Der Sohn: Ein Drama in fünf Akten

Part 5

Chapter 53,910 wordsPublic domain

(Er eilt nach vorn, als dirigiere er hinter dem Vorhang unsichtbar einen Chor.)

Nehmen wir alle teil an diesem Akt -- jetzt gilt es --

(Man hört im Saal die Stimme des Redenden, doch ohne die Worte zu verstehn. Alle sind in höchster Erregung im Zimmer verteilt.)

Der Freund:

Dort steht ein Mensch, der in zwanzig Jahren mehr Leid erfahren hat, als wir Freude in einem Jahr. Deshalb hat Gott ihn gesandt ...

(Unruhe im Saal.)

Was ist?

von Tuchmeyer:

Er reißt die Maske ab. Seine Augen sehen noch nicht. Er redet von seiner Kindheit. Viele können ihn nicht verstehn ... da, jetzt spricht er lauter. Einige stehen auf und kommen näher ...

Der Freund

(die Hände ballend):

Bewegt er die Hände?

von Tuchmeyer:

Nein. Doch -- jetzt --

Der Freund

(öffnet die Arme):

-- streckt er sie aus: so?

von Tuchmeyer:

Er ist irre! Er sagt --: er nimmt die Marter unser aller Kinderzeit auf sich!

Der Freund:

Ah -- er redet wahr! Weiter, was tut er?

von Tuchmeyer:

Jetzt ist er vom Podium gesprungen. Er steht mitten unter den Leuten. Er sagt --: daß wir alle gelitten haben unter unsern Vätern -- in Kellern und in Speichern -- vom Selbstmord und von der Verzweiflung --

Der Freund

(beugt sich, mit allen Muskeln gespannt, vorwärts):

Die Geister stehn ihm bei!

(Er bewegt die Glieder und die Züge seines Gesichts mit magischer Gewalt):

Hörst du! Sag es!

(Ein furchtbarer Wille ist in ihm, den Redenden unter seine Gedanken zu zwingen.)

von Tuchmeyer:

Es gibt ein Unglück!!! Er sagt: die Väter, die uns peinigen, sollen _vor Gericht_! Das Publikum rast -- --

(Ungeheurer Tumult im Saal.)

Cherubim und der Fürst

(rechts und links am Vorhang):

Alles in Aufruhr. -- Sie dringen auf ihn ein. -- Die Stühle sind los -- die Tische --

Cherubim

(hysterisch schreiend):

Bravo. Ein herrlicher Fall!

Der Freund

(ganz vorn):

Ruhe! (Er holt einen Revolver aus der Tasche.) Ich töte ihn, wenn er verliert!

von Tuchmeyer

(am Vorhang):

Da -- jetzt --

Der Freund

(mit dem Rücken zum Saal, ohne sich umzuwenden):

Was?

von Tuchmeyer:

Er reißt sich die Kleider vom Leibe. Er entblößt die Brust. Er zeigt die Striemen, die ihm sein Vater schlug -- seine Narben! Jetzt kann man ihn nicht mehr sehn, so viele sind um ihn. Jetzt -- sie ergreifen seine Hände -- sie jubeln ihm zu --

Der Freund

(im Triumph):

Jetzt hat er gesiegt! Jetzt hat er's vollbracht! (Er steckt den Revolver ein und wendet sich um. Im Saale brausender Beifall. Hochrufen.)

von Tuchmeyer:

Sie heben ihn auf die Schultern! Die Studenten tragen ihn!

Der Freund:

Was sagt er?

von Tuchmeyer:

Er ruft zum Kampf gegen die Väter -- er predigt die Freiheit --! »Wir müssen uns helfen, da keiner uns hilft«! Sie küssen ihm die Hände -- welch ein Tumult! Sie tragen ihn auf Schultern -- zum Saale hinaus ...

(Immer neue Hochrufe.)

Der Freund:

Er hat den Bund gegründet der Jungen gegen die Welt! Listen auf -- alle sollen sich unterschreiben!

von Tuchmeyer

(reißt sein Notizbuch entzwei):

Alle sollen sie unterschreiben! Mein Vater lebt nicht mehr. Heute ist er zum zweiten Mal gestorben. (Er wirft Blätter auf den Tisch.)

Cherubim:

Tod den Toten! Der meine schickt mir kein Geld mehr. (Mit lauter Stimme.) Ich unterschreibe!

Der Freund

(zum Fürsten):

Und Sie, Majestät, wie wird Ihnen? (Er hält ihm die Blätter entgegen.)

Der Fürst:

Geben Sie her!

Der Freund:

Das nennt man Revolution, Bruder Fürst!

Der Fürst

(ekstatisch, springt auf einen Tisch, reckt seinen Arm empor wie das Schwert der Freiheitsstatue):

Meine Herren! Wir sind ein Menschenalter! So jung werden wir nie mehr sein. Es gibt noch viele Idioten -- aber -- zum Teufel: wir leben länger!

(Er beginnt, auf dem Tisch stehend, die Marseillaise. Die andern singen mit. Stimmen im Saal fallen ein):

»~Aux armes, citoyens! Formez vos bataillons! Marchons! Marchons!~«

_Ende des dritten Aktes._

Vierter Akt.

Erste Szene.

Am nächsten Morgen.

Ein Hotelzimmer im Stil der ~Chambres garnies~, jedoch ohne Bett.

Auf dem Tisch ist das Frühstück gedeckt.

_Adrienne_, vor einem Spiegel, frisiert sich.

_Der Sohn_, nachlässig im Frack.

Der Sohn:

Jetzt, wo du die Haare kämmst, fällt mir ein, daß du schon viele vor mir geliebt hast.

Adrienne:

Wieso?

Der Sohn:

Mich quält eine sonderbare Eitelkeit.

Adrienne

(kämmt weiter):

Ich liebe dich.

Der Sohn:

Du hast doch Geld von mir genommen!

Adrienne:

Und du? Lebst du von der Luft? Hast du nicht auch Geld genommen gestern für deine Rede? Wir müssen alle essen.

Der Sohn:

Das ist richtig. Ich nahm Geld. Ich habe dafür einen Akt aus meiner Jugend gespielt.

Adrienne:

Mit wem ich morgen schlafe, geht heute keinen an. Ich bin ein Weib und kann nicht mehr tun.

Der Sohn:

Man hat mich auf die Schultern gehoben. Ich muß nachdenken, dann wird es mir klar. Ich bin in einer andern Welt.

Adrienne:

Du hast doch Revolution gemacht gestern! Weißt du das nicht mehr? Vielleicht steht es schon in der Zeitung.

Der Sohn:

Was vor acht Stunden war, ist für mich schon historisch; gestern habe ich noch Geschichte gepaukt.

Adrienne

(nachdenklich):

Da sieht man, wie Revolutionen entstehn!

Der Sohn

(lächelnd):

Nein, du irrst! Ich bin gar nicht so raffiniert. Ich bin kein Schauspieler. Ich war echt.

Adrienne:

Du weißt nicht mehr, was du gemacht hast?

Der Sohn:

Ich erinnere mich, wir nahmen einen Wagen und fuhren in die Vorstadt hinaus. Ich sah dich nur flüchtig -- du schienst mir sehr schön. Mein Gott, ich habe ganz vergessen, mich bei den Studenten zu bedanken. Sie trugen mich wohl eine halbe Stunde im Regen herum. Jemand drückte mir Geld in die Hand.

Adrienne:

Ist es viel?

Der Sohn:

Es wird langen.

Adrienne:

Du bist aus vornehmem Haus. Man sieht es an der Wäsche.

Der Sohn:

Wie kommst du darauf?

Adrienne:

Mein Kleiner! Du hast keine Erfahrung in der Liebe, und von den schönsten Spielen verstehst du nichts. Du mußt erst erzogen werden. Ein Mann von deinem Stande braucht das.

Der Sohn:

Ich dachte, das kommt von allein.

Adrienne:

So klug sind die Männer nicht! Du willst doch einmal heiraten. Du könntest böse hereinfallen; deine Frau wird dich betrügen -- weil du nichts verstehst.

Der Sohn:

Adrienne, das wußte ich nicht. Was ist da zu machen!

Adrienne:

Willst du bei mir lernen? Ich bringe dir alles bei. Und du wirst sehr klug werden.

Der Sohn:

Mein Vater hat mich nicht einmal gelehrt, was man nach dem Lieben tun soll. Es war doch zum mindesten seine Pflicht.

Adrienne:

Die Väter schämen sich vor ihren Söhnen. Das ist immer so. Weshalb schickt man sie nicht zu uns? Man schickt sie auf Universitäten.

Der Sohn:

Wieviel Ekel und Unglück könnte verhütet werden, wenn ein Vater moralisch wäre! Er ist der nächste dazu.

Adrienne:

Statt dessen verfolgt uns die Sittenpolizei.

Der Sohn:

Ich verstehe. Ihr fangt an, eine Rolle zu spielen. Man muß von seinem Vater verlangen, daß er uns mit freiem Herzen zur Hure führt. Ein neuer Passus für unsern Bund. Ich werde ihn in meiner nächsten Rede sagen ...

(Er geht erregt umher.)

Adrienne

(mit ihrer Frisur zu Ende):

Frühstücken wir derweilen.

(Sie setzen sich.)

Adrienne

(kauend):

Hast du noch nie mit einer Dame gefrühstückt -- nach der ersten Nacht?

Der Sohn:

Noch nie. Weshalb?

Adrienne:

Du bist ungeschickt. Alle haben mir die Bluse zugeknöpft -- du kennst die einfachsten Anstandsregeln nicht.

Der Sohn:

Ich bin ein Anfänger in der Liebe: das wird mir mit Schrecken klar. Aber die Kunst ist groß, und ein junger Mann muß Bescheid wissen, bevor er die höhere Mathematik versteht. Ich nehme deinen Vorschlag an -- unterrichte mich! Ich bewundere dich: du weißt viel mehr als ich. Ich war so ängstlich, als wir heute Nacht die Treppe hinaufgingen, an den frechen Kellnern vorbei. Wir sind durch die Mitte des Lebens gewandert ... aus allen Zimmern dieses verrufenen Hotels brachen Ströme, dunkle und unbewußte ...

Adrienne:

Gib mir die Butter!

Der Sohn:

Ja, und wie du den Mantel nahmst und aufs Bett warfst -- das werde ich nicht vergessen. So selbstverständlich, so klar in sich! Ich weiß jetzt, mit welchem Ton man eine Kerze verlangt, die nicht da ist.

Adrienne:

Du mußt nächstens nicht so unruhig sein.

Der Sohn:

Ich sah zum ersten Male, wie man sich auszieht. Und das langsam genießen! Wie schön ist ein Geldgeschäft: man ist ganz unter sich.

Adrienne:

Habe ich dir gefallen?

Der Sohn:

Erst blau und dann rosa; das Schwarz der Strümpfe! Mir gefielen die Spitzen sehr.

Adrienne:

Und ich?

Der Sohn:

Ich weiß nicht mehr, wie du aussahst.

Adrienne

(mit großer Ruhe, nimmt ein neues Stück Brot):

Du liebst mich noch nicht.

Der Sohn:

Im Ernst -- sei nicht böse. Ich war enttäuscht. Wie nüchtern ist ein Körper und ganz anders, als man sich denkt. Adrienne, du lebst für mich, wie du aus dem Wagen in den Korridor tratest. Wie du in einem fremden Hause Bescheid weißt! Du bist eine Heldin. Ohne dich wäre ich vor Scham in die Erde gesunken. Auf verschossenem Samt am Geländer -- ich glaube, das ist die gleiche Anmut, über Goldfelder und malayische Spelunken zu gehn. Ich habe nichts Irdisches mehr an deinen Füßen bemerkt --

Adrienne:

Manche Herren lieben _nur_ meine Füße. Ich muß nackt auf dem Teppich tanzen.

Der Sohn:

Wohin führt dieses Wort! Welch ein Zauberkreis. Im Panoptikum einst eine Dame war blautätowiert ... viele Dinge gibt es, von denen man trotzdem weiß.

Adrienne:

Weshalb hast du nicht geschlafen?

Der Sohn:

Ich war nicht müde. Ich liebte dich sehr in der Dämmerung, ruhend auf dem gleichen Lager, als du mich nicht mehr empfandest. Ich glaube, erst da liebte ich dich ganz.

Adrienne

(mit ruhiger Überlegenheit):

Du kannst es noch nicht. Aber du wirst es lernen.

Der Sohn:

Ich bin begierig auf diese Kunst. Welche Angst, zu nehmen, was einem geboten ist! Doch man muß sie überwinden.

Adrienne:

Ich hab meine Handschuhe verloren. Schenk mir ein Paar neue!

Der Sohn

(legt ein Goldstück auf den Tisch):

Ich weiß nicht, was Handschuhe kosten.

Adrienne:

Das ist zuviel! Ich bring dir zurück.

(Sie setzt ihren Hut auf.)

Der Sohn:

Wo gehst du hin?

Adrienne:

Nach Hause, mich umziehn.

Der Sohn:

Wann kommst du wieder?

Adrienne:

Soll ich dich abholen?

Der Sohn:

Ich warte auf dich.

Adrienne:

Hast du noch einen Groschen für die Bahn?

Der Sohn

(gibt ihr):

Hast du Geschwister?

Adrienne:

Ach, reden wir nicht davon. Meine Schwestern sind anständig.

Der Sohn:

Es ist doch merkwürdig, das zu bedenken.

Adrienne:

Weshalb willst du es wissen?

Der Sohn:

Ich suche ein Äquivalent für meine Schwäche. Du bist mir zu überlegen.

Adrienne:

So schnell verliere ich das Gleichgewicht nicht!

Der Sohn:

Ich hasse jeden, der meine Zustände weiß. Ich begreife einen Mann, der ein Weib tötet, das ihn durchschaut.

Adrienne:

Aber Bubi! Wer wird schon von so etwas reden -- in deinem Alter.

Der Sohn:

Du weckst meine schlummernden Talente. Seitdem ich dich kenne, seh ich manches klarer in mir. Die Freude an euerm Geschlecht regt zum Denken an. Man findet immer wieder einen Weg zu sich.

Adrienne

(zuversichtlich):

Heute abend ist Tanz in Pikkadilly. Ich führe dich ein! Nachher gehn wir in die Bar.

(Sie ist in Hut und Mantel.)

Der Sohn

(betrachtet ihre schlanke Figur):

»Auf, in den Kampf, Tore-ro ...«

Adrienne:

Adieu, Bubi!

Der Sohn

(küßt weltmännisch ihre Hand):

Adieu, Madame!

(Sie geht, ihm zuwinkend, ab.)

Zweite Szene.

(Er zündet sich eine Zigarette an und geht mit langen Schritten, gewiegt, durch das Zimmer. Die Asche legt er auf einen Teller. Eintritt _der Freund_.)

Der Freund:

Guten Morgen!

Der Sohn:

Bist du schon da?

Der Freund:

Du scheinst nicht erfreut, mich zu sehn.

Der Sohn

(verlegen):

Oh doch -- wie spät ist es?

Der Freund:

Es ist elf Uhr. Du hast erst gefrühstückt? Um diese Zeit pflegtest du zu Hause nicht aufzustehn.

Der Sohn:

Ich brauche einen neuen Anzug. Wo bekomme ich den?

Der Freund:

Hör' mal, ich sah eben die süße Adrienne entschreiten.

Der Sohn:

Ich liebe sie.

Der Freund:

Nein, du irrst.

Der Sohn:

Sie wird es mich lehren.

Der Freund:

Das meinte ich nicht. Was wird sie dich lehren? Überspringe diese Schulklasse ruhig -- du hast Besseres vor. Eine Dame ihres Genres ernst nehmen, ist eine Sache, nicht ganz deiner würdig. Du kommst in Konflikt mit den Ärzten. Ich rate ab.

Der Sohn:

Es reizt mich, eine neue Gefahr zu erleben. Ich lungre förmlich nach ihr.

Der Freund:

Du wirst sie bald genug haben.

Der Sohn:

Auf welchem Gebiet?

Der Freund:

Hast du vergessen, daß dein Vater dich jeden Augenblick zurückholen kann? Du bist minderjährig, mein Sohn.

Der Sohn:

Jetzt -- wo ich im Leben stehe zum erstenmal -- jetzt wieder in die Knechtschaft zurück? Nie.

Der Freund:

Nenn diesen gemeinplätzigen Zustand doch nicht _Leben_. Eine witzlose Nacht mit einem Weibe -- und du bist nicht einmal enttäuscht? Du warst nie so flach als bei dieser Dame. Jedes deiner Wahnsinnsworte am Abend, wo ich dich überraschte, ist größer.

Ich komme, einen Propheten zu sehn und finde einen kleinen Flüchtling, der verliebt ist. Du spielst deine eigne Persiflage! Dein Fräulein im Elternhaus war ungeheuer. Aber diese Hure, welch eine geistlose Attrappe!

Der Sohn:

Sie ist zum mindesten in meinem Leben so wichtig wie du.

Der Freund:

Teufel, laß uns ernst sein. Könntest du dein Gefühlchen unter der Lupe sehn, du würdest staunen, wie es von Läusen wimmelt.

Der Sohn:

Ich will aber nicht! Ich sage dir, die Kleine wird mich abholen, und dabei bleibt es.

Der Freund:

So werde glücklich.

(Er nimmt seinen Hut.)

Der Sohn:

Wohin?

Der Freund:

Ich überlasse dich den Huren. Schade um dich.

Der Sohn:

Bist du verrückt? Rennt man so aus dem Zimmer?

Der Freund:

Nein, mein Junge. Entweder -- oder. Zuhälter werden alle Tage geboren.

Der Sohn:

Ich will, nach so viel Stationen, endlich eine Sache ganz tun.

Der Freund:

Dazu hast du Gelegenheit.

Der Sohn:

Und wie?

Der Freund:

Wann ist das Rendezvous?

Der Sohn:

In einer halben Stunde.

Der Freund:

Dann können wir zwanzig Minuten reden. Setzen wir uns dazu. (Sie sitzen sich gegenüber.)

Der Freund:

Du bewunderst dieses Mädchen? Sie mag dressiert sein und tüchtig in ihrer Branche. Zugegeben. Das ist viel!

Aber hast du nicht vor wenigen Stunden etwas getan? Mensch, du standest in einer europäischen Halle -- bedenk' das! Was für ein Ruhm lastet auf deinen Schultern! Meinst du, so leicht kann man die Verantwortung von sich abschütteln? Dann verdienst du, daß man dich hängt. Wer einen Gedanken in die Welt schleudert und bringt _den_ nicht zu Ende, soll des höllischen Feuers sterben. Das ist das Einzige, dem ich rückhaltlos das Recht der Existenz bekenne: _Die Tat_. Und wie stehst du jetzt da? Man sah dich von vorne, Prometheus, und nun sieht man dein Hinterteil -- Nachtigall und Kindskopf. Man muß dir die Hosen halten.

Der Sohn:

Wovon reden wir? Von _deiner_ Tat, nicht von der meinen. Du bist schuld an mir -- ich stand unter deiner Suggestion; das weiß ich. Weshalb tatest du es nicht selber? Gib zunächst einmal darauf Antwort!

Der Freund:

Mich kennen sie; leider. Ich habe ihre Notdurft zu oft geteilt. Ich bin kein Redner. Die Flamme ist mir versagt; ich würde am Ende selber gegen mich sprechen.

Aber _du_ hast die Gemüter. Ich weiß nicht, wieso, aber du hast sie. Die größte Macht -- und du brauchst sie nicht. Das ist doch zum verzweifeln! Erst hole ich dich aus deinem Käfig, und zwei Stunden lang bist du die Gewalt meiner Ideen. Und schon verrätst du mich und verkriechst dich hinter die Instinkte des Pöbels.

Der Sohn:

Als ich heute morgen in der Dämmerung mit mir selber ins Reine kam, da erkannte ich nebenbei dies seltsame Theaterspiel. Ich mußte mich fragen, wer ich bin. Der Verdacht liegt nahe, daß deine Hilfe nicht ganz so parteilos war. Ich beklage mich nicht über meine Rolle -- aber --

Der Freund:

Ich gebe zu, daß mein Wille über dir geherrscht hat. Ich mißbrauchte dich von Anfang an. Sogar während der Rede habe ich dir, ohne daß du es wußtest, Worte und Gesten diktiert. Dein Haß gegen mich ist also vollkommen begreiflich.

Der Sohn

(erhebt sich):

Ach so!

Der Freund

(drückt ihn nieder):

Noch einen Augenblick. Jetzt ist das Reden bei mir. Als ich dich sah, damals in der Stunde des Selbstmords blutend an deinem Kampf, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: hier war der Mann, den ich brauchte! Denn ich sah in ungeheuerster Erregung -- du hattest, was uns allen fehlte --: Jugend und die Glut des Hasses. Nur solche Menschen können Reformatoren sein. Du warst der Einzige, der Lebendige, der Rufer: Gott will es.

Und so beschloß ich, dich auf einen Sockel zu heben, von dem hinunter du nicht mehr stürzen kannst.

Der Sohn:

Bist du dessen so gewiß?

Der Freund:

Ja. Eine unzerstörte, unverbrauchte Kraft in dir bewegt dich nach vorne. Es hätte vielleicht nicht geschehen _sollen_. Aber wo es geschehen ist, _kannst_ du nicht mehr zurück.

Der Sohn:

Und was soll ich tun?

Der Freund:

Die Tyrannei der Familie zerstören, dies mittelalterliche Blutgeschwür; diesen Hexensabbat und die Folterkammer mit Schwefel! Aufheben die Gesetze -- wiederherstellen die Freiheit, der Menschen höchstes Gut.

Der Sohn:

An diesem Punkt der Erdachse glühe ich wieder.

Der Freund:

Denn bedenke, daß der Kampf gegen den Vater das gleiche ist, was vor hundert Jahren die Rache an den Fürsten war. Heute sind _wir_ im Recht! Damals haben gekrönte Häupter ihre Untertanen geschunden und geknechtet, ihr Geld gestohlen, ihren Geist in Kerker gesperrt. Heute singen wir die Marseillaise! Noch kann jeder Vater ungestraft seinen Sohn hungern und schuften lassen und ihn hindern, große Werke zu vollenden. Es ist nur das alte Lied gegen Unrecht und Grausamkeit. Sie pochen auf die Privilegien des Staates und der Natur. Fort mit ihnen beiden! Seit hundert Jahren ist die Tyrannis verschwunden -- helfen wir denn wachsen einer neuen Natur!

Noch haben sie Gewalt, wie einst jene. Sie können gegen den ungehorsamen Sohn die Polizei rufen.

Der Sohn:

Man sammle ein Heer! Auch für uns sind die Burgen der Raubritter zu erobern.

Der Freund:

Und zu vernichten bis ins letzte Glied. Wir wollen predigen gegen das vierte Gebot. Und die Thesen gegen den Götzendienst müssen abermals an der Schloßkirche zu Wittenberg angenagelt werden! Wir brauchen eine Verfassung, einen Schutz gegen Prügel, die uns zur Ehrfurcht unter unsere Peiniger zwingt. Dies Programm stelle ich auf, denn ich kann es beweisen. Führe du das Heer.

Der Sohn:

Aber wer hilft uns? Bis zum einundzwanzigsten Jahre sind wir preisgegeben der Peitsche und dem Wahnsinn des väterlichen Gespenstes.

Der Freund:

Ist es das erstemal, daß ein Werk für die Freiheit geschieht? Auf, die Fahnen und Schafotte der Revolution! Wenn das alte tot ist, macht man ein neues Gesetz. Wir wollen brüllen, bis man uns im Parlament unter der goldenen Kuppel hört. Um nichts Geringes wagen wir unser Blut. Und der Gedanke, dies Feuer, mächtig zu allen Tagen der Welt, wird nicht erlöschen vor Übermacht und Hinterlist. Wir _müssen_ siegen, weil wir stärker sind.

Der Sohn:

Sind wir nicht allein -- wir zwei in diesem Zimmer? In welchen Räumen tönt Widerhall?

Der Freund:

In allen, wo junge Menschen sind. Hast du nicht geredet in der gestrigen Nacht? Hörtest du nicht die Stimmen des einen tausendfach? So glaube nur: die Stunde ist da. Und sie fordert das Opfer.

Der Sohn:

Was kann ich tun! Ich bin nur ein armer Teufel, der selber vertrieben ist.

Der Freund:

Du hast begonnen -- vollende das Werk. Tu nun das Letzte. Empfange die heilige Pflicht.

Der Sohn:

Was hab' ich Großes getan, daß du alles auf mich setzest!?

Der Freund:

Das Schicksal von Millionen ist in deiner Hand. Was du gestern sahst, ist nur ein kleiner Teil des mächtigen Volkes von Söhnen, die auf deine Taten bereit sind. Der Funke ist entzündet -- schleudre ihn ins Pulverfaß. Jetzt muß ein Fall kommen, ein ungeheurer, noch nicht dagewesener, der die ganze Welt in Aufruhr setzt. Auf diesem Boden an einer Stätte muß der Umsturz beginnen. Gestern klang deine Rede hinaus -- heute mußt du es tun.

Der Sohn:

So sage mir, wie schon einmal an der Wende meines Lebens -- was ich tun soll.

Der Freund

(zieht einen Browning aus der Tasche):

Kennst du dies schwarze Instrument? Es beherbergt den Tod. Ein kleiner Griff -- und Leben erlischt. Betrachte es genau: mit diesem Metall hätte ich gestern _dich_ vernichtet; aber du hast gesiegt. Du hast den Tod überwunden: das macht dich unsterblich zum Leben.

Sieh an, es ist scharf geladen. Ich gebe es dir. Dasselbe, das noch gestern hinter deinem Atem stand. (Er reicht es ihm hinüber.) Nimm es.

Der Sohn:

Gegen wen?

Der Freund:

Bald bist du gefangen.

Der Sohn:

Nein!!!

Der Freund:

Doch die Häscher sind dir auf der Spur.

Der Sohn:

Nein!! Nein!!

Der Freund:

Dein Vater weiß, wo du bist. Er rief die Polizei.

Der Sohn:

Wer -- hat das getan?

Der Freund:

Du willst es wissen: Ich.

Der Sohn:

Du ...!

Der Freund

(mit aller Ruhe):

Ich teilte deinem Vater deinen Aufenthalt mit.

Der Sohn

(reißt den Revolver an sich und zielt):

Verrat! Stirb dafür!

(Er drückt ab. Der Revolver versagt.)

Der Freund

(ohne sich zu verändern):

Du hast ihn nicht aufgezogen. Ich wußte, du würdest auf mich schießen. Aber es ist noch zu früh. Ich bin nicht das richtige Ziel -- deshalb ersparte ich mir den Griff.

Du mußt ihn auseinanderziehn -- so -- jetzt ist die Kugel im Lauf -- (Er tut es und reicht es ihm hin.) Jetzt kannst du schießen.

Der Sohn

(läßt den Revolver sinken):

Verzeih. -- (Er steckt ihn zu sich.) Ich behalte dein Geschenk.

Der Freund:

Und nun auch die letzte Klippe umschifft ist -- wie zwecklos wäre ein Mord in diesem Moment -- so will ich dir sagen, _weshalb_ ich es tat.

Ich kenne die Versuchung, mit Ruhm und mit Weibern zu schlafen. Doch brauchte ich nichts zu fürchten -- ich sehe, du brennst noch. So ist es gut. Aber jeder hat die Probe auf sein Exempel zu machen; schon der Kleingläubigen willen und des Unverstandes. Mit beiden muß ein Feldzug rechnen. (Er sieht auf die Uhr.) In nicht mehr zehn Minuten, am Schritt der Polizisten gemessen, wirst du in Ketten deinem Vater zugeführt. Du stehst vor ihm, der Ketten ledig, Aug in Auge. Und er wird dein Urteil sprechen: es lautet auf Zwangsarbeit. Was -- wirst du dann tun?

(Er steht vor ihm, ganz nahe.)

Der Sohn

(weicht zurück):

An welchem Ende der Welt stehn wir ... kann der Gedanke noch weiter ... mir schwindelt ...

Der Freund

(folgt ihm nach):

Was wirst du tun? Wohin gehst du?

Der Sohn

(an die Mauer gedrängt):

Du bist furchtbar. -- Hier ist nichts mehr -- (schreiend) Vatermord!!!!

Der Freund

(tritt zurück):

Gott ist bei dir.

Der Sohn

(stürzt heftig nach vorne, packt ihn am Arm):

Ich _kann_ es nicht! Ich _kann_ es nicht! (In gräßlicher Angst.) Laß mich los! (Er fällt ihm zu Füßen.) Ich bitte dich!

Der Freund

(eisern):

Mensch! Nachdem der ungeheure Gedanke in dein Inneres zog, wirst du ihm nicht mehr entrinnen. Du bist ihm verfallen mit Leib und mit Seele. Du hast keine Ruhe mehr. Geh hin und führe ihn aus!

Der Sohn

(nach einer langen Weile):

Wie darf ich ein Leben töten -- ich -- der ich kaum geboren bin. -- Es gehört unmenschlicher Mut dazu, das kleinste Tier zu vernichten. -- -- Ich habe einmal einen Hund erdrosselt und konnte zehn Nächte nicht schlafen. Ich bin zu schwach. Mache mich nicht zum Mörder. Schon jetzt sind die Erinnyen in mir.

Der Freund:

Ist Feigheit Trumpf? Und du wolltest in die Schlacht?

Der Sohn:

Rette mich vor dem furchtbaren Alp!

Der Freund:

Und doch hast du eben mit kaltem Blut auf mich geschossen! Wie reimt sich das? Weshalb verfolgt dich mein Schatten nicht? Hab ich dir mehr getan als dein Vater? Antworte, weshalb konntest du es bei mir?

Der Sohn:

Wie gut gelang dieser Effekt. Ich verstehe -- die Falle ist hinter mir zu. Ich bin um eine Festigkeit ärmer. Weh dir, du rettest mich nicht. Ich hasse dich maßlos! Jetzt fühl ich: ich könnte es tun.

Der Freund:

Was liegt an uns und einem Toten. Hunderttausende werden leben.

Der Sohn:

Es gibt edle Väter!

Der Freund: