Part 13
2. Das Leben als Grundlage dessen nehmen konnten wir nicht, ohne anzuerkennen, daß ein derartiges Leben nicht ein Erzeugnis bloßmenschlichen Vermögens ist, daß es vielmehr aus größeren Zusammenhängen stammt, und daß damit innerhalb des Menschen etwas Übermenschliches ersichtlich wird. Aus solcher Überzeugung läßt sich der heutigen Unsicherheit in der Schätzung des Menschen entgegenwirken. Es war der Neuzeit eigentümlich, beim Bilde der Welt wie bei der Gestaltung des Lebens vom Menschen auszugehen und ihn damit sehr zu steigern. Es hat das aber neben großem Gewinn auch manche Verwicklung gebracht, im besonderen die Gefahr, daß der bloße Mensch die Rechte und Ansprüche an sich riß, die nur dem schaffenden Leben gebühren. Solche Mißstände wurden so lange minder bemerklich, als von früheren Lebensordnungen her noch ein Glanz auf der Menschheit lag und sie als ein Glied größerer Zusammenhänge sehen ließ. Aber diese Verklärung ist mehr und mehr gewichen, und der Mensch hat sich immer ausschließlicher auf sein natürliches und gesellschaftliches Dasein gestellt. Wenn dabei manche Grenze und Schwäche sich nicht verkennen ließ, so suchte man das wohl durch eine Summierung der Kräfte zu überwinden, sei es in dem Nacheinander der Geschichte, sei es in dem Nebeneinander der Gesellschaft. Wie wenig das aber auslangt, das hat sich unserer Erörterung oft erwiesen; die Eindrücke des Krieges bekräftigen das, indem sie den Menschen mit sehr widersprechenden Zügen zeigen, im Verhältnis der Nationen unermeßlich viel Haß und Neid, Unwahrheit und Ungerechtigkeit, innerhalb der Nationen aber viel Kraft und Aufopferungsfähigkeit, wie wir das auch unseren Gegnern zuerkennen müssen; so ein höchst verworrenes Bild des Menschen. Die Unsicherheit, ja Hilflosigkeit wird dadurch verstärkt, daß die moderne Wissenschaft die Bedeutung des Menschen im Weltall immer geringer anschlägt; wir auf unserem kleinen Planeten und mit unserer zeitlich begrenzten Dauer scheinen völlig nebensächlich und gleichgültig im Ganzen der Wirklichkeit. Und doch können wir unmöglich auf eine Schätzung der Menschheit verzichten, wenn unser Handeln hohe Ziele entwerfen und unserem Vermögen sie zu erreichen vertrauen soll. So geht ein Sehnen durch die Menschheit der Gegenwart, den Menschen von innen heraus zu erhöhen. Das aber kann unmöglich vom bloßen Dasein aus geschehen, es verlangt die Eröffnung einer neuen Welt, einer Tatwelt, in der menschlichen Seele, und die Schöpfung eines selbständigen Lebens im Menschen; unsererseits bedarf es dabei einer kräftigen Herausarbeitung jenes Übermenschlichen im Menschen und zugleich eines Zusammenschlusses der Streiter für eine echte Geisteskultur zu einer festen Gemeinschaft; früher haben die Kirchen sich dieser Aufgabe angenommen, vieles in ihnen ist sicherlich heute veraltet, aber der sie beseelende Grundgedanke bleibt schlechterdings unentbehrlich und wird sich durch alle Verneinung und Bekämpfung hindurch immer wieder Geltung verschaffen.
3. Wir verlangten für das Leben die Bildung eines festen Kerns im Menschen, eines Selbst, das alle Mannigfaltigkeit trägt, sich erhöhend in sie hineinlegt, damit aber das Leben zu einem Beisichselbstsein erhöht. Wir verlangen zugleich einen Lebensinhalt und eine Wesenskultur. Damit widersprechen wir einer bloßen Kraftkultur, wie sie in der Neuzeit die Herrschaft an sich gerissen hat. Auch hier lag zugrunde eine unverwerfliche Forderung. Die früheren Lebensordnungen nahmen den Menschen zu sehr als eine fertige Größe und setzten daher nicht genügend den ganzen Umfang seiner Kraft in Bewegung. Nun zeigte die Neuzeit, wieviel sich im Menschen steigern und in den Verhältnissen bessern läßt; darüber ist aber die Steigerung zum Selbstzweck geworden, und es entsteht die Gefahr, das Beisichselbstsein des Lebens und alle Inhaltsbildung als nebensächlich, ja gleichgültig zu behandeln. Denn mag die Kraft in der einen Richtung als Wachstum materiellen Vermögens, in der anderen als eine Steigerung des seelischen Standes mittels eines durchleuchtenden Denkens verstanden werden, weder hier noch da kommt es zu einem wahrhaftigen Leben, wird das Leben mehr als ein bloßes Lebenwollen, als ein ruheloses Hasten und Jagen. Wollen wir aber dem mit Aussicht auf Erfolg widerstehen, so gilt es gegenüber dem Kraftideal ein neues Ideal zu gewinnen und durchzusetzen; das aber kann nur durch eine Wesensbildung mit ihrer Vertiefung des Lebens geschehen.
4. Jene Wesenskultur erhebt den Anspruch, allein dem Leben einen Selbstwert und eine innere Freudigkeit zu verleihen. Damit stellt sie sich in Gegensatz zu einer Gestaltung des Lebens, welche die materiellen Aufgaben zur Hauptsache macht und die ideellen nur als einen Anhang und eine Hilfe behandelt. Auch hier entspringt die Gefahr aus einer Wendung des Lebens, die viel Förderung mit sich brachte. Die wirtschaftlichen Fragen waren in früheren Zeiten viel zu sehr im Hintergrunde geblieben, und es hing damit eng zusammen, daß die geistige Bewegung in vollem Sinne auf enge Kreise beschränkt blieb, daß die Kultur sich zu wenig von unten her emporhob, zu sehr nur von oben her niedersenkte. So tun sich neue Ausblicke auf, wenn darin eine Wandlung erfolgt. Aber wiederum entsteht die Gefahr, daß dies Neue das ganze Leben und alle Kraft des Menschen an sich reißt und im Gewinn selbst den Gesamtstand niederdrückt; die wirtschaftlichen Fragen nehmen schon jetzt die leitende Stellung ein, wie auch der gegenwärtige Weltkrieg im letzten Sinne einen wirtschaftlichen Grund hat: das gewaltige wirtschaftliche Vordringen Deutschlands, der Widerstand und der Neid der anderen Völker dagegen. Die Notwendigkeit, die ungeheuren Verluste dieses Krieges leidlich wieder auszugleichen, drohen die wirtschaftlichen Fragen noch mehr zur Hauptsache zu machen. So elementaren Forderungen gegenüber vermögen schöne Worte und salbungsvolles Zureden nichts, sondern ihnen ist nur dadurch eine Schranke zu ziehen, daß die innere Leere aller bloßmateriellen Erfolge durchschaut wird, und daß zugleich eine starke Sehnsucht nach einem Lebensinhalt erwacht, dieser Sehnsucht aber auch die Möglichkeit einer Erfüllung geboten wird. Es muß eine Bewegung entstehen, welche die Hauptrichtungen des schaffenden Lebens in Religion, Philosophie und Kunst wieder mehr in ein ursprüngliches Wirken versetzt, aus eigener Erfahrung, nicht aus der vergangener Zeiten, welche damit der sichtbaren Welt eine innere Welt entgegenhält, welche nicht den Menschen, wie er ist, befriedigt, sondern wesentlich mehr aus dem Menschen macht. Schließlich gilt es heute einen Kampf um eine geistige Selbsterhaltung, nicht bloß des einzelnen Menschen, sondern der gesamten Menschheit, um die Rettung einer Seele des Lebens, für die alle Erfolge nach außen hin keinen Ersatz gewähren. Solcher Kampf fordert neben anderem auch eine Selbstbesinnung und Selbstvertiefung durch Denkarbeit. Und wie der Ausgangspunkt, so ist auch das Hauptproblem des Denkens das Leben sowohl in dem, was es uns bietet, als in dem, was es von uns fordert.
Folgerungen für die Ausbildung eines deutschen Lebensstiles.
Es liegt in der deutschen Art, die Probleme der Zeit mit großem Ernst und Eifer mitzuerleben; zugleich aber haben wir auch bei uns besondere Probleme, für die vielleicht auch eine Philosophie des Lebens nicht nutzlos ist. Diese Probleme erwachsen aber vornehmlich aus der Schwierigkeit, die gemeinsamen Aufgaben der Menschheit mit ganzer Seele festzuhalten und dabei einen eigentümlich deutschen Lebensstil auszubilden.
1. Es hat aber diese Schwierigkeit zwei Hauptgründe: einmal sind uns die Grundelemente geistigen Lebens zunächst von draußen zugeführt, und es besteht die Gefahr, daß wir sie uns nicht genügend in Fleisch und Blut verwandeln; sodann aber enthält unser eigenes Wesen Gegensätze, die sich schwer miteinander ausgleichen lassen. Was jenes betrifft, so empfingen wir unsere Religion vom Christentum; gewiß entsprach im innersten Wesen des Christentums manches der deutschen Art, und hat der Deutsche diese Art eben durch das Christentum erst voll zur Geltung gebracht; aber alle Anerkennung dessen läßt die Frage offen, ob die Form, in der das Christentum vom sinkenden Altertum her an den Deutschen kam, nicht auch manches ihm Fremde enthält, und ob hier nicht eine Aufgabe vorliegt, die auch durch die Reformation noch nicht genügend gelöst ist. Die Kultur aber kam uns vom Altertum her, und am Empfangenen haben wir unsere eigene Art herangebildet, gerade an den Höhepunkten unseres Schaffens erwies sich die Berührung als fruchtbar. Und doch ist der Zweifel nicht abzuweisen, ob die Verbindung von Altem und Neuem vollauf gelungen ist, ob hier nicht auch Elemente in unser Leben eingeflossen sind, die wir als halbfremd empfinden, wie zum Beispiel selbst bei den Schöpfungen des späteren Goethe, ob demnach nicht auch hier noch manches zu klären und sichten bleibt. Endlich aber sind uns von den westlichen Völkern nicht nur äußere Lebensformen, sondern auch politische Ideale zugeführt; wir haben dadurch manche Aufrüttelung und Förderung erfahren, aber zugleich wird uns auch viel Fremdes auferlegt und oft zu bereitwillig aufgenommen. Jene Völker haben zum Beispiel einen eigentümlichen Begriff von Freiheit, der sich von dem in unserem Wesen angelegten wesentlich unterscheidet: jene erstreben mehr eine Gleichheit, während wir auf eine Gliederung nicht wohl verzichten können; so ist ihr Begriff von Demokratie sehr verschieden von dem, den wir gemäß unserer Art fordern müssen. Daß wir in all diesen Punkten viel zu nachgiebig sind, viel zu wenig unsere eigene Art herausarbeiten und zur Geltung bringen, kann kein Unbefangener leugnen. Der Deutsche bleibt hier sich selbst eine Aufgabe, eine Aufgabe gerade am heutigen Tage.
Daß aber die Herausarbeitung des eigenen Wesens so viel Mühe macht, das liegt zum guten Teil daran, daß dieses Wesen in sich selbst verschiedene, ja entgegengesetzte Bewegungsrichtungen trägt, ja daß es eine eigentümliche Doppelheit aufweist. Als Hauptgegensatz erscheint dabei der von Seele und Arbeit, er geht durch die ganze deutsche Geschichte. Einmal enthält unsere Art das Verlangen, eine selbständige Innenwelt zu bilden und von ihr aus, ja für sie das Leben zu führen. Zugleich aber enthält sie ein nicht minder starkes Verlangen, in der sichtbaren Welt zu wirken und sie den Zwecken des Menschen zu unterwerfen. Daraus entsteht leicht eine Gefahr für das Ganze des Lebens, denn wenn diese beiden Forderungen sich nicht genügend zusammenfinden, ja sich miteinander zerwerfen, so ist ein Sinken nicht zu verhüten; die seelische Tätigkeit wird sich dann leicht von der Welt ablösen und ins Formlose verlieren, die Arbeit aber zu sehr ein bloßstoffliches Sammeln und Anhäufen werden. Schon das treibt den Deutschen über den nächsten Stand der Dinge hinaus, daß zur Überwindung dieses Gegensatzes der Gewinn eines neuen Standortes unentbehrlich ist; ja man darf sagen, daß schon durch diesen Gegensatz der deutschen Art ein Zug zur Metaphysik unausrottbar eingepflanzt ist. Weitere Konflikte aber erzeugt die geistige Arbeit selbst. Denn einerseits sehen wir die Deutschen eifrig bemüht, alle Mannigfaltigkeit zusammenzuhalten, alle Gegensätze auszugleichen, nichts vom Lebensbestande aufzugeben, alles in eine Harmonie oder doch in eine zusammenhängende Bewegung zu bringen, kurz in einem versöhnenden Sowohl -- Als auch zu denken. Nicht minder stark aber wirkt im deutschen Wesen das Verlangen, die Gegensätze mit vollster Schärfe hervorzukehren, das Unterscheidende jeder Seite zu betonen, alle Vermittlung oder Abschwächung als eine Verflachung abzuweisen, das Leben damit unter ein unerbittliches Entweder -- Oder zu stellen. Jenes gewahren wir in Persönlichkeiten wie Leibniz, Goethe, Mozart, Hegel, die andere Art bei Luther, Bach, Kant, Schiller, Beethoven. Jene Art enthält die Gefahr einer Abschleifung und eines zu raschen Hinwegeilens über die Dunkelheiten des Lebens, diese die andere, das Leben auseinanderzureißen und auseinanderfallen zu lassen. So haben beide Seiten dem Ganzen des deutschen Lebens gegenwärtig zu bleiben. Das kann aber nur geschehen, wenn der Gesamtbegriff des Lebens aller besonderen Gestaltung überlegen bleibt, und somit jene beiden Richtungen gleichberechtigte Antriebe werden, die sich gegenseitig sowohl ergänzen als steigern können. Das alles steckt dem deutschen Leben hohe Ziele und legt ihm schwere Aufgaben auf, notwendig wird damit der Mensch auf größere Zusammenhänge gewiesen, und zu Hauptzügen seines Lebens werden tiefer Ernst und aufrichtige Ehrfurcht werden. Uns wird das Leben nicht leicht gemacht, und wir empfinden oft schmerzlich den weiten Abstand zwischen der von unserm eigenen Wesen geforderten Höhe und dem Durchschnitt des Alltags; vielleicht ist er größer als bei irgendeinem anderen der leitenden Völker. So haben wir jene Höhe stets mit allem Eifer neu zu erringen und müssen zugleich nach verschiedensten Richtungen hin einen Kampf gegen drohende Verflachungen führen. Zahlreich sind heute diese Verflachungen; wir möchten nur eine von ihnen erwähnen, da sie mehr empfunden als ausgesprochen zu werden pflegt, das ist die von der Reichshauptstadt, von Berlin, ausgehende Verflachung, der Berlinismus, wie es kurz heißen könnte. Wir hegen die aufrichtigste Hochachtung vor dem Eifer des Strebens und der Tüchtigkeit der Arbeit, die dort geleistet wird, wir wissen zugleich, wie viele Männer und Frauen dort übereinstimmend mit uns denken, aber das kann und darf uns nicht verhindern, die Gefahr für die innere Lebenshaltung zu bezeichnen, die von dortigen Massenwirkungen ausgeht. Mangels einer großen Tradition wird das Leben dort überwiegend auf den freischwebenden Verstand gestellt, und es erhalten damit unvermeidlich Reflexion, Kritik und Verneinung eine übergroße Macht; formale Gewandtheit und Geschicklichkeit, oft auch bloße Redefertigkeit, sollen geistigen Gehalt ersetzen; man kennt keine offenen Probleme; wie man sich selber fertig fühlt, so vollzieht man überall einen raschen Abschluß; die großen Lebensfragen, an denen aller Sinn und Wert unseres Daseins hängt, finden wohl ein lebhaftes »Interesse« und eine »geistreiche« Erörterung, aber nicht das Einsetzen einer Wesenstiefe und den ehrfurchtsvollen Ernst, worauf sie bestehen müssen. Daß Ernst und Ehrfurcht keine Gedrücktheit zu erzeugen brauchen, vielmehr mit innerer Frische und Fröhlichkeit ganz wohl vereinbar sind, das zeigt zum Beispiel die Gestalt eines Luther. Wehren wir uns also dagegen, daß uns für echte Kultur ein bloßer Kulturersatz aufgedrängt werde!
2. Weitere Schwierigkeiten bereitet die Frage, einen dem deutschen Wesen gemäßen Typus für unser Staatsleben zu erreichen, auch hier stehen wir in nicht geringer Verwicklung; das aber namentlich durch einen unausgeglichenen Streit zwischen alter und neuer Art. Unsere Geschichte war bei aller geistigen Fruchtbarkeit und aller Durchbildung der Einzelnen politisch wenig glücklich, war doch der Erbe des römischen Weltreichs schließlich zu kläglicher Ohnmacht gesunken und zu einem Spielball fremder Mächte geworden. Wir können daher nicht dankbar genug dafür sein, daß die Entwicklung des preußischen Staates einen festen Kern für die Sammlung der deutschen Stämme gewinnen ließ. Das aber trieb notwendig dort die politische Gestaltung in eine Einseitigkeit, indem allen anderen Aufgaben voran die Aufgabe trat, die Macht des Staates zu stärken und zu steigern. So entstand der Obrigkeitsstaat, der für jenen Zweck Hervorragendes geleistet hat, der überhaupt viel tüchtige Verwaltungsarbeit verrichtet und weiteste Kreise zu treuer Pflichterfüllung gebildet hat. Aber die selbständige Tätigkeit der Einzelnen sowohl als die der kleineren und größeren Kreise kam dabei zu kurz, der Obrigkeitsstaat wurde nicht genügend zum Volksstaat. Das wurde namentlich als ein Mißstand empfunden, als der industrielle, überhaupt der wirtschaftliche Aufstieg ein neues Deutschland erstehen ließ, neue Schichten der Gesellschaft emporhob, sie berechtigte Ansprüche auf selbständige Teilnahme am Staatsleben stellen ließ. Es ist eine Torheit, sich einer solchen aller menschlichen Willkür überlegenen Wandlung starr zu verschließen, aber es ist eine nicht geringere Torheit, die Verwicklung summarisch durch einfache Übertragung ausländischer, namentlich romanischer Staatsformen auf deutsche Verhältnisse lösen zu wollen. Dafür sollte man zu hoch vom deutschen Wesen und Geiste denken, um sich auf diesem Hauptlebensgebiet eine bloße Nachahmung genügen zu lassen. Wir haben unsere eigenen Begriffe von staatlichen und gesellschaftlichen Dingen, wir denken viel zu hoch vom Beruf, um ihn bei der Volksvertretung vollständig auszuschalten und alles Heil von der bloßen Masse zu erwarten; wir verlangen mehr Recht der Persönlichkeit, mehr Selbstverwaltung und Gliederung; da wir das Bewußtsein haben dürfen, für die innere Freiheit der Geister mehr getan zu haben als irgendein anderes Volk der Neuzeit, in Luther für die religiöse, in Kant für die philosophischmenschliche, in Goethe für die künstlerische Freiheit, so dürfen wir hoffen, daß es uns auch gelingen wird, für die unentbehrliche Freiheit im menschlichen Zusammensein eine Form zu finden, die unserer eigenen Art entspricht. Die erste Bedingung dessen ist aber, daß wir dieser Art deutlich inne werden, und daß wir von dem Zufälligen und Angreifbaren scheiden, was in ihr wesentlich und wertvoll ist. Dazu bedarf es wiederum energischer Selbstbesinnung durch Denkarbeit, dazu bedarf es auch einer Klärung der gemeinsammenschlichen Ziele, innerhalb derer wir unsere Aufgabe suchen müssen.
3. Eine weitere Aufgabe stellt uns endlich die durch den Weltkrieg erzeugte Lage. Wir haben im Verhältnis zu anderen Völkern schwere Enttäuschungen erfahren und sind zwingend auf die eigene Kraft zurückgeworfen. Das treibt dazu, unsere nationale Art stärker herauszuarbeiten und auch der Vergangenheit gegenüber mehr Selbständigkeit zu erringen. Aber es gilt dabei die Gefahr einer Verengung fernzuhalten, die Gefahr, uns vom Ganzen der Menschheit abzusondern, das doch vom Beisichselbstsein des Lebens her seinen unantastbaren Wert behält, die grundgeistigen Aufgaben vor den Forderungen des Tages zurückzustellen, auch über einem Hangen am Augenblick zu vergessen, daß wahre Gegenwart nicht innerhalb des Zeitlaufs liegt, sondern nur in Erhebung über ihn entstehen kann. Früher ließ uns das Streben nach Weite des Lebens oft die Sorge um seinen Charakter vergessen, nun wollen wir über dem erstrebten und höchst notwendigen Charakter nicht die Weite verlieren!
So dringen von allen Seiten her Forderungen auf uns ein, denen wir ohne eine Selbstvertiefung und ein Ergreifen innerer Zusammenhänge unmöglich entsprechen können. Zu einem glücklichen Fortgang bedarf es vor allem voller Wahrhaftigkeit und Selbständigkeit, damit ursprüngliches Leben in uns entstehen könne; entsteht es aber, so wird es mit seiner Weltüberlegenheit uns auch den Mut und die Kraft verleihen, das als notwendig Erfaßte gegen allen Widerstand durchzusetzen und allen Schein als bloßen Schein zu entlarven.
So ergab sich durchgängig eine große Unfertigkeit als dem deutschen Leben eigentümlich. Das ist ein Nachteil, gewiß; aber es ist auch ein nicht geringer Vorteil. Denn daß wir so viele noch zu lösende Probleme in uns tragen, das zeigt, daß wir uns noch keineswegs ausgelebt haben, sondern uns noch im Werden befinden und noch weiter wachsen können, daß wir trotz einzelner greisenhafter Züge im Kern noch ein jugendliches Volk sind. So werden wir auch, wenn wir auf eine glückliche Zukunft unseres Volkes hoffen, dabei vornehmlich auf unsere Jugend vertrauen. Sie hat in diesem gewaltigen Kriege in harten Kämpfen wie in ausdauerndem Ertragen eine herrliche Kraft und Gesinnung erwiesen; überträgt sie das in das Werk des Friedens, das vor uns liegt, so dürfen wir hoffen, daß sie sich auch den inneren Aufgaben gewachsen zeigen und durch mutige Arbeit an den großen Fragen unseren Glauben an den Sinn und Wert des menschlichen Lebens stärken wird.
Sachregister.
_Altertum_, sein Lebensgefüge 110.
_Arbeit_, Kern des modernen Lebens 18; ihr emporbildendes Wirken 101; ihre Größe und ihre Gefahren 146, 154.
_Arbeit und Schaffen_ 55 ff., 58.
_Arbeit und Seele_, ihr Zusammentreffen im deutschen Wesen 163.
_Berlinismus_, seine Gefahr 165.
_Beruf_, seine Bedeutung und Wirkung 101.
_Bildung_, ihre Bedeutung und ihre Schranke 13.
_Böses_, seine Tatsächlichkeit 115 ff.; Arten seiner Überwindung 119 ff., 140.
_Christentum_ 111, 122; Forderungen dafür 129; sein Verhalten zur deutschen Art 162; überragende Bedeutung Jesu für das Christentum 128.
_Christlicher und stoischer Lebenstypus_ 119 ff.
_Dasein und Tatwelt_, ihr Verhältnis 86 ff.
_Denken_, seine Bedeutung für das Leben 51 ff., 65 ff.
_Deutsche Art_, ihre Größe und ihre Verwicklungen 161 ff.
_Deutscher Lebensstil_, Forderungen dafür 161 ff.
_Ding an sich_, Grenze dieses Begriffes 63, 156.
_Einsamkeit_, Gefahr und Überwindung 44, 149, 155.
_Einzelgeschick und Gesamtgeschick_ 76 ff.
_Entwicklung_, ihre Schranke 73 ff.
_Erbsünde_, abgelehnt 115 ff.
_Erfahrung_, ihre Unentbehrlichkeit 87 ff.
_Erziehendes Wirken des Lebens_ 100.
_Erziehung_, ihre Weltanschauung 109.
_Festigkeit des Lebens_, wie erreichbar 83 ff.
_Form und Stoff_ 90.
_Fortschritt_, Problem des moralischen Fortschritts 118 ff.
_Freiheit und Schicksal_ 153.
_Freiheit des Handelns_, ihre Notwendigkeit und ihre Möglichkeit 72.
_Freundschaft_, ihr emporbildendes Wirken 100 ff.
_Gegenwart_, Notwendigkeit einer zeitüberlegenen Gegenwart 78, 153.
_Geistige Jugend_, ihre Möglichkeit 153.
_Gemeinschaft_, ihre emporbildende Kraft 102.
_Geschichte_, ihre Bedeutung für das Lebensproblem 78; Eigentümlichkeit der menschlichen Geschichte 106; keine bloße Evolution 126.
_Geschichte der Seele_, ihre Bedeutung 126.
_Gesellschaft_, Schranke ihres moralischen Wirkens 118; ihr Wirken auf den Einzelnen 147 ff.
_Glaube und Werke_ 75.
_Gottesbegriff_, Doppelheit seiner Fassung 127.
_Greisenalter_ 148, 155.
_Heroismus_, seine Notwendigkeit für das Leben 118, 143.
_Historisches Bewußtsein_, seine Bedeutung 112.
_Ideen und Interessen_ 99.
_Ideen und Prinzipien_, ihre Macht in der Neuzeit 53.
_Individualität_, ihr emporbildendes Wirken 102.
_Individualität und Persönlichkeit_ 68.
_Individualkultur_, ihre Bedeutung und ihre Grenze 37 ff.
_Individualleben_, sein Verlauf und seine Probleme 144 ff.
_Innere Konflikte_, ihre weitertreibende Kraft 142.
_Intellektualismus_, Möglichkeit seiner Überwindung 79, 109.
_Jugendalter_ 144 ff.
_Katholizismus und Protestantismus_ 127.
_Kindesalter_ 144.
_Kirche_, ihre Notwendigkeit 159.
_Klassische und romantische Kunst_ 71.
_Konkurrenz_, ihre Unentbehrlichkeit 99.
_Kraftidee_, Beherrscherin der modernen Kultur 82 ff., 111, 159.
_Kultur_, Geisteskultur und Menschenkultur geschieden 67; Altern der Kulturen 125.
_Kultur und Zivilisation_ 11.
_Kunst_, ihre Leistung 56, 90 105.
_Leben_, notwendiger Ausgangspunkt 48 ff., 156; sein Gesamtziel 131.
_Lebensalter des Menschen_ 144 ff.
_Lebensenergien_ 69, 83.
_Lebensgebiete_, ihre zusammenhaltende und richtende Kraft 107 ff.; ihre höhere und ihre niedere Gestaltung 80 ff.
_Lebensgeschichten_ 152.
_Lebensstufen_ 50 ff.
_Lebenstatsachen_, unterschieden von subjektiven Erfahrungen 137.
_Lebenszusammenhänge in der Weltgeschichte_ (griechische, christliche, moderne) 110 ff.
_Leid_, verschiedene Stellung der Lebensgefüge zu ihm 124; als Bestandteil des Lebens 153 ff.
_Liebe_, ihre Grundbedingung 77; ihr erhöhendes Wirken 100.
_Liebe und Mitleid_ 54.
_Lust_, ihre Unzulänglichkeit 53.
_Mannesalter_ 145.
_Materielles_, seine Bedeutung und seine Überschätzung 160.
_Mensch_, sein Hinauswachsen über die Natur 51; Gefahr seiner Überhebung 158.
_Menschenkultur und Geisteskultur_ 67, 80 ff.
_Moderne Lebensordnung_ 111.
_Moral_, ihr universaler Charakter 74; ihre Tatsächlichkeit 108.