Der Silbergarten. Der Stein des Pietro. Zwei Erzählungen
Part 2
Sie liebte die Dämmerstunden der heißen Juli- und Augusttage, wenn die Bäume zu horchen schienen und die Springbrunnen lauter murmelten; sie liebte die klaren Herbstnächte mit ihrem zärtlichen Sternenglanz, liebte die frühen Maimorgen, wenn die Obstbäume, noch betaut von der Nacht, ihre weißen Blütenreigen spannten; vor allem aber liebte sie den Winter, zu allen Stunden des Tages und der Nacht.
Ihr Verhältnis zu Herrn Tobias Brandt war unpersönlich geblieben wie am ersten Tage. Pflichtgemäß lernte sie, was sie zu lernen hatte, nur fühlte sie jetzt manchmal einen sonderbar aufdringlichen Blick aus seinen runden blauen Augen, den sie instinktmäßig von ihrem Antlitz wegzuwischen versucht war.
Der Sommer brütete heiß über dem Park. Die Blumen schlossen müde ihre Kelche, der weidenumsäumte Parkteich schillerte wie aus Stahl gegossen, und der Hauslehrer ging schwitzend und rot die Kastanienallee auf und nieder, ein Buch in der Hand.
Sibylle sah ihn von weitem und schlüpfte an den Obstbäumen vorbei, zwischen den Beerenhecken an ihr Lieblingsplätzchen, den Teich. Hier, im Schutz der alten Bäume und des dichten Gestrüpps, pflegte sie manchmal in der Dämmerung unbemerkt zu baden.
Sie zog ein Buch aus der Tasche, setzte sich auf einen alten, weit über den Teich hineinragenden Stamm einer Weide, entkleidete ihre Füße und ließ sie in die kühle Frische hineinhängen. In einem halbwachen Zustande von Traum und Leben schaute sie auf die glatte, silberne Fläche. Schwärme von Mücken tanzten im Abendsonnenschein, hin und wieder hüpfte ein Fischlein aufwärts und zog schnell sich weitende Wasserringe. Schweigsam und reglos, sommermüde und träumend, standen die Bäume. Ihr war sehnsüchtig und fragend zumute. Mit scheuer Schwere war zum erstenmal bange die Frage in ihr aufgetaucht, wer das Ich sei, das sie als das ihre empfand -- warum war sie gerade -- sie selbst? Woher kam sie? Wohin trieb sie? Warum mußte sie sein wie sie war? Gehörte sie außer sich selbst, außer ihren Eltern, einem unbekannten Reiche an, wie die Bäume und Pflanzen der Natur? Glich sie der silberstämmigen Birke oder gar der ernsten dunklen Tanne? Konnte sie für ihre Wesensart?
Die Fragen jagten einander in wunderlicher Hast. Sie wurde sich des erwachten Zustandes ihrer Seele fast schmerzhaft bewußt.
Langsam begann sie ihr Blondhaar aufzulösen. Wie ein lichter Mantel hing es weit über die Hüften nieder und verhüllte das weiße Sommerkleid. Ein Durst nach Kühlung dehnte ihr die Glieder. Die Schatten der Bäume waren länger geworden und senkten sich weit über das ruhende Wasser. Sie widerstand nicht länger, rasch schlüpfte sie aus ihren Kleidern und ließ sich in das Wasser hineingleiten.
Sibylle stand vorgeneigt und horchend im Wasser, mit einem scheuen Ausdruck in dem schmalen Gesicht -- hatte es nicht soeben im Gebüsch geknackt?
Das Wasser stieg ihr bis über die Knie, sie faßte ihr Haar wie einstmals als Kind mit den Fingerspitzen und ging, sich leise wiegend, weiter hinein. Sie mußte an ihre Puppen denken, die seit Jahren in enge Kisten verpackt, einen totenähnlichen Schlaf schliefen. »Die Armen,« sagte sie mitleidig vor sich hin, »das Puppenreich ist zu Ende -- kommt jetzt ein anderes Reich ...? Ja es kommt,« flüsterte sie freudig, »ich fühl's --« Um ihre Lippen war ein Lächeln von einer scheuen, verirrten Seligkeit.
Wieder knackte es im Gebüsch, und sie schrak zusammen. »Ist jemand da?« fragte sie halblaut.
Stille, Schweigen. Jetzt fiel ihr ein, daß sie schon manchmal beim Baden gemeint hatte, jemand könnte da sein und sie belauschen.
»Wie dumm!« murmelte sie vor sich hin -- und nun kam ein Hochgefühl, etwas wie ein Wonnerausch über sie -- sie bückte sich tief, teilte das Wasser mit ihren schlanken Armen, ließ ihre jungen, schüchternen Glieder von dem schmeichelnden Gewässer umkosen, glitt behutsam weiter, hob die Arme dem verglühenden Abendhimmel entgegen und begann leise zu summen: »Es kommt -- es kommt ... das neue Königreich kommt ...« Ihr war töricht leicht ums Herz geworden -- vorbei alle düsteren, sehnsüchtigen Fragen.
Unbefangen und froh wie ein Kind spielte sie dahin -- irgendeine Macht weihte sie, sich eins zu fühlen mit der träumenden Stille, die sie umgab, eins mit Luft und Wasser, Laub und Sonne.
Endlich hatte sie genug und warf langsam und müde ihre Kleider wieder über.
Sie flocht sich das Haar, steckte es ruhig auf, saß noch ein Weilchen träumend und ließ die Füße im Wasser plätschern. Ohne Eile zog sie Strümpfe und Schuhe an, nahm ihr Buch und schritt durch die dämmernden Schatten der Bäume wieder dem Hause zu, die Augen zu Boden gesenkt.
Da blieb sie plötzlich stehen -- verwundert, betroffen -- auf dem Boden, etwa zehn Schritte vom Ufer, lag ein kleines rotes Notizbuch. Sie kannte es wohl, es gehörte Herrn Brandt. Wie war es dahin gekommen? Vorhin war es nicht dagewesen ...
Ah! Nun wußte sie. Ihr Herz tat einen ungeheuren Schlag -- alles Blut strömte ihr ins Antlitz -- so hatte er sie belauscht ... pfui!
Ein Ausdruck unsäglichen Ekels spannte ihre Züge; sie hob das Büchlein auf, weit ab von sich mit gespreizten Fingern hielt sie es ... endlich pflückte sie ein großes Klettenblatt und wickelte es hinein.
Sibylle sah an diesem Tage Herrn Brandt nicht wieder.
Am nächsten Morgen um neun wartete sie wie gewöhnlich im Schulzimmer auf ihren Lehrer. Sie sah eigentümlich blaß aus; ein Zug von einsamer Entschlossenheit lag um ihren Mund. Die überwachten Augen waren von dunklen Rändern umsäumt.
Herr Brandt trat geschäftig herein, begrüßte sie und setzte sich an den Tisch.
Mit einer ihm eigentümlichen Bewegung strich er sich flott zweimal durch das struppige Blondhaar, zupfte seine maisgelbe Krawatte zurecht, räusperte sich, schlug das Geschichtsbuch auf und begann: »Wir waren also bei der Verfallszeit Roms stehengeblieben. Was wissen Sie mir darüber zu sagen?«
Sibylle sah auf ihren Schoß nieder und schwieg.
»Nun?« sagte er ermunternd, »es handelt sich um die letzte Kaiserzeit, geben Sie mir ein Bild dieser Cäsaren. Auf Caligula also folgte wer?«
Zwei brennrote Flecken flogen wie fremde Gäste auf Sibyllens Wangen, sie atmete schwer und preßte die Lippen fest zusammen.
Herr Brandt sah sie erstaunt an und fuhr fort: »Am 13. Oktober 54 nach Christo bestieg Claudius Nero, 17 Jahre alt, den römischen Kaiserthron, der Sohn der Agrippina, einer Schwester des Caligula. Was wissen Sie von Nero?«
Ein wunderliches Schweigen wie vorhin.
»Wollen Sie mir etwa nicht antworten?« fragte Herr Brandt streng.
Da hauchte sie zitternd: »Nein!«
Herr Brandt glaubte nicht recht gehört zu haben. »Wie? Sie wollen nicht antworten? Wie soll ich das verstehen? -- Sind Sie krank?« Sein Ton war ängstlich besorgt.
Sibylle schüttelte den Kopf.
»Nun also -- erklären Sie sich. Wollen Sie antworten oder nicht?«
Wieder ein stummes Kopfschütteln, diesmal energisch, ja heftig.
»Ja, wissen Sie, für Launen bin ich nicht zu haben,« sagte Herr Brandt selbstbewußt; »ich will Ihnen Zeit zum Nachdenken geben.« Er legte seine Taschenuhr auf den Tisch. »Wenn Sie mir innerhalb einer Minute nicht sagen, was los ist, gehe ich zu Ihrer Frau Mutter und beschwere mich -- ja!«
Eine Reihe von blitzschnellen Augenblicken jagte stürmisch vorüber. Sibylle fühlte ihre Pulse pochen.
Herr Brandt bemühte sich gewaltsam, sie nicht anzusehen, und blickte mit gekränkter Würde zum Fenster hinaus.
Mit einem Male sah sie von ihrem Schoß auf und sprach langsam: »Ich werde Ihnen nie mehr antworten, Herr Brandt. Bitte ... nehmen Sie Ihren Abschied von sich aus.«
Er fuhr zusammen, kalt überlaufen, und starrte seine junge Schülerin an.
Da saß sie, weiß, großäugig und fein -- einen stahlharten Zug um den Mund.
»Wa--was soll denn das heißen ...? Sind Sie -- Sind Sie ...?« Er brach ab.
Ganz still legte sie ein grünes Etwas auf den Tisch. Aus einem welken Klettenblatt sah sein rotes Notizbüchlein schämig hervor.
»Sie wissen schon warum ...« murmelte Sibylle tonlos. Dann stand sie auf und glitt aus dem Zimmer.
An demselben Tage hatte Herr Brandt einen dringenden Brief von daheim erhalten, nahm unverzüglich seinen Abschied und verließ das gräfliche Haus. -- --
Wieder war es Winter. Der Himmel hing wie eine riesige weiße Glocke über der silbernen Winterwelt. Die Bäume träumten schneebedeckt vor sich hin.
Unter der Kastanienallee hervor traten zwei Mädchengestalten ins Freie.
»Ja, Sibylle, Arno macht sich, er ist in maßgebenden Kreisen ungeheuer beliebt, die Uniform steht ihm großartig.«
»Und du, Elisabeth -- wirst du wirklich Diakonissin? Dein Vater wird dich doch furchtbar entbehren.«
Elisabeth streckte ihre herbe Gestalt im Trauerkleide und ließ ihre kühlen blauen Augen auf Sibylle ruhen.
»Ja, weißt du -- zum Dahinträumen haben wir keine Zeit. Seit unsere gute Mama starb, geht jedes von uns seinen Pflichten nach. Werte müssen wir schaffen, Nutzen bringen. Der Diakonissenberuf ist ja nicht leicht, Demut vor allem müssen wir lernen, dann aber --« sie atmete tief auf, »haben wir auch einen herrlichen Lohn -- Einfluß auf die Kranken und Leidenden und ihr Vertrauen. Wir ersetzen ihnen ja auch ihre Familien und alle, die ihnen nahestehen -- nicht?«
Sibylle schauerte in sich hinein. Weshalb hörte sie unter Elisabeths Worten, die so gut und vernünftig klangen, einen Unterton von Herrschsucht heraus?
»Die armen Menschen,« murmelte sie, »leiden müssen und dann noch von denen getrennt, die sie lieben.«
»Ja, meinst du denn, daß wir unsere Kranken nicht lieben? Freilich, die egoistische, persönliche Liebe, die auf Gegenliebe rechnet, fällt bei uns weg. Wir müssen einen Trunkenbold, ein unappetitliches altes Weib ebenso umsorgen, wie das liebenswürdigste junge Mädel oder ein sympathisches Kind aus gutem Hause. Auch kommen wir kaum zur persönlichen Anhänglichkeit, das Material wechselt ja beständig -- was hast du, Sibylle?«
Das Wort Material hatte Sibylle einen Ruck gegeben. Jäh stand sie still, über und über mit Rot übergossen. Ach, sie fühlte es, mit der nüchternen, braven Verständigkeit Elisabeths konnte sie sich nimmer befreunden.
So schleppten sich ihr die Wochen von Elisabeths Besuch mühselig dahin. Wenn die Nachbarn nicht genug Worte des Lobes für Elisabeth und ihre entsagungsvolle Tätigkeit finden konnten, so hörte Sibylle fast teilnahmlos zu, denn die Wahrhaftigkeit und Zartheit ihrer Wesensart, die durch Elisabeths Auffassung schmerzlich berührt worden war, ließ sich weder irre machen noch beeinflussen.
Um die Frühjahrszeit erkrankte Sibyllens Vater unvermutet an einer Lungenentzündung. Und nun war es, als habe die schlummernde Kraft in Sibylle nur auf ein Ereignis dieser Art gewartet, um sich zu bewähren. Sie begann den Vater mit einer Umsicht, Geduld und Treue zu pflegen, die sie ihm unentbehrlich machte. Sie wurde der Trost und die Stütze ihrer Mutter. Ihr Vertrauen zu seiner Genesung gab der Gräfin den verlorenen Mut wieder; ihre Ruhe und Anmut, die ein Ausströmen ihrer inneren Harmonie war, wirkte Außerordentliches, während sie sich nur bewußt war, einfach ihre Pflicht zu tun.
In der Tiefe ihrer Seele lebte ein stiller Glaube, den ihr nicht der Unterricht Herrn Brandts und nicht Bücher, nicht Angeerbtes und nicht Erworbenes gegeben hatten, sondern der von Anfang an in ihr war -- ein Geschenk der Gnade, das ihre Kräfte immer wieder am rechten Ort und an rechter Stelle wach und tätig sein ließ. Sie wußte: die Welt war voller Schönheit und Gott war gut. Es verstand sich von selbst für sie, daß sie streben müsse, gut zu werden, und alle Forderungen der Sittlichkeit faßte sie, wie schon unbewußt als kleines Kind, in zwei einfache Begriffe zusammen: Gerechtigkeit und Demut. In ihrem Verhalten zu den Menschen, deren es manche gab, die sie nicht lieben konnte, glaubte sie Gerechtigkeit üben zu müssen, und aus dem Gefühl der Schönheit der Dinge und dem Bewußtsein der Größe ihres Schöpfers entsprang ihr ganz naturgemäß jene kindliche Stimmung vertrauender Ehrfurcht, die sich als Demut zu äußern pflegt.
Das unbestimmte Gefühl ihres inneren Reichtums erfüllte sie mit einer zuversichtlichen Ahnung kommenden Glücks. Vorbei war ihr Kindertraum vom Puppenreich -- ein anderes, schöneres Reich schwebte wie eine duftige Verheißung in der Ferne. Durfte ihr denn unter diesen Vorgefühlen etwas so Schmerzliches widerfahren wie der Tod ihres Vaters? Nein, sie wußte, ihr Vater würde und mußte genesen.
Und er genas.
Der Arzt war heute dagewesen und hatte Sibylle und ihre Mutter beglückwünscht, und die Gräfin hatte Sibylle, die in der letzten Zeit wenig in die frische Luft gekommen war, ins Freie geschickt.
Dämmerung lag auf dem Frühlingsgelände. Wieder standen die Kirschbäume in Blüte und reihten sich duftig Baum an Baum. Im grünlichen Himmel hing ein mattgoldener Mond. Sibylle zog die reine Luft ein, wandelte unter den Bäumen, wiegte sich erleichtert in den Hüften und dachte.
Ja so -- heute war ein Brief von Elisabeth gekommen, Arno habe sich verlobt, schrieb sie.
Sibylle hatte im Laufe des Tages nur flüchtig daran gedacht, da sie um den Vater beschäftigt gewesen war, nun aber stand die Tatsache plötzlich klar und sonderbar vor ihr, so als gewahre sie nach einem langen Gang durch einen Tunnel plötzlich einen rotfarbenen Himmel, den sie zuvor anders gesehen. Sie empfand etwas wie einen Schrecken und schüttelte mehrmals leise den Kopf.
Nicht Wehmut, nicht Schmerz fühlte sie, nur eine Art Leere. Wie war das nur gekommen? Und mußte es so sein? Elisabeth schrieb über Arnos Wahl sehr befriedigt. »Ella ist sehr tüchtig,« schrieb sie, »liebenswürdig und talentvoll. Die Beverns machen ein großes Haus, und in pekuniärer Hinsicht ist Arno völlig gesichert.«
Wie seltsam das alles war -- gerade wie bei einem Pferdekauf! dachte Sibylle verwundert.
Sie zog den blütenbedeckten Zweig eines Kirschbaums zu sich nieder und versenkte ihr Gesicht in die kühlen Blüten.
Ist nicht überall Zufall? Wäre Arno in Paris gewesen statt in Berlin, er hätte sich wahrscheinlich mit einer Französin verlobt -- und wäre er hier in Wangen, dann -- wer weiß ...?
Sie lächelte träumerisch und schüttelte wieder den Kopf.
Unser Pastor sagt, es gebe keinen Zufall, alles sei Gottes Wille, spann sie weiter. Wer kann das entscheiden? Nehmen wir nicht die Dinge, die für uns viel bedeuten, zu schwer, und andere wieder zu leicht? Wenn ich Arno auf der Straße begegnet wäre, während ich an ihn gedacht hätte, so wäre das nichts, ein Zufall; da er sich nun aber verlobt hat, wo ich in dieser Woche so oft in Gedanken bei ihm war, kommt mir das ungeheuer wichtig vor -- warum? So mag er sich doch verloben -- was ist denn weiter dabei?
Sie lachte leise, bog wieder einige Zweige zu sich nieder und ließ sie spielerisch zurückschnellen -- die Blütenblätter regneten sanft über sie hin.
Da legte sie die Hände ineinander und sah mit sehnsuchtsschweren Augen ins Weite. »Ich wollte, es wäre wieder Winter,« flüsterte sie, »und ich wäre alt, steinalt wie die weiße Trude im Armenhause. Die freut sich wie ein Kind auf ihre Abendsuppe und über jeden Groschen. Und ich? Ich kann mich nicht einmal freuen, wenn Arno sich verlobt. Ja, ich bin recht schlecht.«
Und auf einmal begann sie zu weinen, hilflos wie ein Kind. Weinte sie über ihre eigene Schlechtigkeit oder über Arnos Verlobung ...? -- --
Der Doktor hatte Sibyllens Vater eine Nachkur in einem Sanatorium verordnet, und da der Graf sich von Frau und Kind nicht trennen mochte, reiste man gemeinsam in eine süddeutsche Heilstätte.
Hier sah Sibylle zum erstenmal Berge. Die Pracht der schneebedeckten fernen Gebirgszüge stand vor ihr auf -- ein schimmerndes Wunder -- und füllte sie mit Ehrfurcht und Begeisterung. Wenn nun noch die sinkende Sonne Kuppen und Grate in Röte und Glanz tauchte, staunte sie wie verzaubert und wagte kaum zu atmen. Sie bedurfte keiner Beziehungen zu neuen Menschen, um ein gesteigertes Lebensgefühl zu empfinden, ihre Welt war von jeher die Natur gewesen und das Reich, das ihre Phantasie sich selber schuf und bevölkerte.
Aber wie sich auch Sibylle von den Gesunden und Kranken zurückhalten mochte, sie konnte es nicht hindern, daß ihr bewundernde Blicke folgten und daß dieser oder jener Sanatoriumsgast merklichen Anteil an ihr zu nehmen begann. Einmal in die eigentümliche Luft eines Genesungsheims mit seinen vielen verschiedengearteten Insassen versetzt, mußte sie sich der Lebensweise der Gesündesten unter ihnen anpassen, und das gab natürlich Gelegenheit zu Berührungen.
Da waren vor allen zwei junge Leute, die ihr bei jeder Gelegenheit in den Weg zu kommen versuchten.
Der eine war Polytechniker, ein braver, blonder Bursch, dessen blaue Augen sich vor Innigkeit mit einem schüchternen Glanze füllten, wenn er Sibylle erblickte. Sie brachte die rätselhaften Spenden von Alpenveilchen und anderer Gebirgsflora, die sie morgens auf dem Flur in ihren gesäuberten Stiefeletten zu entdecken pflegte, mit ihm in Zusammenhang, denn er galt als tüchtiger Bergsteiger.
Der andere war Balte, ein langhaariger, düsterer Jüngling; er fristete in München ein ärmliches Bohêmedasein und hatte es der Gunst eines reichen Freundes zu verdanken, daß er seine angegriffenen Lungen im Sanatorium zurechtpflegen durfte. Mit so gewöhnlichen Dingen, wie Blumen es sind, befaßte er sich nicht, doch schien Sibyllens Fußbekleidung auch für ihn von besonderer Anziehungskraft zu sein, denn alle drei Tage etwa fand sie neben den duftenden Blüten ein formvollendetes Sonett in einem ihrer kleinen Schuhe, die sie abends auf den Gang hinauszustellen pflegte, und da Herr Bruno Treu jedesmal, wenn sie eine poetische Gabe erhalten hatte, in ein grüblerisches Auf- und Niedergehen verfiel, wobei er mit gerunzelten Brauen die Lippen bewegte und skandierend den Arm hob und senkte, so bedurfte Sibylle keines besonderen Scharfsinns, um in ihm den Urheber jener Verse zu erraten.
Übrigens waren diese Sonette keine Liebesgedichte, weit gefehlt. Sie bezogen sich teils auf die schönsten und lautersten Dinge der Natur, auf Quell und Strom, die Gebirgswelt und die weite Ebene, teils auf die erhabensten Gefühle der Menschenseele. Immer aber brachten sie ein künstlerisches, höchst empfindliches Schönheitsgefühl zum Ausdruck, und nur wie ein Hauch zog sich eine Stimmung von Sehnsucht und verhaltener Leidenschaft durch sie hin.
Sibylle wurde unter diesen ungewohnten Huldigungen, die die jungen Leute mit Ausdauer und Eifer fortsetzten, fast ein wenig übermütig, ohne jedoch etwas von ihrer Zurückhaltung zu verlieren.
An einem sonnigen Morgen war Sibylle nacheinander ihren beiden heimlichen Verehrern im Sanatoriumsparke begegnet.
Irgendein Schalk hüpfte ihr in den Nacken, rasch trat sie auf den Polytechniker zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Ich danke Ihnen herzlich für Ihre schönen Gedichte, Herr Weber,« worauf der arme Junge mit puterrotem Kopf stotterte:
»Aber, Komtesse, die ... die sind ja gar nicht von mir -- ich ... ich habe mir ja nur erlaubt, Ihnen die Blumen ...«
Sibylle lachte hell auf. »Aber Ihre Blumen sind ja auch Gedichte, nur in einer anderen Sprache geschrieben. Vielen schönen Dank, Herr Weber.«
Als sie um die Wegbiegung schritt, traf sie den Balten, der mit schwungvoller Miene vor sich hinredete. Als er Sibylle sah, ruckte er zusammen und machte ihr eine ausdrucksvolle Verbeugung. Sie blieb stehen, sah ihn an und lächelte schelmisch.
»Es ist wirklich zu freundlich von Ihnen, Herr Treu, mich mit den köstlichen Blumen zu bedenken. Tausend Dank!«
»Blumen ...?« Der Poet starrte sie wild an. »An den Blumen bin ich, weiß Gott, unschuldig, wenn Sie aber, gnädigstes Fräulein, meine Verse für Blumen zu nehmen geneigt sind, so habe ich nur zu danken!«
Von nun an änderte sich das Bild. Sibylle fand jetzt Verse, die in hergebrachten Reimen hergebrachte Gefühle schüchtern zum Ausdruck brachten, und Wiesenblumen, ungeschickt zusammengestellt und in solcher Menge, daß ihre Schuhe bis in die Spitzen hinein damit vollgepfropft waren. Die Verehrer hatten ihre Rollen getauscht, und die Beteiligten, Sibylle mit eingeschlossen, befanden sich im Nachteil dabei.
Wie das so oft im Leben zu gehen pflegt, daß die Mühen einzelner Personen nicht gewertet werden und andere, die sich nach keiner Richtung besonders hervorgetan haben, ihnen den Rang ablaufen, so geschah es auch hier zum Kummer der beiden Liebenden.
Sibylle lernte einen Offizier kennen, der mit Arno in einem Regiment diente und sofort allein dadurch ihr Interesse erweckte. Freiherr v. Zur-Linden, ein hagerer, überschlanker Leutnant mit aufgewecktem Gesicht und treuherzigen blauen Augen, wurde oft mit Sibylle von den unglücklichen Nebenbuhlern erspäht, wenn er im Gespräch mit ihr die Parkgänge auf und nieder wandelte.
Sibyllens Interesse wuchs, als sie hörte, daß er auch Arnos Braut kannte. Er mußte ihr von Ella Bevern erzählen. Und er erzählte so geschickt, daß seine Schilderungen stets ein unausgesprochenes Kompliment für seine Zuhörerin enthielten.
So hatten sich die beiden jungen Menschen einander unwillkürlich genähert, doch wie unbefangen und ruhig auch Sibylle blieb -- der Leutnant hatte sich trotz seines wohlgezügelten Temperaments über Hals und Kopf in sie verliebt. Sie trafen einander wieder und wieder. Er kannte die Wege alle, die Sibylle zu wandern liebte, und er stellte sein Wild wie nur ein geübter Jäger. An einem heißen Sommertage trat er ihr aus einem Boskett entgegen, in das sie sich vor der Schwüle des Tages mit einem Buche zurückziehen wollte.
Er sah hagerer und leidender aus denn je.
»Ist Ihnen heute nicht gut, Herr von Zur-Linden?« fragte Sibylle teilnehmend.
»Seit einem Augenblick geht's mir ausgezeichnet.«
Sie sah in sein gequältes Gesicht, und ihr wurde weh zumute.
»Ich habe mich oft gefragt,« begann er leise und entschlossen, »ob das Interesse, das Sie meinem Kameraden Wolf-Rüdinghausen schenken, nicht so stark ist, daß es anderen Empfindungen hinderlich sein könnte.«
Es schien, als habe er sich diesen Satz wohl einstudiert.
Sibylle war blaß geworden. »Ich verstehe nicht,« sagte sie verwirrt, »ich ... es ist nur eine Kinderfreundschaft, ich habe Arno seit seinem dreizehnten Jahre nicht wieder gesehen.«
»Bei Ihrer Veranlagung, Komtesse -- es gibt Tiefen, die ein gewöhnlicher Sterblicher nicht zu ermessen vermag --«
Das junge Mädchen zuckte zusammen und schlug die Augen nieder. »Ich weiß nicht ...« murmelte sie hilflos, »bin ich denn --?«
»Sie sind eigenartig, einzig -- wie im Traum leben Sie Ihr Leben dahin -- wie eine geheimnisvolle Blume -- und dennoch wissen Sie, was Sie wollen.«
»Was ich will?« wiederholte Sibylle und sah ihn mit erschreckten Kinderaugen an, »ich will ja nichts Besonderes -- nur in meiner Art sein, in meiner Art -- leben --, das tut doch ein jedes,« setzte sie etwas kühner hinzu, mit einem zarten Lächeln, das über ihre Züge hinrieselte.
»Ihre Art zu sein, ist mir heilig, Sibylle --« er stockte, »soll mir heilig sein bis ans Ende, wenn Sie, o Sibylle, sprechen Sie nur ein Wort, sagen Sie, daß Sie mir ein wenig gut sind, daß Sie mein Kleinod, meine Frau sein wollen!«
»Ihre ... Frau?«
Ihre Augenwimpern zitterten, ihr Gesicht zuckte. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf und sah mit starren Augen vor sich hin. »Ich bin Ihnen recht gut,« flüsterte sie, »aber das, das -- kann ich nicht.«
Er trat einen Schritt zurück. »Ich wußte es ja!« sagte er schwer.
Sibylle kam ihm näher und legte schüchtern ihre Hand auf seinen Arm. »Bitte, bitte, seien Sie mir nicht böse ... aber nicht wahr, was man nicht aus vollem Herzen tun kann, das soll man nicht. Ich bin Ihnen herzlich gut wie einem Kameraden, mehr ist nicht in mir und --« Sie brach in ein leises, kummervolles Weinen aus. -- --
Einige Tage später saß Sibylle allein in dem efeuumrankten Boskett, grübelte und sann. Der Leutnant war in der Morgenfrühe ohne Abschied abgereist. Die poetischen und Blumengaben waren seltener geworden. Scheu und vorwurfsvoll suchten die beiden bekümmerten Jünglinge die schöne Ursache ihres Leides zu meiden. Sibylle kam sich auf einmal frei und erleichtert vor, und doch ...