Der Silbergarten. Der Stein des Pietro. Zwei Erzählungen

Part 1

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Philipp Reclams

Universal-Bibliothek.

Bis Oktober 1911 sind =5340= Nummern erschienen.

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Der Silbergarten.

Der Stein des Pietro.

Zwei Erzählungen

von

Frances Külpe.

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Der Silbergarten.

Das Abendlicht lag mit einem rötlichen Schimmer über den weiß verschneiten Parkbäumen. Durch die hohen Fenster des Herrenhauses leuchtete es nachdenklich und klar in das Kinderzimmer hinein.

An den weißen Wänden saß im Halbkranze eine zahlreiche Gesellschaft stocksteif und winzig auf kleinen Stühlchen und starrte mit teilnahmlosen Glasaugen in die Mitte des Raumes.

Hier ging etwas Seltsames vor.

Ein kleines weißgekleidetes Mädchen mit aufgelöstem Blondhaar schwang sich mit feierlicher Anmut in einem Tanze, den es offenbar selbst erfunden hatte, vor dem Puppenpublikum hin und her.

Bald glitt es in gebückter Haltung, die Händchen weit hinter sich gestreckt, mit wunderlichen, schleichenden Bewegungen langsam vorwärts, bald stand es auf den Zehenspitzen und hob die schmächtigen Arme in einer verzückten Gebärde zur Zimmerdecke empor, bald drehte es sich, wie zu einer getragenen Musik, langsam um sich selbst -- endlich blieb es stehen, wie erstarrt, das lange Haar wie einen goldenen Schleier mit den Händen fassend, die es auseinandergebreitet hielt, die verträumten Augen ernsthaft vor sich hin gerichtet.

»Das war der Sonnentanz!« sagte die Kleine leise. »Habt ihr auch ordentlich zugeschaut?«

Die steifen, rotbäckigen Puppengesichter mußten wohl genickt haben, denn mit einer hoheitsvollen Bewegung hob die kleine Sibylle den Arm und sprach: »Wenn ich einmal gestorben bin, dann werdet ihr nicht trauern, das nutzt gar nichts -- aber da ich nun doch eure Königin bin, so sollt ihr mir ein Denkmal setzen. Weiß muß es sein, ganz schneeweiß, aus Marmor, wie Großmama eins hat, und darauf muß mit goldenen Buchstaben stehen: Demut und Gerechtigkeit. Habt ihr's gehört? Hebt also den rechten Arm und versprecht es!«

Wie ein Feldherr, der Umschau über seine Truppen hält, kreuzte sie die Arme über der Brust, runzelte die Stirn und trat einen Schritt zurück.

Dann nickte sie herablassend und gnädig.

»Ich will euch aber auch eine gute Königin sein, solange ich lebe, und niemandem werde ich unser Geheimnis sagen -- auch nicht Arno.«

Hierbei krauste sich die klare Kinderstirn wieder nachdenklich, ja fast schmerzlich -- aber ruhig wiederholte das kleine Mädchen: »Nein, auch nicht Arno, nur dann, wenn er ... euer König sein will.

Und jetzt -- seid gehorsam, schwatzt nicht und zankt euch nicht. Geht artig zu Bett und schlaft bald ein. Dann sollt ihr auch morgen den Schneetanz zu sehen bekommen.«

Die Tür ging auf und eine zarte Frau trat ein. »Mit wem redest du denn da, Silly?«

Die Kleine lief der Mama freudig entgegen. »Mit meinen Puppen, Mama. Ich muß sie noch zu Bett bringen.«

»Ich wollte dir etwas Hübsches sagen, Kind. Arnos Eltern reisen in der nächsten Woche nach Italien, und solange sie fortbleiben, kommen Arno und Elisabeth zu uns mit ihrem Hauslehrer. Nun, freust du dich denn nicht?«

»Elisabeth auch?« fragte Sibylle ein wenig gedehnt. »Arno allein wäre hübscher. Elisabeth ist immer so ... so schrecklich langweilig.«

»Aber, Silly!« sagte die Mutter mit leisem Tadel, »die Kinder werden unsere Gäste sein -- und gegen Gäste ist man immer sehr liebenswürdig. Komm jetzt mit nach unten, du sollst Arnos Mama begrüßen.«

Freifrau v. Wolf-Rüdinghausen fuhr nervös zusammen, als die Tür sich öffnete und die Gräfin mit Sibylle am Arm in den Salon trat. Ihre Augen lagen tief in den Höhlen, ihre Züge waren scharf und gespannt; jetzt verklärten sie sich zu einem erfreuten Dulderlächeln.

Das Kind hatte sich zärtlich an die Mutter geschmiegt und sah dem Gast mit einem frischen Glanz in den Augen erwartungsvoll entgegen.

»Ich freue mich sehr auf Arno und ... Elisabeth!« sagte die Kleine artig und küßte der Freifrau nach einem schönen Knicks die Hand.

Während sich die Damen über den näheren Termin unterhielten, an dem die Kinder in Wangen eintreffen sollten, hörte sie aufmerksam zu. Als die Freifrau lachend erzählte, daß Arno und Elisabeth am liebsten ihren ganzen Kaninchenstall auf dem Nachbargute einbürgern wollten, schlug Sibylle die durchsichtigen grauen Augen bittend zu ihr auf.

»Ach ja, erlauben Sie es doch! Und Arnos Reitpferdchen lassen Sie doch mitkommen, Tante Marga, bitte!« sagte sie leise. »Er wird sich doch langweilen ohne sein Pony.«

Die Freifrau warf der Gräfin einen amüsierten Blick zu. »Mein Arno hat eine tapfere Fürsprecherin in Silly,« sagte sie wohlgefällig. »Wenn die Kinder doch nur künftig ebenso zusammenhielten wie wir Erwachsenen!« fügte sie mit einem schmerzlichen Seufzer hinzu. »Wissen Sie auch, Liebe, daß mein Mann sich mit dem Gedanken trägt, Rüdinghausen zu verkaufen?«

Ihre eingesunkenen Augen füllten sich mit Tränen. Scharf zeichnete sich unter der blaßgelben Haut der feine Backenknochen.

»Nein -- davon habe ich kein Wort gehört.«

»Es ist so -- leider!« erwiderte die Freifrau wehmütig. »Arno soll aufs Gymnasium, ich unter die Obhut der Ärzte und vor allem -- meinen Mann zieht's nach Berlin. Nun, hoffentlich findet sich sobald kein Käufer!« schloß sie mit einem leichtsinnigen Lächeln, das sie sehr verjüngte, »denn unter uns gesagt, Beste, die Männer lieben es, ihren eigenen Wünschen das Mäntelchen eines Opfers für die Gattin umzuhängen. Gott, ich fühle mich ja eigentlich ziemlich wohl -- das böse Husten, das sich im Frühjahr immer regelmäßig einstellt, das werde ich auch in Berlin behalten.«

»Sillchen, geh jetzt nach oben zum Fräulein,« sagte die Gräfin freundlich.

Das Kind, das in den letzten Augenblicken ganz blaß geworden war, verbeugte sich und bog den Kopf zurück, um sich von der Freifrau auf die Stirn küssen zu lassen, dann glitt es aus dem Zimmer. Die Freifrau verfolgte die zierliche Gestalt mit den Blicken.

»Was ist Ihre Silly für ein liebliches kleines Wunder!« sagte sie enthusiastisch. »Ich war vorhin ganz frappiert, als Sie mit ihr hereinkamen. Einen Charme hat sie, um den manche Prinzessin sie beneiden dürfte!«

»Vor allem ein gutes, reines Herzchen, aber leider auch eine allzu große Empfindsamkeit und -- eine Phantasie, für die es keine Grenzen gibt. Ich freue mich von ganzem Herzen auf unsere jungen Gäste und hoffe viel von dem gesunden Einfluß Ihrer Kinder!«

Die Freifrau erhob sich und stand lang und schmal der Gräfin gegenüber. Sie streckte ihr herzlich beide Hände entgegen. »Nochmals vielen, vielen Dank!« sagte sie bewegt. »Auch in Fritzens Namen. Und Ihrem Gatten die schönsten Grüße. Auf Wiedersehen also im Sommer, liebe Gerda!« -- --

Es war zwei Wochen später.

»Du, Arno, ich ... ich möchte dir etwas zeigen!« flüsterte Sibylle eines Morgens, »komm mit mir ins weiße Zimmer, aber so, daß es Elisabeth nicht merkt, ja, willst du?«

Elisabeth saß steif und gerade vor dem Piano und spielte gewissenhaft ihre Tonleitern.

Arno sah leuchtend von seinem Buche auf und nickte. Er war ein schöner Knabe von etwa zwölf Jahren. Seine Züge waren regelmäßig und klar. Das nußbraune Haar lockte sich ein wenig und fiel in die hochgewölbte weiße Stirn. An den Schläfen spielte leicht ein zartes blaues Geäder. Ein paar stahlgraue Augen blitzten keck über der kühn geformten Nase und widersprachen in ihrem Ausdruck der frauenhaften Zartheit des Mundes.

Lebhaft sprang er auf, aber Sibylle hielt ihn schüchtern am Arm fest.

»Möchtest ... möchtest du gern König sein?« flüsterte sie gespannt.

Er sah sie lachend an. »Lieber schon Indianerhäuptling, aber warum fragst du, Silly?«

Sie antwortete nicht. Über ihr schmales Gesichtchen flog eine leise Röte. Mit leichten Schritten verließ sie das Zimmer, Arno folgte ihr hastig.

»Wohin gehst du, Arno?« fragte Elisabeth.

Er sah sie spöttisch an. »Wohin ich will!« sagte er ungeduldig. »Du hast nicht immer aufzupassen.«

Er lief mit Sibylle die Treppe empor. Beide Kinder traten gleichzeitig in das Kinderzimmer.

Aufrecht an die Wand gelehnt standen Sillys Puppen in Reih und Glied.

»Das ist ja wie zu einem großartigen Empfang!« rief er lachend. »Auf wen warten denn deine Puppen, Sillchen?«

»Auf dich ... und mich!« sagte sie leise und feierlich. »Denn ich bin ihre Königin. Sag das aber niemand. Möchtest du nicht ihr König sein?« fragte sie mit einem flehenden Ausdruck.

»Puppenkönig ...?« Ihm spukten noch die Indianergeschichten im Kopf herum, aber ein Blick in ihre gespannten Züge ließ ihn die entrüstende Zumutung sanftmütiger hinnehmen. »Nein, Silly,« sagte er endlich ehrlich, »alles, was du willst, aber das -- kann ich nicht.«

In ihre durchsichtigen grauen Augen traten Tränen. »Du sollst ja nicht, wenn du nicht willst,« sagte sie traurig und hing den Kopf, »aber dies mußt du doch von mir annehmen. Es ist die liebste und kleinste, die ich habe, und sie heißt Lady Rosalind.«

Sie drückte ihm ein gewöhnliches Zündholzschächtelchen in die Hand und bat flehend: »Geh, geh jetzt, Arno, mach die Schachtel nicht hier auf, bitte. Später, wenn du allein bist!«

Betroffen von dem schmerzlich-leidenschaftlichen Ton ihrer Stimme blieb der Knabe unschlüssig stehen und sah Sibylle an.

Aber sie drängte und schob ihn zur Tür hinaus.

»Bitte, bitte geh!« flüsterte sie.

Er ging.

Auf der Treppe öffnete er das Schächtelchen. Ein winziges, rosagekleidetes Püppchen mit einer langen seidenen Schleppe lag darin.

Wie versteinert blieb Sibylle vor ihren Puppen stehen, dann brach sie in ein leises, trostloses Weinen aus. Bittend und demütig trat sie den Puppen näher.

»Er will nicht euer König sein -- ich kann nichts dafür,« sagte sie gepreßt. »Und ich weiß wohl, daß ich nun auch nicht mehr Königin sein darf, weil ich ihm das Geheimnis gesagt habe. Die weiße schöne Frau im Traum hatte es mir ja verboten. Nun ist's zu spät. Verzeiht mir und lebt wohl!«

Das Puppenreich hatte seine kleine Königin auf immer verloren. -- --

Die Obstbäume standen in Blüte. Baum an Baum reihten sich die schneebedeckten Kuppeln. Ein leichter Wind fuhr durch die weißen Wipfel und wehte die Blütenblätter ins Gras.

Sibylle stand unter den Kirschbäumen und fing die Blüten in ihrem Kleide auf, das sie wie ein Schürzchen hochhielt. Blüten über Blüten fielen über sie hin, blieben in ihrem Haar hängen und rieselten leicht zur Erde nieder.

Graf Theodor stand am Fenster und schmunzelte. »Sieh nur, Gerda,« sagte er, »ist das nicht ein hübsches Bild?«

Langsam kam die Gräfin herbei und lehnte sich an ihren Gatten.

»Mir ist manchmal um das Kind bange, Theo,« sagte sie wehmütig. »Sibylle ist so anders wie andere Kinder. Statt sich zu Elisabeth oder Arno zu halten, den sie offenbar bevorzugt, geht sie immer eigene Wege.«

Graf Theodor zog die Augenbrauen hoch. »Die Exklusivität liegt ihr eben im Blut, mag sie doch!« meinte er zufrieden. »Mir ist sie gerade recht, wie sie ist.«

»Du verstehst nicht, wie ich's meine. Das Kind ist seelisch so zart und verletzlich, dazu so wunderlich verschlossen -- wie wird sie das Leben tragen können?«

»Ist sie denn etwa nicht glücklich?« forschte der Vater. Sein kluges, hochmütiges Gesicht wurde weich.

Gerda schüttelte den Kopf. »Es gibt Seelen, so zart und keusch, daß sie sich vor ihrer eigenen Verletzlichkeit scheuen. Wie die Bäume des Winters kommen sie mir vor, wenn sie sich in den Rauhreif hüllen. So, unter dieser weißen silbernen Hülle, entfaltet sich ihr stilles Wesen und spinnt eigene leise Träume. Die Welt aber nennt sie kalt. Hast du schon bemerkt, Theo, wie ähnlich Sibylle solchen Winterbäumen ist?«

»Meiner Treu,« sagte der Graf behaglich, »mich dünkt, sie gleicht eher unseren Kirschbäumen. Übrigens ist dein Vergleich sehr hübsch, Gerda, es fragt sich nur, ob er stimmt.«

»Seltsam ist auch ihre Vorliebe für alles Weiße,« fuhr Gerda fort. »Farbige Blumen mag sie fast gar nicht, aber weißen Flieder, weiße Rosen, weiße Nelken trägt sie sich immer behutsam zusammen.«

Der Graf stutzte. »Sieh!« flüsterte er aufmerksam.

Sibylle hatte das Röckchen voller Blüten mit einer raschen Bewegung hochgeschnellt -- wie Schneeflocken wirbelten die Blüten um ihren Kopf, um Haar und Arme, flogen und tanzten lustig an ihr nieder. Nun kniete das Kind unter diesem Blütenregen ins Gras und breitete selig die Arme aufwärts. Es war, als sähe es in den weißen Baumwipfeln eine Erscheinung.

»Wie so 'n Elfenmädel!« brummte der Graf wohlgefällig. Energisch pochte er an die Fensterscheibe. »Ich will sie mal fragen, was all der Hokuspokus bedeuten soll,« sagte er mit gutmütigem Lachen.

Doch Gerda fiel ihm rasch in den Arm. »Ich bitte dich, tu's nicht!« rief sie. »Du würdest dem Kinde die Unbefangenheit nehmen. Wenn Silly sich beobachtet wüßte, es wär' ihr auch nicht lieb. Ich habe auch sonst allerlei Wunderliches an ihr bemerkt,« fuhr sie zögernd fort; »neulich als sie mir aus meinem eigenen früheren Kinderbuche vorlas, ließ sie die Worte Demut und Gerechtigkeit in der Erzählung, die ich genau kannte, absichtlich aus und ersetzte sie durch andere. Dabei wurde sie blutrot, der Atem stockte ihr, und ich fühlte, wie ihr Herzchen pochte. Was mag nur in ihr vorgegangen sein?«

»Kinderphantasien! Auch ich hab' einmal als Tertianer das Kunststück fertiggebracht, einen Aufsatz einzuliefern, in dem kein einziges Mal der Buchstabe r vorkam. Diese Leistung brachte mir die ungeteilte Anerkennung meiner Klassenkameraden ein, unser Lehrer war freilich anderer Meinung.«

»Silly ... Silly! Wo bist du?« hörte man jetzt rufen.

Arno stürmte durch den Obstpark. Er hielt einen flatternden beschriebenen Bogen hoch.

Sibylle trat langsam unter den Kirschbäumen hervor. Der Knabe ergriff sie bei der Hand und zog sie eifrig zu einer Bank.

Sie setzte sich ruhig. Arno warf sich der Länge nach ins Gras, stützte die Ellbogen auf den Boden und den Kopf in die Hände. Dann begann er ihr ernsthaft vorzulesen. Sie nickte und faltete still die Hände. -- --

Viermal hatte die Erde ihr grünes Kleid mit dem weißen vertauscht, und wieder war es Winter. Und Jahr um Jahr gleichförmig, und dennoch im Innersten wunderseltsam bewegt, spann sich Sibylles Leben durch die wechselnden Jahreszeiten.

Schlanker und zarter war Sibylle geworden, verständiger und wehrloser. Ihre durchsichtigen Augen voll feiner Schwermut sahen ernsthaft und groß ins Weite. Ihr schüchterner junger Mund flüsterte oft heiße, abgerissene Dichterworte vor sich hin, die sie irgendwo gelesen, deren dunklen Sinn sie mehr ahnte als begriff. Wenn sie nachts in ihrem kühlen Bett wach lag, regte sich ein geheimnisvolles Träumen in ihren jungen Gliedern, und sie fühlte, daß das Leben viel, viel schöner sein müsse, als sie es bisher gekannt.

Die Eltern nahmen sie einmal mit in die Stadt, und sie hatte zum erstenmal eine naturwissenschaftliche Bilderfolge in einem Kinematographen gesehen.

Wie die Raupen sich seltsam verpuppten, wie sie sich, ihrem Instinkt zufolge, selbst einspannen in das starre graue Gehäuse, in dem sie nun wehrlos gefangen waren, bis aus der unschönen Hülle, in glänzender Verwandlung, fremdartig und lieblich, das geflügelte Schmetterlingsinsekt herausschlüpfte -- das hatte Sibyllens Herz vor Spannung und heiligem Staunen klopfen gemacht. Nun begann sie sich eifrig mit naturwissenschaftlichen Büchern zu beschäftigen. Die Mutter sah das gern. So würde ihr Kind aus seinem Hinträumen zu positiven Kenntnissen geleitet.

Arnos früherer Hauslehrer, Herr Brandt, der nach Übersiedlung der freiherrlichen Familie nach Berlin ins Haus gezogen war, unterstützte Sibylle darin. Im übrigen hatte er sich nicht so recht an seine neue Schülerin gewöhnt. Elisabeths eiserne Pflichttreue und ihr Ehrgeiz waren Sibylle ebenso fremd wie Arnos leidenschaftliche Hingabe an alles Neue. Sie lernte nicht eigentlich ungern, doch wollte es Herrn ~cand. theol.~ Tobias Brandt scheinen, als glaube die kleine Gräfin, ihm persönlich einen gnädigen Gefallen zu erweisen, wenn sie lerne, so völlig gleichgültig ließen sie die Ereignisse der Weltgeschichte, die Taten, Meinungen und Dogmen der großen Männer aller Zeiten. Das empörte Herrn Brandts Autoritätsbewußtsein. Dagegen begrüßte er das Interesse Sibyllens an den Vorgängen der Natur mit gemischten Gefühlen. Auf diesem Gebiet fühlte er sich nicht heimisch, auch hatte es ihn nie sonderlich beschäftigt, und ihre ernsten Fragen setzten ihn oft in Verlegenheit. Immerhin war es ihm eine Genugtuung, daß seine Schülerin sich für etwas Besonderes interessierte, denn er stand nun einmal in dem Rufe, ein anregender Lehrer zu sein, und er hätte von seinem schwerverdienten Renommee auch nicht ein Titelchen freiwillig hergegeben.

So wuchs Sibylle eigengeartet und fremd unter den Augen ihrer liebevollen Eltern heran, gehütet, umhegt, halbverstanden und einsam.

Das Land lag weiß und still verschneit in fleckenloser Reinheit, wie Sibylle sie liebte. Sie kam von einem Gange durch den Park zurück, erfrischt und geheiligt. Da hörte sie vom Fenster her die Stimme der Mutter, die sie rief.

Die Gräfin trat in der Vorhalle ihr entgegen, einen Brief in der Hand. Sie ließ Sibylle, ihrer Gewohnheit entgegen, kaum Zeit, den Mantel und die weißgestrickte Sportmütze abzunehmen. Erregt sagte sie: »Weißt du, Kind, Arno ist todkrank gewesen.«

Sibylle blieb wie angewurzelt stehen. »Todkrank ...?« wiederholte sie.

»Ja, denke dir, eine schwere Lungenentzündung. Tante Marga muß eine entsetzliche Zeit durchgemacht haben. Immerzu hat der Junge geredet und phantasiert, keine Minute ist er ruhig gewesen. Elisabeth hat sich musterhaft benommen -- wie zur Krankenschwester geboren, schreibt Tante Marga.«

Sibyllens leicht gerötete Wangen waren blaß geworden. »Elisabeth ist ja immer musterhaft,« sagte sie kurz.

Die Gräfin überhörte den bitteren Unterton in ihres Kindes Stimme. »Ich will dich etwas fragen, Silly,« sagte sie zögernd; »es ist mir nicht ganz verständlich, wie die Sache zusammenhängt -- aber ... in seinen Fieberphantasien hat Arno immerzu von einem Versprechen geredet, das er dir halten müsse -- was ist das für ein Versprechen gewesen?«

Sie sah Sibylle an und erschrak.

Völlig verstört stand das Kind da, sehr blaß, die Arme schlaff niederhängend, die Augen voll eines wunderlichen, hilflosen Ausdrucks.

»Was ist das für ein Versprechen gewesen, Silly?« wiederholte Gerda eindringlich und beruhigend. »Hast du denn kein Vertrauen zu mir?« fragte sie nach einer Pause schmerzlich verwundert.

Sibylle zuckte zusammen. »O ja, Mama -- aber -- aber bitte, frage mich nicht.«

Sollte es gar eine frühreife Liebesaffäre sein? dachte Gerda ängstlich, doch nein, das ist ja nicht möglich -- solche Kinder!

Nach einer Weile sprach sie weiter: »Die andere Frage betrifft nicht dich, doch nehme ich an, daß du etwas davon weißt: wer ist Lady Rosalind?«

Jetzt wurde Sibylle rot wie mit Blut übergossen -- ihre Finger krampften sich unstet ineinander, ihre zarte, lang aufgeschossene Gestalt zitterte, sie schlug die Augen auf und zu und blinzelte, als sähe sie in die Sonne.

»Weißt du es?«

»Ja!« flüsterte Sibylle bedrückt. Sie schien einer Ohnmacht nahe. Flehend sah sie ihre Mutter an.

Ach, es war ja eigentlich kein Geheimnis, nur eine Kinderei -- gab es etwas Harmloseres, als daß Arno ihr versprochen hatte, zum Zeichen, daß er an sie denke, ein Tagebuch im Namen des rosenfarbenen Püppchens, das Sibylle ihm geschenkt, zu schreiben? Es war dies eine ritterliche Pönitenz, die er sich selbst auferlegt, weil er Sibylle mit seiner Weigerung, Puppenkönig zu werden, so weh getan. Nachher hatte ihm die Sache Spaß gemacht, und der begabte, phantasievolle Knabe fand ein ganz ungewöhnliches Vergnügen daran, sich in die Seele einer englischen holdseligen Lady hineinzudenken und aus dieser heraus die Welt zu sehen und das Leben zu beschreiben. Den ersten Teil dieses literarischen Machwerkes kannte Sibylle bereits und hatte ihn begutachten müssen. Sollte sie das jetzt preisgeben? Nein, es war unmöglich.

»Es ... es ist nichts Unrechtes --« stotterte sie endlich mühsam.

»Das setze ich auch nicht voraus,« erwiderte die Gräfin gehalten, »aber gerade deshalb ...«

Sibylle trat einen Schritt vor, auf die Mutter zu und hob die Arme. »Bitte ... bitte, nicht fragen, Mama ...«

Die Gräfin wurde einen Moment irre an ihrem Kinde. Nicht ohne Härte sagte sie kühl: »Gut, ich will nicht mehr fragen, aber du selbst, Sibylle, vergiß das nicht, hast eine Schranke zwischen uns aufgerichtet.«

Sie bereute sofort das gesprochene Wort. Sibylle sah sie starr an und schwankte ein wenig, dann fiel sie still und schwer zu Boden. -- --

Ein wunderliches Innenleben, ein Traumleben, fern, still und abseits von allem Hergebrachten, hielt Sibylle in seinem zwingenden Bann.

Sie wuchs, erblühte und wurde fast schön. Sie sah die Dinge um sich her und sah sie doch wieder nicht. Es war, als hätte sie kein Organ für die täglichen kleinen Geschehnisse ringsum; für den Wandel der Natur jedoch, für den großen allgemeinen Zug allen Werdens und Wirkens, Blühens und Vergehens hatte sie weit offene Sinne.