Der Silbergarten. Der Stein des Pietro. Zwei Erzählungen

Part 6

Chapter 63,685 wordsPublic domain

Sibylle hat ihn nie wiedergesehen. Jahre kamen und gingen, und sie wuchs und erstarkte in ihrer Seele. Sie entfaltete sich wie eine Wunderblume. Wie ein freundliches Gestirn sandte sie ihre Strahlen in Nacht und Dunkel an Kranken- und Sterbebetten. Wo es Leid zu tragen und Wunden zu heilen gab, war sie zur Stelle; wo es zu raten, zu helfen, zu lindern galt, fand sie sich ein; wo man der Mitfreude bedurfte, da konnte man gewiß sein, ihrem freundlich-gütigen Lächeln zu begegnen. Wenn aber jemand über Sünde und Schuld richtete und hart verurteilte, die gefehlt hatten, da war sie es, die zur Milde ermahnte. »Wir stehen allesamt an der Schwelle der Schuld,« sagte sie dann; »es weiß keiner, ob er nicht schon diese Schwelle übertreten hat. Niemand hebe den ersten Stein!« Die Leute im Dorfe nannten sie oft kopfschüttelnd ihre Heilige. Gegen Kummer, Kränkungen und Leid jeder Art schien sie fortan gefeit zu sein -- es gab ja nichts mehr, wodurch man sie hätte leiden machen können. -- Mitten im Winter, am Datum ihres Geburtstages, am 9. Dezember, legte sie plötzlich ihre Trauergewänder ab und ging fortan in ihren lichten weißen Kleidern wie vor dem Tode ihrer Eltern. Die Leute zerbrachen sich die Köpfe über diese freudige Wandlung; die alte Kastellanin hatte den Grund vielleicht erraten, aber sie nickte nur mit dem greisen Kopf und schwieg. Sibylle hatte an diesem Tage zwei Pakete aus Berlin erhalten; in dem einen war ein Buch: »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde«, aus dem anderen fielen duftende Stiefmütterchen, das Wort »~Pensées~« stand auf einem Zettel.

Geliebt, auf Händen getragen von ihrer Umgebung und dennoch gänzlich vereinsamt, lebte sie dahin, Jahr um Jahr, und sie freute sich wie ein Kind, als sie ihr erstes weißes Haar entdeckte. Ihr Leben ward in seiner scheinbaren Einförmigkeit so reich und vielfältig, daß sie es nicht hätte gegen irgendein anderes eintauschen wollen. Alle Jahre zweimal aber hatte sie besondere Festtage: das eine Mal an ihrem Geburtstage, wo sie immer wieder einen Strauß Stiefmütterchen oder weißen Flieders und ein gutes Buch erhielt, das zweite Mal an dem Datum ihres Wiedersehens mit Arno im Mai. Da brachte ihr die Post einen Strauß Alpenblumen, Edelweiß und Veilchen, oft als Gruß aus nächster Nähe, und sie wußte, Arno streifte dann einsam durch die Dolomiten, seine innere Heimat -- sie -- mit der Seele suchend.

Sie begann sich im heißen Sommer auf den Silbergarten des Winters zu freuen und im Winter auf den Mai, der ihr in seinem zarten Frühlingsgewande fast ebenso lieb geworden war. In ihrem tiefsten Innern aber hatte sie sich einen eigenen Silbergarten gezogen, den sie vor fremden Blicken zu wahren und zu hüten wußte. Hier träumten Wunderbäume, ihre heiligsten Erinnerungen, bereift und seltsam, schauten nach innen und harrten der Zeitlosigkeit entgegen. Die goldenen Tore des äußeren Lebens hatten sich für Sibylle früh geschlossen, andere goldene Tore aber taten sich weit und lockend auf. Gestorben war sie, um zu werden.

Einmal war sie auch wieder nach Wangen gefahren, aber sie blieb dort nur kurze Zeit. Der Vormund schlug ihr nun selbst vor, das Gut zu verkaufen, da er einen zahlungsfähigen Käufer gefunden hatte. Sie aber schüttelte mit einem leisen Lächeln den Kopf. »Ich habe meine Verfügungen darüber schon anders getroffen,« sagte sie freundlich.

Das Erbgut ihrer Eltern vermachte sie testamentarisch Arnos Sohn und der kleinen Marie-Sibylle.

Der alte Pastor schüttelte bekümmert das Haupt. »Sie hatte alle Anlagen zu einer echten Christin,« meinte er, »aber ihre Verinnerlichung und Umdichtung der Natur ist doch wohl nicht der direkte Weg zum Heil.« Und zu Sibylle sprach er, als er von ihrer Tätigkeit hörte: »Martha, Martha, du machst dir viele Mühe.«

So war sie einsam, wie sie als Kind gewesen, einsam bis ins innerste Mark, doch nicht allein. Sie hatte ja doch ihren köstlichen Silbergarten, und da träumten hohe, schlanke Bäume und dufteten, leuchtete glanzerfüllte Stille. -- --

Der 18. Mai war gekommen. Sibylle saß in festliches Weiß gekleidet in ihrer tiroler Heimat in ihrer Lieblingsallee, einen köstlichen, taufrischen Strauß Alpenblumen vor sich, den ihr die Post soeben gebracht hatte.

Da trippelte die alte Kastellanin freudig erregt auf sie zu. »Es ist ein junger Herr da, gnädig Fräulein,« sagte sie geschäftig, »der fragt nach gnädig Fräulein.«

Sibylle öffnete weit die Augen -- ein schöner, schlanker Knabe von etwa fünfzehn Jahren kam eilends über den Gartenkies gelaufen und schwenkte seine Touristenmütze.

»Tante Sibylle! Liebe Tante Sibylle!« rief er von weitem. Er trat vor sie hin, groß, braun, feurig, und küßte ihr ritterlich die Hände.

»So bist du Arnos Sohn!« sprach sie mit zitternder Stimme. Sie legte ihm die feinen Hände auf die Schultern und sah ihm tief in die Augen. »Arnos Augen!« murmelte sie.

Der Knabe stand betreten. Eine heilige Ahnung mochte seine junge Seele durchrieseln.

»Mein Vater --« er stockte, »wir sind auf einer Gebirgstour -- die Blumen hat er alle selbst gepflückt ... ich darf vierzehn Tage bei dir bleiben, wenn du mich magst.«

»Mein lieber Junge,« sie schloß ihn in ihre Arme, »wenn du bei mir bleiben magst!«

»O -- gern!« sagte er ein wenig gönnerhaft. »Du bist mir doch viel lieber als Tante Elisabeth, die redet immer so gräßlich fromm.«

Sie lachte hell auf.

»Wie du lachen kannst!« sagte er anerkennend, »und doch hast du weiße Haare!«

»Wir wollen noch oft zusammen lachen -- du mußt mir aber auch alle deine Schulstreiche erzählen, gelt?«

»Hm,« meinte er listig zwinkernd, »wenn wir erst damit anfangen, gibt's sobald kein Ende. Ich bin aber Primus in Sekunda geworden -- weißt du das schon?«

»Potztausend!« sagte Sibylle mit lachenden Augen, »da wird sich der Papa aber gefreut haben!«

»Na und ob!« meinte der Junge selbstbewußt. »Ich hab' ja auch nur Papa zuliebe gebüffelt, denn eigentlich mach' ich mir aus dem ganzen gelehrten Kram wenig. Landwirt möcht' ich werden! Das ist doch eine andere Sache!«

»Du bist ja ein Blitzkerl!« sagte Sibylle strahlend. »Was sind denn sonst deine Passionen? Schlittschuhlaufen, Skilaufen, Reiten und, ich wette, Sahnentörtchen -- heraus mit den Leibspeisen, Junge!«

»Oho! Das kommt später -- ausführlich. Ich hab' dir aber noch was mitgebracht, Tante Sibylle. Erst die Pflicht, dann das Vergnügen. Das ist nämlich Papas Lieblingsspruch.«

Er suchte umständlich in seinen Taschen und holte eine Photographie hervor. »Das da ist Marie-Sibylle!« sagte er mit verschämtem brüderlichen Stolz. »Ein ganz passables Mädel -- nicht? Und hier -- das schickt dir der Papa, das hast du ihm einmal als kleines Mädel geschenkt. Vielleicht macht es dir Freude. Ihm ist es lieber als alle Schätze -- komisch, was? Aber Papa kann man so was nachsehen -- er ist schon so besonders!« schloß er großmütig. Wichtig überreichte er ihr eine alte Zündholzschachtel. Sie zog sie auf, darin lag in verblaßtem rosa Seidengewand ein winziges Püppchen -- Lady Rosalind.

Der Stein des Pietro.

In Quinto bei Genua, dort, wo sich der Weg nach Nervi zu gabelt, lag vor einigen Jahren noch ein mächtiger Quaderstein. Rauh war seine Oberfläche und ein wenig schartig, wie das pockennarbige, mitgenommene Gesicht eines älteren Mannes, der auch sonst vom Leben nicht allzusehr geschont worden war. Die Unbilden der Witterung, sowohl die sengende Glut italienischer Sommer wie die andauernden Regenperioden und die heftigen Stürme des Mittelmeeres, hatte er seit vielen, vielen Jahren über sich ergehen lassen müssen. Dennoch stand er so bieder, so fest und treuherzig da wie am ersten Tage, da ihn ein unbekannter Zufall auf diesen Platz gestellt haben mochte.

Zu welchem Zweck und aus welcher Ursache er hierhergekommen war, danach fragte niemand; genug, er stand nun einmal da, trotzig und unentwegt, und diente bereits seit grauen Zeiten den Wanderern als willkommener Ruheplatz, den Fremden als orientierendes Merkmal, den spielenden Kindern, die lachend auf ihm herumzuklettern pflegten, als freundlich stummer Gefährte.

Vor vier, fünf Jahren etwa kam ein sonnengebräunter, fremder Gesell des Wegs gezogen, einen Basthut im Nacken, einen derben Stock in der Hand, einen abgenutzten Ranzen auf dem Rücken. Er kam von Genua und mußte seiner Kleidung nach von weit her sein.

Düster schaute er aus brennend schwarzen Augen geradeaus. Das magere, braune, fest umrissene Gesicht war von wenigen, aber tiefen Falten durchfurcht, die Zeit und einförmiger Kummer hineingegraben haben mochten. Von den Nasenflügeln an den Mundwinkeln vorbei gruben sich wie vielbenutzte, einsame Fahrstraßen harte Linien und verliefen erst unter dem festen Kinn. Auch die schön gewölbte Stirn zeigte Furchen und Rinnsale, die sich über den beweglichen Augenbrauen in scharfen, bogenförmigen Strichen zeichneten.

Als habe das Leid sich nicht genuggetan in der Ausmeißelung dieser schmerzlichen Züge, hatte es auch noch zwei finstere, tiefe Rinnen von den Augenwinkeln quer über die Wangen gezogen. Ein dunkler Schnurrbart verschleierte einen feinen, träumerischen Mund, über den sich eine starke, hagere Nase buckelte, als erhebe sie energischen Protest gegen alle weicheren Regungen. Es war ein einsames, schwermütiges Gesicht.

Rüstig wanderte der Mann vorwärts und begleitete seinen Schritt mit dem taktmäßigen Aufschlagen seines Stockes.

Seine Gangart war noch jugendlich. Er mochte in der Mitte der vierziger Jahre stehen. Als er den großen Quaderstein von weitem erblickte, leuchtete es hell auf in seinen durchfurchten Zügen.

Rasch ging er auf ihn zu und blieb gedankenvoll vor ihm stehen.

»Hier war es,« murmelte er, »grad vor dreiundzwanzig Jahren ... an einem heißen, blauen Tage wie heute.«

Und fast zärtlich strich er mit der gebräunten, feingliederigen Hand über die rauhe Steinfläche.

Dann setzte er sich darauf, warf seinen Ranzen ab und stützte die Ellbogen auf die Knie.

Trübe starrte er die Straße entlang.

»Alles verändert -- neue Häuser, neue Menschen, neue Zeiten. Annunziata verheiratet, Emilio und Giovanni hinaus in die Welt ... von dem Hause des Vaters auch nicht ein Stein! Ah, sakramento!«

Seine Züge zogen sich in bitterem Gram zusammen.

Alle Furchen wurden tiefer.

Er nickte düster mehrmals vor sich hin.

»Nur dieser Alte hat noch das gleiche Gesicht.«

Regungslos blieb er eine Weile sitzen. Seine hagere Gestalt war in sich zusammengesunken.

Die Kindheitserinnerungen gaukelten ihm lichte, freundliche Bilder vor die Seele.

Drüben an Stelle des fünfstöckigen, kasernenartigen Gebäudes hatte die kleine Osteria seines Vaters gestanden mit weinumranktem Laubengang. Sein freundliches Erbe.

Als kleiner Junge war er dem dicken Vincenzo, der hier täglich seine zwei Liter Chianti einzunehmen pflegte, auf den Schoß geklettert und hatte aus seinem Glase genippt, und der feiste Alte hatte lachend gesagt: »Jetzt bist du bei mir zu Gast, Pietro; aber wenn du groß bist, komm' ich zu dir und trink' meinen Chianti umsonst. Für die alte Kundschaft hätt' ich's verdient, mein' ich.«

Und der kleine Pietro hatte ernsthaft genickt und gesagt: »Aber die Annunziata bringst du dann immer mit, Vincenzo?«

Die kleine Annunziata war des alten Vincenzo Enkelin und sein Augapfel, ein zierliches, elfenhaftes Ding mit großen, frommen grauen Augen.

Um Annunziatas Gunst hatte es mit den Nachbarskindern Emilio und Giovanni in späteren Jahren blutige Schlägereien gegeben. Wenn Pietro mit zerschundener Nase und trotziger Schweigsamkeit von der Straße ins Haus kam, lachte seine Mutter und sprach: »Die Hexe mit den Madonnenaugen hat euch wohl wieder aneinandergehetzt? 's geschieht euch recht, warum seid ihr solche Narren!«

Später, als Pietro beim Marmorarbeiter Lukkoli in die Lehre trat und täglich nach Nervi hineinwanderte, geschah es, daß Annunziata mit ihrem Blumenkorbe dieselbe Straße zog. Aber sie ging stets auf der anderen Straßenseite und sprach kein Wort. Nur unter den langen, seidenen Wimpern warf sie ihm einen Blick von der Seite zu -- einen Blick, der sich wie glühendes Eisen in seine Seele brannte. An der Ecke, wo ihre Wege sich trennten, griff sie mitunter in ihren Blumenkorb und warf dem hübschen Gesellen mit koboldartigem Lachen einen Veilchenstrauß zu. Dann war der Tag voll Sonne für Pietro, auch wenn die grauen Wolken trübe niederhingen. Hoffnungen und Wünsche wurden in ihm groß, vor deren Seligkeit er selber erschrak, ja einmal fand er den Mut, Annunziata um eine rote Nelke zu bitten. Sie aber schüttelte lachend ihr schwarzlockiges Haupt, und nun blieben auch die Veilchenspenden aus.

Er hatte gesehen, mit leibhaftigen Augen gesehen, wie sie dem langen Giovanni, der einst dicht hinter ihr herschritt, ein Veilchensträußchen wie unversehens vor die platten Füße fallen ließ. Von nun an haßte er den langen Giovanni wie seinen Todfeind und suchte Händel mit ihm, wo er konnte. Barkenführer war der, und sein Geschäft war, die Fremden ins blaue, schillernde Meer hinauszurudern. Sonst aber lag er stundenlang faul auf dem Rücken und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen.

Zwei Jahre waren hingegangen und ein Gerücht verbreitete sich, Annunziata wolle den dicken Bäcker Philippo Grimaldi in Genua heiraten. Pietro verlor den Schlaf und ward rauflustiger denn je. Beim Bocciaspiel hörte man sein zorniges, rauhes Lachen, und bei seinem Meister arbeitete er mit einer Vehemenz, die ihm den Spott der übrigen Gesellen und die Achtung des Meisters eintrug. Wenn die anderen laute sozialistische Reden führten, nickte er nur grimmig und ward schweigsamer und trotziger denn je.

Da geschah es an einem strahlenden Morgen, daß Annunziata auf ihrem gewohnten Wege nach Nervi eine rote, glühende Nelke aus ihrem Körbchen zog, quer über die Straße ging und die Blume mit einem leisen Nicken ihres Madonnengesichtchens dem Pietro vor die Füße fallen ließ.

»Komm um die Mittagszeit an den großen Stein,« lispelte sie.

Pietro glaubte seinen Sinnen nicht zu trauen. Versteinert stand er da. Leicht war sie an ihm vorübergeschritten -- aber da lag ja die Nelke -- er hob sie hastig auf und preßte sie an die Lippen. Er hatte also nicht geträumt, und die Worte vom Stein hatte sie wahrhaftig gesprochen. -- Lange vor Mittagszeit fand er sich auf dem Platz ein.

Fiebernd vor Erwartung stand er da. Wenn sie ihn angeführt hätte ...! Aber da kam sie mit sittig gesenkten Augenlidern um die Ecke geschritten, leicht wie eine Elfe, schön wie eine Madonna.

Sie warf einen scheuen Blick auf die Nelke in seinem Knopfloch. »Pietro,« sprach sie leise, »der dicke Grimaldi ist mir zuwider. Dir bin ich gut. Sprich du mit dem Großvater ...«

Er starrte sie an wie eine Erscheinung. Träumte er denn nicht?

»Annunziata ...« stammelte er, »o Annunziata!«

Er griff nach ihrer Hand, sie drückte seine zitternden Finger leise -- dann war sie davongehuscht.

Pietro fühlte den Mut eines Löwen in sich. Und mit dem Ungestüm eines hitzigen Knaben verdarb er sich seine Sache.

Der feiste Vincenzo hörte ihn ruhig lächelnd an und sprach: »So! Ihr junges Volk seid also einig, und nach uns Alten fragt ihr nicht. Nun, wollen sehen, wollen sehen, mein Sohn. Ich gebe keine Versprechungen. Die Zukunft wird's ja zeigen.«

Und was die Zukunft zeigte, das war so entsetzlich gewesen, daß Pietro beschloß, nach Amerika auszuwandern, um nicht vor Wut und Gram zu ersticken und zum Mörder zu werden.

Annunziata wurde zwar nicht mit dem dicken Bäcker Grimaldi versprochen, aber mit dem reichen, hübschen Kaufmann Torresino, und das Schlimmste -- sie war ganz glücklich.

»Ich hab' mein Herz nicht gekannt, Pietro -- jetzt erst weiß ich, was Liebe ist. Verzeih mir.«

Er verzieh nicht. Mit dem ersten besten Schiff zog er aus nach Amerika, ein ruheloser Mann.

Viele Jahre trieb er die verschiedensten Hantierungen; Straßenarbeiter war er und Steinklopfer, Hausierer, Handlungsreisender und Diener.

Nach zwölf Jahren erfuhr er vom Tode seiner Eltern. Die Osteria war verkauft. Er erbte einige tausend Lire. Nun eröffnete er ein eigenes Kolonialwarengeschäft. Es glückte ihm nicht. Sein Geld sickerte ihm durch die Finger. Wieder stand er mittellos wie einst auf der Straße.

Da nahm sich seiner ein deutscher Maler an. Es war ein echter Künstler mit einem weiten, warmen Herzen. Pietro blieb bei ihm als Diener und sah ihm so viel von seiner Kunst ab, daß er sich selbst darin zu versuchen begann. Der Maler hatte seine Freude daran, und für Pietro erschloß sich ein neues Leben.

Er blieb bei seinem gütigen Herrn, der ihm mehr ein Freund war. Sie durchstreiften auf langen Reisen Amerika, hielten sich in den verschiedensten Städten auf, und der Künstler sprach davon, den treuen Pietro zu seinem Erben zu machen. Ehe er an die Ausführung seines Testaments ging, ereilte ihn der Tod.

Nun war Pietro ganz und gar vereinsamt. Nur das Malgerät seines Freundes und Herrn durfte er sich aneignen. Wieder stand das Leben leer und öde vor ihm wie ein dunkles, fragendes Rätsel.

Da packte ihn die Sehnsucht wieder, in seine Heimat zu ziehen -- nach dreiundzwanzig Jahren.

So saß er nun auf seinem Stein, dem einzigen Gegenstande, der im Wechsel der Zeiten der gleiche geblieben war -- heimatlos, vereinsamt wie zuvor.

Mit einem schweren Seufzer stand er auf, faßte den Ranzen gleichgültig am Riemen und warf ihn über den Rücken. Suchend schritt er die hohe Häuserreihe entlang. Wäschestücke flatterten melancholisch an Seilen über seinem Haupte. Aus den Fenstern eines weitläufigen Gebäudes schallte wüster Streit.

Behäbig stand der Schenkwirt in Weste und Hemdsärmeln an der Tür einer Osteria und horchte lachend zu den Schimpfreden empor, die wie abgeschossene giftige Pfeile aus zwei getrennten Fenstern desselben Hauses auf die Straße flogen.

Zwei wirre, ungekämmte, von Wut entstellte alte Weiberköpfe bogen sich heraus, jeder an seinem Fenster, und schimpften mit auserlesener Übung und Liebe zur Sache.

Zwischen ihnen lag ein geschlossenes Fenster. Die Sicherheit, daß die Streitenden nicht zueinander gelangen konnten, gab ihren Mienen und ihren Worten eine außerordentlich gesteigerte Ausdrucksfähigkeit.

Pietro schob sich an dem Schenkwirt vorüber in die dunkle Osteria und setzte sich an einen Tisch.

»Einen Salami und ein Viertel Chianti!« befahl er kurz.

Der Schenkwirt brachte das Geforderte und stellte sich neugierig vor ihm auf.

»Ihr seid wohl fremd hier?« begann er.

»So ziemlich.«

»So dacht' ich, denn sonst müßtet Ihr Eure Freude an dem Konzert da oben haben. Das geht nun schon seit fünf Jahren alle Tage so her. Ohne diese lebhafte Begrüßung hätten die alten Hexen keinen Appetit.«

»Worum handelt sich's denn?« fragte Pietro gleichgültig.

»Jeden Tag um etwas anderes. Heute hat die alte Carmela es gewagt, ihr Kamisol auf die Wäscheleine der Barbara zu hängen, und morgen behauptet Barbara, die Carmela hätt' ihren Liebsten, den Michele Punta, der vor dreißig Jahren nach Amerika ausgewandert ist, zu kapern versucht. Die Wahrheit ist, er war ein kluger Mann und ist seiner sanftmütigen Witwe beizeiten ausgerückt. Hätt' ich auch getan, an seiner Stelle. Ah, ~per bacco~!«

Pietro verzog keine Miene. »Ist das Zimmer zwischen den beiden bösen Nachbarinnen zu vermieten?« fragte er.

»Jawohl. Da wird sich so bald keiner finden, der in die Höhle zieht. Zu beiden Seiten die täglichen Explosionen -- tausend Dank! Von unten hört sich das ganz erfreulich an, aber so mitten drin -- das ist kein Vergnügen!«

»Mir kommt's auf die Billigkeit an -- ich bin taub und stumm, wenn ich will.«

So ward die Sache beschlossen und eingerichtet. Noch an demselben Tage bezog Pietro die einfenstrige Kammer zwischen den beiden feindlichen Gewalten.

Es war, wie er gesagt hatte. Er war taub und stumm. Die wütenden Reden der geifernden Weiber prallten ohne jegliche Wirkung an ihm ab und gingen über ihn hinweg wie Wellenschaum über Felsenklippen, selbst wenn er sein Fenster öffnete und gelassen hinausschaute. Seine Gegenwart schien im Gegenteil die Hexen zu ausgesucht tückischen und wortreichen Schmähungen zu entflammen.

Eine Woche hatte der Trödel nun schon gedauert -- endlich riß auch Pietro die Geduld. In demselben Moment, da die Alten wieder einmal ihren üblichen Morgengruß austauschten, die zusammengekrallten Finger erhoben und mit fletschenden Zähnen aufeinander losgeiferten -- erhob Pietro, der sie bisher niemals beachtet hatte, gebieterisch seinen Zeigefinger, faßte sie nacheinander fest ins Auge und sprach: »Basta! Nun ist's aber genug. Wenn ihr nicht aufhört, werde ich euch das Schweigen schon beibringen.«

Starr vor Staunen fuhren sie einen Augenblick zurück, stürzten aber sofort gleichzeitig wieder hervor, beugten die Oberkörper weit zum Fenster hinaus, und schmetternder und wütender als zuvor erhob sich das ohrenzerreißende Gekeife -- nun gegen ihn.

Ruhig blinzelte Pietro sie an, eine nach der anderen, dann stülpte er seinen Hut auf und wanderte an seinen Lieblingsplatz, den großen Stein.

Er zog ein Stück Kohle aus der Tasche und begann mit sicheren, festen Strichen auf der Steinfläche zu zeichnen.

Zwei geöffnete Fenster mit halb aufgeklappten Jalousien -- aus jedem beugte sich ein alter Weiberkopf von grotesker Häßlichkeit. Die krummen Hände hielten beide wie Krallen gegeneinandergerichtet. Das dazwischenliegende Fenster war geschlossen.

Neugierig trat ein Vorüberwandernder nach dem anderen an den Stein und blieb stehen. Bald war eine ganze Gruppe versammelt. Ein Lachen ging durch den Kreis.

»~Benissimo! Bravo!~ Die alten Hexen, wie aus der Kanone geschossen! Das leibhaftige Leben!«

Pietro sah sich nicht um. Schweigsam zeichnete er weiter und fügte neue Einzelheiten zu dem Gesamtbilde.

»~I say!~« klang eine näselnde Stimme. »~That's well done!~«

Ein Lirestück flog auf den Stein.

Bewundernd stand ein Engländer in kariertem grauen Anzug daneben.

Pietro schaute ihn düster an, dann schob er die Lire gleichmütig in die Tasche.

»~Non capisco!~« log er, rückte den Hut in den Nacken und trollte sich davon.

»~A strange fellow!~« murmelte der Brite.

Vergnügt und gestikulierend blieben die Italiener stehen und suchten ihm begreiflich zu machen, um was es sich handle.

»~Aoh, I see! A funny chap!~«

Damit ging er weiter. Der Stein aber blieb bis zum späten Abend der Sammelpunkt regen Interesses und heiterer Unterhaltung.

Als es zu dämmern begann -- sah man die alte Carmela, ein schwarzes Schleiertuch über dem Haupt, sachte zu dem Stein hinschleichen und fünf Minuten später die Barbara.

Für sie war er ein Stein des Anstoßes geworden.

Stumm, gelb und bleich vor Entsetzen und Wut standen sie da, dann ergriff jede einen Rockzipfel und scheuerte keuchend über ihr eigenes Bildnis. Ein lautes Bravorufen schallte ihnen von der anderen Straßenseite entgegen, und flüchtig wie graue Gespenster huschten sie davon, jede in einer anderen Richtung.

Von nun an hatte Pietro seine Ruhe.

Aber zum monatlichen Zahlungstermin des Mietzinses stand ein großer Karren vor der Haustür, drei langgespannte, hochbeinige Maultiere davor, und kunterbunt und einträchtig war das Hausgerät der beiden Feindinnen übereinandergeschichtet. Sie zogen beide friedlich aus, um ihre grausam gestörten Feindseligkeiten in einem anderen Hause einer anderen Straße wieder aufzunehmen. An einem lang andauernden erzwungenen Frieden wären beide erstickt.

Die längste Zeit seines Tages begann Pietro an seinem Stein zuzubringen. Die Erfahrung mit dem Engländer hatte ihm einen praktischen Gedanken eingegeben. Passierte irgend etwas Bemerkenswertes auf der Straße, gab's irgendwo Händel oder eine Schlägerei, oder zogen die Burschen mit ihren Mandolinen singend durch die Straßen -- Pietros Kohlenstift wußte die Gestalten festzuhalten, und mancher Soldo flog als klingender Lohn auf seinen Stein.

Endlich begnügte er sich nicht mehr mit den schwarzen Kohlenzeichnungen. Er brachte bunte Pastellstifte mit hinunter und begann die Osteria seines Vaters hinzuwerfen, wie sie in der Erinnerung an seine Jugendjahre vor ihm stand. Es wurde eine schmerzlich süße Beschäftigung.