Der Schwimmer

Chapter 18

Chapter 183,158 wordsPublic domain

Aber was sollte denn nun werden?--Ihm begann vor der Zukunft zu grauen, denn er sah jetzt in allem ganz klar.

Er erkannte, wie sehr er sich zunächst in bezug auf sich selbst getäuscht. Allmählich in diesen letzten Jahren, und immer mehr und mehr, hatte er sich daran gewöhnt, nur sich zu sehen, nur seine Siege, nur seine Triumphe. So war er dahin gekommen, den Erfolgen anderer keine Bedeutung beizulegen, sie zu übersehen, soweit es anging. Gewiß, darüber war kein Zweifel: sein Name war der berühmteste unter allen, sein Erfolg beispiellos, sein Ruhm weiter gedrungen, als der Ruhm irgendeines deutschen Schwimmers bisher...

Aber wieviel andere Namen wurden nicht auch neben, nicht mit dem seinen zusammen genannt, wenn man von den Meistern des Schwimmens sprach: alte Namen und neue, alle Tage neue... Er war nicht der einzige, der Meister hieß. Da gab es eine Menge von Meisterschaften, selbst in Deutschland, die in anderen Händen waren, an denen er sich nicht beteiligt hatte, gar nicht hatte beteiligen können, schon allein, weil Zeit und Raumentfernung und Satzungen es verboten. Da gab es ferner die Meisterschaften im Mehrkampf, unter denen er nur eine einzige, die bei seinem ersten und letzten Versuch errungene, sein eigen nannte. Dann endlich die Springmeisterschaften... Doch daran mochte er gar nicht mehr denken!--Also: nicht auf einer Brust wurden alle Ehren vereinigt. Genug, daß die seine die höchsten trug. Er hatte einen Namen, den besten und berühmtesten. Aber es war doch nur ein Name neben und mit anderen.

Noch immer der erste. Heute mehr als je der erste, und nach diesem letzten Siege lauter genannt, als jemals zuvor.--Aber wie lange noch?--

Denn auch darin sah Felder jetzt zum ersten Male klar: daß es eine Grenze gab, über die keiner hinauskam. Nie hatte er sich das selbst gegenüber eingestanden, nie daran auch nur denken wollen... Aber jetzt täuschte er sich auch hierin nicht mehr, und manches Wort fiel ihm ein, das Nagel und auch andere schon vor Jahren warnend zu ihm gesprochen.

Wie lange dauerte denn die Siegeslaufbahn einer Sportgroße?--So lange, wie seine beste Kraft. Eine Reihe von Jahren, ein paar weniger, ein paar mehr. Aber über ein gewisses Maß ging es nie hinaus.

Und im Schwimmen?--Wenn einer dieselben Meisterschaften und einige Wanderpreise drei Jahre hintereinander errang, so war das schon eine große Ausnahme. Meist kam irgendeine andere Kraft dazwischen und entriß sie ihm vor der Entscheidung.--Wenn ein Schwimmer ein paar Jahre lang die Meisterschaft über die kurze oder lange Strecke, oder in irgendeiner besonderen Art des Schwimmens, in der er es zur besonderen Fertigkeit gebracht, behauptete, so war das gerade genug. Sicher war kein Sieg, und je zahlreicher sie sich auf eine Person häuften, um so näher lag die Gefahr, daß diese bald von ihrem Platze verdrängt werden würde. War einer aber gar, wie Felder, jahrelang der überall Siegreiche, überall Gefürchtete und Beneidete gewesen, dann waren sie alle hinter ihm her, sie, die "auch etwas konnten", und es galt, sich zu verteidigen nach links und rechts und keinen der Gegner aus den Augen zu lassen.

Das war nicht leicht. Jetzt erst fühlte Felder, wie schwer es war, wieviel schwerer es wurde von Jahr zu Jahr!--

Eine Zeitlang hatte er sich auch hierüber täuschen können. In stolze Sicherheit gewiegt, hatte er sich für unüberwindlich gehalten, bis ihm die Augen geöffnet wurden. In erster Bestürzung wollte er die Schuld einer Abnahme seiner Kraft und sich selbst zuschreiben. Längst wußte er, daß er sich auch darin geirrt. Sein eigener lässiger Hochmut und Dünkel, das waren die hauptsächlichsten Gründe, die alles verschuldet, was geschehen war.

Er besaß sie nicht mehr: nicht Hochmut, nicht Dünkel mehr. Er wußte seit langem wieder, was auf dem Spiele stand, und wie es zu ringen galt, um sich auf der neu gewonnenen Höhe zu behaupten. Er war bereit. Wie am ersten Tage der kleine Knabe bereit gewesen war, an seinen ersten kleinen Sieg seine ganze, kleine Kraft zu setzen--so war er willig, jetzt zu ringen um seine letzten Siege. Aber wozu?-- Und für wen?--

Die Freude an Siegen war dahin, die er mit niemandem mehr teilen konnte. Nicht nur mehr gefürchtet und beneidet, gehaßt würden seine Siege werden, wenn er sie in dieser Weise weiter erfocht. Man würde sie ihm erschweren auf alle Weise. Hatte er nicht heute erlebt, wie man wie auf geheime Abmachung hin ihn überall auch dort ostentativ geschnitten, wo er nicht das geringste verschuldet?--Hatte nicht Feindseligkeit, ja Haß gegen den "Einzelschwimmer" in den Blicken gelegen?--Ruhiger geworden, sagte er sich, daß auch der Zufall, der Ausbruch des Regens und andere Umstände mitgewirkt hatten, um ihm diese furchtbare Enttäuschung zu bereiten. Sonst würden doch der eine oder andere von seinen älteren Bekannten aus irgendeinem der befreundeten Klubs und sicherlich auch die passiven Sportfreunde und die Kenner, wie zum Beispiel sein alter Bewunderer, der Berichterstatter des "Welt-Sport", und andere zu ihm gekommen sein.

Aber die allgemeine Animosität gegen den "Einzelschwimmer" würde immer bestehen bleiben, und allgemeine Freude würden seine Siege nie mehr hervorrufen. Sollte er immer so stehen bleiben, er, der Einzelne, gegen die geschlossenen Mächte der Klubs?

Und die anderen Träume, in die er sich gewiegt in dieser letzten, einsamen Zeit--waren sie nicht ebenso haltlos und töricht?--Nach England wollte er gehen?--Ganz allein, ohne Kenntnis der Sprache in das fremde Land, um dort sich zu messen mit diesen unbekannten Kräften, von denen er nichts wußte, als daß sie die allerersten der Welt waren? Woher sollte er die Mittel zur Reise nehmen? Und selbst wenn er hinging, wenn er alle Schwierigkeiten überwand--was dann, wenn er unterlag und mit Hohn und Spott heimgeschickt wurde?--Dann war es endgültig aus...

Oder sollte er wirklich die wahnwitzige Idee zur Ausführung bringen und seine Kunst zum Beruf machen? Dem ganzen Sportwesen den Rücken kehren und als Professional die Welt durchreisen? Jede andere Arbeit aufgeben, sich auf einige Dinge bis zur Abnormität einüben und dann von Stadt zu Stadt und von Land zu Land ziehen und sich als "Artist" anstaunen lassen?--Das war sicherlich die törichtste seiner Einbildungen gewesen, und er lachte sich selbst aus. Das konnte er einfach gar nicht!--

Alles, was also übrigblieb, war, sich noch ein paar Jahre, so lange, wie nur eben möglich, auf der wiedergewonnenen Höhe zu halten, den schmalen, schwindelnden Grat zu verteidigen, bis eines Tages der Abgrund des Vergessens auch ihn verschlang. Denn wie lange konnte die ganze Herrlichkeit noch dauern?--Im besten Falle ein paar Jahre. Dann war auch das vorbei. Dann waren die neuen, frischen, jungen Kräfte ins Feld gerückt, die jetzt bereits in der Stille heranreiften, mit flatternden Fahnen und klingendem Spiel; und wer ihnen nicht selbst klug genug zur rechten Zeit auswich, der wurde einfach überholt, zu Boden gerissen, niedergestampft. Dann würden die ersten wirklichen Niederlagen kommen, die, nach denen es kein Aufstehen mehr gab. Denn während er schon stillstand und über die eigene Kraft nicht mehr hinaus konnte, marschierten jene, und "Platz!--Platz endlich für uns!" war ihr Geschrei. Sie würden siegen, ganz einfach, weil sie jung waren. Ihre neuen Namen würden die alten verschlingen, und noch ein paar Jahre eines letzten, aussichtslosen, verzweifelnden Ringens, in denen der alte Glanz immer mehr und mehr erblaßte,--und alles war vorbei, sie alle miteinander vergessen; und während sie noch weiterlebten, waren sie in Wirklichkeit schon tot, und niemand kümmerte sich mehr um ihre verblaßten Bänder und Medaillen, diese letzten Zeugen einstiger Triumphe, von denen sie nur den geduldigsten ihrer Freunde noch erzählen durften, und auch das nicht, ohne bei ihnen das Gähnen der Langeweile oder das Lächeln des Mitleids hervorzurufen.

So war es bei allen.

So würde es auch bei ihm, bei Franz Felder, sein!--

Denn es gab keine Ausnahme, _keine_.

Bei den meisten bildete die Militärzeit die Grenze. Diese Jahre einer für den Sport brachgelegten Kraft überstanden nur wenige. Das Abschiedsfest, das der Klub alljährlich seinen einberufenen Mitgliedern gab, bedeutete für die meisten von ihnen auch den Abschied von ihrer sportlichen Laufbahn. Nur wenige hatten nach ihrer Rückkehr noch die Kraft und die Lust, die Ziele ihrer Jugend wieder aufzunehmen und sich in neuen Verhältnissen an neue Kämpfe zu wagen. Viele bewahrten der Sache wohl noch ihr Interesse, aber das Leben forderte sie ein, und wie der Student ins Philisterium, so gingen sie in ihren Beruf, und bald in ihm und der neugegründeten Familie auf.

Nicht alle. Durchaus nicht alle. Es gab manche, die selbst während dieser Militärzeit noch Energie und Lust gefunden hatten, die alte Fertigkeit nicht ganz einschlafen zu lassen und weiterzupflegen. Sie kehrten zurück und waren nach kurzer Zeit wieder auf der alten Höhe. Manche errangen erst jetzt ihre größten Erfolge; bei anderen wieder schien die Übung "in den Waffen" erst ihre ganze Leibeskraft herausgearbeitet zu haben.

Bei Felder traf das alles nicht zu. In seiner ausgesprochenen Einseitigkeit, die nie eine andere Betätigung, als diese eine, erlaubt hatte, die ihn scheitern ließ an jenem Versuch des Springens, graute ihm vor der Zeit, die doch schon so dicht vor ihm lag. Er wußte nicht, wie er sie überstehen sollte: in einer schmutzigen Kaserne ohne Wasser!--

Und wenn er sie überstand--was dann?--

Noch die paar Jahre. Noch eine Zeitlang neue, unerhörte Anstrengungen. Nochmals neue Erfolge, wie dieser heutige, die den verschollenen Namen noch einmal vor die Augen aller stellten, nochmals beneidet, gefürchtet, gehaßt--und dann der unerbittliche Absturz von der Höhe, entweder: schnelles Stürzen oder ein stetes, qualvolles Weichen Schritt für Schritt.

Er täuschte sich nicht mehr. Er sah ganz klar.

Er wußte, er würde es können: die zwei Dienstjahre überstehen, in neues Training treten und sich noch Jahre--länger als irgendeiner vor ihm--auf ehrenvoller Höhe halten. Er brauchte nicht zu verzweifeln. So groß war seine Liebe zur Sache--er hatte sie erprobt; sie würde ihm auch diesmal helfen.

Er wußte, er würde das fast Unmögliche können.

_Aber so nicht_. Nicht unter diesen Umständen.

Nicht allein, nicht so allein.

Es war vergeblich, es zu versuchen.

Denn die Freude fehlte, die Freude, die ihm Mut und Kraft verliehen, so hoch zu Steigen, die Freude der Hoffnung, die ihm geholfen, die letzte bittere Zeit zu überstehen: die mit anderen geteilte Freude.--

Aber was sollte denn nun werden?--

Er hatte sich rettungslos verstiegen und wußte nicht mehr, wohin.

Wie sollte er nun leben?--

Er fand keine Antwort.

9

Eine unerträgliche Hitze brütete über Berlin. Die Menschen atmeten schwer in dieser Atmosphäre von Staub und Dunst.

Felder tat noch seine Arbeit, aber er schwamm nicht mehr. Abends saß er irgendwo und sah vor sich hin, wie ein Mensch, der keinen Ausweg aus seinen Gedanken mehr findet; oder er ging mit demselben starren Blick durch die heißen Straßen, bis er müde wurde.

Er lebte, wie er gelebt hatte, die schrecklichen Monate in dieser letzten Zeit, ganz für sich, und doch anders--denn wenn ihn damals noch eine große Hoffnung begleitet hatte, so ging er jetzt ganz allein: er sah und hörte nichts mehr, selbst von dem, was in seiner Welt, der engen, der kleinen und doch für ihn alles bedeutenden, vorging; auch durch die Zeitungen nicht mehr; und die Seite, die dreiundachtzigste in dem kleinen, braunen Buch, das er nicht mehr mit sich trug, blieb leer: die Seite, auf die der größte aller Siege eingezeichnet werden durfte und nicht wurde...

Es war alles wie abgeschnitten. Es war alles vorbei.--

Er sprach überhaupt kaum ein Wort mehr.

So lebte er noch vierzehn Tage.

Dann fühlte er eines Tages, daß er das Leben nicht mehr ertragen konnte.

Irgend etwas, er wußte selbst nicht was, war gebrochen in ihm, und damit seine Kraft zum Leben. Er fühlte es deutlich.

Es nutzte nichts, dies Denken, um herauszukommen. Er kam nicht darüber hinweg.

Es war, als wenn alles tot in ihm wäre: alle Sehnen plötzlich durchschnitten von einer ungeheueren Enttäuschung.--

Es war wieder ein Sonntag, einer dieser leeren, durch keine Arbeit und keine Freude mehr erträglich gemachten Tage, und erwälzte sich auf seinem harten Bett in seinem kleinen Zimmer in dumpfer Verzweiflung hin und her. Was sollte er tun?--Er wußte es nicht mehr.

Er hatte keine Eltern, keine Geschwister, keine Freunde, keine Geliebte mehr. Sinnlos war sein Leben geworden, zwecklos und freudlos.

Und wie er mit den Händen schlug, raschelte etwas auf ihn nieder: verdorrte Lorbeerblätter, die beim Niederfallen in Staub zerfielen.

Er nahm die Spreu in die Hand.

Es war sein erster Siegeskranz: erfochten als Knabe in dem ersten kleinen Schwimmen, seinem ersten schüchternen Versuch, seinem ersten Siege. Und wie er sah, was es war, was er in seiner Hand hielt, da sah er zugleich sich und sein ganzes Leben; und es schien ihm, als seien alle diese Kränze, die bedruckten und beschriebenen Urkunden, diese Bilder an den Wänden, zerstaubt, zerfallen und zu nichts geworden, wie dieser hier, und nichts von allem übriggeblieben, als ein kleiner Haufen dürren Staubes, zu dem am Ende alles Leben wird.

Da wandte er sich ab von diesen zerfallenden und leblosen Dingen, diesen modernden Leichen des Gewesenen, und eine schreckliche Sehnsucht nach dem, was allein noch Leben für ihn war, ergriff ihn.

Er kleidete sich hastig an und ließ alles hinter sich.--

Er ging den ganzen Nachmittag durch die Hitze und den Staub und das Menschengewühl des Sonntags: durch den Park von Treptow, grau und nüchtern unter dem Sommerstaube, an den Eierhäuschen an der Spree vorbei, teils am Ufer, dann auf der trostlosen Landstraße, die bedeckt war mit Fuhrwerken und Radlern, bis Köpenick, wo er in dem Vorgarten irgendeiner Wirtschaft ein Glas Bier trank. Und so ging er weiter, bis er nach Grünau kam--Stunde auf Stunde ging er so den langen, dunstigen Nachmittag, und überall, wo er hinkam, waren die Gärten voll von Menschen, und auf den dämmernden Uferwegen tauchten immer neue Gestalten auf, die sich noch nicht entschließen konnten, die köstliche Frische des Abends einzutauschen gegen die dumpfe Häusermasse der großen Stadt.

Er aber mußte allein sein, ganz allein, und so ging er, ohne Hunger und Durst zu empfinden, durch Grünau und vorbei an dem Sportplatz, der dunkel und leer dalag; und sein Herz war so müde und mutlos, daß es selbst hier nicht einmal mehr höher schlug ... weiter und weiter, immer an den wegelosen Ufern der weiten Seen entlang...

Endlich war er allein. Endlich begegnete ihm niemand mehr.

Es war spät in der Nacht.

Kein lebendes Wesen zeigte sich hier mehr in dem weiten Umkreise von Himmel, Wald und Wasser...

Da stand er still und entledigte sich seiner Kleider.

Nackt stand er da, und die Luft der Nacht umspielte seinen heißen, staub- und schweißbedeckten Körper.

Langsam trat Franz Felder zum Wasser und sah es an, nachdem er den ganzen Nachmittag--und wie lange vorher schon!--seinen Anblick gemieden.

Aber zum ersten Male schien es ihm, als würde sein Gruß nicht erwidert. Stumm und gleichgültig lag es da.

Warum vernahm es denn nicht die stumme Bitte seiner Verzweiflung?--

Und zögernd, fast ängstlich, setzte er Fuß vor Fuß, bis es seine Knie erreichte, versank dann in den Schlamm und umarmte es leise. Nackt, wie damals als kleiner Knabe, schmiegte er sich an seine dunkle Brust.

Und schwamm.

Behutsam, wie um es nicht zu kränken, schwamm er bis in die Mitte des Sees, bis dahin, wo es am tiefsten war. Dort wartete er: ließ sich sinken und verschwand tief unter der Oberfläche.

Aber das Wasser trieb ihn empor, und wieder lag der Himmel über ihm, tiefblau, und der Mond und die glitzernden Sterne.

Begriff es denn nicht, was er heute von ihm wollte?--

Das Wasser war sein Freund gewesen, sein bester Freund, von jeher.

Es hatte den kleinen Kerl, der noch fast nicht gehen konnte, liebreich getragen, wie es nur die trägt, die es liebt gleich seinen eigenen Wesen, und seine Liebe war ihm treu geblieben während seines Lebens bis heute.

Der ehrgeizige Ungestüm des Knaben und der ungeduldige Groll des Jünglings hatten sie nicht zu vermindern vermocht.

Alles hatte es seinem Liebling gegeben, was es überhaupt geben konnte: Frische, Gesundheit, Kraft und Ruhm und unendliche Freuden, die sich erneuten von Tag zu Tag: und alles hatte Felder genommen als etwas Selbstverständliches, wie andere Kinder die Liebe der Eltern nehmen.

Nun kam er noch einmal zu ihm, um bei ihm die letzte Erlösung--vom Leben--zu suchen.

Aber das Wasser nahm ihn nicht.

Es schien nicht zu begreifen, was er so plötzlich von ihm wollte; und als könne er gar nichts anderes, als Lust und Freude bei ihm suchen, so trug und wiegte und umschmeichelte es ihn, gleich als sei es froh, ihn so versöhnt wieder zu haben nach der langen Zeit der Entfremdung...

Und Felder empfand die kühle und linde Berührung mit erschauernder Wonne, und noch einmal vergaß er die schwere Erde, ihre Kämpfe und ihr unerträgliches Leid und gab sich ganz der starken und reinen Umarmung des Wassers hin.

Das war nicht mehr der Meister, der große Schulschwimmer, der "Champion of the World", der in dieser nächtlichen Stunde weit da draußen und ganz allein seine Kunst übte; das war der Freund, der wieder zum Freunde kam, um ihm seinen Kummer und seine Sorgen anzuvertrauen und auszuruhen an seiner Brust von der Mühsal des Lebens. Und so schwamm Felder zum letzten Male: ohne an etwas anderes zu denken, als an die Lust dieser Stunde, ließ er sich treiben, breitete nur zuweilen die Arme, als wolle er die silbernen Wellen fassen und an sich ziehen; ließ das Wasser durch seine halbgeöffneten Lippen dringen und erwiderte Umarmung und Kuß. Und wie er sich wandte und drehte, sich bald auf den Rücken legte, bald hier untertauchte und dort wieder emporkam, empfand er noch einmal die ganze Seligkeit, die ihm das Wasser gegeben, die himmlische Leichtigkeit, mit der es ihn trug...

Lange schwamm er so...--

Aber dann wurde sein Herz bei dem plötzlichen Gedanken an die Erde wieder schwer.

Doch die Schwere seines Herzens zog ihn nicht hinunter. Und da begriff er, daß ihn dieses Element nie töten würde, dieses Element, das ihn liebte und das sein Leben wollte, nicht seinen Tod. So unermeßlich stark, daß es ihn mit einem Schlage hätte niederstrecken können, war es doch schwach ihm gegenüber, der der Stärkere war, weil er geliebt wurde...

Endlich begriff er, weshalb es so war und immer so gewesen war, begriff seine ganze eigene Schwäche und die ungeheure Stärke dieser Liebe!--

Da schwamm er zurück zum Ufer, entnahm seinen Kleidern sein Taschenmesser, öffnete es und durchschnitt beim hellen Lichte des Mondes mit schnellem, scharfem Schnitt die Pulsadern seiner rechten Hand, ganz nahe der Stelle, wo die Narbe war, die das Armband zurückgelassen. Sein Blut spritzte empor und er empfand einen kurzen, heftigen Schmerz.

Von neuem warf er sich ins Wasser und erreichte mit wenigen hastigen Schlägen fast noch die Mitte des Sees. Sein rotes, warmes Blut mischte sich mit der warmen, schwarzen Flut.

Er fühlte, wie mit ihm seine Kraft schwand.

Noch einmal breitete er die Arme weit auseinander, warf sich in der jähen Angst des Todes herum und griff um sich, als wollte er sich halten.

Aber zum ersten Male ließ das Wasser ihn fallen, und er sank.

Den Lebenden hatte es geliebt.

Der Tote war ihm nichts als eine Last, die es achtlos in seinen Tiefen begrub.