Der Sohn einer Magd

Part 11

Chapter 113,704 wordsPublic domain

Vaters Bewunderung für das alte Mädchen nahm ab, und dieses Französischsprechen war der Stiefmutter unangenehm, weil sie es nicht verstand. Des älteren Bruders Vorrecht auf Französisch war auch damit aufgehoben. Das ärgerte den Vater so, daß er eines Tages zu Johan sagte, es sei unpassend, eine fremde Sprache in Gegenwart von Menschen zu sprechen, die sie nicht verstehen; er begreife nicht, wie Fräulein X., die so gebildet sein solle, sich eine solche Taktlosigkeit erlauben könne. Aber die Bildung des Herzens sei nicht dieselbe wie die Bildung durch Bücher.

Sie wurde im Elternhaus nicht mehr gern gesehen, und man „verfolgte‟ die beiden. Dazu kam, daß die Familie in den benachbarten Hof zog; der Verkehr wurde daher etwas weniger lebhaft.

Am ersten Tage nach dem Umzug war Johan aufgerieben. Er konnte ohne ihre tägliche Gesellschaft nicht leben; er konnte nicht leben ohne ihre Hilfe, die ihn aus seiner Altersklasse herausgehoben und unter die Erwachsenen versetzt hatte. Zu ihr gehen und wie ein lächerlicher Liebhaber sie aufsuchen, nein, das konnte er nicht. Blieb nur übrig, Briefe zu schreiben.

Jetzt beginnt ein Briefwechsel, der ein Jahr dauerte. Die Schwester der Stiefmutter, die das intelligente und fröhliche Mädchen vergötterte, überbrachte heimlich die Briefe. Die Briefe wurden französisch geschrieben, damit sie nicht gelesen werden konnten, wenn sie einmal in falsche Hände fielen. Auch konnte man sich leichter bewegen unter dieser Deckung.

Wovon die Briefe handelten? Von allem. Von Jesus, dem Kampf gegen die Sünde, vom Leben, vom Tode, von Liebe, Freundschaft, Zweifel. Obwohl sie Pietistin war, verkehrte sie mit Freidenkern und litt unter Zweifeln, zweifelte an allem. Johan war bald ihr gestrenger Lehrer, bald ihr bestrafter Sohn.

Lange Auseinandersetzungen und Beweisführungen hatten sie auch über ihr Verhältnis. War es Liebe oder Freundschaft? Aber sie liebte ja einen andern Mann, von dem sie fast nie sprach. Johan betrachtete niemals ihren Körper. Er sah nur ihre Augen, die tief und ausdrucksvoll waren. Es war auch nicht gerade die Mutter, die er verehrte, denn er sehnte sich niemals danach, seinen Kopf in ihren Schoß zu legen; was er dagegen gern bei andern Frauen getan hätte. Er hatte beinahe ein Entsetzen davor, sie anzurühren; nicht das Entsetzen der verborgenen Begierde, sondern des Ekels. Er tanzte einmal mit ihr, aber tat es nicht wieder. Wenn es draußen windig war und ihr Kleid wurde aufgeweht, sah er fort. Es war wohl Freundschaft, und ihre Seele war so männlich, und ihr Körper auch, daß eine Freundschaft entstehen und dauern konnte.

Geistige Ehen können darum nur zwischen mehr oder weniger Ungeschlechtlichen stattfinden; und wo es die gibt, wird man immer etwas Anormales beobachten können. Die besten Ehen, das heißt die am besten ihre wirkliche Bestimmung erfüllen, sind gerade die „mal assortis‟.

Abneigung, Verschiedenheit der Ansichten, Haß, Verachtung können die wahre Liebe begleiten. Verschiedene Intelligenzen und Charaktere bringen die reichsten Kinder hervor, die beider Anlagen erben. Frau Maria Grubbe, die an Überkultur litt, sucht und sucht mit vollem Bewußtsein einen geistigen Gatten. Sie wird unglücklich, bis sie einen Stallknecht bekommt, der ihr gibt, was sie braucht, und Schläge dazu. Das hatte sie nötig als Ergänzung.

* * * * *

Inzwischen näherte sich die Konfirmation. Die war so lange wie möglich aufgeschoben worden, um den Jüngling unter den Kindern zurückzuhalten. Und auch die sollte benutzt werden, um ihn zu ducken. Als der Vater ihm seinen Entschluß mitteilte, sprach er die Hoffnung aus, der Unterricht werde sein Eis ums Herz schmelzen.

Es wurde eine gehörige Strafaufgabe. Zuerst kam er unter die Kinder der Unterklasse, Tabaksbinder und Schornsteinfeger, Lehrlinge aller Art. Er empfand wie früher Mitleid mit ihnen, aber er liebte sie nicht, konnte sich ihnen nicht nähern und wollte es auch nicht. Er war durch seine Erziehung ihnen entwachsen, wie er seiner Familie entwachsen war.

Er wurde wieder Schuljunge; wurde geduzt und mußte auswendig lernen; bei den Fragen aufstehen und zusammen mit dem Haufen Schelte anhören.

Der Geistliche war Hilfsprediger und Pietist. Er sah aus, als leide er an einer ansteckenden Krankheit oder habe Dr. Kapff gelesen. Streng, unbarmherzig, gefühllos, ohne ein Wort der Gnade oder des Trostes. Cholerisch, jähzornig, nervös, war dieser eingebildete Bauernjunge der Liebling aller Damen. Aber dadurch, daß er oft gehört wurde, machte er schließlich Eindruck. Er predigte vom Schwefelpfuhl, verfluchte Theater und alle Arten Vergnügen. Lehre und Leben sollten eins sein.

Johan begann mit sich selbst und seiner Freundin. Sie wollten ihr Leben ändern; nicht tanzen, nicht ins Theater gehen, nicht scherzen. Er schrieb jetzt in der Schule pietistische Aufsätze und nahm sich vor, nicht mehr leichtsinnige Geschichten anzuhören.

-- Pfui Teufel, du bist ja Mucker, sagte eines Tages ein Kamerad öffentlich.

-- Ja, das bin ich, sagte er. Er wollte seinen Erlöser nicht verleugnen.

Die Schule wurde jetzt unerträglich. Er litt jetzt ein Martyrium; ihm war bange vor den Lockungen der Welt, denn er hatte empfunden, wie das Leben lockte. Er fühlte sich auch als Mann und wollte ins Leben hinaus, um zu arbeiten, sich selbst zu ernähren und sich zu verheiraten. Sich verheiraten war sein Traum, denn unter einer andern Form konnte er sich die Verbindung mit einem Weib nicht denken. Es mußte gesetzlich und geheiligt sein.

Unter diesen Träumen erzeugte er einen Entschluß, der wohl etwas seltsam war, aber seine Gründe hatte. Ein Beruf mußte es sein, der leicht zu erlernen war, der seinen Mann bald ernährte; eine Stellung, in der er nicht der Letzte war, aber auch nicht der Höchste; eine unbedeutende, demütige Stellung, die aber ein bewegliches, gesundes Leben in der freien Luft mit einer bald errungenen wirtschaftlichen Selbständigkeit vereinigte. Die Bewegung in der freien Luft, ein Leben in Turnen war vielleicht der Hauptgrund, daß er sich dafür entschied, Unteroffizier in einem Reiterregiment zu werden, um diesem fatalen Todesjahr zu entgehen, vor dem der Geistliche ihn von neuem gewarnt hatte. War es vielleicht auch die Uniform und das Pferd? Wer weiß? Der Mensch ist ein sonderbares Geschöpf. Aber er hatte ja die Kadettenuniform ausgeschlagen.

Die Freundin riet ab, so sehr sie nur konnte; sie malte die Sergeanten als die schlimmsten von allen Menschen aus. Aber er war stark und sagte, der Glaube an Jesus werde ihn rein von aller Ansteckung halten; ja, er werde ihnen Christus predigen und sie alle rein machen.

Er ging zum Vater. Der faßte das Ganze als eine Phantasie auf; sprach von dem nahen Studentenexamen, das ihm eine ganze Welt öffnen werde. So mußte er vorläufig die Sache aufschieben.

Die Stiefmutter hatte einen Sohn bekommen. Johan haßte den aus Instinkt, als einen Konkurrenten, der seine jüngeren Geschwister in den Hintergrund drängen mußte. Aber die Macht der Freundin und des Pietismus war so stark, daß er aus Selbstkasteiung sich auferlegte, den Kleinen zu lieben. Er trug ihn auf seinen Armen und wiegte ihn.

-- Das ist sicher gewesen, wenn niemand es sah, sagte die Stiefmutter, wenn er mit diesem Beweis seines guten Willens kam.

Ja, eben, wenn niemand es sah, denn er wollte nicht damit prahlen. Oder schämte sich darüber. Das Opfer war aufrichtig, als es geschah; als es ihm widrig wurde, hörte es auf.

* * * * *

Gründlich wurde man für die Konfirmation zurechtgewiesen, privatim wie öffentlich, im halbdunkeln Chor der Kirche, während einer Reihe von Passionspredigten, endlosen Gesprächen über Jesus, Kasteiungen; höher konnte die Stimmung nicht hinaufgeschraubt werden. Nach der Prüfung schalt er die Freundin aus, weil er gesehen hatte, wie sie lachte.

Am Tage des Abendmahls hielt der Pfarrer die Predigt. Es war der wohlwollende Rat eines alten aufgeklärten Mannes, den er der Jugend fürs Leben gab; es war herzlich und tröstend; keine Posaunen des Gerichts, keine Strafe für nicht begangene Sünden. Während der Predigt fielen ihm die Worte oft wie Balsam aufs verwundete Herz, und zuweilen kam es ihm vor, als habe der Alte recht.

Der Akt selbst am Altar, von dem er sich soviel versprochen hatte, verfehlte seine Wirkung. Die Orgel spielte stundenlang „O Lamm Gottes, erbarme dich unser‟. Knaben und Mädchen weinten und waren halbtot, wie beim Anblick einer Hinrichtung. Aber Johan war nur benommen; er wußte weder aus noch ein. Die Gnadenmittel hatte er im Küsterhause aus der Nähe gesehen, und die Sache war jetzt bis ins Sinnlose getrieben. Sie war reif zum Fallen. Und sie fiel!

* * * * *

Er bekam einen hohen Hut; erbte die abgelegten Kleider des Bruders, die weit und fein waren. Der Freund mit dem Kneifer nahm sich jetzt seiner an. Er hatte ihn allerdings auch nicht verlassen, als Johan Pietist war. Der nahm die Sache leicht, wohlwollend, nachsichtig; bewunderte ein wenig das Märtyrertum und den festen Glauben, den Johan in Handlung umsetzen wollte. Jetzt aber griff er ein. Er nahm Johan mit auf den Mittagspaziergang. Zeigte ihm die Schönheiten der Stadt; sagte ihm die Namen der Schauspieler, die sie trafen; nannte die Offiziere, welche die Parade anführten. Johan war noch schüchtern und besaß kein Selbstvertrauen.

Eines Mittags um zwölf, als sie ins Gymnasium gehen wollten, sagte der Freund:

-- Komm, wir wollen in den „Drei Römern‟ Frühstück essen.

-- Nein, wir müssen in die griechische Stunde!

-- Ach, wir schwänzen das Griechische heute.

Schwänzen! Das war das erstemal. Aber etwas Schelte konnte man ja ertragen.

-- Ja, aber ich habe kein Geld.

-- Das brauchst du auch nicht; ich habe dich ja eingeladen.

Der Freund schien verletzt zu sein.

Sie gingen in die Kneipe. Ein schöner Geruch von Beefsteak schlug ihnen entgegen; die Kellner nahmen ihnen die Mäntel ab und hingen die Hüte an.

-- Die Speisekarte! rief der Freund mit Sicherheit, denn er aß seit einigen Jahren in der Kneipe.

-- Willst du ein Beefsteak haben?

-- Ja, bitte!

Er hatte nicht mehr als zwei Male in seinem Leben Beefsteak gegessen.

-- Butter, Käse und Branntwein; und zwei Halbe Bier!

Ohne Umstände goß Fritz den Schnaps ein.

-- Nein, ich weiß nicht, ob ich darf!

-- Hast du noch keinen Schnaps getrunken?

-- Nein!

-- Ach, nimm nur, der tut einem gut!

Er nahm ihn. Ab! Das wärmte den Körper, die Tränen traten ihm in die Augen, und ein leichter Nebel lagerte sich über das Zimmer; aber durch den Nebel klärte es sich auf; die Kräfte wuchsen, der Gedanke arbeitete, es kamen neue Gesichtspunkte, die dunkle Vergangenheit wurde heller.

Dann kam das saftige Stück Fleisch. Das war Essen!

Der Freund aß noch ein Butterbrot mit Käse. Johan fragte:

-- Was sagt der Wirt dazu?

Der Freund lächelte ihn wie ein alter Onkel an:

-- Iß nur; es kostet ebensoviel!

-- Nein, aber Käsebutterbrot zum Beefsteak! Welche Unsitte!

Aber wie gut das schmeckte! Es war ihm, als esse er heute zum ersten Male. Und dann Bier.

-- Soll jeder eine ganze halbe Flasche trinken? Bist du verrückt?

Das war doch einmal Essen! Das war kein so leerer Genuß, wie der blasse Mann behauptet hatte! Nein, das war ein solider Genuß, starkes Blut in halbleere Ader rollen zu fühlen, welche die Nerven zum Kampf des Lebens versehen sollten. Es war ein Genuß, zu fühlen, wie die entschwundene Manneskraft zurückkehrte; zu fühlen, wie sich die schlaffen Sehnen eines halb gebrochenen Willens wieder spannten. Die Hoffnung erwachte, der Nebel wurde eine rosenrote Wolke; und der Freund ließ ihn in die Zukunft blicken, wie sie von der Freundschaft und der Jugend gedichtet wird.

Diese Illusionen der Jugend über das Leben, woher kommen sie? Aus Kraft, sagt man. Aber der Verstand, der so viele Wünsche der Kindheit in nichts hat aufgehen sehen, müßte den Schluß ziehen können, daß es unmöglich ist, die Illusionen der Jugend zu verwirklichen. Alle diese Träume sind ungesunde Illusionen, die von unbefriedigten Trieben hervorgerufen werden, und sie werden einst verschwinden; dann werden die Menschen verständiger werden und glücklicher.

Johan hatte nichts anderes vom Leben fordern gelernt als Freiheit von Tyrannei und Mittel zum täglichen Brot. Das genügte. Er war kein Aladdin und glaubte nicht ans Glück. Er besaß Kräfte genug, aber kannte sie nicht. Der Freund mußte ihn erst entdecken.

-- Du mußt öfters mit uns ausgehen und dich etwas aufrütteln, sagte er; sitz nicht soviel zu Hause!

-- Das kostet Geld, und ich bekomme keins.

-- Dann gib Stunden!

-- Stunden? Ich? Glaubst du, ich könnte Stunden geben?

-- Du hast ja so gute Kenntnisse; das muß sehr leicht gehen.

Er hatte gute Kenntnisse! Das war eine Anerkennung oder eine Schmeichelei, wie die Pietisten es nannten, und die fiel in fruchtbaren Boden.

-- Aber ich habe keine Bekannte! Keine Verbindungen!

-- Sag es nur dem Direktor, dann geht's! Es ist ja für mich gegangen!

Johan wagte kaum an ein solches Glück zu glauben, daß er sich Geld verdienen könne. Aber wenn er hörte, daß andere es konnten, und er sich mit ihnen verglich! Ja, aber die hatten Glück!

Der Freund brachte ihn in Bewegung. Bald hatte er des Abends die Schulaufgaben durchzunehmen und war Lehrer in einem Mädchenpensionat.

* * * * *

Jetzt erwachte sein Selbstgefühl. Die Mägde des Elternhauses nannten ihn Herr Johannes, und die Lehrer in der Schule redeten die Klasse an: meine Herren. Auf eigne Faust begann er jetzt sein Schulwesen zu reformieren. Zuerst hörte er mit dem Griechischen auf. Längst hatte er den Vater gebeten, ihm das zu erlassen; aber vergeblich. Jetzt tat er's auf eigene Faust, und der Vater erfuhr es erst lange nach dem Studentenexamen. Darauf stellte er die Mathematik ein, nachdem er erfahren, daß ein Lateiner das Recht hatte, in diesem Lehrstoff auf ein Zeugnis zu verzichten. Ferner wurde er nachlässig in Latein. Er wollte in einem Monat vor der Prüfung alles noch einmal durchnehmen, indem er büffelte. Dann führte er die Gewohnheit ein, während der Stunden französische, deutsche, englische Romane zu lesen. Die Fragen gingen gewöhnlich der Reihe nach; er hatte sein Buch vor sich, bis sich die Frage näherte; er rechnete aus, was er für eine Stelle bekommen werde, und bereitete sich rasch vor. Die lebenden Sprachen wurden jetzt seine Stärke, neben den Naturwissenschaften.

Mit Minderjährigen die Aufgaben durchnehmen, war eine neue furchtbare Strafarbeit, aber es war eine Arbeit, die sich bezahlte. Natürlich hatten nur Knaben, die widerwillig lernten, einen besonderen Lehrer. Es war eine grausame Arbeit für sein lebhaftes Gehirn, sich diesen Köpfen anzupassen. Sie waren einfach unmöglich! Sie konnten nicht aufmerksam sein. Er glaubte, sie seien störrisch. Die Wahrheit war, daß ihr Wille die Aufmerksamkeit nicht erzwingen konnte. Mit Unrecht galten diese Knaben für dumm. Sie waren im Gegenteil aufgeweckt; aber ihre Gedanken drehten sich um wirkliche Dinge. Später scheinen sie die Torheit der Lehrstoffe durchschaut zu haben. Viele von ihnen sind dann tüchtige Männer im Leben geworden; und noch mehrere wären es geworden, wenn sie nicht von ihren Eltern gezwungen wären, ihrer Natur Gewalt anzutun und die Studien fortzusetzen.

Im Mädchenpensionat arbeitete er nur mit den Kleineren. Die Großen dagegen gingen frei im Zimmer herum und zeigten ihre Strümpfe gegen Tischbeine und Stuhlfüße. Er war ihnen gut, wagte sich aber nicht ihnen zu nähern.

Als die Freundin die Änderung in seinem Wesen bemerkte, entstand ein neuer Streit. Sie warnte ihn vor dem Freund, der ihm schmeichle; und sie warnte ihn vor den jungen Mädchen, von denen er mit einer gewissen Wärme sprach. Sie war eifersüchtig. Sie berief sich auf Jesus, aber Johan hörte nicht zu. So zog er sich von ihr zurück.

Er führte jetzt ein munteres und tätiges Leben. Mittags Parade und einen Trunk. Abends Serenaden, denn er sang jetzt in einem Quartett, Punsch und etwas Liebelei mit Kellnerinnen. Er verliebte sich in eine kleine Blonde, die hinter dem Ladentisch saß und schlief. Er wollte sie für sich retten, sie auf einer Pfarre in Pension geben, selbst Geistlicher werden und sich mit ihr verheiraten. Aber die Liebe ging bald vorüber, als er eines Abends sah, wie die Kameraden sie in einem Privatzimmer an die Brust faßten.

Währenddessen war Jesus aus seinem Amt entsetzt worden, aber ein schwacher Grundton von Frömmlertum und Askese klang noch nach. Er betete noch aus Gewohnheit, aber ohne Hoffnung, daß sein Gebet erhört werde; er hatte ja so lange diese Bekanntschaft gesucht, die so leicht zu finden sein soll, wenn man nur ein wenig an die Tür der Gnade klopfe. Um die Wahrheit zu sagen, es lag ihm nicht soviel daran, beim Wort genommen zu werden. Wenn sich die Tür geöffnet und der Gekreuzigte ihn hereingerufen hätte, er wäre nicht erfreut gewesen. Sein Fleisch war zu jung und zu gesund, um sich gern kreuzigen zu lassen.

8.

+Eisgang.+

Die Schule erzog, nicht das Elternhaus. Die Familie ist zu eng und hat zu kleine, selbstsüchtige, antisoziale Zwecke. Treten dann noch obendrein so abnorme Verhältnisse ein wie Wiederverheiratung, so ist es mit der einzigen Berechtigung der Familie zu Ende. Das Kind einer verstorbenen Mutter müßte ganz einfach aus der Familie herausgenommen werden, wenn der Vater sich wieder verheiratet. Damit wären die Interessen aller Teile gewahrt; nicht am wenigsten des Vaters, der vielleicht am meisten leidet, wenn er eine neue Familie bildet. In der Familie gibt es nur einen (oder zwei) Willen, der herrscht, gegen den keine Berufung möglich ist; deshalb ist Gerechtigkeit ausgeschlossen. In der Schule ist eine ständige und wache Jury, die Kameraden wie Lehrer schonungslos beurteilt.

Die Jünglinge begannen ihre Wildheit abzulegen; soziale Instinkte erwachten; man fing an einzusehen, daß die eigenen Interessen gemeinsam durch Ausgleich gefördert werden müßten. Unterdrückung durfte nicht stattfinden, denn der Mitglieder waren genug, um eine Partei zu bilden und sich zu empören. Ein Lehrer, der von einem Schüler schlecht behandelt wurde, konnte am ehesten Gerechtigkeit erlangen, wenn er an die Schüler appellierte. Aber auch die Teilnahme an größeren allgemeinen Angelegenheiten, des Volkes, des Landes, der Menschheit, begannen sich zu zeigen.

Während des deutsch-dänischen Krieges bildete man einen Fonds zum Einkauf von Kriegsdepeschen; die wurden an der schwarzen Tafel angeschlagen, von den Lehrern mit Interesse gelesen und veranlaßten vertrauliche Gespräche, in denen die Lehrer über Ursachen und Entstehung des Krieges sprachen. Man war natürlich einseitig skandinavisch, und die Frage wurde vom Gesichtspunkt der Studententage beantwortet. Für den künftigen Krieg wurde jetzt der Grund gelegt zu einem Preußen- und Deutschenhaß, der schon beim Begräbnis des beliebten Turnlehrers Leutnant Betzholtz einen leisen fanatischen Zug annahm.

Das Jahr 1865 näherte sich. Der Geschichtslehrer, Edelmann und Aristokrat, ein gefühlvoller und freundlicher Mann, suchte die Jünglinge in der Frage der Volksvertretung heimisch zu machen. In der Klasse hatten sich Parteien gebildet; einer von den Söhnen der Sprecher des Herrenhauses, ein Graf S., der allgemein beliebt und geschätzt war, wurde das Haupt der Opposition. Er war von alter deutscher Schwertritterfamilie, aber arm, verkehrte mit seinen Kameraden vertraulich, hatte aber doch ein starkes Geburtsgefühl. An den Tagen vor der letzten Abstimmung hatten die Kameraden geholfen, den geistlichen Stand anzuspeien. Eine Schlacht, eher ein Spiel, entstand in der Klasse, und Tische und Bänke wurden umgeworfen.

Die Sache des Volkes war durchgesetzt. Graf S. blieb aus. Der Geschichtslehrer sprach mit Bewegung von dem Opfer, das Ritterschaft und Adel auf dem Altar des Vaterlandes gebracht hätten, als sie auf ihre Privilegien verzichteten. Der gute Mann wußte noch nicht, daß Privilegien keine Rechte sind, sondern Vorrechte, die man an sich gerissen hat, die aber zurückgenommen werden können, wie Eigentum bei gewissen nicht ganz gesetzlichen Käufen. Der Lehrer bat die Klasse, Mäßigung über den Sieg zu zeigen und die Besiegten nicht zu verletzen. Der junge Graf wurde auch mit ausgesuchter Achtung empfangen, als er wieder in die Klasse eintrat. Aber die Gefühle überwältigten ihn, als er die vielen Unebenbürtigen sah, die jetzt mit ihm auf gleicher Stufe standen, dermaßen, daß er in Tränen ausbrach und hinausgehen mußte.

Johan war in der Politik nicht zu Hause. Die war natürlich als ein allgemeines Interesse vom Elternhaus ausgeschlossen, in dem nur Privatinteressen gewahrt wurden, allerdings auch recht schlecht. Söhne werden erzogen, als sollten sie ihr ganzes Leben lang Söhne bleiben, ohne daß man daran denkt, daß sie einmal Väter werden sollen. Aber Johan hatte seinen Unterklasseninstinkt, der ihm sagte, eine Ungerechtigkeit werde abgeschafft; die obere Fläche senke sich so weit, daß die untere auf das gleiche Niveau kommen konnte. Er war natürlich liberal; da aber der König auch liberal war, so war man zugleich Royalist.

* * * * *

Parallel mit dem starken Gegenstrom, dem Pietismus, lief der neue Rationalismus, aber in entgegengesetzter Richtung. Das Christentum, das man mit dem Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts zur Mythologie verwiesen hatte, war wieder in Gnaden aufgenommen worden; und da die Lehre Staatsschutz genoß, konnten die Söhne der Restauration sich nicht gegen die von neuem eingeimpften Dogmen wehren. Aber 1835 hatte Strauß' „Leben Jesu‟ eine neue Bresche geschlagen, und auch in Schweden sickerte neues Wasser in die vermodernden Brunnen. Das Buch wurde Gegenstand eines Prozesses, aber auf dieser Grundlage wurde dann das ganze moderne Reformationswerk aufgebaut; von selbständigen Reformatoren wie immer, denn die andern reformieren nicht.

Pfarrer Cramér hat die Ehre, der erste gewesen zu sein. Schon 1859 gab er seinen „Abschied aus der Kirche‟ heraus, eine populäre, aber kenntnisreiche Kritik des Neuen Testaments. Er besiegelte seinen Glauben mit der Tat und trat aus der Staatskirche aus, indem er sein Amt niederlegte. Seine Schrift grub am tiefsten, und wenn auch Ignells Bücher mehr von Theologen gelesen wurden, bis zur Jugend gelangten sie nicht.

Im selben Jahre erschien „Der letzte Athener‟ von Victor Rydberg. Dessen Wirkung wurde dadurch sehr abgeschwächt, daß man die Arbeit als literarischen Erfolg begrüßte und auf das neutrale Gebiet der Dichtung verwies. Tiefer griff 1862 Rydbergs „Lehre der Bibel von Christus‟, welche die Theologen zur Götterdämmerung weckte. Renans „Leben Jesu‟, in der Übersetzung von Ignell, packte alle Leute, alte wie junge, wie ein Sturm; und es wurde in der Schule neben Cramér gelesen, was mit der „Lehre‟ nicht der Fall war. Und mit Boströms Angriff auf die Höllenlehre von 1864 waren die Pforten geöffnet für den Rationalismus oder das Freidenkertum, wie es genannt wurde. Boströms eigentlich unbedeutende Schrift wirkte doch außerordentlich durch den großen Namen des Professors der Universität Upsala und frühern Prinzenlehrers, den der mutige Mann aufs Spiel setzte; und den niemand nach ihm aufs Spiel gesetzt hat, seit es keine Ehre mehr ist, Freidenker zu sein oder für die Freiheit des Gedankens und dessen Rechte zu arbeiten.

Genug, alles war bereit, und nur ein Hauch war nötig, um das Kartenhaus des Jünglings umzustoßen. Da kam ein junger Ingenieur auf seinen Weg. Der war sogar Mieter im Hause der Freundin. Der beobachtete Johan lange, ehe er an ihn herantrat. Johan hatte Achtung vor ihm, weil er einen guten Kopf haben sollte; und er war wohl auch etwas eifersüchtig. Die Freundin bereitete Johan auf die Bekanntschaft vor und warnte ihn. Es sei ein äußerst interessanter Mensch, ein brillanter Kopf, aber er sei gefährlich. Johan traf den Mann. Es war ein stark gebauter Wermländer mit groben ehrlichen Zügen; einem kindlichen Lächeln, wenn er lächelte, was nicht oft geschah; eher still als geräuschvoll. Sie waren sofort bekannt.