Part 15
Die Tage und Wochen der Qual und Verzweiflung wollten wieder aufsteigen. Mette hatte sie nicht vergessen: die Stunde, da sie es erfahren hatte, den Augenblick, da sie den Revolver berührte, den Weg über die Straße, als sie von Peterchen nach Hause ging und so gern ihr Gesicht vor den Leuten versteckt hätte, weil sie das Gefühl hatte, als sei ihr ganzes Gesicht eine offene blutende Wunde, in die jeder neugierige Blick Schmutz und Steine werfe. Sie wußte das alles. Aber sie konnte nicht mehr unterscheiden, was Traum und was Wirklichkeit war. Vielleicht war dies Traum: der helle Saal, und die Musik, und diese festfrohen Menschen, von denen sie keinen länger als ein paar Monate kannte. Vielleicht war alles andere Traum gewesen, alles Große, Hinreißende, Quälende, Schmerzende, und all das Trübe und Wirre der letzten Zeit. Vielleicht war dies ihr Leben – das Leben, zu dem sie geboren war – das zu den weißen gestickten Kleidchen paßte und zu dem großelterlichen Garten.
Und einen flüchtigen Augenblick war ihr, als hätte sie gar kein Recht zu sagen: meine Freundin ist tot. Als wäre sie noch zu jung, um irgendein Leid erfahren zu haben, als schmücke sie sich mit einem erdichteten Schmerz, um sich dem ernsten und abgesonderten Mann gegenüber einen Schein von Gleichberechtigung zu geben.
Die schlimmen Tage stiegen wieder auf – aber sie stiegen auf wie schattenhafte Gespenster, durch deren durchsichtige Leiber der lichterstrahlende Saal schimmerte. Sie waren ohne Farbe und Leben, weil sie nicht mehr das Blut aus Mettes tiefen Wunden tranken. – – –
* * * * *
Mette saß neben Gwendolen im Wagen.
„Ich seh’ wohl furchtbar um den Kopf aus?“ sagte Gwen, „wenn Mama mich so sieht, dann fängt sie ihre alte Predigt wieder an, ich müßte ein Netz tragen. Hassen Sie Haarnetze auch so wie ich, Mette? Wie kommt es, daß Ihr Haar so gut hält? Sie haben doch auch getanzt! Mama würde ihre Freude an Ihnen haben! Mama hat Sie überhaupt schrecklich gern – Sie werden mir immer als Muster vorgehalten. Aber selbst das kann Sie mir nicht verekeln. Ich bin schon sehr angetan von Ihnen, wirklich – aber ich glaube, Sie können mich nicht leiden.“
Mette legte leicht den Arm um ihre Schultern.
„Kleine, törichte Gwen,“ sagte sie lächelnd, „Sie glauben ja selber nicht, was Sie da schwatzen.“
„Ach ja,“ sagte Gwen und schmiegte sich wie ein Kätzchen an sie, „lassen Sie den Arm so liegen, das tut gut. Ich weiß ganz genau, was ich rede, Mama sagt zwar immer: schweig, du bist betanzt, weil sie behauptet, ich rede nach dem Tanzen so viel Unsinn – noch mehr als sonst. Aber ich bin wirklich nicht betanzt, und ich weiß sehr genau, daß ich Sie gern habe – und ich weiß auch, daß Sie mich nicht leiden können – Sie widersprechen ja auch gar nicht – dazu sind Sie viel zu ehrlich. Sie sagen: schwatz keinen Unsinn, kleine Gwen – das sagt man zu kleinen Kindern auch immer, wenn sie zufällig die Wahrheit treffen. Aber ich will Sie nicht in Verlegenheit bringen – Sie machen schon ganz traurige Augen, weil Sie nicht wissen, wie Sie sich aus der Affäre ziehen sollen.“
„Ich dachte daran,“ sagte Mette aufrichtig, „daß Sie ein so entzückendes kleines Menschenwesen sind – und daß ich Sie herzlich gern habe – und daß ich Sie trotzdem heut verleugnet habe und gesagt, Sie wären nicht meine Freundin.“
„Bei Tisch,“ Gwendolen nickte ernsthaft, „ich hab’ es gefühlt. Aber das nehm’ ich Ihnen nicht übel,“ sie lächelte, „Sie durften das auch nicht zugeben, wenn Sie bei meinem lieben Heinrich nicht in Ungnade fallen wollten. Hat er nicht gesagt, ich wäre eine Kanaille?“
„Er hat gar nichts gesagt,“ widersprach Mette erschrocken, „wie kommen Sie überhaupt darauf, daß es Rantzau gegenüber war?“
„Weil ich ihn kenne!“ triumphierte Gwen. „Er haßt mich doch wie – wie die Sünde ist entschieden nicht das richtige Wort. Ich weiß es aber, und ich weiß auch warum.“
Mette fühlte sich durch diese Worte und noch mehr durch den Ausdruck ihres Gesichts etwas abgestoßen.
‚Sie ist doch wie alle Frauen,‘ dachte sie verächtlich. ‚Sie bildet sich jetzt ein, daß Heinrich von Rantzau sie haßt, weil er eine unerwiderte Liebe zu ihr hat! Sie wird mir jetzt erzählen, daß sie ihn bei irgendeiner Gelegenheit hat abfallen lassen. Eine andere Möglichkeit findet gar keinen Platz in dem Gehirn dieser Weibchen.‘
„Soll ich Ihnen erzählen, warum Ihr Freund mich nicht ausstehen kann?“ Tausend Kobolde tanzten auf Gwens Gesicht.
„Bitte!“ sagte Mette ziemlich kühl.
„Ich habe ihm einen Freund abspenstig gemacht!“
„Was heißt das: einen Freund abspenstig gemacht?“ Mette horchte auf, „kann eine Frau einem Mann den Freund abspenstig machen?“
„Herrn von Rantzau? – o ja! Denn er begehrt seine Freunde ganz und gar für sich – mit Haut und Haar – mit Leib und Seele. – Tun Sie doch nicht so, Sie Unschuldsengel, als wenn Sie nicht gemerkt hätten, was die ganze Stadt weiß!“
„Seltsam,“ Mette schüttelte den Kopf, „was eine Stadt alles weiß!“
„Viel seltsamer, was sie nicht weiß!“ lachte Gwen, „was alles in ihrem Innern vorgeht, ohne daß sie eine Ahnung davon hat! – Aber Rantzau ist bekannt, weil er gemeingefährlich ist. Er hat einen Einfluß auf die jungen Leute, der geradezu unheimlich ist. Er hat doch immer einen ganzen Kreis um sich, der ihn direkt vergöttert. Aber ich mag das gar nicht ...“
„Wenn ein anderer vergöttert wird?“ neckte Mette.
„Ja, sehr richtig,“ bestätigte Gwen trotzig, „aber vor allen Dingen kann ich es nicht vertragen, wenn ein Mann von Männern vergöttert wird. Ich weiß nicht, ob ich es erklären kann: sehen Sie, das Ursprünglichste im Menschen ist doch das Geschlecht. Die große Zweiteilung alles Lebenden – das stammt nicht von mir, natürlich. Viel später kommt dann die Einteilung in Rassen, die Rassen scheiden sich in Nationen, die Nationen in Klassen und in Familien – alles befehdet sich untereinander. Ich bin Bürger gegenüber dem Adel, und Aristokrat gegenüber der Plebs. Ich bin Germane dem Romanen gegenüber, und Arier gegenüber dem Semiten. Aber das alles kann ich vergessen, weil es mir erst beigebracht worden ist. Aber zu allererst bin ich Weib gegenüber dem Mann, und die unverzeihlichste Beleidigung ist die, die man meinem Geschlecht zufügt. Verstehen Sie das nicht? Wenn ein Mann mich nicht ansieht, weil er eine andere Frau anbetet, so kränkt das meine Eitelkeit gar nicht – aber ein Mann, dem keine Frau gut genug ist, der einem Mann anhängt, der mein ganzes Geschlecht verachtet – o, das kann mich zur Raserei stacheln. Rantzau ist unerschütterlich – das weiß ich – aber seine Favoriten lock ich ihm weg, einen nach dem andern. Solange ich denken kann – nein, solange ich fühlen kann, führen wir einen erbitterten Kampf. Wissen Sie, Mette, daß es mir manchmal ist wie eine heilige Aufgabe und gar nicht wie ein amüsantes Spiel?“ Ihre Augen brannten in einem seltsamen Licht wie blaue Edelsteine. „Der, von dem ich zuerst sprach, Friedel Reimer – den hat er wahnsinnig geliebt – und der ist jetzt sehr glücklich verheiratet. Was hab’ ich davon? Aber manchmal, wenn ich die Frau sehe, denk’ ich: das dankst du mir und ahnst nichts davon.“
„Was sind Sie für ein wunderliches Gemisch,“ Mette betrachtete sie mit nachdenklichem Kopfschütteln, „so ein wohlerzogenes behütetes Kind und ...“
„Und dabei? ... sprechen Sie’s ruhig aus!“
„Ach, nichts ... sagen Sie mir nur – wie kommt es, daß Ihre Eltern von alledem nichts merken ... zum Beispiel von Heinrich Rantzau, von dessen Ruf doch die ganze Stadt weiß?“
„Eltern,“ sagte Gwen mit überlegenem Lächeln, „wissen Sie nicht, Mette, daß Eltern mit tödlicher Sicherheit immer nur das bemerken, was nicht vorhanden ist?“
„Ich komme gleich,“ rief Gwendolen hinter der Tür des Badezimmers, wo man das Plätschern des Wassers, das Rieseln der Brause hörte, „setz’ dich Metting-Betting und sieh dir ein Buch an! In fünf Minuten bin ich fertig.“
„Ich habe Zeit,“ gab Mette ruhig zurück.
Gwen bemühte sich trotzdem, ihr das Warten zu verkürzen:
„Du kannst dir immer etwas ansehen – auf dem Tisch liegt ein Paket, ein dickes, weiches, das pack mal aus. Ich hab’ mir heut Strümpfe gekauft – wie findest du sie? Sind sie nicht blendend? Aber was darunter liegt, darfst du nicht aufmachen – so etwas flaches, in Seidenpapier ... ach, ich zeig’ es dir ja doch! Mach es ruhig auf ...“
„Ich bin nicht neugierig.“
„Doch, doch, du sollst es sogar aufmachen. Es ist besser, du siehst es, wenn ich nicht dabei bin – dann kann ich wenigstens nicht rot werden. Mach schnell – in zwei Minuten komm ich! Hörst du? Ich entsteige schon plätschernd den kristallenen Fluten! Sowie ich halbwegs trocken bin, erscheine ich!“
Mette schlug die Seidenpapierhülle auseinander. Fred Wietinghoffs Gesicht sah sie an, lebendig und ausdrucksvoll. Eine helle Freude durchzuckte sie, als sie die schönen Züge sah, und fast zugleich der kindische Wunsch, das Bild zu entwenden, um es immer vor sich sehen zu können und sich daran zu erfreuen, wenn sie sehr weit von hier sein würde.
Denn in diesem Augenblick war es ihr ohne jede Überlegung ganz bewußt, daß sie in kurzer Zeit die Stadt verlassen würde. Sie hatte noch nie mit einem Gedanken die Möglichkeit gestreift, den Aufenthalt zu wechseln und sah sich jetzt mit visionärer Deutlichkeit – die so selbstverständlich war, daß sie nichts Erschreckendes hatte – in einer tiefen Einsamkeit, in der dies Bild ihr eine freundliche Gesellschaft sein könnte.
Sie erschrak, als sich Gwen über ihre Schulter neigte.
„Schönes Bild, nicht?“ lachte sie, „du bist jetzt so zusammengezuckt, daß ich mir einbilden könnte, du hättest ein kleines Faible für ihn. Gestehe, Mettiling, wie ist es? Na, heraus mit der Wahrheit – du warst sehr vertieft in den Anblick – so vertieft, daß du mich gar nicht hast kommen hören.“
Mette legte das Bild aus der Hand, ohne es noch einmal mit einem Blick zu streifen.
„Weil ich mit meinen Gedanken ganz wo anders war,“ sagte sie, immer noch abwesend.
„Schade,“ neckte Gwen, „wo anders als bei Fred Wietinghoff? Aber bei mir auch nicht, fürchte ich. Sehr weit weg? Willst du mir nicht sagen, wo?“
Sie legte die weichen, nackten Arme schmeichelnd um Mettes Hals und preßte sie gegen ihre Wangen.
„Ich weiß selbst nicht, wo,“ sagte Mette nachsinnend. „In keiner Vergangenheit und keiner Gegenwart. Irgendwo, wo ich noch niemals war. Vielleicht in der Zukunft. Ich habe das Gefühl – ganz unklar und verschwommen – von einem verschneiten einsamen Haus.“
Gwen faßte sie rüttelnd an den Schultern:
„Komm wieder,“ rief sie, „du sollst jetzt hier sein und nicht in verschneiten Einsamkeiten. Wie findest du unsern Freund Freddy?“
„Unsern Freund,“ wiederholte Mette lächelnd.
„Natürlich ‚unsern‘. Er ist dein Freund so gut wie meiner. Er schätzt dich sehr – oh, sehr!“
„Das sagt er nur, um dich eifersüchtig zu machen,“ sagte Mette tröstend.
„Mich eifersüchtig!“ Gwen lachte hell auf, „nein, so kleinlich bin ich nicht. Und außerdem stehst du mir viel zu nah – ich werde immer ganz stolz – wirklich, mein Herz wird ordentlich heiß und groß, wenn ich höre, wie andere Leute von dir schwärmen. Und Fred Wietinghoff schwärmt sehr oft von dir ...“
‚Er sollte mir das Bild schenken,‘ dachte Mette, ‚wenn er mich wirklich schätzt, oder von mir schwärmt – wenn nicht alles bloß unsinniges Gerede ist – dann sollte er mir dies Bild schenken. Weiter will ich nichts von ihm ...‘
„Magst du ihn eigentlich?“ Gwen fragte es leichthin. Aber Metten schien es, als würde sie von einem Blick gestreift, der etwas Beobachtendes – ja fast Lauerndes hatte.
Sie zuckte die Achseln.
„Er sieht gut aus und hat ein sehr angenehmes Wesen,“ sagte sie gleichmütig.
„Mehr nicht?“
Mette hatte keine Lust, zu antworten.
„Noch mehr? Ich weiß ja nicht viel mehr von ihm.“
„Er ist diskret und verläßlich,“ sagte Gwen nach kurzem Zögern. Dann stieß sie ein leises Lachen durch die Zähne: „Und er hat einen sehr guten Geschmack!“
„Vielleicht,“ sagte Mette etwas abwehrend.
Es lag ihr nicht daran, irgendwelche Vertraulichkeiten zu erfahren. Sie hatte manchmal ein Gefühl von Angst gegenüber diesem blondlockigen Kind – sie scheute sich oft, eine Frage zu stellen, weil sie die Antwort nicht hören wollte – eine Antwort, die eine dünne Decke von Abgründen riß.
Gwen strich ihr plötzlich mir einer kindlichen Bewegung über die Wangen.
„Sei nicht böse,“ bat sie leise.
Mette legte die Lippen leicht gegen die kleine weiche duftende Hand.
„Warum sollte ich dir denn böse sein, du Kindskopf?“ fragte sie lächelnd.
Aber sie wußte ganz genau, daß sie böse gewesen war.
„Erzähl mir was!“ bettelte Gwen. „Ja, setz’ dich ’n büschen zu mir und erzähl mir was. Ich leg mich hin – ich bin etwas müde vom Baden, und du setzt dich neben mich und wir klöhnen ein bißchen.“
Mit der einen Hand zog sie Metten schmeichelnd nach dem Diwan, mit der andern hielt sie den Kimono aus schwerem pfirsichblütfarbenen Chinakrepp zusammen, unter dem sich alle Linien des schlanken weichen Körpers zeichneten.
Sie schob sich die Kissenberge zurecht und kauerte sich voll Wohlbehagen hinein.
Mette saß still und aufrecht neben ihr auf einem Stuhl. Sie kam sich selbst immer ein wenig steif vor neben dieser schmiegsamen Anmut, und ein wenig frostig neben dem warmen Hauch dieses sonnigen Wesens.
„Weißt du, Mette,“ sagte Gwen nach einer Weile fast traurig, „daß ich dir eigentlich nicht um einen Schritt näher gekommen bin seit dem ersten Tage, den du hier bist? Du erlaubst mir, dich zu duzen. Du duzt mich auch manchmal – meistens vergißt du es, wahrscheinlich, weil es dir so gegen die Natur geht. Nein, nein, du brauchst gar nicht erst einen höflichen Versuch zum Widerspruch zu machen! Du bist mir sehr fremd – nie, nie, nie erzählst du irgend etwas von dir aus eigenem Antrieb. Manchmal beantwortest du mir eine von zehn Fragen. Ach, ich trau’ mich schon gar nicht mehr, irgend etwas zu fragen, weil ich denke, ich verscheuche dich dadurch, daß du überhaupt nicht wiederkommst.“
„Was weiß ich denn von dir?“ fragte Mette, ohne sie anzusehen, „du bist mir genau so fremd. Du hast ein sehr kindliches und offenes Wesen – ich hab’ vielleicht ein verschlosseneres und kälteres – aber im Grunde stecken vielleicht hinter deiner harmlosen kleinen Larve hundertmal größere und schwerere Geheimnisse, als hinter meiner Schweigsamkeit.“
„Das ist etwas anderes,“ unterbrach Gwendolen lebhaft. „Ich kann dir ja gar nichts erzählen, weil du dich dagegen wehrst! Ich habe manchmal das Bedürfnis, dir irgend etwas anzuvertrauen, was mich bedrückt, oder auch nur sehr beschäftigt. Aber dann lenkst du ab – oder du machst ein Gesicht, daß einem das Wort in der Kehle einfriert. So, als wolltest du um Gotteswillen nichts von mir wissen, um mich nicht verachten zu müssen. Oder als wüßtest du schon zu viel und hättest Angst, irgendwelche Herzlichkeit aufkommen zu lassen. Und dann fühl’ ich doch wieder ganz genau, du bist nicht kalt und verständnislos – du bist nicht prüde – und du hast auch kein Recht, es zu sein ... oh Mette, sei nicht böse, daß ich das gesagt habe! Aber du kannst mir nicht vorreden, daß du dein Leben damit verbracht hast, still und freundlich zwischen alten Damen zu sitzen und Filet zu sticken.“
Mette lachte auf: „Das hab’ ich dir ja auch noch nie vorreden wollen.“
„Aber du tust doch so,“ sagte Gwen verzweifelt, „du bist wie ein Stein, der keine Funken gibt, wenn man noch so auf ihn losschlägt. Oh, Mette, und ich werde doch das Gefühl nicht los, als könnte ich ein ganzes Feuerwerk aus dir herausschlagen – ein so herrliches Feuerwerk! Bin ich nicht stählern genug, oder woran liegt es nur? Es peinigt mich so wahnsinnig ...“
Eine Erregung schüttelte sie, die ihr die Tränen in die Augen trieb. Sie streckte sich wie in einem Krampf und zerrte mit den Zähnen an den seidenen Kissen.
Plötzlich richtete sie sich auf, schlang die Arme um Mettes Hals und wühlte das Gesicht zwischen Lachen und Weinen an ihre Schulter.
„Sag’ mir’s doch, Metting,“ schmeichelte sie. „Sag’ mir’s doch einmal, was ich schon längst weiß! Du hast schon einmal in deinem Leben eine Frau geliebt. Du weißt, wie es sein kann – wie himmlisch es sein kann! Warum magst du mich nicht, Mette? Bin ich dir nicht gut genug? Nicht schön genug? Oder glaubst du, ich hätte keine Erfahrung? Oder denkst du, ich würde dich verraten? Warum sagst du nicht ein Wort? Verachtest du mich so, daß du mich nicht mehr einer Antwort würdigst?“
Mette biß die Zähne zusammen und richtete sich ein wenig straffer auf.
„Ich weiß nicht, Kind,“ sagte sie mit einem mühsamen Lächeln und blicklosen Augen, „ich weiß gar nicht, was du zusammenredest. Wie kommst du nur darauf, in mir irgend etwas zu vermuten ...“
„Stopp!“ sagte Gwendolen fast böse und legte ihr die Hand auf den Mund, „ich vermute gar nichts – ich weiß. Du kannst schweigen, solange du willst. Ich werde dir die Worte nicht von der Zunge reißen – aber belügen laß ich mich nicht. Und laß mich auch nicht als Irrsinnige hinstellen. Ich weiß doch, daß ich Recht habe. Nicht etwa, daß du jetzt denkst, ich hätte irgendwelche Klatschgeschichten gehört. Ich hab’ ein Gefühl dafür, und darauf kann ich mich verlassen. Liebe kleine Mette, und wenn du wochenlang vorm Spiegel säßest und dir ein Gesicht einübtest, wie eine steinerne Maske – du trägst doch den Stempel ... deine Hände tragen ihn, und deine Augenlider und deine Mundwinkel – hier – die Winkel deines lieben, stolzen, sehnsüchtigen Mundes – versprich mir, Mette, versprich mir eines: ich glaub’ dir, daß du wie eine Heilige lebst und leben möchtest – aber ich weiß ja doch, daß du’s nicht kannst – nicht lange mehr kannst – wenn es einmal stärker ist als du, dann ruf’ mich. Ich möchte dich küssen, bis dein sehnsüchtiger Mund ganz satt ist, ich möchte dich aufblühen sehen in Zärtlichkeit, du Rose von Jericho. Und wenn ich’s nicht zuwege bringe, dann möcht’ ich wenigstens dabei sein. Oh, Mette, du machst ein Gesicht, als wenn ich häßliche Dinge sagte. Die Ekstase eines schönen Menschenkörpers _ist_ schön, das rauschende Blut und der jagende Atem eines geliebten Wesens ist die schönste Musik der Welt. Und alles andere, Kunst und Sport, und mehr noch Alkohol und Morphium – das sind alles elende Ersatzversuche für das einzige, eigentliche – für die Liebe.“
„Was man alles ‚Liebe‘ nennt,“ sagte Mette und spürte einen bittern Geschmack im Mund.
„Den Rausch des Blutes nenne ich Liebe und die Entzückungen der Sinne. Und das ist etwas, was ich allen Menschen geben möchte,“ Gwen richtete sich auf, die weiche Seide glitt von der wunderschön gemodelten Schulter, ihre Augen flammten in einem blauen Feuer, „nicht allen – aber den schönen, tiefen, heißen, empfindenden – den durstenden und hungernden – und ich möchte es geben, weil ich es geben kann, weil ich reich bin, weil es mir von Gott gegeben ist – und Gott gibt keinem Menschen etwas, damit er es behalten soll – so verschwenderisch darf er nicht sein, weil er zu viele zu beschenken hat. Wir sind nur als seine Verwaltungsbeamten eingesetzt – wir sollen ihm eine Mühe ersparen, darum gibt er uns viel, damit wir den Würdigsten abgeben.“
Mette schüttelte den Kopf:
„Du siehst aus, wie der Engel im Weihnachtsmärchen und trägst diese schönen Theorien auch ganz im Weihnachtsmärchenton vor. Manchmal hab’ ich das Gefühl, du weißt gar nicht, was du sprichst. Du bist wie ein Stück Gartenland, in das eine fremde Hand allen möglichen Samen gestreut hat, und das sich selbst wundert über all das bunte Zeug, was es ans Licht bringt. Und ich fürchte, ich kenne auch den Gärtner, der so ein krauses Blumenbeet aus dir macht!“
„Mette,“ schmeichelte Gwen, „sag’ mir das eine, bitte, bitte, sag’ es mir: Liebst du Fred Wietinghoff?“
„Unsinn,“ sagte Mette hart, „wie kommst du darauf?“
„Lieben vielleicht nicht,“ gab Gwen zögernd zu, „vielleicht nennst du ‚lieben‘ noch etwas anderes ... aber findest du nicht auch, daß er fabelhaft aufregend ist?“
Mette verzog das Gesicht, ohne zu antworten, stand auf und trat an das Fenster.
Sie hörte die weiche Seide hinter sich rauschen und knistern.
Gwen schob ihren geschmeidigen Körper zwischen Mette und die Glasscheibe, hinter der der winterliche Garten lag.
Ihr engelhaftes Gesicht war rot überhaucht, ihre großen Augen unter den langen Wimpern glänzten von Tränen. Das blonde Haar, flüchtig aufgesteckt, kraus und feucht vom Bade, zitterte in Ringeln und Löckchen um das Kindergesicht.
Sie schob die Lippen vor, als kämpfe sie gegen ein heftiges Weinen, und klammerte sich mit den kleinen weichen Händen an Mettes Blusenfalten fest.
„Ich bin dir wohl sehr widerlich?“ fragte sie schüchtern. „Ja? Bin ich sehr widerlich?“
Mette küßte lachend die runde feste pfirsichflaumige Wange:
„Du bist sehr süß!“ sagte sie herzlich. – – –
„Ich möchte lieber nicht,“ sagte Mette und zog die Brauen leicht zusammen.
„Mette!“ Gwen stampfte zornig mit dem Fuß, „ich verstehe dich nicht! Was kann es dir schaden, wenn du mitgehst? Und mir tätest du einen solchen Gefallen! Wir hatten es uns so nett gedacht ... es kann doch eigentlich kein vernünftiger Mensch etwas dabei finden – wenn wir zu zweit sind ...“
„Aber deinen Eltern gegenüber ...“ wandte Mette ein.
„Denen tust du doch nur etwas Gutes an, wenn du mich nicht allein zu einem Junggesellen in die Wohnung gehen läßt! Ich gehe ja doch! Aber es wäre viel netter, wenn du mitkämest – und Fred wollte dir doch seine Bibliothek zeigen!“
Das war das einzige, was Metten locken konnte – Gwen wußte das ganz genau.
Mette hätte gern die Wohnung und die Bücher gesehen. Etwas wie Neid erfaßte sie, wenn sie daran dachte, daß Gwendolen und Fred Wietinghoff in einem sicher sehr schönen und geschmackvollen Raum eine behagliche Tee- und Plauderstunde verleben würden und daß sie nicht dabei sein sollte – aus Trotz, aus Eigensinn, aus einer albernen Scheu.
Sie hatte vieles getan, was noch weit weniger vereinbar mit Herkommen und guter Sitte war. Sie hatte es getan aus Leidenschaft, aus Laune, aus Mitleid – aus Dummheit. Zum erstenmal in ihrem Leben wehrte sie sich ängstlich gegen eine so harmlose Abweichung vom Hergebrachten, wie es dieser Teebesuch bei einem Junggesellen war.
Mit einem Schlage flammte der Trotz in ihr auf. Warum sollte sie sich ein Vergnügen versagen, weil die wohlgeborenen und hochgesitteten Familien ihr darauf die Gnade verweigern konnten, sie ferner in ihren teuern und gediegen ausgestatteten und sorgfältig reingemachten Häusern zu empfangen? Dann sollten diese Familien erst einmal ihre Söhne und Töchter so erziehen, daß sie ihr, der armen schutzlosen Mette Rudloff, nicht mutwillig die schwer erkämpfte Ruhe zu zerstören suchten.
„Ich gehe mit,“ sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen.
Gwen schloß sie aufjubelnd in die Arme. – – –
* * * * *
Sanftes und doch klares Licht floß über schimmerndes edles Holz, aufglänzende Bronze, tief und sattleuchtende Teppiche.
„Ist es nicht schön hier?“ fragte Gwen und stolzierte umher, dies zeigend und jenes anpreisend, als sei alles ihr Eigentum oder noch mehr – ihr Werk.
Sie bewegte sich mit einer Sicherheit durch die Räume, die durchaus nicht darauf schließen ließ, daß sie sie eben zum erstenmal betreten hatte.
„Und den Corot mußt du dir noch ansehen,“ sagte sie, wobei sie ins Nebenzimmer lief und eine verborgen angebrachte Beleuchtung einschaltete, die das Bild aufstrahlen ließ.
Mette ging ihr nach, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen.
„Wenn ich nur wüßte, wieso ich durchaus mitkommen mußte, damit du endlich diese Wohnung kennen lernst,“ sagte sie halblaut, „du scheinst doch eigentlich ganz gut Bescheid zu wissen!“
Gwen lachte, nicht im mindesten beleidigt, oder in Verlegenheit gebracht.
„Hab’ ich dir denn nicht erzählt, daß ich schon einmal hier war? Nicht allein natürlich. Auch zum Tee. Die alte Frau Wietinghoff war hier und meine Mutter – oder nicht meine Mutter. Warte mal, irgend jemand von meiner Familie war mit. Fred, mit wem war ich damals hier zum Tee?“
Im Nebenzimmer knisterte eine Zeitung.
„Was sagst du, Kind?“ rief Wietinghoffs Stimme.
Gwen bog sich in unterdrücktem Lachen.