Der Silbergarten. Der Stein des Pietro. Zwei Erzählungen
Part 3
Der Laubeneingang verdunkelte sich. Ein altes Fräulein, das Sibylle gern mochte, auch eine Rekonvaleszentin, hüstelte und trat ein wenig näher. »Störe ich Sie nicht, mein liebes Kind?«
Sibylle war aufgesprungen. »O nein ... bitte.«
Die alte Dame setzte sich neben sie und streichelte zärtlich ihre Hände. »Ja, ja,« sagte sie dabei und nickte, »ja ja.« Ihre weißen Lockenwickel zitterten. »Ich habe Ihnen auch einen Gruß zu bringen --«
»Von Leutnant Zur-Linden?« fragte Sibylle.
Die alte Dame nickte wieder und fuhr fort, die jungen Mädchenhände zu streicheln. Ihre zarte Art griff Sibylle ans Herz. Gedämpft und voll eines plötzlichen Vertrauens, das sie sich nicht zu erklären wußte, begann sie zu sprechen.
»Es ist so unbegreiflich, so schmerzlich ...« murmelte sie stockend in die heiße Sommerluft hinein, »man will doch niemandem wehe tun und tut doch wehe. Da kommen sie und bringen einem Blumen und Verse und sind betrübt und enttäuscht und reisen ab, wo es für ihre Gesundheit gut wäre, die Kur zu Ende zu brauchen, und quälen sich und andere ...«
Das alte Fräulein nickte wieder und sah sie gütig an. »Ist es denn eine so schwere Last, Liebe zu erwecken? Ja ja, ich verstehe, wenn man selbst nicht --«
»Ja!« rief Sibylle, »und ach, ich weiß nicht ... vielleicht kann ich überhaupt nicht ... ich muß doch sein, wie ich bin!«
»Sie haben Ihr eigenes Leben und Ihren eigenen Maßstab, Kindchen, da haben Sie recht. Aber das Leben liegt noch vor Ihnen, und es kann gut und schön werden so oder so. Wir Alten -- wir sind über all das hinaus; für uns haben sich die goldenen Tore des Lebens geschlossen, was wir sehen, wenn wir zurückblicken, ist wie Traum und Schatten, auch das Leid, das wir erlebt haben. Wie in einem winterlichen Silbergarten stehen wir, bereifte alte Bäume, und schauen nach innen und träumen und warten ...«
»Ach ja!« seufzte Sibylle, »so gerade, so ist mir's auch, das kenn' ich so gut.«
»Sie ...?« Die alte Dame sah sie grübelnd an und lächelte mild. »In unseres Herrgotts Garten wachsen verschiedene Bäume und Blumen,« sagte sie leise. »Jedes hat sein Recht und seine Art, da läßt sich nichts dreinreden. Es gibt Blumen, die nur einmal blühen, aber zum Blühen und zur Vollendung soll ein jedes kommen, früher oder später. Sieh da -- Sibylle, ist das nicht Ihre Mutter, die Sie sucht?«
Sibylle trat vor den Laubeneingang und schaute hinaus. Die Gräfin stand an der Biegung eines Parkweges, hielt die Hand über die Augen gebreitet und spähte umher. »Sibylle!« rief sie.
»Ja, Mama, ich komme!« Dann eilte das junge Mädchen noch einmal in die Laube zurück, beugte sich über die Hand der alten Dame und küßte sie. »Ich danke Ihnen.« -- --
Nach Zur-Lindens Abreise gestaltete sich das Verhältnis der Eltern zu Sibylle liebevoller als je. Sie hatte der Mutter offen von seinem Antrage erzählt. Glaubte das Ehepaar, seinem Kinde für den jugendlichen, sympathischen Verkehr, der mit Zur-Linden verloren gegangen war, einen Ersatz bieten zu müssen, oder war den Eltern bewußt geworden, daß sie Sibylle schwerlich lange für sich allein würden behalten dürfen, kurz, das Zusammenleben der drei war von erquicklicher Harmonie und Innigkeit.
Auch nach ihrer Rückkehr in die Heimat. Wie ein kostbares Kleinod, das fremden Augen nicht preisgegeben werden durfte, hüteten und wahrten diese drei Menschen den Schatz ihrer gegenseitigen Liebe und ihres Verständnisses füreinander.
Der Graf hatte für Sibylle als Überraschung daheim ein Jungmädchenzimmer von auserlesener Zartheit herrichten lassen, das Sibylle bewundernd ihr Silberparadies nannte. Es war in der Tat ein solches. Silberweiß die Wände und weißlackiert die Möbel, selbst die Bücher im zierlichen Schrank waren in weißes Leder gebunden. Duftige Fenstervorhänge und eine schwere, weißseidene Portiere schlossen diesen festlich-anmutigen Raum vor der übrigen Welt ab.
Hier stand Sibylle oft träumend an einem der Fenster und blickte in die Winterpracht hinaus. Im Frühjahr, Herbst und Winter, wenn die Bäume noch nackt aufragten, konnte sie von ihrer Höhe einen See erspähen, der wie ein unheimliches Auge in den grauen Wolkenhimmel emporstarrte oder an schönen Tagen die Bläue des Himmels glitzernd widerspiegelte. An diesen See knüpfte sich eine Sage: alle zehn Jahre, hieß es, müsse er sein Opfer haben, und Sibylle erinnerte sich, als Kind von einem blinden Manne gehört zu haben, der beim Überschreiten des Eises eingebrochen und ertrunken war. Jenseits des Sees lag ein Gutshof, in den jetzt das Glück eingekehrt war. Die älteste Tochter des Freiherrn v. Wrede hatte sich verlobt.
Der gesellschaftliche Verkehr beschränkte sich hauptsächlich auf diese Familie Wrede und den alten Pastor, der Sibylle konfirmiert hatte, und dem sie herzlich zugetan war.
Wenn der verwitwete alte Herr mit dem klugen, ehrwürdigen Gesicht ins Schloß kam, war's immer eine Freude für Sibylle, und die beiden pflegten sich in einer Art zu unterhalten, die an das Gespräch mit dem greisen Fräulein im Sanatorium erinnerte. Pastor Büttner behauptete oft der Gräfin gegenüber, er erbaue sich an der Weise Sibyllens, die eine stille Naturfrömmigkeit zum Ausdruck bringe, mehr als an den frommen Redensarten seiner anderen Gemeindeglieder.
»Lieber Herr Pastor,« sagte Sibylle einmal nachdenklich, »warum fürchten die Menschen den Tod, da er doch nur ein Übergang ist? Sterben wir nicht alle viele Male, wenn wir aus einem Zustande in einen anderen übergehen? Stirbt nicht die Natur, um zu leben? Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich fühle mit dem Wasser, wenn es langsam zu Eis erstarrt; mir ist, als sei ich mitten unter den absterbenden Herbstblättern, und ich bin auch wieder in den jungen treibenden Knospen -- ich fühle mich als sie, und mir ist, als wüßten alle diese Dinge viel mehr und als seien sie viel weiser als wir Menschen.«
Der alte Geistliche wiegte den grauen Kopf, sah das junge Mädchen sinnend an und sagte sanft: »Sie denken mit dem Herzen, Sibylle, und darum sind Sie reich -- wie die Kindlein, derer das Himmelreich ist. Aber warum meinen Sie, daß die Dinge weiser sind als wir?«
»Sie widerstreben nicht, sie tun, was die Jahreszeit von ihnen will und ihre eigene Art,« antwortete Sibylle. »Wir Menschen aber, wir wollen uns nicht fügen -- das ist ja auch manchmal sehr schwer,« fügte sie entschuldigend mit einem verirrten Lächeln hinzu.
Im Laufe dieses Winters ward Sibylle von seltsamen Träumen heimgesucht, die sich ihr mit außerordentlicher Deutlichkeit einprägten. Insbesondere war es ein immer wiederkehrender Traum; sie sah ihm mit einem Gefühl von Unruhe, ja Angst entgegen, weil er immer, in derselben ihr unbekannten Gegend anhebend, sich mit wenigen Veränderungen abspielte und ihr ein schweres Wehegefühl hinterließ. Sie stand in einer hohen Felsschlucht, auf einer schwebenden Brücke, unten kochte der Gebirgsbach, oben sah der freie Himmel hinein, und zu beiden Seiten wand sich die Schlucht in einen finsteren Grund weiter. Neben ihr, auf der Brücke, stand ein Mann in einem dunklen, faltigen Mantel, und sie hörte ihn die Worte sprechen: »Natur und eine geliebte Menschenseele -- welch ein wundervoller Zusammenklang!« Dann aber, wie sie sich nach ihm umsah, war sie allein auf der Brücke, und unten in der tosenden Tiefe sah sie sehnsüchtige Hände, die nach ihr langten und sie nicht fassen konnten. Und es war ihr, als seien es die Hände ihrer Eltern. Sie sprach zu niemand von diesem furchtbaren Gesicht. Die Worte des alten Fräuleins fielen ihr ein: »Was wir sehen, wenn wir zurückblicken, ist nur Traum und Schatten, auch das Leid, das wir erlebt.« War nicht auch Traum und Schatten, was man vor sich sah? Sibylle wußte es nicht.
Inzwischen begann man sich zur Hochzeit Selma Wredes zu rüsten. Da Sibylle Brautschwester sein sollte, so gab das eine angenehme Geschäftigkeit. Immer wieder fand die Gräfin etwas an den Toiletten zu verändern und zu vervollkommnen. Schneiderinnen bekamen alle Hände voll zu tun, und auch die Gräfin fand noch eine wehmütige Freude daran, sich selber zu schmücken. Botschaften gingen über den See hin und her.
Endlich war alles, wie man es sich wünschen konnte, und strahlend in Heiterkeit und Anmut, trat die Mutter am Hochzeitsmorgen Selma Wredes in Sibyllens Stübchen. Wie erschrak sie, als sie ihr Kind mit dunkelumränderten, fiebrigen Augen im Bett sitzen sah.
»Sibylle, was ist?«
»Ach, Mamachen, nichts von Bedeutung, aber ich fürchte, ich werde das Fest nicht mitmachen können, ich habe die ganze Nacht durch Halsschmerzen gehabt.«
Bestürzt beugte sich die Mutter zu Sibylle nieder und faßte ihre Hände. »Du fieberst ja, Kind!«
Sibylle lächelte, bog sich zurück und küßte die Hand ihrer Mutter. »Nein, küsse mich nicht, Mama, ich könnte dich anstecken -- wahrscheinlich nur eine gewöhnliche Halsentzündung.«
Der Arzt ward geholt und bestätigte Sibyllens Annahme. Die Sache sei durchaus nicht gefährlich, natürlich aber dürfe die Komtesse nicht ausfahren.
Nun wollte auch die Gräfin zu Hause bleiben, aber Sibylle ließ ihr keine Ruhe, das würde Selma doch zu sehr enttäuschen. Sie bat und flehte, bis ihre Mutter endlich nachgab und auf das Fest zu gehen versprach. Vor Sibyllens Augen ließ sich die Gräfin von der Jungfer ankleiden, obwohl ihr die Freude an dem Tage gänzlich verdorben war.
»Was habe ich noch für eine schöne, junge Mama!« sagte Sibylle zärtlich mit feucht glänzenden Augen -- »wie heller Flieder bist du, laß dich von allen Seiten anschauen! Und Väterchen soll sich auch präsentieren!«
Betrübt nahmen die Eltern Abschied, und Sibylle horchte angestrengt auf die verhallenden Schlittenglocken.
Eine halbe Stunde etwa mochte vergangen sein, als Sibylle von einer grauenvollen Unruhe befallen ward. Unheimlich kroch eine Angst, die sie sich nicht zu erklären vermochte, über ihre Glieder und schüttelte sie. Von Schauern durchrieselt, warf sie sich in ihrem Bett hin und her, ächzend richtete sie sich auf, langte mühsam nach einem Schal, hüllte sich hinein und starrte verloren vor sich hin. Was sie empfand, war nahezu Verzweiflung -- warum? weshalb? Sie wußte es sich nicht zu erklären. Ich bin doch kränker als ich glaubte, dachte sie; gut, daß es Mama nicht gemerkt hat!
Vor Erschöpfung schlief sie endlich ein.
Als sie erwachte, war es heller Tag. Sie griff erschreckt nach der Glocke, um dem Mädchen zu klingeln. Es war doch unerhört, daß sie die Rückkehr ihrer Eltern verschlafen hatte! Aber kaum schrillte der Glockenton durch das Haus, als im Zimmer nebenan ein erregtes Flüstern hörbar wurde -- Sibylle vernahm ein Huschen, ein unterdrücktes Räuspern, die Tür ward aufgeklinkt, der weiße Vorhang beiseite geschoben, und vor ihr stand der alte Pastor.
Er sah feierlich und so blaß aus, daß Sibylle ihn entsetzt anstarrte.
»Lieber Herr Pastor -- was ist ...« flüsterte sie.
Der alte Mann trat näher, setzte sich auf ihr Bett und nahm ihre beiden Hände. Er mußte reden. Nie war ihm eine Aufgabe so jammervoll schwer geworden.
»Mein liebes Kind,« murmelte er, »Gott der Herr muß wohl unbegreifliche Dinge mit Ihnen vorhaben, Geben und Nehmen liegt in seiner Hand -- liebe Sibylle -- er helfe Ihnen in Ihrem Leide ... Ihre Eltern sind beide ...«
»Tot --?« flüsterte Sibylle erstarrt.
Der Pastor beugte sein greises Haupt und brach in Tränen aus, er zitterte vom Kopf bis zu den Füßen.
Sie saß da in ihrem Bett wie zusammengebrochen, den Kopf kraftlos gebeugt, die Augen halb geschlossen, totenblaß. Alles um sie herum schien zu kreisen. Es war, als habe sie einen Schlag vor die Stirn bekommen wie ein zum Töten bestimmtes wehrloses Tier.
»Tot ...« murmelte sie mit irrem Lächeln, »tot -- Herr Pastor, nein, das ist ja nicht möglich -- ein böser Traum ... sagen Sie, daß es nicht wahr ist, bitte, bitte, Herr Pastor ...«
Sie sprach wie im Schlafe mit einer kleinen, zerbrochenen Stimme, die fremd und wunderlich klang.
Als der Pastor schwieg, malte sich ein steinernes Grauen auf ihren Zügen, der Kopf sank tief auf die Brust nieder, und flüsternd fragte sie: »Der See ...?«
Der alte Mann nickte nur, dann fiel er vor dem Bett in die Knie, rang die Hände hoch empor und begann laut zu beten: »Herr, hilf deinem Kinde! Herr, sei deinem Kinde barmherzig und gnädig, Herr, gib Kraft zu tragen ...«
Scheu hob er das Haupt und sah Sibylle an.
»Ertrunken ...« murmelte sie abwesend, »ertrunken -- zuviel, zuviel --«
Sie ächzte leise auf, stieß einen furchtbaren, durchdringenden Schrei aus und fiel vornüber, bewußtlos.
* * * * *
Die ersten Wochen nach dem entsetzlichen Ereignis vergingen dumpf wie ein lastender Traum. Sibylle war in einen Zustand teilnahmloser Schwäche geraten, aus dem sie nichts, weder die zärtliche Hingabe der Wredeschen Familie, noch die liebevolle Fürsorge ihres geistlichen Freundes zu reißen vermochte. Die Baronin Wrede war für einige Tage ganz zu Sibylle hinübergezogen; eine ältere Verwandte, ein Fräulein v. Trebnitz, hatte man aus Berlin herbeidepeschiert zur Pflege Sibyllens und zur Leitung des Hauswesens. Unter ungeheurem Zudrang der nahen und ferneren Nachbarschaft waren die Leichen, die man aus dem See gezogen hatte, in der Familiengruft beigesetzt worden. Nur der alte Kutscher allein hatte sich gerettet. In dem Moment, als der Coupéschlitten einbrach, war er halb besinnungslos vor Schrecken ins Wasser geglitten. Die stolpernden, bäumenden Pferde hatte er zuvor noch zurückreißen können, hinter sich aber hatte sich das Coupé plötzlich gesenkt -- ein Krachen, Bersten, Auseinanderklaffen und eiskalte Fluten Wassers -- als er wild um sich greifend, eine Eisscholle gepackt hatte, war alles verschwunden, versunken. Geschrien hatte er wie ein Wahnsinniger -- einen Pferdekopf hatte er noch einen Moment gesehen, dann nichts mehr. Laut weinend erzählte er den furchtbaren Hergang und nahm sofort seinen Abschied. »Ich könnte ja der Komtesse nie mehr unter die Augen treten,« sagte er, »obwohl ich ja bei Gott keine Schuld habe. Noch tags zuvor bin ich ja mit dem Lastschlitten, den Möbelkisten, die unsere Herrschaft der Baroneß Wrede geschenkt hatte, über dieselbe Stelle gefahren, und die Kisten waren wahrhaftig schwerer als das leichte Coupé. Da hat der Teufel seine Hand im Spiel gehabt -- ich kann das Unglück nicht begreifen!«
Es verhielt sich in der Tat so, wie der alte Mann ausgesagt hatte. Untersuchungen und Vernehmungen ergaben die Richtigkeit seiner Behauptungen. Man mühte sich, die Ursache des Unglücks in einer verstärkten Strömung des Unterwassers zu erklären, die durch außerordentliche Herbstregengüsse hervorgerufen sein könne und vielleicht das unterseeische Strombett eines durchziehenden Flüßchens verändert habe; man erschöpfte sich in Hypothesen und Vermutungen -- die ältesten Bauern aber schüttelten düster die Köpfe und meinten, der See habe nun wohl auf zwanzig Jahre Ruhe, da er mit einem Male zwei Opfer gefordert -- daß es aber die liebe, gütige Herrschaft habe treffen müssen -- das sei bitter hart.
Daß Sibylle zur Beisetzung ihrer Eltern nicht hatte zugegen sein können, empfand man als ein Glück für sie. Es war auch ein Glück, daß sie die lieben, entstellten Züge nicht mehr gesehen hatte. Täglich regnete es von allen Seiten Erkundigungen und Nachfragen, und täglich konnte Fräulein v. Trebnitz nur dieselbe trübe Antwort finden: »Immer noch völlig teilnahmlos.«
Sibylle war wie ein gebrochenes Rohr. Still, blaß und wie bewußtlos lag sie viele Stunden, ohne sich zu rühren, mit geschlossenen Augen und nahm gehorsam Stärkungsmittel und Nahrung zu sich mit einem gemurmelten Danke. Arzt und Pastor kamen täglich, verhandelten flüsternd miteinander und mit Fräulein v. Trebnitz, und verließen bekümmert das Haus.
»Sie sollte sich doch einmal aufraffen können,« meinte die ältliche, spitznasige Verwandte seufzend und schüttelte ergeben in fremdes Leid den dünnen, graubezopften Kopf. »Wo bleibt denn das Vertrauen zu unserem Herrgott?«
»Man muß ihr Zeit lassen; eine so zarte Seele wie die ihre, die sich die Erleichterung des Aussprechens versagt, braucht mehr Zeit als andere!« murmelte der alte Pastor weich. Im geheimen wünschte auch er schmerzlich, Sibylle möge ihren Trost dort suchen, wo er ihn selbst gefunden: im Glauben und im Gebet.
Und eines Tages, als er wieder bei ihr saß und sie wie immer liebevoll nach ihrem Befinden gefragt hatte, hob Sibylle mühsam den Kopf aus den Kissen, sah ihn mit einem scheuen, langen Blick an und streckte ihm eine abgezehrte Hand entgegen.
»Sie sind so gut und geduldig, mein lieber alter Freund, viel zu gut sind Sie, und ich ...« Sie schwieg, ein wundes Zucken rann über ihr Gesicht.
»Und Sie ...?« fragte der alte Herr gespannt.
»Ich habe vor, sehr undankbar zu sein,« sagte Sibylle matt, »und Sie alle zu verlassen -- ich kann es nicht mehr ertragen, in meinem Heim zu leben wie früher -- zu schwer, zu entsetzlich ist das. Fort will ich -- irgendwohin, in den Süden, in die Berge, wo es -- so anders ist. Ich will Wangen verkaufen und nie, nie mehr wiederkehren ...«
»Wangen -- verkaufen?« Der Pastor starrte sie entsetzt an.
»Ja ... kann ich denn hier leben? Sagen Sie selbst, Herr Pastor, wo alle Dinge tausend Augen haben und mich so weh anstarren --« Schnell und leise sprach sie weiter: »Fort, fort muß ich um jeden Preis -- in die Berge, in die Stille, in den tiefen, einsamen Winter hinein, wo niemand mich kennt, niemand fragt, niemand weiß. Dann will ich sehen, was mir zu lernen not tut -- nicht vergessen, Herr Pastor, o nein, nur mich selbst finden, wenn ich -- anderen -- etwas sein kann.«
Der alte Mann seufzte tief auf und schwieg. Hatte er sich früher in den hellen, glücklichen Tagen an Sibyllens Weise gefreut, so erschien ihm jetzt ihre Art fremd. Die Kinder des Glaubens pflegten sich Schicksalsschlägen gegenüber zu beugen mit Weinen, mit Beten, mit Reue und Selbstanklagen, mit Flehen um Trost und Gnade, oder aber sich aufzulehnen mit Empörung, Trotz und Hader. Sibylle aber duldete schweigend wie eine gebrochene Blume, und da, wo man es am wenigsten erwartete, da handelte sie. Er empfand, daß er wenig von ihrer Seele wußte, so gut er sie auch zu kennen geglaubt. Ihre Natur zog sich still und stolz in sich selbst zurück und wich einfach aus, wo sie sich gebunden und gehemmt fühlte, ohne sich über sich selbst zu äußern.
»Wen Gott der Herr liebt, den züchtigt er,« sagte er leise.
Sibylle schlug die durchsichtigen Augen zu ihm auf und sah ihn schmerzlich an. »Es ist ja gleich,« flüsterte sie, »ob wir leiden oder uns freuen -- im letzten Grunde kommt es darauf nicht an für unsere Seele, so schwer auch das Leiden ist, nur wir selbst müssen wir zu bleiben suchen und die Wege gehen, die uns dazu führen.«
Es lag eine Art schmerzlicher Stille über ihrem schmalen Gesicht, wie sie bei Menschen erscheint, die sich zu einer läuternden Wahrheit durchgerungen haben.
»Dürfen wir aber die Aufgaben verlassen, in die uns Gott hineingesetzt hat?« fragte der alte Herr zögernd, von ihren frühreifen Worten betroffen.
»Wenn uns eine Wahl bleibt -- ich glaube ja. Ich muß innen gesund werden, ehe ich an Aufgaben denken kann, und das kann ich nur allein und fern von hier.«
»Sie sind ja noch so jung, Sibylle -- wenn Sie später anders dächten ...«
»Ich bin mündig, Herr Pastor. Bitte, seien Sie gut und veranlassen Sie meinen Vormund, Baron Klaus Wrede, morgen zu mir zu kommen. Ich muß alles mit ihm besprechen.«
Sibyllens Entschluß, abzureisen und das Stammgut ihrer Eltern zu verkaufen, rief eine allgemeine Mißbilligung hervor. Baron Klaus Wrede, ein Freund ihres Vaters und der Vater Selmas, ein Mensch von strengen Grundsätzen, widersetzte sich mit Entschiedenheit ihren Wünschen.
Der stattliche Herr mit dem Wallensteinkopf wurde fast ausfahrend. Mit rotem Gesicht und gerunzelten Brauen saß er Sibylle gegenüber und räusperte sich bei jedem Satz, den er mißmutig hervorstieß.
»Ahem, nein, Sibylle, solche Auffassungen kann ich nicht begutachten, da verlangen Sie zuviel -- wie? was? Wangen verkaufen? Das geht denn doch nicht, Kindchen, hm.«
Sibylle sah ihn durchdringend an. »Ich muß darauf bestehen!« sagte sie sanft.
Er fuhr auf, sich während des Sprechens immer mehr und mehr ereifernd. »Hm, was verlangen Sie? Ich kann das nicht verantworten. Reisen Sie denn in Gottes Namen, aber so wie es für eine Dame Ihres Standes schicklich ist, mit Begleitung. Ich will meinetwegen den Verwalter Berg hersetzen, das ist ein ordentlicher Mensch, und Ihnen halbjährlich eine Summe hinaussenden -- aber -- verkaufen? Ne -- wäre ja Unvernunft, Kindchen!«
Gequält schloß Sibylle die Augen. »Ich reise allein,« murmelte sie, »weil ich muß, gleichviel, was die Leute denken, und Wangen möchte ich verkauft haben ...«
Baron Klaus wurde blaurot. Mühsam beherrschte er sich. »Nach zwei Jahren wollen wir uns wieder darüber aussprechen,« sagte er kühl. »Wenn Sie dann noch auf Ihrem Willen bestehen, hm, dann ja, meinetwegen. Aber das sind so kranke Ideen, man verkauft doch nicht ohne weiteres ein Prachtgut wie Wangen; Ihre Eltern, die hier gewirkt und gearbeitet haben, wären schwerlich damit einverstanden gewesen!« schloß er wieder zornig.
Er hatte mit Härte das schroffste Argument hervorgeholt, das ihm zu Gebote stand. Nun war er selber darüber erschrocken.
Sibylle schwieg lange. Endlich sagte sie einfach: »Das ist keine Laune, Baron Klaus. Wenn meine Eltern wüßten, wie es in mir ist, sie würden mich verstehen und meinen Wunsch billigen. Man kann auch -- an Überwindung -- zugrunde gehen,« hauchte sie, blaß wie eine Sterbende.
Es blieb Baron Wrede nichts übrig, als ihr zu willfahren.
So reiste denn Sibylle an einem trüben Märztage nach Süden, von den guten Wünschen und kritischen Prophezeiungen ihrer nachbarlichen Freunde begleitet. Fräulein v. Trebnitz besonders fühlte sich tief verletzt, sie konnte es nicht fassen, daß ihre junge Verwandte ihre Gegenwart so offenbar scheue und meide.
Wohin Sibylle sich wenden wollte, wußte sie selber kaum, es trieb sie nur fort von den tausend Augen der Dinge im heimatlichen Hause, die ihr Glück und ihre Qual angesehen hatten und kannten.
In ihrem Coupéabteil saß sie endlich allein und rang die schmalen Hände, die sich wie weiße Blütenblätter von dem Schwarz des Trauergewandes abhoben.
»Ich wollte ja niemand wehe tun,« flüsterte sie und weinte leise vor sich hin, »und ich habe es doch getan, weil niemand weiß, wie ich leide. Niemand, niemand weiß ...« wiederholte sie und sah starr vor sich hin, »und ich bin daheim viel einsamer als allein.«
Als sich der Wagen allmählich zu füllen begann, glitt mancher neugieriger Blick über die junge Fremde hin, die versunken dasaß, das leibhaftige Leid, und niemand wagte es, sie anzureden. Wie Rauch und Ruß hingen die Wolken dunkel und niedrig am Himmel und zogen langsam vorüber. Städte, Dörfer und Ortschaften tauchten auf, verschwanden. Müdigkeit und Trauer wiegten Sibylle traumhaft in einen zeitlosen Zustand von innerer Tiefhörigkeit. Zwischen Möglichkeiten, halb verhüllten Reichtümern, seltsamen Offenbarungen und unbekannten Hoffnungen schwebte ihre Seele wie ein taumelnder Schmetterling über bunte Wiesen ...
Ich muß wieder leben lernen, sann sie, leben lernen ... als ich ein Kind war, da lebte ich ... ich hatte meine Puppen lieb und Arno und Mutter ... jetzt will ich die Berge lieben. Lieben -- lieben muß ich etwas außer dem Unsichtbaren ...
Die Großstadt Berlin, eine rauhe Wirklichkeit, riß sie aus ihren Träumen. Sie empfand jedoch mit einer flatternden Freude, daß etwas Neues und Bedeutsames über sie gekommen sei. Der Lärm, das Tosen der wechselnden Bilder hatte nur auf einige Zeit vermocht, ihren seelischen Zustand zu überdecken. Die Gewißheit dessen, was sie wollte, trat wieder unversehrt und klarer in ihr hervor. Und als sie auf dem Wege nach München von einigen Mitreisenden laut die Schönheit der Tiroler Dolomiten rühmen hörte, beschloß sie in sich, dorthin zu ziehen.