Der Sohn: Ein Drama in fünf Akten
Part 4
Mein Vater hat mich für seine Rechnung arbeiten lassen und mich ebenso betrogen, wie jeden Koofmich in Russisch-Polen. Wäre er nicht zur rechten Zeit gestorben, als ich die hundsföttische Sklaverei erkannte, ich glaube, ich hätte ihn ... und so weiter. Noch heute denke ich mit Übelkeit an dies väterliche Instrument mit der doppelten Buchführung, an diesen jüdischen Jobber, der mir mit seiner Speckigkeit die schönsten Jahre verdorben hat. Deshalb bitte ich dich -- sprich mir nicht von Bilanzen: ich werde sonst wahnsinnig!
Cherubim:
Ich fühle mich verantwortlich -- mehr als du glaubst. Ich weiß, du bist nicht fähig, einen Wechsel zu lösen, und wenn du die Seligkeit mit einer Unterschrift beglaubigen müßtest, du würdest sie lieber verschlafen. Du bist herrlich, aber du hast von Werten keine Ahnung. Ich will nicht, daß du eines Tages arm bist. Dein Vermögen fundiert unsre Idee. Was wären wir ohne dich? Kleine Schlucker, die nicht einmal ein Lokal hätten, wo sie diskutierten. Ich habe dich zu einem Edelmut verlockt, den du eines Tages bereuen könntest. Nein, erröte nicht -- es ist so! Übrigens werde ich ja gleich im Saale ganz anders reden. Es handelt sich doch hier um dich und um mich -- deshalb unter vier Augen.
von Tuchmeyer:
Auf alles, was du mir sagst, werde ich immer erwidern: ich wäre tief unglücklich, könnte ich das blöde Geld, das mein Vater zusammengemistet, nicht irgendeinem gemeinsamen Gedanken unter Menschen zurückgeben. Es ist doch nur gerecht, wenn in Unfreude Erworbenes, an dem so viel Unglück klebt, wieder der Freude fruchtbar wird! Ich brenne förmlich auf ungeahnte Sensationen, daß man sie, allen Idioten zum Trotz, auf der Erde verwirklicht. Wie herrlich ist dieser Kampf gegen die Welt! Und wenn es schon die zehn Gebote gibt, eins davon sehe ich darin, meinen Vater aus der Erinnerung der Lebenden auszulöschen. Nebenbei bin ich durchaus ein Egoist und habe mein Vergnügen dran.
Cherubim:
Gut; so höre!
Vor heute genau einem Jahr trafen wir uns zufällig: du, der Freund, der Fürst und ich, in einer unscheinbaren Bar. Mit einigen Libertinen, die uns die Zwischenräume diskutierter Nächte durch angenehme Spiele vertrieben, taten wir uns zusammen zu einem Klub und nannten ihn »Zur Erhaltung der Freude.« Wir haben uns seitdem des öftern gesehen und einige Orgien gefeiert. Aber ich frage dich: Was ist geschehn? Kein Dogma wurde verkündet, dagegen schlossen etliche Jünglinge, deren Wechsel klein ist, und einige unbefriedigte Damen sich uns an. -- Habe ich unrecht, so unterbrich mich!
Es ist nicht nötig, daß wir mit den Sternen in Konkurrenz treten, in China Revolution machen oder eine Entdeckung im Nervensystem des Frosches -- all das können wir nicht. Wir haben den Ehrgeiz, es auch nicht zu tun. Aber es ist wichtig, daß man jene, die gleich dort im Saale sitzen, für etwas begeistert. Man muß ihnen klarmachen, daß im Verlaufe dieser zwölf Monate keiner von uns gestorben ist. Und das ist viel! Bedenke, was das Leben heißt.
von Tuchmeyer:
Ist das ein Widerspruch zu diesem Jahr?
Cherubim:
Es ist ein Widerspruch. Hör mich zu Ende. Zwar haben wir in zwölf Monaten gelebt -- aber wir wußten nicht wozu. Das Leben allein genügt nicht. Auf _die_ Frage will ich heute Antwort geben: _Wir leben für uns!_ Und ich werde diesen Passus meiner Rede zu ungeheurem Pathos steigern: wir wollen dem Tode, der uns verschont hat, ein Opfer bringen!
von Tuchmeyer:
Nicht aus Angst vor dem Publikum, sondern aus Neugierde: worin soll das Opfer bestehn?
Cherubim:
Darin, daß wir den Gott der Schwachen und Verlassenen von seinem Throne stürzen. An seine Stelle heben wir die Posaune der Freundschaft: unser Herz. Denn wir Vielfachen, wir Gestalten von heute, leben dem unermeßlich Neuen. Wir sind berufen für einander -- so laßt uns die kleinen Gesetze der Schöpfungen korrigieren, Kampf, Entbehrung und die Grenze der unvollkommenen Natur -- laßt uns den Mut haben zur Brutalisierung unsres Ichs in der Welt!
Zweite Szene.
(Der Vorhang zerteilt sich. _Fürst Scheitel_, in Frack und Mantel, tritt ein.)
Der Fürst:
Guten Abend, meine Herren! Lassen Sie sich nicht stören.
(Er legt ab.)
Cherubim
(ihm entgegen):
Fürst Scheitel -- Sie sind es! Sie kommen wie gerufen. Ich mache einen Staatsstreich heute Nacht!
von Tuchmeyer:
Fürst -- wir bewundern Ihre Treue. Sie bringen uns das größte Opfer: das gefährlichste für Sie. Wie gelang es Ihnen, dem hohen Souverän, Ihrem Vater, diesen Abend zu entkommen? Wir haben Sie nicht mehr erwartet.
Fürst Scheitel:
Meine Herren! Wozu haben wir den Kintopp? Man lernt auch hier. Ich sah neulich ein Intrigantenstück, die verkappte Geschichte meines Vetters, des Herzogs. Sie wissen, er hatte eine Liaison mit seiner Soubrette, und man hat das für eine Pariser Firma bearbeitet. Ich machte es genau wie er: mischte meinem Adjutanten ein Schlafmittel ins Glas und entwischte hinter einer Gardine. Bemerken Sie, daß Adjutanten immer trinken müssen! Nun, ich fühle mich ganz im Zauber des schlechten Romans; schade, daß kein Weib hier ist. -- Doch Sie sprachen von etwas anderm. Bitte fahren Sie fort.
Cherubim
(mit Herzlichkeit):
Lieber Fürst! Augenblicklich sind wir beschäftigt, unser aller Verdienste hier auf der Börse zu notieren. Da durften Sie nicht fehlen. Ich gestehe, daß ich manchmal bei Ihnen ein leises Mißtrauen hatte, vor Ihrer allzu soignierten Gestalt. Jetzt erkenne ich, wie recht Sie haben. Ihre stille Anmut stürzte uns oft in die Eleganz der Sphären. Von Ihnen empfingen wir den Ruhm des Monokels im Auge und die Krone des stummen Saluts, wenn Sie einst als regierender Fürst, unerkannt, im Trommelwirbel an uns vorüberfahren. Wirklich: Ihre Freundschaft ist die höchste, weil sie die schwerste war.
Der Fürst:
Aber meine Herren -- Sie beschämen mich! Sie sind viel mehr und haben mehr Chancen als ich in meiner Stellung. Leider ist der Luxus auf unsern Thronen noch nicht bis zum Geiste gelangt, sonst wäre ich der erste für eine Republik. Ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich mich auf diese Nacht freue -- und weil ich in Ihrem Klub bin. »Klub zur Erhaltung der Freude«! Meine Herren, ich finde noch immer, daß dieser Klub gut ist. Im übrigen will ich an einem so wichtigen Feste, wenn auch hinter den Kulissen, nicht fehlen.
von Tuchmeyer:
Wie kamen Sie her?
Der Fürst:
Standesgemäß, doch zu Fuß. Als ich die Treppe hinaufstieg, fuhren gerade Automobile vor, und in der Garderobe legt man bereits ab. Zu nett ist dieses Volk -- wir werden ein großes Publikum haben! Von Tuchmeyer, Sie müssen mir hinter dem Vorhang Gesellschaft leisten, und wir wollen den Erfolg sehn. Ich möchte die Nationalhymne singen: Gott erhalte meinen Vater am Leben, daß ich noch lange Ihr Freund sein kann. Wenn er tot ist, muß ich mich auf den Thron setzen, schon der Presse wegen. Ich kann es nicht ändern. Und ich werde mich prinzipiell an keinem Umsturz beteiligen, denn ich habe aufs Gehirn meiner Nachkommen Rücksicht zu nehmen. Außerdem finde ich es albern -- für einen Fürsten. Sie, meine Herren, dürfen allzeit die Welt verändern. Ich muß sie, aus größerer Klugheit, beim Alten lassen.
Cherubim:
Und von diesem Rechte, Fürst, machen wir Gebrauch! Wenn schon mit dem Gedanken vertraut unsrer minderen Wichtigkeit auf der Erde, wollen wir uns wenigstens zu höchster Steigerung bringen. Ich habe das Mittel dafür gefunden, und ich werde es anwenden. Vertrauen Sie mir.
(Sie setzen sich, Zigaretten im Mund.)
Cherubim
(mit oratorischer Bewegung):
Ich werde unten im Saale jeden beim Namen nennen. Er nehme sein Champagnerglas und stelle sich neben mich, und ich werde rufen: Du lebst -- empfinde, daß du glücklich bist!
Und dann werde ich auf meinem Pult, wie Apollo im Tale Edymion, von Frauen umringt, die Heiterkeit um mich versammeln. Sie kennen die Adrienne mit ihrem süßen Gesicht? Denken Sie sich dies Weib in ihren strahlenden Schultern! Ich will mich über sie beugen und verkünden, daß alle Menschen zum Glücke geboren sind. Und ich will sehn, ob Sie mir nicht zujubeln, trotz Angst und Verwirrung; ob unter uns ein Verräter ist.
Der Fürst:
Bravo! Zwar eine Farce gegen die Statistik, aber immerhin sehr amüsant. Sie werden neben Ihrem Pulte einen Korb Rosen finden. Ich ließ ihn hinstellen für Sie. Vielleicht werfen Sie bei dieser Stelle die Rosen ins Publikum!
Cherubim:
Ja, ich bin für die Wirkung! Sie hören es jetzt: einen Bund zur Propaganda des Lebens -- deshalb muß ich die Freude predigen, skrupellos. Genießt den Duft der Rose ohne Dorn! Stellt Tische hin, an denen gespielt und nicht verloren wird! Zieht Frauen auf, die uns alle lieben! Es lebe unser herrlich weltliches Gefühl!!
Dritte Szene.
(_Der Freund_ tritt plötzlich durch die Türe ein.)
Der Freund:
Du lügst, Cherubim!
(Alle fahren erschrocken herum. Er reißt die Maske ab und steht vor ihnen, im Frack.)
Cherubim:
Hallo! -- Du bist's.
Der Freund:
Ja. Ich bekenne mich schuldig: ich habe vor der Türe gelauscht. Es braucht also der Wiederholung nicht. Ich habe alles gehört. Und ich erkläre dir den Kampf!
Cherubim:
Was soll das heißen?
Der Freund:
Das heißt: in zehn Minuten ist der Saal drüben voll. Du wirst heute Nacht _keine_ Rede halten.
Cherubim:
Bist du des Teufels! Ich _muß_ reden. Woher dieser Ton?
Der Freund:
Das wirst du erfahren. Ich kann dich zwar am Reden nicht hindern; doch ich rede nach dir.
Cherubim
(erblaßt):
Was wirst du reden?
Der Freund:
Die Wahrheit, mein Lieber. Du hast dir viel Mühe gegeben, man muß es sagen. Nur fürchte ich, diesmal versagen deine Tricks.
Cherubim:
Meine Tricks ..!
Der Freund:
Und die Rosen, mein Freund. Hüte dich, daß sie sich nicht in faule Eier verwandeln und auf _deinem_ Haupte enden.
(Sie umdrängen ihn alle.)
Cherubim:
Jetzt sprich: was hat dich in vierundzwanzig Stunden so verändert?
Der Freund:
Ihr seid, scheint's, alle sehr gespannt. Das führt zu weit. Die Stunde heischt Kürze. Cherubim! Diesen schönen Namen hast du dir beigelegt. Sonst hab ich nie mich besonnen, das Wort mit vollem Klange zu sagen. Nun bin ich voll Ekel. Ich kann dir nicht mehr in die Augen sehn. Wie hast du gewagt, dich mit dem Namen des Engels zu nennen -- du Spiel und Laune von einigen Nächten! Und wirklich: du willst weiter diesen Betörten Taumel und Trunkenheit predigen? Empört sich nicht etwas in dir gegen die Lüge? Betrogene Bewunderung, die wir deinem Lockenhaar zollten! Du Verkünder Gottes auf Erden -- wie schal ist dein Reich.
Cherubim
(springt mit allen Zeichen des Entsetzens zurück):
Ein Aussätziger ist unter uns!
Der Freund
(mit tiefem Ernst):
Nein! Einer, der den Stachel erkannt hat. Was genießt ihr denn? Was habt ihr vollbracht? Habt ihr im Überfluß etwas Gutes oder Böses getan, das euch die Augen öffnet? Hattet ihr Tränen, wenn am Morgen nach vergeudeter Nacht ein Unglück in eurer Zeitung stand? Habt ihr einen, der euer Feind war, umgebracht? Und selbst wenn ihr die Ohnmacht alles Irdischen fühltet -- war euch damit geholfen?
Was soll diese Geste, dies tönende Barock? Mir ist übel. Ihr wollt in Heiterkeit entfliegen und seid tiefer im Dreck. Das nennt ihr ein neues Programm?
von Tuchmeyer:
Man höre nicht auf ihn. Er ist verrückt.
Der Freund:
Herr von Tuchmeyer! Es ist wahr: Sie haben Ihr Erbe dem Gedanken der Freude geopfert -- aber wie, wenn dieser Gedanke ein Trugschluß war? Wer beweist Ihnen die Richtigkeit einer Tat? Ihr Geld und Ihre Seele stecken in diesem Klub -- was würden Sie sagen, wenn das, wofür Sie leben, nur ein lächerlicher Fall ist? Ja, ihr kindlichen Gemüter: _der_ Beweis fällt nicht schwer, angesichts solcher Helden. Wenn man zu Ende ist mit einer Weisheit, fängt meistens das Gegenteil an. Mit einem Wort, Verehrte, wozu leben Sie noch? Ihr Ziel ist doch erreicht! Man verschwinde also. (Keiner antwortet ihm.) Euer Schweigen redet lauter! Weshalb kamen euch sonst diese Fragen nicht? Worüber habt ihr eigentlich nachgedacht? Verteidigt euch! Ist ein Fehler in meiner Rechnung? Nun, ihr Monumente aus dem Nichts, begebt euch doch in euer Kartenhaus!
Cherubim:
Ich will nur das eine gegen dich sagen, bester Freund: wie schmerzlich wäre es doch, wenn selbst du uns heute abend entrückt wärest -- in die Gefilde jenseits dieser lachenden Erde.
Der Freund:
Sagt das etwas gegen mich? _Muß_ man denn leben? Und rechtfertigt es euern Mummenschanz? Ich bin hier, um zu verhindern, daß andre, denen es schlecht geht, eure Fröhlichkeit teilen. Die Freude zu besitzen, tötet. Ich rotte diesen Bazillus aus! Freut euch deshalb nicht über mich. Es ist noch zu früh.
von Tuchmeyer:
Welcher Irrsinn, gegen die Welt zu reden, weil Sie _leben_! Eine Falle Ihres Geistes, den wir bewundert haben. Sie sind erbärmlich gestrauchelt. Ein Büßer mutet immer komisch an. Gehn Sie ins Kloster; oder liegt Ihnen die Rolle des Clowns besser, treten Sie im amerikanischen Zirkus auf.
Der Freund:
Lieber Herr, ich bin ein Jahr lang mit Ihnen vergänglich geworden -- deshalb tu ich das Eine nicht und auch nicht das Andre. Doch hab ich, begreiflicherweise, den Wunsch, mich von Ihnen zu befreien -- das würden Sie an meiner Stelle auch tun. Also lassen Sie mich doch reden!
Cherubim:
Kurz und gut: was willst du?
Der Freund:
Jene dort überzeugen, daß es keinen Zweck hat.
Cherubim
(auf ihn zustürzend):
Das tust du _nicht_!
Der Freund:
Zurück! Ist das dein Gesicht? Aus dieser Larve entpuppst du dich mir: Ich meine, dein Wille ist so fest! Weshalb wagst du denn nicht den Kampf? Laß uns doch beide reden, einer nach dem andern -- oder fielst du schon heimlich um? So hab doch den Mut, es zu bekennen, und geh lautlos ab. Weshalb der Lärm?
Cherubim:
Verräter! Hinaus!
(Er und von Tuchmeyer drängen ihn gegen die Türe.)
Der Fürst
(fällt ihnen in den Arm):
Meine Herren, halt! Lassen Sie mich auch ein Wort sagen. Sind wir denn hier im Parlament? Soll doch jeder tun, was er will. Ich habe durchaus nichts gegen Rebellen und Antimonarchie. Und ich sage es offen: ich stelle mich auf seiten des Rebellen -- ich finde, er hat recht! Er fragt: weshalb. Seine Fragestellung imponiert mir. Können _Sie_ ihm denn Antwort geben? Wenn er es kann -- weshalb soll er es nicht?
Cherubim
(trocknet sich die Stirn):
Mein Gott, ja! Aber doch nicht heute -- dies paradoxe Gewäsch -- wo alles auf dem Spiel steht.
Der Fürst:
So lassen Sie es doch -- das Spiel. Es siegt, wer stärker ist. Ich glaube an keinen von beiden. Aber wer will, soll ruhig auf der Kippe stehen. Sie _wollen_ ja etwas -- also streiten Sie! Ich kann mir nicht helfen: da hat er recht. Ich finde es zwar belanglos, sich aufzuregen über Aktionen jeglicher Art, aber wenn es geschieht, soll es ehrlich geschehn. Sie machen mir, Cherubim, nicht mehr den Eindruck eines so sichern Menschen.
Cherubim:
Fürst! Ich habe doch nicht umsonst gearbeitet! Ich kann nicht kämpfen, denn ich bin auf alle Register der Begeisterung eingestellt. Wenn jetzt etwas schief geht, stürzt alles ...
Der Fürst:
Lassen Sie's stürzen! Eins stürzt nach dem andern. Sie brauchen mit Ihrer geistigen Apanage nicht hauszuhalten: seien Sie froh. Mit Ihnen ist doch nichts verloren -- oder haben Sie im Ernste an sich geglaubt? Sie haben noch eben von Ihrer kleinen Wichtigkeit gesprochen. Dann haben Sie gelogen! Sie haben sich dem ewig Neuen unterworfen -- tun Sie's jetzt!
Cherubim
(in Verzweiflung):
Nein, ich tu es nicht! Und ich will es auch nicht! Ich kann nicht.
Der Freund
(tritt auf ihn zu):
Cherubim! Zum letztenmal diesen lästernden Namen und dann ins namenlose Zelt. Etwas Größeres, was du nicht bist, kam hier herein -- dem füge dich. Du hast deinen Teil gehabt am Rosa-Gestirn: laß ab, einen falschen Glanz auf die Urne zu heften. Du hast dein ganzes Herz verschwendet, deshalb haben wir dich geliebt. Wenn du auch irrtest, was tut es: du hast gelebt. Zum Höchsten bist du nicht gelangt. Trotzdem (er reicht ihm die Hand) hab Dank!
Cherubim
(stößt ihn fort):
Ich will Euern Dank nicht. Ich lebe noch! Ich nehme den Kampf auf. (Er richtet sich empor.) Wo sind meine Freunde? Wollen sehn, ob sie mich alle verlassen ...
(Er blickt um sich.)
von Tuchmeyer
(tritt zu ihm):
Ich bleibe bei dir!
Der Freund:
Gut. Du willst, ich soll dir vor allen die Maske vom Gesicht zerren. Ich werde dich nicht schonen. Kampf bis aufs Messer. Fällst du, wirst du mit Füßen getreten -- und du fällst! (Die Musiker im Saal stimmen ihre Instrumente. Lichtschein und stärkeres Geräusch von vielen, schon Versammelten setzt ein.) Hörst du die Töne? Wirklich -- bist du ohne Angst? Gib acht, ich rede gegen alles -- und gegen dich. Deine Weiber und deine Locken nützen dir nichts. Ich _weiß_ ja, wozu die Rosen und der Sekt dient! Bei _meiner_ Rede wird nicht gespielt. Ich werde die Nichtigkeit deiner Argumente nachweisen -- ich kenne dich auswendig! Ich lasse die Haubitzen des Zweifels auffahren: sieh zu, daß nicht all deine Freuden wie Luftblasen zerplatzen vor diesem Salut. Mein Sohn, es kommt die Stunde des Gerichts; auch ich bin gewappnet mit Feuer. (Brausende Versammlung im Saal.) Hörst du! Hörst du! Schon wirst du blaß. Nicht ein Erdbeben -- ein kleines Wort wird dein Himmelreich vernichten. Ich hole die Gespenster aus allen Ecken hervor und lasse sie Walzer tanzen. Ich mache einen Totenkopf aus deinem Gesicht. Wie ein Revisor die Unterschlagung: ich deck dich auf! Man wird dich aus dem Saale steinigen, mein Freund!
Cherubim
(zitternd, ergreift eine Sektflasche und trinkt).
Der Freund:
Du trinkst noch? Mut! Du könntest stottern. Du willst keine Schonung -- nun denn: ich bin verrucht genug, die Justiz zu rufen. Ich lasse dich wegen Aufreizung zur Unzucht verhaften. Da kannst du eine Zeitlang über deinen Blödsinn nachdenken. Weshalb sollst du nicht die Konsequenzen deiner Lehre tragen? Bessere als du sind am Kreuze gestorben.
Der Fürst:
Um Gottes willen, man rede nicht so vor meinem Staat! Ich bitte Sie, es ist doch kein Spaß. Wenn wirklich die Polizei kommt: ich kann Ihnen nicht helfen, ich bin noch nicht mündig. Wie denken Sie sich das?
Der Freund:
In dem Falle verschwinden Sie durch den Notausgang.
von Tuchmeyer
(mit kalter Ruhe):
Solange ich hier bin, wird nichts geschehn.
Der Freund:
Herr von Tuchmeyer, ich weiß, Sie haben Geld. Andre haben das auch; deshalb sind Sie nicht schlechter -- aber hüten Sie sich vor Dummheiten. Übrigens wird es _Ihnen_ immer gut gehen: Machen Sie doch nicht andre zu Genossen Ihres subalternen Gefühls. Sie können ruhig Ihr Geld verschwenden, einst wird es wieder auf Ihren Schultern rollen. Aber was soll uns diese Welt mit Operetten und Monte Carlo? Sind wir nicht an jedem Brunnen älter, und ein anderes Dunkel umhüllt uns! Leben wir denn, um immerfort in Kasernen dies Wort herzhaft zu bewegen? Verdammt mit solchen Scherzen! Ich hasse alle Menschen, die sterbend noch das Grün im Spiegel der Bäume sehn. Aufhängen soll man jeden, der nicht Unlust und Verzweiflung und das penetrante Risiko verspürt hat, sich von diesem Miststern geräuschlos zu entfernen. Begreife man, daß wir uns durch Gefahr der Ewigkeit nähern. Was nützt uns der Hahnschrei des Glücks. Verehrte, lernt euch verachten! Wen Gott straft, der genießt zuviel.
von Tuchmeyer:
Haben Sie nicht Schwüre der Freundschaft begeistert mit uns getauscht? Weshalb verlassen Sie uns? Sie sind meineidig. Ich schäme mich Ihrer.
Der Freund:
Lieber Tuchmeyer, gehn Sie ab vom Kreuzzug. Sie dürfen noch in Sekt und Umarmungen selig sein. Wir können das nicht mehr. Erlauben Sie deshalb, daß wir darüber nachdenken. Wir bleiben nicht immer zwanzig Jahre, und Genies dürfen hier keine sein, (er dreht sich zum Fürsten um) außer Ihnen, Majestät.
Also ich erkläre es zum letztenmal: ich _bin_ wurmstichig und habe den Mut, es vor aller Öffentlichkeit heute zu bekennen. Mag vor mir oder nach mir reden, wer will: ich werde das Gegenteil beweisen.
Und wenn Sie mir nicht glauben, so kommen Sie her: mein Herz klopft gar nicht -- ich habe nicht mehr als 80 Pulsschläge in der Minute.
(Er stellt sich und öffnet leicht den Rock. Erneutes Brausen im Saal. Dann Stille. Die Ouvertüre beginnt.)
Der Freund:
Ich hör schon die Ouvertüre. Ein gutes Arrangement! (Zu Cherubim.) Präparier' deine Handgelenke. Es geht los.
Cherubim
(schwer atmend überm Tisch):
Schließen wir einen Kompromiß. Ich rede nicht. Sprich _du_ aber auch nicht!
Der Freund:
Nichts. Kein Kompromiß. Einer _wird_ reden.
Cherubim:
Also du willst den Skandal ...
Der Freund:
Ich laß dir einen Ausweg: es redet ein Dritter!
Cherubim:
Wer ist dieser Dritte?
Der Freund:
Fügst du dich! Entscheide!
Cherubim:
Mein schönes, strahlendes Werk ...
von Tuchmeyer:
Tu's nicht! Ich steh dir bei!
Cherubim
(durch diese Stimme geweckt, richtet den Blick starr auf ihn):
Ich gebe nach. Ich rette dein Geld!
Der Freund:
Jetzt hab ich dich, Freundchen! Du sicherst dir das Kapital. Glückauf! Wir brauchen es nicht. Diesen Schlußeffekt hast du dir nicht erspart. Du Streiter in Gottes Hand! Nun Ischarioth und Co., tut euch von neuem auf: Gott gebe euch Treue und tröste eure Witwe.
von Tuchmeyer:
Halt -- ich bin noch hier! Wer ist nun der Verräter an uns allen? Du, Cherubim, hast feige deine Größe verlassen. Und Sie -- wer sind Sie auf einmal? Nun sind mir die Fäden zerrissen -- auch ich schwanke -- wem glaub ich denn noch? War mein Geld umsonst und, was schlimmer ist: mein Glaube? Rächt sich schon mein seliger Papa? Macht man so Bankerott ...?
(Die Ouvertüre ist zu Ende. Es wird laut geklatscht. Das Brausen im Saale schwillt an.)
Die erste Nummer ist vorbei. Jetzt schnell! Es muß doch weitergehn. Ich fange an, mein eigner Regisseur zu werden. Wir können doch nicht mitten im Programm aufhören ... nach der ersten Nummer!
(Verzweifelt zum Fürsten):
Fürst! Sagen Sie etwas. Jetzt kommt doch die Hauptsache. Wenn nichts passiert, die Leute töten uns ja ... Auch Sie schweigen! Hier ist kein Notausgang ... Gibt keiner ein Zeichen???
Der Freund
(hebt den Arm):
Schweigt alle jetzt -- kein Wort! Kein Wort mehr, hört ihr? Ich geb euch das Zeichen!
(Er eilt zur Tür, reißt sie auf, ruft):
Komm nun!
Vierte Szene.
(_Der Sohn_ mit der schwarzen Maske, im Frack, tritt ein.)
Der Freund
(führt ihn, der nicht sieht, hypnotisch, ohne ihn zu berühren, mit den Fingern näher):
Atme! Hier sind Menschen. Die Fahrt ist vorbei! Nicht mehr die angstvolle Enge der ~III.~ Klasse im Zug. Keiner verfolgt dich. Hier wirst du leben!
(Er lüftet einen Augenblick seine Maske und sieht in sein visionäres Gesicht):
Hebe dein Antlitz! Die Erde geht auf -- es sind keine Wärter, die dich prügeln!
(Er führt ihn vor den Vorhang, dicht an den Saal):
Hörst du die -- dort? Sie erwarten dich. Rede zu ihnen! Beschwöre die Qual deiner Kinderzeit! Sage, was du gelitten hast! Ruf sie zu Hilfe -- ruf sie zum Kampf --
(Leise Musik im Saal, wie am Ende des zweiten Aktes, aus der ~IX.~ Symphonie.)
Der Freund:
Was siehst du?
Der Sohn
(unter der Suggestion fern und entrückt):
Dieser Glanz, dieser Glanz! Auge, du scheinst. Hier ist es schön. Hier grüßt mich der Stern.
Der Freund:
Wen siehst du?
Der Sohn
(mit tastenden Armen):
Als Kind oft durfte ich, wenn ein Fest bei uns war, zum Dessert vor den Damen erscheinen. Wie steh ich nun wieder in Früchten und Eis unter dem strahlenden Leuchter. Ihr Damen und Herren -- ich kenne euch ja -- ein linkischer Knabe begrüßt euch --
(Er verneigt sich langsam im Kreis.)
Ich hab Ihre Spuren in Nächten gesehn! O, daß ich bei ihnen sein darf! Aus dem lichtlosen Äther komme ich her; der Ärmsten einer, und doch bin ich hier. Daß mir das Wunder zuteil ward!
Der Freund
(reißt den Vorhang auf und stößt ihn aufs Podium in den Saal):
Nun sprich zu ihnen! Ein Toter nicht mehr -- du bist frei!
Fünfte Szene.
(Das Brausen im Saal, die Musik verstummt. Man sieht kurz den erleuchteten Raum voller Menschen. Ein langer Ton der Erwartung, Überraschung, des Staunens setzt ein. Dann wird es still.)
Der Freund
(gedämpft):
Stellen Sie sich an den Vorhang, von Tuchmeyer, und hören Sie zu!