Der Snob Komödie in drei Aufzügen

Part 2

Chapter 23,562 wordsPublic domain

Später. Abgemacht, Vater?

THEOBALD:

Donner und Doria! Meine ganze Welt ist durcheinander.

CHRISTIAN:

Zweitausendvierhundert, das ist neunzehnhundert Mark.

THEOBALD:

Und fünfhundert -- macht mit dem Meinen annähernd fünftausendsechshundert.

CHRISTIAN:

Siebentausend Franken.

~An der Tür~: Mutter!

THEOBALD:

An der Limmat? Ich bin starr.

CHRISTIAN ~reicht ihm Atlas und Reisebücher~:

Informiere dich.

LUISE ~tritt auf, leise zu Christian~:

Ich sorge schon, daß alles geschieht. Dies Tuch auf deinem Nachttisch, solche Wäsche, Spitze und Batist -- ach Christel, sei vorsichtig mit den Frauen. Verführung zum Genuß, ich weiß, jedem kommt es einmal. Aber hat man dann Kinder, und wird Generaldirektor und kann stolz vor Gott sagen: meine Mutter war makellos!

THEOBALD ~fassungslos~:

Unter Tirolern!

LUISE:

Das ist auch etwas. Ein herrlicher Lohn.

CHRISTIAN:

Gewiß, Mutter.

~Umarmt sie.~

LUISE ~im Hinausgehen~:

Mein Christel.

~Luise, Theobald, Christian exeunt.~

FÜNFTER AUFTRITT

CHRISTIAN ~kommt schnell zurück~:

Einmal hatte ich das Wort beinahe.

~Er sieht in den Brief~:

Er sagte es im Zusammenhang mit seiner zu frühen Pensionierung, und daß jetzt seine Kräfte schweiften -- wohin -- wohin? In -- Mannigfaltigkeit! Das ist es!

~Er schreibt~:

»Mannigfaltigkeit der Geschäfte, verehrter Graf Palen, verhindert mich leider, Ihre liebenswürdige Einladung anzunehmen.« So ist es eine Absage geworden, doch wer weiß, wozu sie gut ist.

~Es hat geläutet. Exit.~

SECHSTER AUFTRITT

~Christian und Graf Palen treten gleich darauf auf.~

GRAF:

Ich komme, die angeschnittene Frage Ihrer Ernennung persönlich noch einmal mit Ihnen durchzusprechen. Der Aufsichtsrat muß, ehe er sie den Aktionären gültig anbietet, bis ins letzte wissen, wessen sich die Gesellschaft von Ihnen zu versehen hat. Als Feind geschäftlicher Auseinandersetzungen bat ich Baron Rohrschach, den Besuch zu übernehmen, doch fand man es schicklicher, ich ordne die Sache, da meine Beziehungen zu Ihnen vertrautere sind.

CHRISTIAN:

Danke, Graf.

GRAF:

Die Monambominen sind die Unternehmung einer kleinen Gruppe von Menschen, die denselben Überzeugungen leben. Haben nun auch Geschäfte und gesellschaftliche Anschauung nicht ohne weiteres einen Zusammenhang, ist doch einzusehen, man will einen Mann an der Spitze seiner Geschäfte, der der ganzen Lebensauffassung nach zu uns gehört.

~Christian verbeugt sich.~

GRAF:

Wir glauben nun, in Ihnen den gefunden zu haben, der mit Tüchtigkeit die noch seltenere Gabe vereinigt, ein Empfinden für die durch Kult errungenen Werte des feineren Geschmacks zu besitzen, das insbesondere da am Platz ist, wo die brutale Wahrheit der Zahlen ein bedeutendes Gegengewicht fordert.

~Christian verbeugt sich.~

GRAF:

Sie haben sich mir gegenüber des öfteren in Fragen des Lebens in einem Sinne geäußert, der durchaus mit der Meinung unserer Kreise übereinstimmt, an Schärfe dieselbe fast übertrifft. Ich würde mit dem Wortschatz der liberalen Partei ihn als aristokratisch reaktionär bezeichnen,

~er lacht.~

und zwar, was mich am stärksten berührte, die Eindringlichkeit Ihres Vortrages schien auf Herzenssache zu deuten. Bitte?

CHRISTIAN:

Es ist so.

GRAF:

Merkwürdig. Gibt zu Überlegungen Anlaß. Ich bin durchdrungen. Sie stammen aus einem ausgezeichneten Haus. Ihre Erziehung ist vollendet sogar in dem Sinne, daß Sie erkannten, auf der Basis gewisser selbstverständlicher Besonderheiten, die wir errangen, ist das unauffällig Uniforme das Korrekte. Man sieht's an Gesten, aber auch am Sitz einer Krawatte. Kurz und gut, was uns noch fehlt, ist irgendeine von Ihnen gegebene Versicherung, die Niederlegung in einen verpflichtenden Satz, den wir den Beteiligten als Ihr Bekenntnis vorstellen können.

CHRISTIAN:

Ich verstehe.

GRAF:

Bei einem Rohrschach bedeutet das Prädikat »Baron« gar nichts anderes als diesen Satz, vorausgesetzt, der Mann ist kein Deklassierter. Gewisse Garantien nach gewissen Richtungen. Bei Bürgerlichen können markante Taten von Vorfahren bedingungsweise Gewähr leisten.

CHRISTIAN:

Wovon in meinem Fall keine Rede ist.

GRAF:

Welches Urteil durchaus keinen Tadel einschließt. Auch in zu hohem bürgerlichen Ansehen gelangten Familien begnügt man sich mit diesem alle Mitglieder einschließenden Gut. Es reicht hin, Sie finden aus der in Ihnen von Voreltern aufgespeicherten gesellschaftlichen Überlegenheit das packende Wort. Ich habe nicht das Vergnügen, Ihren Herrn Vater, Ihre Eltern, kurz ...

CHRISTIAN:

Tot. Alles tot.

GRAF:

Und mit Genugtuung darf ich sagen, Sie genügen mir als Repräsentant. Ich sehe Sie ergriffen?

CHRISTIAN:

Ich bin's, Graf, in dem Augenblick, da ich aussprechen darf, was mein Herz seit der Jugend bewegt, da ich es sagen soll: nie habe ich eine andere Sehnsucht gehabt, als zu sein wie jene, die auch äußerlich sichtbar in einem Adelsdiplom den Adel der Taten ihrer Ahnen tragen, an ihrer Seite, von ihnen als Helfer angenommen, die Grundsätze zur Geltung bringen zu dürfen, deren geschichtliche Vertreter sie sind. Es steht mir nicht zu, aufzuzählen, welche Opfer ich diesem Ziele schon gebracht, doch bin ich bereit, Ihnen in die Hand zu schwören, mein irdisches Leben ist ihm einzig geweiht.

GRAF:

Sie sind ein prächtiger Kerl, aus einem Guß. In diesem Augenblick haben Sie mich überzeugt. Ich danke. Glaube für Ihre Ernennung bürgen zu können. Darf ich rauchen? Meiner Einladung zum Freitag werden Sie folgen?

CHRISTIAN:

Das heißt ...

GRAF:

Wie denn?

CHRISTIAN:

Also dann -- trotz der _Mannigfaltigkeit_ meiner Geschäfte.

GRAF:

Glaub's, daß Sie arbeiten. In meiner Tochter Marianne finden Sie einen Menschen, der an einem Charakter wie dem Ihren Gefallen hat.

CHRISTIAN:

Von den bedeutenden Gaben der Komtesse hörte ich mehrfach sprechen.

GRAF:

Enchanté, lieber Maske.

CHRISTIAN:

Nehmen Sie meinen Dank, Herr Graf.

GRAF:

Herr Graf? Also auch Sinn für die Nuance.

CHRISTIAN:

Auf dem Boden der Voraussetzung sonstiger Uniformität.

GRAF:

Geistreich und sehr charmant, lieber Freund.

~Exit.~

CHRISTIAN, ~der ihn bis zur Tür begleitet, kehrt zurück, sieht flüchtig in den Spiegel und beginnt dann, an einer Vase eine Krawatte zu binden~:

Erstens einfacher Knoten. Unterlegen des einen Endes als Masche. Durchziehn des anderen. Und nun die Schere.

~Er schneidet~:

Was dich ärgert -- dein linkes Auge, wirf es von dir. Diese Krawatte sitzt tadellos. Das ist erreicht!

DER ZWEITE AUFZUG

~Salon bei Christian Maske.~

ERSTER AUFTRITT

GRAF:

Er muß nach Worten des Dieners sofort zurück sein.

MARIANNE:

Wir kamen zehn Minuten vor der festgesetzten Zeit. -- Da ist der Corot.

GRAF:

Der den Vorwand für unseren Besuch gibt.

MARIANNE:

Ein schönes Bild. Glück, mit solchen Dingen leben zu dürfen.

GRAF:

Es kann dir werden.

MARIANNE:

Als seine Frau? Ist es dein Ernst, Vater?

GRAF:

Ernst, Marianne. Beschäftigt uns beide nicht seit Wochen der Gedanke, ohne daß wir ihn erörtern? Des Mannes Auftreten ward letzthin so dringend ...

MARIANNE:

Liebt er mich?

GRAF:

Wollen wir nicht anders fragen? Nähmst du ihn auch, besäße er seine Reichtümer nicht, die uns aus einer Reihe schwieriger Umstände retten?

MARIANNE:

Auf diese Frage kann ich nicht antworten. Als du ihn die ersten Male brachtest, wußte ich kaum, wer er war; nichts von seiner Situation. Mein Gefühl entschied frei. Ich empfinde, wie jedes Ding, auf das er seinen Willen wirft, sich mit dem Glück, aus dem heraus man sich einer Naturkraft beugt, schließlich hingeben muß.

GRAF:

Tiens!

MARIANNE:

Ja, Väterchen, hier liegt Entscheidung für Marianne.

GRAF:

Ich hatte vorausgesetzt, du würdest Widerstände in dir zu besiegen haben.

MARIANNE:

Sie sind noch sämtlich unbesiegt. Wir kamen uns nicht nahe, unser Gespräch verließ die Konvention niemals, doch fühlte ich, trat er zu mir, und meine Person richtete sich angegriffen hoch, wie er, just er, mich völlig niederwerfen konnte.

GRAF:

Mich juckt's mit ihm.

MARIANNE:

Warum? Ist dir ein Zug von ihm bekannt, der nicht korrekt war?

GRAF:

Nein.

MARIANNE:

Lebt er nach unseren Gesetzen?

GRAF:

Durchaus. Doch gerade dagegen sträubt sich letzten Endes mein Sinn. Ich beobachte ihn seit zwei Jahren, und was mich anfangs rührte, entsetzt mich jetzt beinahe. Folgt wirklich dieser Bürgerliche seiner Natur, lebt er unser Leben, wodurch unterscheiden wir uns von ihm? Du weißt, ich halte Adel für ein Produkt der Züchtung im Hinblick auf Werte, die ihr Wesen in der Zeit haben, also nicht in einer Generation zu erringen sind. Wie der Herzog von Devonshire, von einem Heraufkömmling um die Pracht der Rasenflächen in seinen Gärten beneidet, und wegen der Pflege um Rat gefragt, zur Antwort gab, man müsse, um solche zu erhalten, nichts tun, als den Rasen früh morgens ein paar Jahrhunderte lang tüchtig bürsten. Voilà. Ich habe in meinem Leben Sonderliches zustande zu bringen nie versucht, war nur ein Adliger mit dem Bewußtsein angeborener Besonderheiten. Offenbart dieser Mann, es bedarf keiner Vorfahren, um gewisse unschätzbare Güter zu besitzen, bin ich in meiner Bedeutung vor mir selbst geleugnet.

MARIANNE:

Kann von einem außerordentlichen Verstand die Summe des uns Eigentümlichen nicht erfaßt, mit Eindringlichkeit der Arbeit an sich selbst langsame Veredelung durch Generationen nicht eingeholt werden?

GRAF:

Besitz, welcher Art er auch sei, wird ersessen. Fehlt ihm dieses Merkmal, ist er erborgt, und es kommt der Augenblick, wo ungünstige Beleuchtung, irgendein Mißgeschick, die Vorspiegelung aufdeckt. Den Moment erwarte ich bei diesem Manne.

MARIANNE:

Mithin stehst auch du in sein Leben verstrickt.

GRAF:

Doch nicht, um mich von ihm besiegen zu lassen, sondern um an ihm die klaffende Wunde zu entdecken, die ihn hinwirft. Ja, selbst um sie ihm bei Gelegenheit beizubringen.

MARIANNE:

So könnte es das Schicksal fügen, ich stünde gegen dich.

GRAF:

Das verhüte Gott!

MARIANNE:

Verhüte du's. Von diesem Manne empfange ich die erste volle Empfindung meines Lebens. Noch schwärmt sie ungeklärt, und mit Glück ist Abwehr gemischt. Ein seliges Geheimnis, das sich natürlich entdecken, doch nicht führen lassen will.

GRAF:

Entlarvt er sich aber vor unseren Augen selbst?

MARIANNE:

Er wird uns im Gegenteil immer undurchdringlicher und überraschender kommen. Die wenigen Zeichen, die ich von seiner Person habe, geben mir Gewißheit, er ist außerordentlich und steht über unserer Voraussicht.

GRAF:

Marianne!

MARIANNE:

So glaube, so fühle ich, Vater. Aber was auch kommen mag, du hast mich eine herrliche Jugend leben lassen. Fünfundzwanzig glückliche Jahre habe ich durch deine Güte gehabt.

GRAF:

Ich war zu nachgiebig.

MARIANNE:

Und wirst es ferner sein.

GRAF:

Nur bis an die Grenze des Möglichen.

MARIANNE ~eindringlich~:

Liebe steckt die Grenzen weit.

ZWEITER AUFTRITT

CHRISTIAN ~im Reitanzug tritt schnell auf~:

Gnädigste Komtesse. Graf. Wenigstens kann ich zu meiner Entschuldigung sagen, der Kolonialminister hielt mich auf, wollte meinen Rat.

GRAF:

Er ist des Lobes voll von Ihnen, will Sie nächstens unserer allergnädigsten Majestät präsentieren.

CHRISTIAN:

Zur Entscheidung seiner Frage hätte es Genies bedurft, das ich nicht besitze. Die ungeheuere Verantwortung bricht in Dingen, die das Wohl des Staates angehen, die Kraft jeder Meinung, die ihr Bewußtsein nicht in Gott hat.

GRAF:

Magnifique! Was ritten Sie heute?

CHRISTIAN:

Einen Chamantsproß aus der Miß Gorse. -- Gefällt Ihnen das Bild, Komtesse?

MARIANNE:

Ich habe in solchen Dingen nicht Urteil genug. Doch ergreift es mich.

CHRISTIAN:

Es ist kein Meisterwerk Corots; Valeurs und Tonalität aber eigenartig.

GRAF:

Können Sie so etwas bestimmen?

CHRISTIAN:

In meinem Leben sah ich zwei- bis dreihundert Bilder des Malers.

GRAF:

Wo nehmen Sie die Zeit her?

CHRISTIAN:

Ich nehme sie kaum. Nicht viel mehr als ein Blitz kam von der ersten Leinwand zu mir. Doch zündete sie, und ich war für den Rest lebendig.

~Zu Marianne~:

So geht es mit allen Dingen.

GRAF:

Wir müssen fort.

~Zu Marianne~:

Für ein halb zwölf hast du dich zu Friesens angesagt.

CHRISTIAN ~zum Grafen~:

Begleiten Sie die Komtesse oder darf ich Sie um ein paar Minuten bitten?

GRAF ~zu Marianne~:

Brauchst du mich?

MARIANNE:

Bleib.

CHRISTIAN ~zu Marianne~:

Ich bringe Sie zum Wagen.

~Marianne und Christian exeunt.~

DRITTER AUFTRITT

~Graf nimmt von einem Tisch ein Buch~:

Gothaer Almanach. Gräfliches Taschenbuch. Er hat sich unterrichtet.

~Er blättert und liest~:

Palen. Westfälischer Uradel, der mit Rütger Palen 1220 urkundlich zuerst erscheint. Augustus Aloysius mit Elisabeth Gräfin von Fürstenbusch, gestorben auf Ernegg sechzehnten Juli 1901. Meine gute Lisbeth. Kinder: Friedrich Mathias, unseres Geschlechtes letzter Sproß, und Marianne Josefa, die nun einen Herrn Maske heiratet.

VIERTER AUFTRITT

CHRISTIAN ~tritt auf~:

Die Komtesse hofft vorbeifahrend Sie gegen zwölf Uhr hier abholen zu können.

Graf Augustus von Palen, ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter Marianne.

GRAF:

Da Sie den Antrag so bündig stellen, haben Sie ihn nach jeder Richtung hin reiflich erwogen.

CHRISTIAN:

So reiflich, Graf, wie Sie mit Ihrer Tochter die Antwort.

GRAF:

Nicht doch. Ich kenne die Entscheidung der Komtesse nicht unbedingt.

CHRISTIAN:

Wie lautet sie bedingt? Verzeihung, erst Ihre eigene Meinung.

GRAF:

Ich selbst bin gegen die Verbindung. Doch wird meine Ansicht nur gehört und bleibt ohne entscheidenden Einfluß. Haben Sie mit meiner Zustimmung gerechnet?

CHRISTIAN:

Ich fühlte Ihre starken Widerstände.

GRAF:

Sie bewundernd, mußte ich mich doch fortgesetzt stärker zu Ihnen distanzieren. Die Komtesse dagegen scheint, der Wahrheit die Ehre, einigermaßen von Ihnen emballiert.

CHRISTIAN:

Soll ich meine äußeren Umstände näher auseinandersetzen?

GRAF:

Ich kenne Ihre Laufbahn aus eigener Anschauung, alle überraschenden Erfolge finanzieller und gesellschaftlicher Art. Von Ihrer großen Zukunft bin ich felsenfest überzeugt.

CHRISTIAN:

Gab mein Charakter Grund zu Bedenken?

GRAF:

Er gab keine Angriffsfläche.

CHRISTIAN:

Darf ich fragen?

GRAF:

Ganz offen: Standesvorurteile.

CHRISTIAN:

Danke. Das muß sein. Eben diese innerliche Abgeschlossenheit ist eine Eigenschaft Ihrer Kreise, die ich verehre. Nur gegen meine Person gerichtet, hätte es mich stärker berührt.

GRAF:

Aber Sie können nicht Verehrer eines Prinzips und zugleich Angreifer desselben sein.

CHRISTIAN:

Ich liebe Ihre Tochter.

GRAF:

Sie heirateten sie auch, wäre sie nicht Gräfin Palen?

CHRISTIAN:

Das weiß ich nicht; sie ist als Reiz unteilbar.

GRAF:

Mit der Voraussetzung, die Komtesse nähme Ihren Antrag an.

CHRISTIAN ~macht eine unwillkürliche Bewegung, die seine Erschütterung verrät~.

GRAF:

Bis eben meinte ich, Sie zu kennen. Jetzt, da die Möglichkeit auftaucht, Sie uns näher attachiert zu finden, sehe ich, wie fremd Sie noch blieben.

CHRISTIAN:

Man hat unsereinem gegenüber nicht die Mittel, sich aus einem Buch über den Stall, aus dem er kommt, zu belehren. Tappt gegen eine dunkle Sache.

GRAF:

Wirklich läßt, mit geringen Ausnahmen, der bürgerliche Name seinen Träger anonym. Unaufgezeichnet ist er ungemerkt und in seinen Handlungen unbeaufsichtigt. Wir, die in dieses Buch verzeichnet sind, handeln unter den Augen unserer Sippen das Leben ab, und der Verzicht auf die Wollüste eines freien Lebens in namenloser Masse gibt uns ein Recht, unsere Verdienste bemerkt und belohnt zu sehen.

CHRISTIAN:

Ohne Frage. Doch müßte dem Mann, der den nicht zu beugenden Willen hat, die Konsequenzen solcher Anschauungen zu tragen, der Eintritt in die Gemeinschaft frei sein.

GRAF:

Unbeugsamkeit beweist erst die Zeit an Geschlechtern.

CHRISTIAN:

Die Disposition ist auch aus bürgerlichen Vorfahren zu erkennen.

GRAF:

Ihre Eltern, Voreltern?

CHRISTIAN:

Beamte. Durch das Bewußtsein, dem Staat zu dienen, vorbereitet. Kleine Beamte nur -- mein Vater ...

GRAF:

Die schlichte Abstammung offenbart persönliches Verdienst um so bedeutender, wie uns der allerhöchste Herr erst kürzlich wieder belehrte. Der Fall unseres Postministers, der aus ähnlichem Milieu wie Sie stammt, ist der einleuchtendste.

CHRISTIAN ~laut lachend~:

Überhaupt beginnt das ärmlich, aber reinlich gekleidete Elternpaar allenthalben aufzukommen.

GRAF:

In der Tat. Wir kennen nun uns're Ansichten. Die Entscheidung hängt von uns nicht ab -- warten wir. Ich muß aber noch hinzufügen: meine Tochter bringt keine Mitgift in die Ehe. Sie wurden reich, wir verloren bis auf Reste unser Vermögen und schränken uns ein, meinem Sohn den Zuschuß zu gewähren, den das Regiment verlangt.

CHRISTIAN ~verneigt sich~:

Darüber ist kein Wort zu verlieren.

DER DIENER ~tritt auf~:

Der Wagen der Komtesse.

GRAF ~exit~:

Ich übermittele Ihnen die Entscheidung.

FÜNFTER AUFTRITT

CHRISTIAN:

Jetzt hätte ich es sagen können: Sie leben in Zürich. Vorbereitet und durch das Geständnis seiner Mittellosigkeit in Verlegenheit, hätte er es geschluckt, und sie waren offiziell präsentiert. Nun heißt es, die neue Gelegenheit abpassen; aber ich fühle, sie ist völlig in meiner Gewalt.

Warum dann warten? Hierher müssen sie. Sofort! Und ist der Augenblick gekommen -- persönlich sie vorstellen. Mediam in figuram jedermann. Wollen doch sehen!

Wie die Alten sich freuen werden!

~Er schreibt und liest~:

Kommt mit dem nächsten Zug. Erwartet euch hier freudigste Überraschung.

~Er läutet~:

Von dem Wagen, mit dem ich sie am Bahnhof hole, bis zum eigenen Bad an ihren Zimmern muß ihnen alles ein großes Staunen sein.

DIENER ~tritt auf~.

CHRISTIAN:

Das Telegramm sofort abtragen.

DIENER ~exit~.

CHRISTIAN:

Mutter soll auch ihre Schlummerrolle ins Bett haben. Wenn sie vorm Einschlafen überdenkt, was sie und ich von meiner Zukunft geträumt, und wie es noch viel besser gekommen ist, muß sie ein erfülltes Leben spüren. Sie werden sich schnell anpassen. Die schlimmsten Unarten sind bald abgewöhnt, und Schneider und Putzmacherin tun das letzte.

SECHSTER AUFTRITT

~Sybil tritt auf.~

CHRISTIAN:

Kind, ich bin froh. Weißt du, wer kommt?

SYBIL:

Die Eltern.

CHRISTIAN:

Wer sagt dir das?

SYBIL:

Notwendigkeit. Zwei Jahre, seit ihrem Abschied, zappelst du an dem Haken deiner Sehnsucht. Ich wußte, an wen du beim Einschlafen dachtest. Warum, wenn du von großen Gewinsten sprachst, dein Auge hochzuckte. Durch die räumliche Trennung hast du dich auf deine Art völlig in die beiden alten Menschen verrannt. Schließlich brachtest du nichts mehr vor, ohne gleichnishaft einen von ihnen zu erwähnen.

CHRISTIAN:

Ich entbehrte sie schwer.

SYBIL:

Am Ende hattest du dir die Überzeugung beigebracht.

CHRISTIAN:

Mutter und ich waren stets eine Seele. Sie kannte sich gar nicht außer mir. Wie ein kleiner König stand ich zu ihr. Meine große Zukunft bejahte sie im voraus. Wir brauchten uns in dem Gedanken nur anzusehen und lachten. Vater war wie die Begleitung im Kontrabaß dazu.

SYBIL:

Hast du nicht dasselbe Vertrauen unbedingt bei mir gefunden?

CHRISTIAN:

Doch wolltest du Dank. Hier aber war ein Mensch stets unbedankt, stets durch mich glücklich.

SYBIL:

Dafür hat sich dein Vater während dieser Zeit schamlos gegen dich betragen. In der Überzeugung, dich durch sein Erscheinen schrecken zu können, hat er ein über das andere Mal von dir die Summen erpreßt, die er brauchte.

CHRISTIAN:

Insgesamt nicht viel mehr als ein paar Tausender.

SYBIL:

Hätte er eine Vorstellung von deiner geänderten Lebensführung, er wäre anders ins Zeug gegangen. Er würde sich, sähe er die Wirklichkeit, gütlich tun.

CHRISTIAN:

Er soll's. Nichts anderes wünsche ich. Das ist das Dämonische an diesen Geschlechtern, deren Wurzeln noch auf dem Erdboden laufen, die Gesamtheit fühlt nicht einheitlich, atmet und bewegt sich nicht mit einem Ruck von einem Zentrum aus. Es praßt der eine, wo der andre darbt. Ist aber der Gedanke lebendig, von einem Stamm entsprossen, mit ihm durch feinste Adern noch verbunden, ist unser Wohl von seiner Gesundheit abhängig, so freut uns jedes Glück, das ihn in irgendeinem Ast trifft.

SYBIL:

Der Gedanke ist schrecklich altertümlich, nicht aus unserer Zeit heraus.

CHRISTIAN:

Darfst du das behaupten, Mädchen? Weißt du mehr von den Erschütterungen der Epoche als ich? Weil du dich an Phrasen der Sozialdemokratie berauschst, die dir mit dem Recht, das noch der Jämmerlichste hat, die Ohren vollbläst.

SYBIL:

Ich sehe Wirklichkeit. Millionen, die den Hunger zu stillen über den, der den Weg zum Brot sperrt, müssen.

CHRISTIAN:

Kämpfe ums Dasein. Die habe ich auch durchgemacht und dabei ganz anders als Myriaden den Boden in mir aufgerissen; von Trieben geschnellt, flog ich durch den Brei der Bequemen, weil ich wußte, jenseits fängt erst das Leben an. Du sahst ja, wie ich ankam, die Fetzen mir vom Leibe riß und das flatternde Band am Halse zu einer festen Krawatte knüpfte. Mich allmählich zur Form erzog, der der höhere Mensch im Zusammenleben bedarf.

SYBIL:

Nie ruht der Kampf. Auf jeder nächsten Stufe, auf der höchsten, steht der Stärkere, der Todfeind, den du besiegst, oder er vernichtet dich.

CHRISTIAN:

Das ist proletarisch gedacht. Generationen hast du noch zu laufen, bis dir die Wahrheit schwant.

SYBIL:

Und dabei war ich es, die ihn lehrte ...

CHRISTIAN:

Den Fisch nicht mit dem Messer zu fressen, daß ich nicht in den Zähnen stocherte! Über all den äußeren Kram bist du nicht hinweggekommen. Dein Anzug ist der Anzug der Frau von Welt. Aber in welcher inneren Notwendigkeit bist du ihr inzwischen angenähert?

SYBIL:

Das war nicht mein Ziel.

CHRISTIAN:

Ressentiment.

SYBIL:

Und du, weil du dich zu dem Entschluß verstiegst, deine Eltern zurückzuholen ...

CHRISTIAN:

Die ich liebe.

SYBIL:

Da es in der Welt plötzlich Beispiele schlichter Erzeuger gibt.

CHRISTIAN:

Vergöttere!

SYBIL ~lacht~:

Weil es schick wird. Nie würde ein liebender Sohn dulden ...

CHRISTIAN:

Kein Wort mehr!

SYBIL:

Daß deine neuen Kreise sich an der famosen Strohkapotte deiner Mutter, an deines Vaters Schmierstiefeln berauschen. Deine erste Tat, die sie vor Entwürdigung und dich vor Demütigung schützte, war zarteste Rücksicht für sie und klug dazu, wie dein Erfolg lehrt.

CHRISTIAN:

Ich erwarb Geld und muß nicht mehr vor den Nöten des Lebens flüchten. Endlich darf ich verweilen und die irdischen Güter betrachten. Der erste Luxus, den der reiche Mann treibt, ist seine Familie.

SYBIL:

Dein Vater, deine Mutter sind nicht Luxusgegenstände. Liebst du sie wirklich, treibe den Kult im Kämmerlein. Doch opfere sie nicht der Eitelkeit, daß bei dir alles sein muß, wie der gute Ton es vorschreibt. Du willst die Gräfin heiraten. Tu's. Aber gib ihr mit deinen Eltern kein Gleichnis, aus dem sie dich beurteilen kann. Bleib ihr fremd und geheimnisvoll. Du hast so viel, was keiner außer dir besitzt, du mußt nicht auch noch Eltern haben.

CHRISTIAN:

Närrisch bin ich mit dem Gedanken. Meine gesamte Ziffernmacht, allen Einfluß strenge ich bis zum äußersten an, meinem Vater Geltung zu verschaffen. Keine Widerworte! Ich will! Das sind Dinge, für die in dir jede Voraussetzung fehlt, da von deiner Geburt an alles Zufall in dir war.

SYBIL:

Du möchtest eine Kluft zwischen uns aufreißen.

CHRISTIAN:

Sie ist seit langem da. Im Handeln und Denken. Wir sind Fremde. Geh!

SYBIL:

Wirklich so fremd, Junge? Du warst doch der, der Zwanzigmarkstücke von mir nahm?

CHRISTIAN:

Du träumst. Ich bin der, der dich bezahlte, und der dich in diesem Augenblick ablohnt. Spare alle Worte.

SYBIL:

Ein einziges -- mein Leben dafür --, das dich kennzeichnete und ausdrückte, wie niedrig ich dich empfinde.

CHRISTIAN:

Finde es zu Haus. Entstellst du mich mit Verdächtigungen wie den eben geäußerten vor dir selbst, zerstörst du dir das Andenken deiner großen Leidenschaft. Doch bleibt das deine Sache. Wagst du sie vor anderen, drohen dir unnachsichtlich die Gerichte.

~Sybil steht ihm gegenüber, starrt ihn an und stürzt hinaus.~

SIEBENTER AUFTRITT

CHRISTIAN: