Part 10
Der Zwang im Elternhause wurde um so drückender, je mehr seine Stellung in der Schule die eines freien Mannes wurde. Er hatte als Gymnasiast dort Rechte erhalten. Er konnte die Klasse verlassen, ohne erst um Erlaubnis bitten zu müssen; blieb bei den Fragen sitzen und wagte dem Lehrer seine Meinung zu sagen. Er war der Jüngste in der Klasse, saß aber unter den Ältesten und Längsten. Die Lehrer traten mehr als Vorleser auf, als daß sie Aufgaben abfragten.
Der frühere Menschenfresser aus Klara war ein Patriarch, der Ciceros „Alter‟ und „Freundschaft‟ erklärte und sich nicht viel um die Vokabeln kümmerte. Ja, er ging soweit, Didos und Aeneas' Begegnung in der Grotte zu erläutern, indem er damit anfing, „dem Reinen sei alles rein‟. Er ließ sich über die Liebe aus, kam auf Abwege und wurde melancholisch. (Die Jünglinge erfuhren nachher, daß er gerade im Begriff war, um ein altes Fräulein zu freien.) Er schlug nie mehr einen hochmütigen Ton an, sondern war so hochherzig, einmal, als er einen Fehler machte (er war schwach im Latein), ganz offen zu bekennen, daß man niemals unvorbereitet in die Schule kommen dürfe, wenn man auch noch so befähigt sei. Das machte großen Eindruck auf die Jünglinge. Er gewann als Mensch, wenn er auch als Lateiner verlor. Seitdem half man sich gegenseitig bei den Übersetzungen.
Da er in den Naturwissenschaften bewandert war, wurde Johan in den Verein „Freunde der Naturwissenschaft‟ gewählt. Da er der einzige aus seiner Klasse war, galt es für eine große Ehre. Jetzt konnte er mit Kameraden aus den obersten Klassen zusammen sein, die im nächsten Jahr Studenten wurden.
Er sollte einen Vortrag halten. Er erzählte es zu Hause, daß er einen Vortrag halten solle. Er schrieb eine Abhandlung über die Luft und las sie vor.
Nach der Zusammenkunft ging der Verein in eine Kneipe am Heumarkt, wo man Punsch trank. Johan war den großen Herren gegenüber schüchtern, fühlte sich aber merkwürdig wohl. Zum ersten Male war er aus seiner Altersklasse emporgehoben worden. Der Reihe nach wurden unanständige Anekdoten erzählt. Er erzählte nur eine unschuldige und schämte sich sehr dabei.
Später besuchten die Herren ihn im Elternhause; dabei nahmen sie seine besten Alpenpflanzen und einige chemische Apparate mit.
* * * * *
Aus reinem Zufall hatte Johan einen Freund in der Schule bekommen. Als er Primus in der obersten Klasse war, kam der Rektor eines Tages mit einem großen Herrn herein, der Gehrock, Schnurrbart, Kneifer trug.
-- Hör mal, Johan, sagte er, nimm dich dieses Burschen an, er kommt eben vom Lande, und mach ihn mit den Verhältnissen vertraut.
Der Kneifer sah verächtlich auf das Bürschlein in Jacke, und es kam zu keiner Annäherung. Aber sie saßen neben einander; Johan hielt das Buch und sagte dem ältern vor, der nie etwas konnte, aber von Getränken und Cafés sprach.
Eines Tages spielt Johan mit dem Kneifer und die Feder bricht ihm entzwei. Der Kamerad wurde böse. Johan versprach, den Kneifer wieder heil machen zu lassen. Er nahm ihn mit nach Hause. Er war schwer zu tragen, denn er wußte nicht, wie er das Geld bekommen solle: So machte er sich selbst ans Werk. Nahm die Schrauben heraus, durchbohrte eine alte Uhrfeder; aber es gelang ihm nicht.
Der Kamerad erinnerte. Johan verzweifelte. Der Vater würde es nie bezahlen.
-- Dann lasse ich's machen; du kannst es später bezahlen.
Der Kneifer wurde repariert; kostete fünfzig Pfennige. Am nächsten Montag lieferte Johan zwölf Schillinge in Kupfer ab und versprach den Rest für den nächsten Montag.
Der Kamerad verstand den Zusammenhang.
-- Das ist dein Frühstücksgeld, sagte er. Hast du nur zwölf Schillinge in der Woche?
Johan errötete und bat ihn, sie zu nehmen. Am nächsten Montag brachte er die andern Kupferstücke. Neuer Widerstand, neues Drängen.
Die beiden Jünglinge hielten seitdem zusammen, auf der Schule in Stockholm, auf der Universität in Upsala und noch länger. Der Freund war eine heitere Natur und nahm die Welt ohne alle Umstände. Disputierte etwas mit Johan, brachte ihn aber meist zum Lachen.
Durch den Gegensatz zu dem freudlosen Elternhause wurde ihm die Schule jetzt ein heiterer, heller Zufluchtsort, wohin er vor der Familientyrannei flüchtete. Daraus aber entstand ein Doppelleben, das ihn wieder in allen Gelenken verrücken sollte.
7.
+Erste Liebe+.
Wenn der Charakter des Menschen schließlich die Rolle ist, bei der er in der Komödie des sozialen Lebens stehen bleibt, so war Johan in dieser Periode sehr charakterlos; das heißt recht aufrichtig. Er suchte, fand nicht und konnte bei nichts bleiben. Seine brutale Natur, die jedes Geschirr, das man ihm auflegte, abwarf, beugte sich nicht; und sein Gehirn, das zum Empören geboren war, konnte nicht automatisch werden. Er war ein Reflexionsspiegel, der alle Strahlen, die ihn trafen, zurückwarf. Ein Kompendium aller seiner Erfahrungen, aller wechselnder Eindrücke und voller streitender Elemente.
Einen Willen hatte er, der stoßweise arbeitete und dann fanatisch. Gleichzeitig aber wollte er eigentlich nichts; war sanguinisch und hoffte alles. Hart wie Eis im Elternhaus, war er oft gefühlvoll bis zur Empfindsamkeit; konnte in einen Torweg treten und sich die Unterjacke ausziehen, um sie einem Armen zu geben; konnte weinen, wenn er eine Ungerechtigkeit sah. Sein Geschlechtsleben, das sich nach der Entdeckung der Sünde gelegt hatte, brach jetzt in nächtlichen Träumen los, die er dem Teufel zuschrieb; gegen den rief er Jesus als Helfer an. Er war jetzt Pietist. Aufrichtig? So aufrichtig jemand sein konnte, der sich in eine veraltete Weltanschauung einleben wollte. Er war es aus Bedürfnis zu Hause, wo alles seine geistige und körperliche Freiheit bedrohte. In der Schule war er ein heiterer Weltmann, ohne Empfindsamkeit, weich und umgänglich. Dort wurde er für die Gesellschaft erzogen und hatte Rechte. Im Elternhause wurde er wie eine eßbare Pflanze für den Gebrauch der Familie gezogen und hatte keine Rechte. Er war auch Pietist aus geistigem Hochmut wie alle Pietisten. Beskow, der bußfertige Leutnant, war von Christi Grab heimgekehrt, wo er den Richtweg über die theologische Prüfung zum Himmel gefunden hatte. Seine „Reise‟ wurde zu Hause von der Stiefmutter gelesen, die den Pietismus beschnupperte. Beskow brachte den Pietismus in Mode, und dieser Mode folgte jetzt ein großer Teil der Unterklasse. Der Pietismus war damals, was der Spiritismus jetzt (1886) ist: ein wohlfeiles Wissen, eine angeblich höhere Kenntnis verborgener Dinge. Deshalb traten ihm auch alle Frauen und Ungebildeten mit Begier bei; er drang schließlich auch bei Hofe ein....
Kam das von einem allgemeinen geistigen Bedürfnis? War die Zeit so hoffnungslos reaktionär, daß man Pessimist werden mußte? Nein! Der König führte auf Ulriksdal ein munteres Wesen und gab dem gesellschaftlichen Leben einen heiteren, vorurteilsfreien Ton. Frische Ströme brausten im politischen Leben, in dem man jetzt eine Änderung der Volksvertretung vorbereitete. Der deutsch-dänische Krieg machte aufs Ausland aufmerksam; die Blicke richteten sich über die Landesgrenzen hinaus; Bürgerwehr und Schützenbewegung weckten Land und Stadt mit Trommeln und Spiel; die neuen Oppositionsblätter „Dagens Nyheter‟ und der ungestüme „Söndags-Nisse‟ wurden Ventile für eingeschlossenen Dampf, der heraus mußte. An allen Enden wurden Eisenbahnen eröffnet, die Einöden in Verbindung mit den großen motorischen Nervenzentren brachten. Es war durchaus kein dunkler Niedergang; im Gegenteil eine helle, hoffnungsvolle Jugendzeit des Erwachens.
Wo kam der Pietismus denn her? Es war ein wehender Wind; vielleicht auch eine Rettung für die von der Bildung Vernachlässigten vor dem Druck der Gelehrsamkeit. Es lag auch ein demokratisches Element darin, daß eine für hoch und niedrig gemeinsame Weisheit zugänglich war, die alle Gesellschaftsklassen auf ein Niveau brachte. Da der Geburtsadel im Rückgang war, wurde der Bildungsadel um so drückender empfunden. Durch den Pietismus schaffte man den auf einmal ab, glaubte man.
Johan wurde Pietist aus vielen Gründen. Bankerott auf Erden, da er mit fünfundzwanzig Jahren mit eingeschrumpftem Rückgrat und ohne Nase sterben mußte, suchte er den Himmel. Schwermütig von Natur, aber voller Wildheiten, liebte er das Schwermütige. Der Lehrbücher, die nicht lebendiges Wasser gaben, weil sie nichts mit dem Leben zu tun hatten, müde, fand er bessere Nahrung in einer Religion, die unaufhörlich auf das tägliche Leben angewandt werden konnte. Dazu kam noch unmittelbarer, daß die ungelehrte Stiefmutter, die seine Überlegenheit in Bildung fühlte, auf der Jakobsleiter über ihn hinaus zu kommen suchte. Sie sprach oft mit dem ältesten Bruder von den höchsten Dingen; war Johan dann in der Nähe, bekam er zu hören, wie sie seine weltliche Weisheit verachtete. Das reizte ihn und er mußte hinauf zu ihnen; mußte über sie hinauskommen. Ferner hatte die Mutter ein Testament hinterlassen, in dem sie sich gegen geistigen Hochmut aussprach und auf Jesus hinwies. Zuletzt kam die Gewohnheit, im Kirchenstuhl der Familie jeden Sonntag einen pietistischen Geistlichen predigen zu hören. Auch war das Haus überschwemmt mit pietistischen Schriften. Von allen Seiten drang der Pietismus auf ihn ein.
Die Stiefmutter und der älteste Bruder pflegten zusammen zu sitzen und in der Erinnerung eine gute pietistische Predigt durchzugehen, die sie in der Kirche gehört hatten. Eines Sonntags, als der Kirchendienst zu Ende war, machte sich Johan ans Werk und schrieb die ganze bewunderte Predigt auf. Er konnte sich das Vergnügen nicht versagen, sie der Stiefmutter zu überreichen. Das Geschenk wurde nicht gerade mit Wohlwollen aufgenommen. Geduckt war sie. Aber sie gab nicht einen Zoll nach.
-- Gottes Worte sollen im Herzen geschrieben sein und nicht auf dem Papier, sagte sie.
Das war nicht übel gesagt, aber Johan sah, daß es Hochmut war. Sie glaubte, weiter auf dem Weg der Heiligung gekommen und schon Gottes Kind zu sein.
Das Wettlaufen beginnt, und Johan geht in außerkirchliche Betstunden. Darauf wird mit einem halben Verbot geantwortet, denn er sei noch nicht konfirmiert; also nicht reif für den Himmel. Die Erörterungen mit dem ältesten Bruder werden fortgesetzt. Johan sagt, Jesus habe erklärt, daß auch die Kinder ins Himmelreich gehören. Man schlägt sich um den Himmel. Johan kann die Theologie von Norbeck, aber die wird ungesehen verworfen. Er nimmt Krummacher, Kempis und alle Pietisten zu Hilfe. Nein, es hilft nicht -- So muß es sein! -- Wie? -- Wie ich es habe, aber wie du es nicht haben kannst! -- Wie ich! Das ist die Formel der Pietisten: Selbstgerechtigkeit.
Eines Tages sagte Johan, alle Menschen seien Gottes Kinder! -- Unmöglich! dann wäre es ja keine Kunst, selig zu werden! -- Es sollte eine Kunst sein, die nur sie konnten! -- Sollen denn alle selig werden? -- Ja gewiß, Gott ist die Liebe und will niemandes Verderben. -- Wenn alle selig werden, was hat es dann für einen Zweck, sich zu quälen? Ja, das ist eben die Frage! -- Du bist also ein Zweifler, ein Heuchler?
Sehr wohl möglich, daß sie es alle waren!
* * * * *
Johan wollte jetzt den Himmel stürmen und ein Kind Gottes werden; vielleicht damit auch die anderen ducken. Die Stiefmutter war nämlich nicht konsequent. Sie ging ins Theater und tanzte gern. Eines Sonnabends im Sommer wurde verkündet, die ganze Familie werde am nächsten Sonntag einen Ausflug machen. Das war ein Befehl. Johan hielt es für Sünde und wollte die Gelegenheit benutzen, um in der Einsamkeit Jesus zu suchen, den er noch nicht gefunden hatte. Die Bekehrung sollte nämlich nach der Beschreibung wie ein Blitzschlag eintreten; dem würde die Gewißheit folgen, daß man ein Kind Gottes sei; und dann sei der Friede da.
Als der Vater am Abend die Zeitung las, trat Johan an ihn heran und bat, zu Hause bleiben zu dürfen.
-- Warum denn? fragte er freundlich.
Johan schwieg. Er schämte sich.
-- Wenn deine religiöse Überzeugung es dir verbietet, dann folg deinem Gewissen.
Die Stiefmutter war geschlagen. Sie wollte den Sabbat entheiligen, er aber nicht.
Die Familie fuhr ab. Johan ging in die Bethlehemskirche und hörte Rosenius. Der Raum war dunkel, unheimlich, und die Menschen sahen aus, als hätten sie die verhängnisvollen fünfundzwanzig Jahre erreicht. Bleigrau im Gesicht, erloschne Blicke. Sollte dieser Dr. Kapff sie alle zu Jesus gescheucht haben? Sonderbar war es.
Rosenius sah wie der Friede selbst aus und strahlte von himmlischer Freude. Er gestand allerdings, daß er ein alter Sünder sei, aber Jesus habe ihn gereinigt, und jetzt sei er glücklich. Er sah auch glücklich aus. War es möglich, daß es einen glücklichen Menschen gibt? Warum wurden dann nicht alle Pietisten!
Johan hatte jedoch die Gnadenwirkung noch nicht erfahren; in ihm war noch Unfriede. Es war ein zu kleines Publikum, als daß er hätte glauben können, nur in diesem Haus hätten die Seligen ihre Wohnung. Alle die großen Kirchen, in denen tote Priester predigten, waren ja voll von künftigen Unseligen.
Am Nachmittag las er Thomas a Kempis und Krummacher. Darauf ging er nach Haga hinaus und betete die ganze Nordzollstraße entlang, daß Jesus ihn suchen möge. Im Hagapark saßen kleine Familien mit Eßkörben, und die Kinder spielten. War es möglich, daß all diese in die Hölle kommen sollten? Ja allerdings! Unmöglich, antwortete sein guter Verstand. Aber es war so. Eine Kalesche mit feinen Herren und Damen fuhr vorbei. Und die dort, die waren längst verurteilt! Aber sie waren wenigstens lustig. Die lebhaften Bilder fröhlicher Menschen verdüsterten ihn noch mehr, und er empfand die furchtbare Einsamkeit in einer Volksmenge.
Er hatte sich müde gedacht und ging nach Hause, niedergeschlagen wie ein Dichter, der mit Gewalt Eingebung gesucht, sie aber nicht hat finden können. Er legte sich auf sein Bett und sehnte sich fort von dem ganzen Leben.
Abends kamen die Geschwister nach Hause, fröhlich und geräuschvoll, und fragten, ob er sich vergnügt habe.
-- Ja, antwortete er; und ihr?
Und er mußte Einzelheiten von dem Ausflug hören und fühlte jedesmal Stiche im Herzen, wenn er sie beneidete. Die Stiefmutter sah ihn nicht an, denn sie hatte den Sabbat entheiligt. Das war sein Trost!
Jetzt müßte der durchschaute Selbstbetrug sich aufgezehrt haben und gestorben sein; da aber tritt ein neuer wichtiger Faktor in sein Leben ein, der die Selbstquälerei zum Fanatismus treibt, bis sie dann Knall und Fall stirbt.
* * * * *
Sein Leben war während dieser Jahre nicht von so furchtbar einförmiger Tristheit gewesen, wie es sich später in der Perspektive zeigte, als alle dunklen Punkte so zahlreich waren, daß sie zu einem einzigen grauen Hintergrund zusammenschmolzen. Aber hinter und unter allem ruhte seine zurückgesetzte Stellung als Kind, während er mannbar war; der Lehrstoff konnte ihn nicht mehr interessieren; er war darauf gefaßt, daß er mit fünfundzwanzig Jahren sterben müsse; sein Geschlechtstrieb war unbefriedigt; seine Umgebung hatte einen ganz andern Bildungsgrad und konnte ihn infolgedessen nicht begreifen.
Mit der Stiefmutter kamen drei junge Mädchen ins Haus, ihre Schwestern. Sie schlossen bald Freundschaft mit den Stiefsöhnen, machten gemeinsame Spaziergänge, fuhren zusammen auf der Rutschbahn, spielten mit ihnen. Sie suchten immer Versöhnungen zustande zu bringen; erkannten an, daß die Schwester dem Jüngling gegenüber schuld hatte; und damit war er sofort zufrieden, so daß sich sein Haß legte.
Auch die Großmutter übernahm die Rolle der Vermittlerin, trat schließlich entschieden als Freund Johans auf und beschwor oftmals den Sturm. Aber ein verhängnisvolles Geschick ließ ihn auch diesen Freund bald verlieren. Die Tante hatte die neue Ehe nicht geliebt, und ein Bruch mit dem Bruder war eingetreten. Das war ein großer Kummer für den Alten. Der Verkehr hörte auf, und man sah sich nicht mehr. Es war natürlich Hochmut. Aber eines Tages trifft Johan die Kusine, damals ein älteres Mädchen, das sehr fein gekleidet ist, auf der Straße. Sie ist neugierig, will etwas über die neue Ehe hören und geht mit Johan spazieren.
Als er nach Hause kommt, trifft er Großmutter, die ihm in scharfen Worten vorhält, daß er sie auf der Straße nicht gegrüßt habe; er sei wohl in zu feiner Gesellschaft gewesen, um die Alte zu grüßen. Er beteuert seine Unschuld; es ist aber vergebens.
Da er nicht viele Freunde zu verlieren hatte, war dieser Verlust schmerzlich.
Auch mit andern jungen Mädchen aus dem Bekanntenkreis der Stiefmutter verkehrte man. Es wurden Spiele gespielt, Pfänderspiele nach den einfachen Sitten der Zeit; dabei küßte man die Mädchen und faßte sie um die Taille. Eines Tages hatte er tanzen gelernt und wurde nun ein eifriger Walzertänzer. Das war eine sehr gute Erziehung für den Jüngling: dadurch wurde er daran gewöhnt, den weiblichen Körper zu sehen und zu berühren, ohne daß seine Leidenschaften erwachten. Als er zum ersten Male geküßt werden sollte, zitterte er, bald aber war er ruhig. Die Elektrizität verteilte sich, die Phantasien nahmen feste Form an, und die Träume wurden nicht mehr so oft gestört. Aber das Feuer brannte, und die Kühnheit trat einige Male hervor. Als die Pfänder in einem dunklen Zimmer gelöst wurden, faßte er ein junges hübsches schwarzhaariges Mädchen an die Brust, die nur von einem dünnen Garibaldihemd verborgen wurde. Sie fauchte. Er schämte sich nachher, konnte aber nicht umhin, sich männlich zu fühlen. Wenn sie nur nicht gefaucht hätte!
Einen Sommer weilte er mit der Stiefmutter bei einem ihrer Verwandten, einem Landwirt in Östergötland. Dort wurde er als Weltmann behandelt und ward gut Freund mit der Stiefmutter. Auch das währte nicht lange, und bald brach der Streit wieder in hellen Flammen aus. So ging es auf und nieder, hin und zurück.
Zu dieser Zeit, im Alter von fünfzehn Jahren, geht er seine erste Liebesverbindung ein, wenn es Liebe war. Die Kulturliebe ist ein sehr verfälschtes und verwickeltes Gefühl und im Grunde ungesund. Reine Liebe ist ein Widerspruch in sich, wenn man nämlich unter rein unsinnlich versteht. Die Liebe als Geschlechtstrieb muß sinnlich sein, wenn sie gesund sein soll. Als sinnliche Liebe muß sie den Körper lieben. Während des Rausches passen sich die Seelen einander an und Sympathie entsteht. Sympathie ist Waffenruhe, Ausgleich. Darum bricht die Abneigung gewöhnlich aus, wenn sich das sinnliche Band gelöst hat, nicht umgekehrt. Aber das Wort sinnlich hat durch die tote Moral des Christentums eine niedrige Bedeutung erhalten: „Der Geist ist im Fleisch gefangen.‟ „Töte das Fleisch und laß den Geist frei.‟ Geist und Fleisch sind jedoch eins; tötet man das Fleisch, so tötet man auch den Geist.
Kann Freundschaft zwischen den beiden Geschlechtern entstehen und dauern? Nur scheinbar, denn die beiden Geschlechter sind geborene Feinde; + und - bleiben immer Gegensätze, positive und negative Elektrizität sind feindlich, aber suchen einander, um einander zu ergänzen. Freundschaft kann nur entstehen zwischen Personen mit denselben Interessen, ungefähr denselben Anschauungen. Mann und Weib sind durch die gesellschaftliche Ordnung mit verschiedenen Interessen, verschiedenen Anschauungen geboren. Darum kann Freundschaft zwischen den Geschlechtern nur in der Ehe entstehen, in der die Interessen dieselben geworden sind; dann aber nur, solange das Weib sein ganzes Interesse der Familie widmet, für die der Mann arbeitet. Sobald sie sich einer Sache widmet, die außerhalb der Familie liegt, ist der Vertrag gebrochen; dann haben Mann und Weib verschiedene Interessen, und es ist aus mit der Freundschaft. Darum ist eine geistige Ehe unmöglich, weil sie zur Sklaverei des Mannes führt: diese Ehe löst sich denn auch bald auf.
Der Fünfzehnjährige verliebte sich in ein Weib von dreißig Jahren. Wäre es reine, sinnliche Liebe gewesen, dann hätte man etwas Ungesundes bei ihm argwöhnen können; aber er konnte zu seiner Ehre damit prahlen, daß seine Liebe unsinnlich war.
Wie er dazu kam, sie zu lieben? Viele Gründe wie immer, nicht nur einer.
Sie war die Tochter des Hauswirts, nahm als solche eine höhere Stellung ein, und das Haus war reich und gastfrei. Sie war gebildet, wurde bewundert, herrschte im Hause, stand intim mit der Mutter; sie konnte die Wirtin machen, führte die Unterhaltung, war von Herren umgeben, die alle von ihr beachtet zu werden wünschten. Dazu war sie emanzipiert, ohne jedoch den Männern feindlich zu sein; sie rauchte und trank ihr Glas, aber nicht etwa auf geschmacklose Art. Dazu war sie mit einem Manne verlobt, den der Vater haßte und den er nicht zum Eidam haben wollte. Der Bräutigam weilte im Auslande und schrieb selten. Im Hause verkehrten ein Amtsrichter, Studenten der Technischen Hochschule, ein Literat, Geistliche, Bürger. Alle umschwärmten sie. Johans Vater bewunderte sie, die Stiefmutter fürchtete sie, die Brüder warteten ihr auf.
Johan hielt sich hinter allen andern zurück und beobachtete sie. Es dauerte lange, ehe sie ihn entdeckte. Schließlich eines Abends, als sie alle Herren angesprüht und entzündet hatte, zog sie sich müde in einen Salon zurück, in dem Johan saß.
-- Gott, wie unglücklich bin ich! sagte sie zu sich selbst und warf sich auf ein Sofa.
Johan machte eine Bewegung und ward gesehen. Er glaubte etwas sagen zu müssen.
-- Sie sind unglücklich? Sie lachen doch beständig! Sie sind sicher nicht so unglücklich wie ich!
Sie sah den Burschen an, setzte das Gespräch fort, und sie waren Freunde.
Seitdem sprach sie am liebsten mit ihm. Das erhob ihn. Er war verlegen, wenn sie einen Kreis erwachsener Männer verließ, um sich neben ihn zu setzen. Er begann in ihrer Seele zu forschen, stellte Fragen nach ihrem Seelenzustand, die verrieten, daß er viel beobachtet und viel gedacht hatte. Er bekam die Oberhand und wurde ihr Gewissen. Wenn sie einen Abend zu lebhaft gescherzt hatte, kam sie zu dem Jüngling, um bestraft zu werden. Das war eine Art Geißelung, angenehm wie eine Liebkosung.
Schließlich begannen sich die Herren um den Jüngling zu kümmern.
-- Können Sie sich denken, sagte sie eines Abends, sie behaupten, ich sei in Sie verliebt.
-- Das sagen sie von allen Menschen verschiedenen Geschlechts, die Freunde sind.
-- Glauben Sie, daß es Freundschaft zwischen Mann und Weib geben kann?
-- Ja, davon bin ich überzeugt, antwortete er.
-- Danke, sagte sie und reichte ihm ihre Hand. Wie sollte ich, die ich doppelt so alt bin wie Sie, die ich häßlich und krank bin, in Sie verliebt sein können! Und dann bin ich ja auch verlobt!
Nein, das war natürlich nicht möglich, daß eine ältere und häßliche Frau in den Körper eines jungen, durch Turnen gut entwickelten Jünglings verliebt sein konnte, zumal der Jüngling kleine fleischige Hände mit langen, wohlgepflegten Nägeln, kleine Füße und schlanke Beine mit starken Waden hatte; auch noch einen frischen Teint mit keimendem Bartwuchs besaß. Aber die Logik ist nicht stark, wenn das Herz verletzt ist. Daß Johan dagegen ein dreißigjähriges Weib, das groß gewachsen und männlich gestaltet war, das Zuckerkrankheit und Wassersucht hatte, liebte, das war beinahe unmöglich.
Seit diesem Abend aber hatte sie das Übergewicht. Sie wurde mütterlich. Das packte ihn. Und als sie dann wegen ihrer Neigung geneckt wurde, fühlte sie sich beinahe verlegen und ließ alle Gefühle fallen, mit Ausnahme der mütterlichen; auch begann sie an seiner Bekehrung zu arbeiten, denn auch sie war Pietistin.
Sie trafen sich in einem französischen Konversationszirkel und gingen den langen Weg nach Hause zusammen; dabei sprachen sie französisch. Es war leichter, heikle Sachen in einer fremden Sprache zu sagen. Auch fing er an, französische Aufsätze für sie zu schreiben, die sie korrigierte.