Der Silbergarten. Der Stein des Pietro. Zwei Erzählungen

Part 4

Chapter 43,683 wordsPublic domain

Von nun an handelte sie wie nach inneren unbekannten Gesetzen, planmäßig und überlegt. Die Großartigkeit des Hochgebirges versetzte ihr immer wieder den Atem. Ja, hier in dieser stolzen Schneeeinsamkeit, in dieser winterlichen Ruhe, angesichts dieser steinernen Riesenwunder mußte sie Frieden, mußte sie sich selbst finden.

Sie scheute keine Mühe. In einer Talschlucht, die von beiden Seiten mit dunklen, aufklimmenden Tannenzügen bewachsen war, nahm sie bei einfachen Bauersleuten Quartier auf einige Tage und erbat sich deren Rat und Hilfe. Die ältliche Bäuerin war eine prächtige Frau. In ihrer biederen, schnellerfassenden Art hatte sie bald heraus, was das blasse junge Blut wollte -- einen Herzenskummer überwinden. Da tat es nichts zur Sache, daß sie die Trauerkleidung ihres Gastes mit einem verlorenen Liebsten in Zusammenhang brachte. Sie umgab Sibylle mit der derbfreundlichen Sorgfalt, die durch ihre Ehrlichkeit wohltat, und verletzte sie nicht durch aufdringliches Ausfragen. Ihre beiden Söhne, den Jockel und den Franzl, schickte sie in die umliegenden Gastwirtschaften und Sommerhäuser auf Kundschaft aus, und so kam es, daß sie Sibylle eines Tages mit freudestrahlendem Gesicht begrüßte, die Hände in die breiten Hüften gestemmt, lachend wie eine runde, gute Sonne.

»Die Buabn han schon was Guats g'funden, Freili.«

»Wo denn, Mutter Walser, ist's weit?«

»Sell schon, aber guat ischt's.«

So stieg denn Sibylle in Begleitung der beiden Burschen auf mühsamen verschneiten Pfaden durch einsame Wälder aufwärts und fand sich endlich vor einer seltsam geformten Burg. Ein paar alte Leute hausten als Kastellane darin und waren von den Besitzern befugt, einen Teil der Räume an Fremde zu vermieten.

Die Burg stand keck und wuchtig hoch über dem Dorfe auf einer Bergkuppe; dicht darunter lag eine Gastwirtschaft mit mehreren Gehöften, wo Sommerfrischler einzukehren pflegten. Ein dunkler Gebirgsbach brodelte mit steilem Gefälle an den vereisten weißen Ufern vorüber, überschlug sich und tanzte jäh zu Tale nieder. Was aber Sibyllens Freude zum Entzücken steigerte, war ein ausgedehnter, parkartiger Wald von Tannen und Lärchenbäumen, der die Rückseite der Burg erhellte, da er in ein silbernes Prachtgewand gekleidet war. Hoch, hoch darüber stiegen, unnahbar und fern, schroffe Gesteinswände, türmten und zackten in königlicher Majestät ihre Zinken wolkenwärts.

Sibylle beschloß sofort, hier zu bleiben. Das war es, was sie gesucht hatte.

Eine Zimmerflucht der alten Burg war in gutem Zustande, da die Besitzer ab und zu einmal einen Sommer hier zu verleben pflegten. In den letzten Jahren aber, so erzählte die greise Kastellanin, lebten die Herrschaften da unten in Italien, denn ihr Sohn sei länger krank, und die Familie wolle sich nicht von ihm trennen. »Machen Sie es sich nur bequem, gnädiges Fräulein,« sagte die saubere alte Frau knicksend; »es ist durchaus nicht gesagt, daß Sie bloß Ihre zwei Zimmer benutzen dürfen. Uns Alte wird es freuen, mitten in der harten Winterwelt ein junges Blut in den dunklen Räumen zu sehen. Ein Klavier ist auch zur Verfügung,« setzte sie ermutigend hinzu, »und drüben in der Kapelle haben wir ein Harmonium. Früher hat mein Alter darauf gespielt.«

So richtete sich denn Sibylle häuslich ein. Sie packte ihre Bücher in den weißen Lederbänden aus und ordnete sie auf den geschnitzten Regalen. Sie stellte die Bilder ihrer Eltern, des alten Pastors und ein Kinderbild Arnos auf einen Ecktisch, die Photographie ihres heimatlichen Hauses ließ sie tief unten im Boden ihres Koffers ruhen. Sie versank in den dunklen Möbeln, stand oft wie verzaubert vor den hohen Bogenfenstern und schaute in das Wunder von Tiefeinsamkeit und Bergesfrieden hinaus. Oder sie ließ träumerisch eine Melodie auf dem alten Klavier erklingen, und niemand störte sie in ihrem Tun und Lassen.

Wenn des Morgens lebendiger Hauch den lockeren Schnee von den Bäumen wehte, wenn das junge Licht purpurn durch die Tannen blinkte, wenn der Felsen Wolkenzinken im goldenen Flammenstrahl erblitzten, und wenn der Silbermond sein sanftes Licht flimmernd über das reißende Gewässer streute und die ganze Welt in seinen keuschen Mantel hüllte -- dann weinte wohl Sibylle vor Weh und Lust, und sie kam sich vor wie verwunschen und verzaubert. Das Leben aber schien ihr schmerzlich süß und lebenswert.

Es kamen aber auch Tage, wo die Wälder wimmerten, ächzten und erzitterten und der Sturmwind heulend um die einsame Burg fuhr, Tage, an denen die Welt erstorben dalag wie verpackt in dichte weiße Tücher, in unablässig wandernde Schneeflockenwände, wo ein banges Gefühl Sibyllen übermannte, und es ihr war, als gehe sie am Leben vorüber. An solchen Tagen wanderte sie ruhelos durch die dunklen braunen Schloßräume wie ein Gefangenes und gedachte des fernen, verwaisten Heims mit bitteren Tränen. Wie unbestimmt und lückenhaft aber auch die Erkenntnisse auf sie einströmten, die die Einsamkeit und das Schweigen ihr zuflüsterten -- Erkenntnisse waren es dennoch, und sie füllten ihre trauernde Seele mit Stille und Frieden.

Es machte sich allmählich von selbst, daß man die Fremde drunten in der Gastwirtschaft und den zerstreuten Gehöften ringsum kannte. Wenn die junge zarte Gestalt in den Trauerkleidern an den Kindern und Erwachsenen vorüberwanderte, grüßte man sie freundlich. Sie kannte schließlich die verschiedenen kleinen Resis, Vronis, Seppls und Tonis bei Namen, und obwohl sie selten mit ihnen sprach, hatte sie doch ihre Lieblinge unter ihnen. Als die Kastellanin eines Tages seufzend von der schweren Erkrankung eines kleinen Mädchens sprach, faßte sich Sibylle ein Herz, stieg den Berghang hinab, klopfte an die Tür der Bauersleute und fragte nach der kleinen kranken Resi.

Man ließ sie eintreten. Das hübsche blonde Kind lag in seiner Wandbettlade in hitzigem Fieber und ächzte. Vater und Mutter standen ratlos dabei.

»Dreie sein uns scho wegstuorben -- d' Hals geht dem Resele so vial zua!« klagte weinend die Frau.

Sibylle faßte die heißen Kinderhände, richtete das Kind auf, bat um einen Löffel und ermöglichte es, der Kleinen in den entzündeten, verschwollenen Rachen zu schauen.

Sie sah beruhigt auf. »Es ist nur eine schlimme Halsentzündung liebe Frau,« sagte sie lächelnd, »das habe ich selber vielmal durchgemacht und bin doch immer wieder gesund geworden. Jetzt wollen wir dem Resele einen Halsumschlag machen, und nachher komm' ich wieder und bring' ein Gurgelwasser, und wenn sie's artig nimmt, soll sie was Schönes geschenkt bekommen. Gelt, Resele, du willst doch gesund werden?«

Sibyllens liebe Art weckte Vertrauen. Als sie fand, daß die Leute ihre Verordnungen nicht richtig einhielten und das Fieber des Kindes durch übermäßige Stubenwärme und erhitzenden Wein steigerten, bat sie sich aus, die Kleine auf ihre Weise pflegen zu dürfen, und blieb halbe Tage bei den Hubersleuten. Sie hatte den schönsten Erfolg, das Dirnchen genas, das Vertrauen der Umgebung war ein für allemal gewonnen. Man wandte sich auch in anderen Krankheitsfällen an sie, und da Sibylle einsah, wie wenig erfahren sie sei, ließ sie sich medizinische Handbücher kommen und begann sich gründlich mit diesen Dingen zu beschäftigen.

Eine Tätigkeit war gefunden, ohne daß sie sie gesucht hatte. Mit dem gleichen Vertrauen begannen sich die Leute auch in schweren Fällen an sie zu wenden. Sie lernte es, Notverbände bei Quetschungen und Wunden aller Art anzulegen, und wo sie nicht Rat wußte, da schickte sie zum Arzt. Bald war auch die weitere Umgegend ihres Lobes voll, und die Leute kamen aus dem Dorf, um sich Rats bei ihr zu erholen.

Ein schmerzliches Mitgefühl mit allem, was lebte und litt, beseelte sie, und mit ihrem stillen Wirken wuchs auch eine eigene Ruhe und gesammelte Stimmung in ihr und breitete einen seltsamen Schimmer über ihr Wesen.

Allmählich begannen die Wälder von Vogelstimmen zu hallen, die Bäche brausten wilder von den Bergen, erwärmend ruhte die Sonne auf Wiesen und Auen und lockte das feine Grün hervor, und auch in diese hohen Regionen zog der König Frühling. Wie lebte da Sibylle mit den knospenden Blüten und Blättern, wie freute sie sich an den silberglänzenden Wiesen, wo das taubedeckte Gras schüchtern hervorsproßte, wo hin und wieder ein farbiges Blümchen fromm-verwundert in den blauen Himmel blickte, umgaukelt von eifersüchtigen Schmetterlingen und Bienen -- wie von neuem staunte sie das heilige Wunder alles Werdens an! Liebte sie auch den Winter um seiner herben Reinheit willen mehr als die übrigen Jahreszeiten -- ein Frühling im Hochgebirge war etwas Berauschendes, und die alten steinernen Riesen hüllten sich noch immer in ihre Schneemäntel, das hatten sie nun einmal vor der Ebene voraus, und Sibylle liebte sie um so mehr dafür.

Wie kurze, grelle Visionen flogen oft die Bilder ihres jungen Lebens an ihr vorüber. Jene Zeit war die glücklichste gewesen, da sie, ein fröhlich-ernstes Kind, über ihrem Puppenreich gewaltet hatte. Wie ein Traum leuchtete der Sommerabend vor ihr auf, als sie in grenzenlos gesteigertem Lebensgefühl und seliger Ahnungen voll im Bade von ihrem Hauslehrer belauscht worden war. Hernach die Erkrankung ihres Vaters, Arnos Verlobung -- wie war das alles schon lange her -- und die unruhige Zeit im Sanatorium. Warum hatte ihre frohe Ahnung nicht gehalten, was sie versprochen? Lag das nicht auch an ihr? Aus dem Reiche der Kindheit war sie leise, leise in das Reich der Jugend hinübergeglitten, und tottraurige, furchtbare Dinge hatte sie erlebt. Wer hinderte sie aber nun, sich ein eigenes, stilles Reich zu schaffen, ein Reich, da sie herrschte durch Liebe und durch Dienen?

Und Sibylle schrieb an ihren Vormund, sie befinde sich wohl und bereue ihren Auszug nicht, sie bitte ihn jedoch, ihr die Kisten mit ihren alten Puppen senden zu lassen.

Um Pfingsten bereitete sie sich ein Fest. Wo Kinderaugen lachten, wurden sie groß und strahlend vor Entzücken: Sibyllens alte Puppen fanden Eingang in die engen Bauernstuben und brachten ein wenig Märchentum und Poesie und viel Glückseligkeit mit hinein. Sich selbst aber hatte Sibylle am seligsten beschenkt: Für die vergebenen Puppen gewann sie sich die Kinderherzen. Wo sie an den Bauernhäusern vorüberging, grüßten sie zutrauliche, glänzende Kinderaugen, und das »schiane Freili« stand, ehe sie's selber wußte, mit beiden Füßen in einem holden, sonnigen Reich der Liebe.

Aber Liebe erlegt Pflichten auf, und Herrschen ist nur ein versetztes Dienen. Das mußte Sibylle an ihrem Teil erfahren. Es dauerte gar nicht lange, so wußte sie um die Sorgen und Kümmernisse der großen und kleinen Leute Bescheid und teilte auch ihre einfachen Freuden mit ihnen. Den kümmerlichen Alten las sie vor und verplauderte manch Stündlein mit dem rüstigen blinden Sepp, der ihr ergeben war wie ein treuer Hund. In letzter Zeit beschäftigte sie sich damit, ihn die Blindenschrift zu lehren.

Und über all ihrem stillen Tun erfuhr sie, daß sie nicht leer ausging. Sie sah und lernte das Hinleben dieser einfachen Menschen mit ihren einfachen Bedürfnissen verstehen, sie tat blitzartige Einblicke in das Kreisen von Lust und Schmerz, sie erfaßte das große und wunderliche Leben und die notwendige Folge von Schuld und Leid.

Wogende Nebel schwammen über dem Tale, und die Sonne konnte nicht durchblitzen, obwohl in der Höhe ein klarer Maimorgen lachte und strahlte. Im Dorf unten hatten sich schon die ersten Ausflügler und Sommerfrischler gezeigt; auf den Gassen regte sich ein buntes Treiben. Kinder standen vor den Häusern und betrachteten neugierig die städtischen Fremden, die, Maireiser auf dem Hut und Rucksäcke auf dem Rücken, zu Fuß in das Dorf gewandert kamen oder auf dem Rade lustig hineinfahren. Eine Gesellschaft hielt gar mit einem prächtigen Zweispänner vor der Gastwirtschaft, und unter den geputzten Federhüten neigten sich lachende Frauengesichter aus dem Wagen.

Die Straße herauf kam eine schlanke, schwarzgekleidete Mädchengestalt daher; »'s schiane Freili«, jauchzten die Kinderstimmen, Kinderaugen funkelten, Mützen und Kappen flogen von den struppigen Bubenköpfen. Sibylle schritt lächelnd und grüßend an den Kindern vorüber, die sie umdrängten, ließ sich hier und da ein Händchen geben und fragte nach diesem und jenem.

Heute war die Lust jählings über sie gekommen, auch einmal einen weiteren Ausflug zu machen und andere Menschen zu sehen als diese Dörfler. Die Kastellanin hatte ihr schon lange von der Falkenschlucht gesprochen und ihr den Weg dahin, der zunächst durch das Dorf führte, genau beschrieben.

Sibylle war so recht von Herzen froh. Eine ruhige, erwartungsvolle Heiterkeit war in ihr, deren sie sich fast schämte, wenn sie des furchtbaren Unglücks gedachte, das sie in diese stille Welt getrieben. Die ganze, in Blütenwonne aufgelöste Natur atmete Duft und Frische. Die Nebel hatten sich allmählich geteilt und verzogen sich wie lichtdurchwobener Dampf und Rauch; hellfreundlich strahlten die Bergwände die Morgensonne wieder. In zackigen Schneelinien hob sich hoch und herrlich die ferne, wogende Bergwelt.

Rüstig schritt Sibylle die Talmulde entlang, die von beiden Seiten eng in Bergwände hineingelagert war; immer enger schoben sie sich zusammen, immer steiler wurden sie. Bäche rieselten nieder ins duftende Gras, flüsterten und rauschten, junge Birkenbäume schmiegten sich vereinzelt in geschützte Eckchen und schüttelten ihr lichtdurchstrahltes zartes Laub, bunte Blumen tanzten auf dem sonnigen Grün, ein leiser Wind wehte, der Himmel lachte ...

Und mit blitzartiger Erkenntnis wurde der Gedanke in Sibylle lebendig, daß die Natur selbst ein Spiegel unserer eigenen, inneren Welt sei. Wer sie anschaut, wer in ihre Tiefen dringt, dem muß sie manche Frage beantworten, dem kann sie innere Rätsel lösen, und wer sie liebt, so recht aus voller Seele, der wird sich in ihr verstanden fühlen. Sie lügt und schmeichelt nie, sie schüttet Reichtümer aus über Bedürftige, sie erfreut und bezaubert unsere Augen und erleuchtet unseren Geist durch ihre tiefere Bedeutung.

Sibylle lächelte in sich hinein, während sie weiterschritt. War nicht auch eine übereinstimmende Bedeutung in der weißsilbernen Winternatur und ihrer eigenen, scheuen Seele, die aus Gefühlsüberschwang herbe wurde und kalt zu sein schien? Hatte sich der Rhythmus ihres eigenen Wesens nicht schon in jenen feierlichen, einsamen Tänzen geäußert, die sie als Kind vor ihren Puppen aufzuführen gepflegt? Weshalb war sie nie mit ihren stummen porzellanenen Untertanen intim geworden? War ihr nicht das Bedürfnis, Distanz zu halten, eingeboren? Warum wohl? Sie wußte es jetzt mit einem Male: es war Selbstschutz, nicht Mangel, sondern Tiefe des Empfindens. Und taten nicht die schneebedeckten Berge das gleiche? War da nicht eine innere Verwandtschaft?

Sie nickte ihren weißen, glitzernden Freunden heimlich zu und lächelte glücklich. Nie hatte sie sich nach der üppigen Natur der Tropen mit ihren glänzenden, prallen Farben, mit ihrer tastenden Aufdringlichkeit gesehnt. Ihr Reich war der reifbedeckte Märchenwald, der Silbergarten, wo das Schneelicht leuchtete, wo der Mond kühl und geheimnisvoll durch die flimmernden Zweige spielte, wo die Stille horchte und das Schweigen redete ...

Der Wagen mit den nickenden Federhüten holte sie rollend ein, sie hörte Stimmen lachen und schwatzen -- wie er an ihr vorüber war, erschien ihr alles ringsum lebendiger. Hastiger quirlten und sprudelten die Bäche, liefen eiliger an ihr vorüber, lauter flüsterte das Birkengezweig, tönender summten die Bienen -- die lustige Gesellschaft hatte die Stille mit fortgenommen.

In Gedanken wanderte Sibylle dahin. Ihre Seele war wach und rege. Die Felsschlucht begann einen düsteren, schwermütigen Charakter anzunehmen, steiler und drohend drängten sich die Wände zusammen, enger, kühler und dunkler ward es. Die spielenden Gewässer hatten sich, ehe sie es gewahr wurde, in einem steinigen Flußbett gefangen und schwollen zu einem Bach an, der düster grollend an ihr vorüberrauschte. Bedrückt und seltsamer Ahnungen voll wanderte sie wohl eine halbe Stunde weiter -- plötzlich stand in einer Wegbiegung ein gewaltiger Felsblock vor ihr auf, hoch und still wie eine Mauer, als wolle er ihr den Weg versperren. Ein ängstliches Vorgefühl machte ihre Pulse klopfen -- was würde nun noch kommen? Sie schloß die Augen und eilte vorwärts, erst hinter jener jähen Wegbiegung wollte sie wieder hinsehen, sie zählte ihre Schritte, 15, 30, 60, sie blinzelte zwischen den halbgeschlossenen Wimpern -- noch etwa zehn Schritte, die Wendung war erreicht. Verwirrt blieb sie stehen und spürte einen furchtbaren Ruck in ihrem Körper: kannte sie denn etwa diese Gegend nicht? Wenn etwas in der Welt, so sollte sie dieses Bild kennen, war es doch mit ihr gewandert in ahnungsvollen Schauern, hatte es sich ihr leidvoll eingeprägt und war von ihr oftmals und immer wieder und wieder in ihren Träumen gesehen worden!

Das war die finstere Schlucht ihrer Träume, ja, das war sie -- hier das treibende Gewässer, dort die hängende Brücke, vor ihr die düsteren, eng aneinander gerückten Felsen, hoch oben in dem schmalen Spalt ein blauer Himmelsstreif -- und dort, Herr Gott, es war so, schritt ein Mann in dunklem Faltenmantel über die Brücke --

Sibylle fühlte, wie ihr Herz stillstand -- war nicht alles wieder nur Traum? Etwas Entsetzliches ging in ihr vor. »Kehre um, kehre um!« rief eine Stimme in ihr, und »Nein, bleibe, steh und erkenne!« eine andere.

Dumpf und starr vor Grauen schritt sie weiter, die Augen fest auf die Brücke gerichtet. Wie im Nebel gewahrte sie, daß die Schlucht sich in zwei Arme gabelte; der eine Arm wand sich, von dem Bache begleitet, in eine vertiefte, unheimliche Finsternis hinein, der andere, breitere, schien wieder allmählich in die grüne Gotteswelt hinauszuführen. Hier stand, eng an die Felswand gedrückt, das Gefährt, das an Sibylle vorbeigerollt war. Es war leer. -- Helle Frauengestalten traten aus dem dunklen Gang ans Licht. Ein kleiner Knabe eilte ihnen voraus und kam hastig auf den Mann, der auf der Brücke stand, zugelaufen.

Eine junge Frau folgte. »Arno,« rief sie ängstlich, »nicht so schnell, vorsichtig, Arno!«

»Papa!« jauchzte der Kleine und umfaßte die Knie des einsamen Mannes. Dieser hob das Kind hoch empor, küßte es und stellte es wieder auf die strammen Beinchen.

Sibylle fühlte, wie alles Blut ihr nach dem Herzen trieb. »Arno ...« wiederholte sie flüsternd, »der Mann da ist Arno, und das ist sein Kind!«

Sie betrat die Brücke nicht. Während sie daran vorüberschritt, warf sie einen scheuen Blick in das dunkle Männerantlitz. Er ist's! jubelte sie innerlich, das sind seine grauen Augen, das ist seine Stirn, sein Mund, sein Lächeln ... aber ist er denn nicht glücklich ...?

Sie zögerte einige Augenblicke, sie sehnte sich, seine Stimme zu hören; ob sie in ihr wohl den warmen Klang seiner Knabenstimme wiederfände?

Die Dame nahm zuerst das Wort. »Ich finde es hier schauerlich öde, ich dächte, wir brächen wieder auf. Was fesselt dich eigentlich so an dieser unheimlichen Gegend, Arno?«

Die Stimme gefiel Sibylle nicht, sie hatte einen oberflächlichen Ton.

Er reichte seiner Frau die Hand. »Also dann auf Wiedersehen in zehn bis vierzehn Tagen am Gardasee, Pension Dante, Garda, vergiß das nicht. Ich mache meine Dolomitenreise zu Fuß weiter, wie verabredet. Viel Vergnügen!«

Sibylle ging ruhig weiter. Ihre seelische Tiefhörigkeit raunte ihr eine schwere, bange Wahrheit zu: sie wußte, Arno war es, und Arno war nicht glücklich. Wie kühl hatte sein Abschied geklungen! O fort, fort von hier, ehe er sie erkannte!

Schnell entschlossen kehrte sie um und eilte beflügelten Schritts den Weg zurück, den sie gekommen war. Hinter sich her hörte sie scherzen und lachen, hörte durcheinander schwirrende, mutwillige Frauenstimmen, sie hörte wie der Wagen aus der Stelle rückte, wie der Kutscher den Pferden zuredete -- noch einmal schaute sie zurück: in dem Gefährt unter den anderen Damen saßen Arnos Frau und Arnos Kind -- jetzt rollte es mit seiner munteren Bürde nach der entgegengesetzten Seite hinaus ins Freie. Sie sah es nicht wieder.

Und jetzt kam ein brennendes Weh über sie -- sie senkte das Haupt -- über ihre schmalen Wangen stürzten schnell hintereinander bittere Tränen. Das Bewußtsein ihrer schmerzlichen Einsamkeit beugte sie nieder wie ein Rohr im Winde.

So würde sie auch Arno nie wieder sehen! Ein Fremder war er ihr geworden, ein Fremder mußte er ihr bleiben. Sie vermochte das Weh, das sie gepackt hatte, kaum zu fassen, noch weniger zu bändigen. Weshalb hatte dieses Wiedersehen ihr Wesen in den furchtbaren Aufruhr versetzt? Wußte sie es nicht seit Jahren, daß Arno verheiratet war? »Aber er war doch mein einziger Freund, mein letztes Stückchen Heimat ...« klagte ihre weinende Seele. Doch groß und schwer wie eine verhüllte Frau stand plötzlich die Wahrheit vor ihr auf und sprach herb und streng: »Du betrügst dich selbst; Arno hast du geliebt seit deinen Kinderjahren um seiner selbst, nicht um deiner Heimat willen. Die Heimat hast du ohne besondere Kämpfe verlassen.«

Betreten stand Sibylle still und schaute wirr um sich. Ja, ja -- es war so. Sie hatte ihn immer geliebt, liebte ihn immer noch, trotzdem er einer anderen gehörte -- sie liebte ihn jetzt mehr als jemals. O fort, fort mit diesen Gedanken, fort aus Arnos Nähe!

Besinnungslos begann sie zu laufen, als hetzten sie Gespenster ... sie lief und lief atemlos, ohne nach rechts und links zu sehen, sie lief, als liefe sie um ihr Leben -- da -- schlug ihr Fuß an einen Stein, sie stürzte jählings und blieb mit einem schneidenden Schmerz im Knöchel liegen.

Betäubt richtete sie sich auf und brachte sich mühsam in eine sitzende Stellung, sie konnte den Fuß nicht bewegen -- er war verstaucht.

Der ganze Jammer ihrer Verlassenheit brach über ihr zusammen -- was nun?

Da saß sie, hilflos, allein in der feierlichen Einsamkeit, das brennende Bewußtsein einer furchtbaren Entdeckung in der Seele, preisgegeben dem Mitleide jedes Vorübergehenden, unfähig sich auch nur zu rühren und ein Stück vorwärts zu kriechen. Der Schmerz in ihrem Knöchel wurde immer heftiger -- »Wasser, ach Wasser!« ächzte Sibylle mit zitternden Lippen; halb ohnmächtig schloß sie die Augen.

Die Zeit ging hin; langsam, unerträglich langsam schlichen die Minuten dahin, oder waren es Stunden? Schon stand die Sonne im Zenit und sandte ihre heißen Strahlen auf den steinigen Weg. Ermattet, erschöpft, völlig unfähig zu denken, schmerzlich ergeben in ihr Schicksal, versuchte es Sibylle, ihren Fuß in eine erträgliche Lage zu bringen. Sie starrte versunken vor sich nieder, ihre Lider wurden schwerer und immer schwerer, endlich schlief sie ein.

Sie erwachte von einer leisen Berührung.

Ein Ton, der sich erschüttert wie aus einer dunklen Tiefe rang, schlug an ihr Ohr: »Mein Gott, sind Sie -- bist du es -- Sibylle?«

Noch benommen von Schlaf und Weh, streckte sie die Arme empor und stammelte mit einem leisen Aufschluchzen: »Arno ...!«

Er kniete zu ihr nieder, er küßte ihre Hände -- ach, nun war ja alles, alles gut. Er faßte sie und hob sie empor -- mit einem Wehlaut brach sie zusammen und wies auf ihren Fuß.

Schnell, gewandt knüpfte er den kleinen Stiefel auf, entblößte den Fuß -- jetzt sprang er an den Bach, tauchte sein Taschentuch in das kalte Wasser und legte es sorglich auf das geschwollene Gelenk.

»Liebling,« flüsterte er, »armes Herz, wie ist denn das gekommen? Ach, wenn du einen Moment Mut haben wolltest, ich glaube, ich könnte es richten.«

»Nur zu!« murmelte sie lächelnd, »ich halte aus.«

Mit weichen, sorgsamen Händen faßte er das Füßchen, dehnte, zog und richtete -- »Da, nun ist's gut, schon vorüber!« sagte er triumphierend. »Aber sag, Kind, um des Himmels willen, wie kommst du denn hierher? Und allein?«

»Ich ... ich lebe ja hier -- schon seit Monaten, seit das Furchtbare mit den Eltern geschah, daheim konnt' ich nicht bleiben.«