Der Silbergarten. Der Stein des Pietro. Zwei Erzählungen
Part 5
»Ich verstehe,« sagte er hastig, als fürchte er, die Wunde ihrer Seele zu berühren, »ich hörte davon. Ich wagte dir nicht zu schreiben -- Worte sind ja so armselig -- Und hast du mich denn gleich erkannt?«
Sie lächelte traumhaft. »Schon drüben -- in der Schlucht!«
»In der Schlucht?« wiederholte er, »so warst du die fremde dunkle Erscheinung -- und du hast mich nicht begrüßen wollen; aber, Sibylle, warum das?«
Tränen stürzten ihr aus den Augen. »Ach, Arno, die Vergangenheit ... es war zu schmerzlich --«
Düster sah er sie an. »Ja, ja, du hast recht, o Sibylle, es hätte alles, alles anders werden können!«
»Und du --?« fragte sie scheu, »hast du mich denn auch gleich erkannt?«
»Nicht gleich ...« sagte er heiß; »ich sah von weitem eine Dame mitten auf der Straße liegen, Herrgott, dachte ich, eine Ohnmacht oder ein Raubüberfall, ich sprang herzu, ich stand und sah dich an. Du schliefst wie ein Kind, du hattest geweint, die Tränen hingen dir noch an den Wimpern, und aus deinen schlafenden Zügen stieg mit einem Male die kleine Silly vor mir auf. Ich erschrak -- an dieses Glück wagte ich ja kaum zu glauben -- da sprach ich --«
»Ach ja,« murmelte Sibylle selig, »ein Glück, ein Glück ...«
Er kauerte neben ihr nieder, schlang seinen Arm um sie und küßte sie auf die Stirn. »Wir haben uns ja noch gar nicht begrüßt, Sibylle.«
In trunkener Selbstvergessenheit nestelte sie sich näher an ihn heran, ihre Lippen fanden sich -- ein langer, heißer, seliger Kuß --
Erschrocken fuhr sie zurück -- »Deine Frau, Arno ...«
Ihn übergoß eine heiße Glut. »Jawohl!« sagte er bitter. »Sibylle, meine kleine Silly, warst du nicht meine Silly?«
»Früher einmal --« flüsterte sie.
»Und jetzt -- jetzt!« rief er stark. »Es ist noch nicht aller Tage Abend -- Silly, jahrelang hab' ich ja nur an dich gedacht, jahrelang -- weißt du noch unser Geheimnis, Lady Rosalind?«
»Ich weiß, weiß alles.«
»Und dann kam eine bunte, tolle Zeit, Geselligkeit, Tanz, Mädchen, Schulden, ein Strudel, ein Wirbel sag' ich dir, das riß mich mit -- ich mußte mich rangieren, da vergaß ich -- aber ich hab's bereut, bitter bereut, Silly, hörst du?«
Ja, sie hörte, sie trank jedes Wort von seinen Lippen, noch ehe es ausgesprochen war; sie lächelte irr vor Seligkeit und Hingebung.
»Ich war ein Narr!« sagte er dumpf, »aber auch Narrheiten lassen sich überwinden, wieder gutmachen. Alles hängt nur an dir.«
»An mir ...?« hauchte sie. Sie lächelte wie eine Sterbende und schloß die Augen. Was wollte er damit sagen? Und als fürchte sie den Sinn seiner Worte, deren Wahrheit sie nur halb begriffen hatte, als wolle sie dieser Wahrheit keinen Raum lassen, sagte sie schüchtern: »Denk nur, Arno -- diese Schlucht habe ich heute zum erstenmal mit Augen gesehen und doch, ich kannte sie, kannte sie schon lange. Wie oft sah ich sie im Traum, ehe das Schreckliche mit den Eltern geschah!«
»Du sahst sie im Traum?« wiederholte er staunend.
»Ja, auf ein Haar genau, und auch den Mann sah ich auf der Brücke -- ach, Arno, wie war mir zumute, als ich dich erkannte! Ich dachte, ich müßte wahnsinnig werden --«
»Mein Gott,« sagte er erschüttert, »wie seltsam, wie unfaßlich!« Er schwieg einige Augenblicke, dann leuchteten seine Augen auf und er sprach, rings um sich blickend: »Sollte das eine Vorbedeutung gewesen sein? Herr Gott im Himmel, was kann es denn auch Größeres geben, als große Natur und eine Menschenseele, die uns versteht?«
Sibylle war totenblaß, ihre Lippen öffneten sich -- abwehrend hielt sie die Hände vor sich -- sie atmete in kurzen Stößen.
»Was ist dir, Liebling?« stammelte er.
»Auch das!« flüsterte sie, vor Grauen geschüttelt. »Diese Worte, genau so, sagte mir der Mann auf der Brücke, sagtest du mir, Arno. Und dann -- war ich -- allein ...«
Ihr Kopf fiel hintenüber, mit einem schwachen Seufzer sank sie bewußtlos zusammen.
Entsetzt nahm er sie in seine Arme, hob sie auf und trug sie zärtlich an den Bach. Hier bettete er sie in dem Schatten einer Birke, kühlte ihre Schläfen und murmelte angstvolle, sinnlose, heiße Worte.
Endlich schlug sie die Augen wieder auf und sah in sein verstörtes Gesicht.
»Ach, es ist nichts,« sagte sie tonlos, »nur eine Schwäche. Ich habe das manchmal. Hast du dich erschreckt, Arno?«
Er nickte gepreßt. Und er schwur sich, diese zarte Mädchenblume nie durch leidenschaftliche Äußerungen aus dem kristallklaren Zustande, der ihrer Seele gemäß war, zu scheuchen. Er würde an sich halten, hüten würde er sich. Vor Bewegung unfähig zu sprechen, nickte er wieder und beugte sich über die hingestreckte Gestalt.
»Wie kannst du nur so ängstlich sein, du großer, lieber Junge?« versuchte sie zu scherzen und strich ihm zaghaft mit zwei Fingern über die Stirn. »Sieh mal, wie groß und braungebrannt du bist! Schön bist du geworden, Arno, schon als Knabe warst du immer schön ... weißt du noch, wie du nicht Puppenkönig werden wolltest? Von dem Tage an spielte ich nie mehr mit meinen Puppen.«
Ihm traten die Tränen in die Augen. »Warum denn?«
»Weil ich sie verraten hatte!« sagte sie ernsthaft. »Jedenfalls faßte ich das damals so auf, und im Grunde hatte ich recht, denn wenn mein Gelöbnis auch nur auf einem eingebildeten Grunde beruhte, ein Gelöbnis war es immerhin, und das soll man halten.«
Er richtete sie behutsam auf. »Fühlst du dich noch sehr schwach?«
»Kaum der Rede wert. Aber, Arno, gehen werd' ich nicht können!«
»Ich trag' dich!« rief er jubelnd. »Wohnst du im Dorf?«
»Nein, oberhalb, in der Burg. Ich hab's da gut, Arno, meine alte Kastellanin verwöhnt mich riesig, und mit allen Dorfkindern bin ich gut Freund. Ich hab' sie mir auch allmählich gezähmt, weißt du. Wenn sie krank wurden, pflegte ich sie, und alle meine Puppen hab' ich an sie verteilt. Kinder sind so lieb, Arno.«
Seine Züge strafften sich. »Ja, o ja!«
»Und dein Söhnchen erst!«
»Ich habe auch noch ein Töchterchen,« sagte er gepreßt, »das ist bei den Großeltern, es heißt Marie-Sibylle.«
»O!« rief sie strahlend. »Und wie alt?«
»Erst ein Jahr.«
»Wie mußt du glücklich sein mit den Kindern!« sagte sie träumerisch.
Er schwieg und beugte sich über den kranken Fuß. »Das sieht ja schon besser aus,« sagte er froh. »Jetzt ziehen wir den Strumpf wieder an und tragen unser müdes Kind heim.«
»Ach ja,« murmelte sie, »ich wäre gern dein Kind, Arno.«
Er hob sie auf, sie schlang ihre Arme vertrauend um seinen Nacken und schmiegte ihr Köpfchen an seine Schulter. »Bin ich dir auch nicht zu schwer?« fragte sie, vor Behagen blinzelnd.
»Kinderleicht!« rief er feurig. Und wacker begann er auszuschreiten.
Sibylle lachte leise vor sich hin. »Was werden meine guten Dörfler sagen, wenn sie ihr ›schianes Freili‹ so wiedersehen? Die Kastellanin kriegt sicher Krämpfe vor Mitleid.«
Er drückte seine leichte Bürde zärtlich an sich. »Sonnenkind!« flüsterte er zärtlich und dann: »Willst du nicht schlafen?«
»Schlafen? Wie kann man denn schlafen, wenn man so glücklich ist? Nach dem Furchtbaren, weißt du, da hab' ich wochenlang nicht schlafen können. Und als ich fort wollte, da waren alle bös mit mir, die Tante Betty Trebnitz und der Vormund Klaus Wrede, auch der gute Pastor ... das war schrecklich, aber fort mußte ich dennoch, denn alle Dinge hatten Augen bekommen und sahen mich fürchterlich an in meiner Verlassenheit -- ich wäre wahnsinnig geworden. Am schwersten war es, so mitten im Winter fortzuziehen -- die lieben alten Bäume ... unser Garten ... die Gräber, aber es mußte ja sein. Daheim glauben sie, ich hätte kein Herz für die Heimat. Aber konnt' ich denn anders? Und hier hat's lange gedauert, bis ich ruhiger wurde. Die weißen Berge und die feierlichen Bäume machten mich allmählich ruhig, und dann zuletzt auch meine Pflichten.«
»Pflichten?« fragte er lächelnd.
»Aber ja, gewiß. Siehst du, man kann doch nicht nur für sich selbst dahinleben.« Und sie begann ihm ausführlich zu erzählen von ihrem blinden Sepp, den sie die Blindenschrift gelehrt hatte -- die habe sie ja selbst zunächst lernen müssen, und da habe es anfangs gar nicht geklappt, von der Großmutter Gräsern, der alten Mutter Koppen, den beiden Hubergreisen, von den medizinischen Büchern, die sie studiert habe, und von dem Vertrauen, das die Leute ihr schenkten.
Ein reines, reiches Leben voller Unschuld, Tiefe und Tätigkeit tat sich vor ihm auf, und während sie sprach, wußte er: so mußte es sein, so war Sibylle, und nur so hatte sie werden können. Das entsprach ihrem Sein, ihr Wesen aber hatte sich ihm in seiner Ganzheit offenbart und intuitiv eingegraben, und wenn er immer wieder neue Fragen einwarf, so tat er es kaum, um mehr von ihr zu erfahren, denn er kannte sie ja schon, sondern um ihre holde, süße Stimme zu hören, die ihn bezauberte und beruhigte wie Brunnenplätschern und Quellengeriesel.
Traumhaft fragte Arno, während er mit Sibylle dahinschritt: »So fühlst du dich denn niemals einsam?«
Sie sah ihn sehnsüchtig an. Sich selbst erkannte sie nicht wieder. Wie ein entfesselter Strom brauste ihr Wesen frei dahin, das sonst immer so gehalten zu sein pflegte. Das macht, weil ich ihn liebe! dachte sie voll Jubels, und er hat mich ja auch lieb, und ihm allein kann ich alles, alles sagen.
»Jetzt erst weiß ich, daß ich einsam war,« sagte sie leise. »Aber dann -- hatte ich ja meine Bücher. Einige davon lese ich immer und immer wieder, ich kenne ganze Seiten davon auswendig.«
Er nickte. Auch das stimmte zu ihr. Tastend fragte er weiter: »Sehnst du dich denn nie nach Menschen? Nach Standesgenossen, meine ich.«
Sibylle schüttelte langsam den Kopf. »Im Leid sind wir alle Standesgenossen, und Leid gibt's überall, nur zuviel. Ich habe auch früher niemand vermißt, weil ich ja nicht ahnte, daß ich jemals zu einem Menschen so frei reden könnte wie zu dir, denn auch Mama ... kannte mich nicht, wie ich mich von dir gekannt fühle.« Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
»Nicht weinen, Liebling!« sagte er weich. Seine ganze Seele war gefangen, berauscht und zugleich geheiligt durch ihr liebliches Vertrauen. Ja, er verstand sie, weil er sie liebte -- wie er sie aber liebte, durfte er ihr das sagen?
»Ja, so ist es,« plauderte sie unbefangen weiter, »ich bin ein richtiger Einsiedler. Die Leute erzählen mir von ihrem Kummer, ihrem Leide. Nach dem meinen fragen sie nicht, und ich möchte auch um alles in der Welt nicht gefragt werden. Sie meinen, ich trüge Trauer um meinen Bräutigam.«
»Aber, Herz, so könntest du doch nicht weiterleben.« Er wußte genau, daß sie es konnte.
»Warum nicht?« fragte sie unschuldsvoll. »Ich bin im Grunde sehr bedürfnislos, Arno, nur frei muß ich mich fühlen können. Und was gibt es Freieres und Schöneres als die Schnee-Einsamkeit der Berge! Da ist auch Religion, Arno. Einsam bis ins innerste Mark, fühle ich doch das Leben der Natur mit, das ich in seiner Größe und Schönheit anschauen darf. So wird die Natur ein Spiegel der Seele.«
Er war hingerissen. Fast schämte er sich, sie durch seine nichtigen Einwürfe zu veranlassen, immer mehr die Schönheit ihrer Seele zu offenbaren.
»Aber du hast ja noch gar nicht gelebt,« sagte er leise im Gefühl seiner Schuld.
Sie kniff die Augen ein und lachte glücklich. »Meinst du? Ich glaube, ich lebe nur zu intensiv. Ich habe aber auch Männer kennen gelernt, dein Regimentskamerad Zur-Linden wollte mich heiraten.«
Das hatte er nicht erwartet. »Und du?«
»Ich konnte ihn nicht lieben, wie er es wollte,« sagte sie einfach. »Ja, ich bin in einer Beziehung sehr unerfahren,« fuhr sie schelmisch fort; »außer einer kleinen Tanzgesellschaft bei Wredes habe ich noch nie einen Ball mitgemacht. Aber sind denn Bälle zum Leben nötig? Dennoch aber sagt mir ein Instinkt: dies hast du zu tun, das zu lassen. So konnte ich auch nicht Zur-Lindens Frau werden.«
Arno fühlte sein Herz beben. Was er da in den Armen hielt, war ein Wunder, sein heiliges Wunder! Er hatte es erfaßt, dennoch aber überwältigte es ihn.
»Kind --« sagte er gepreßt, »ist denn das möglich, ist es denkbar, daß ein junges Mädchen so aufwächst, in solcher Stille, solch heiligem Frieden? Hast du denn nie schlechte Menschen getroffen?«
»O,« meinte sie eifrig nickend, »mein Hauslehrer und deiner, der Herr Brandt, der war schlecht. Er hat mich beim Baden belauscht, aber ich bat ihn, seinen Abschied zu nehmen, und er tat es. So hat niemand etwas davon erfahren.«
Auch dieses Erlebnis war ihm neu, und doch schien es ihm, als kenne er auch ihre Fähigkeit der Abwehr. »So hast du auch Stacheln?« fragte er.
»Ellenlange, wenn's nötig wird. Denke nur ja nicht, daß ich keinen Willen habe und nur ein gefügiges Lamm bin, Arno. Die Leute haben immer Respekt vor mir. Jetzt aber hab' ich genug von mir geredet, nun will ich von dir hören!«
»Du weißt ja schon alles,« sagte er traurig. Dennoch begann er zu erzählen, wie sie es wollte, und ein bitterer Schmerz brannte sich dabei ihm in die Seele. Während sie wie ein Schmetterling in schöner Verklärung Friede und Freude aus des Lebens mannigfachen Blüten, den süßen und bitteren, gesogen hatte, war er wie eine Motte um flackernde Flammen getaumelt, hatte sich die Flügel versengt und die Kraft der Seele geschwächt. Ihm blieb nur noch eine Hoffnung: rein zu werden in ihrer Reinheit, stark, indem er sie schützte, und frei dadurch, daß er sich selbst befreite.
Nachdem er ausführlich berichtet, sich selbst nicht schonend, schloß er: »Den hellen Stern meiner Kindheit hatte ich verloren, mein Gewissen verhärtet und betäubt. Toll genug habe ich gelebt. Anfangs fand ich viele Freunde, mit den Jahren wurden sie seltener. Mein Beruf -- nun ja, ich suche ihm zu genügen. Ein paar Avancements -- was will das im Grunde sagen? Das Beste im Leben ist ja doch an mir vorübergegangen, oder ich an ihm. Äußerlichkeiten, Geselligkeit -- das ist übriggeblieben. Meine Frau liebt das. Nie kommen wir dazu, gemeinsam ein gutes Buch zu lesen, wir reden eben verschiedene Sprachen. Meine einzige Stärkung ist jährlich eine einsame Fußtour in die Berge, die ich liebe wie du.«
Sie wußte und verstand ihn, noch ehe er zu Ende gesprochen. Sie sah ihn voll Trauer an. »Aber du hast ja doch deine Kleinen!« sagte sie leise.
»Das ist auch das beste, was ich bisher besaß,« erwiderte er bedeutungsvoll.
Sie versanken in ein tiefes Schweigen. Er fühlte sein Herz pochen, als wolle es ihm die Brust sprengen. Konnte, durfte er ihr von seiner Liebe sagen? Sie liebte ihn, das fühlte er mit einer Seligkeit, die ihn schwindeln machte. Keinen Augenblick hatte sie gestrebt, ihm ihr Empfinden zu verbergen -- offen und klar, wie ein Gebirgssee, lag es vor ihm da. Aber folgte daraus, daß sie einwilligen würde, seine Frau zu werden? Würde sie ihm erlauben, die anderen Bande zu zerreißen? Wie hatte sie doch gesagt? »Wenn mein Gelöbnis auch auf einem eingebildeten Grunde beruhte -- ein Gelöbnis war es immerhin, und das soll man halten.« Hatte sie ihm damit einen Fingerzeig geben wollen? Oder hatte sie das unbewußt hingesprochen, und war es nur einfach der Ausdruck ihres Wesens? In ihrer Hand lag sein Geschick -- er war zur Scheidung, auch zur Trennung von seinen Kindern bereit -- ja auch von seiner kleinen Marie-Sibylle. Aber durfte er heute schon sprechen? Er hatte ja vierzehn Tage Zeit, vierzehn goldene, endlose Tage! -- Er schwieg, sie aber fühlte sein rasendes Herzklopfen.
»Was ist dir, Arno?« fragte sie sanft. »Ich bin dir doch wohl auf die Dauer zu schwer. Rasten wir ein wenig.«
Da brach es aus ihm hervor, heiß, glühend, unaufhaltsam: »O Sibylle, o Geliebtes -- was sollen wir miteinander Versteck spielen? Du weißt es ja, und du mußt es in jeder Fiber fühlen: Ich liebe dich, ich liebe dich ...«
Sie wurde sehr blaß. »Ich habe dich mein Leben lang geliebt,« flüsterte sie. »Du weißt es auch.«
»Und Sibylle ... und ... und ...?« drängte er, »willst du, kannst du mein werden?«
»Setze mich nieder,« sprach sie erstickt. »Ich will dir zu antworten versuchen ...«
Er setzte sie behutsam auf einen Stein, warf sich vor ihr nieder und vergrub den Kopf in ihrem Schoß.
Sie legte die Hand auf sein Haar und rang nach Worten. Mit zitternder Stimme begann sie zu sprechen: »Daß es so kommen würde und mußte, wußte ich in dem Augenblick, als du vor mir standest. Ich habe dir nichts verhehlt ... zu lange Jahre habe ich gedürstet -- nach dir, Arno, ohne es zu wissen. Aber jetzt antworten kann ich dir noch nicht, denn ich weiß nicht -- was ich soll. Hättest du nicht die Kleinen, die du liebst, die an dir hängen, denen du Vater und Vorbild sein sollst -- sieh, dann wüßt' ich's. Laß mir Zeit, Arno, dränge mich nicht. Sprich mir nicht mehr davon, ich will's dir selber sagen, wenn ich Klarheit habe ...«
Ihre Stimme klang flehend und zerbrochen.
»Daß ich dir Kampf und Leid bringen muß!« schluchzte er.
»Du hast mir die Seligkeit meines Lebens gebracht, Arno -- ob sie Stunden dauert oder Jahre, ist gleich. -- Es gibt Blumen, die nur einmal blühen -- sagte mir einmal eine alte Freundin -- und vielleicht nur eine kurze Stunde lang, aber zum Blühen und zur Vollendung kommen sie doch, früher oder später. -- Du hast mir meine Blüte geschenkt, Arno, und ich habe nicht umsonst gelebt. Das ist das eine, das andere aber ist: dein Gelöbnis und daß du Vater bist und Pflichten hast.«
»Ja! Ja!« stöhnte er.
Sie sah ihn leuchtend an. »Du Armer, Lieber!« sagte sie, »daß du deine Pflichten nicht leicht nimmst, das macht dich mir ja noch lieber.« Sie schwieg, in sich versunken, dann fuhr sie leise und fast feierlich fort: »Die nächsten Tage werden es mir sagen, wie lieb ich dich habe -- denn noch kenne ich mein Herz nicht -- ob für die Ewigkeit, Arno, und daraus folgt Trennung, oder für die Zeit. Trage mich heim, Arno, Geliebter, und sprechen wir nicht mehr darüber. Ich sage es dir selbst.«
Er beugte sein Haupt tiefer und tiefer. Ihm war, als sei sein Urteil schon gesprochen -- ehrfurchtsvoll, von heiligen Schauern erschüttert, berührte er ihren Fuß mit seinen Lippen.
»Trage mich heim!« gebot sie tonlos.
Und er nahm sie wieder in seine Arme und trug sie heimwärts. Sie sprachen kein Wort. Ihre Seelen aber redeten miteinander ununterbrochen. -- --
Es folgten nun seltsame Tage. Sibylle mußte ihres geschwollenen Fußes wegen der Ruhe pflegen; Arno besuchte sie auf der Burg und saß die Tage über bei ihr in ihrem Zimmer, oder er trug sie hinunter in den Park, wo er ihr in der breiten Hauptallee, die die Aussicht auf die Schneeberge frei ließ, ein Ruhebett hergerichtet hatte. Da saßen sie stundenlang schweigend Hand in Hand unter den schweigenden Bäumen, angesichts der hart und gewaltsam aufgetürmten grandiosen Hochgebirgskette, die Seelen voll ungesprochener tiefer Zärtlichkeit. Manchmal sah ihn Sibylle mit einem so strahlenden Blick der Liebe an, daß er bis ins Innerste in Hoffnung erbebte -- es war ja nicht möglich, daß sie ihn wieder gehen hieß! Nach und nach aber wurde es ihm zur schmerzlichen Gewißheit, daß sie gerade um der Größe ihrer Liebe auf ihn verzichten werde. Sie konnte ruhig, fast heiter mit ihm reden. Sie sprach von ihren Lieblingsbüchern, bat ihn, das oder jenes zu lesen, erzählte mit freundlicher Selbstironie von ihren naturwissenschaftlichen und medizinischen Studien, sie berührte die höchsten und tiefsten Dinge mit schlichtem, wahrheitsuchendem Ernste, aber Tag für Tag sah er, daß sie feiner, blasser und zarter wurde, daß sie gleichsam dahinschwand in einer seelischen Verklärung. Manchmal fühlte er, daß sie zum Sprechen ansetzen wollte und doch wieder innehielt, weil sie die Kraft in sich nicht fand, oder weil sie die kostbaren Stunden weder ihm noch sich zu verkürzen wagte.
So war ihnen jede Minute ihres Beisammenseins zum Kleinod geworden, das sie hüteten wie einen Schatz, der ihnen unter den Händen zergehen könnte wie ein Tropfen Wassers, ein Hauch, ein Klang ...
Qualvoll-süße, selige Stunden waren es, aber wie sie auch die Augenblicke festzuhalten, wie sie sie auch in heiligem Schweigen zu verlängern strebten -- diese Augenblicke schwanden unaufhaltsam, unwiederbringlich dahin. --
Zwei Tage vor der angesetzten Zeit seiner Abreise saßen sie wieder Hand in Hand, stumm vor seligem Leid. Arno sah, daß Sibylle mehrmals die Lippen öffnete und tief Atem schöpfte. Aber ihre Lippen erzitterten immer wieder, und sie schwieg. Er sah, wie sie litt. Um ihretwillen mußte der Qual ein Ende gemacht werden. Er kniete vor ihr nieder, nahm ihre beiden Hände, küßte sie und legte ihre Fingerspitzen auf seine Augenlider.
»Sprich, mein Liebling!« sagte er sanft, »ich bin gefaßt.«
Es kam kein Ton als ein schwerer, leidvoller Seufzer, dann einige unverständliche Flüsterworte. Er wartete, wie man auf den Todesstoß wartet.
»Arno, Geliebter --« begann sie, als sie ihre Stimme gefunden hatte, »ich habe die Tiefe meiner Liebe erkannt; sie ist wie das Himmelsgewölbe, sie reicht so weit, daß ich selber eher alles Leid und jeden Schmerz auf mich nehmen könnte, als das Bewußtsein, dich mir weniger groß, weniger stark und frei zu denken. Das Bittere ist nur, daß du leiden sollst ...«
»Süße ... Süße ...!« stammelte er.
»Du sollst dir nie vorzuwerfen haben, deinen Kindern nicht ein Vorbild gewesen zu sein, nie sollst du dich einer unerfüllten Pflicht wegen anklagen dürfen. Ich danke dir -- mit meinem ganzen Leben, mit jedem Atemzuge für deine Liebe, Arno, aber wir zwei wollen nichts halb tun -- nicht wahr?«
Sie rang nach Atem, ihre Finger zitterten auf seinen geschlossenen Lidern, sie waren eiskalt, obwohl die heiße Junisonne brannte.
»Ich darf dich weder deinen Kindern nehmen, noch will ich dich deiner Frau stehlen,« fuhr sie tonlos fort, »du sollst mir nie schreiben, Arno, weder Briefe noch Karten.«
Er zog ihre Hände an seine Lippen und küßte sie voll unendlichen Schmerzes, voll unendlichen Mitleidens.
»Versprich mir das, mein Liebling --«
Er beugte das Haupt und gelobte.
»Ich ... habe nie einen Menschen geliebt wie dich und werde nie einen Menschen lieben wie dich ...«
Jetzt sah er auf. Sie war geisterhaft bleich, um ihre Lippen zuckte ein herzzerreißendes Lächeln.
Mit letzter Kraft hauchte sie: »Küß mich noch einmal.«
Sie umfingen sich, sie wußten: das war Abschied auf Leben und Tod. Die schneeweißen Berge schwiegen, die Bäume horchten und staunten, die ganze wundergroße Natur schien sich in Andacht zu beugen vor Menschenleib und Menschengröße.
Sie konnten voneinander nicht lassen.
»Mein ... mein ... du meine Seele -- du mein Glück und mein Leid,« murmelte er.
»Du ganzer Mensch -- ich will deiner wert zu werden suchen.« Mit einer kleinen, fernen Stimme sagte sie noch: »Arno, wenn dein Junge einmal groß ist, schick ihn zu mir -- ja, willst du?«
Er erhob sich schwankend -- er sah sie noch einmal an, noch einmal streckte sie ihm die Hände entgegen, noch einmal suchte er ihren Mund -- dann ging er. -- Die Bäume schauerten zusammen, die Berge leuchteten. -- --