Der Sohn einer Magd

Part 12

Chapter 123,630 wordsPublic domain

Am ersten Abend wurden nur einige Hiebe gewechselt. Es handelte sich um Glauben und Wissen.

-- Der Glaube müßte die Vernunft töten, meinte Johan nach Krummacher.

-- Pfui, sagte der Freund. Die Vernunft ist eine Gabe Gottes, die den Menschen über das Tier erhebt. Soll denn der Mensch sich zu einem Tier erniedrigen, indem er Gottes Gabe verwirft?

-- Es gibt Dinge, antwortete Johan (nach Norbeck), die man sehr wohl glauben kann, ohne daß man einen Beweis verlangt. Wir glauben an den Kalender, ohne selbst etwas von den Bewegungen der Planeten zu wissen.

-- Ja, antwortete der Freund, wir glauben, wenn wir nicht fühlen, daß unsere Vernunft etwas annimmt. Meine Vernunft hat sich nicht gegen den Almanach erhoben.

-- Ja, antwortete Johan, aber zu Galileis Zeit war es gegen alle Vernunft, anzunehmen, daß die Erde um die Sonne läuft. Das ist nur Widerspruchsgeist, sagte man; er will originell sein.

-- Wir leben nicht in Galileis Zeit, antwortete der Freund; und es ist gegen die Vernunft unserer aufgeklärten Zeit, an Christi Gottheit und die ewigen Strafen zu glauben.

-- Über diese Dinge wollen wir nicht streiten, sagte Johan.

-- Warum nicht?

-- Die stehen über allem Streit!

-- Genau dasselbe habe ich vor zwei Jahren auch gesagt, als ich gläubig war.

-- Sind Sie.. Pietist gewesen?

-- Ja, das bin ich gewesen.

-- Hm! Und Sie haben jetzt Frieden?

-- Jetzt habe ich Frieden!

-- Wie haben Sie den gefunden?

-- Ich lernte durch einen Prediger den Geist des wahren Christentums kennen.

-- Sind Sie denn Christ?

-- Ja, ich bekenne Christus!

-- Aber Sie glauben nicht, daß er Gott war?

-- Das hat er selbst nie gesagt. Er nennt sich nur Gottes Sohn, und Gottes Söhne sind wir alle.

Die Freundin kam und brach das Gespräch ab, das, nebenbei gesagt, typisch für religiöse Wortstreite von 1865 war.

Johans Neugier war geweckt worden. Es gab Menschen, die nicht an Christus glaubten und doch Frieden hatten. Nur Kritik aber hätte die alten Götterbilder nicht gestürzt; die Furcht vor dem leeren Raum hielt ihn zurück, bis ihm Parker in die Hand fiel. Predigten ohne Christus und Hölle, das war, was er brauchte. Und so schöne Predigten. Johan las sie äußerst schnell, und es lag ihm am meisten daran, daß Geschwister und Angehörige sie genossen, auf daß sie ihn mit ihrer Mißbilligung verschonten. Er verwechselte nämlich fremde Mißbilligung mit bösem Gewissen; war so gewohnt, andern recht zu geben, daß er in Zwietracht mit sich selbst geriet.

Aber Christus, der Inquisitor, fiel; die Gnadenwahl, das jüngste Gericht, alles stürzte zusammen, als sei es längst reif zum Fallen gewesen. Er war erstaunt, daß es so schnell ging. Es war, wie alte Kleider ablegen und neue anziehen.

Eines Sonntagmorgens ging er mit dem Ingenieur in den Hagapark hinaus. Es war Frühling. Der Hasel blühte und die Leberblümchen waren herausgekommen. Das Wetter war halbklar, die Luft weich und feucht nach einem nächtlichen Regen. Sie sprachen von der Freiheit des Willens. Der Pietismus hatte eine sehr schwankende Auffassung von der Sache. Man hatte keinen freien Willen, Gottes Kind zu werden. Der Heilige Geist würde einen aufsuchen: also Prädestination. Johan hatte wohl den Willen gehabt, bekehrt zu werden, es aber nicht werden können. „Herr, schaff in mir einen neuen Willen‟, hatte er beten gelernt. Wie aber konnte er denn für seinen bösen Willen verantwortlich sein? Durch den Sündenfall, antwortete der Pietist; da der mit freiem Willen begabte Mensch das Böse wählte, wurde sein Wille böse durch Vererbung; böse für alle Zeiten und hörte auf, frei zu sein. Und er konnte diesen bösen Willen nur durch Jesus und durch die Gnadenwirkung des Heiligen Geistes loswerden. Aber von neuem geboren werden, hing nicht von seinem eigenen Willen ab, sondern von Gottes Gnade. Also unfrei. Aber obwohl unfrei, blieb er verantwortlich. Da lag der Fehlschluß.

Der Ingenieur war ein Verehrer der Natur, und Johan auch. Was ist diese Naturverehrung, die heute für so kulturfeindlich gilt? Ein Rückfall in die Barbarei, sagen die einen; eine gesunde Rückkehr von der Überkultur, sagen die andern. Als der Mensch in der Gesellschaft eine Einrichtung entdeckt, die auf Irrtümern und Ungerechtigkeiten beruht; als er einsieht, daß die Gesellschaft gegen kleine Vorteile auf Triebe und Begierden harten Zwang legt; als er die Illusion, er sei ein Halbgott und ein Kind Gottes, durchschaut und findet, daß er ganz einfach eine Tierart ist: flieht er die Gesellschaft, die mit Rücksicht auf den göttlichen Ursprung des Menschen aufgebaut ist, und geht in die Natur, in die Landschaft hinaus. Da fühlt er sich in seinem Milieu als Tier, fühlt sich als Staffage ins Gemälde eingestellt, sieht seinen Ursprung, die Erde, die Wiese; sieht den Zusammenhang der ganzen Schöpfung in lebendem Auszug; die Berge, die Erde geworden; den See, der Regen ward; die Wiese, die zerbröckelter Berg ist; der Wald, der aus Berg und Wasser gestiegen; sieht die Luft, die er und alle lebenden Wesen einatmen, in großen Massen (den Himmel); hört die Vögel, die von den Insekten leben; sieht die Insekten, welche die Pflanze befruchten; schaut die Säugetiere, von denen er selbst lebt. Er ist bei sich zu Hause.

In der heutigen Zeit mit ihrer naturwissenschaftlichen Weltanschauung könnte eine einsame Stunde in der Natur, wo die ganze Entwicklungsgeschichte in lebenden Bildern gezeichnet ist, der einzige Ersatz für einen Gottesdienst sein. Aber die Evolutionsoptimisten ziehen es vor, in einer Gassenhöhle zusammenzukommen, um dort dieselbe Gesellschaft, die sie verachten und bewundern, zu verwünschen. Sie preisen sie als höchste Höhe der Entwicklung, wollen sie aber stürzen, da sie mit dem wahren Glück des Tieres unvereinbar sei. Sie wollen sie umbilden und entwickeln, sagen einige. Aber ihre Umbildung kann nicht geschehen, ohne daß das Bestehende gestürzt wird; und halbe Maßregeln wollen sie nicht. Sehen sie denn nicht, daß die bestehende Gesellschaft eine mißlungene Evolution ist, selber kulturfeindlich, wie zugleich naturfeindlich?

Die Gesellschaft ist wie alles ein Produkt der Natur, sagen sie, und Kultur ist Natur. Ja, aber es ist schlechte Natur; Natur, die sich auf Abwegen befindet, da sie ihrem Zweck, dem Glück, entgegenwirkt.

Diese Naturverehrung des Ingenieurs, des Vorläufers und Zeitgenossen Johans, entdeckte die Mängel der Kulturgesellschaft und bahnte einen Weg für die neue Ansicht von der Abstammung des Menschen. Schon 1859 war Darwins „Abstammung der Arten‟ erschienen, aber noch war sie nicht durchgedrungen, hatte noch weniger blühen und befruchten können. Moleschott wurde damals gepredigt, und Kreislauf der Materie war das Schlagwort. Mit dem und seiner Geologie zerpflückte der Ingenieur die mosaische Schöpfungsgeschichte. Er sprach noch vom Schöpfer, denn er war Theist, und sah dessen Weisheit und Güte in den geschaffenen Werken.

Während sie im Hagapark spazierengehen, beginnen die Glocken in der Stadt zu läuten. Johan bleibt stehen und lauscht: das waren die furchtbaren Glocken von Klara, die seine traurige Kindheit eingeläutet; das waren die von Adolf Friedrich, die ihn in die blutigen Arme des Gekreuzigten getrieben; das war die Johanniskirche, die des Sonnabends der Jakobischule verkündet hatte, daß die Woche zu Ende sei. Ein leiser, südlicher Wind trug das Geläute aus der Stadt, und unter den hohen Kiefern klang es wider, mahnend, warnend.

-- Willst du in die Kirche gehen? fragte der Freund.

-- Nein, sagte Johan, ich gehe nie mehr in die Kirche.

-- Folg nur deinem Gewissen, sagte der Ingenieur.

Zum ersten Male blieb Johan aus der Kirche fort. Er trotzte sowohl dem Gebot des Vaters wie der Stimme seines Gewissens. Er erhitzte sich und legte los gegen Religion und Familientyrannei; er sprach von Gottes Kirche in der Natur; sprach mit Entzücken von dem neuen Evangelium, das Seligkeit für alle, Leben und Glück für alle verkündete. Dann aber verstummte er.

-- Du hast ein böses Gewissen, sagte der Freund.

-- Ja, sagte Johan, entweder nicht tun, was man bereut; oder nicht bereuen, was man tut!

-- Das letzte ist besser!

-- Aber ich bereue doch! Bereue eine gute Handlung, denn es wäre unrecht, zu heucheln. Mein neues Gewissen sagt mir, daß ich recht habe; und mein altes Gewissen, daß ich unrecht habe. Ich kann keinen Frieden mehr finden!

Das konnte er auch nicht. Sein neues Ich stand auf gegen sein altes, und sie lebten in Uneinigkeit, wie unglückliche Ehegatten, sein ganzes Leben hindurch, ohne sich trennen zu können.

Die Reaktion gegen das Alte, das ausgerodet werden sollte, brach in heftigen Angriffen hervor. Die Furcht vor der Hölle war fort, Selbstentsagung war Einfalt, und die Natur des Jünglings nahm sich ihr Recht. Als Konsequenz entstand eine neue Moral, die er auf sein Gefühl hin so formulierte: was keinem Mitmenschen schadet, ist mir erlaubt. Er fühlte, der Familiendruck war ihm schädlich und niemandem nützlich: so erhob er sich gegen diesen Druck. Den Eltern, die ihm nie Liebe erwiesen, aber auf Dankbarkeit pochten, weil sie ihm aus Gnade und unter Demütigung sein gesetzliches Recht gaben, zeigte er nun seine wirklichen Gefühle. Sie waren ihm antipathisch: er zeigte ihnen Kälte. Auf die ununterbrochenen Angriffe gegen das Freidenkertum antwortete er frank und frei, vielleicht übermütig. Sein halbgebrochener Wille begann sich zu erheben, und er sah ein, daß er vom Leben Rechte zu fordern habe.

Der Ingenieur, dem man die Rolle des Bösen zuerteilte, wurde verflucht und von der Freundin bearbeitet, die jetzt einen Freundschaftsbund mit der Mutter geschlossen. Der Ingenieur war der Frage nicht auf den Grund gegangen: indem er Parkers Kompromiß annahm, hatte er die Selbstverleugnung des Christentums beibehalten. Man sollte liebevoll und verträglich sein, Christi Beispiel folgen und so weiter. Johan hatte alles fortgeworfen und geriet jetzt in Gegensatz zu seinem Lehrer. Von der Freundin, für die er eine stille Neigung nährte, aufgefordert, über die Konsequenzen seiner Lehren erschrocken, schrieb der Ingenieur diesen Brief nieder. Furcht vor dem Feuer, das er entzündet, Liebe zur Freundin, Freundschaft für den Schüler, aufrichtige Überzeugung hatten den diktiert.

„An meinen Freund Johan!

Wie froh begrüßen wir den Frühling, der uns jetzt mit seiner göttlichen Frische berauscht und mit seinem herrlichen Grün entzückt! Die Vögel stimmen ihre heiteren und leichten Melodien an, Leberblümchen und Anemonen stecken schüchtern ihre Köpfchen heraus, unter den flüsternden Zweigen der Tanne.‟

-- Es ist doch merkwürdig, dachte Johan beim Lesen, wie dieser natürliche Mann, der so einfach und wahr spricht, so schwülstig schreiben kann. Dies ist unwahr.

„Welche Brust, sie sei alt oder jung, weitet sich nicht, um die frischen Düfte des Frühlings einzusaugen, die in jedes Herz himmlischen Frieden bringen; eine Sehnsucht, die eine selige Ahnung von Gott und seiner Liebe sein muß. (Dieser Frühlingsduft wird wie ein Atemzug Gottes genossen.) Kann jetzt noch etwas Böses in unserm Herzen wohnen? Können wir nicht verzeihen? O doch! Wir +müssen+ es jetzt, nachdem die Liebesstrahlen der Frühlingssonne die kühlende Schneedecke von Natur und Herz fortgeküßt haben. Wir warten darauf und sehnen uns danach, den schneefreien Boden grünen zu sehen; die guten und liebevollen Taten des guten und warmen Herzens zu begrüßen; Friede und Seligkeit sich durch die ganze Natur verbreiten zu sehen.‟

-- Verzeihen? Ja gewiß, wenn man nur sein Benehmen änderte und ihn freigab. Aber +man+ verzieh ja +ihm+ nicht! Mit welchem Recht forderte man dann Nachsicht von seiner Seite? Mit welchem Recht? Es müßte doch gegenseitig sein!

„Johan, Du glaubst in der Natur und durch die Vernunft Gott auf eine bessere Art aufgefaßt zu haben, als Du es bisher getan hast, da Du an Christi Gottheit und die Bibel glaubtest; aber Du begreifst die Idee nicht mit Deinen eigenen Gedanken. Du hast nur den Schatten aufgefaßt, den das Licht hinter einen Gegenstand wirft, aber nicht die Hauptsache, das Licht selbst. Du glaubst, ein wahrer Gedanke wird den Menschen immer veredeln; das ist aber leider nicht der Fall; das merkst du wohl selber in Deinen bessern Augenblicken. Mit Deinen frühern Ansichten konntest Du einen Fehler bei einem Mitmenschen verzeihen; Du konntest eine Sache von ihrer guten Seite auffassen, wenn sie auch böse zu sein +schien+. Wie aber steht es jetzt? Du bist heftig und bitter gegen eine liebevolle Mutter; Du beurteilst unzufrieden die Handlungen Deines zärtlichen, erfahrenen, grauhaarigen Vaters.‟

-- Mit seinen früheren Ansichten konnte Johan nie einen Fehler bei jemandem verzeihen, am wenigsten bei sich selbst; manchmal bei andern; aber das war dumm. Das war ja schlaffe Moral! -- Eine liebevolle Mutter? Die liebevoll? Wie kam Axel zu dieser Ansicht? Sie hatten ja die harte Frau zusammen kritisiert! Und einen zärtlichen Vater? Warum sollte er dessen Handlungen nicht beurteilen? Hart gegen hart in Selbstverteidigung! Nicht noch die linke Backe hinhalten, wenn die rechte brennt.

„Früher warst Du ein anspruchsloses, liebenswürdiges Kind; jetzt aber bist Du ein selbstsüchtiger und eingebildeter Jüngling.‟

-- Anspruchslos? Doch, das war er sicher; gerade darum wurde er geduckt; jetzt aber fühlte er seine rechtmäßigen Ansprüche! -- Eingebildet! Haha! Der Lehrer fühlte sich von dem undankbaren Schüler vernachlässigt.

„Deiner Mutter warme Tränen strömen über ihre Backen...‟

-- Meiner Mutter? Habe keine Mutter! Und die Stiefmutter weint nur, wenn sie böse ist! Wer zum Teufel hat das diktiert?

„... wenn sie in der Einsamkeit an Dein hartes Herz denkt...‟

-- Was hat sie mit meinem Herzen zu schaffen, da sie einen Haushalt und sieben Kinder zu besorgen hat?

„... und Deinen elenden Seelenzustand...‟

-- Das ist ja Pietismus! Meine Seele hat sich niemals so gesund und lebenskräftig gefühlt wie jetzt!

„... und die Brust Deines Vaters springt fast vor Kummer und Sorge...‟

-- Das war eine Lüge. Vater ist selber Theist und bekennt Wallin; übrigens hat er nicht Zeit, an mich zu denken. Er weiß, daß ich fleißig und ehrlich bin und nicht zu Mädchen gehe. Er hat mich sogar in diesen Tagen gelobt.

„... Du begreifst nicht die traurigen Blicke Deiner Mutter...‟

-- Die hat andere Gründe, denn die Ehe ist nicht glücklich.

„... Deines Vaters liebevolle Warnungen. Du bist wie eine Kluft oberhalb der Schneegrenze, aus der die Küsse der Frühlingssonne den Schnee nicht fortschmelzen noch einige Körner davon in einen Tropfen Wasser verwandeln können.‟

-- Er muß Romane lesen. Übrigens war Johan überaus freundlich und weich gegen seine Freunde in der Schule. Aber gegen die Feinde zu Hause war er kalt geworden; das war ihre Schuld.

„Was werden die Menschen denken von Deiner jetzigen Religion, da sie so elende Früchte trägt? Man wird sie verwünschen. (Und Deine Ansichten geben einem unbedingt ein Recht dazu.)‟

-- Kein Recht, aber die Veranlassung!

„... Man muß den niedrigen Elenden, der dieses höllische Gift in Dein unschuldiges Kinderherz getan, hassen und verachten.‟

-- Da haben wir's. Der niedrige Elende! Er war überflügelt.

„Beweise fortan durch Deine Handlungen, daß Du die Wahrheit nicht so übel auffassest, wie Du bisher getan hast. Denke daran, duldsam zu sein...‟

-- Die Stiefmutter!

„... mit Liebe und Milde die Fehler und Mängel Deiner Mitmenschen zu übersehen...‟

-- Nein, das wollte er nicht! Sie hatten ihn gequält, bis er log; sie waren in seine Seele gedrungen und hatten gute Saat als angebliches Unkraut herausgerissen; sie wollten sein Ich ersticken, das ebensoviel Recht auf Dasein hatte wie ihres. Sie hatten niemals Nachsicht mit seinen Fehlern gehabt: warum sollte er sie mit ihren haben? Weil Christus gesagt hatte... Er gab nichts mehr darauf, was Christus gesagt hatte; das war nicht mehr anzuwenden. Übrigens kümmerte er sich nicht um die zu Hause; er verschloß sich in sich selbst. Sie waren ihm antipathisch und konnten niemals seine Sympathie gewinnen. Das war alles! Sie besaßen indessen Fehler und wollten seine Verzeihung erhalten! Schön! Er verzieh ihnen! Wenn sie ihn nur in Frieden ließen!

„Lerne dankbar gegen Deine Eltern sein, die keine Mühe (hm!) gescheut haben, um Dich zufrieden und glücklich zu machen.‟

„Daß Deine Liebe zu Gott Deinem Schöpfer, der Dich in dieser veredelnden (hm! hm!) Schule hat geboren werden lassen, um Dich schließlich zu Frieden und Seligkeit zu führen, es dahin bringe, dafür betet trauernd aber hoffnungsvoll

Axel.‟

Ich habe genug von Beichtvätern und Inquisitoren, dachte Johan. Seine Seele war gerettet und er fühlte sich frei. Sie streckten die Krallen nach ihm aus, aber er floh. Der Brief des Freundes war unwahr und gemacht; er fühlte Esaus Hände. Er antwortete nicht, sondern brach den Verkehr mit Freund und Freundin ab.

Sie nannten ihn undankbar. Wer auf Dankbarkeit pocht, ist schlimmer als ein Gläubiger; er gibt erst ein Geschenk, mit dem er prahlt, um dann später die Rechnung zu schicken. Diese Rechnung kann nie bezahlt werden, denn ein Gegendienst soll die Dankbarkeitschuld nicht tilgen können; das ist eine Einschreibung auf die Seele eines Menschen, die nicht bezahlt werden kann und sich übers ganze Leben erstreckt. Nimmst du einen Dienst an, so verlangt der Freund, du sollst dein Urteil über ihn fälschen; seine eignen schlechten Handlungen wie die seiner Frau und seiner Kinder loben.

Aber Dankbarkeit ist ein tiefes Gefühl, das den Menschen ehrt und das ihn erniedrigt. Mögen wir dahin kommen, daß wir für eine Wohltat, die vielleicht nur eine Pflicht und Schuldigkeit war, nicht durch Dankbarkeit gebunden sind.

Johan schämte sich über den Bruch mit den Freunden; aber er fühlte, daß sie ihn zurückhielten und unterdrückten. Übrigens: was hatten sie ihm an Freude des Verkehrs geschenkt, das er ihnen nicht zurückgegeben hätte?

* * * * *

Fritz, so hieß der Freund mit dem Kneifer, war ein kluger Weltmensch. Beide Worte, klug und Weltmensch, hatten damals eine häßliche Bedeutung. Klug sein während der spätromantischen Epoche, als alle etwas gestört waren -- das war ein Zeichen der Oberklasse -- klug sein war damals gleichbedeutend mit etwas schlecht sein. Ein weltlicher Mensch sein, während sich alle, so gut sie konnten, in den Himmel zu schmuggeln suchten, war noch schlimmer. Fritz war klug. Er wollte sein einziges Leben gut und angenehm leben; Karriere machen und so weiter. Darum suchte er die Vornehmen auf. Das war klug, denn die hatten Macht und Geld. Warum sollte er sie nicht suchen?

Wie er dazu kam, sich um Johan zu kümmern? Vielleicht animalische Sympathie, vielleicht vieljährige Gewohnheit. Interessen konnte Johan nicht fördern, höchstens daß er ihm vorsagte und mit seinen Büchern aushalf. Fritz bereitete sich nämlich niemals vor und kaufte Punsch für das Geld, das für Bücher bestimmt war.

Als Fritz jetzt sah, daß Johan inwendig gesäubert und sein äußerer Mensch präsentabel sei, führte er ihn in seinen Kreis ein. Es war ein kleiner Kreis von teils vermögenden, teils vornehmen jungen Leuten aus der Klasse, in die Johan ging. Der war zuerst etwas schüchtern gegen die netten Herren; bald aber wurde er vertraut mit ihnen. Eines Tages kommt Fritz, um Johan zu erzählen, er sei zu einem Ball geladen.

-- Ich auf Ball, bist du verrückt? Dazu tauge ich nicht!

-- Solch ein netter Bursche, wie du bist, wird Glück bei den Mädchen machen.

Hm! Da sah er seine Person aus einem neuen Gesichtspunkt. Sollte er -- hm? Und zu Hause bekam er nie etwas anderes als Tadel zu hören!

Er ging auf den Ball. Es war in einem bürgerlichen Hause. Die Mädchen hatten Bleichsucht, einige andere waren rot wie Beeren. Johan liebte am meisten die weißen, die um die Augen blau oder schwarz waren. Die sahen so leidend und schmachtend aus; warfen so bittende Blicke, so bittende. Da war eine, die war leichenblaß, ihre Augen brannten kohlschwarz in tiefen Höhlen; die Lippen waren so dunkel, daß sich der Mund beinahe wie ein schwarzer Strich öffnete. Die machte Eindruck auf ihn; er wagte aber nicht, es auf sie abzusehen, denn sie hatte schon ihren Anbeter. So blieb er bei einer nicht ganz so Blendenden, die mehr süß und mild war.

Auf dem Balle fühlte er sich wohl. Mit fremden Menschen zusammen sein, ohne die kritischen Augen eines einzigen Verwandten zu sehen! Aber es wurde ihm so schwer, mit den Mädchen zu sprechen.

-- Was soll ich ihnen sagen? fragte er Fritz.

-- Kannst du nicht etwas Unsinn mit ihnen schwatzen! Es ist schönes Wetter; macht Ihnen das Tanzen Vergnügen; laufen Sie Schlittschuh; haben Sie die und die Schauspielerin gesehen? Flott sein muß man.

Johan ging und haspelte das Programm herunter; aber der Gaumen wurde ihm trocken, und beim dritten Tanze empfand er Ekel. Er wurde auf sich selbst böse und schwieg.

-- Macht dir das Tanzen kein Vergnügen? fragte Fritz. Muntere dich auf, alter Leichenbitter!

-- Das Tanzen ist ja ganz nett, wenn man nur nicht sprechen müßte. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Das war tatsächlich der Fall. Er hatte die Mädchen gern; es machte ihm Freude, sie zu umfassen; das war so männlich. Aber mit ihnen sprechen? Er fühlte, daß er es mit einer andern Art homo zu tun hatte, die in gewissen Fällen höher, in andern niedriger stand. Er betete in der Stille die kleine Milde an und hatte sie zu seiner Frau erkoren. Nur unter der Form von Ehefrau konnte er sich das Weib denken.

Er tanzte unschuldig; fing aber furchtbare Reden von den Kameraden auf, die er erst später verstand. Die konnten nämlich einen Walzer rückwärts durch den Saal tanzen, auf unkeusche Art, und sprachen geringschätzig von den Mädchen.

Sein ewiges Grübeln, sein beständiges Prüfen seiner Gedanken hatte ihm das Unmittelbare genommen. Wenn er mit einem Mädchen sprach, hörte er seine eigene Stimme, kritisierte seine eigenen Worte. Dann fand er den ganzen Ball albern. Und die Mädchen? Was war es, das ihnen fehlte? Sie genossen ja dieselbe Erziehung wie er; konnten Weltgeschichte und lebende Sprachen; lernten Isländisch im Seminar und waren in Wortwurzeln bewandert; rechneten Algebra. Sie besaßen also dieselbe Bildung; und doch konnte man nicht mit ihnen sprechen!

-- Schwatz Unsinn mit ihnen, sagte Fritz.

Das aber konnte er nicht. Und er dachte auch höher vom Mädchen.

Er wollte nicht mehr auf einen Ball gehen, da er dort keine glückliche Figur spielte; aber er wurde mitgeschleppt. Es schmeichelte ihm, daß man ihn einlud; auch rüttelte es ihn immer etwas auf. Eines Tages war er in einer adeligen Familie, deren Sohn Kadett war. Dort traf er zwei Schauspielerinnen vom Dramatischen Theater. Mit denen mußte er doch sprechen können! Sie tanzten mit ihm, antworteten ihm aber nicht. Er war zu unschuldig. Da lauschte er auf Fritzens Worte, mit denen der die Mädchen unterhielt. Aber um Gottes willen, von was für Dingen der in eleganten Ausdrücken sprach! Und die Mädchen waren hingerissen von ihm. So also mußte man sprechen! Aber das konnte er nicht! Es gab Dinge, die er begehen wollte: aber davon sprechen? Nein! Seine asketische Religion hatte sogar den Mann bei ihm getötet: er fürchtete das Weib wie der Schmetterling, der weiß, daß er sterben wird, wenn er befruchtet hat.