Der Sohn: Ein Drama in fünf Akten

Part 6

Chapter 63,913 wordsPublic domain

Wir kämpfen nicht für die Ausnahme -- wir kämpfen für die Tat!

Der Sohn:

Weshalb muß _ich_ sie schaudernd vollbringen?

Der Freund:

Weil dir und keinem anderen die Macht gegeben ist.

Der Sohn

(stolz empor):

Was ich auch tue: nicht um deretwillen werd ich es tun. Was gehn mich diese an! Für mein eigenes, armes Geschlecht will ich zu Ende leiden. Mir allein ist das große Unrecht geschehn. _Ich werde es tun!_ -- Mit dir habe ich nichts mehr gemein.

Der Freund:

Du gabst dein Wort. (Stille tritt ein.)

Der Freund:

Wenige Minuten noch, und man hat dich befreit von meiner Gegenwart. Werden wir uns wiedersehn? Vielleicht nicht. Einer von uns könnte den großen Sprung machen -- möglicherweise nicht einmal du. Ich meine (mit Geste) die restlose Entfernung ...

(Der Sohn antwortet nicht.)

Der Freund:

Ich könnte dir in spiritistischen Zirkeln erscheinen. Doch ich lege keinen Wert darauf. Dann schon lieber monistisch verwesen.

Indessen, auf dem schwankenden Boden noch nebeneinander, sollten wir uns beide wenigstens klar sein.

Der Sohn

(wie abwesend):

Schon aus diesem goldenen Sterne entschwinden ... wieder in die Nacht ... wer wird mir _jetzt_ im Unglück helfen?

Der Freund

(mit starker Stimme):

Zum ersten, zum gewaltigsten Male: du selbst dir! _Hier im Tode beginnt dein Leben._ Du stehst im größten aller Geschicke! Was du bis dahin gelebt hast, waren Stubenarrest und Nachtkapellen. Dir schien es nur so! Aber man lebt nicht mit seinen Reklamesäulen. Zeige, mein Junge, daß du nicht verloren bist!

Der Sohn

(leise und demütig):

Ich fürchte mich so vor dem Sterben.

Der Freund:

Bist du noch nie gestorben? Wieso denn überraschte ich dich dabei?

Der Sohn:

Da kannte ich die Welt nicht. Da war ich reich. Da konnte ich sterben.

Der Freund:

Sei mutig; heute bist du besser.

Der Sohn:

Und als ich im Saale stand -- vergißt du?

Der Freund:

Jetzt erst wirst du ganz du selbst sein. Ich nehme Abschied von dir. Du hast mich überholt. Ich kann dir nichts mehr geben.

Der Sohn:

Ich gehe zum Tode. Weißt du, was das heißt?

Der Freund:

Er oder du! Der muß sterben, der sein Lebendigstes nicht vollbracht hat. Wer das Leben in einem andern Menschen haßt, darf den eignen Tod nicht fürchten. Kein Hund unterliegt ohne Kampf! Das beste an uns ist, daß wir die Gefahren _wollen_, daß wir ohne sie nicht geboren sind. So rette denn dein Geschlecht -- unser aller Geschlecht: das Höchste, was wir besitzen. Wenn auch schlimm und vergänglich, einmal müssen wir dahin gelangen.

Der Sohn:

Und das Eine gegen Alles! Hat es Raum auf der alten Welt?!

Der Freund:

Nieder, was uns bewuchert! Gib keinen Pardon -- auch dir hat man nichts gegeben.

Schaudre nicht: Gott will, daß die Gesetze sich ändern.

Der Sohn:

Erwarten wir die Polizei. Diese kurzen Sekunden sind das Gottesgericht. Ich bin bereit zu gehn. Die Henker sollen mich mutig finden.

Nein, ich unterwerfe mich nicht.

Tritt keiner hier ein, mich zu fesseln, so will ich fliehn, und kein Haar soll ihm gekrümmt sein. Wenn aber ja, (er hebt den Finger) ich schwöre! Und fordre den gräßlichen Zweikampf heraus. Aber ich will das Verbrechen sehn, daß ein Vater seinen Sohn den Schergen überliefert. Wenn das geschieht, ist die Natur entmenscht. Dann führe ein andrer meine Hand.

Der Freund:

Gedenke dieses Schwurs!

Der Sohn:

Die Wolke am Himmel raucht. Ich könnte beten: Wende das Übel von mir ...

Der Freund:

Du brauchst keinen Christus am Kreuz. Töte, was dich getötet hat!

Der Sohn

(in Tränen):

Ich bin schwach wie das kleinste Opfertier. Und doch. Ich habe die Kraft.

Der Freund

(in tiefer Ergriffenheit):

Auch der Zweifel und die Versuchung sind uns gegeben und das Unendliche, damit wir fort und fort am eignen Willen scheitern, dennoch zum Größten gelangen. Glaub mir, der in alle Wasser getaucht ist, ich muß es zitternd sagen: Wir leben ja, um immer mehr und immer herrlicher zu sein. Und Glück und Qual und Wahnsinn sind nicht vergeblich -- so laß uns wirken, Bruder, zwischen den Schatten, daß uns der Tod nicht erreicht vor unserm Ende.

Nur ein kleiner Raum ist noch zwischen uns beiden -- schon wölbt sich die Brücke des gemeinsamen Stroms.

Da gehst du nun hin. Und ich nenne deinen Namen mit Ehrfurcht; bald werden viele ihn nennen.

Der Sohn:

Gibt es denn Absolution für das, was ich tue?

Der Freund:

Sie ist im Glauben der Menschen, deren Retter du wirst.

Der Sohn:

Und wenn es mißlingt? Wenn ein Spuk mich narrt? Wenn die Hoffnung scheitert?

Der Freund:

Dann ständen wir nicht hier. Unsre kleine Existenz ist das Korn der großen Erfüllung. Du lebst nur das Schicksal deiner Geburt. Was einst dir die Brust bewegt hat -- heute wirst du's vollenden.

Der Sohn:

Mir ist, als hätte ich längst gelebt.

Der Freund:

So lebe von neuem! Lebe, deines Daseins endlose Kette zu begreifen. Zweifle nicht mehr! Ein Strahl bricht in unser armes Geschick. Bruder vor dem Tode -- wir dürfen noch einmal beisammen sein.

Der Sohn

(in großer Bewegung):

Gib mir deine Hand!

Der Freund:

Kann ich noch etwas für dich tun?

Der Sohn:

Hier nimm das Geld. Ich erhielt es gestern. (Er gibt es ihm.) Arm ging ich aus meinem Vaterhaus, und so will ich zurückkehren. -- Glaube an mich!

(Sie stehn sich hochentschlossen gegenüber.)

Dritte Szene.

(Man klopft an der Türe.)

Der Sohn

(mit lauter Stimme):

Herein!

(Kriminalbeamte treten ein.)

Der Kommissar:

Welcher von den Herren ist der Sohn des Geheimrats?

Der Sohn:

Der bin ich.

Der Kommissar

(tritt auf ihn zu):

Bitte, folgen Sie uns.

Der Sohn:

Ihr Ausweis?

Der Kommissar

(zeigt ein Schild):

Hier.

Der Sohn

(höflich):

Ich danke. Erlauben Sie zur Klärung noch eine Frage: hat Sie mein Vater geschickt?

Der Kommissar:

Wir haben Auftrag, Sie zu ihm zu führen.

Der Sohn:

Es ist gut.

(Der Sohn und der Freund sehen sich an.)

Der Kommissar

(tritt einen Schritt näher):

Da Fluchtverdacht vorliegt, muß ich Ihnen die Hände fesseln.

Der Sohn:

Sie führen also einen Verbrecher?

Der Kommissar

(achselzuckend mit Entschuldigung):

Ich bedaure ...

Der Sohn

(reicht beide Hände hin):

Ich sträube mich nicht.

(Er wird gefesselt. Die Beamten nehmen ihn in die Mitte. Sie entfernen sich.)

Vierte Szene.

Der Freund

(allein, öffnet das Fenster):

In den Wagen stoßen sie ihn. In Ketten! Nun stellt auf die Guillotine, ihr Henker! _Euer_ Kopf wird fallen. (Er kommt nach vorne.) Er wird es tun. Triumph! -- Hier ist meine Kraft zu Ende. (Er sinkt in einen Stuhl.) Mir scheint, an mir ist die Reihe ... (Er betrachtet sich wie ein Photograph.) Ist die Pose gut so? Bitte recht freundlich! Wer knipst den Moment der Verwesung? (Er zieht eine kleine Flasche hervor.) Nichts mehr als diese Sensation auf der Erde -- das ist wenig. Man sollte nicht an sein Ende denken. (Er öffnet die Flasche und riecht daran.) Verdammt! Die Neugierde ist groß. Stirbt man wirklich aus Interesse? Könnte man die Memoiren dieser Sekunde schreiben!? Aber der Ruhm ist traurig, und die Kunst reizt nicht mehr.

Nein, lieber so.

Und selbst wenn er die Tat begeht, was ist geschehn? Er lebt und wird mich doppelt hassen -- wenn der Mantel fällt.

Was hab ich ihm denn zugeredet? Ich werde verduften und mich Lügen strafen. Die Bejahung des Lebens ist nur einem Spitzbuben erlaubt, der im voraus weiß, wie er endet.

Es wird Zeit.

Monologe, bevor man stirbt, sind häufig. Ich lebte zu meiner Zufriedenheit. Ich schwör es: der Wahnsinn soll mich hier nicht erreichen! Ich komme den Geistern zuvor -- (Er gießt die Flüssigkeit in ein Glas und besinnt sich.) Herrliche Dinge fallen mir ein. Geist-Fabrikanten könnten an meinem Tode reich werden. Teufel, weshalb rede ich noch! _Ich fürchte mich, so allein ins Jenseits zu traben!!!_ (Er springt zitternd auf und horcht.) Was ist da: ein Schritt auf der Treppe? Das wird die süße Adrienne sein! Der Himmel gab ihr einen Beruf: sie soll mir die Vernichtung in einem Tropfen Champagner reichen ...

(Er geht ihr entgegen.)

Ende des vierten Aktes.

Fünfter Akt.

Erste Szene.

Wenige Stunden später.

Das Sprechzimmer des Vaters im elterlichen Hause. Ein langer Raum; in der Mittelwand rechts und links eine Türe, an den Seitenwänden je eine. Links steht der Tisch des Vaters mit Büchern, Telephon; davor Sessel mit Holzlehne. An der Mittelwand Glasschränke mit ärztlichen Utensilien, rechts ein Untersuchungstisch, aufklappbar. An der rechten Seitenwand der Bücherschrank. Davor, gegenüber dem Arbeitstisch des Vaters, ein kleinerer Tisch mit Stühlen. An der Wand die Rembrandtsche Anatomie.

_Der Vater._ _Der Kommissar._

Der Vater:

Ich danke Ihnen, Herr Kommissar. -- Hat mein Sohn sich zur Wehr gesetzt?

Der Kommissar:

Der junge Mann war ganz ruhig. Wir hatten erwartet, einen Rasenden zu finden. Statt dessen trafen wir zwei Herren im Gespräch. Ein Anlaß, Gewalt anzuwenden, lag nicht vor. Trotzdem haben wir auf Ihren Wunsch die Hände gefesselt. Auch die Fahrt hierher verlief in voller Ruhe.

Vielleicht, Herr Geheimrat, war die Maßregel etwas zu strenge. Ich als alter Menschenkenner habe nur mit Bedauern das Zwangsmittel ergriffen. Vielleicht ist es in Güte möglich, den jungen Mann auf die rechte Bahn zu führen. Ich bin überzeugt, er ist kein schlechter Mensch. Es gibt schlimmere Sorte!

Der Vater:

Herr Kommissar, ich habe ihn zwanzig Jahre beobachtet. Ich bin sein Vater, außerdem bin ich Arzt. Ich muß es wissen.

Der Kommissar:

Verzeihung, Herr Geheimrat, ich wollte keineswegs ...

Der Vater:

Im Gegenteil: ich bitte um Ihr Urteil! Sie sind sicher ein erfahrener Mann, doch betrachten Sie die Dinge unter Ihrem Winkel. Ich glaube, ich täusche mich nicht. Ich habe reiflich überlegt, bevor ich mich entschlossen habe. Es ist keine Güte mehr möglich! Nur die äußerste Strenge kann ihn noch bessern. Dieser Junge ist verdorben bis auf den Grund seines Charakters. Er will sich meinem Willen entziehen -- das darf unter keinen Umständen geschehn. Sie haben seine Reden nicht gehört! Die Jugend von heute läuft ja Sturm gegen alle Autorität und gute Sitten. Seien Sie froh, daß Sie nicht einen solchen Sohn haben.

Der Kommissar:

Herr Geheimrat: ich _habe_ Söhne. Und ich liebe sie! Ich könnte den Fluch der Schändung nicht auf ihr Haupt rufen. Ich kenne die furchtbare Tragödie zu sehr! Wir haben mit Tieren und Verbrechern zu tun. Bevor ich mein eignes Blut in diesen Abgrund stoße, lieber lebe ich nicht mehr. Selbst bei jugendlichen Kriminellen kennen wir vor dem Gesetz noch Verweise und Strafaufschub. Was hat Ihr Junge denn Schlimmes getan? Hat er geraubt, gefälscht, gemordet? Das sind die Kreaturen, mit denen wir rechnen müssen; das ist die Gesellschaft, in die Sie ihn treiben. Verzeihn Sie mir noch ein offenes Wort: Sie brandmarken ihn für sein Leben. Sie stempeln ihn mit der Marke des Gerichts. Er hat einen kleinen Ausflug gegen Ihren Willen unternommen ...

Der Vater

(lacht höhnisch):

Einen kleinen Ausflug!!

Der Kommissar:

Sie sind im Recht und werden ihn strafen. Aber rechtfertigt das eine Erniedrigung? Ich fürchte, die Fesseln sind nicht mehr gut zu machen. Herr Geheimrat -- es kann ein Unglück geben!

Der Vater:

Er hat mir den Gehorsam verweigert; es ist nicht das erstemal. Wenn er, der doch mein Sohn ist, schimpflich mein Haus verläßt -- was kann ich anders tun, als ihn meine Macht fühlen lassen! Ich bin sonst der Entehrte. Was wird man von mir denken? Wie wird man mich ansehn! Ich _muß_, wenn kein Mittel mehr hilft, zu diesem letzten greifen. Das schulde ich meiner Pflicht gegen mich -- und gegen ihn. Ich glaube noch, ich _kann_ ihn bessern. Er ist jung: dies sei ihm eine Warnung für sein ganzes Leben.

Herr Kommissar, Sie sind mir ein Fremder. Trotzdem habe ich Ihnen mehr gesagt, als je einem Menschen. Bitte, vertrauen Sie mir. Alles lastet ja auf mir in dieser Stunde -- ich will nur das Beste nach meinem Gewissen. Aber das darf ich nicht auf mir sitzen lassen! Sie sind selber Vater. Was täten Sie an meiner Stelle?

Der Kommissar:

Ein Wesen aus meinem Geschlecht, das in meinem Leben entsprungen ist, kann nicht verworfen sein. Das ist für mich das höchste Gesetz! Auch wir altern. Weshalb soll unser Sohn nicht jung sein?

Der Vater:

Und wenn er Sie beleidigt?

Der Kommissar:

Mein Sohn ist doch ärmer und schwächer als ich. Wie kann er mich beleidigen!

Der Vater:

Herr Kommissar, ich bin aktiv gewesen; ich habe für meine Ehre mit dem Säbel gefochten. Ich trage noch die Spuren (er weist auf eine Narbe in seiner Wange): ich muß mein Haus rein halten. Ich kann mich auch von meinem Kinde nicht ungestraft beschimpfen lassen. Außerdem erachte ich die Verantwortung des Erziehers zu hoch, sich einem Zwanzigjährigen gleichzumachen.

Der Kommissar:

Ich fürchte, wir reden einander vorbei. Ich habe auch in meiner Jugend gefochten. Aber die Zahl der Semester und Mensuren erscheint mir kein Maßstab. Unsere Söhne verlangen, daß wir ihnen helfen. Herr Geheimrat: _Das müssen wir tun_. Ob sie besser sind oder schlechter als wir, ist eine Frage der Zeit -- nicht des Herzens.

Der Vater:

Ich bin bestürzt -- verzeihn auch Sie mir die Offenheit in einer ernsten Stunde. Wie kann ein Vater, wie kann ein Beamter so reden! Unsre jungen Leute werden schlimmer und verderbter von Tag zu Tag. Das ist notorisch! Und dieser Fäulnis im kaum erwachsenen Menschen soll man nicht steuern!? Ich halte es für meine heiligste Pflicht, gegen die Verirrung zu kämpfen, und ich werde es tun, solange ich atme. In welcher Zeit leben wir denn? Hier lesen Sie in der Zeitung, wie weit es schon gekommen ist! (Er nimmt das Blatt und weist auf die Stelle.) Gestern hat in einer geheimen Versammlung ein Unbekannter gegen die Väter _gepredigt_. Das kann nur ein Wahnsinniger sein!! Aber das Gift hören Tausende und saugen es gierig. Weshalb schreitet die Polizei nicht ein? Diese Bürschchen sind staatsgefährlich. Hinter Schloß und Riegel mit allen Verführern; sie sind der Auswurf der Menschheit.

Der Kommissar

(mit einem Blick in die Zeitung):

Diese Versammlung war der Polizei bekannt. Es ist ein Klub junger Leute. Er steht unter dem Protektorate einer hohen Persönlichkeit ...

Der Vater:

Auch das noch! Dann haben wir ja bald die Anarchie.

Der Kommissar:

Ich kann Sie über diesen Vortrag beruhigen. Er war nur gegen die unmoralischen Väter gerichtet.

Der Vater

(höhnisch):

Also gegen die Unmoralischen. Und die Regierung unterstützt das Treiben? Um so mehr ist es unsere Pflicht, sich gegen den Verrat in der eigenen Familie zu schützen. Nein, Herr Kommissar, die äußerste Strenge. Die äußerste Strenge!

Der Kommissar:

Wir sind die Leute des Gerichts. Wieviel Verdammnis sehn wir! Glauben Sie mir, ich will keinen Unschuldigen henken, geschweige denn meinen eigenen Sohn. Und wenn er mir tausendfach unrecht tut -- ich bin doch sein Vater! Soll er andere mehr lieben als mich? Wir Väter müssen erst unsre Söhne erringen, ehe wir wissen, was sie sind.

Der Vater:

Sie scheinen unter Söhnen etwas Absonderliches zu verstehn.

Der Kommissar

(bescheiden):

Ich verstehe darunter ein Wesen, das mir geschenkt ist, dem ich dienen muß.

Der Vater

(erhebt sich):

Herr Kommissar -- wie gesagt: ich danke Ihnen. Auch ich kenne meine Pflicht als Vater, allerdings in einem andern Sinne. Ich wünsche Ihnen keine Enttäuschungen! Ich werde es versuchen, selbst in diesem Falle noch, mit meinem Sohne in Güte zu reden -- solange ich das vermag. Mehr kann ich nicht sagen. Ich bitte, führen Sie ihn mir jetzt zu.

Der Kommissar:

Ich werde Ihrem Sohne die Fesseln abnehmen. Er wird den Weg zu Ihnen allein finden. (Er verbeugt sich und geht. Der Vater setzt sich in den Stuhl links an seinen Tisch.)

Zweite Szene.

(Der Sohn tritt durch die Mitteltüre langsam ein. Er ist noch immer im Frack und bleibt an der Tür in abwartender Haltung stehn.)

Der Vater

(steht auf, ihm entgegen):

Da bist du. -- (Er streckt die Hand aus): -- Willst du mir nicht die Hand geben?

Der Sohn:

Nein, Papa.

Der Vater:

Wir haben miteinander zu reden. Setz dich. (Er geht zu seinem Tisch und betrachtet ihn.) Du siehst nicht wohl aus -- willst du etwas essen?

Der Sohn:

Ich habe keinen Hunger.

Der Vater:

Willst du dich erst umziehn und auf dein Zimmer gehn?

Der Sohn:

Nein; ich danke.

Der Vater

(sitzt in seinem Sessel rückwärts zum Tisch):

Nun, dann setz dich. Dann wollen wir reden.

Der Sohn

(setzt sich, ihm gegenüber, an den kleinen Tisch nach rechts).

Der Vater:

Du bist gestern abend, trotz des Verbotes, aus deinem Zimmer heimlich entflohn. -- Wo warst du die Nacht?

Der Sohn:

Du hast die Polizei gerufen. Du hast mich gefesselt hierher bringen lassen.

Der Vater:

Ich wünsche eine Antwort auf meine Frage: wo warst du die Nacht?

Der Sohn:

Du hast, unter dem Deckmantel der Erziehung, ein _Verbrechen_ an mir begangen. Dafür wirst du Vergeltung finden.

Der Vater

(springt auf, beherrscht sich aber):

Ich warne dich!

Der Sohn:

Ich bin nicht hier, um in Tönen des gestrigen Tages dich um etwas zu flehn, für das ich zu klein und zu niedrig dich erkannte. Ich bin hier, Rechenschaft von dir zu fordern -- und Sühne: Auge um Auge. Du wirst kein überflüssiges Wort von mir hören. Heute werde ich die nüchterne Rolle spielen, in der du gestern verunglückt bist. Laß alle Gefühlchen beiseite. Willst du mich auf meinen Geisteszustand untersuchen -- es steht dir frei. Ich phantasiere nicht. Soll ich mich auf diesen Tisch legen ...? (Er wendet sich zum Untersuchungstisch.)

Der Vater

(zieht hinter dem Schreibtisch eine Hundepeitsche hervor und beugt sie, wie um sie zu prüfen, übers Knie):

Sprich weiter!

Der Sohn

(fährt auf die Geste mit der Peitsche schnell in seine Tasche und läßt die Hand dort):

Als Auskultator minderer Individuen hast du vielleicht deine Verdienste. Doch hüte dich, die Peitsche zu berühren! (Er hebt, vom Vater unbemerkt, den Revolver halb aus der Tasche.) Ich besitze mein eignes Attest. Ich bin durchaus gesund und weiß, was ich tue.

Der Vater

(unwillkürlich eingeschüchtert, läßt momentan die Peitsche sinken; gleichzeitig verschwindet der Revolver in der Tasche des Sohnes):

Man hat dich -- in einem verrufenen Hotel -- heute morgen gefunden. Was hast du darauf zu sagen?

Der Sohn:

Es ist die Wahrheit. Ich befand mich dort.

Der Vater

(erstaunt):

Du leugnest also nicht?

Der Sohn:

Keineswegs. Weshalb soll ich leugnen?

Der Vater

(nimmt einen Bogen Papier und notiert, wie bei einem Verhör):

Was tatest du dort?

Der Sohn:

Ich habe mit einer Frau geschlafen.

Der Vater

(richtet sich starr auf):

Du hast ... Genug. -- Aus meinem Zimmer!

Der Sohn

(ohne sich zu rühren):

Unser Gespräch ist noch nicht zu Ende. Setz dich wieder. Ich sagte dir schon: es handelt sich um _dich_.

Der Vater:

Ich sage dir: hinaus!!

Der Sohn

(erhebt sich ebenfalls):

Du erlaubst also, daß ich mich entferne?

Der Vater:

Das Weitere hörst du auf deinem Zimmer.

Der Sohn

(geht zur Mitteltür und verschließt sie):

Dann muß ich dich zwingen, mich zu hören. (Er nimmt den Schlüssel an sich und streckt drohend den Arm aus.) Setz dich, oder es gibt ein Unglück! Du willst es nicht anders -- du sollst es haben. (Er tritt auf ihn zu. Der Vater erhebt die Peitsche, als wollte er zuschlagen, aber von plötzlichem Schwindel ergriffen, fällt er rückwärts in den Sessel.) Zum letzten, blutigsten Male frag ich dich hier: läßt du mich in Frieden aus deinem Hause? Du hast mich lange genug gequält. Doch die Gewalt am wehrlosen Kinde ist nun vorbei. Vor dir steht einer zum Äußersten entschlossen. Wähle! (Er wartet auf eine Antwort. Sie erfolgt nicht. Er geht zurück zu seinem Tische und setzt sich wieder.) Reden wir weiter.

Der Vater

(kommt langsam aus der Abwesenheit zu sich):

Meine Haare sind weiß geworden ...

Der Sohn:

Was geht mich dein Haar an -- denke an deine Worte gestern! Ersparen wir uns die Altersjournale. Wir sind unter Männern: wenigstens halte ich mich dafür.

Der Vater:

Was willst du noch hier?

Der Sohn:

Mein Recht. Und diesmal bin ich willens, es durchzusetzen -- bis zu Ende.

Der Vater:

Danke deinem Schöpfer, daß ich in dieser Stunde zu alt war. Sonst ... Aber noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Rede also! Auf meinem Totenbette will ich den Vorwurf nicht tragen, der Erste gewesen zu sein. Rede zu Ende! Ich will volle Klarheit über dich haben, eh ich auch das Band zerreiße, das dich noch an mich kettet.

Der Sohn:

Papa, du wirst nichts mehr zerreißen. Ob so oder so auf deinem Totenbette -- mich rührst du nicht mehr. Überlasse mich nur den Furien: sorge du, daß du in Ruhe sterben kannst.

Deshalb höre und glaube, was ich dir sage: _gib mich frei_. Ich stehe in furchtbarem Ernste vor dir!

Der Vater:

Ich lache über deinen Ernst. Ein Irrer steht vor mir.

Der Sohn:

Papa -- laß uns alles vergessen. Aber hör diese Pose auf! Es geht um dein Leben!! Alles sei ungeschehen, Qual und Rache und Hinterlist. Streiche mich in deinem Herzen als Sohn. Und laß mich jetzt gehen!

Der Vater

(höhnisch):

Noch nicht, mein Sohn.

Der Sohn:

Nun denn --: als ich gestern aus deiner Gewalt entfloh, begleiteten mich viele, die im Garten versteckt waren, mit Revolvern.

Der Vater

(aufmerksam):

Was -- soll das heißen?

Der Sohn

(fortfahrend):

Und in derselben Nacht, eine Stunde später, hab ich zu ihnen geredet gegen euch, ihr Tyrannen, ihr Väter, ihr Verächter alles Großen -- ja, erblasse nur -- ich bin nicht mehr in deine Hände gegeben: Dein Intellekt reicht nicht aus zum Gedanken, so beuge dich vor der Tat! Wir sind keine Irren, wir sind _Menschen_, und wir _leben_: leben doppelt, weil ihr uns töten wollt. Du wirst keinen Schritt aus diesem Zimmer tun, ohne daß Tausende, die ich rief, dich zerschlagen, bespeien, zertreten. So rächen wir uns an euch und eurer Macht, und keiner von den Göttern wird uns verlassen. (Da er antworten will): Ja, ich habe die Revolution begonnen, inmitten der Folterkammer, wo ich stehe -- und bald wird mein Name über Leitartikeln stehn. Jetzt kämpft ein Volk von Söhnen, wenn du längst in Staub zerfallen bist.

Hier -- lies in deiner Zeitung, (er wirft ihm ein Blatt entgegen): zitterst du? Das ist dein wahres Gesicht! Ja, ich bin es gewesen! Ich habe geredet!

Der Vater:

Du lügst! Du lügst!

Der Sohn:

Hier ist die Maske des Unbekannten! (Er zieht sie hervor und schwingt sie durch die Luft.) Zweifelst du noch? Ich bin es!! Nun will ich dein Ende sehn -- in deinem eignen Zimmer --

Der Vater

(schwankend über den Tisch):

Sage, daß du lügst, ich vergesse mich sonst ...

Der Sohn

(hochaufgerichtet):

Läßt du mich frei? Ich will dein Geld nicht. Ich schenke es den Armen. Du darfst mich enterben. Ich will nur mein Leben, das Ärmste und Höchste! Ich habe noch viel zu tun auf der Welt. Ich will nicht verbluten an diesen Sekunden ...

Der Vater:

Ich bin dein Vater nicht mehr.

Der Sohn:

Du warst es _nie_! Vater -- wer kennt es heute! Wo bin ich geboren! Ich war ein Stiefkind nur. Habe ich je einen Sohn, so will ich gut machen an ihm, was mir Übles geschehen. O wunderbar großes Licht, könnt ich es erleben, eines süßen Kindes Behüter zu sein!

Der Vater

(in ganzer Härte vor ihm):

Dein Wunsch ist erfüllt: Du hast keinen Vater mehr. Ich habe dir seine Hand geboten -- du hast sie verächtlich von dir gewiesen. Der Fluch komme über dich. Ich verstoße dich.

Aber weil du in dieser Nacht die Schande über mich gebracht hast, deshalb lösche ich dich aus. In meiner Todesstunde will ich an mein Wort denken --: ich habe vergessen, daß du mein Sohn bist.

Du siehst mich heute zum letztenmal.

Wage nicht mehr, mein Haus zu betreten; ich jage dich durch die Hunde hinaus. Hier nehme ich die Peitsche und werfe sie dir vor die Füße. Du bist nicht wert, daß meine Hand dich berührt. (Er tut es.) Jetzt kannst du gehen.

Der Sohn:

Papa ...

Der Vater:

Sprich den Namen nicht aus!

Der Sohn:

Läßt du mich frei!?

Der Vater:

Frei! (Er lacht gellend.) Noch ein Jahr bist du in meiner Gewalt. Noch ein Jahr kann ich wenigstens die Menschheit vor dir schützen. Es gibt Anstalten zu diesem Zweck.

Verlaß jetzt mein Zimmer und betritt es nicht mehr!

Der Sohn

(Mit eiserner Ruhe):