Der Sinn und Wert des Lebens

Part 10

Chapter 103,415 wordsPublic domain

Die Zusammenhänge unserer Betrachtung geben der Sache ein eigentümliches Licht. Die Aufgabe geht dahin, das Leben von der Bindung an die Natur abzulösen, ihm ein Beisichselbstsein zu erringen und es aus solchem eine Welt der Gehalte und Güter erzeugen zu lassen; das bedarf der vollen Hingebung der Gesinnung und der Richtung aller Kräfte auf dieses Ziel. In Wahrheit pflegt jene Hingebung zu fehlen, die Kräfte lehnen alle Bindung ab, gehen ihren eigenen Weg und geraten dabei leicht unter die Macht eben dessen, das überwunden werden sollte; der Vorteil des Individuums bleibt dem Handeln das höchste Ziel und zieht alles Streben zu sich zurück. Ein derartiger Stand läßt das Leben bei allem äußeren Aufputz innerlich leer, ein Wirken für höhere Ziele entspringt hier weniger aus der Notwendigkeit einer geistigen Selbsterhaltung als es zur Aufrechterhaltung des Scheines nach außen hin und zur Verbesserung der eigenen Stellung erfolgt. So zeigt das Leben durchgängig ein großes Manko, ja einen schroffen Widerspruch. Da den Menschen zunächst die niedere Stufe einnimmt, so bedarf die Wendung zur höheren einer inneren Umwälzung, und diese ist nicht möglich ohne ein starkes Verlangen, ohne das, was Männer wie Plato und Goethe Liebe nennen, wer aber möchte behaupten, daß eine solche Liebe überwiegend vorhanden ist, wer kann leugnen, daß Kälte und Gleichgültigkeit die vorherrschenden Züge bilden? Die Entfaltung des Höheren verlangt ein inneres Selbständigwerden des Lebens, nur kraft eines solchen kann es eine Ursprünglichkeit erreichen und aus sich selber schaffen; wer aber kann leugnen, daß ein solches Insichselberwurzeln, eine Selbstwüchsigkeit eine seltene Ausnahme ist? Das neue Leben hat sich gegenüber einer feindlichen oder doch gleichgültigen Welt zu behaupten, die äußerlich weit überwiegt; dazu bedarf es heroischen Mutes und völliger Unerschrockenheit; läßt sich bestreiten, daß eine derartige tapfere Gesinnung dem Durchschnitt des Lebens fehlt, daß bei diesen Fragen Ängstlichkeit, ja Feigheit weit überwiegen, die das Spiel von vornherein verloren geben? Alles miteinander erweist freilich nicht eine völlige Verderbtheit des Menschen, wie die altprotestantische Dogmatik sie lehrte, wohl aber einen Stand der Vermengung und der Unlauterkeit, in dem das Niedere das Höhere weit zurückdrängt und es nicht voll aufkommen läßt.

Das Übel wurzelt viel zu tief, als daß sich eine allmähliche Überwindung durch eine geschichtlichgesellschaftliche Kultur hoffen ließe. Wohl fühlt das gesellschaftliche Zusammensein sich als einen Vertreter und Vorkämpfer des Guten, es vermag in der Tat gewisse Erscheinungen des Bösen erfolgreich zu bekämpfen, ja unter besonderen Umständen Begeisterung und Aufopferung für die gemeinsamen Zwecke zu erzeugen, wie der gegenwärtige Krieg das deutlich zeigt, und zwar keineswegs bloß in Deutschland. Aber solche großen Augenblicke sind Ausnahmszeiten, die wieder vorübergehen, im allgemeinen wirkt das gesellschaftliche Leben mehr zur Oberfläche als zur Tiefe des Menschen, es unterdrückt mehr als es bessert, seinerseits aber erzeugt es mit Weckung des Macht- und Herrschaftsverlangens und seiner Spaltung der Menschen in Parteien neue moralische Gefahren und Schäden. Nun bleibt noch die Hoffnung eines moralischen Fortschritts in der Geschichte, aber so gewiß ihr Verlauf in anderen Stücken uns weiterbringt: ob das auch in moralischer Hinsicht der Fall ist, steht in völliger Unsicherheit. Nach mancher Richtung ein Fortschritt, nach anderer eher ein Rückschritt, ein Wachstum raffinierten Genusses, ein Wachstum auch selbstischer Machtgier, ein Abschütteln von Bindungen ohne dafür einen Ersatz zu schaffen. Im großen und ganzen verbleibt die Verwicklung, und zugleich verbleibt es dabei, daß die Menschheit einer Aufgabe, an der alle innere Größe und Würde ihres Lebens hängt, sich nicht gewachsen zeigt, daß sie damit sich selbst widerspricht, ja vielfach an ihrer eigenen Zerstörung arbeitet. Wie kommen wir über diesen Widerspruch hinaus, welche Wege bieten sich zur Befreiung von ihm?

Wir können unmöglich alle verschiedenen Wege schildern und prüfen, welche die religiösen wie die philosophischen Gedankenwelten an dieser Stelle versuchten, wir müssen uns an die beiden Hauptleistungen halten, welche unseren westlichen Kulturkreis beherrschen. Die eine ist philosophischer, die andere religiöser Art, jene verkörpert sich vornehmlich im Stoizismus, der uns hier über die besondere Schule hinaus als ein besonderer Typus der Denkweise gilt, diese im Christentum, das wir ebenfalls nicht sowohl als ein kirchliches Bekenntnis, sondern als eine Macht des Geisteslebens verstehen. Die Grundlage der stoischen Gedankenwelt bildet die Überzeugung, daß, wie immer der Mensch der Erfahrung beschaffen sein mag, das Menschenwesen eine Vernunft in sich trägt, die allem Getriebe des Alltags sicher und weit überlegen ist, die aller Widerspruch der Weltumgebung nicht zu erschüttern vermag; es steht uns frei, in heroischer Erhebung uns in diese Vernunft zu versetzen, uns fest in ihr zu verschanzen und damit jene Überlegenheit uns zu eigenem Besitz zu machen. Hier gilt es die Güter der höheren Welt zu reiner Gestalt herauszuarbeiten und in voller Treue zu wahren, diese Welt gegen allen Widerstand, auch den in der eigenen Seele, tapfer aufrechtzuhalten, durch alle Widerwärtigkeiten des Lebens sich die Sicherheit und Freudigkeit der Gesinnung nicht im mindesten trüben zu lassen. In diesem Zusammenhange wird zur Forderung, das Gute lediglich aus innerer Achtung und Schätzung zu tun, allen Lohngedanken als eine Erniedrigung abzuweisen, der Außenwelt gegenüber volle Unabhängigkeit, ja, wenn es sein muß, trotzigen Stolz zu wahren. Aus solchem Gedankengange entwarf Plato in leuchtenden Zügen sein Bild vom leidenden Gerechten -- in weitem Abstand von der christlichen Fassung dieses Begriffes --, dessen innere Hoheit alles Leid und alle Verfolgung nur steigern, der eben dadurch das volle Bewußtsein seiner überlegenen Größe gewinnt. In verwandter Gesinnung wollten große Erzieher die sittliche Aufgabe ja nicht von den Erfahrungen des Weltlaufs abhängig machen, sie etwa auf die Lehre gründen, daß es dem Guten wohl und dem Bösen schlecht zu ergehen pflege, vielmehr sei die Seele genügend im Guten zu stärken, um die Freude an ihm allem Leid überlegen zu machen. »Eben die Besiegung oder vielmehr die Durchdringung und so Vernichtung der äußeren Hemmnisse des Lebens durch die eigene Willens-, durch die gesteigerte Tatkraft, diese ist es, welche dem Menschen im eigenen Bewußtsein Frieden, Freude und Freiheit gewährt« (Fröbel). Diese Denkweise hat selbstwüchsige Menschen erzeugt und Erz in das Leben gebracht, sie hat einer Verweichlichung der Menschheit widerstanden, sie hat auch in trüben Zeiten den Lebensmut aufrechtgehalten; so muß diese männliche Denkweise ein Stück unseres Lebens bleiben.

Aber sie hat gewisse Voraussetzungen und Schranken, die einen Abschluß bei ihr verbieten. Sie hat vornehmlich den Einzelnen und die Wahrung seiner Unabhängigkeit im Auge, der Stand des Ganzen macht ihr weniger Sorge, und den Aufbau eines geistigen Zusammenhanges unternimmt sie nicht; zugleich denkt sie den Einzelnen als stark und als den Verwicklungen nicht nur der Außenwelt, sondern auch der eigenen Seele vollauf gewachsen; so spricht sie mehr zu den Höhen als zum Gesamtstand der Menschheit, und bei aller Beteuerung der Würde alles Menschenwesens befaßt sie sich wenig mit den Niederungen des Menschenlebens. Auch wird das Leben hier mehr ein Abwehren als ein Vorwärtsschreiten. Die Grundüberzeugung wird tapfer gegen alle Zweifel und Widerstände behauptet, nicht aber das Leben durch Erschütterung, Zweifel und Leid hindurch wesentlich weitergebildet. Das Ganze ist mehr Festhaltung des alten Standes als Anbahnung eines neuen; ein solcher ist aber nicht zu entbehren, wenn das menschliche Leben im eigenen Innern schroffe Widersprüche enthält. So genügt die bloße Abwehr nicht, ohne Vorhaltung und Antrieb eines erhöhenden Ziels würde das Leben seine Spannung verlieren und leicht in trägen Stillstand kommen. Solches Stocken gilt es fernzuhalten, und das zu tun unternimmt die Religion.

Die Wendung zur Religion tritt in unsere Untersuchung nicht plötzlich und unvermittelt ein, denn unsere Überzeugung von der Eröffnung einer höheren Stufe des Lebens beim Menschen und seinem Getragenwerden dadurch enthält von Haus aus einen, wenn auch nicht direkt religiösen, so doch der Religion verwandten Charakter. Zu einer weiteren Ausbildung dieses Charakters treibt aber die Erfahrung der ungeheuren Widerstände, die das Geistesleben in der Welt des Menschen erfährt, sowie seiner Ohnmacht gegen sie; die Hemmungen mögen so lange sich leidlich ertragen lassen, als sie nur von außen kommen; sie werden unerträglich, wenn sie auch den tiefsten Grund des Lebens ergreifen, und mit unheimlicher Klarheit sich dort ein schroffer Zwiespalt auftut. Dann führt die Sachlage unvermeidlich auf dieses Entweder -- Oder: entweder kommt das Gesamtleben mit seiner bisherigen Eröffnung bei uns nicht weiter, und es wird damit das menschliche Leben völlig sinn- und zwecklos, oder es muß sich über den bisherigen Stand hinaus noch eine weitere Tiefe und Kraft erschließen, womit die Hemmungen freilich nicht einfach entfallen, aber eine Befreiung von ihrem Drucke möglich wird und das Streben wieder in Fluß gerät.

Hier setzt nun die Behauptung des Christentums ein und eröffnet neue Möglichkeiten. Freilich können wir diese als Philosophen und als Kinder der Gegenwart nicht entwickeln, ohne uns mit der überkommenen kirchlichen Fassung offen und ehrlich auseinanderzusetzen. Nach dieser Fassung ist der Mensch aus freier Entscheidung von Gott abgefallen und hat dadurch die ganze Welt in Tod und Elend verstrickt. Diese Schuld hat den Zorn Gottes erregt, Zorn natürlich nicht im Sinne eines Affektes, sondern als Ausdruck des sittlichen Ernstes; dieser Zorn ist zu beschwichtigen, und das kann nur durch eine Sühnung der Schuld geschehen. Eine solche Sühne kann aber nicht der durch seinen Fall alles sittlichen Vermögens beraubte Mensch vollbringen, sie kann nur dadurch erfolgen, daß Gott in seiner alles überwindenden Liebe selbst Mensch wird, die Schuld auf sich nimmt, sie durch Leiden und schmachvollen Tod sühnt und dadurch das Liebesverhältnis in voller Herrlichkeit wieder herstellt. -- Wir können unmöglich an dieser Stelle eine kritische Erörterung dieses Gedankenganges unternehmen[1], dessen gewaltigen Ernst und dessen aufrüttelnde Kraft wir aufrichtig anerkennen, aber der Behauptung wird sich kaum widersprechen lassen, daß er, dem Mittelalter entsprungen, heute vielen ernsten Seelen schlechterdings unhaltbar geworden ist, daß deren religiöse Überzeugung jener mittelalterlichen Fassung entwachsen ist. Es ist eine Torheit und ein Unrecht, sie deswegen einer geringeren Tiefe zu bezichtigen. Damit aber entsteht die Frage, ob sich das Christentum von jener Fassung ablösen läßt und doch eine Weltmacht bleibt, sowie dem Leben die gesuchte Erhöhung verspricht. Wir bejahen diese Frage zuversichtlich, wir bejahen sie von den Grundtatsachen des Lebens aus, die allem Wandel der Zeiten überlegen sind. Eigentümlich ist hier zunächst die Verschärfung des Problems. Das Übel wird hier nicht so sehr im Verhältnis zur Welt als im Innern selbst gefunden, die sittliche Schuld wird zur Wurzel alles Übels, zu dem, was allem Leid erst seine volle Schwere verleiht. Aber aller Erschütterung, die daraus hervorgeht, tritt die felsenfeste Überzeugung entgegen, daß das Göttliche nicht in jenseitiger Höhe über der niederen Sphäre verbleibt, sondern daß es in alle ihre Abgründe eingeht, ohne sich darin zu verlieren, daß es durch seine volle Selbstmitteilung dem Menschen ein aller bisherigen Betätigung überlegenes Leben mit einem neuen Mittelpunkt schafft, das aber aus einem unmittelbaren Verhältnis zum Ganzen des Lebens im Gegensatz zu allem Wirken und Schaffen an der Welt, in Bildung eines neuen Bereiches der Wirklichkeit auch gegenüber aller Geisteskultur. Damit wird die Grundtatsache der Setzung göttlichen Lebens im Menschen, diese Voraussetzung aller Geistigkeit, ein gutes Stück weitergeführt: was vorher sich über das ganze Leben ausbreiten sollte, das wird nun in sich selbst konzentriert und eröffnet damit noch mehr ursprüngliche Tiefe. Alle Größen und alle Begriffe müssen sich damit steigern. Die Innerlichkeit prägt nun noch stärker ihre Überlegenheit aus, indem sie sich in vollem Kontrast zur Welt entwickelt, die Gesinnung wird hier bei sich selbst zur Tat, die Idee des Geisteslebens wächst zur Gottesidee und das Reich des Geistes zum Gottesreich. Die Eröffnung des neuen Lebens an den Menschen wird damit weit mehr zur freien Tat, zur rettenden und erhöhenden Tat, zu einer Bekundung der Liebe, die nichts verloren gehen läßt und sich mit ihrer ganzen Fülle gibt. So durchgängig eine seelische Erwärmung und zugleich eine festere Einwurzelung des erhöhenden Lebens.

Der eigentümliche Charakter dieses neuen Lebens erscheint besonders deutlich in seinem Verhalten zum Leid. Jenes flieht nicht das Leid und sucht es nicht irgendwie abzuschwächen, sondern es würdigt es vollauf und geht in seine ganze Ausdehnung ein, nicht um es stehen zu lassen, wie es steht, sondern um es in einen Gewinn zu verwandeln. Solche Verwandlung ist keineswegs so leicht und einfach, wie oft behauptet wird. Denn der oft gehörten Meinung, daß das Leid die Seele veredle und vertiefe, widerspricht schnurstracks die Erfahrung. Im gewöhnlichen Lauf der Dinge macht das Leid den Menschen eher eng, klein, scheelsüchtig, es bringt viel Jämmerlichkeit zutage, während die Befreiung von Not und Sorge das Herz erweitert und hilfsbereit macht. Vertiefend kann das Leid nur wirken, wenn der Erschütterung des Menschen eine höhere Macht entgegenkommt und ihm durch die Erschütterung hindurch sich selbst erschließt. Dann läßt sich auch im Menschen etwas wecken, das ihm bis dahin unzugänglich blieb, dann läßt sich auch ein Glaube an den Menschen wiedergewinnen, an den Einzelnen wie an die Völker und an das Ganze der Menschheit. Dieser Glaube geht dann aber nicht auf den natürlichen Stand und die Naturbegabung des Menschen, sondern auf das in ihm eröffnete und ihm als eigenes Selbst verliehene göttliche Leben. Von hier aus erhält erst die Tatsache volles Licht und einen festen Zusammenhang, daß in schwerem Leid oft Edles unerwartet im Menschen hervorbricht, und daß damit dasjenige, was bisher unser ganzes Wesen dünkte und uns starr zu binden schien, sich als eine besondere Stufe erweist, über die es zwingend hinaustreibt. So geschieht es wohl auch den Kulturen: was besonderen Zeiten die endgültige Lösung scheint, das erweist sich in großen Prüfungen, wie wir eine solche auch heute erleben, als unzulänglich und schal; auch im Gelingen leben die Kulturen sich aus und werden greisenhaft; ein Verzagen und Verzichten wäre kaum zu vermeiden, bestünde nicht eine Möglichkeit des Hervorbrechens neuer und reiner Anfänge, die Möglichkeit eines Jugendlichwerdens der Menschheit. Aber woher soll diese neue Jugend kommen, wenn sich nicht der Menschheit ursprüngliche, von der Verwicklung unberührte Lebensquellen erschließen? So macht diese Lebensoffenbarung, und wohl nur diese, es möglich, das Leid in seiner vollen Herbheit anzuerkennen und darüber den Mut des Lebens nicht zu verlieren, ihn vielmehr weiter zu steigern. Da aber auch beim Siege das Leid nicht völlig verschwindet, sondern sein Wirken fortsetzt, so kann dieses Leben beide Pole gegenwärtig halten: Schmerz und Freude, Hemmung und Überwindung, und die Seele dadurch in unablässige Bewegung versetzen. Jener Aufstieg zum Ja durch das Nein macht mit seiner Forderung einer durchgreifenden Wandlung erst eine Geschichte der Seele möglich, erhebt auch die Weltgeschichte erst zu einer wahrhaftigen Geschichte, während sie sonst eine bloße Evolution, ein bloßer Naturprozeß bleibt. Es hängt damit zusammen, daß, wie William James bemerkt, sich gehaltvolle Selbstbiographien in der Weltliteratur fast nur auf dem Boden des Christentums finden. Was hätte man auch zu berichten, wenn die Seele als Ganzes keine Aufgabe in sich trägt?

Bei der näheren Entwicklung dessen sei aber mit voller Kraft und Klarheit der Gedanke gegenwärtig gehalten, der unsere Erörterung leitet, der Gedanke, daß das Ganze selbständigen Lebens, das nunmehr als ein göttliches anerkannt wird, den Menschen nicht nur mit einzelnen Wirkungen berührt, sondern mit seiner ganzen Fülle als eine selbständige Lebensquelle unmittelbar in ihn gesetzt wird. Das entspricht dem Grundgedanken des Christentums von dem vollen Eingehen Gottes in die Welt und dem Göttlichwerden des Menschen. Es ergeben sich daraus notwendig zwei Forderungen, die einander leicht widersprechen können: das neue Leben muß in jeder Seele schlechterdings ursprünglich sein und zum Kern ihres eigenen Wesens werden, zugleich aber muß es das Ganze einer Welt in sich tragen, es muß daher, um sich zu entfalten, auch im menschlichen Bereich ein großes Lebensreich bilden, es darf nicht eine Sache des bloßen Individuums bleiben. Wir dürfen nicht alles nur auf uns beziehen und meinen, wovor Eckhart warnt, Gott habe »die ganze Welt vergessen bis auf mich allein«. Wir wissen, wie diese Zweiheit sich geschichtlich im Gegensatz von Kirche und Persönlichkeit ausdrückt, dort die Gefahr einer Bindung des Einzelnen und eines Zurücktretens der Gesinnung vor den Leistungen, den »religiösen Pflichten« -- ein höchst unsympathisches Wort --, hier die einer Zersplitterung in lauter individuelle Kreise, zugleich die Gefahr eines Überwucherns subjektiver Zuständlichkeit, eines Mangels an geistiger Substanz. Jener Gedanke der Untrennbarkeit beider Seiten gestattet ein Streben nach einer Überwindung des Gegensatzes, er verhindert, die Spaltung in Katholizismus und Protestantismus als endgültig hinzunehmen, da jede Seite eine unentbehrliche Wahrheit vertritt, die sich ohne schweren Schaden nicht verdunkeln läßt.

Zu solcher Verwicklung der Gestaltung gesellt sich die Schwierigkeit einer Umsetzung der Grundtatsachen in eine Gedankenwelt. Da jene Tatsachen über dem Bereiche der Arbeit liegen, der unsere Begriffsbildung beherrscht, so können sie in Begriffen nur annähernd dargestellt werden, so müssen oft Bilder genügen, um das Erlebnis faßbar zu machen. So namentlich beim Gottesbegriffe selbst. Es erscheint hier viel Schwanken zwischen verschiedenen Fassungen, zwischen ontologischen Größen, wie absolute Einheit, absolutes Sein, die mehr eine philosophische als eine religiöse Bedeutung haben, und Größen, welche den Begriff dem menschlichen Empfinden näherrücken, wie namentlich dem der Persönlichkeit, die damit mehr Wärme gewinnen lassen, aber zugleich der Gefahr eines Verfallens ins Bloßmenschliche ausgesetzt sind. Tatsächlich pflegen zwei verschiedene Gottesbegriffe ohne eine genügende Auseinandersetzung ineinander zu verfließen. Diese Spaltung von Weite und Ferne einerseits, von Nähe und Enge andererseits, die das religiöse Leben nach entgegengesetzter Richtung treibt, ist nur zu überwinden, wenn als Grundbegriff nicht das absolute Sein, sondern das absolute Leben gilt, zugleich aber die Gegenwart dieses Lebens beim Menschen anerkannt und er damit über die bloße Besonderheit hinausgehoben wird. Auch so verbleibt es freilich bei bloßen Annäherungen, aber das macht uns den Grundgehalt mit seiner Erhöhung des Lebens keineswegs unsicher oder machtlos. Die Sache sinkt dadurch nicht zu einem bloßen Spiel der Phantasie, daß der Mensch zu ihrer Darstellung der Bilder nicht entraten kann.

Daß jene Schranke dem Leben der Religion nicht allzu gefährlich wurde, das bewirkt vornehmlich die tatsächliche Gestaltung des Christentums auf dem Boden der Geschichte. Wir denken dabei namentlich einerseits an den Aufbau einer religiösen Gemeinschaft als einer lebensvollen Gegenwärtighaltung einer höheren Ordnung, eines Reiches Gottes auf Erden, wie die Kirche sie bildet oder doch zu bilden strebt, andererseits an die starken Persönlichkeiten, welche das Christentum aufweist, und deren vollste Kraft es gewann, vor allem an die begründende Persönlichkeit Jesu. Die Eigenschaften, die sich uns zur Entfaltung alles höheren Lebens in der Menschheit vornehmlich notwendig zeigten, erscheinen hier in einer das sonstige Maß weit überschreitenden Verkörperung. Wir forderten Liebe, damit die Bewegung zur Höhe alle Hemmungen des niederen Standes überwinde, hier finden wir eine Liebe, welche die von Plato und Goethe gepriesene Liebe mit ihrer Innigkeit und Opferwilligkeit weit übertrifft; wir forderten volle Selbständigkeit und Ursprünglichkeit; wie könnte sie größer sein als hier, wo ein von Grund aus neues Leben entsteht und ganz und gar aus sich selber schöpft; wir forderten Tapferkeit und Unerschrockenheit; wo könnte sie größer sein als hier, wo nicht dieses oder jenes in der vorgefundenen Welt, sondern diese ganze Welt angegriffen und entwertet wird? So ging von hier ein Lebensstrom aus, der den Jahrtausenden ursprüngliches Leben zuführt und die Menschheit immer wieder zu sich zurückruft, damit sie an ihm sich läutere und aus ihm ein neues Leben schöpfe. Die verschiedenen Zeiten sahen und fanden bei ihm verschiedenes, aber wer immer in nähere Berührung mit ihm trat, der fühlte sich zur Ehrfurcht vor der schlichten Hoheit des Zimmermannssohnes gezwungen und fand sein Leben durch ihn gehoben, ja in neue Bahnen getrieben. Nur führe alle Verehrung nicht zu einem Jesuskult und zu einer Anbetung, die dem göttlichen Wesen selbst allein vorbehalten sei; sie darf das auch deshalb nicht, weil damit leicht der Zusammenhang mit dem gemeinsamen Menschheitsleben gelockert und das Christentum zu sehr als eine einmalige Tat, zu wenig als ein die ganze Geschichte durchdringendes, jeden Einzelnen zur Mitarbeit und zur Fortführung aufrufendes Werk verstanden wird. Die alte Kirche, zum Beispiel der größte Kirchenlehrer des Morgenlandes, Origenes, fand die Forderung nicht zu kühn, jeder solle nicht bloß ein Anhänger Christi sein, sondern selbst ein Christus werden; wir Neueren werden den Gedanken wohl anders fassen, aber darauf müssen auch wir bestehen, daß das Christentum einen fortlaufenden Lebensstrom, ein gemeinsames Werk bilden muß, wenn es die Menschheit geistig führen und in jedem Einzelnen sichere Wurzel schlagen soll. Wir sehen, an Verwicklungen fehlt es nicht, aber es sind Verwicklungen nicht der Kleinheit, sondern der Größe, und allen Verwicklungen gegenüber erhält sich die eindringliche Wahrheit und die schlichte Einfalt des Grundbestandes. Vieles Grübeln führt dabei nicht weiter, geben wir uns vielmehr rückhaltslos der Größe dieser Welttatsache hin, gedenken wir der Worte Pestalozzis: »Das Staunen des Weisen in die Tiefen der Schöpfung und sein Forschen in den Abgründen des Schöpfers ist nicht Bildung der Menschheit zu diesem Glauben. In den Abgründen der Schöpfung kann sich der Forscher verlieren, und in ihren Wassern kann er irre umhertreiben, fern von der Quelle der unergründlichen Meere. -- Einfalt und Unschuld, reines menschliches Gefühl für Dank und Liebe ist Quelle des Glaubens. Im reinen Kindersinn der Menschheit erhebt sich die Hoffnung des ewigen Lebens, und reiner Glaube der Menschheit an Gott lebt nicht in seiner Kraft ohne diese Hoffnung.«