Der Sinn und Wert des Lebens

Part 3

Chapter 33,407 wordsPublic domain

Dieser Lebensstrom hat viel zu viel Kräfte in Bewegung gesetzt, viel zu viel Leistungen hervorgebracht, ja den Gesamtstand des menschlichen Daseins viel zu sehr umgewandelt, als daß sich seine Macht verkennen und seine Bedeutung angreifen ließe. Was in Frage kommen kann, ist lediglich dieses, ob er das ganze Leben zu erfüllen und seinen Gesamtstand zu beherrschen vermöge. Denn dagegen erheben sie freilich schwere Bedenken, sie gehen von einem Punkte aus, der bei flüchtigem Anblick nebensächlich scheinen mag, der sich aber bei näherer Prüfung als so bedeutend herausstellt, daß jener ganze Lebensstrom mit all seiner Tatsächlichkeit dadurch an die zweite Stelle gedrängt wird und sich damit bescheiden muß, ein Stück eines weiteren Lebens zu bilden. Jener behandelt den Menschen als ein bloßes Stück der Natur und verlegt in sie sein ganzes Leben. Aber woher kennen wir die Natur, wie wissen wir überhaupt von ihr? Wir kennen sie nur als ein Erlebnis der menschlichen Seele, wir kennen sie nur in ihrer Wirkung auf die Seele, und nur von der Seele aus wird das Bild entworfen, mit dem sie uns vor Augen steht. Diesen Aufbau der Natur von der Seele her hat eben die neuere Philosophie mit besonderer Klarheit aufgewiesen, sie hat gezeigt, daß sowohl was in ihm an festen Elementen als an Zusammenhängen vorliegt, uns nicht von außen zugeführt, sondern von der Seele aufgebracht und von ihr in das auf uns eindringende Chaos zu seiner Bewältigung hineingelegt wird; die Seele ist es, welche die Natur erst im wissenschaftlichen Sinne entdeckt und aus der Flut der Eindrücke herausarbeitet; dabei ist völlig klar, daß das nicht von der sinnlichen Empfindung aus, sondern aus der Arbeit des Denkens geschieht; das kann verkennen nur, wer wissenschaftliche und naive Stellung des Menschen zur Umgebung in eins zusammenwirft. Mit der Anerkennung des Unterschiedes tritt vor die sinnliche Empfindung die Denkarbeit, also eine geistige Tätigkeit, und es zeigt sich zugleich, daß im Bilde der Natur die Eindrücke auf ein Gerüst von Gedankengrößen, von Begriffen aufgetragen und nur dadurch in ein Ganzes verwandelt worden sind. In Wahrheit ist die Welt des Forschers mit ihrer Umsetzung der Natur in Kräfte, Beziehungen, Gesetze etwas wesentlich anderes als das, was die Sinne uns übermitteln. Diese Überlegenheit des geistigen Wirkens bekundet aber eine Selbständigkeit des Seelenlebens gegen die Natur und läßt uns zugleich verstehen, daß es seelische Antriebe sind, welche über den Zwang der Selbsterhaltung hinaus der Befassung mit der Natur einen Wert verleihen. Der Anhänger des Naturalismus legt, wenn auch unwillkürlich, selbst dafür Zeugnis ab. Denn was ihn bewegt, ist nicht bloß der Trieb, seine Kraft in Bewegung zu setzen, sondern ein Streben nach Befreiung von irreleitendem Wahn, nach mehr Einheit und nach mehr Wahrhaftigkeit der Weltanschauung; sind aber solche Ziele von der bloßen Natur aus irgendwie zu begreifen, bekunden sie nicht ein aller Natur überlegenes Leben und Streben? Kurz, es hat der Naturalist, indem er die ganze Weite der Welt überdachte, leider etwas vergessen, was im Grunde das Allernächste ist, er hat sich selbst, die eigene Seele, vergessen. Aber die Seele ist nun einmal da und läßt sich nicht wegdisputieren; selbst wer sie leugnet, tut es aus einem Drange nach Wahrheit, damit aber aus einem Antriebe seelischer Art. Und die Seele ist nicht bloß da, sondern sie zeigt auch eine eigentümliche Art und stellt aus ihr Forderungen, denen die naturalistische Lebensordnung nicht zu entsprechen vermag. Das seelische Leben ist kein bloßes Nebeneinander, es umfaßt alle Mannigfaltigkeit und bezieht sie auf einen Mittelpunkt, es geht nicht in die Beziehungen nach außen hin auf, sondern es bildet sich einen eigenen Kreis und gewinnt damit ein Beisichselbstsein; es erschöpft sich nicht in bloße Tatsächlichkeit, sondern es entwickelt Maße und Ziele aus sich selbst heraus und prüft danach alles, was bei ihm vorgeht, kurz es ist ein wesentlich anderes Leben, was hier entsteht, als das der sinnlichen Natur. Auch ist dieses Leben nicht ohne ein gemeinsames Werk großen Stiles geblieben, welches das menschliche Dasein wesentlich umgewandelt hat, in nichts anderem liegt dies vor als in der Hervorbringung eines Kulturstandes, womit der Mensch sich über die Natur hinaushob und ihr gegenüber ein neues Reich mit eigentümlichen Größen und Gütern erzeugte. Das ergibt allerdings eine Zweiheit, aber sollen wir den Aufstieg bekämpfen und zugleich alle Kultur verwerfen, weil sie das Leben minder einfach macht? Sehr wohl kann bei dieser Bewegung der Mensch die Natur zu weit zurückgeschoben und sich in seiner Meinung zu sehr von ihr abgelöst haben, -- die Bekämpfung dessen ist ein unbestreitbares Verdienst des Naturalismus --, aber wenn der Kulturmensch zur Natur zurückkehrt und ihr eine höhere Schätzung für das Ganze des Lebens verleiht, so wird er dadurch nicht im mindesten ein bloßes Stück der Natur, seine geistige Überlegenheit bleibt dabei unangetastet.

Von solcher Überlegenheit aus muß ihm aber die naturalistische Lebensordnung als durchaus unzulänglich erscheinen. Denn folgerichtig durchgedacht muß sie alles Bestehen einer Innerlichkeit und allen Wert von inneren Gütern, muß sie zum Beispiel Größen wie Gesinnung, Pflicht, Ehre, Persönlichkeit, Charakter als völlige Einbildungen verwerfen, als ebenso verderbliche Einbildungen, wie es nach ihrer Meinung die Ideen von Gott und Weltvernunft sind. Das will jene Lebensordnung nicht, gewiß nicht; auch sie hält an jenen Größen fest, auch sie will Moral, auch sie will eine Veredlung des Menschen, aber sie kann das nur in Widerspruch mit den eigenen Grundgedanken. Selbst den Begriff der Wahrheit kann sie nur in solchem Widerspruch beibehalten. Denn wie kann von einer gemeinsamen und zwingenden Wahrheit die Rede sein, wenn nur einzelne Individuen mit ihren verschiedenen, unablässig wechselnden Meinungen nebeneinanderstehen, und wenn aus ihrem Zusammensein höchstens ein gewisser Durchschnitt hervorgeht? Auch für echte Kultur ist hier kein Platz. So sehr jene Ordnung die Lebensbedingungen nach allen Richtungen hin zu verbessern vermag, sie gibt damit dem Leben weder eine innere Bildung noch irgendwelchen Gehalt, sie überliefert es geistiger Leere; über die bloß äußere Ordnung der Lebensverhältnisse, die Zivilisation, kommt sie mit eigenen Mitteln nun und nimmer hinaus.

So kann die naturalistische Lebensordnung die höheren Forderungen des Menschenwesens nur in Widerspruch mit sich selbst festhalten; daß bei solchem inneren Widerspruch zur Erfüllung jener viel geschehen kann, ist schwerlich zu erwarten. Die Leere und Sinnlosigkeit, in die hier das Leben gerät, muß augenscheinlich und zugleich unerträglich werden, sobald die Frage aufs Ganze gerichtet wird, was der zum Denken erwachte Mensch schließlich doch nicht unterlassen kann. Was wird hier aus dem Ganzen des Lebens, was aus dem Lebensstand der Menschheit? Kein inneres Band verknüpft hier die Menschheit mit dem All, auch kein solches Band die Menschen untereinander. Wir mühen und hasten uns im wilden Lebenskampf, damit sich mehr und mehr Kraft entfalte, aber es gibt nichts, dem diese Kraft zugute komme, es gibt keine Möglichkeit, sie in ein wahrhaftiges Leben eines Beisichselbstseins überzuführen. Die der Kraftentfaltung anhangende Lust steht in grellem Mißverhältnis zu all der Mühe und Arbeit, all der Aufregung und Aufopferung, welche die Erhaltung des Lebens vom Kulturmenschen fordert. So viel Verwicklung und Umständlichkeit in Erziehung und Bildung, in staatlicher Ordnung und sozialem Aufbau, und das alles, damit wir im wesentlichen dasselbe erreichen, was das Tier so viel leichter erreicht!

Über solche Bedenken sich leicht hinwegsetzen kann nur, wer einem starken Optimismus gegen den Menschen und die menschliche Lage huldigt, wer keine inneren Verwicklungen, keine schweren Probleme in ihr anerkennt. So ging in der Tat der Naturalismus oft mit einem flachen Optimismus zusammen. Dieser Optimismus hatte schon vor dem Kriege manche Erschütterung erlitten, es waren im menschlichen Leben manche Probleme und Widersprüche ersichtlich geworden, denen gegenüber der Naturalismus vollständig wehrlos ist; so waren seine Flitterwochen schon vorher abgelaufen. Die Erfahrungen des Weltkrieges müssen das weiter vertiefen. Denn wären wir in den ungeheuren Erschütterungen, die er bringt, und den Problemen, die er eröffnet, allein auf die Hilfen angewiesen, die der Naturalismus zu bieten vermag, so bliebe nichts anderes als eine völlige Verzweiflung, ein trostloser Pessimismus. Und einem solchen Abschlusse wird doch die Menschheit mit aller Kraft widerstehen, selbst in den schweren Verlusten und den durch sie geweckten Zweifeln wird sie eine Überlegenheit gegen die bloße Natur empfinden. Das Leid selbst erweist sich als der stärkste Gegner des Naturalismus, sobald es ins Innere gewandt wird.

So wird dieser seinen Anspruch auf eine führende Stellung nicht durchzusetzen vermögen. Aber glauben wir deshalb nicht, daß wir schon mit ihm fertig sind, daß nicht viele offene Fragen verbleiben. Die naturalistische Lebensordnung hat nicht nur einzelne Daten aufgedeckt und zur Geltung gebracht, ihr Verdienst ist, in zwingender Weise einer ganzen Seite unseres Lebens zur Anerkennung verholfen zu haben, die ihr früher mit Unrecht versagt ward. Diese Anerkennung läßt sich aber nicht vollziehen, ohne daß schwierige Fragen erwachen, manche Zweifel entstehen, das Ganze unseres Lebens eine neue Beleuchtung erhält. Den Naturalismus zu schelten mag der landläufigen Apologetik als ein billiges Vergnügen überlassen bleiben; die vom Naturalismus vertretene Tatsächlichkeit im Ganzen des Lebens zu würdigen ist eine Aufgabe, die noch immer recht viel zu tun gibt. Der Mensch ist nicht bloß Natur, aber er ist weit mehr Natur, als die älteren Ordnungen ihm zuerkennen, und dieses Mehr wird nicht eher zur Ruhe kommen, als bis es sein Recht gefunden hat.

Die Wendung des Menschen zu sich selbst.

Die Sozial- und die Individualkultur.

Wenn das Dasein Gottes dem Menschen ungewiß wird und die Weltvernunft ihm verblaßt, wenn zugleich die Natur eben bei wachsender äußerer Annäherung ihm innerlich fremder wird und sein seelisches Leben leer läßt, so scheint, um unserem Dasein einen Sinn und Wert zu bewahren, nur noch ein einziger Weg zu verbleiben: die Wendung des Menschen zu sich selbst, die Ergreifung, Nutzung, Ausbildung alles dessen, was im eigenen Bereiche vorgeht. Solche Wendung läßt sich aber in zwiefachem Sinne verstehen. Einmal kann sie bedeuten, daß der menschliche Kreis die Stätte bildet, wo allein sich uns Tiefen der Wirklichkeit erschließen, von wo aus alles zu entwickeln ist, was mehr aus uns machen soll; dann geht der Mensch keineswegs in das Bild auf, das sein unmittelbarer Anblick zeigt, dann können große Möglichkeiten in ihm liegen und weitere Zusammenhänge von Welt und Leben von ihm aus ersichtlich werden. So erfahren wir es heute in erhebender Weise, wenn uns der Mensch in Staat und Nation weit über den nächsten Anblick hinauswächst. Dies aber soll uns später beschäftigen, an dieser Stelle kommt nur in Frage, ob das moderne Leben eine Bewegung enthält, vom Menschen, wie er in der Erfahrung vorliegt, vom Menschen, wie er leibt und lebt, eine allumfassende Lebensordnung als eine reine Menschenkultur aufzubauen. Das würde die Behauptung schärfer zuspitzen und dem Leben eine engere Bahn abstecken. Eine derartige Behauptung ist aber in der Tat vorhanden und hat einen eigentümlichen Anblick vom Leben und Sein hervorgebracht. Während von früheren Zeiten her und bis in die Gegenwart hinein der Mensch sich selbst und seinen Kreis im Lichte einer unsichtbaren Welt, sei es des Gottesreiches, sei es einer Weltvernunft, sieht und versteht, ist neuerdings auch eine breite Bewegung dahin aufgekommen, ihn ganz und gar auf das sichtbare Dasein zu stellen, hier alle Ziele zu suchen, ihn mit seinesgleichen nicht durch irgendwelche Vermittlung eines Gedankenreiches, sondern nur durch das tatsächliche Zusammentreffen auf dem Boden des Daseins zu verbinden. Eine solche Wendung darf sich auf tatsächliche Veränderungen des Lebens berufen. In der Neuzeit sind auf Grund der modernen Technik und der Beschleunigung des Verkehrs die Berührungen und Beziehungen von Mensch zu Mensch unermeßlich gewachsen, die Kräfte haben sich mehr zu fruchtbarer Arbeit zusammengefunden und dadurch ihr Vermögen gesteigert, auch die Individuen sind weit mehr in Bewegung versetzt und zu mehr unmittelbarem Empfinden geweckt; durch alles zusammen ist der Mensch sich selbst und dem Menschen weit mehr geworden. Solche Erfahrungen lassen es nicht als überkühn erscheinen, daß der Mensch sein Schicksal selbst in die Hand nimmt und mit emsigem wie zielbewußtem Handeln einen zusagenden Stand des Lebens herbeiführt, der alle berechtigten Wünsche zu erfüllen verspricht; ist ein überschwängliches Glück unerreichbar, wie es die Religionen dem Menschen versprachen, so kann doch recht viel zur Hebung des Daseins geschehen, in tatkräftigem Wirken dafür kann der Mensch seinem Leben ganz wohl einen Sinn und Wert verleihen. Ihm mag es bei solchem Zuge ein nicht geringer Vorteil dünken, wenn die Bindungen und Hemmungen entfallen, welche von den älteren Lebensordnungen her einen Druck auf das Handeln üben, wenn der Mensch nunmehr allen Anregungen der Erfahrungswelt mit voller Unbefangenheit nachgehen kann. Auch die einzelnen Lebensgebiete müssen sich damit eigentümlich gestalten, sie müssen an Schlichtheit, an seelischer Nähe und Wärme gewinnen, wenn sie lediglich daraufhin angesehen und danach bemessen werden, was sie dem Menschen als Menschen leisten. Aller Verwicklung der Weltprobleme enthoben, sieht sich hier das Handeln vor erreichbare Ziele gestellt, die doch keineswegs geringfügig sind und menschliche Kraft ganz wohl in Bewegung zu setzen vermögen. So ist es sehr begreiflich, daß ein derartiges Streben vielen Anklang fand und einen eigentümlichen Lebensstrom erzeugte.

Solche Fassung des menschlichen Daseins muß auch den Gegensatz eigentümlich gestalten, der von altersher durch die menschliche Gemeinschaft geht, und dessen Zusammenstoß ein Hauptantrieb der Bewegung auf diesem Gebiete ist, den Gegensatz des Gesamtstandes und des Befindens der einzelnen Individuen, den Kampf darum, ob möglichste Unterordnung unter das Ganze oder freie Bewegung der Einzelnen das Hauptziel bilde, ob mehr das Gemeinsame oder das Eigentümliche den Charakter des Lebens zu bestimmen habe, ob mehr eine Organisation oder eine Emanzipation der Kräfte zu erstreben sei.

Dieser Gegensatz von Gesellschaft und Individuum, von Zusammenstreben und Auseinandergehen, von Ordnung und Freiheit durchdringt in weitester Fassung die ganze Weltgeschichte, er wirkt von ihr zur Gegenwart sowohl aus der Arbeit der Jahrtausende als aus den Erfahrungen des letzten Jahrhunderts. Nachdem der Verlauf des Altertums mehr und mehr die überkommenen Ordnungen zersetzt und den Schwerpunkt des Lebens den Individuen zugewiesen hatte, erfolgt gegen sein Ende ein immer stärkerer Rückschlag zugunsten einer festeren Verbindung der Kräfte, philosophische Schulen wie religiöse Kulte schließen die Individuen enger zusammen und lassen sie einander helfen und stützen; das Christentum nimmt die Bewegung auf und führt sie bei wachsendem Verlangen nach einem sicheren Halt und nach Befreiung von eigener Verantwortung schließlich dahin, daß die religiöse Gemeinschaft, die Kirche, zur alleinigen Trägerin göttlicher Wahrheit und göttlichen Lebens wird, der Einzelne einen Anteil daran nur durch ihre Vermittlung erlangt. Wir wissen, wie das auch in die Gegenwart hinein eine große Macht erstreckt.

Eine völlig entgegengesetzte Richtung verfolgt die Neuzeit durch alles ihr eigentümliche Schaffen hindurch, sei es der Aufklärung, sei es des Humanismus. Aus allen ihren Bildungen spricht der Glaube an den Wert und das Vermögen der Individuen, so daß auf deren Wirken das Leben zuversichtlich gestellt wird; nichts unterscheidet die Kulturarbeit der modernen Völker mehr voneinander als das Gebiet und die Art, worin sie den Freiheitsgedanken zur Herrschaft brachten; auch für das Leben der Gegenwart hat jener seine Macht keineswegs eingebüßt, er erzeugt immer neue Bewegung.

Sodann aber entsteht auf dem Boden des letzten Jahrhunderts von verschiedenen Seiten her ein starkes Verlangen nach mehr Zusammenschluß der Einzelnen zu einem Ganzen und nach ihrer Befestigung dadurch, das aber sowohl aus der inneren Bewegung des geistigen Lebens als durch neue Aufgaben und Verwicklungen auf dem Boden der Erfahrung. Die spekulative Philosophie lief in eine Verkündigung eines alles beherrschenden Gesamtgeistes aus, dem der Einzelne unbedingt dienen müsse, stärker noch wirkte das Aufkommen einer historischen Denkart mit ihrer Einfügung des Einzelnen in große Zusammenhänge, am stärksten aber tat es das Aufkommen schroffer wirtschaftlicher Gegensätze, der Konflikt von Arbeit und Kapital, der die Menschheit zu zerreiben drohte und daher ein wachsendes Verlangen nach einer Ordnung ihrer Verhältnisse durch die überlegene Macht des Staates hervorrief. Alles miteinander hat manche auf die mittelalterliche Denkart zurückgreifen lassen, vornehmlich aber hat es auf dem eigenen Boden der Zeit eine neue Bewegung erzeugt, die Bewegung zu einer lediglich bei sich selbst befindlichen und befriedigten Sozialkultur. Wieviel in der modernen Gestaltung des Lebens ihr förderlich ist, daran wurde schon früher erinnert; eben jene Gestaltung ließ den Menschen deutlich empfinden, wie sehr er inmitten aller scheinbaren Freiheit am Ganzen hängt, ja wie die freiere Bewegung selbst stark zur Einschränkung des Einzelnen wirkt, indem sie ihn in mehr Berührung mit der Umgebung bringt und deren Einfluß von allen Seiten auf ihn eindringen läßt. Alles derartige zusammenfassend und die Kräfte zu gemeinsamer Arbeit verbindend, erstrebt die moderne Sozialkultur eine Ordnung des menschlichen Daseins, welche den Gesamtstand wesentlich hebt, im besonderen eine Atmosphäre des Wohlwollens und des Wohlseins schafft, in der sich alle Kräfte entfalten und alle Zustände bessern können. Es liegt in der Natur der Sache, daß ein solches Wirken vornehmlich von außen nach innen geht, daß es mit der Herstellung glücklicher Lebensbedingungen, sowie zweckmäßiger Einrichtung des Zusammenlebens beginnt, in festem Vertrauen darauf, daß dem ein Fortgang des Inneren entsprechen werde. Denn was das Ganze gewinnt, das scheint sich notwendig auch in die einzelnen Seelen zu senken. So wird hier das Handeln vornehmlich auf die Umgebung gerichtet, es findet seine Höhe in eifrigem Wirken für andere und das gesellschaftliche Ganze; damit wird alle Ethik zur Sozialethik, und statt der Gottheit wird hier die Menschheit zum Gegenstand der höchsten Verehrung. Demgemäß ist es auch die Leistung für den gemeinsamen Lebensstand, die über die Bedeutung und die Gestaltung der einzelnen Lebensgebiete, zum Beispiel der Kunst und der Wissenschaft, entscheidet. Daß auch der Wahrheitsbegriff sich dieser Denkweise anpassen kann, das zeigt der Pragmatismus, der, aus Amerika stammend, auch in Europa zahlreiche Anhänger fand. Der Gefahr, die von dieser Sozialkultur aus der Selbständigkeit der Individuen droht, wird dadurch zu begegnen gesucht, daß sich mit jener Bewegung eine demokratische Tendenz zu verbinden pflegt, das Streben, möglichst alle zur unmittelbaren Teilnahme und Entscheidung aufzubieten und so einem jeden die Ordnung des Ganzen auch zur eigenen Tat zu machen oder doch als eine solche erscheinen zu lassen. Bemerkenswert ist auch, daß eben auf modernem Boden das freie Zusammenleben und die eigene Bewegung der Kräfte viel Organisation hervorgebracht hat, wie sie früher nur von oben herab aus einer überlegenen Gedankenwelt möglich schien; denken wir nur an die Gewerkschaften und ihr hervorragendes Wirken im Kriege!

Die Leistungen dieser Sozialkultur liegen deutlich zutage. Ihre Richtung der Arbeit auf die Wohlfahrt aller hat viel Not und Härte ausgetrieben, mehr Freude und Milde in das Leben gebracht, sie hat hilfreiche Tätigkeit in alle Verzweigung des Daseins eingeführt, jedem Menschenwesen ein Recht zuerkannt und es damit auch im eigenen Bewußtsein gehoben, sie hat zugleich ein Gefühl der Verantwortlichkeit jedes Einzelnen für den Stand des Ganzen geweckt, sie hat mit dem allen eine höchst wertvolle Weiterbildung des menschlichen Daseins vollzogen. Aber das alles berechtigt sie noch keineswegs zur ausschließlichen Führung des Lebens; sie kann eine solche nicht unternehmen, ohne auch ihre Schranken erkennen zu lassen. Diese Schranken betreffen aber sowohl das hier gesteckte Ziel als die Mittel zu seiner Erreichung. Der Mensch geht in Wahrheit nicht auf in das Verhältnis zum Nebenmenschen, er hat auch ein Verhältnis zu sich selbst und in engem Zusammenhang damit eins zum All und muß von daher Maße des Lebens entlehnen; auch kann er sich unmöglich so in seinen Zustand verschließen und alles nach der Wirkung dafür bemessen, daß ihm alles Gegenständliche gleichgültig wird, da erst dessen Aneignung dem Leben eine innere Weite und zugleich eine reine Freude zu geben vermag. Einem Wesen, das mit seinem Denken sich zur Unendlichkeit und Ewigkeit zu erheben und von da den eigenen Stand zu betrachten vermag, wird die bloße Wohlfahrt, ein möglichst schmerzfreies und genußreiches Leben, und sei es auch das Leben aller, ein viel zu geringes Ziel; auch dessen Erreichung beließe ihn in einer völligen inneren Leere, die als endgültiger Stand gedacht peinvoller ist als aller Schmerz. Wer direkt auf Glück im Sinne der Wohlfahrt ausgeht, der muß alles Wagnis und Opfer möglichst fern von sich halten und fein säuberlich gebahnte Heeresstraßen wandern, wo doch die Erfahrung lehrt, daß der Weg zu hohen Zielen nur durch den Schmerz von Zweifel und Verneinung geht, und daß bedeutende Kraft nur das zu wecken vermochte, was nicht wegen des bloßen Glückes, sondern aus dem Zwange geistiger Selbsterhaltung angestrebt wurde, wie immer dabei das subjektive Befinden ausfallen mochte. Jenes allein vermag dem Handeln einen heroischen Charakter zu geben, während das bloße Glückverlangen es unvermeidlich einem Philistertum gröberer oder feinerer Art überliefert. So droht das Voranstellen der Sorge um die Bedingungen und Mittel des Lebens das Leben selbst schwer zu schädigen, ja tief herabzusetzen. -- Auch die Menschheit böte insofern kein hohes Ziel, als die Zusammenhänge der Sozialkultur ihr keine innere Einheit zu geben vermögen und sie statt eines zusammengehörigen Ganzen in ein bloßes Nebeneinander einzelner Elemente verwandeln; fast unvermeidlich wird damit der Durchschnitt zur Norm, und die Masse muß die Menschheit vertreten; so verstanden wird der Menschheitsgedanke auf den Einzelnen eher niederdrückend als erhöhend wirken, er bedroht ihn mit der Gefahr einer Verwischung der Unterschiede und einer abschleifenden Gleichmacherei.