nicht bestraft; höchstens mit einem Verweis, da der alte Karzer im Schlosse nicht mehr benutzt wurde. Ja, man genügte sogar seiner Militärpflicht in eigener Uniform, die Vorrechte genoß. So wurde man planmäßig zum Aristokraten erzogen, bildete einen neuen Herrenstand, nachdem das Herrenhaus gestürzt war. Was für den „Philister‟ ein Verbrechen, war für den Studenten Spiel und Ulk. Auch befand sich der Studentengeist jetzt auf seiner höchsten Höhe infolge einer Sängerfahrt nach Paris. Die studentischen Sänger hatten dort Glück gehabt und wurden bei ihrer Heimkehr als Sieger und Triumphatoren begrüßt.

Johan wollte jetzt auf den Doktor arbeiten, besaß aber kein Buch. -- Im ersten Semester muß man sich orientieren, hieß es. Er ging in die Landsmannschaft. Die Landsmannschaft war ein veralteter Überrest der landschaftlichen Verfassung; und zwar so veraltet, daß die annektierten Provinzen Schonen, Halland, Blekinge nicht unter den Landsmannschaften vertreten waren.

Die Landsmannschaft war wie eine wohlgeordnete Gesellschaft in Klassen geteilt, jedoch nicht nach Fähigkeiten, sondern nach Alter und gewissen verdächtigen Verdiensten; und noch stand im Verzeichnis das Wort „Nobilis‟ hinter den Namen der Adeligen. Auf viele Arten konnte man sich in der Landsmannschaft zur Geltung bringen: durch adeligen Namen, Beziehungen, Verwandtschaft, Geld, Talent, Kühnheit, Geschmeidigkeit. Das letzte allein genügte jedoch nicht gegenüber so skeptischen und verständigen jungen Herren.

Am ersten Abend, den er in der Landsmannschaft verbrachte, machte Johan seine Erfahrungen. Alte Kameraden aus der Klaraschule waren in Menge zu treffen; denen wich er aber am liebsten aus und sie ihm. Er hatte die Fahne verlassen und einen Richtweg über die Privatlehranstalt eingeschlagen, während sie ihren Trott durch die staatliche Schule weiter getrabt waren. Nach seinem Eindruck waren sie alle zu korrekt und etwas verkümmert. Fritz dagegen stürzte sich sofort unter die Aristokraten, ließ sich vorstellen, schloß mit Leichtigkeit Bekanntschaften, fühlte sich wohl.

Als sie in der Nacht heimgingen, fragte Johan, wer der Snob sei, der eine Sammetjacke getragen und auf dessen Benoitonkragen[3] Steigbügel gemalt waren. Fritz antwortete, es sei kein Snob; und es sei kleinlich, Leute nach feinen Kleidern zu beurteilen; ebenso kleinlich, wie sie nach schlechten zu beurteilen. Das verstand Johan mit seinen Begriffen aus der Unterklasse nicht und blieb bei seiner Auffassung. Fritz beteuerte, es sei ein überaus netter Mensch; auch sei er Ältester in der Landsmannschaft. Um Johan zu necken, fügte Fritz hinzu, dieser „Snob‟ habe seine Anerkennung über Art und Betragen der Neulinge ausgesprochen; sie besitzen Haltung, habe er gesagt. „Früher sahen die Stockholmer wie Gesellen aus, wenn sie hierher kamen.‟ Johan wurde von dieser Mitteilung verletzt und fühlte, etwas war zwischen sie gekommen. Fritzens Vater war zwar nur Müllerknecht gewesen, aber seine Mutter von adeliger Geburt. Er hatte von seiner Mutter geerbt, was Johan von seiner geerbt.

Die Tage vergingen. Fritz zog jeden Morgen seinen Frack an und ging, um den Professoren den Hof zu machen; er wollte Jurist werden. Da konnte man Karriere machen! Die Juristen allein konnten sich solche Kenntnisse erwerben, die für das öffentliche Leben von Nutzen waren; sie allein konnten in die Organisation der Gesellschaft hineinsehen, mit Handel und Wandel des täglichen Lebens in Kontakt treten. Das waren die Realisten.

Johan hatte keinen Frack, keine Bücher, keine Bekannte.

-- Nimm doch meinen Frack, sagte Fritz.

-- Nein, ich will mich nicht lieb Kind bei den Professoren machen, sagte Johan.

-- Du bist dumm, sagte Fritz.

Da hatte er nicht ganz unrecht. Die Professoren gaben wirklich Auskunft über den Lehrgang, wenn auch unbestimmte. Es war eine Art Hochmut bei Johan, daß er nur der eignen Arbeit sein Fortkommen danken wollte. Was schlimmer war, er hielt es für schimpflich, als Kriecher durchschaut zu werden. Würde nicht ein alter Professor sofort wissen, daß Johan vor ihm kroch? Daß Johan ihn benutzen wollte? Sich Vorgesetzten unterordnen, war nämlich gleichbedeutend mit kriechen.

Alles war übrigens recht unbestimmt. Die Universität, die dem Jüngling als die Hochschule der freien Forschung vor Augen geschwebt hatte, war im Grunde nur eine Prüfungsanstalt; eine Schule mit Pensum und Überhören; nach den Aufgaben aber mußte man Kameraden fragen, denn die Professoren wollten es nicht wahr haben, daß es Aufgaben waren. Sie hielten Vorlesungen des Aussehens halber oder des Gehaltes wegen, und ohne Seminar (Privatstunden) war kein Examen möglich.

Johan beschloß, Vorlesungen zu besuchen, die nichts kosteten. Er ging also in die Universität, um Geschichte der Philosophie zu hören. In der dreiviertel Stunde, welche die Vorlesung dauerte, nahm der Professor die Einleitung zur Ethik des Aristoteles durch. Las er drei Male in der Woche, hätte er also vierzig Jahre gebraucht, um die Geschichte der Philosophie durchzunehmen. Vierzig Jahre, dachte Johan, das dauert zu lange für mich: also ging er nicht mehr hin.

Aber so war es überall. Ein Dozent las über Shakespeares „Heinrich VIII.‟. Er erklärte ihn auf englisch vor einem Publikum von fünf Personen. Johan hörte einige Male zu; merkte aber, daß es zehn Jahre dauern würde, bis der Dozent mit „Heinrich VIII.‟ zu Ende käme.

Es begann ihm jetzt ein Licht aufzugehen, was beim Examen verlangt zu werden pflegte. Das erste war, öffentlich einen lateinischen Aufsatz zu schreiben. Also noch mehr Latein. Das war ihm zuwider. Als Hauptfächer hatte er Ästhetik und lebende Sprachen ausersehen. Aber die Ästhetik umfaßte die Geschichte der Architektur, Skulptur, Malerei, Literatur; dazu die ästhetischen Systeme. Um das alles zu durchdringen, dazu gehörte ein Leben. Lebende Sprachen waren Französisch, Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch; dazu vergleichende Sprachwissenschaft. Woher sollte er die Bücher nehmen? Und er hatte kein Geld, um Kollegs zu belegen!

Er machte sich indessen an die Ästhetik. Hatte erfahren, daß man auf der Landsmannschaft Bücher leihen könne; so lieh er sich die Teile von Atterboms „Sehern und Dichtern‟, die zufällig vorhanden waren. Sie handelten leider nur über Swedenborg und enthielten Thorilds Briefe. -- Ja, aber das sollte man doch wohl um Himmels willen nicht auswendig lernen? Darauf konnte niemand antworten. Swedenborg kam ihm albern vor, und Thorilds Briefe an Per Tamm gingen ihn nichts an.

Swedenborg und Thorild waren zwei echte Schweden, die im Lande der Einsamkeit von der Krankheit der Einsamkeit, dem „Größenwahn‟, ergriffen wurden. Die Krankheit ist in Schweden gerade wegen der abgesonderten Lage und der über eine große Fläche verteilten kleinen Volksmenge recht gewöhnlich und oft ausgebrochen: in Gustav Adolfs Kaiserplänen, Karls X. Ideen von einer europäischen Großmacht, Karls XII. Attilaprojekt, Rudbecks Atlantikamanie; zuletzt in Swedenborgs und Thorilds Phantasien vom Stürmen des Himmels und vom Brande der Welt. Johan kamen sie verrückt vor, und er warf das Buch fort. Und das sollte man lernen?

Er dachte über seine Lage nach. Was sollte er in Upsala tun? Mit achtzig Kronen in sechs Jahren den Doktor machen? Und dann? Darüber hinaus dachte er nicht. Keine größeren Zukunftspläne, keine ehrgeizigeren Träume als: den Doktor machen. Lorbeerkranz, Doktorhut, und dann bis an sein selig Ende Lehrer an der Jakobischule. Nein, das wollte er doch nicht!

Die Zeit verging und die Weihnacht nahte. Das Geld schmolz langsam aber sicher in der Tischschublade. Und dann? Eine Hauslehrerstelle fanden die Studenten nicht mehr so leicht, seit die Eisenbahnen die Verbindung zwischen dem Lande und den Städten, wo es Schulen und Gymnasien gab, verbessert hatten. Es war ein Wahnsinn von ihm gewesen, die Universität zu beziehen.

Als keine Bücher mehr zu haben waren, begann er sich bei den Kameraden umherzutreiben. Er entdeckte Leidensgenossen. Traf zwei, die das ganze Semester Schach gespielt hatten und nicht mehr als ein Gesangbuch besaßen, das die Mutter ihnen in den Koffer gesteckt. Sie stellten sich auch die Frage: Was habe ich hier eigentlich zu schaffen? Das Examen kam nicht zu einem, sondern man mußte die geheimen Wege aufsuchen, Pedelle mit Kolleggeldern bestechen, durch Löcher kriechen, für Bücher Schulden machen, sich in Vorlesungen sehen lassen: oh, es war soviel, soviel!

Um die Zeit auszufüllen, lernte er im Sextett der Landsmannschaft das B-Kornett blasen; dazu hatte Fritz ihn beredet, der die Tenorposaune blies. Aber die Übungen wurden unregelmäßig abgehalten und stifteten Zwietracht im Haushalt.

Johan spielte auch Brett. Fritz aber haßte das Spiel; darum wanderte Johan mit dem Brettspielkasten bei Bekannten umher und spielte mit ihnen. Das war ziemlich stumpfsinnig; ebenso stumpfsinnig wie Swedenborg lesen, meinte er.

-- Warum studierst du nicht? fragte Fritz oft.

-- Ich habe keine Bücher, antwortete Johan.

Das war wirklich ein Grund.

Freiheit, die hatte er wenigstens, Freiheit von Glockenschlag und Überwachung; sie wurde aber drückend empfunden. Wenn es Lehrer und Schulbücher gegeben hätte, wäre es besser gewesen, und mancher junge Mann wäre nicht verloren gegangen. Die Freiheit wurde nur wie ein leerer Raum empfunden, den die, welche nicht das Geld hatten, um sich in der Arbeit des Universitätslebens heimisch zu machen, unmöglich ausfüllen konnten. Die aufgedrungene Faulheit war unerträglich; wäre es mit seiner Ehre vereinbar gewesen, Johan wäre umgekehrt.

Kneipen konnte er nicht besuchen, weil er kein Geld hatte. In „Bierstuben‟ schlüpfte er mit hinein; sah dort schlimme Dinge. Junge Leute standen hintereinander, saßen auf Tischen und Kommoden herum und tranken Bier, während sie abwarteten, bis sie an die Reihe kamen. Einmal sah er, wie ein Weib, das schon fünfzig Jahre alt war, Jünglinge empfing; ein andermal, wie sich ein Ehemann nach der Wand drehte, während seine Frau empfing; dabei saßen Studenten auf dem Bettrand und hielten das Licht. Die vielen andern, die nicht dazu gelangen konnten, erschöpften ihre Manneskraft durch Gewalttätigkeiten. So hatten einige eines Nachts einen Balken von fünfzehn Ellen genommen und damit ein Holzhaus zu demolieren versucht. Es war vollständiger Wahnsinn.

Es jammern heute so viele über das harte Schicksal der Prostituierten, weil sie glauben, Not und Verführung sind die einzigen Ursachen. Johan fand dagegen während seines langen Junggesellenlebens kein einziges Freudenmädchen, das sentimental gewesen oder sein Leben hätte ändern wollen. Sie hatten es aus Geschmack gewählt, befanden sich wohl dabei, waren alle vergnügt. Es waren beinahe alle Dienstmädchen, die ihre Stellungen verlassen hatten, weil die ihnen zu langweilig waren. Von dem Verführer sprachen sie nie anders als von dem Ersten; und einer mußte doch der Erste sein. Daß sie untersucht wurden, war ihnen natürlich nicht angenehm; aber der Rekrut wird auch untersucht. Um wieviel berechtigter ist da nicht die hygienische Maßregel bei den Frauen, welche die Krankheit verschulden; was die Männer nicht tun.

Allgemein und offen beklagte man sich darüber, daß der nächtliche Schlaf durch Phantasien gestört wurde; und die verlorene Kraft ersetzte man durch Punsch und Grog. Johan lebte äußerst nüchtern; zu Mittag wurde nur Wasser getrunken; wenn er und Fritz am Sonntag ihre halbe Flasche Bier nahmen, wurden sie halb berauscht, blieben bei Tisch sitzen und erzählten einander zum hundertsten Male gemeinsame Abenteuer aus der Schulzeit.

* * * * *

Ein kleines Ereignis von ungewöhnlicher Beschaffenheit veranlaßte Johan, seine Erfahrung auf einem Gebiet zu bereichern, das beinahe luftdicht verschlossen ist. Es ist aber an der Zeit, es zu öffnen, damit man die Frage erörtern kann. Eines Morgens im Anfang des Semesters erhielten Johan und Fritz eine Visitenkarte mit der Einladung, den Freund von X., Legationssekretär der ...schen Gesandtschaft zu Stockholm, im Gasthaus zu besuchen.

-- Ist der hier? sagte Fritz. Dann gibt es ein feines Mittagessen!

-- Erinnerst du dich nicht, daß er uns zu besuchen versprach, wenn er nach Upsala käme?