Part 15
Das war alles. Johan drehte und wendete den Text, fand aber keinen Sinn darin. Das ist etwas dunkel, dachte er. Aber es berührte den empfindlichsten Punkt: Christi Gottheit. Wenn er sich nun ein Herz faßte und Christi Gottheit forterklärte, dann hätte er eine große Tat vollbracht. Die Aufgabe lockte ihn, und mit Parkers Hilfe dichtete er ein Loblied in Prosa über Christus als Sohn Gottes. Äußerst vorsichtig rückte er damit heraus, daß wir alle Gottes Söhne sind, Jesus aber, Gottes auserwählter lieber Sohn, an dem Gott ein besonderes Gefallen fand und dessen Lehren wir hören müssen.
Das war aber nur die Einleitung, und das Evangelium wurde ja nach der Einleitung vorgelesen. Worüber sollte er denn predigen? Jetzt hatte er sein Gewissen beschwichtigt, indem er seine Überzeugung von Christi Gottheit ausgesprochen. Das Fieber glühte, der Mut wuchs: er fühlte, daß er einen Beruf zu erfüllen habe. Er wollte das Schwert gegen die Dogmen ziehen, gegen Gnadenwahl und Pietismus. Das war eine Aufgabe.
Als er dann nach Verlesung des Textes sagen sollte: Auf Grund des verlesenen heiligen Textes wollen wir in dieser kurzen Stunde zum Thema der Betrachtung nehmen ... schrieb er: Da der Text des Tages uns zu weiteren Betrachtungen keine Veranlassung gibt, wollen wir in dieser kurzen Stunde ein Thema betrachten, das von größerer Bedeutung als etwas anderes ist... Dann betrachtete er Gottes Gnadenwerk in der Bekehrung.
Das waren zwei Angriffe: einer gegen die Textkommission, einer gegen die Lehre der Kirche von der Gnadenwahl.
Er sprach zuerst von der Bekehrung als von einer ernsten Sache, die ihre Opfer fordere und von dem freien Willen des Menschen abhänge. (Das war ihm nicht ganz klar.) Er berührte die Ordnung der Gnade und schlug schließlich die Tore des Himmelreichs für alle auf: Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Zöllner und Sünder, Huren und Statthalter: alle sollten in den Himmel kommen! Sogar der Räuber hörte die frohe Botschaft: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Das war Jesu Evangelium für alle. Niemand solle glauben, die Schlüssel zum Himmel zu besitzen, und sich einbilden, allein ein Kind Gottes zu sein (das war für die Mucker!), sondern die Türen der Gnade ständen offen für alle, alle!
Er wurde jetzt ernst und fühlte sich wie ein Missionar.
Am Freitag fand er sich in der Kirche ein und las von der Kanzel herab einige Stellen aus der Predigt vor. Er wählte die unschuldigsten. Darauf wurden die Gebete wiederholt, während der Unterpfarrer unter der Orgel stand und „lauter, langsamer!‟ rief. Johan ward approbiert, und sie tranken einen Schnaps und aßen ein Butterbrot.
Am Sonntag war die Kirche besetzt. Johan wurde in der Sakristei mit Mantel und Kragen angetan. Einen Augenblick fand er es lächerlich; dann aber kam die Angst über ihn. Er betete zu dem einzigen wahren Gott um Hilfe, da er jetzt für seine Sache das Schwert ziehen solle gegen tausendjährigen Irrtum. Als der letzte Laut der Orgel verklungen war, stieg er unbefangen auf die Kanzel hinauf.
Alles ging gut. Als er aber an die Stelle kam: „Da der Text des Tages uns keine Veranlassung zu weiteren Betrachtungen gibt‟, und er die vielen weißen Flecke, die Gesichter waren, sich unten in der Kirche bewegen sah, zitterte er. Aber nur einen Augenblick. Dann begann er, und mit ziemlich starker und sicherer Stimme las er seine Predigt vor.
Als er ans Ende kam, war er selber so gerührt über die schönen Lehren, die er verkündete, daß seine Tränen die Schrift auf dem Papier undeutlich machten.
Er atmete auf. Las alle Gebete, bis die Orgel wieder anfing; dann stieg er hinunter.
Da stand der Unterpfarrer und empfing ihn mit einem „Danke‟.
-- Aber, aber, fügte er hinzu, es ist nicht gut, vom Text abzugehen. Wenn das Konsistorium das erfährt! Aber es hat wohl niemand gemerkt, wollen wir hoffen. Am Inhalt selbst war nichts auszusetzen.
Dann gab es ein Essen in der Pfarre. Man spielte mit Mädchen und es wurde getanzt. Johan war so etwas wie der Held des Tages.
-- Das war eine sehr gute Predigt, sagten die Mädchen, sie war so kurz.
Er hatte zu schnell gelesen. Und dann hatte er ein Gebet übersprungen.
-- Alle sind Kinder am Anfang, sagte der Unterpfarrer.
* * * * *
Im Herbst kehrte Johan mit den Knaben nach der Stadt zurück, um bei ihnen zu wohnen und die Aufgaben mit ihnen zu machen. Sie gingen in die Klaraschule. Wieder eine Strafarbeit. Dieselbe Klaraschule, derselbe Direktor, derselbe Lehrer in Latein. Johan arbeitete gewissenhaft mit den Knaben, überhörte sie und konnte darauf schwören, daß sie ihre Aufgaben gelernt hatten. Und doch kamen sie mit einem Tadel nach Haus, und in ihren Büchern las der Vater von soundsoviel Aufgaben, die sie nicht gekonnt.
-- Das ist eine Lüge, sagte Johan.
-- Es steht jedenfalls hier zu lesen, sagte der Vater.
Es war eine schwere Arbeit. Gleichzeitig bereitete er sich auf die Studentenprüfung vor.
Als die Weihnachsferien anfingen, fuhr man wieder aufs Land. Man saß am Kamin, knackte Nüsse auf, einen ganzen Sack, und las „Frithjofs Sage, Axel, Die Abendmahlskinder‟ von Tegnér. Die Abende waren lang und unerträglich. Johan aber entdeckte einen neuen Inspektor, der beinahe wie ein Knecht behandelt wurde. Das reizte Johan, mit ihm Bekanntschaft zu machen; auf dessen Zimmer brauten sie Punsch und spielten sie Karten.
Die Baronin sagte Johan tadelnd, der Inspektor sei keine Gesellschaft für ihn.
-- Warum nicht?
-- Er hat keine Bildung!
-- Hm! Das ist nicht so gefährlich.
Sie sagte auch, es sei ihr angenehm, wenn der Hauslehrer abends die Gesellschaft der Familie wähle oder wenigstens sich im Zimmer der Knaben aufhalte. Er zog das letzte vor, denn oben war es dumpfig; auch war er es müde, vorzulesen und die Unterhaltung zu führen.
Er saß also auf dem Zimmer der Knaben, das zugleich das seine war. Der Inspektor kam dorthin und sie spielten ihre Partie. Die Knaben bettelten, mitspielen zu dürfen. Warum nicht? Johan hatte in seinem Elternhaus stets mit Vater und Brüdern Whist gespielt; dieses unschuldige Vergnügen wurde als Erziehungsmittel in Disziplin, Ordnung, Aufmerksamkeit, Gerechtigkeit angewandt; um Geld hatte er nie gespielt. Mogeln wurde augenblicklich zurückgewiesen, unzeitiger Jubel über Gewinnen zum Schweigen gebracht, mißvergnügte Mienen über Verlieren verspottet.
Die Sache ging durch, ohne daß ein Tadel ausgesprochen wurde, denn die Herrschaft war zufrieden, daß die Knaben beschäftigt waren und ihnen nicht selbst zur Last fielen. Aber den Verkehr mit dem Inspektor liebten sie nicht. Im Sommer hatte Johan einmal aus seinen Schülern und den Knaben der Instleute eine Truppe gebildet, die er auf dem Felde übte. Sofort erging das Verbot, nicht mit den Kindern der Instleute zu verkehren.
-- Jede Klasse soll für sich bleiben, sagte die Baronin.
Aber Johan konnte den Grund nicht verstehen, da der Klassenunterschied ja 1865 aufgehoben war!
Das Gewitter zog inzwischen auf und konnte jeden Augenblick losbrechen. Eine Kleinigkeit entzündete es.
Eines Morgens schlug der Herr des Hauses Lärm, weil seine Fahrhandschuhe fortgekommen seien. Er warf seinen Argwohn auf den ältesten Knaben. Der leugnete und beschuldigte den Inspektor: der habe auf einer Fahrt nach der Pfarre die Handschuhe benutzt.
Der Inspektor wird gerufen.
-- Sie haben meine Fahrhandschuhe genommen; was soll das heißen?
-- Nein, ich habe sie nicht genommen!
-- Was sagen Sie? Hugo behauptet es!
Johan, der zugegen ist, tritt, ohne aufgefordert zu sein, vor und sagt:
-- Hugo lügt. Er selbst hat sie genommen.
-- Was sagen Sie?
Er gibt dem Inspektor einen Wink, zu gehen.
-- Ich sage die Wahrheit!
-- Wie können Sie sich unterstehen, meinen Sohn in Gegenwart eines Knechtes zu beschuldigen?
-- Herr X. ist kein Knecht! Und übrigens ist er unschuldig!
-- Ja, Sie sind unschuldig! Sie spielen Karten mit den Knaben und trinken mit ihnen! Das ist sauber!
-- Warum haben Sie diesen Tadel nicht früher ausgesprochen? Dann hätten Sie erfahren, daß ich nicht mit den Knaben trinke!
-- Verdammter Junge, was erlauben Sie sich!
-- Sie können sich einen andern Jungen zum Hauslehrer für Ihre Jungen nehmen, da Sie so geizig sind, daß Sie keinen Erwachsenen nehmen wollen.
Damit ging Johan.
Am selben Tag mußten sie nach der Stadt fahren, da die Weihnachtsferien zu Ende waren. Nach Hause also, wieder nach Hause. Hals über Kopf zurück in die Hölle, wo er verhöhnt und geduckt werden würde; sieben Male schlimmer, seit er mit seiner neuen Stellung geprahlt und Vergleiche mit dem Elternhaus gezogen hatte. Er weinte vor Grimm, aber er konnte nach einer solchen Beschimpfung nicht wieder zurück.
Die Baronin schickte nach ihm. Er ließ sie warten. Darauf schickte sie noch einmal. Jetzt ging er mürrisch zu ihr hinauf. Sie war recht milde. Bat ihn, noch einige Tage zu bleiben, bis sie einen neuen Hauslehrer bekommen hätten. Er versprach, als sie dringend bat.
Die Baronin wollte mit den Knaben mitfahren.
Der Schlitten fuhr vor. Der Sekretär stand daneben und sagte:
-- Sie können auf dem Kutschbock sitzen.
-- Ich kenne meinen Platz, antwortete Johan.
Indessen muß die Furcht des Sekretärs vor seiner Frau größer gewesen sein als seine Lust, Johan zu demütigen, denn bei der ersten Rast bat die Baronin Johan, in den Schlitten zu steigen.
Nein, er wolle nicht!
In der Stadt blieb er noch acht Tage in seiner Stellung. Während dieser Zeit schrieb er einen etwas spanischen Brief in weltmännischem Tone nach Haus; der Ton gefiel dem Alten aber nicht, trotzdem Johan ihm schmeichelte.
-- Ich finde, du hättest erst fragen müssen, ob du wieder nach Haus kommen darfst, sagte er.
Da hatte er recht. Der Sohn aber hatte sich das Elternhaus nie anders gedacht als ein Hotel, in dem man umsonst ißt und wohnt.
So war er wieder zu Hause.
Durch eine unergründliche Naivität hatte sich Johan bewegen lassen, noch einige Zeit zu seinen früheren Schülern zu kommen, um die Aufgaben mit ihnen durchzugehen. Eines Abends wollte Fritz ihn mit in ein Café nehmen.
-- Nein, sagte Johan, ich muß Stunden geben.
-- Wo?
-- Beim Königlichen Sekretär!
-- Was? Bist du noch nicht fertig mit ihnen?
-- Nein, ich habe versprochen, so lange zu kommen, bis sie einen neuen Hauslehrer haben.
-- Was kriegst du denn dafür?
-- Was ich dafür kriege? Ich habe Wohnung und Essen gehabt!
-- Ja, aber was kriegst du jetzt, nachdem du nicht mehr Wohnung und Essen hast?
-- Hm! Daran habe ich nicht gedacht!
-- Du bist ein Narr, wenn du die Kinder von reichen Leuten umsonst unterrichtest! Jetzt gehst du mit mir und setzest nie mehr einen Fuß in das Haus!
Johan kämpfte auf dem Trottoir einen Kampf mit sich aus.
-- Ich habe versprochen!
-- Du mußt nicht versprechen! Komm und schreib ab!
-- Ich muß Abschied nehmen!
-- Das ist nicht nötig! Man hatte dir zu Weihnachten eine Gratifikation versprochen; die gehörte zu deinen Bedingungen; aber du hast nichts erhalten. Und dann läßt du dich wie einen Knecht behandeln. Komm mit und schreib!
Er wurde in die Kneipe geschleppt. Die Kellnerin holte Papier und Feder. Nach dem Diktat des Freundes schrieb er, mit Rücksicht auf sein nahes Examen könne er keine Stunden mehr geben!
Er war frei!
-- Aber ich schäme mich, sagte er.
-- Weshalb schämst du dich?
-- Ich schäme mich, weil ich unhöflich gewesen bin.
-- Ach, Geschwätz! Eine halbe Punsch!
10.
+Charakter und Schicksal.+
Die Zeit hatte sich zusammengenommen und war lebhaft geworden. Die Ausstellung von 1866 war eine Neuheit und außerdem eine Äußerung von realistischem Skandinavismus. Die Eröffnung des Nationalmuseums, Dietrichsons Vorlesungen, die Bildung des Kunstvereins gab der Ästhetik einen neuen Impuls. Die Wahlen von 1867 waren eine Überraschung, welche die ganze Nation zum Nachdenken veranlaßte, denn die Reform hatte die Gesellschaft so gründlich umgekehrt, daß der Bodensatz nach oben kam.
Schwache Dünungen waren in der höchsten Klasse der Lehranstalt zu merken, wo sich jetzt junge Männer für allgemeine Fragen interessierten. So war die schwarze Tafel eines Morgens mit Namen vollgeschrieben. Der Direktor, der die Morgenzeitung noch nicht gelesen hatte, fragte, was diese Liste zu bedeuten habe. Es waren die Stockholmer Wahlen zur Zweiten Kammer. Darauf gab der Direktor einen Überblick über die Zusammensetzung der Kammer, äußerte Befürchtungen, ob die neue Volksvertretung auch von Nutzen für Land und Reich werden könne.
Man begann schon Unrat zu wittern; und die Begeisterung war vorüber.
Die Klasse war auch eingeteilt in Freihändler oder Schutzzöllner.
Eifrig wurde die Fräuleinreform besprochen. Johan hielt diese Reform für gut. Hatte er doch eben gesehen, wie drei alte Fräulein sich die Haare rauften und in feiner Gesellschaft den „Zeitgeist‟ verfluchten, weil der ehrlichen Leuten das nehme, was ihre Väter ehrlich erworben. Die Reform nahm aber den Fräulein nichts, denn sie durften ihren Titel behalten, gab nur allen das gleiche Recht. Es verhielt sich mit dem Titel ebenso wie mit der Seligkeit. Niemand schätzte ihn mehr, als er allen erlaubt wurde.
-- Dann wird man die Mägde auch Mamsell nennen, schrie ein Fräulein.
-- Mindestens, antwortete Johan.
Aber diese Reform ließ noch auf sich warten, aus unbekannten Gründen. Die Mägde sollten natürlich Fräulein genannt werden, aber man konnte sie zuerst wenigstens zu Mamsells erheben, damit sie nicht lächerlich gemacht würden.
Das Freidenkertum nahm an Ausdehnung zu. Johan hatte es nach der Predigt als einen Beruf, eine Pflicht empfunden, die neue Lehre auszubreiten und für sie einzutreten. Er begann also vom Morgengebet fortzubleiben und blieb in der Klasse sitzen, während die andern in den Betsaal zogen.
Der Direktor kam, um ihn und seine Mitschuldigen hinauszutreiben. Johan antwortete, seine Religion verbiete ihm, an einem fremden Kult teilzunehmen. Der Direktor berief sich auf Gesetze und Verfassung. Johan antwortete, die Juden brauchten am Gebet nicht teilzunehmen. Der Direktor bat ihn schön, des Beispiels wegen doch zu kommen. Er wolle doch kein schlechtes Beispiel geben. Der Direktor bat herzlich, freundlich; berief sich auf alte Bekanntschaft. Johan gab nach. Aber er sang die Kirchenlieder nicht mit und seine Kameraden auch nicht. Da geriet der Direktor außer sich und hielt eine Strafpredigt; nannte Johan bei Namen und schmähte ihn. Johan antwortete damit, daß er einen Streik organisierte.
Er und Gleichgesinnte kamen regelmäßig so spät zur Schule, daß das Gebet aus war, wenn sie anlangten Kamen sie doch zu früh, blieben sie im Flur sitzen und warteten. Dort beim Holzkasten trafen sie Lehrer, mit denen sie von diesem und jenem plauderten. Der Direktor entdeckte dies. Um die Aufrührer zu zermalmen, ließ er, sobald das Gebet zu Ende ging, während die Schule hoch versammelt war, die Tür zum Flur öffnen und die Revolutionäre hereinrufen. Diese defilierten mit frechen Mienen und unter einem Schauer von Schelte durch den Gebetsaal, aber ohne dort zu bleiben. Schließlich wurde ihnen dies zur Gewohnheit: aus freien Stücken traten sie ein und nahmen die Schelte hin, wenn sie durch den großen Gebetsaal zogen.
Der Direktor begann Johan zu grollen und gab zu verstehen, daß er ihn durchs Examen fallen lassen wolle. Johan setzte hart gegen hart und arbeitete Nächte und Tage.
Die theologischen Stunden arteten jetzt zu Disputationen mit dem Lehrer aus. Der war Geistlicher und Atheist. Zuerst machten ihm die Antworten Spaß, dann aber wurde er müde und befahl, nach dem Lehrbuch zu antworten.
-- Wie viele Personen sind in der Gottheit?
-- Eine!
-- Aber was sagt Norbeck?
-- Der sagt drei!
-- Dann sagen Sie auch drei!
Im Elternhause war es still. Johan wurde in Ruhe gelassen. Man sah, er war verloren, und es war zu spät, auf ihn einzuwirken. An einem Sonntag machte der Vater einen Versuch im alten Stil, bekam aber Bescheid.
-- Warum gehst du nie mehr in die Kirche? fragte er.
-- Was habe ich dort zu tun?
-- Eine gute Predigt ist immer von Nutzen.
-- Predigten kann ich selbst machen.
Schluß!
Die Pietisten ließen einen Geistlichen für Johan in der Bethlehemskirche beten, als sie ihn an einem Sonntagvormittag in Scharfschützenuniform gesehen hatten.
* * * * *
Im Mai 1867 bestand er die Studentenprüfung.
Sonderbare Dinge kamen an den Tag. Da waren Kerle mit Bart und Brille, welche die Halbinsel Malakka Sibirien nannten und die ostindische Halbinsel für Arabien hielten. Leute bekamen das Zeugnis in Französisch, die eu wie y aussprachen und die Hilfsverben nicht konjugieren konnten. Es war unglaublich. Johan selbst war der Meinung, er sei vor drei Jahren stärker in Latein gewesen. In Geschichte wäre jeder durchgefallen, wenn man nicht von den Fragen Wind bekommen hätte. Man hatte zu viel gearbeitet und zu wenig gelernt. Kompendien in allen Stoffen hätten mehr genützt; mit denen hätte man die Studentenprüfung in der vierten Klasse machen können. Aber es war mit der Studentenprüfung und ist es noch heute, wie mit der Seligkeit und dem Fräuleintitel: sie verliert allen Reiz, wenn sie Gemeingut wird; dann aber würde sie reizvoller für alle und viel nützlicher sein.
Die Prüfung endete mit einem Gebet, das von einem Freidenker gesprochen wurde; der stockte beim Vaterunser; das schrieb man aber fälschlich seiner Erregung zu.
Als Johan am Abend Student war, zogen die Kameraden mit ihm in die Stadt hinein, um ihm eine weiße Mütze zu kaufen. (Er selbst hatte nie Geld.) Dann ging er nach dem Kontor, um dem Vater eine Freude zu machen. Johan traf ihn im Flur; er war im Begriff, nach Hause zu gehen.
-- Also, bestanden? fragte der Vater.
-- Ja!
-- Und du hast schon die Mütze?
-- Die habe ich auf Kredit gekauft!
-- Geh zum Kassierer, dann kannst du sie bezahlen.
Dann trennten sie sich. Kein Glückwunsch, kein Händedruck. Nun, es war die Isländernatur des Alten, keine zärtlichen Gefühle äußern zu können.
Als Johan nach Haus kam, saßen alle am Abendtisch. Er war fröhlich und hatte Punsch getrunken. Aber seine Freude verstimmte. Alle schwiegen. Die Geschwister gratulierten nicht. Da wurde er verstimmt und schwieg selbst.
Als er vom Tische aufstand, ging er sofort wieder weg, in die Stadt, zu den Kameraden. Da herrschte Freude. Kindliche, dumme, übertriebene Freude, mit allzu großen Hoffnungen.
Im Sommer gab er Stunden in großem Stile, indem er zu Hause wohnte. Mit dem Geld wollte er im Herbst nach der Universität Upsala fahren, um den Doktor zu machen. Der Geistliche lockte ihn nicht mehr; der lag hinter ihm; auch war es gegen sein Gewissen, den Eid als Geistlicher abzulegen.
Diesen Sommer war er zum ersten Male bei einem Mädchen. Er fühlte sich enttäuscht, wie so viele andere. -- Das war also alles! -- Seltsam war, daß es gegenüber der Bethlehemskirche geschah. Aber warum war es nicht früher geschehen; dann wären ihm so viele qualvolle Jahre erspart, soviel Kraft erhalten geblieben. Als es geschehen war, kam eine große Ruhe über ihn; er fühlte sich gesund und froh, als habe er eine Pflicht erfüllt.
Im Herbst fuhr er nach Upsala. Die alte Grete packte ihm die Reisetasche, in die sie Kochgeschirr und Gedeck legte. Darauf zwang sie ihn, fünfzehn Kronen von ihr zu leihen.
Vom Vater erhielt er eine Tasche mit Zigarren und die Aufforderung, sich selber zu helfen.
Achtzig Kronen besaß er selbst; die hatte er sich durch Stunden erworben; mit denen wollte er das erste Vierteljahr auskommen.
Die Welt stand ihm jetzt offen. Die Eintrittskarte hatte er in der Hand. Blieb nur übrig, hinein zu kommen. Nur!
* * * * *
„Des Menschen Charakter ist sein Schicksal‟, war zu dieser Zeit eine beständige und sehr gebilligte Redensart. Jetzt, da Johan in die Welt hinaus sollte, um sein Schicksal zu machen, wandte er viele freie Stunden darauf an, sein Horoskop aufzustellen, indem er von seinem Charakter ausging. Er glaubte nämlich, sein Charakter sei fertig. Die Gesellschaft ehrt mit dem Namen Charakter die, welche ihre Stellung gesucht und gefunden, ihre Rolle übernommen, gewisse Gründe für ihr Betragen ausgedacht haben und nun automatisch danach handeln.
Ein sogenannter Charakter ist eine sehr einfache mechanische Einrichtung; er sieht die so äußerst verwickelten Verhältnisse des Lebens nur von einem Gesichtspunkt; er hat sich entschlossen, für sein Leben eine und dieselbe Ansicht über eine bestimmte Sache zu haben. Um sich nicht der Charakterlosigkeit schuldig zu machen, ändert er nie seine Ansicht, wie einfältig oder sinnlos sie auch sein mag. Ein Charakter muß also ein ziemlich gewöhnlicher Mensch sein und was man dumm nennt. Charakter und Automat scheinen zusammenzufallen. Dickens' berühmte Charaktere sind Puppen für Leierkasten und die Charaktere auf der Bühne müssen Automaten sein. Ein gut gezeichneter Charakter ist gleichbedeutend mit einer Karikatur.
Außerdem soll ein Charakter wissen, was er will. Was weiß man denn davon, was man will? Man will oder man will nicht, das ist alles. Sucht man über seinen Willen nachzudenken, hört der Wille gewöhnlich auf. In Gesellschaft und Leben muß man immer die Folgen bedenken, die eine Handlung über einen selbst und andere haben kann, und muß daher überlegen. Wer augenblicklich handelt, ist unklug, selbstsüchtig, naiv, unbewußt. Solche Menschen kommen weiter im Leben, denn sie sehen nicht nach, ob ihre Handlungen andern schaden können, sondern sie sehen nur darauf, welchen Nutzen die Handlung für sie selbst hat.
Johan hatte ja die christliche Gewohnheit angenommen, Herz und Nieren zu prüfen; so fragte er sich jetzt, ob er einen Charakter habe, der für einen Mann passe, welcher seine Zukunft machen will.
Er erinnerte sich, daß die Magd, die er geschlagen, weil sie seinen Körper entblößt hatte, als er schlief, nach dem Vorfall sagte: -- Es ist Charakter in dem Jungen! -- Was meinte sie damit? -- Sie hatte gesehen, daß er Tatkraft genug besaß, in den Park zu gehen, einen Stock zu schneiden und sie zu bestrafen. Hätte er den gewöhnlichen Weg eingeschlagen und es den Eltern gepetzt, hätte sie ihn wohl für eine Memme gehalten. Die Mutter dagegen, die damals noch lebte, hatte seine Handlung anders beurteilt: sie hatte ihn rachgierig genannt.
Da hatte er also zwei Auffassungen derselben Sache. Er hielt sich natürlich an die, welche die weniger ehrende war, denn an die glaubte er am meisten. Rache? Das war doch Strafe! Hatte er ein Recht zu strafen? Recht? Wer hatte ein Recht? Die Eltern rächten sich ja immer! Nein, sie straften. Sie hatten also ein anderes Recht als er, und es gab zwei Rechte.
Doch, er war wohl rachgierig. Ein Junge vom Klarakirchhof hatte offen gesagt, Johans Vater habe im Halseisen gestanden. Das war eine Beschimpfung der ganzen Familie. Da Johan schwächer als der Junge war, bot er seinen älteren Bruder auf, und beide zusammen übten mit einigen Schneeballen Blutrache aus. Ja, sie übten die Rache noch weiter aus, denn sie prügelten auch dessen jüngern Bruder, der verhältnismäßig unschuldig war, aber großschnauzig aussah.
Das war wohl alte gute Familienrache mit allen ihren Symptomen. Was hätte er denn tun sollen? Dem Lehrer petzen? Nein, das tat er nie. Er war also rachgierig. Das war ein schwerwiegender Vorwurf.
Dann aber dachte er nach. Hatte er sich am Vater gerächt für die Ungerechtigkeiten, die der ihm zufügte, oder an der Stiefmutter? Nein! Er vergaß und zog sich zurück.