Der Sohn: Ein Drama in fünf Akten

Part 2

Chapter 24,069 wordsPublic domain

Fräulein, man hat mir gesagt, daß Sie leben und auf der Erde sind. Ich muß lernen, viel zu verstehn. Daß Sie eine Stimme haben und auf silbernen Füßen durch das Zimmer gehn.

Das Fräulein

(lächelnd):

Ach, wer hat Ihnen das alles geschwindelt! Das glauben Sie doch nicht.

Der Sohn

(mit großem Ernst):

Ich glaube _alles_ und noch mehr.

Das Fräulein:

Soll ich Ihnen ein Brot streichen?

Der Sohn:

Ich kann nichts essen.

Das Fräulein:

Ich habe oft an Sie gedacht und Mitleid mit Ihnen, weil Sie so strenge gehalten sind. Ich möchte gern, aber ich darf ja nicht anders.

Der Sohn:

Das ist wahr, es ist düster hier.

Das Fräulein:

Sie müssen nicht daran denken. Es kommen wieder gute Zeiten.

Der Sohn:

Wenn ich Sie um etwas bitte, würden Sie es tun?

Das Fräulein:

Was soll ich für Sie tun?

Der Sohn:

Ich muß eine Frau lieben. Lassen Sie mich fort heute abend.

Das Fräulein:

Kleiner Junge! Seit wann ist das über Sie gekommen?

Der Sohn:

Seit heute, Fräulein, seit heute.

Das Fräulein:

Hat Ihr Vater nicht strenge verboten, daß Sie am Abend ausgehn?

Der Sohn:

Fräulein! Als ich sieben Jahre war, nahm mein Vater mich mit auf eine Fahrt. Wie erschrak ich vor dem Tunnel -- ich dachte, es sei die Hölle. Wir fuhren im Dampfboot den Fluß hinab und standen einen Augenblick im Maschinenraum. Da sah ich zum erstenmal die riesige Glut und die schwarzen Menschen voll Schweiß. Wissen Sie, was mein Vater tat? Er gab jedem Heizer eine Mark. Ich war mit den armen Teufeln so froh.

Das Fräulein:

Sie haben ein gutes Herz.

Der Sohn:

Als ich größer war, hab ich oft gewünscht, mein Vater möge auch mir eine Mark schenken, denn ich wollte mir Süßigkeiten kaufen. Aber das hat er nie getan. Ich weiß nicht warum. Er sagte, ich könnte mir Krankheiten holen.

Das Fräulein:

Wenn ich jetzt eine Mark hätte, dann schenkte ich sie Ihnen.

Der Sohn:

Was nützt mir heute die Mark! Ich kann nicht die Droschke bezahlen, mit der ich fahren will.

Das Fräulein:

Es gibt böse Frauen. Vielleicht kommen Sie traurig zurück.

Der Sohn:

Kann ich noch trauriger werden als in den zwanzig Jahren meines Harrens auf diesem nahen Stern! Wann endlich werden mir die Fanfaren tönen? Ach Fräulein, und doch gab es Stunden, in denen man traumhaft seine Sphäre verließ -- wenn wir im Sommer in Konzerten saßen mit rosa Damen am Geländer des ewigen Stroms.

Geben Sie mir den Hausschlüssel!

Das Fräulein

(nimmt den Hausschlüssel und gibt ihn):

Hier haben Sie ihn.

Der Sohn

(ergreift ihn):

So halte ich denn dies kostbare Gut, (er springt auf und taumelt) ach, ich bin wie ein Blinder. Meine Augen sind die Helle nicht gewöhnt. Ich fürchte, ich könnte ihn verlieren. Nehmen Sie ihn wieder! (Er gibt ihn zurück.)

Das Fräulein:

Werden Sie nicht ausgehn?

Der Sohn

(aufmerksam):

Fräulein, war das nicht ein Opfer -- ein Geschenk von Ihnen? Wenn mein Vater das wüßte, es kostet Sie Ihre Stellung ...

Das Fräulein

(lächelnd):

So helfen Sie mir dafür Ihrem Vater schreiben. Er will doch jeden Tag einen Brief haben, wie es geht im Hause. Ich weiß nicht, was ich ihm schreiben soll! (Sie nimmt Feder und Tinte.)

Der Sohn:

Übrigens: ich will mit meinem Vater reden! Schreiben Sie ihm, er soll wiederkommen.

Das Fräulein

(sitzt bei der Lampe und schreibt):

Der wievielte ist heute? Der Zwanzigste.

Der Sohn:

Ja, ich will mit ihm reden. Er soll es wissen. Ich muß bald etwas Großes tun. Ich höre auf, in dieser Schule zu lernen. Wie viel werde ich ihm sagen ..!

Das Fräulein

(sieht ihn an):

Soll ich das alles schreiben?

Der Sohn:

Ich werde nach Hamburg fahren und die transatlantischen Dampfer sehn. Ich will mir auch Frauen halten. Glauben Sie es nicht, Fräulein?

Das Fräulein:

Aber das kann ich doch Ihrem Vater nicht schreiben!

Der Sohn

(steht hinter ihr und zeigt über sie weg auf das Papier):

Dann schreiben Sie ihm, er soll wiederkommen.

Das Fräulein

(schreibt).

Der Sohn

(legt die Hände auf ihre Schultern und zittert).

Das Fräulein

(ohne sich umzuwenden):

Was machen Sie da -- so kann ich nicht schreiben!

Der Sohn

(öffnet ihre Bluse am Hals und berührt sie).

Das Fräulein:

Ah, jetzt ist ein Flecken auf dem Papier --

Der Sohn

(beugt sich tiefer zu ihr).

Das Fräulein

(zurückweichend, fast über dem Papier):

Nicht doch; wenn Ihr Vater --

Der Sohn:

Ich liebe Sie! (Sie wendet sich um. Er küßt sie mit schneller, ängstlicher Gewalt.)

Das Fräulein

(steht auf und wendet sich ab. Dann ordnet sie ihr Haar. -- Nach einer Weile):

Was soll nun werden!

Der Sohn

(in großer Verwirrung):

Es ist etwas vorgegangen ... zürnen Sie mir nicht ...

Das Fräulein

(mit leiser, guter Stimme):

Sie sind mir niemals fremd gewesen. (Sie nimmt die Lampe.) Gute Nacht! (Sie geht schnell.)

Siebente Szene.

Der Sohn

(allein. Nacht. Augusthimmel):

Da mir unendliche Gestirne scheinen, Wie bin ich anders jedem Stern geweiht! Sie schufen mich zu leben und zu weinen. Ich bin dem Ewigen näher, bin bereit. Nicht wildem Rausch, noch schmerzlichem Erkennen -- Gib, Stunde, mich der tiefen Wonne hin: Daß ich im ungeheuersten Verbrennen Auf dieser Welt erfahre, wer ich bin. Schon hör ich, wie die Nächte sich erschließen Dem unbekannten Geist in Glück und Leid; Mein Leben wird von Segen überfließen -- Wie jedem Menschen, kam auch mir die Zeit. Denn ein Geschöpf, das liebend sich erneuert, Wird größer an der Fülle seines Tags; Von diesem Größten bin ich angefeuert, Und die Gewißheit ruft mich: nimm und trag's! Und laß mich sein in tausendfacher Nähe Daß ich die Wunder meines Lebens schau. Daß ich in allem werde und vergehe -- Gott ist mir gut. Wie schön ist diese Frau!

_Ende des ersten Aktes._

Zweiter Akt.

Erste Szene.

Ein Tag später.

Der gleiche Raum. Die gleiche Stunde.

_Der Sohn._ _Das Fräulein._

Der Sohn:

Eine schöne Frau in unsrer Stadt hat sich das Leben genommen. Man sucht den Vierwaldstätter See ab mit Booten und mit Lichtern, aber ihre Leiche findet man nicht. Einige behaupten, sie sei nicht gestorben, sondern lebe noch. Ich erschaure, wenn ich das höre! Wird sie auferstehen von den Toten? Wie gleichgültig, ob ihr Mann eine Mätresse hat.

Ich konnte nicht schlafen die Nacht. So ging ich in den Park und legte mich ins Gebüsch unter den schweflig gelben Mond.

Welch ein Wind aus dem ungezügelten Raum hat diese Frau fortgerissen von ihrem Sessel in der Loge, wo man sie erblicken konnte wöchentlich zweimal im Theater. In welche Finsternis ist sie geschwunden! Wer half ihr in der Not? Weiß jemand um die Tränen, eh ihr gekräuseltes Antlitz versank im See!

Das Fräulein:

Sie hat zwei Kinder; ein kleines Mädchen.

Der Sohn:

Deshalb kann sie nicht aufgehn in Staub oder Wasserdunst. Der Genius lebt weiter -- ihr Kinder! Sie wird euch beistehn in der schmerzlichen Tageszeit. Wieviel Unvergängliches ist in uns!

Als ich mich erhob vom Boden, schrie ein Vogel über dem Teich; da sah ich Ihre Brüste, weiß im Schatten des Gemachs.

Das Fräulein:

Es war so schwül. Auch ich konnte nicht schlafen. Ich stand am Fenster lange Zeit.

Der Sohn:

Und ich empfand auch Sie süß in meiner Heimat und fühlte mich in Ihrer Hut.

Das Fräulein:

Wir sind schlecht. Wir sinken immer tiefer. Und Ihr Vater vertraut mir.

Der Sohn:

Welche Wollust, ihn zu betrügen! Als ich Sie gestern in seinem Zimmer küßte, wie genoß ich dieses Glück. Und das Sofa, auf dem wir uns umarmten, hat meine Rache gespürt. Und die toten, höhnischen Möbel, vor denen mein Vater mich prügelt, haben alle, alle das Wunder gesehn. Ich bin nicht mehr der Verachtete. Ich werde Mensch!

Das Fräulein:

Ihr Vater hat vielen, die in Not sind, geholfen. Wir müssen ihm dankbar sein! Oft, wenn die Nachtklingel durchs Haus schrillte, stand Ihr Vater auf und holte Wein aus dem Keller und eilte zu einem Kranken, der am Sterben war. Es geht ein Trost von ihm aus in der Dunkelheit des Todes und der Armut. Er hat mehr Gutes getan als wir.

Der Sohn:

Ja Fräulein, und deshalb will ich mit ihm reden. Er muß mich hören, er muß mir helfen -- er, der ein Arzt ist und am Bette von Tausenden steht. Sollte er den eignen Sohn in der Verzweiflung verlassen? Ich will ihm alles sagen, was mir auf der Seele ist. Ich will darauf bauen, daß meine Kraft stärker wird als sein Mißtrauen in all den Jahren. So will ich vor ihn hintreten: es tut not, daß wir uns fester aneinander halten, wieder einer am andern.

Lassen Sie mich noch Ihre Wärme fühlen, ehe der Frost des Wiedersehens mir am Herzen würgt. Könnt ich ihn überwinden! Durch Ihren Mund hörte ich die Stimme des Lebendigen und der Gnade. Doch werde ich versuchen, meinen Vater in Erhabenheit zu finden, wie der Gott der Freude mir in dieser Nacht verkündet ist. Die Rosse Achills sollen feurig vor meinen Wagen gespannt sein! Jetzt habe ich Mut, alles zu tun, denn ich glaube an mich.

Das Fräulein:

Deine Augen leuchten -- wie schön ist diese Glut! Noch bist du bei mir, noch habe ich dich. Und weiß doch, daß ich dir nur eine kleine Spur bin im Garten des großen Gefühls. Komm, vielleicht hast du mich morgen schon vergessen. Und heute lieb ich dich so.

Der Sohn:

Liebes Fräulein, laß mich bei dir sein diese Nacht. Ich will dich lieben! Erfülle, was kindliche Ehrfurcht noch scheu mir verhüllt hat. Dieser Tag des harrenden Schicksals muß in purpurnem Glücke enden. Ihr Feuer am Himmel meiner Heimat! Ihr Hochöfen und ihr Pappeln! Vor azurner Helligkeit laßt mich zum Manne werden! Auch das muß ich besitzen, damit ich ganz erfahre, wes Geistes ich bin.

Das Fräulein:

Mein kleiner Junge, komm zu mir, wenn es dich glücklich macht. Ich mochte dir so nahe sein! Ich streichle ja deine Hände, und wenn das geschieht, kann es nicht verloren gehn. Du sollst einmal voll Dankbarkeit an mich denken. Geh zu keiner andern Frau. Ich will für dich sorgen. Und bei mir darfst du alles tun.

Der Sohn:

Sage, daß du mich liebst, dann brauche ich nichts mehr zu fürchten. Ich könnte dir eine Schlacht gewinnen. Ich will es, wenn ich vor meinem Vater bin.

Das Fräulein

(streichelt ihn):

Und doch, wie wenig wird das, was du in dieser Nacht tust, aus Liebe geschehn. Was weißt du vom Leiden und vom Opfertod! In dir ist das Männliche: Du wirst kämpfen. Ich wollte, du kämest wieder, zerrissen, mit blutiger Stirn, dann würdest du erfahren, was eine Frau ist. Aber nein -- du sollst siegen! Du liebst mich nicht, weil du mich liebst. Du mußt mich besitzen. Und weißt nicht, was ich für dich tue.

Der Sohn:

Ich werde dich nicht berühren, wenn du es nicht willst.

Das Fräulein:

Ich bin trotzdem bei dir. Liebt' ich dich denn, wenn ich dir nicht ein Opfer brächte? Ich weiß, daß ich zu vielen Tränen verurteilt bin. Aber das muß wohl so sein. Welche schmerzliche Seligkeit auf der schwankenden Brücke der Lust!

Der Sohn:

Ich werde jeden töten, der dich verletzt: und wäre es mein Vater.

Das Fräulein:

Wie unverständig bist du und wie süß! In wieviel Stärke, wieviel Kühnheit stehst du vor mir. Ich muß dich küssen, mein kleiner süßer Held. Daß Gott solche Jünglinge schuf! Denk an mich, wenn eine andere Frau dich so in ihren Armen hält. Und töte dich nicht -- du wirst mir bald sehr wehe tun. Jetzt ist der Stern deines Wagens am höchsten mir zugekehrt, jetzt, wo du noch nichts geliebt und bald alles genossen hast. Diese Stunde kommt nicht wieder. Der Himmel soll dich behüten vor Traurigkeit.

Der Sohn:

Heute Nacht -- schwör mir, daß du kommst!

Das Fräulein:

Ja, ich komme! Es muß doch ein Wesen sein auf der Welt, durch das sich zum erstenmal deine Seele ergießt. Ein Wesen, das dich beschützt, das dich begleitet zum Licht.

Der Sohn:

Fräulein! Mir ist so schwer und dunkel. Da seh ich uns beide stehn in Wolken, mitten zwischen Erwartung und Schmerz. Sind wir nicht im Hause meines Vaters, das uns alt und feindlich umschließt! Und du redest zu mir schöne und fremde Worte wie nie zuvor. Kehrt das Rätsel wieder in des Träumenden düstre Gewalt? Ist Aladins Wunderlampe da im Märchen auf der Amme Knie? O Wunder, das Gott mir verheißen! Wie kann ich das deuten -- heute ist eine Nacht und morgen ein Tag -- werde ich die Sonne sehn, die uns alle umstrahlt?

Das Fräulein

(nach einer Weile leise und bitterlich):

Es gibt viele Sonnen, die wirst du sehn.

Der Sohn:

Was kann ich denn für _dich_ tun? Soll ich meinem Vater sagen, daß ich dich liebe?

Das Fräulein:

Und was geschieht, wenn er es glaubt? Willst du mich mit dir nach Hamburg nehmen?

Der Sohn:

Ja, Fräulein.

Das Fräulein:

Ich fühl es, du hast Mut. Aber wer soll das Billett bezahlen?

Der Sohn:

Kann man nicht zu Fuß hingehn? Jemand wird uns schon weiterhelfen. Es muß doch noch Menschen geben, wie im goldenen Zeitalter, die einander Brot reichen von Meer zu Meer. -- Ich brauche meinen Vater nicht. Wenn ich sterben konnte ohne ihn, so werde ich doppelt ohne ihn leben können. Ein Geräusch deines Kleides, und ich betrete dies Haus nicht mehr.

Das Fräulein:

Ja, du würdest mich entführen auf Sternschnuppen. Du glühst. Und wie verlegen wirst du sein, wenn dich der erste Portier nach unserm Namen fragt. Und wie ungeschickt, wenn du am Abend Butter und Brot kaufst. In welchem Traumland hast du gelebt! Du sprichst von Hamburg und denkst an Babylon und die Gewässer des Roten Meeres ...

Nein, sage deinem Vater nichts. Du wirst bald gehn; aber mich laß bleiben. Hier werde ich immer etwas haben, eine Kraft von dir, etwas Festes im Raum. Wenn ich nun fort müßte, wie unterirdisch würde mein Schritt! Ich will den Tag erleben, der dich wiederbringt als Triumphator über all deine Kinderzeit. Die Wiesen und Bäume vor deinem Vaterhause -- vielleicht fährst du vorüber und kehrst nicht ein -- werden dir offenbaren, was du gelitten hast. Du wirst glücklich sein.

Der Sohn:

Weshalb willst du nicht mit mir kommen?

Das Fräulein:

Weil ich dich schon verloren habe, ehe du es ahnst. Weil du mich verlassen _mußt_. Weil du leben und kämpfen wirst.

Der Sohn:

So hilf mir!

Das Fräulein:

Heute kann ich es noch. Morgen tut es ein andrer.

Der Sohn:

Werde ich manchmal dich sehen auf meinem Wege? Wirst du mir erscheinen, körperlos, am Rande der großen Alleen?

Das Fräulein:

Wir vielen, die begnadet sind, können nicht verschwinden einer in des andern Herz. Im höchsten Gefühl erinnere dich des Wortes! Wer kann sagen, daß ein Schicksal zu Ende ist, und wo ist der Anfang unsres Sterns.

Der Sohn:

Ein kindliches Gesicht steigt mir auf. Ich brachte meinem Vater Tulpen, als einst sein Geburtstag war. Er hob mich an seine Brust -- da wußt' ich, daß ich lebte, daß ich war.

Eine Gouvernante, deine Vorgängerin, schlug mich einmal, weil ich im Bette noch leise sang. Nun fühl ich es wieder.

Geburt und Dasein -- O Seligkeit! Ich werde ewig -- ewig sein --

(Er kniet vor sie hin.)

Das Fräulein

(hält ihn):

Alles flieht. Eins nur bleibt mir: Dein Glück. Und wenn ich dich jetzt noch fest in meinen Armen halte, und du aufsiehst zu mir, so weiß ich -- eine Botschaft des Lebens ist dir verkündet; deshalb bin ich hier.

Der Sohn:

Ich werde dich nie verlassen.

Das Fräulein:

Und wenn der Engel mich holt mit dem Schwert?

Der Sohn:

Ich halte dich! Ich seh dich wieder! Ich zaubre dich aus den Veilchen des Acheron! Geliebte Frau, ich würde dich finden, morgen abend im Kino als Königin unerreichbar und erträumte schöne Kokotte in einem Pariser Montmartre-Lokal. Oh, daß ich dies erleben durfte! Die Welt wird immer herrlicher vor meinem Blick.

(Ein Wagen rollt, er springt auf.)

Das wird mein Vater sein ... Komm zu mir diese Nacht ... ich erwarte dich hier ...

(er eilt zum Fenster)

Ein Wagen, der vorm Hause hält! Er ist es. Ich erkenne seinen Schritt. Nun mag es beginnen! Mit dieser Fülle im Herzen will ich ihm entgegengehn.

(Das Fräulein geht ab nach rechts. Der Sohn kommt zurück.)

Zweite Szene.

(Der Vater tritt ein.)

Der Sohn

(geht ihm einen Schritt entgegen):

Guten Abend, Papa!

Der Vater

(sieht ihn eine Weile an, ohne ihm die Hand zu reichen):

Was hast du mir zu sagen?

Der Sohn:

Ich habe mein Examen nicht bestanden. Diese Sorge ist vorbei.

Der Vater:

Mehr weißt du nicht? Mußte ich deshalb zurückkehren?

Der Sohn:

Ich bat dich darum -- denn ich möchte mit dir reden, Papa.

Der Vater:

So rede!

Der Sohn:

Ich sehe in deinen Augen die Miene des Schafotts. Ich fürchte, du wirst mich nicht verstehn.

Der Vater:

Erwartest du noch ein Geschenk von mir, weil sich die Faulheit gerächt hat?

Der Sohn:

Ich war nicht faul, Papa ...

Der Vater

(geht zum Bücherschrank und wirft höhnisch die Bücher um):

Anstatt diesen Unsinn zu lesen, solltest du lieber deine Vokabeln lernen. Aber ich weiß schon -- Ausflüchte haben dir nie gefehlt. Immer sind andere schuld. Was tust du den ganzen Tag? Du singst und deklamierst -- sogar im Garten und noch abends im Bett. Wie lange willst du auf der Schulbank sitzen? All deine Freunde sind längst fort. Nur du bist der Tagedieb in meinem Haus.

Der Sohn

(geht hin zum Schrank und stellt die Bücher wieder auf):

Dein Zorn galt Heinrich von Kleist; (er berührt das Buch zärtlich) der hat dir nichts getan. -- Welchen Maßstab legst du an!

Der Vater:

Bist du schon Schiller oder Matkowski? Meinst du, ich hörte dich nicht? Aber diese Bücher und Bilder werden verschwinden. Auch auf deine Freunde werde ich ein Auge werfen. Das geht nicht so weiter. Ich habe kein Geld gespart, um dir vorwärts zu helfen; ich habe dir Lehrer gehalten und Stunden geben lassen. Du bist eine Schande für mich!

Der Sohn:

Was hab ich verbrochen? Hab ich Wechsel gefälscht?

Der Vater:

Laß diese Phrasen. Du wirst meine Strenge fühlen, da du auf meine Güte nicht hörst.

Der Sohn:

Papa, ich hatte anders gedacht, heute vor dir zu stehn. Fern von Güte und Strenge auf jener Wage mit Männern, wo der Unterschied unseres Alters nicht mehr wiegt. Bitte, nimm mich ernst, denn ich weiß wohl, was ich sage! Du hast über meine Zukunft bestimmt. Ein Sessel blüht mir in Ehren auf einem Amtsgericht. Ich muß dir meine Ausgaben aufschreiben -- ich weiß. Und die ewige Scheibe dieses Horizontes wird mich weiterkreisen, bis ich mich eines Tages versammeln darf zu meinen Vätern.

Ich gestehe, ich habe bis heute darüber nicht nachgedacht, denn die Spanne bis zum Ende meiner Schule erschien mir weiter als das ganze Leben. Nun aber bin ich durchgefallen -- und ich begann zu sehn. Ich sah mehr als du, Papa, verzeih.

Der Vater:

Welche Sprache!

Der Sohn:

Eh du mich prügelst, bitte, hör mich zu Ende. Ich erinnre mich gut der Zeit, als du mich mit der Peitsche die griechische Grammatik gelehrt hast. Vor dem Schlaf im Nachthemd, da war mein Körper den Striemen näher! Ich weiß noch, wie du mich morgens überhörtest, kurz vor der Schule; in Angst und Verzweiflung mußt ich zu Hause lernen, wenn sie längst schon begonnen hatte. Wie oft hab ich mein Frühstück erbrochen, wenn ich blutig den langen Weg gerannt bin! Selbst die Lehrer hatten Mitleid und bestraften mich nicht mehr. Papa -- ich habe alle Scham und Not ausgekostet. Und jetzt nimmst du mir meine Bücher und meine Freunde, und in kein Theater darf ich gehn, zu keinem Menschen und in keine Stadt. Jetzt nimmst du mir von meinem Leben das Letzte und Ärmste, was ich noch habe.

Der Vater:

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Sei froh, daß ich dich nicht längst aus dem Hause gejagt.

Der Sohn:

Hättest du es getan, ich wäre ein Stück mehr Mensch als ich bin.

Der Vater:

Du bist noch mein Sohn, und ich muß die Verantwortung tragen. Was du später mit deinem Leben tust, geht mich nichts an. Heute habe ich zu sorgen, daß ein Mensch aus dir wird, der sein Brot verdient, der etwas leistet.

Der Sohn:

Ich kenne deine Sorge, Papa! Du bewahrst mich vor der Welt, weil es zu _deinem_ Zwecke geschieht! Aber wenn ich das Siegel dieser geistlosen Schule, die mich martert, am Ende auf meinem Antlitz trage, dann lieferst du mich aus, kalt, mit einem Tritt deiner Füße. O, Verblendung, die du Verantwortung nennst! O Eigennutz, Väterlichkeit!

Der Vater:

Du weißt nicht, was du redest.

Der Sohn:

Und trotzdem will ich versuchen, noch heute in dieser Stunde, mit aller Kraft, der ich fähig bin, zu dir zu kommen. Was kann ich denn tun, daß du mir glaubst! Ich habe nur die Tränen meiner Kindheit, und ich fürchte, das rührt dich nicht. Gott, gib mir die Begeisterung, daß dein Herz ganz von meinem erfüllt sei!

Der Vater:

Jetzt antworte: was willst du von mir?

Der Sohn:

Ich bin ein _Mensch_, Papa, ein Geschöpf, ich bin nicht eisern, ich bin kein ewig glatter Kieselstein. Könnt ich dich erreichen auf der Erde! Könnt ich näher zu dir! Weshalb diese schmerzliche Feindschaft, dieser in Haß verwundete Blick? Gibt es ein Nest, einen Aufstieg zum Himmel -- ich möchte mich an dich ketten -- hilf mir! (Er fällt vor ihm nieder und ergreift seine Hand.)

Der Vater

(entzieht sie ihm):

Steh auf und laß diese Mätzchen.

Ich reiche meine Hand nicht einem Menschen, vor dem ich keine Achtung habe.

Der Sohn

(erhebt sich langsam):

Du verachtest mich -- das ist dein Recht; dafür leb ich von deinem Gelde. Ich habe zum ersten Male die Grenzen des Sohnes durchbrochen mit dem Sturm meines Herzens. Sollte ich das nicht? Welches Gesetz zwingt mich denn unter dieses Joch? Bist du nicht auch nur ein Mensch, und bin ich nicht deinesgleichen? Ich lag zu deinen Füßen und habe um deinen Segen gerungen, und du hast mich verlassen im höchsten Schmerz. Das ist deine Liebe zu mir. Hier endet mein Gefühl.

Der Vater:

Hast du so wenig Ehrfurcht vor deinem Vater, daß du ihn zum Hehler deiner Schuld machst? Du Landstreicher auf der Straße des Gefühls -- was hast du schon Großes getan, daß du von Liebe und von Haß hier redest? Bist du betrunken, was kommst du denn zu mir? Geh in dein Bett. Kein Wort mehr.

Der Sohn:

So höre, Papa, noch _ein_ Wort! Du sollst erfahren, daß ich gehungert habe in deinem Hause! Die Gouvernanten haben mich geschlagen, und trotzdem hast du ihnen geglaubt! Du hast mich auf den Speicher gesperrt. Ich bin oft schuldlos gestraft worden, keiner hatte Mitleid mit mir. Papa! Es gibt doch Freude -- etwas, was golden an die Firmamente rollt -- weshalb war ich verstoßen von allen wie ein Mensch mit der Pest? Weshalb muß ich weinen, wenn ein armer Affe im Zirkus aus einer künstlichen Tasse trinkt? Ich kenne die Qual der unfreien, der friedlosen Kreatur. Das ist gegen Gott! Du hast mir die Kleider verboten und mir die Haare geschoren, wenn ich aus glühender Eitelkeit sie anders wollte als du. Soll ich noch weiter in diesem Schlunde wühlen, wo doch an tausend Zacken mein Fleisch klebt! Sieh mich an -- was hab ich getan? Kann es nicht bald genug sein. So hör doch und laß mich endlich einen Strahl des allerbarmenden Lichtes sehn. Es steht ja in deiner Macht. Du hast dich verschlossen -- tu dich mir auf! Gib mir die Freiheit, um die ich dich grenzenlos bitte.

Der Vater:

Welche Freiheit soll ich dir geben? Ich verstehe nicht, wovon du sprichst.

Der Sohn:

Nimm mich von dieser Schule fort -- gib mich dem Leben. Sei gut zu mir, wie zu einem Kranken, der vielleicht morgen schon sterben muß. Auch mir gib Wein, den du für ihn aus dem Keller holst. Auch mich laß trinken, denn sieh, ich bin ganz vom Durste zerfressen.

Papa! Nie bist du zärtlich zu mir gewesen, wie zu dem niedersten Wesen in deinem Spital. Nie hast du mich umarmt, wenn ich ängstlich dir am Schreibtisch gute Nacht sagen kam. Und doch hab ich es gefühlt, und ich habe unendlich begriffen, daß ich dein Sohn bin. Die Wüste meines Bettes, wo jedes Körnchen gezählt war, ist nicht so groß, wie dieses Wort der Verzweiflung. Und ich _will_, ja, ich will _etwas_ von dir erreichen, und sei es nur eine Wimper deines Auges -- und wenn du mich wieder fortstößt: mein Wunsch ist doch größer als du in dieser Sekunde.

Der Vater:

Erspar' dir die Mühe, so fängst du mich nicht. Welch ein greisenhaft trauriger Narr stehst du vor mir! Ist das deine ganze Weisheit? Und so sprichst du über deine Jugend, über die Erziehung in deinem Vaterhaus. Schämst du dich nicht? Wenn du mich verletzen wolltest -- jetzt hast du es erreicht.

Der Sohn: