Part 2
Diese Lebensordnung bewegt sich vornehmlich um den Gegensatz von Innerem und Äußerem, von unsichtbarer und sichtbarer Welt. Das Innere hat als der Hauptträger des Lebens das Äußere zu ergreifen und zu beseelen, es tut das namentlich in Kunst und Wissenschaft, aber auch durch Entwicklung einer in der menschlichen Natur angelegten Moral; das Äußere aber ist unentbehrlich, um das Innere von mattem Umriß zu voller Durchbildung zu bringen. So entsteht ein geistiges Schaffen, das, getragen von einer Weltvernunft, gegenüber der gebundenen Natur, auch gegenüber der äußeren Ordnung des Menschenlebens, wie die Zivilisation sie vertritt, ein höheres Leben schafft, eine Geisteskultur, deren Wahres, Schönes, Gutes den Menschen den reichsten Gehalt gewinnen und den ganzen Umkreis des Daseins veredeln läßt. Dieses Leben bedarf keines außer ihm gelegenen Lohnes und ist nicht auf einen Nutzen gerichtet, es findet vollste Befriedigung in seiner eigenen Entfaltung und freudigen Selbstanschauung; bei unablässigem Wirken ruht es sicher im eigenen Wesen und bewahrt bei allem Streben ins Weite einen beherrschenden Mittelpunkt.
Dies Leben ist verschiedener Färbungen fähig, je nachdem Wissenschaft, Kunst oder Moral den leitenden Grundton geben, und an Kämpfen im eigenen Bereich hat es ihm nicht gefehlt. Aber alle Mannigfaltigkeit beläßt ihm der Religion gegenüber eine eigentümliche Art. Die Religion ist mehr auf die Schärfung, die Weltkultur mehr auf die Ausgleichung der Gegensätze bedacht; jene richtet das Leben auf einen Punkt, diese gibt ihm mehr Weite; jene sieht mehr Schwäche und Kleinheit, diese mehr Kraft und Größe am Menschen; ist sie es doch, die vor allem das Menschsein zu einem hohen Wertbegriff erhoben und Achtung vor allem geweckt hat, was menschliches Angesicht trägt; jene findet den Weg zur Lebensbejahung erst durch schwere Erschütterung und herbe Verneinung hindurch, diese glaubt sie durch vollste Anspannung eigener Kraft unmittelbar vollziehen zu können; jener gilt das Böse mehr als eine Verderbtheit, dieser dagegen als eine Schwäche und Mattheit des Wollens. Vielleicht mag ein Leben weiterer Art den Gegensatz umspannen und zu einer Ausgleichung führen, zunächst ist ein weites Auseinandergehen nicht zu verkennen.
Dieser weltliche Idealismus gewann eine besondere Höhe im altgriechischen Leben; im Mittelalter ein bloßer Nebenstrom, brach er in der Neuzeit mit frischer Kraft hervor, aus ihm entsprang bei uns Deutschen die Epoche geistigen Schaffens, welche wir unsere klassische nennen, und die uns den Ruf eines Volkes der Dichter und Denker eintrug.
Von den reichen Schätzen, welche die Gesamtbewegung des weltlichen Idealismus mit ihrer Geisteskultur erzeugte, zehren wir heute alle, und können uns gar nicht denken, wie sie zu entbehren wären. Aber mit dem Anspruch, das Leben zu führen, ist es dem weltlichen Idealismus nicht anders ergangen als der Religion: die Grundlage wurde erschüttert, das Grunderlebnis verdunkelt; so erhielten feindliche Mächte die Oberhand und vertrieben diese Gestaltung aus dem Mittelpunkte des Lebens. Daß die Welt eine Tiefe habe, und daß diese dem Menschen zugänglich sei, das ist jetzt dem vorwiegenden Zuge des Lebens nicht minder zweifelhaft geworden als die Grundwahrheiten der Religion. Der weltliche Idealismus hatte stets Mühe, seine Behauptung in vollem Sinne zu erhärten. Eine sichere Überzeugungskraft gaben ihm nur besondere Höhepunkte geistigen Schaffens, seltene Sonn- und Festtage der Menschheit, wo eine Gunst des Schicksals mit hohen Aufgaben der weltgeschichtlichen Lage selbstwüchsige Persönlichkeiten großen Stils zusammenführte; dann wurde allerdings eine unsichtbare Tiefe der Welt zu allergewissester Nähe und zum sicheren Standort des Handelns. Aber solche schaffenden Zeiten sind Ausnahmezeiten, und der Alltag übt sein Recht, jenes hohe Leben sinkt und zugleich sein Vermögen, den ganzen Menschen an sich zu ziehen und einzunehmen; aus der eigenen Betätigung wird dann ein bloßes Aneignen und Genießen überkommener Schätze, es verflacht damit das geistige Schaffen unvermeidlich zu einer bloßen Bildung, einer geschmackvollen Formung des Lebens; gewiß hat auch eine solche ihren Wert, aber sie bewegt nicht die letzten Tiefen des Lebens, und sie ist dem Dunklen, ja Dämonischen in der Menschennatur bei weitem nicht gewachsen; sie befreit nicht genügend von innerer Leere, und sie erleidet leicht dadurch Schaden an ihrer Wahrhaftigkeit, daß sie oft weniger aus einer Notwendigkeit eigenen Verlangens als der sozialen Umgebung halber gesucht wird. Alles in allem erscheint die Bildung mehr als ein Leben aus zweiter Hand, ein solches aber kann schwer den Angriffen Widerstand leisten, welche der Grundbehauptung erwachsen.
Der Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts hat diese Angriffe mächtig anschwellen lassen. Zunächst wirkt die Erschütterung der Religion auch zu einer Schwächung des weltlichen Idealismus. Denn seine Überzeugung von einer Tiefe des Alls und von dem Walten eines unsichtbaren Ganzen hat die Menschheit meist nur im Anschluß an eine religiöse Überzeugung gewonnen, nur eine solche machte den Bruch mit der sichtbaren Welt auch dem Einzelnen zur zwingenden Notwendigkeit, und die Veredlung, welche jener Idealismus an der Welt vollzieht, ist kaum denkbar ohne das verklärende Licht, das die Überwelt der Religion auf diese wirft; je mehr die Zurückdrängung der Religion dieses Licht verblassen läßt, desto mehr verliert auch jener seine leitende Stellung im Leben, wird er aus dessen Mittelpunkte an die Außenseite gedrängt. Sodann aber hat die neueste Zeit der sichtbaren Welt eine Selbständigkeit gegeben, welche sie nie zuvor für uns hatte; immer energischer hat die wissenschaftliche Arbeit aus ihr alles Seelenleben vertrieben, dafür aber ein neues Reich reiner Tatsächlichkeit eröffnet und aus ihm eine überströmende Fülle neuer Aufgaben abgeleitet, deren Lösung das menschliche Wohlsein aufs erheblichste zu steigern verspricht. Zugleich hat die Forschung die Besonderheit und Gebundenheit des menschlichen Lebens und Strebens aufs stärkste hervorgekehrt, es scheint ihr in enge Schranken gebannt und dadurch gänzlich verhindert, jene Welt starrer Tatsächlichkeit sich innerlich anzueignen und ihre Unermeßlichkeit als ein Ganzes zu erleben; sie wird bei aller äußeren Annäherung unserer Seele immer fremder. Kann ein solcher Gedankengang im Menschen den Vollender des Weltalls sehen? Aber mehr als alles das widersprechen dem weltlichen Idealismus im modernen Leben die Erfahrungen innerhalb der Menschheit selbst. Es erschien hier so viel wilde Leidenschaft und unbegrenzte Selbstsucht, so viel Kleinheit der Gesinnung, so viel moralische Unlauterkeit, so viel Mangel an geistiger Größe und an Kraft der Persönlichkeit, es stellte sich das menschliche Dasein so sehr als ein wirres Chaos dar, daß alle Hoffnung verflog, in ihm ein Reich der Vernunft entdecken oder es in ein solches verwandeln zu können. Wie vermöchte sich aber bei solcher Lage geistiges Schaffen und edle Bildung als der Kern des Lebens zu behaupten? Auch der gegenwärtige Krieg muß den Eindruck ihrer Ohnmacht über die menschliche Seele verstärken. Wäre eine gemeinsame Vernunft die Grundkraft menschlichen Lebens, so müßte sie die Menschheit zusammenhalten und einen etwaigen Zwiespalt rasch überwinden, sie müßte allem Rohen und Gemeinen siegreich widerstehen, das an einzelnen Stellen erscheinen möchte. Deutlich genug aber sehen wir, daß das keineswegs geschieht. Was hilft uns dann aber jene Geisteskultur mit ihrer gepriesenen Bildung? Ist sie nicht bloß ein gefälliger Schein, mit dem sich das menschliche Leben umkleidet, um seine nackte Gestalt zu verhüllen? Und lohnt es sich dann, so viel Muße und Arbeit an diesen Schein zu verwenden? So ist es kaum zu verhüten, daß viel Geringschätzung dieses weltlichen Idealismus aufkommt und um sich greift. Und doch haben wir uns zu hüten, solcher Stimmung nachzugeben und die Güter geringzuschätzen, die er mit Behauptung und Leistung vertritt. Denn sie berühren keineswegs die bloße Oberfläche des Lebens, sie wirken weit über die Stimmung und Neigung der Individuen hinaus zu seiner Durchbildung von innen her, sie haben eine Klärung, Vertiefung, Veredlung an ihm vollzogen, deren Preisgebung uns in den Stand der Barbarei zurückschleudern würde; mag einer besonderen Zeit unter besonderen Geschicken sich ihr Bild verzerren, sie hören darum nicht auf, im Grunde des Lebens tätig zu sein und mehr aus dem Menschen zu machen, als sein eigenes Bewußtsein ihm zeigt. Das Reich der geistigen Güter verbleibt, auch wenn sich dem Menschen der Zugang zu ihm durch manche Hemmung zeitweilig versperrt. Immerhin verbleibt solche Hemmung und will vollauf gewürdigt sein; die führende Stellung des weltlichen Idealismus wird jedenfalls durch die Erfahrungen der Gegenwart schwer erschüttert. Und zugleich machen sie zweifelhaft, wieviel wir an ihm überhaupt besitzen, und wo sein Recht innerhalb eines weiteren Lebensganzen liegt. So verwandelt sich uns auch hier in eine unsichere Frage, was früheren Zeiten eine zuversichtliche Antwort gab.
* * * * *
Demnach ist die Lebensordnung des weltlichen Idealismus heute nicht weniger erschüttert als die der Religion, wir verspüren die Erschütterung nur nicht so stark, weil sie weniger durch einen direkten Angriff als durch ein allmähliches Verblassen und Ermatten erfolgte; wie der weltliche Idealismus nicht die Kühnheit der Religion besitzt, so entzündet der Streit um ihn auch nicht so gewaltige Leidenschaft. Aber hier wie da kommen wir zu demselben Endergebnis: Lebensmächte, welche Jahrtausende lang die Menschheit beherrschten, ihrem Leben Ziele gaben und ihm dadurch einen Sinn verliehen, haben eine feste Wurzel im Bewußtsein des heutigen Geschlechts verloren und erhalten sich mehr durch träge Gewohnheit als durch eigene Erfahrung. Nur die Verstrickung in die Geschäfte des Alltags und das Überwiegen von Einzelfragen läßt uns übersehen, wie Ungeheures bei uns vorgeht. Oder ist es nicht etwas Ungeheures, wenn Ziele, an die Jahrtausende ihre beste Kraft gesetzt haben, und im Glauben an die sie lebten und starben, nunmehr eine bloße Einbildung scheinen und damit der bisherige Hauptzug des Strebens als ein leerer Wahn befunden wird? Ist es nicht etwas Ungeheures, wenn die unsichtbare Welt, früher als eine sichere Zuflucht ergriffen und als ein Quell der Liebe und Wahrheit gepriesen, nunmehr sich völlig auflösen muß? Wir müßten die Umwälzung anerkennen, wenn das Gebot der Wahrheit sie forderte; aber nur flache Denkart kann leicht und vergnüglich alles hinter sich werfen, was bisher als heilig galt. Zum mindesten dürfte sie nicht übersehen, daß das Durchschauen eines so langen Irregehens der ganzen Menschheit allen Glauben an ihr Vermögen zur Wahrheit aufs tiefste erschüttern müßte.
Die neueren Lebensordnungen.
Die gemeinsame Grundlage.
So schwer wir die Erschütterung der Gegenwart durch das Verblassen der unsichtbaren Welt nehmen mögen, es sei nicht vergessen, daß zu ihrem Ersatz ein vielverheißender Aufbau im Werke ist, und daß einem neuen Leben die sichtbare Welt unvergleichlich mehr geworden ist, als sie früheren Zeiten war. Diese Welt hat sich nicht nur in der Natur um uns wie in der eigenen Geschichte der Menschheit der Erkenntnis in ungeahnter Weise erschlossen, sie hat auch dem menschlichen Wirken immer mehr Angriffspunkte gezeigt; der Befund der Dinge, sonst wie ein unentrinnbares Schicksal hingenommen, zeigt sich jetzt sehr wohl einer Veränderung und Verbesserung fähig: Elend und Roheit werden angegriffen, das Leben durchgängig in rascheren Fluß versetzt und zu mehr Fülle und Freude gebracht. Den Kern des neuen Lebens bildet aber die Arbeit, das heißt die Tätigkeit, welche den Gegenstand ergreift und ihn für den Menschen bereitet; was von altersher davon vorlag, das hat die Neuzeit erheblich dadurch gesteigert, daß ihr die Arbeit weit mehr über die Kräfte und Zwecke der Individuen hinauswächst, ja durch Bildung eigener Zusammenhänge eine Selbständigkeit gegen den Menschen erlangt. So zeigen es Wissenschaft und Technik, so zeigen es auch politisches und soziales Wirken; sie alle machen den Menschen zum Gliede eines Arbeitsganzen, dessen Forderungen er unbedingt nachkommen muß. In solcher Unterordnung der Einzelnen gewinnt das Ganze eine gewaltige Macht, es faßt das Nebeneinander der Kräfte und das Nacheinander der Zeiten zu gemeinsamem Wirken zusammen, das in sicherem Zuge vordringt und keine Grenze als endgültig anerkennt. So gewinnt die Menschheit einen frischen Mut und ein stolzes Selbstvertrauen, sie entwickelt in ihrem eigenen Bereich ein mannhaftes, klares, zielbewußtes Leben, das auch zu entsagen vermag, aber durch das Entsagen keineswegs niedergedrückt wird. Denn für alles, worauf zu verzichten ist, scheint der Gewinn an Sicherheit und an Wahrhaftigkeit vollen Ersatz zu bieten. Unerschütterlich fest scheint der Boden, der hier die Arbeit trägt, alle Einbildungen und Vorurteile, die gleich trübem Nebel die Dinge umhüllten, sind gewichen und machen hellem Sonnenlicht Platz, die Tätigkeit findet nach allen Seiten ein offenes und unbegrenztes Feld; so scheint erst hier das Leben sich selbst und seine Kraft zu finden, von einem Schlummerstand in volle Wachheit überzugehen. Alles Wirken hat dabei den Reiz eines frischen Sehens und selbständigen Entdeckens. Dürfen wir uns wundern, daß dieses Leben eine starke Anziehungskraft ausübt, und daß ihm das Goethewort zugute kam.
»Er stehe fest und sehe hier sich um, Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm«?
Die Wendung vom allgemeinen Gedanken zur näheren Durchführung ließ jedoch ersehen, daß das hier gebotene Leben keineswegs einfach ist. In zwei Bereichen liegt uns das Dasein vor: in der Natur und im Menschheitsleben. Jeder dieser Bereiche läßt sich zur Hauptsache machen, jeder kann von sich aus eine allumfassende Lebensordnung zu bilden suchen. So entspringen aus dem gemeinsamen Grunde zwei verschiedene Lebensströme und wollen gesondert behandelt sein. Es sei zunächst als der einfachere derjenige behandelt, dem das Verhältnis des Menschen zur Natur als das Grundverhältnis seines Lebens gilt.
Die Lebensordnung des Naturalismus.
Eine Lebensordnung des Naturalismus konnte nicht entstehen, bevor das Bild der Natur alles Fremdartige ausgeschieden und seine Eigentümlichkeit deutlich ausgeprägt hatte; das aber ist zuerst seit Beginn der Neuzeit geschehen. In Abweisung aller religiösen und spekulativen Deutung wird hier zum Ziel der Forschung die Erfassung der Natur in ihrer reinen und bloßen Tatsächlichkeit; hier entsagt jene aller inneren Eigenschaft und allem seelenartigen Streben und verwandelt sich in ein Reich unbeseelter Massen und Bewegungen, das sich in festen Zusammenhängen und unwandelbaren Ordnungen darstellt, ohne dem Menschen eine besondere Stellung einzuräumen und ihn zum Gegenstand besonderer Sorge zu machen. Von Anfang an bestand viel Neigung, dies Reich der Natur für das Ganze der Wirklichkeit auszugeben und zugleich alle Wissenschaft nach Art der Naturwissenschaft zu gestalten; schon Bacon (1561 bis 1626) nannte die Naturwissenschaft »die große Mutter und die Wurzel alles Erkennens«, diese Neigung hat immer mehr Boden gewonnen und Naturbegriffe immer tiefer in alle Gebiete eindringen lassen, so daß heute »naturwissenschaftliche Weltanschauung« vielen als Weltanschauung überhaupt gilt. Um sich so zum All zu erweitern, mußte die Natur auch den Menschen an sich zu ziehen und ganz und gar in sich aufzunehmen suchen. Das konnte so lange nicht gelingen, als eine unübersteigbare Kluft Ursprung und Wesen des Menschen von der Natur zu trennen schien; aber der Anerkennung einer solchen Kluft hat die Naturwissenschaft immer entschiedener widersprochen, sie hat immer mehr verbindende Fäden aufgewiesen, bis die moderne Entwicklungslehre eine völlige Verkettung herzustellen schien.
Gehört aber der Mensch ganz und gar zur Natur, so muß auch sein Leben ganz dem der Natur entsprechen, so hat alles auszuscheiden, was im überkommenen Befunde dem widerspricht. Die Natur aber erscheint hier als ein Nebeneinander einzelner Elemente, die in vielfachste Beziehung treten und auch manche Verwebung bilden, deren Verbindung aber nie mehr als eine Anhäufung und Zusammensetzung ist; es gibt hier keinen inneren Zusammenhang und daher auch kein Wirken aus einem Ganzen, auch kein Selbständigwerden eines Inneren. Wie die Natur in reiner und bloßer Tatsächlichkeit verläuft, so kann auch das Menschenleben, das zu ihr gehört, keine die natürliche Selbsterhaltung überschreitende Wertschätzung, kein Gut und Böse anerkennen; nur die Entfaltung der Kraft und die sie begleitende Lust kann dem Leben einen Antrieb geben, und, soweit hier überhaupt von Zielen die Rede sein kann, haben sie in die Kraftsteigerung einzumünden.
Die Übertragung dieser Maße auf das menschliche Leben erwies ein gutes Recht dadurch, daß sie Tatsachen zur vollen Anerkennung brachte und untereinander zusammenschloß, die früher vereinzelt geblieben und als Nebensachen behandelt waren. So die Gebundenheit aller seelischen Betätigung an körperliche Bedingungen, so die elementare Macht der Naturtriebe und der natürlichen Selbsterhaltung, so die überwiegende Macht der materiellen Faktoren im Menschenleben, so das aufrüttelnde und vorwärtstreibende Wirken des Kampfes ums Dasein, so die weite Ausdehnung der blinden und sinnlosen Tatsächlichkeit auch im Bereich des Menschen. Alles zusammen ergibt einen eigentümlichen Lebenstypus, der sich auch der geistigen Arbeit, die er an sich zieht, mitteilen muß.
Da diese Lebensordnung dem geschichtlich überkommenen Stande schroff widerspricht, so muß sie mit einer entschiedenen Verneinung beginnen, mit einer Verneinung alles dessen, was die Natur überschreitet und damit die Wirklichkeit auseinanderzureißen scheint. So geschah es nach ihrer Überzeugung in Religion und Metaphysik, gemeinsam war ihnen der Fehler, das menschliche Subjekt von seiner Umgebung abzulösen und seiner ungezügelten Phantasie eigene Wege zu gestatten. Dadurch entstanden erdichtete Bildungen, die, so meint man, einen vielfachen Druck auf den Menschen üben und mit ihren Satzungen und Vorurteilen das Leben verengen und entstellen. Es scheint ein großer Gewinn an Freiheit, wenn das aus dem Leben verschwindet. Zugleich ein Gewinn an Einheit, indem die verhängnisvolle Spaltung aufhört, die aus jener Überhebung des Subjekts hervorging. Im eigenen Aufbau aber verheißt dies Leben eine gewaltige Steigerung der Kraft, der anschaulichen Nähe, ja der Wahrhaftigkeit. Denn nur in Berührung mit dem Gegenstande draußen scheint das menschliche Vermögen sich vollauf zu entfalten, ja erst Leben in vollem Sinne zu werden. In endloser Weite und Fülle breitet sich dabei vor dem Menschen das Reich der Arbeit aus, und was in ihr das Erkennen erringt, das findet hier, wo sich der Tätigkeit deutliche Angriffspunkte bieten, ohne viel Mühe den Weg zum Handeln; wie aus der modernen Naturwissenschaft unmittelbar die moderne Technik entsprang, so scheint diese Denkweise überhaupt der gegebene Weg, die menschlichen Verhältnisse zu verbessern und den Gesamtstand menschlichen Wohlseins zu heben.
Auch die einzelnen Gebiete bringt diese Lebensordnung in eine starke Bewegung nach eigentümlicher Richtung. Überall ein ausgeprägter Realismus, der von erträumten Höhen abruft, alle Ziele, der Kunst wie der Wissenschaft, der Erziehung wie der Moral, des politischen wie des sozialen Lebens, innerhalb der sinnlichen Erfahrung findet und ihren Gehalt damit eigentümlich gestaltet. Durchgängig gilt es, die sinnlichen und materiellen Faktoren als die Wurzeln aller Kraft voll zur Wirkung zu bringen, das Leben dadurch zu sättigen, es in frischen Fluß und sicheren Fortgang zu bringen. So inmitten alles Realismus ein Leben mit so viel Spannung, Leistung und Hoffnung, daß es auf die weltüberfliegenden Ausblicke früherer Zeiten ohne Schmerz scheint verzichten zu können. Ein neuer Tag scheint hier anzubrechen, dessen helles Licht alle frühere Zeit zu einer trüben Dämmerung herabsetzt.