Der Skorpion. Band 2

Part 17

Chapter 173,715 wordsPublic domain

„So hab’ ich’s gern.“ Sie zog die Schultern hoch wie ein schnurrendes Kätzchen. „Licht und Wärme muß ich haben.“ Sie prüfte die Zentralheizung unter den Fenstern, der sengende Glut entstieg. „So ist es schön! Nur kein kaltes Schlafzimmer! Zu Haus wird mir sowieso die Heizung abgedreht, weil Mama es für ungesund hält, warm zu schlafen. Wenn ich verheiratet bin, muß mein Schlafzimmer warm sein wie ein Treibhaus, damit ich ohne Hemd und ohne Decke schlafen kann!“

Sie öffnete Wietinghoffs Reisetasche und nahm die kleinen Einkäufe heraus. Als das geschehen war, stöberte sie ganz selbstverständlich weiter.

„Was er da alles drin hat! Herrliche Seife, riech mal, Mette! Die könnten wir eigentlich hierbehalten. Und Mundwasser auch. Rasiercreme – brauchen wir nicht. Herrgott, wieviel Bürsten denn noch! Schön, die Wildlederslippers – daß ich keine Pantoffeln da habe, ist mir eigentlich am unangenehmsten; ich hasse es, mit bloßen Füßen auf Hotelteppichen herum zu laufen. Ich muß doch sehen, was er für Pyjamas mit hat. Violett mit weiß. Ganz hübsch. Möchtest du Pyjamas tragen? Ich denk’ sie mir ziemlich unbequem. Aber morgens zum Frühstücken find’ ich sie sehr nett. Weißt du, ich glaube, sie sind für häßliche Leute kleidsamer als für hübsche. Schon weil man Hals und Arme nicht sieht. Ich möcht’ doch einmal einen anziehen, um zu sehen, ob er mir steht, ^bleu électrique^ vielleicht. Und du müßtest einen erdbeerroten haben, aber nicht ‚^fraise^‘, sondern erdbeerrot – nach den deutsch-französischen Farbenbezeichnungen müßte man eigentlich die Franzosen für farbenblind halten – aus ^fraise écrasée^ machen wir ^fraise^ und wundern uns, daß wir noch nie im Leben fraisefarbene Erdbeeren gesehen haben. Ist es dir noch nie passiert, daß dir ein Ladenfräulein gesagt hat: ‚In blau haben wir das nicht, höchstens in ^bleu^.‘? Ach, die Welt ist zu idiotisch. Ich habe so Lust auf guten Alkohol. Was trinkst du eigentlich am liebsten? Willst du das rechte Bett oder das linke? Ich glaube, ich muß mir die Haare noch mal machen. Soll ich das Mützchen aufbehalten? Es sieht vielleicht am ladylikesten aus. Findest du eigentlich, daß ich ladylike aussehe? Ach doch, nicht? Bist du fertig? Wollen wir hinunter? Woher kommt es, daß deine Haare immer tadellos sitzen? Du hast auch nicht soviel kurzes wie ich. Seh’ ich anständig aus? Von hinten, von vorn, von allen Seiten? So, dann gib’ mir noch einen Kuß und komm!“

Auf der Treppe kehrte Gwen noch einmal um.

Sie schwenkte Mette den Zimmerschlüssel entgegen, ehe sie ihn in ihr Handtäschchen gleiten ließ.

„Den Schlüssel! Ich hab’ ihn abgezogen – schließlich braucht nicht jeder eine Herrentasche mit Rasierzeug und Pyjamas bei uns zu finden. Fred soll sie rausholen, sobald er kommt.“

Mette fürchtete sich ein wenig vor dem großen, hellen Speisesaal. Sie hatte es völlig verlernt, sich einen Tisch auszusuchen, mit Kellnern zu verhandeln, eine Weinkarte zu prüfen. Es stand ihr wie ein Examen bevor. Und das schlimmste war, daß sie sich nicht verraten durfte und die Beantwortung dieser Fragen mit einem ‚wir erwarten noch jemand‘ hinausschieben.

Als sie eintraten, fiel ihr erster Blick in einen Spiegel, und in diesem Spiegel sah sie Fred Wietinghoffs Gesicht. Er sah über eine Zeitung hinweg, die er in beiden Händen hielt, seine Augen, groß und offen und von tiefem leuchtenden Blau, sahen ihr entgegen und grüßten sie. Und von seinem Blick, von seinem festen hellen Gesicht ging ein Strom von Ruhe und Sicherheit aus.

Wie gut, daß er da war! Wie gut, daß er da war!

Jetzt sah sie auch vor dem Spiegel seine breiten Schultern, seinen blonden Kopf.

Gwen fing an zu kichern und stieß Metten an. Sie machte eine Bewegung, als wollte sie auf ihn zueilen und ihn durch einen Schlag auf die Schulter aufschrecken.

Mette hielt ihren Arm fest.

„Er hat uns gesehen,“ sagte sie leise, „komm ruhig an ihm vorbei.“

Mette hörte das Stuhlrücken hinter sich und seine raschen großen Schritte.

Sie begrüßten sich wieder voller Verwunderung. Wietinghoff suchte einen größeren Tisch – er hatte sich absichtlich an einen ganz kleinen gesetzt – und beauftragte den Kellner, seine Sachen herüberzubringen.

Er wählte mit Bedacht ein kleines Abendessen, einen edlen Wein.

„Nachher trinken wir Sekt,“ sagte er, als der Kellner außer Hörweite war, „ich werde natürlich in seiner,“ mit einer Schulterbewegung, „Gegenwart auf diese Idee kommen: ‚Aber ich bitte Sie, meine Damen, diese Begegnung müssen wir doch mit einer Schampus feiern!‘ Klingt es nicht ganz glaubwürdig?“

„Sehr,“ bestätigte Mette lachend.

„Herrgott, die Tasche.“ Gwen hob erschrocken die Hand vor den offenen Mund und sah mit runden entsetzten Kinderaugen von einem zum andern. „Fred, Sie müssen Ihre Tasche aus unserm Zimmer holen! Was soll denn das Zimmermädchen von uns denken? Aber lassen Sie sich nicht erwischen, sonst werden Sie noch als Einbrecher verhaftet! Das wär’ eigentlich ein herrlicher Witz! Passen Sie auf, ich will Ihnen unauffällig den Schlüssel zustecken!“

Sie kramte in ihrer Tasche, die sie unter dem Tisch auf ihrem Schoß hielt, zog den Schlüssel heraus, krampfhaft bemüht, ihn in ihrer kleinen Faust verschwinden zu lassen, und schob die geschlossene Hand über den Tisch.

Wietinghoff nahm ihr den Schlüssel ab, ließ ihn in die Hosentasche gleiten und bog sich vor Lachen mit dem Stuhl zurück.

„Wundervoll,“ sagte er und zeigte sehr vergnügt seine festen weißen Zähne, „jetzt hat das ganze Lokal gesehen, wie Sie mir unauffällig den Zimmerschlüssel zugesteckt haben! Na, mir soll’s recht sein! Ich fühle mich nicht weiter kompromittiert. Niedlich genug sehen Sie aus!“

Er sagte es etwas geringschätzig, mit einem spöttischen Zucken um den Mund. Aber unter gesenkten Augenlidern hervor lief ein Blick über Gwen hin, der etwas Vertrauliches, Taxierendes und zugleich Brennendes und Einsaugendes hatte.

‚Was soll ich hier?‘ dachte Mette in plötzlicher Qual, ‚warum muß ich Zeuge ihrer Verliebtheit sein? Bloß, weil sie ihren Ruf wahren wollen? Lächerlich. Sie sind sicher schon hundertmal allein zusammen gewesen. Sie können nicht Angst haben, daß etwas geschehen könnte, was noch nicht geschehen wäre. Diese beiden Menschen kennen einer den andern ganz und ohne Rückhalt. Ich hab’ es vor Monaten schon gewußt. Wie konnte ich es wieder vergessen? Was soll ich hier?‘

Fred Wietinghoff goß die Gläser voll.

„Auf gute und ehrliche Kameradschaft!“ sagte er.

„Darauf trink ich mit!“ Mette hob ihr Glas.

Wietinghoff suchte ihren Blick mit ernsten und offenen Augen.

„Sie sind der geborene Kamerad,“ sagte er herzlich. „Treu, klug, verschwiegen und kühn. Wissen Sie – man sieht oft Menschen in einer anderen Zeit, unter anderen Schicksalen – sozusagen in einer anderen Rolle. Wenn ich Sie sehe, denke ich immer tausend Jahre zurück, Minnesänger- und Ritterzeit, und dann seh’ ich Sie in Knappentracht Ihrem auserwählten Liebsten folgen – es gibt solche Gestalten in den alten Liedern und Sagen, und sie haben mich schon in meiner Knabenzeit immer mit Rührung und Bewunderung erfüllt. So ein Heldenmädchen, das ganz ohne Ehrgeiz, nur aus Liebe, alle Strapazen erträgt, an allen Ruhmestaten seinen Anteil hat, geneckt und gelobt wird, aber niemals den Lohn der Leidenschaft empfängt – bis es einmal im Gewühl des Kampfes Hieb oder Stich empfängt und der Ritter selber auf beiden Armen seinen treuen Knappen ins Zelt trägt und aus dem Knabenwams einen weißleuchtenden Frauenleib ans Licht schält.“

„Findest du nicht, daß er Talent hat?“ neckte Gwen. „Er sollte doch unter die Dichter gehen. Und was bin ich? Äußern Sie sich, Herr Wietinghoff, in welcher Rolle belieben Sie mich zu sehen?“

„Sie sind absolut eine Ausgeburt des zwanzigsten Jahrhunderts,“ gab Wietinghoff fast verächtlich zurück, „albern und frühreif, verderbt und kindlich, putzsüchtig, anspruchsvoll ...“

Gwen zappelte mit den Füßen und öffnete den Mund zu einem ungezogenen Schreien.

Wietinghoff beeilte sich, sie zu beschwichtigen.

„Aber süß,“ sagte er hastig, ängstlich, „ganz entzückend dabei, unwiderstehlich, bezaubernd, berückend, betörend.“

„Scheint so,“ lachte Gwen, „Sie hab’ ich jedenfalls betört, denn Sie sind furchtbar töricht. Prost, Kinder – ich finde den Wein herrlich und das Leben wunderschön.“

Mette trank ihr zu. Der Wein goß warme Ströme durch ihre Nerven.

‚Kamerad,‘ dachte sie, ‚schönes, liebes Wort. Kamerad! Das möcht’ ich sein, und das kann ich sein. Kameradschaft. Das ist mein Reichtum und meine Stärke. Aber noch nie hat sie jemand von mir verlangt. Ich kann diesem kleinen Mädchen Kamerad sein und kann’s diesem Mann sein – ob die beiden nun andere Beziehungen miteinander haben, geht mich gar nichts an – es berührt mich gar nicht. Seltsam – noch nie hat mich jemand zum Kameraden haben wollen – nicht einmal Olga. Und dabei ist mir, als wäre mir durch dies Wort ein Schlüssel zu meinem Innern gegeben, daß ich in mich selbst hineinsehen kann und erkenne, was in mir ist. Ich will Fred Wietinghoff immer dankbar sein, daß er mir dieses gute Wort gesagt hat.‘

Die frohe Stimmung hielt bei allen an. Manchmal lachte Gwen so ausgelassen, daß Wietinghoff oder Mette sie zur Ruhe verweisen mußten. Manchmal flog ein Scherzwort hin und her, das Mette nicht verstand. Aber es quälte sie nicht mehr. Ein guter Kamerad mußte sich vertrauensvoll und geduldig in alles schicken. Mußte überhören können, was er nicht zu wissen brauchte. Und mußte mit immer wachen, hundertfach geschärften Ohren hören, wenn ein Notruf an ihn erging. – – –

* * * * *

Auf dem Türgang sagte Fred Wietinghoff ihnen gute Nacht. Er küßte beiden lange die Hand, und keiner um einen Herzschlag länger als der andern. Aber Gwens Finger hob er an die Lippen und sah ihr dabei in die Augen, eindringlich und wie beschwörend. Über Mettes Hand beugte er tief den Kopf. – – –

* * * * *

„Morgen fahren wir ans Meer!“ Gwen tanzte übermütig durchs Zimmer. „Mette, süße Mette, ist das Leben nicht schön? Und ist es nicht entzückend, mit Fred zu bummeln und zu reisen? Bist du nicht entzückt von ihm? Ach, etwas doch, mir kannst du es ruhig zugeben, ich bin nicht eifersüchtig! Nur ausschalten laß ich mich nicht – aber sonst ... Du bist ja doch ein bißchen in ihn verliebt, sag’ es nur ruhig.“

„Ich glaube, du bist ein bißchen beschwipst, kleine Maus,“ sagte Mette lächelnd, „es ist höchste Zeit, daß du in dein Bettchen kommst.“

„Ja, höchste Zeit – höchste Zeit,“ trällerte Gwen leise. Sie zog sich aus, während sie in der Stube herumtanzte, und streute ihre Sachen auf alle vorhandenen Stühle und Tische. „Müde bin ich zwar gar nicht ... bist du müde, Metting? Hoffentlich nicht.“

„Warum nicht? Was hast du denn noch vor?“

„Ach, ich geh’ heut Abend noch auf den Ball mit dir ... auf den Federball ... habt ihr das als Kinder auch immer gesagt? Blöd, nicht? Alle Kinder haben dieselben dummen Redensarten und finden sie tausendmal hintereinander immer wieder witzig. Und wenn man älter wird, mag man die besten Witze nicht zweimal hören und die schönsten Gerichte nicht zweimal essen. Eigentlich traurig, nicht? Oder? Fred Wietinghoff würde sagen: der ewige Hunger nach neuem peitscht uns vorwärts. Sonst würden wir uns wie Karusselpferde im Kreis herumdrehen. Also, gepriesen sei der Drang nach Abwechslung! Was machst du nur so ewig, Mettika? Ich steige gleich ins Bett.“

Sie stieg aber trotzdem nicht gleich ins Bett, sondern lief im Hemd im Zimmer hin und her, hatte dort etwas zu ordnen und hier etwas zu suchen und verbrachte die Zeit mit Geschwätz und Getändel.

Mette lag schon im Bett: „Du wirst dich erkälten,“ sagte sie kopfschüttelnd, „wie kann man so herumtrödeln? Du warst doch schon vor einer halben Stunde fertig. Dreh’ die überflüssige Beleuchtung aus und kriech’ ins Bett.“

Gwen reckte die nackten Arme über den Kopf.

„Ich hab’ eine solche Unruhe in mir,“ klagte sie. „Begreifst du denn das nicht? Ach Mette, du tust ja nur so, als ob du von Eis und Schnee wärst. Fühlst du denn nicht, wie der Wein durch deine Adern geht und dir immer von unten gegen das Herz stößt, immer so.“ Sie schlug ruckweise mit der geballten Faust gegen die Brust. „Und fühlst du nicht, daß es da draußen Frühling wird? Hast du keine Wurzeln mehr in der Erde, daß du nicht fühlst, wie der Saft in dir gärt ... in dir, wie in jedem Baum und Strauch ...“

Sie blieb neben dem Schrank stehen und legte die Arme, die Schläfe an das glatte Holz:

„Manchmal glaub’ ich, diese armen mißhandelten, zersägten, behobelten Bäume haben noch einen Rest Leben in sich – und im Frühling, wenn die große Orgie sich vorbereitet ... dann fängt es an, noch in dem armen polierten Holz zu pulsen und zu zucken – fühl’ nur, es ist wie ein leiser Herzschlag drin, und dann denk’ ich, die Möbel freuen sich an mir – sie fühlen mein Leben aufschäumen, und das gibt ihnen Lust und Ruhe – Mette!“ – Sie war mit ein paar Sprüngen auf dem Bettrand und faßte Mette rüttelnd an den Schultern. „Bist du lebloser als das tote Holz? Das ist nicht wahr und das glaub’ ich dir nicht!“

Sie schlang die Arme um Mette und wühlte den Kopf neben ihr in die Kissen.

„Warum magst du mich nicht, Metting?“ flüsterte sie ihr ins Ohr. „Sag’ mir, ist es, weil du Fred liebst? Es ist nicht wahr, daß du nie eine Frau geliebt hast. Es ist auch nicht wahr, daß du mich nicht lieben könntest ...“

„Lieben,“ sagte Mette tonlos, „was nennst du lieben.“

„Lieben nenne ich selig machen ... und selbst dabei selig sein ... alles andere nenn’ ich Freundschaft oder Anbetung oder Schwärmerei, ja, am besten Schwärmerei. Ich will wissen, was du gegen mich hast!“

Sie kniete auf dem Bettrand und riß sich wie eine Rasende das Hemd von den Schultern.

„Du sollst mich jetzt ansehen! Du mußt mich jetzt ansehen! Wo hab’ ich irgendeinen Fehler, der dich abstößt?“

„Du bist sehr schön,“ sagte Mette mit gequältem Lächeln.

„Ach, und du erst,“ Gwen warf sich über sie und küßte ihr Mund und Augenlider, Hals und Wangen.

‚Ich will nicht,‘ dachte Mette, ‚sie ist mir anvertraut, und ich rühre sie nicht an. Ich bin sein Kamerad ... ich bin sein Kamerad ...‘

Rosenrote Wellen hoben sich. Sie stiegen ihr bis zum Herzen, bis zum Hals, bis über die Augen. Das Zimmer schien zu schwanken, wie in zitternden Atemzügen, wie in ruckweisen Herzstößen.

Plötzlich war alles still, hell, es war wie blendendes Licht, und wie ein schmetternder Hornstoß.

Vielleicht hatte ganz leise eine Diele geknarrt.

Mette fuhr auf, wach, nüchtern.

Irgend etwas war im Zimmer, was vorher nicht da gewesen war.

Ein violetter Fleck. Und darüber Fred Wietinghoffs Gesicht.

Fred Wietinghoffs Augen. Brennend. Gierig. Ganz unverhüllt, wie die Augen brünstiger Tiere – ganz nackte Augen.

Mette schrie nicht auf.

Sie schleuderte den weichen Körper von sich, der würgend auf ihr lag.

Ein Wort stieg in ihr auf und verließ sie nicht mehr. Es war das einzige Wort, das sie denken konnte, und das ihre Gedanken unablässig wiederholten:

‚Abgekartet. Alles abgekartet.‘

Sie richtete sich auf und griff nach ihren Kleidern.

In diesem Augenblick stürzte Wietinghoff auf sie zu.

„Mette,“ stammelte er, „Süßeste.“

Da schlug sie ihm mit der flachen Hand ins Gesicht.

Er war auf Widerstand gefaßt gewesen, auf Stoßen, Kratzen, Beißen – er hätte sie lachend bezwungen.

Der Schlag ließ ihn zurücktaumeln.

Mette schlüpfte in ihre Bluse.

‚Abgekartet,‘ dachte sie, ‚abgekartet.‘

Sie knüpfte die Bänder des Unterrocks. Ihre Hände zitterten nicht, trotz der wahnsinnigen Hast. Erst als sie angezogen war, warf sie einen flüchtigen Blick auf Wietinghoff.

Auf seinem blassen Gesicht brannte die Spur ihrer Hand wie ein feuriges Mal. Über seinen Augen lagen die breiten zitternden Lider.

Ein seltsames Gefühl stieg in Mette auf. Eine rasende Freude: ‚ich habe ihn gut getroffen.‘ Und dann eine dämmernde Erkenntnis: ‚es ist das erstemal, daß ich dies schöne Gesicht berührt habe – dies schöne Gesicht.‘

Nie hatte sie mit einem Gedanken daran gedacht – aber ihr war, als hätten ihre Hände sich immer danach gesehnt, dies Gesicht zu streicheln.

Ein namenloses Weh quoll in ihrem Herzen. So, als hätte sie etwas Schönes und Kostbares besessen, und sähe es zum erstenmal, da es ruchlos zerstört und zerbrochen vor ihr lag.

Sie ging ruhig im Zimmer hin und her und holte ihre Sachen zusammen. Wenn sie an Fred Wietinghoff vorüber mußte, machte sie einen Bogen. Er sah sie nicht an, aber er fühlte es und zuckte zusammen.

Gwen war auf ihr Bett gekrochen. Sie saß nackt und rosig auf dem großen Federbett, hatte die Schultern hochgezogen und spielte verlegen mit ihren Zehen.

Die Tür nach dem Nebenzimmer stand offen. Es war die Tür, durch die Fred Wietinghoff gekommen war.

‚Abgekartet,‘ dachte Mette, ‚abgekartet.‘

Sie ging in Hut und Mantel auf die Tür zu. Als sie die Klinke in der Hand hielt, blieb sie stehen.

„Ich werde in das Zimmer nebenan gehen,“ sagte sie ruhig, „ich habe keine Lust, jetzt in der Nacht das Hotel zu verlassen. Um sieben Uhr werde ich gehen und die Tür vom Korridor offen lassen.“

Wietinghoff drehte sich um.

„Gnädiges Fräulein,“ sagte er heiser.

In seinem blassen Gesicht standen seine dunklen Augen wie zwei offene Wunden.

Mette zog die Tür hinter sich zu und riegelte hart ab.

Sie drehte das Licht nicht an.

Sie wußte und fühlte es: überall lagen Sachen – fremde Sachen – seine Sachen.

Nach einer ganzen Weile hörte sie Stimmen von nebenan, hin und her, gedämpft und unterdrückt, aber doch vernehmlich.

‚Lieber Gott, was werd ich noch alles hören,‘ dachte sie, ‚lieber Gott, gib mir Kraft, gib mir Kraft. Laß mich sterben, wenn du kannst, aber laß mich nicht wahnsinnig werden, daß ich nicht irgend etwas tue – irgend etwas ganz Furchtbares ...‘

Aber das Schlimmste war der Duft, der über dem Zimmer lag. Der Hauch der Zigarette, der feine Geruch des Juchtenleders, der Duft der Seife, des Essigs.

Mette machte das Fenster weit auf und schob sich einen Stuhl zwischen die Flügel. Die Nacht war kalt, Mette zitterte, so fest sie sich auch in ihren Mantel wickelte.

Sie dachte an die Stadt, die sie verlassen würde. Wo nun hin – wohin?

Sich weiter hetzen lassen, heimatlos, ruhelos, jeder Begierde ein Freiwild?

Oder sterben?

Ja, wenn sie an den Schlaf hätte glauben können.

Aber sie fühlte in dieser Stunde stärker als je, unleugbar, unantastbar das Unzerstörbare in sich.

Sie wurde demütig vor dem, was sie in sich trug, wie eine Mutter in Demut ein fremdes Leben in sich fühlt.

‚Meine arme Seele,‘ sagte sie leise, ‚was hab’ ich dir getan? Warum hab’ ich nie daran gedacht, dich zu pflegen und dir zu helfen? Warum wollt’ ich dich immer nur auf die Wanderschaft schicken, immer in den kalten Sternenraum hinein? Arme Seele – wozu hab’ ich dich denn, wenn du nur leidest an mir, und ich an dir! Einmal werd’ ich es wissen – einmal werd’ ich alles erfahren. Ich möchte nicht sterben, nein, ich möchte nicht sterben, eh ich nicht weiß, warum ich gelebt habe.‘

Eccarius fiel ihr ein: Niemand darf sterben, ehe er den Tod nicht lieb gewann.

‚Nein, ich liebe den Tod nicht. Ich fürchte ihn nicht, aber ich liebe ihn nicht. Ich will ihn lieb gewinnen. Ich will leben, um den Tod lieb zu gewinnen. Vielleicht ist es das, warum wir leben müssen. Und vielleicht ist es das, warum wir leiden müssen.‘

Die Stimmen nebenan waren zur Ruhe gegangen. Der fremd-vertraute Duft war aus dem Zimmer entwichen.

Am Himmel erblaßten die Sterne vor dem ersten fahlen Dämmerlicht des aufsteigenden Märzmorgens.

Ende des zweiten Buches

Askanischer Verlag Berlin SW

In unserem Verlage erschien Anna Elisabet Weirauch

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„Der Skorpion“ behandelt mit Unerschrockenheit und Klarheit ein Thema, welches selten, vielleicht nie zum Gegenstand eines Romans gemacht worden ist: Das Problem der gleichgeschlechtlichen Liebe.

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