Der Silbergarten. Der Stein des Pietro. Zwei Erzählungen
Part 7
Die Unebenheiten der Steinfläche wußte er geschickt auszunutzen, hier nur mit ein paar Lichtern nachzuhelfen, dort den graubräunlichen Grundton stehen zu lassen. Lebendig wuchs das alte, zusammengesunkene Häuschen vor ihm auf, mit den grünen Jalousien, dem lichtdurchstrahlten Weinlaubengang und dem blauen Himmel darüber. Vorn auf der Bank die breite Gestalt des festen Trinkers Vincenzo und vor der Haustür -- ein schlankes Weib im roten Rock, seine Mutter. Das Bildchen rief lebhafte Anerkennung hervor.
»Der versteht's« riefen bewundernde Stimmen, und mehrere Soldi rollten klappernd auf den Stein.
Aber es war niemand von den Alten da, die das Haus wiedererkannt hätten, und Pietro empfand seine Einsamkeit mit einem Gemisch von drückender Schwüle und wehmütiger Befreiung.
Sein Stein und er waren die einzigen Wissenden; sein Stein und er hatten sich allein etwas zu sagen.
Und aus der Tiefe seiner Seele quoll der Wunsch in ihm hervor, seinem Stein ein anderes geliebtes Bild aufzuprägen.
In feierlicher Stimmung begann er an einem stillen, heißen Sommertage die Züge Annunziatas in Pastellfarben auf den Stein zu zeichnen.
So wie sie damals vor dreiundzwanzig Jahren vor ihm gestanden, lieblich, berückend, mit grauen Madonnenaugen in dem schelmischen Elfengesicht.
Er gönnte seiner Seele diesen Feiertag. Wer wußte hier noch von ihr und ihm?
Es wurde kein Meisterwerk, aber sein Meisterwerk war's immerhin. Nie hatte er Besseres geschaffen. Sein Herz, sein Blut und seine Trauer hatten mitgemalt, und lebendig leuchtete ihm die Annunziata seiner Liebe aus der graubraunen Fläche des Steins entgegen.
Wie immer sammelten sich die Müßigen um den wunderlichen Gesellen.
Die freudige Neugierde, der zufriedene Stolz auf den Künstler und Landsmann machten sich in lauten Beifallsworten Luft.
Der einsame Pietro, er, in dessen verschlossene Seele kein anderer hineingeschaut hatte, er gehörte zu ihnen. Ihnen gehörte dieser Sonderling, den sie nicht begriffen, dieser weltfremde Schweiger, so wie ihnen das stumme Vorgebirge Portofino gehörte, das blaue Meer und die stachligen Agaven. Ein Gewächs ihres schönen Landes war er wie sie. Wer fragte danach, warum das Meer so blau, warum Portofino so schön, warum die Agavenblätter so spitz und drohend aussahen wie Schwerter? Es war so, und daher nahm man die Dinge so, wie sie waren, die Dinge und die Menschen. Mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und einer Note von überlegenem, gutmütigem Spott.
Pietro Ferrari war der Ihre. Er war viele Jahre außer Landes gewesen. Er war in der Fremde geworden -- was kümmerte das sie? Ob seine engere Heimat Genua gewesen oder Florenz -- danach fragten sie nicht. Genug, er war Italiener.
Nun aber trat ein Genuese an den Stein heran und betrachtete das Bildnis lange.
»~Per bacco!~« sagte er, »das ist ja die schöne Signorina Maria Torresino, wie sie leibt und lebt! Die soll ja nächstens Hochzeit machen mit dem reichen Seidenfabrikanten Andrea Parrini aus Bergamo.«
Er warf ein blankes Zwanzigcentesimistück auf den Stein.
Pietro zuckte zusammen, aber er würdigte ihn keiner Antwort.
»Der, der den Pietro zum Reden bringt, wenn er nicht will, der muß noch erst geboren werden!« höhnte ein brauner, schmucker Bursche in Hemdsärmeln. »Das ist ein Schweiger aus eigenen Gnaden und ein Künstler dazu! Jeder Mann hat eben sein Vergnügen!«
Zu aller Erstaunen wendete Pietro sich um.
»Wo soll die Hochzeit sein und wann?« fragte er kurz.
Die Frage kam so unerwartet, daß alle ihn verblüfft anstarrten.
»Nun, übermorgen, im Lorenzodome. Halb Genua spricht ja davon. Hoch soll's hergehen dabei. Wie schön die Braut ist, davon redet ja sogar Euer Stein! Das brauche ich Euch nicht erst zu sagen.«
Schweigsam packte Pietro seine Pastellstifte zusammen. Dann fuhr er mit dem Ärmel gleichmütig über das blühende Antlitz, und in eine unkenntliche, farbenreiche Masse aufgelöst, starrte ihm sein zerstörtes Werk entgegen. Er wandte sich zum Gehen.
Ein einziger Laut des Bedauerns ging durch die Reihen.
Pfiffig zwinkerte der Genuese mit den Augen.
»Solche Künstlergrillen haben ihre Geschichte,« flüsterte er. »Ich wette, euer seltsamer Maler hat sein Herz an die schöne Maria Torresino verloren!«
»Dann muß er ein Genuese sein!«
»Nein, er stammt hier aus Quinto. Das weiß ich von dem alten Eisenwarenhändler Philippo -- der will ihn sogar erkannt haben.«
»Wie, der alte Maulwurf mit seinen triefenden, halb blinden Augen?«
»Vor dreiundzwanzig Jahren soll der Pietro ein schöner Bursch gewesen sein!«
»Dreiundzwanzig Jahre! Das ist eine lange Zeit!«
»Nun freilich. Aber einen Maler Pietro Ferrari hat's damals hier nicht gegeben.«
»Wenn Euch die Sache keine Ruhe läßt, so geht doch selber zu ihm hin und fragt ihn.«
So schwirrten die Reden und Gegenreden durcheinander. Pietro war schon längst in seiner Stube und starrte trübsinnig vor sich hin. Was gingen ihn all die schwatzenden Leute an? Er sehnte sich nach seinem Stein und dem verlorenen Bildnis seiner Annunziata.
Maria Torresino -- das also war ihre Tochter.
Er mußte sie sehen. Er mußte.
In aller Frühe, noch ehe der glühende Sonnenball über das Vorgebirge Portofino hervorschaute, wanderte er am nächsten Morgen nach Genua.
Zwecklos trieb er sich in den lärmenden Straßen umher. Aber am folgenden Tage fand er sich im Lorenzodome ein.
Er sah sie wieder. Seine Annunziata, verjüngt, verklärt in dem Bilde der wunderschönen, lieblichen Braut Maria Torresino.
Seine Annunziata aber erkannte er nicht wieder. Eine dicke, gemächliche Frau, laut und aufdringlich in Stimme, Kleidung und Bewegungen. Und er sah Maria Torresino als Maria Parrini über die breiten marmornen Kirchenfliesen zurückgehen -- nein, Annunziata, noch immer seine Annunziata ...
Und alles, was vom Künstler und vom einsamen, um sein Glück betrogenen Menschen in ihm war, schrie auf und heftete sich in einem langen, verzehrenden, glühenden Blick an ihre Züge.
Sie hatte er gemalt. So ähnlich war sie ihrer Mutter. Sie war die Sehnsucht seines Lebens gewesen! Zurück -- zurück zu seinem Stein!
Dort mußte sie wieder auferstehen ...
Ärmer denn je, verlassener denn zuvor -- nur sein Stein, sein Stein, der stumme Gefährte all seiner verschwiegenen Bitternisse, der Wissende, der einzige Freund -- zu ihm zurück!
Er lief mehr als er ging, die Landstraße entlang. Brütende Mittagglut über dem blauen, schillernden Meer. Rasselnde Fuhrwerke hüllten ihn in Wolken von Staub. Der Schweiß troff in Strömen von seiner Stirn. Er achtete es nicht. Zurück zu seinem Stein!
Er allein war Heimat ihm und Freund, er allein gab Nahrung ihm und Arbeit, gab ihm die wehmütig-trübe Freude der Erinnerung.
Sein Stein!
Vor Pietro tauchten die ersten Häuser Quintos auf. Erschöpft verlangsamte er seine Schritte.
Wie nach langer, mühseliger Lebenswanderung fühlte er sich von den wenigen Meilen entkräftet und zerschlagen.
Schon sah er die beiden gegabelten Straßen, die nach dem nahen Nervi führen. Dort, wo die Wege zusammentrafen, stand eine lärmende Menschengruppe.
Er hatte doch nichts Neues auf seinen Stein zeichnen können, weshalb wären denn die vielen Menschen da? War ihm jemand im Zeichnen zuvorgekommen?
Mit erzwungener Gemessenheit schob er sich heran.
Da blieb er stehen, als hätte ihn ein Schlag vor den Kopf getroffen. Bleich wie Kreide stand er da und blinzelte hastig und unsicher mit den geröteten Lidern.
Um der Barmherzigkeit willen -- was war geschehen? Wo war denn sein Stein?
Ein tief eingedrücktes Viereck im harten, trockenen Erdboden war die einzige Spur seines letzten Freundes.
Wo war sein Stein hin ...?
Ratlos, benommen stierte Pietro nach dem leeren Platz. War er verhext?
»Wo ... wo ist ...?«
Heiser und kraftlos gurgelte er die wenigen Worte hervor. Er wies auf die leere Stelle.
»Ah, der Alte da -- das war harte Arbeit -- einen Riß hat er beim Heben davongetragen. Angekauft ist der Platz zum Hausbau. Den Stein hat man soeben fortgeschafft -- ins Meer soll er, ist ja zu nichts mehr gut.«
Pietro atmete kurz und schwer. Ein Schwindel wirbelte ihm alle Dinge wild im Kreise. Häuser, Menschen tanzten auf und nieder, hin und her.
»Mein Stein ...« sagte er nur mechanisch vor sich hin, »mein Stein ...«
Rasch eilte er die untere der Parallelstraßen entlang. Dort um die Ecke bog ein schwerer, zweiräderiger Karren, von fünf Maultieren langsam fortbewegt. Darauf sah er seinen Stein.
Atemlos rannte er ihm nach. Unbarmherzig hieben die Lastfuhrleute auf die müden Tiere ein. »J--uh! J--uh!« tönte es aufmunternd aus drei rauhen Kehlen.
Pietro hielt seinen Stein mit beiden Armen umklammert. »Nicht ins Meer,« bettelte er mit zerbrochenem Ton, »nicht ins Meer ... den Stein!«
Die Treiber sahen den wunderlichen Gesellen an.
»Das ist so Befehl vom Syndako,« sagte einer gleichmütig. »Fortgeschafft soll er werden.«
Und weiter mit »J--uh! J--uh!« karrte der hochräderige Wagen.
Betäubt, zerbrochen folgte Pietro dem Fuhrwerk. So war es gewesen, als man seinen Herrn begrub.
Das Letzte hatte man ihm genommen. Das Allerletzte.
Am Klippenstrand von Nervi, dort, wo ein vormaliger Sarazenenturm trotzig aufragt, steht jetzt ein Frauenkloster, die letzte Zuflucht der aus Frankreich vertriebenen grauen Schwestern.
Still und lüstern funkelte tief unten das blaue Meer ...
Auf den äußersten Vorsprung dieser mächtigen, graubraunen Klippen lenkte man das Fuhrwerk.
Still standen die geduldigen Maultiere -- wie aus Stahl gegossen.
»~Uno momento -- -- avanti!~«
Wie zwei Säulen durchschnitten die Fehmerstangen des Karrens plötzlich die mittagsblaue Luft -- der Karren kippte -- mit dröhnendem Krachen sauste Pietros Stein hinein in die azurblaue Tiefe.
Weit beugte sich Pietro vor. In dem glasklaren Wasser von tiefsmaragdenem Grün sah er seinen einzigen Freund.
»~Ecco! Basta!~« rief einer der Maultiertreiber.
Und wieder über den knirschenden Kies knarrte das leere Fuhrwerk weiter -- --
Pietros Leben hatte allen Inhalt verloren. Auf einem anderen Stein konnte er nicht zeichnen -- es war ja nicht sein Stein.
Verstört und ruhelos schlich er in den Straßen umher. Die Leute beobachteten ihn scheu.
»Es ist nicht richtig mit ihm!« flüsterten sie.
»Wie er an dem alten Stein hing!«
»Nie war er ein Mensch unter Menschen!«
»Was redet ihr da? Ein Stein ist er unter Steinen, und zu den Steinen gehört er auch hin ...«
Pietro hatte die letzten seltsamen Worte gesprochen, düster, mit bitterem Grimm.
Betreten wichen sie zurück.
Und eine Woche später war er verschwunden.
Man suchte ihn vergebens. War er verunglückt? Niemand wußte es zu sagen. Vielleicht war er von den schlüpfrigen Felsenklippen hinabgeglitten ... denn immer wieder hatte es ihn zu seinem Stein getrieben.
In seiner Kammer fand sich kein Bissen Brot, kein einziger Soldo -- nichts außer dem Malgerät und ein paar Kleidungsstücken.
Trübe schüttelte der Schenkwirt das Haupt.
»Mich dünkt, er war ein Mensch unter Steinen!« sprach er gedankenvoll.
Ende.
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