Der Snob Komödie in drei Aufzügen

Part 3

Chapter 33,579 wordsPublic domain

Endlich. Diese Brücke abgebrochen zu Ufern, die man nicht mehr sah. Versuche eines Embryos des Menschtums, dich mit Redensarten deiner Natur und notwendigen Schlüssen abspenstig zu machen.

~Er hat ein Florett zur Hand genommen und macht Fechtübungen~:

Aber da dir die Kulöre deines Temperaments genau bekannt sind, werde nicht blaß vor dir selbst, mach ein Bild, eine saftige Figur aus dir und denk nicht an die Unterschrift, die die Zuschauer geben.

~Da es wiederholt geläutet, geht er öffnen~:

Wer ist das?

~Nach einem Augenblick hört man draußen seinen Aufschrei~:

Mutter!

ACHTER AUFTRITT

~Treten auf Theobald Maske in Trauer und Christian.~

THEOBALD ~nach einer Pause, während der Christian, gegen die Tür gelehnt, schluchzend steht~:

Am Schicksal ist nicht zu deuten. Jetzt soll man der Sache ins Auge sehn. Wäre es nicht wie der Blitz gekommen, hätte ich dich vorbereitet. Aber sie war immer für das Überraschende und hat es noch mit dem Tode so gehalten.

CHRISTIAN:

Wir müssen sie überführen und hier mit gebührendem Pomp ...

THEOBALD:

Auch das ist seit gestern vorbei.

CHRISTIAN:

Nicht einmal dazu riefest du mich!

THEOBALD:

Warum sollte ich dir Umstände machen? Und noch dazu wußte ich nicht, ob's dir hier in den Kram paßte. Beerdigung ist immerhin eine offizielle Angelegenheit. Die Sekunde, in der ihr während der ganzen windschnellen Katastrophe schwante, um was es sich für sie handele, hauchte sie auch: Daß nur Christian nichts davon erfährt. Also ganz in ihrem Sinn. Friert dich?

~Christian exit.~

THEOBALD:

Es hat doch starken Eindruck auf ihn gemacht. Sieh mal an.

CHRISTIAN ~kommt zurück, einen schwarzen Anzug über dem Arm. Er kleidet sich während des folgenden, teilweise hinter einem Wandschirm, um~:

Du darfst jetzt ruhig berichten.

THEOBALD:

Das ist gleich getan. Sie saß auf ihrer Bank, trank Kaffee, wie sie das so machte, immer das Stück Zucker auf der Zunge. Sie hätte Hitze, sagt sie, und sank hin.

CHRISTIAN ~schluchzt beherrscht~:

Keine Krankheit vorher, kein Leid?

THEOBALD:

Nichts.

CHRISTIAN:

Wie lebte sie letzter Tage? War sie froh?

THEOBALD:

Man hatte immer den gleichen Eindruck: es ist eben Luise.

CHRISTIAN:

Wie standest du zu ihr nach jenem Malheur?

THEOBALD:

Ich habe das nie übertrieben; ihr blieb alles, mit Seltenheit und Regelmäßigkeit geführt, verborgen.

CHRISTIAN:

Du hast damals nicht mit jenem Weibe gebrochen?

THEOBALD:

Sie war mir zu phantastisch dazu. Ich schob es besser auf die lange Bank. So blieb es, nicht aufgebauscht, ganz unwichtig und lief ins Gleichmaß der Dinge. Durch mich hatte deine Mutter letzthin angenehme ruhige Tage.

CHRISTIAN:

Ich werde mit dem Architekten, einem Bildhauer wegen des würdigen Grabmals gleich mich ins Vernehmen setzen. Niemandem kann ich anvertrauen, wie ich an ihr gehangen. Vielleicht findet der Künstler den Ausdruck dafür.

THEOBALD:

Vielleicht.

~Pause, während der Christian noch Zeichen seines Schmerzes gibt und sein Trauerkleid vollendet.~

CHRISTIAN:

Welch trostlose Verkettung der Umstände. Heute hättest du bei dir zu Haus das Telegramm gefunden, das euch zu den glücklichsten Eröffnungen herrief.

THEOBALD:

Du hast uns telegraphiert?

CHRISTIAN:

Ich erwartete euch mit Ungeduld.

THEOBALD:

Was ist hier Wichtiges vorgefallen?

CHRISTIAN:

Kamst du einige Stunden später, du hättest deinen Sohn verlobt gefunden.

THEOBALD:

Schau! Ist das Mädchen hübsch?

CHRISTIAN:

Es ist -- Gräfin.

THEOBALD:

Christian! Wo hast du den Mut her?

CHRISTIAN:

Gehört Mut dazu?

THEOBALD:

Jeder aus seiner Haut; denke ich aber, du steckst ein wenig in meiner -- da hast du ja einen tollen Satz gemacht.

CHRISTIAN:

Über uns fort, Vater.

THEOBALD:

Es ist unheimlich. Und jene?

CHRISTIAN:

Das ist alles, was du mir dazu sagst?

THEOBALD:

Aus meiner Natur ist es wie ein Knalleffekt!

CHRISTIAN:

In einer ganz natürlichen Entwicklung eine logische Folge.

THEOBALD:

Ein subalterner Beamter ich, deine Mutter Schneiderstochter -- es hat etwas von einer Gewalttat an sich. Und der Vater Graf, die ganze Verwandtschaft -- Junge, du bist verrückt!

CHRISTIAN:

Was heißt der Unsinn?

THEOBALD:

Das ist doch toller als alle Komödien der Welt. Da machst du einen ja lächerlich. Kennst du denn gar keine Rücksichten mehr? Einen Grafen habe ich überhaupt noch nicht bei Leibe gesehen. Kann man denn nicht zu dir kommen, ohne daß du das Unterste zu oberst kehrst? Ich sage doch! Ein Subalterner in Pension.

CHRISTIAN:

Das ist Larifari.

THEOBALD:

Ein Unglück ist es! Wie wagst du eigentlich, mir das anzutun? Mit Fingern müssen die Leute auf mich zeigen.

CHRISTIAN ~betreten~:

Aber ...

THEOBALD:

Die Seyfferts! Schon deine Mutter war eine überspannte Person. Ich werde närrisch. Habe ich mich doch nicht so, als du damals die Sperenzien mit uns machtest, über den Tod meiner Frau habe ich mich nicht so aufgeregt.

CHRISTIAN:

Aber Vater ...

THEOBALD ~immer erregter~:

Die Maus mit der Giraffe willst du verkuppeln, Seiltänzerstücke machen, ins Anomalische steigst du ja! Deine Mutter stirbt mir mit sechzig Jahren, ich bin sie gewöhnt, mir war's ein Schlag, aber schließlich flüchtet man in die Natur der Sache. Maskes aber, hier dieser gewisse, allenthalben genau bekannte Theobald und eine ganze Grafenfamilie! Es ist um den Verstand zu verlieren.

~Christian hat in Resignation das Florett genommen.~

THEOBALD ~ganz außer sich~:

Willst du mich morden? Besser bleibe ich ein normaler Beamter hier auf dem Platz, als daß ich der allgemeinen Belustigung zum Opfer falle. Hast du denn aus der Jugend keine Erinnerung mehr? An unsere Stübchen und den Kanarienvogel; nicht wie wir über den Graben schlurften, und du an unserer Seite den Herrn Kanzleirat ehrfürchtig grüßen mußtest? Was aber kann ein Kanzleirat gegen einen Grafen.

CHRISTIAN ~ängstlich~:

Hör mir doch zu ...

THEOBALD:

Und wer sind wir erst auf der Stufenleiter? Daß ich nicht närrisch werde!

CHRISTIAN:

Mir ist deine furchtbare Aufregung unverständlich.

THEOBALD:

Und die Folgen? Ist dir von unmittelbaren, verhängnisvollen Folgen nichts eingefallen, die jedes Kind sieht? Als du uns beide alte Leute in die Fremde schicktest, schäumte ich vor Wut; allmählich aber sah ich mit Luisens Hilfe eine zwar grausame Vernunft darin, den höheren Sinn des Handels für dich, wenn auch nicht für mich. Und da du es sonst an nichts fehlen, den anderen Teil leben ließest, kam ich zur Ruhe.

~Er springt auf~:

Und jetzt wagst du solchen ...

CHRISTIAN:

Ich unterbreche dich. Sogar ehe an diese Heirat zu denken war, überwältigte mich ein Begehren, das vom Augenblick unserer Trennung an in mir immer stärker geworden ist. Von nun an dachte ich mit euch, da es anders beschlossen ist, mit dir sehr innig gemeinschaftlich zu leben. Ich wollte dich bitten, deinen Wohnsitz überhaupt hierher zu verlegen.

THEOBALD ~fällt in einen Stuhl~:

Das ist klassisch!

CHRISTIAN:

Du ...

THEOBALD:

Nicht dein Ernst?

CHRISTIAN:

Völlig. Ich konnte diesen Grad der Abneigung deinerseits nicht voraussehen.

THEOBALD:

Dein Ernst?!

CHRISTIAN:

Ich begreife nicht.

THEOBALD ~auf ihn zu~:

Wie?

CHRISTIAN ~weicht unwillkürlich zurück~:

Begreife nicht ...

THEOBALD:

Immer noch nicht?

CHRISTIAN:

Das heißt, verstehe wohl, was du meinst. Halte aber dein Bedenken für übertrieben ... teilweise.

THEOBALD:

Übertrieben?

CHRISTIAN:

Andererseits ...

THEOBALD:

Übertrieben?!

CHRISTIAN ~eingeschüchtert~:

Natürlich andererseits -- wenn wirklich -- natürlich. Mein Gott, müßte man eben auf seinen Lieblingswunsch verzichten -- schweren Herzens. Auf deiner Teilnahme an der Hochzeit bestehe ich aber unter allen Umständen.

THEOBALD:

Darauf noch die Antwort: Entweder du machst diesen Vorschlag unbefangen nur so hin, dann bemerke ich: deinen Vater als Clown bei diesem Witz mitwirken sehn zu wollen, ist Unsittlichkeit. Mit einer Gräfin am Arm in meiner Aufmachung durch die Kirche Spießruten zu laufen, später als Mann aus dem Volk lächerlich bei Tisch zu sitzen ...

CHRISTIAN:

Vater!

THEOBALD:

Danke. Oder du willst an mir niedrige Rache dafür nehmen, daß ich dich in deiner Jugend meine väterliche Gewalt fühlen ließ, indem du jetzt vor aller Welt mein Selbstgefühl demütigst; vielleicht aber soll diese Einladung gar ein Pflaster für Mutters Tod sein. Nein, Christian, um Gottes willen nicht! Tu für mich, was du bisher getan, und ich bin zufrieden, und willst du mehr, so überlege noch einmal gründlich, was du vorhast. In jedem Falle aber mußt du mich als eine bestimmte Größe in deinem Lebensplan einstellen: einer, der mit solchen Sachen nichts zu tun hat, dich aber unter keinen Umständen, nicht im geringsten molestiert. Darum bin ich vorhin die Hintertreppe heraufgekommen.

Und nun will ich mir nur noch etwas Garderobe kaufen.

CHRISTIAN:

Mein Schneider, meine Lieferanten selbstverständlich ...

THEOBALD:

Die sind auf unsereinen nicht eingerichtet. Ich habe andere Quellen. Und abends reise ich heim.

~Er nimmt Hut und Stock.~

CHRISTIAN ~ängstlich~:

Ein paar Tage solltest du wenigstens bleiben.

THEOBALD:

Ich sollte nicht! Laß doch den Firlefanz. Warum sprichst du überhaupt nicht in dem alten vernünftigen Ton mit mir? Ungesehen verschwinde ich auf dem Wege, auf dem ich kam, brauchst mich nicht zu bringen. In der nächsten besten Kneipe esse ich etwas. Und kommst du mal vorbei, ihr Grab zu sehen, soll's mich freuen. Bist, von diesem Unsinn abgesehen, sonst ein guter Kerl; läßt einen leben.

NEUNTER AUFTRITT

DIENER ~tritt auf~:

Graf Palen!

GRAF ~folgt sofort~:

Marianne wollte zuerst, einem schönen Drange folgend, es Ihnen selbst sagen -- sie war sehr glücklich -- innig beglückt --

~Theobald hat den Versuch gemacht, zu verschwinden.~

GRAF:

Bitte mich vorzustellen.

CHRISTIAN ~in höchster Verwirrung~:

Mein Vater ... bitte.

GRAF:

Tiens. Ah das --! Nein das -- aber sehr angenehm. Graf Palen. Sehr erfreut!

~Reicht Theobald beide Hände~:

Und dachte ich immer -- wie kam ich nur darauf? Sah unseren Freund als Waise --

~Er lacht~:

Wahrhaftig! Doch um so angenehmer. Charmant.

CHRISTIAN:

Mein Vater, von Zürich kommend, wo er lebt, kündigt mir den Tod meiner Mutter an. So gewinne ich Marianne im rechten Augenblick.

~Er sinkt dem Grafen an die Brust.~

GRAF:

Meine aufrichtige Teilnahme.

~Zu Theobald~:

Auch Ihnen, verehrter Herr.

THEOBALD ~verbeugt sich~:

Danke, Herr Graf.

GRAF:

Ich kann nichts Besseres raten: eilen Sie zu Ihrer Braut. Inzwischen bleiben die alten Herren beisammen.

~Zu Theobald~:

Haben Sie gefrühstückt? Nein? Also auf! Die Frau, eine Braut ersetze ich nicht, doch was ein anständiges Essen vermag ...

CHRISTIAN:

Mein Vater wollte gleich zurück.

GRAF:

Aber das muten wir ihm nicht zu.

THEOBALD:

Frühstücken sollte man in jedem Fall.

GRAF:

Das ist jetzt mein Ehrenamt. Mit Kondolieren und Glückwünschen verbringen wir die kürzeste Zeit. Ihr Sohn hat Sie lange genug unter Verschluß gehalten; bei einer Flasche Rotspon beschnuppert man sich.

THEOBALD:

Beschnuppert -- ist gut.

GRAF:

Sagt man nicht so?

THEOBALD ~lacht~:

Ich würde beschnuppert sagen, Herr Graf.

CHRISTIAN ~bei Theobald, zischt~:

Graf!

~Zum Grafen~:

Mein Vater will unbedingt mit dem Mittagszug heim.

GRAF ~energisch~:

Aber lassen Sie doch endlich! Der alte Herr muß vor allem ausgiebig frühstücken. Und alles andere findet sich später. Kommen Sie!

~Graf und Theobald exeunt.~

ZEHNTER AUFTRITT

CHRISTIAN:

Was war das plötzlich für ein Ton von ihm? Habe ich einen Fehler gemacht?

~Am Fenster~:

Er läßt ihn vor sich in den Wagen steigen? Welch umständliche Höflichkeit. -- Ich habe einen Fehler gemacht! Meine Hilflosigkeit, meine Verlegenheit um ihn hat er bemerkt. Bin ich rot, blaß?

~Er läuft zum Spiegel~:

Ich zittre ja wie Espenlaub!

~Er springt auf einen Stuhl am Fenster~:

Er offeriert ihm eine Zigarre. Beide lachen über's ganze Gesicht. Worüber? Über mich? Herrgott, einen furchtbaren Fehler habe ich gemacht! Wollte ich nicht auftrumpfen, habe ich vor fünf Minuten hier nicht geschworen, mich mit ihm brüsten, rühmen zu wollen? Hatte ich doch den einzig richtigen Instinkt.

Und nun wird er es Marianne, wird es der ganzen Familie klatschen, ich wollte meinen Vater verleugnen. Kann er nicht behaupten, ich hätte ihn ehemals totgesagt? Das leugne ich ihm aber brüsk ins Gesicht ab.

Gegenmaßregeln! Schnell! Was?

~Er läutet. Diener tritt auf.~

Setzen Sie die Fremdenzimmer in Bereitschaft. Mein Vater kam an. Dem alten Herrn soignierteste Bedienung.

~Diener exit.~

CHRISTIAN ~ihm bis zur Tür nach~:

Halt! Wartet man nicht besser ab, was kommt? Vielleicht bekäme man ihn doch noch ohne allzu großes Aufsehen fort. Nein, nein und endlich nein! Wie ich es heute morgen in mir wußte, wie es sich schon bewiesen hat: mit größter Geste muß ich ihn als etwas Außergewöhnliches darbieten.

Sofort in Szene setzen! Von weither vorbereiten! Und es soll die ganze Familie umfassen.

Wenn es nicht schon eine Katastrophe ist.

~Er läuft im Zimmer umher~:

Was werden sie am Weintisch tun?

Was wird er aus dem Alten herausholen? Wenn er, wenn der andere besoffen ist?

Warum bin ich denn nicht mit von der Partie?!

~Außer sich~:

Um Gottes willen! Ja um Gottes willen!

~Er heult auf~:

Statt meinem schlichten Kindesinstinkt zu folgen. Ich könnte mich ohrfeigen!!

DER DRITTE AUFZUG

~Salon eines Hotels, reich mit Blumen geschmückt. Im Hintergrund ein breiter Vorhang.~

ERSTER AUFTRITT

~Christian im Frack und Orden unter dem Mantel, Marianne Brautkleid unter dem Überwurf treten auf.~

CHRISTIAN:

Endlich Luft, Ruhe.

MARIANNE:

Diese Blumen.

~Bei einem Strauß~:

Vaters.

~Sie nimmt eine Karte und liest~:

Für meinen verlorenen Engel Marianne. Und hier hier -- welch himmlische Orchideen!

~Liest~:

Von einer Unbekannten.

CHRISTIAN:

So? Sentiment. -- Was sprach er am Tisch fortwährend mit meinem alten Herrn. Hörtest du die beiden?

MARIANNE:

Wer soll das sein?

CHRISTIAN:

Fiel's dir nicht auf? Keiner war für seine Tischdame zu haben. Die dicke Gräfin ...

MARIANNE:

Tante Ursula ist fast taub und hatte schließlich das halbe Essen auf der Serviette.

CHRISTIAN:

Wer war der Johanniter zwei Plätze rechts von ihr?

MARIANNE:

Mutters Vetter Albert Thüngen.

CHRISTIAN:

Der Bengel starrte mich unaufhörlich wie eine Erscheinung an und aß darüber nicht.

MARIANNE:

Er hat eine richtige Froschschnute; heißt Frosch darum.

CHRISTIAN:

Seltene Dekorationen waren am Tisch. Bist du mit der Prinzessin so intim, wie sie dich behandelte?

MARIANNE:

Wir wurden sieben Jahre gemeinsam erzogen.

CHRISTIAN:

Sieben Jahre. Ihr duzt euch?

MARIANNE:

Sind doch durch unsere Urgroßmutter miteinander verwandt.

CHRISTIAN:

Die Erzherzogin?

JUNGFER ~tritt auf~:

Wollen gnädigste Komtesse sich nicht umkleiden?

MARIANNE:

Ich bin nun gnädige Frau geworden, Anna.

JUNGFER:

Gut, gnädige Komtesse.

MARIANNE:

Aus mit der Komtesse und Albernheiten. Ich verlange Respekt!

JUNGFER ~schluchzt~:

Ja, gnädige Frau.

MARIANNE:

Was gibt's?

JUNGFER ~auf Mariannes Hand gebeugt~:

Es ist alles so rührend; gnädige Frau gehören uns nicht mehr.

MARIANNE:

Mir selbst nicht mehr. Mädchenlos. Auch deins.

~Beide durch den Vorhang ab.~

ZWEITER AUFTRITT

CHRISTIAN ~springt an den Vorhang und lauscht nach hinten~:

Diese Anna, das richtige Galgengesicht. Was solche Domestikenbagage hinter Schlüssellöchern auffängt und weitergibt ...

DER JUNGFER STIMME:

... Sahen überirdisch aus. Der Herr Pastor weinte ...

MARIANNES STIMME:

... alte Jansen ... Unsinn!

DER JUNGFER STIMME:

... echte Brüsseler Spitze ... nein, Brüsseler in breiten Volants ... Rosenknospe ...

MARIANNES STIMME:

... Ilse Zeitlow hellblau Atlas zum blonden Haar ...

DER JUNGFER STIMME:

... Sah man doch

~leiser~:

ihren Busen mit Absicht.

MARIANNES STIMME:

Um Gottes willen!

~Gekicher, dann Geflüster.~

CHRISTIAN ~sich näher hinbeugend~:

Ah! Das Gewisper wie stets und überall. Wo ich hinkomme, erschlägt's das Wort. Flüstern und zu Boden sehen.

~Gelächter in Absätzen.~

DER JUNGFER STIMME:

... Schnurrbartspitzen.

CHRISTIAN:

Das bin ich! Jener Tag war mein Waterloo.

DER JUNGFER STIMME:

... ein bißchen lächerlich.

MARIANNES STIMME:

Still!

CHRISTIAN:

Canaille! Hab's schon gehört, Marianne. Doch diesen Abend noch dringe ich in den Tempel deines Herzens und stelle fest, was du weißt.

~Neues Gelächter.~

CHRISTIAN:

Nur gelacht. Schadenfreude heraus! Öffne, Viper, alle Ventile in ihre Blutbahnen. Denn nachher spüle ich mein Weib bis zum letzten Molekül rein von deinem Gift.

DER JUNGFER STIMME:

Es war zu komisch.

CHRISTIAN:

Nicht so, Äffin, wie du meinst, und noch ist nicht aller Tage Abend. Meine Konterminen sind geladen. Losgeschossen, überdonnern sie alles, was vorher laut wurde.

~Es ist hinten ganz still geworden.~

Still? Was haben sie jetzt?

~Er kniet zur Erde und versucht, unter dem Vorhang hindurchzusehen~:

Wäsche, Fleisch und Gesten. Aber ein Wort ist hier not, das Geständnis, wieviel die Welt dir geklatscht, vom Vater angefangen bis zu dieser Laus. Ich habe einen so bedeutenden Plan angelegt, es aus dir herauszulocken, daß es dir schwer werden soll, ein Tittel für dich zu behalten. Du trittst nicht über die Schwelle meines Namens, Weib, es sei denn, derselbe ist ehrfürchtig und gerührt von dir empfunden.

DIE JUNGFER ~tritt auf~:

Darf ich an den Koffer der gnädigen Frau?

~Sie entnimmt demselben einen Gegenstand und verschwindet durch den Vorhang.~

CHRISTIAN:

Man ließ mich nicht früher an dich heran, wie man sich selbst verhüllte. Doch heute bist du mir zum Examen ausgeliefert. Mit Finessen will ich rekognoszieren, wo in deiner Familie mein grimmigster Feind sitzt. Er muß mit all seinen Schikanen ans Licht, und sollte ich dein Gewissen bis zum Zerreißen spreizen.

~Er stiert in den Koffer~:

Was stopfte man dir in die Tasche? Was gibt's in dem Koffer an Büchern? Schmähschriften?

~Er zieht ein Buch aus dem Koffer~:

Das Neue Testament. Was mag tiefer in den Eingeweiden gegen mich aufgehäuft sein? Das wollen wir bei Gelegenheit bis in die Nieren bloßlegen.

DRITTER AUFTRITT

~Theobald im Frack steckt den Kopf durch die Tür~:

CHRISTIAN:

Das ist unerhört!

THEOBALD:

Nur einen Augenblick.

CHRISTIAN:

Was gibt's noch?

THEOBALD:

Zärtlichkeit.

CHRISTIAN:

Du bist betrunken.

THEOBALD:

Teilweise. Aber ich bin auch zärtlich. Wollte den ganzen Abend dir einen Kuß hinhauchen, doch erwischte ich dich nicht. Räsoniere nicht, Bengel. Du bist ein Tausendsasa und ich durch und durch stolz auf dich. Du hast mir alle Vorbehalte von der Seele gerissen wie Papierhemden. Als Sieger bist du über meine Meinungen und Prinzipien hinweggegangen. Ich lebte allzeit von Sprichwörtern: Schuster, bleib bei deinen Leisten und so weiter. Du aber ganz einfach aus dir selbst. Wie du heute mit diesen Leuten umgingst, nicht wie mit deinesgleichen, sondern fast von oben herab; wie sie dich voll bodenlosen Respekts anstaunten, und wie du dir so ein adeliges Hühnchen ins Bett holst, das brachte mein Bürgerblut zum Sausen. Da hast du mich weich gemacht; ich sinke hin an deine Brust.

~Umarmt ihn.~

CHRISTIAN:

Leise, sie ist dort. Bist du nicht betrunken?

THEOBALD:

Teilweise. Aber was ich sage, gilt für voll. Bei Tisch, als alles in Orden prangte, war es dein stolzes Köpfchen ...

CHRISTIAN:

Vater!

THEOBALD:

Stolzes Köpfchen, mein geliebter Junge, wie ich sage. Unsere Mutter hätte dabei sein sollen. Morgenröte, Morgenröte war mein Gefühl, soll man's für möglich halten!

CHRISTIAN:

Ist es denn wahr?

THEOBALD:

In dir ist alles Maskesche um ein paar Löcher weiter geschnallt. Ich seh doch, wie's in den Scharnieren hinaufgleitet. Du hast mich völlig in dir; schweig. Jetzt kommt das Geständnis, eine ehrwürdige Sache. Das sagt sonst ein Vater zum Sohn nicht: Ich bin überflüssig, verschwinde in die Versenkung. Meine Beziehung zur Welt, der höhere Sinn von mir -- bist du. Wegjagen wolltest du mich. Hattest es schon eher im Bewußtsein, doch mir schien es Gewaltsache mit Feindlichkeiten. Heute ist es ein angenehm glattes Ding: beiderseitige grenzenlose Zufriedenheit. Johanna geht, und nimmer kehrt sie wieder. Glücklich nach Zürich, große Hauptgasse No. 16. Da lebt Maske als Kanzleirat a. D. und stiert begeistert seinen Sohn an.

CHRISTIAN:

Man kommt!

THEOBALD:

Laß sie. Wir sind jetzt ein und dieselbe Sache. Mach weiter so und keinen Fehler ... Sie haben Mißtrauen, Abscheu, Haß und so weiter; aber sie haben bodenlose Achtung aus Verständnislosigkeit.

CHRISTIAN:

Das sagst du?

THEOBALD:

Auf der Basis einer allgemeinen großen Trunkenheit habe ich mich in ihr Vertrauen geschlichen. Da man das Band des Adlers von Hohenzollern für das Eiserne Kreuz hielt, öffneten sie sich bis in die Eingeweide.

CHRISTIAN:

Und der Alte? Der Lapsus jenes fatalen Tages?

THEOBALD:

Da hatte er wohl Verdacht, und er mag in ihm weitergelebt haben. Da aber heute die Tafelrunde: als schließlich ich mich lichterloh an dir entzündete, ergriff ihn die Flamme gleichfalls. Zudem hatte die rührende Taube da drin das Vaterherz schon vorher mürbe gemacht. Es kapitulierte vollständig.

CHRISTIAN:

Fertig also mit ihnen?

THEOBALD:

Sie sind hin. Und nun greif fester zu. Nicht nachlassen. Auf meine Art hatte ich stets die Überzeugung von der Bedeutung unseres Stammes. Konnte sie aber nur den Allernächsten mitteilen.

CHRISTIAN:

Mir!

THEOBALD:

Und du schnellst uns weiter.

CHRISTIAN:

Ich spannte den Bogen. In meinen Fäusten klirrt die Sehne.

THEOBALD:

Ihr den ersten Pfeil. Triff tief.

CHRISTIAN:

Wir kletten uns fest.

THEOBALD:

Ins Gewebe.

CHRISTIAN:

Ich setze den Trumpf auf. Den Trumpf!

THEOBALD ~späht durch den Vorhang~:

Respekt!

CHRISTIAN:

He?

THEOBALD:

Hehe!

~Beide kichern und fallen sich in die Arme.~

CHRISTIAN:

Maske for ever!

THEOBALD:

Verstehe, oder so ähnlich. Blutsache!

~Er hüpft zur Ausgangstür, wirft Kußhände. Exit.~

CHRISTIAN:

Hier stand Leben auf der Höhe eines Schauspiels. Ein Ziel ward gekrönt. Zerknirschung des Feindes, Verbeugung vor dem Sieger. Abgang durch die Mitte. Aber es kommt noch bedeutender: Probe auf das Exempel, wie weit wirklich die nähere Umgebung hinsank; und dann soll die Frau, auf die es vor allem ankommt, an diesem feierlichen Abend grenzenlose Ehrfurcht zelebrieren. Das muß vor mir ein glattes Hinschlagen sein.

VIERTER AUFTRITT

MARIANNE ~in einem Negligé tritt auf~:

Gefall ich dir?

CHRISTIAN ~zu sich~:

Darauf kommt jetzt nichts an.

MARIANNE:

Die Spitzen haben eine zärtliche Geschichte. Mutter trug sie an dem betreffenden Abend ihres Lebens.

CHRISTIAN:

Nichts entspricht.

MARIANNE:

Ich -- keiner aus deiner Vergangenheit? Sag mir alles. Du sollst kein Geheimnis vor mir haben. Die wievielte bin ich, und welche war besonders? Ist ein Gedanke, ein Hauch von einer anderen noch bei dir?

CHRISTIAN:

Welche Sprache! Wie komme ich da zur Vernunft?

MARIANNE ~die Arme um seinen Hals~:

Einmal mochte ich einen Fähnrich; ich erst sechzehn. Er weiß und rosa mit blonden Haaren auf der Lippe; weiter wußte ich nichts von ihm.

CHRISTIAN:

Was weißt du von mir?

MARIANNE:

Schließe ich die Augen: Du bist groß und dunkel, hast breite Glieder und wippst beim Gehen.

CHRISTIAN:

Ist das wahr?

~Er geht vor den Spiegel und macht ein paar Schritte.~

Allenfalls könnte man von einem wiegenden Gang sprechen. Rhythmus ist in der Bewegung.

MARIANNE ~lacht hell~:

Und wie marschiere ich?

~Hebt den Rock und trippelt.~

CHRISTIAN:

Was sonst noch? Was ich treibe?

MARIANNE:

Geschäfte.

CHRISTIAN:

Welcher Art?

MARIANNE:

Bank. Kommt es darauf an?

CHRISTIAN:

Mit sechsunddreißig Jahren bin ich Generaldirektor unseres größten wirtschaftlichen Konzerns. Kontrolliere einen fünften Teil des Nationalvermögens.

MARIANNE:

Tiens!

CHRISTIAN:

Das Wort gehört deinem Vater. Sprach er von meinen Angelegenheiten mit dir?

MARIANNE:

So hin.

CHRISTIAN:

So hin. Darin liegt alles.

MARIANNE:

Ich bin müde.

CHRISTIAN ~für sich~:

Aufforderung zum Tanz.

~Laut~: