Der Sohn einer Magd

Part 13

Chapter 133,642 wordsPublic domain

Eines Tages sprach ein durchreisender Freund im Vorbeigehen davon, daß ein älterer Bruder bei einem Mädchen gewesen sei. Ein Entsetzen kam über ihn; er wagte den Bruder nicht anzusehen, als er sich abends ins Bett legte. Der Verkehr mit einem Mädchen war für ihn mit der Vorstellung von nächtlichen Schlägereien, Polizei und furchtbaren Krankheiten verbunden. Er war einmal an dem gelben langen Zaun der Handwerkerstraße vorbeigegangen, als ein Kamerad zu ihm sagte: Dort ist ein Bordell. Nachher ging er heimlich wieder hin und suchte durch die Tür zu blicken, um etwas Furchtbares zu sehen. Es lockte und erschütterte ihn wie einst ein Leierkastenbild an einer Stange, das eine Hinrichtung darstellte. Er wurde von diesem Anblick so aufgewühlt, daß es trübes Wetter für ihn wurde, obwohl die Sonne schien. Und als er abends in der Dämmerung nach Hause kam, hatten ihn einige zum Trocknen ausgebreitete Laken, die an das Bild der Hinrichtung erinnerten, so erschreckt, daß er in Tränen ausbrach. Ein Kamerad, den er als Leiche gesehen, erschien ihm nachts im Schlaf.

Als er an einem Bordell in der Apfelbergstraße vorbeiging, zitterte er vor Entsetzen, nicht vor Lust. Die ganze Prozedur hatte für ihn scheußliche Formen angenommen. Die Kameraden in der Schule hatten ansteckende Krankheiten, hielten sich gegenseitig für verloren. Nein, niemals zu solchen Mädchen gehen, aber sich verheiraten; zusammen mit der Einzigen wohnen, die er liebte; sie pflegen und von ihr gepflegt werden; Freunde bei sich sehen: das war sein Traum. In jedem Weib, für das er entflammte, sah er ein Stück von einer Mutter. Er verehrte daher nur solche, die mild waren; und er fühlte sich geehrt, wenn man ihn gut behandelte. Vor den geputzten, umschwärmten, lachenden Mädchen war ihm bange. Die sahen aus, als gingen sie auf Raub aus und wollten ihn verschlingen.

Diese Bangigkeit war zum Teil angeboren wie bei allen Knaben, würde aber vergangen sein, wenn die Geschlechter nicht abgesondert lebten. Der Vater hatte früher einmal vorgeschlagen, die Söhne in eine Tanzschule zu bringen; die Mutter war aber dagegen gewesen. Da hatte sie einen Fehler gemacht.

Johan war von Natur schamhaft. Er wollte sich nicht entkleidet zeigen und beim Baden zog er gern Schwimmhosen an. Ein Dienstmädchen, das seinen Körper entblößt hatte, als er schlief, schlug er am nächsten Morgen, als die Brüder es ihm mitteilten, mit einem Rohrstock.

Auf die Bälle folgten Serenaden und auf diese Punschabende. Johan hatte großes Verlangen nach starken Getränken; es war ihm, als habe er einen konzentrierten flüssigen Nahrungsstoff getrunken.

Seinen ersten Rausch holte er sich auf einem Schmaus, den die Kameraden in einem Wirtshause im Tiergarten veranstalteten. Der Rausch machte ihn selig, selig froh, stark, freundlich und mild; später aber wahnsinnig. Er schwatzte Unsinn, sah Bilder in den Tellern, trieb Possen.

Dieses Spielen kam ihm in Augenblicken, wie dem ältesten Bruder, der, obwohl tiefer Melancholiker in der Jugend, doch einen gewissen Ruf als Komiker hatte. Er verkleidete sich, maskierte sich und spielte eine Rolle. Sie hatten auch ein Stück auf dem Boden gespielt; aber Johan war schlecht, fühlte sich verlegen; er war nur gut, wenn er eine überspannte Stelle wiederzugeben hatte. Als Komiker war er unmöglich.

* * * * *

Jetzt tritt ein neues Moment in die Entwicklung des Jünglings ein. Das ist die Ästhetik.

In Vaters Bücherschrank hatte Johan Lenströms Ästhetik, Boijes Malerlexikon, Oulibicheffs Mozart gefunden; außer den schon erwähnten klassischen Dichtern. Aus einem Nachlaß kam zu dieser Zeit auch ein großer Ballen Remittenden eines Verlages. Der trug viel dazu bei, daß Johan früh Kenntnisse in der schönen Literatur erwarb.

Da waren in mehreren Exemplaren die Gedichte von Talis Qualis, die er ungenießbar fand. Byrons „Don Juan‟ in Strandbergs Übersetzung konnte er nie Geschmack abgewinnen, denn die beschreibende Poesie haßte er und Verse liebte er nicht; die übersprang er regelmäßig, wenn sie in Prosa vorkamen. Tassos „Befreites Jerusalem‟ in Kullbergs Übersetzung war langweilig. Carl von Zeipels Erzählungen unmöglich. Walter Scotts Romane zu lang, besonders die Schilderungen. (Darum verstand er Zolas Größe nicht, als er nach vielen Jahren dessen überladene Schilderungen las; daß die nicht fähig waren, einen Totaleindruck zu geben, davon hatte Lessings „Laokoon‟ ihn überzeugt.) Dickens blies Leben in seine leblosen Gegenstände und stellte etwas mit ihnen dar; stimmte die Landschaft mit Mensch und Situation. Das verstand Johan besser. Eugen Sues „Wandernden Juden‟ fand er großartig; den wollte er kaum zu den Romanen rechnen, denn „Roman‟ war etwas aus der Leihbibliothek und Mädchenkammer. Dies aber war eine weltgeschichtliche Dichtung, meinte er, und der Sozialismus darin fand leicht Eingang bei ihm. Alexander Dumas' Romane waren für ihn Indianerbücher; mit denen begnügte er sich nicht mehr; jetzt mußte er einen Inhalt haben. Den ganzen Shakespeare verschlang er in Hagbergs Übersetzung. Aber es wurde ihm immer schwer, Dramen zu lesen, weil das Auge von den Personennamen zum Text springen mußte. Seine übertriebenen Erwartungen von „Hamlet‟ erfüllten sich nicht, und die Lustspiele schienen ihm reiner Schund zu sein.

Die Familie hielt sich verwandt mit Holmbergsson, dessen Bild an der Wand hing und von dem man Geschichten erzählte. Er war wohl ein Vetter des Vaters. Schillers und Goethes Büsten standen auf dem Bücherschrank, und über dem Klavier hingen Bilder aller großen Komponisten. „Lithographisches Allerlei‟ wurde gehalten, in dem die großen Künstler der Zeit ihren Lebenslauf erhielten. Der Vater war Mitglied des „Vereins für nordische Kunst‟; liebte, wie schon erwähnt, Musik, spielte Klavier und etwas Cello. Die erwachsenen Söhne und die älteste Tochter veranstalteten jetzt Geigenquartette, und zwar nur von Haydn, Mozart und Beethoven. Das Elternhaus hatte also einen leichten Anflug von Kunstliebhaberei erhalten, nachdem es die kleinen Verhältnisse eines dürftigen Bürgerhauses durchgemacht.

In der Schule hatte Johan Svedboms Lesebuch und Bjurstens Literaturgeschichte gelesen, die letzte unter Bjursten selbst in der Klaraschule. Ein Junge wußte, daß Bjursten ein Dichter war. Was bedeutete Dichter? Ja, das wußte niemand so genau. Später pflegte Johan seinen dichtenden Freunden zu erzählen, wie er von Herman Bjursten bestraft wurde, weil er während der Stunde ein Märchenbuch las. Das sollte ein Vorzeichen für seinen künftigen Beruf sein, wie man damals glaubte. Noch später, als man Bjursten geringschätzte, wurde die Geschichte als Spaß erzählt.

An der Privatlehranstalt wurde die schöne Literatur recht gut vom Lehrer der schwedischen Sprache gepflegt, der etwas literarisch war. In der vierten Klasse hatten sie Runebergs „Fähnrich Stahl‟ gelesen. Der Direktor, der Lateiner war, fragte eines Tages, was sie lesen:

-- „Fähnrich Stahl‟!

-- Den müssen Sie nicht lesen; der verschlechtert den Geschmack, sagte er zum Lehrer, der damals ein Regimentspastor und Naturforscher war. Realismus, Barbarei!

Der spätere Lehrer hatte bessern Geschmack. Man mußte Runebergs langweilige „Könige von Salamis‟ lesen, die damals in allen gebildeten Familien vorgelesen wurden. Ein literarischer Verein war gebildet worden, und dort las man an den Feiertagen Gedichte. Fritz hatte ein großes Gedicht geschrieben, das von der Ritterholmskirche handelte und „Die schwedische Nekropolis‟ hieß. Es ging nach der Melodie: „Ich stand am Ufer bei der Königsburg‟ und war wohl recht schlecht.

Johan konnte Poesie nicht leiden. Die sei gemacht, unwahr, fand er. Die Menschen sprachen nicht auf diese Weise und sprachen selten so schöne Dinge. Jetzt aber wurde er aufgefordert, einen Vers in Fannys Album zu schreiben.

-- Dazu kannst du dich wohl aufschwingen, sagte der Freund.

Johan saß die Nächte auf, kam aber nicht über die beiden ersten Zeilen hinaus; auch wußte er nicht, was für einen Inhalt er nehmen solle. Seine Gefühle konnte man doch nicht so vor allen Leuten auskramen. Fritz half ihm schließlich, und zusammen kamen sechs oder acht Reihen, die reimten. Snoilskys später so bekannter Sperling auf der Fensterscheibe aus dem „Weihnachtsabend in Rom‟ mußte Federn dazu hergeben. Eigentümlich war, daß Fritz seitdem nie mehr im Leben einen Vers schrieb.

Der Begriff „Genie‟ war oft Gegenstand der Erörterung. Der Lehrer pflegte zu sagen: die Genies stehen über allem Rang wie die Exzellenzen. Johan dachte über dieses Wort viel nach und meinte, auf diese Weise könne man auf die gleiche Höhe wie die Exzellenzen kommen, ohne hoch geboren zu sein, ohne Geld zu haben, ohne Karriere zu machen. Was aber Genie war, wußte er nicht. Er äußerte einmal in einem empfindsamen Augenblick zu der Freundin, er wolle lieber ein Genie sein als ein Kind Gottes; dafür hatte er eine scharfe Zurechtweisung erhalten. Ein andermal sagte er zu Fritz, er möchte ein gelehrter Professor sein, der wie ein Strolch gekleidet sein und sich roh benehmen könne, ohne sein Ansehen zu verlieren. Wenn aber jemand fragte, was er werden wolle, antwortete er: Geistlicher. Er sah, daß alle Bauernjungen das werden konnten, und er glaubte, das passe für ihn. Als er Freidenker geworden war, wollte er den Doktor machen. Und dann? Das wußte er nicht. Aber Lehrer wollte er um keinen Preis werden.

Der Lehrer war natürlich Idealist. Braun war Barbierstubendichter; Sehlstedt war nett, aber ohne Idealismus; Bjurstens „Napoleon-Prometheus‟ mußte laut gelesen werden; das Dekameron, das damals in schwedischer Übersetzung erschien, konnte ohne Gefahr nur von starken Charakteren verdaut werden, war sonst eine klassische Arbeit; Runeberg war in den „Elchschützen‟ ein starker Realist in der Form, wurde aber zuweilen roh, wo er klassisch einfach sein wollte; so in dem verlausten „Aron am Herd‟.

Zu Weihnachten bekam Johan zwei Bände Gedichte von Fritz: Topelius und Nyblom. Topelius lernte er allmählich lieben, weil der Liebesqualen Worte lieh und in den „Träumen des Jünglings‟ das damalige Ideal für einen Jüngling formulierte. Nyblom war dürftig als Poet, spielte aber eine gewisse Rolle als Vertreter der Ästhetik, teils durch seine italienischen Briefe an die „Illustrierte Zeitung‟, teils durch seine Vorlesungen für Damen, die er in der Börse hielt. Nyblom war noch in seinen Vorlesungen kein gesunder Realist, sondern Verehrer der Antike.

Eine größere Bedeutung hatte das Theater, das ein starkes Bildungsmittel für Jugend und Ungebildete sein kann, die sich noch von bemalter Leinwand und unbekannten Schauspielern, mit denen sie noch keine Brüderschaft getrunken haben, täuschen lassen können. Als achtjähriger Knabe hatte Johan ein Stück gesehen, von dem er keine Spur verstand. Es war wohl der „Reiche Oheim‟ von Blanche; alles, was ihm in der Erinnerung geblieben, war ein Herr, der eine silberne Schnupftabaksdose in die See warf und von Rio Janeiro sang. Später sah er Blanches „Engelbrecht‟ und war hingerissen. Und zur selben Zeit den „Besieger des Bösen‟ von dem Dänen Overskou. Dann folgten Opern, die während der pietistischen Periode für gut angesehen wurden, weil sie weniger sündhaft seien. Einmal war er im Dramatischen Theater und erinnerte sich später an den Schauspieler Knut Almlöf in einem französischen Stück „Die schwache Seite‟ und an die Schauspielerin Hammarfeldt im „Ausflug ins Grüne‟.

Die Sittenkomödie der Zeit, die nicht ohne Einfluß war, bestand aus Jolins Stücken: „Müllerfräulein, Meister Smith, Lachen und Weinen, der Schmähschreiber‟. In „Meister Smith‟ wurde bewiesen, laut dem Kompromiß nach den mißlungenen Revolutionen des Jahres 1848, daß wir alle Aristokraten seien. Wie aber diesem Übelstand abzuhelfen sei, davon erfuhr man nicht das geringste. Die Tatsache blieb, und man war zufrieden mit der Tatsache. Im „Müllerfräulein‟ wurde die Revolution von 1865 vorbereitet, denn darin wies Jolin nach, daß der Adel keine höhere Rasse ist. „Der Schmähschreiber‟ machte Aufsehen, weil er unter dem Gesindel der Zeitungsreptile aufräumte: einen Besen warf man dem Autor auf die Bühne. Das Stück war indessen so realistisch -- der Autor hatte unter anderm den lebenden Schriftsteller Nybom auf die Bühne gebracht --, daß die Ausfälle, die Jolin später in seinem Alter gegen modernen Realismus machte, nicht befugt waren.

Etwas Angenehmes und Sympathisches hatte Jolin; und seine Bedeutung für das Theater war beinahe größer als die von Blanche, der schließlich zu einem Cliquendichter des Opernkellers herabsank.

Frans Hedberg, der mit dem Pamphlet „Vier Jahre beim Provinztheater‟ eine ärgerliche Aufmerksamkeit erregte und dann durch sein „Sendschreiben an den Theaterdirektor Stedingk‟ die mehr scherzhafte als ernsthafte Aufforderung erzielte, die Schauspielerschule des Theaters zu leiten, rettete sich vom vollständigen Sonnenuntergang durch die „Hochzeit von Ulfåsa‟, die volkstümlich wurde und sowohl „Wermländer‟ wie „Engelbrecht‟ überglänzte.

Die „Hochzeit‟ ist tot, aber Södermanns Marsch lebt. Das Stück hatte übrigens keine Bedeutung in der Entwicklung Johans oder eines andern Zeitgenossen. Es war ein Schattenspiel, hohl wie ein Operntext, und wurde nur von den Damen hochgehalten, denen darin ein Rauchopfer im großen Stile des Mittelalters gebracht wurde. Der unterjochte Mann murrte allerdings und wollte sich in dem Helden Beugt nicht wiedererkennen; das aber wurde nicht so genau genommen.

Von größerer Bedeutung wurde das Erscheinen von Offenbachs Operette auf dem Königlichen Theater. Nachdem der Autor der „Schönen Helena‟ in die Französische Akademie aufgenommen ist, wird es wohl nicht mehr lebensgefährlich sein, wenn man gerecht gegen ihn ist. Halevy und Offenbach waren Israeliten und Pariser unter dem zweiten Kaisertum. Als Israeliten hatten sie keine Pietät vor den Ahnen der europäischen Kultur, vor Griechen und Römern, deren Bildung sie als Morgenländer nicht hatten durchmachen müssen. Als Israeliten waren sie skeptisch gegen abendländische Kultur und am meisten gegen die christliche Moral des Abendlandes. Sie sahen eine christliche Gesellschaft die strengste Moral bekennen und wie Heiden leben. Sie entdeckten den Widerspruch in Lehre und Leben; dieser Widerspruch konnte nur dadurch gelöst werden, daß man die veraltete Lehre änderte; denn das Leben war nicht zu ändern, man hätte denn ins Kloster gehen oder sich kastrieren lassen müssen. Die Menschen waren es müde, heucheln zu müssen; sie freuten sich, daß sie eine neue Moral bekamen, die in voller Übereinstimmung mit der Beschaffenheit der menschlichen Natur und allgemeiner Sitte stand. Offenbach gefiel, weil die Sinne vorbereitet waren und man allgemein die unbequeme Mönchskutte satt hatte. Dann lieber nackt! Offenbachs Operette packte fest zu, denn sie lachte über die ganze veraltete Kultur des Abendlandes, über Geistlichkeit, Königstum, Speisehaus, Ehe, die zivilisierten Kriege; und über was man lacht, das wird nicht mehr verehrt. Offenbachs Operette hat dieselbe Rolle gespielt wie die Komödie des Aristophanes; ist ein ähnliches Symptom gewesen am Ende einer Kulturperiode und hat darum ihre Aufgabe erfüllt. Sie war scherzhaft, aber Scherz ist gewöhnlich maskierter Ernst. Nach dem Lachen kam der reine Ernst, und da stehen wir jetzt (1886).

Die Juden lächelten beim Ausgang der Epoche über diese Christen, die zwei Jahrtausende lang eine Hölle aus dem fröhlichen Erdenleben zu machen gesucht hatten und jetzt erst einsahen, daß Christi Lehre eine subjektive ist. Für die geistigen Bedürfnisse ihres Urhebers und seiner Zeitgenossen, die unter der römischen Herrschaft seufzten, war sie geeignet, mußte aber den neuen Verhältnissen angepaßt werden. Die von Natur Positivisten waren und ganze Epochen durchlebt hatten, ohne an Christi Lehre teilzunehmen, sahen jetzt, wie die Christen das Christentum fortwarfen, und sie lächelten. Das war die Rache des Juden und seine Mission in Europa.

Der Jüngling von 1865, der von der Stigmatisierung noch zittert, vom Kampf gegen das Fleisch und den Teufel entnervt ist, dessen Ohren von Glockenläuten und Kirchenliedern gepeinigt worden, kommt in den festlich erleuchteten Zuschauerraum, mit kühnen Jünglingen von guter Geburt und guter Stellung; sieht vom ersten Rang aus diese Bilder des fröhlichen Heidentums sich aufrollen; hört eine Musik, die ursprünglich ist, etwas Gemüt hat, denn Offenbach war germanisiert, liederreich, mutwillig. Schon die Ouvertüre bringt ihn zum Lächeln. Und dann! Der Tempeldienst hinter den Vorhängen erinnert ihn an das Brotbacken in der Küche des Küsters; der Donner erweist sich als eine unverzinnte Eisenplatte; die Göttinnen sind drei schöne Schauspielerinnen; die Götter unsichtbare Regisseure.

Aber hier wurde auch die ganze antike Welt gestrichen. Diese Götter, Göttinnen, Helden, die durch die Lehrbücher einen Anflug von Heiligkeit erhalten hatten, wurden gestürzt. Griechenland und Rom, auf die man sich immer berief als auf den Ursprung aller Bildung, wurden auf ihr richtiges Niveau gebracht. Das war demokratisch, denn nun fühlte man den Druck weniger; und die Furcht, sich nicht so hoch erheben zu können, war einem genommen.

Dann aber kam das Kapitel von der Lebensfreude. Menschen und Götter paarten sich durcheinander, ohne erst zu fragen; Götter halfen jungen Mädchen, alten Greisen zu entlaufen; der Priester tritt aus dem Tempel, da er das Heucheln satt hat, flicht die Weinranke um die feuchte Stirn und tanzt Cancan mit den Hetären.

Das war offenes Spiel! Das nahm Johan auf wie Gottes Wort; er hatte nichts dagegen einzuwenden; es war, wie es sein sollte. War es ungesund? Nein! Aber es aufs Leben anzuwenden, dazu fühlte er kein Verlangen. Es war ja ein Theaterstück; es war unwirklich, und sein Gesichtspunkt war noch der ästhetische.

Was war dies Ästhetische, unter dessen Begriff soviel eingeschmuggelt werden, unter dessen Deckung soviel Zugeständnisse gemacht werden konnten? Ja, Ernst war es nicht; Scherz auch nicht; es war etwas sehr Unbestimmtes. Das Dekameron verherrlichte das Laster, aber sein ästhetischer Wert blieb bestehen. Was war das für ein Wert? Ethisch war das Buch zu verdammen, ästhetisch aber zu loben. Ethisch und ästhetisch! Eine neue Zauberschachtel mit doppeltem Boden, aus der man nach Belieben Mücken oder Kamele hervorholte.

Aber das Stück wurde mit Autorität vom Königlichen Theater gegeben und von den hervorragendsten Künstlern dargestellt; Knut Almlöf selber spielte Menelaus. Der Generalprobe folgte ein Frühstück, bei dem der König und Gardeoffiziere die Wirte machten. Das wußten die Jünglinge durch den Sohn des Kammerherrn, der ihnen Karten gab. Man spielte das Stück beinahe auf höchsten Befehl!

Das Geschrei stieg jedoch ebenso hoch wie das Entzücken. Man konnte nicht mehr sprechen, ohne einen Ausdruck aus der „Schönen Helena‟ zu benutzen. Man konnte Virgil nicht mehr lesen, ohne daß man Achilles mit dem hochnäsigen Achilles übersetzte. Johan sah das Stück erst, als es schon ein halbes Jahr gespielt wurde; deshalb verstand er seinen Lateinlehrer nicht, als der ein Zitat aus der „Schönen Helena‟ gebrauchte. Da fragte der, ob er das Stück nicht gesehen habe. -- Nein! -- Ist nicht möglich! Aber das müssen Sie sehen! Man mußte es sehen; und er sah es.

Der Lehrer in Literatur, der etwas Pietist war, predigte dagegen und warnte; aber er griff das Stück vorsichtigerweise vom ästhetischen Gesichtspunkte an; sprach von schlechtem Geschmack, simplem Ton. Das machte auf einige Eindruck, und auf des Lehrers Aufforderung gingen diese ästhetischen Snobs in den „Ritter Blaubart‟ und zischten, natürlich, nachdem sie sich gründlich amüsiert hatten.

Das Stück hatte das bedrückte Herz des Jünglings etwas erleichtert und ihn über Götzen lächeln gelehrt; aber auf sein Geschlechtsleben oder seine Auffassung vom Weibe hatte es keinen Einfluß.

Tiefer drang dagegen der schwermütige Hamlet. Wer ist dieser Hamlet, der noch heute lebt, nachdem er zur Zeit Johans des Dritten von Schweden das Rampenlicht erblickt hat? Der noch ebenso jung geblieben ist? Man hat ihn zu so vielem gemacht und zu allen möglichen Zwecken benutzt. Johan nahm ihn sofort für seine in Anspruch.

Der Vorhang geht auf: König und Hof in glänzenden Trachten, Musik und Freude. Dann kommt der blasse Jüngling im Trauergewand und lehnt sich gegen den Stiefvater auf. Aha! Er hat einen Stiefvater! Das ist mindestens ebenso schlimm wie eine Stiefmutter haben, denkt Johan. Das ist mein Mann! Und nun soll er gedemütigt werden, man will ihm Sympathie mit den Tyrannen abzwingen. Das Ich des Jünglings erhebt sich. Empörung! Aber sein Wille ist gelähmt; er droht, aber kann nicht zuschlagen. Er züchtigt jedoch die Mutter! Schade nur, daß es nicht der Stiefvater war! Dann aber kommt die Gewissensqual. Gut, gut! Er ist Grübler, wühlt in seinem Innern, bedenkt seine Handlungen so lange, bis sie sich in nichts auflösen. Und dann liebt er die Braut eines andern. Das stimmt ja vollständig. Johan beginnt zu zweifeln, daß er eine Ausnahme ist. So geht es also gewöhnlich im Leben zu? Schön! Dann muß ich's mir nicht so nahe gehen lassen, darf aber auch kein Original sein wollen.

Der zurechtgehauene Schluß verfehlte seinen Eindruck, wenn ihm auch Horatios schöne Rede etwas aufhalf. Den heillosen Fehler des Bearbeiters, Fortinbras zu streichen, merkte der Jüngling nicht. Aber Horatio, der jetzt der Gegensatz wurde, war kein Gegensatz; er war eine ebensolche Memme wie Hamlet und sagte nur ja und nein. Fortinbras, das war der Mann der Tat, der Sieger, der den Thron heischt; aber er war gestrichen, und nun schloß alles mit „Jammer und Elend‟.

Aber es war schön, sein Schicksal beweinen zu können und sein Schicksal beweint zu sehen. Hamlet blieb für ihn vorläufig nur der Stiefsohn; später wurde er der Grübler; noch später der Sohn, das Opfer für die Familientyrannei. So wächst die Auffassung. Der Schauspieler Schwartz gab den Phantasten, den Romantiker, der sich mit der Wirklichkeit nicht versöhnen kann; mit dieser Auffassung erfüllte er, was der damalige Geschmack verlangte. Eine positivistische Zukunft, welche die Romantik ganz lächerlich gemacht hat, wird vielleicht in Hamlet einen Don Quichotte sehen, der von einem Komiker gespielt wird. Hamletische Jünglinge sind schon längst dem Lächeln verfallen, denn ein neues Geschlecht ist heute (1886) gekommen, das ohne Visionen denkt und handelt, wie es denkt.

Das neutrale Gebiet der schönen Literatur und des Theaters, auf dem die Moral nichts zu sagen hatte; wo sich die Menschen nackt in grünen Hainen trafen, um das Tier mit den beiden Rücken zu spielen; wo man Gott und sein heiliges Evangelium verleugnen; wo man, wie in „Ritter Blaubart‟, auf höchsten Befehl die Königlichkeit zum Narren halten konnte; diese Unwirklichkeiten der Dichtung mit ihrer Wiederherstellung einer Welt, die besser ist als die vorhandene -- wurde von dem Jüngling als etwas mehr als Dichtung aufgefaßt. Bald verwechselte er Dichtung und Wirklichkeit; bildete sich ein, das Leben außerhalb seines Elternhauses, also seine Zukunft, sei ein solcher Lustgarten. Besonders das nächste Paradies, die Universität Upsala, begann ihm jetzt vor Augen zu schweben als die Stätte der Freiheit. Dort konnte man schlecht gekleidet gehen, arm sein und doch zu den Studenten, das heißt zur Oberklasse, gehören. Dort durfte man singen und trinken, berauscht nach Hause kommen, sich mit der Polizei herumschlagen, ohne sein Ansehen zu verlieren. Das war das Idealland.

Wer hatte ihn das gelehrt? Wennerbergs „Burschen‟, die er jetzt mit seinem Bruder sang. Aber er wußte nicht, daß die „Burschen‟ die Sache vom Gesichtspunkt der Oberklasse aus sehen; daß diese Lieder Stück für Stück entstanden, um von Prinzen und künftigen Königen gehört zu werden; daß die Helden von Familie waren. Er dachte nicht daran, daß Pumpen nicht so gefährlich ist, wenn eine Tante im Hintergrund lebt; die Prüfung nicht so streng, wenn man den Bischof zum Oheim hat; das Einschlagen von Fensterscheiben nicht so teuer, wenn man in guter Gesellschaft ist.