Chapter 14
Und da regte sich in ihr, die diesen Augenblick seit Monaten mit verhaltener Gier ersehnt, und in ihm, der sich vor diesem Augenblick, ohne es sich klar zu machen, gefürchtet hatte, die Lust ihn zu verlängern, und Auge in Auge, mit heißem Atem und glühenden Händen, maßen sie ihre Stärke aneinander--diese schönen Menschen, beide in der Fülle einer in stetiger Ausdauer geübten Kraft.
Aber in ihm erwachte der Mann. Und da er der Stärkere war, nahm er sie, wie sie es wollte und gewollt hatte seit der Stunde, in der sie ihn zum ersten Male gesehen und für sich begehrt.
2
Sie wurde sein Leben von da an.
Sie wurde es so sehr, daß er über ihr sogar sein Liebstes vergaß. Er hätte es bisher für eine Unmöglichkeit gehalten, mehr als zwei Tage vergehen zu lassen, ohne im Wasser gewesen zu sein. Ganz selten war einmal einer gegangen, an dem er sich nicht in sein Element gestürzt hätte, und zwei wohl nie, solange er denken konnte. Nun geschah es, daß drei oder vier vergingen, ohne daß es ihm in den Sinn kam, zu schwimmen.
Er dachte nur noch an sie: an ihren Mund, an ihre Augen, an jede Einzelheit ihres Körpers, der sein geworden war und es jeden Tag von neuem wurde.
Es war ein seltsames Verhältnis. Als er eine Woche fast jeden Abend bei ihr gewesen war, wußte er noch nicht einmal ihren Namen; als er sie vier Wochen kannte, wußte er nicht viel mehr, als daß sie Georgette hieß. Vielleicht nannte sie sich auch nur so.
Erst wollte er alles wissen. Er wollte schon dahinter kommen. Aber er gelangte selten dahin, eine Frage zu tun; und dann hatte sie eine so eigentümliche Art, auf Frägen, die ihr nicht paßten, zu erwidern, ohne sie zu beantworten. Nie erfuhr er das, was er eigentlich wissen wollte. Und wenn sie nicht mehr ausweichen konnte, dann konnte sie so leise bei seiner Frage lachen, als sei diese Frage nur ein guter Witz von ihm.--Es kam nie zwischen ihnen zu einem Gespräch. Er so schwerfällig, so unerfahren und selbst so schweigsam, war unfähig, ein solches in Gang zu bringen; und sie--entweder hatte sie nur die kurzen, abgerissenen Worte der Leidenschaft, oder sie lag ihm gegenüber, rauchend und ihn unverwandt anblickend, bis sie aufsprang, die Zigarette fortwarf und sich von neuem an ihn schmiegte.
Etwas Fremdes haftete allem an, was sie tat und sagte. Ihre Sprache war kein reines Deutsch, sondern ein Gemisch von Ausdrücken, die sie auf ihren Fahrten durch aller Herren Länder aufgelesen. Denn sie kannte alles, war überall gewesen, hatte alles gesehen--und wenn dem jungen Manne hier und da einer der vielen fremden Gegenstände, mit denen ihre Zimmer überladen waren, in die Augen fiel und er sie nach seinem Ursprung fragte, dann geschah es auch wohl, daß sie eine Art von Geschichte daran knüpfte: aber nie zusammenhängend, nie so, daß sie ein Stück ihres Lebens wurde.
Und so war und blieb sie: immer schlagfertig, immer bereit und im Gründe nie direkt ausweichend, aber doch nie und nichts wirklich gebend... nichts, außer sich selbst!...
Sie selbst fragte ihn nie nach irgend etwas. Aber sie unterbrach ihn auch nie und schien sogar interessevoll zuzuhören, wenn es einmal geschah, daß er sein Schweigen brach und von sich und seinen Erfolgen anfing zu erzählen. Lange hatte es schwer auf ihm gelegen, daß sie ihn gerade an jenem Unglückstage gesehen, an dem er seinen ersten un4 letzten Versuch in der fremden Kunst machte, und er suchte ihr weitschweifig zu erklären, wie alles gekommen war... Sie begriff indessen durchaus nicht die Wichtigkeit, die er der Sache beilegte. Genügte es nicht, daß er unbestrittener Sieger im Schwimmen war?--Kam ihm da einer gleich?--Was wollte er denn noch mehr?--Im Grunde sagte sie ihm dasselbe, was seine Freunde ihm auch gesagt hatten. Ihr war er recht so. Er war ja so schön, so jung und so stark--ah, so stark!
Aber sie versprach ihm, dem nächsten großen Schwimmen beizuwohnen, "wenn es ihr möglich sein würde", wie sie hinzufügte.
Allmählich gab er es auf, zu fragen, als er sah, daß er ihr durch keine Antwort näher kam. Er beruhigte sich bei dem Bilde, das er sich machte: eine reiche Ausländerin, die in Berlin lebte, nachdem sie früh Witwe und völlig unabhängig geworden war (etwas derartiges hatte sie einmal geäußert); die wohl Bekannte und Freunde hier hatte (natürlich nur Freunde in gutem Sinne, zum Beispiel den alten Herrn, mit dem Felder sie zusammen gesehen); die sich in ihn verliebt hatte und ihn liebte (das hatte sie ihm in der ersten Stunde in neun verschiedenen Sprachen gesagt, und sagte es ihm täglich hundertmal in einem Gemisch von dreien)...
Es war nicht viel, was er von ihr wußte, und er fühlte, daß es nicht das richtige Bild war, das er vor sich sah. Aber was wollte er machen, da es sich ihm nun einmal nicht klarer, als in diesen schattenhaften Umrissen, zeigte?--
Und er liebte sie!--
Er liebte sie, wie er seinen Ruhm liebte: er konnte das Glücksgefühl, die beide ihm gaben, nicht mehr entbehren. Sie hatte ihn gewonnen, weil es seinem Ehrgeiz schmeichelte, von einer so schönen und eleganten Frau begehrt zu werden, und weil ihr Wille der stärkere gewesen war; und sie hielt ihn fest, indem sie seine erregte Sinnlichkeit mit allen Künsten ihrer Erfahrung immer und immer wieder aufs neue anstachelte.
Er war in der ersten Zeit fast alle Abende bei ihr. Dann mindestens drei-, viermal in der Woche. Nie durfte er ihre Wohnung ungerufen betreten. Immer, wenn er von der Arbeit kam, hatte er zuerst auf dem Postamte in der Nähe nachzufragen: zuweilen war ein Brief da, der die Verabredung dieses Abends auf den nächsten oder übernächsten verschob; jedesmal aber mußte er an der Ecke der Straße erst nach der Alten sehen, bevor er zu ihr kam: war sie da, so huschte sie schweigend vor ihm her, und er folgte ihr die Straße hinunter und die in ewiger Dämmerung liegenden, teppichbelegten Stufen der Treppen hinauf bis in das hohe, schwüle Gemach. Öfter und öfter jedoch kam es vor, daß er noch in dieser letzten Minute durch ein hastig ihm in die Hand geschobenes Billett gebeten wurde, heute "nicht zu kommen", da das bekannte "unvorhergesehene Ereignis" eine Zusammenkunft für diesen Abend unmöglich machte.
So wurde er in einer beständigen Aufregung erhalten, ob er sie sehen würde oder nicht. Nach einer so plötzlichen und ihn immer tief verstimmenden Absage lag der Abend zweck- und inhaltslos vor ihm; und traf diese Absage nicht ein, sah er sie wirklich wieder, so war ein Teil seiner Freude schon durch die Unruhe der Unbestimmtheit zerstört, in der er den Tag bis zum Abend verbrachte.
So gewöhnte er sich mehr und mehr daran, die leeren Abende durch Vergnügungen auszufüllen, an die er bisher schon ihrer Kostspieligkeit wegen nur selten gedacht hatte. Er ging in den Wintergarten, an Orte, wo Laune und Leben herrschten, nur um nicht allein zu sein; trank in Cafés und Lokalen, die er bisher nie betreten, hier einen Kognak, dort ein Glas Bier; kam später nach Hause, als er wollte, und tat seine Arbeit am nächsten Tage widerwillig und in der ewig gespannten Erwartung, ob ihm der Abend eine neue Enttäuschung oder seinen Sinnen wieder die ersehnte Erfüllung und Beruhigung bringen würde. Er fühlte sich nicht mehr einsam, aber unruhig, und konnte den Abend nicht mehr erwarten während eines Tages, der ihm zu lang wurde...
Der Rest der von England mitgebrachten Summe wurde öfter und öfter in Anspruch genommen und schmolz immer mehr zusammen, denn sein Verdienst reichte natürlich nicht entfernt aus, um die erhöhten Ansprüche des jetzigen Lebens zu befriedigen. Felder gab für seinen Schneider jetzt in einem Monat mehr aus, als sonst in einem Jahre, und doch wurde er nie das Gefühl los, nicht gut genug gekleidet zu sein, wenn er zu ihr ging, obwohl er dort niemals einen anderen Menschen außer ihr sah und sie nie ein Wort über sein Aussehen verlor. Er achtete auch schon nicht mehr darauf, wieviel er der Sparkasse entnahm. Er brauchte ja nur nochmals nach England zu gehen, um einen neuen Fond heimzubringen. Überhaupt war es ein Skandal, daß er noch auf seine Arbeit angewiesen sein mußte, während die Meister der anderen Sports--die Radler zum Beispiel--längst herrlich und in Freuden von den Einkünften ihrer Siege lebten. Nur in seiner Sache, bei den Schwimmern, gab es das nicht...
Ganz langsam und allmählich begann er, seine Kunst auch von dieser Seite aus zu betrachten. Früher hätte er sich dessen geschämt. Und alles das, weil der Luxus, den er so plötzlich täglich einatmete, in so schreiendem Gegensatz stand zu seinem bisherigen Leben der Armut, Einfachheit und Genügsamkeit.--
Sie hatte ihn.
Sie besaß ihn, weil er sie nicht mehr entbehren konnte.
Sie änderte ihn, ohne es zu wollen. Denn sie hatte ihn so gewollt, wie er gewesen war: frisch und unberührt und jung.
Er war es nicht mehr in dieser Leidenschaft zu ihr.
Er, der früher so mäßig gewesen war, trank jetzt, nicht regelmäßig, aber unbekümmert, je nach Lust und Laune. Es tat ihm nichts. Er fühlte keine Wirkungen. Sein Körper überwand die leichten Folgen schnell.
Vielleicht war sein Kopf etwas benommener. Aber er lebte jetzt überhaupt in einer dumpfen Schwere, in einem täglich neu erweckten Rausch aller Sinne, durch dessen Nebel er immer, wo er ging und stand, nur ihren bräunlich-hellen Körper sah, ihre seltsam roten Lippen und ihr dunkles Haar, eingehüllt in die Duftwolke ihres aufreizenden Parfüms, einen Nebel, süß und weich wie ihre Küsse, warm und weich und entnervend wie die weißen Dämpfe der Winterbäder im Schwimmbade.
Er verlor seine ewige Sehnsucht nach frischem, klarem Wasser, nach kalter, reiner Luft in dieser Atmosphäre. Er verlor sie, ohne es zu fühlen, ohne es zu merken. Ganz allmählich glitt er in sie hinein--in diese abgründige Leidenschaft, in die immer geöffneten, immer begehrenden Arme dieser fremden Frau. Er, der nicht wußte, was Nerven waren, fühlte sie erwachen und zittern unter den Liebkosungen ihrer Hände, und ehe sie Zeit hatten, sich zu beruhigen, wieder erwachen, bis sie--von einem Tag zum anderen in steter Erregung gehalten-- diesen Reiz nicht mehr zu entbehren vermochten, wie der Trinker sein Gift.
Gewiß, er schwamm noch. Ja, er war jetzt wieder, wo ihre Absagen sich mehrten und immer öfter die unvorhergesehene Abhaltung, nach deren Grund er nicht mehr zu fragen gewagt hätte, eintrat, die flüchtige Zeile, die ihn bat, "_nicht_ zu kommen", er war jetzt wieder mehr unter seinen neuen Klubbrüdern, als vorher, denn er konnte diese einsamen Abende nicht mehr ertragen, in denen er in unterdrückter Begierde nach ihr von Kneipe zu Kneipe lief, um den Schlaf zu finden, der nicht mehr, wie bisher, in der Minute ungerufen zu ihm kam, in der er sich auf sein Bett warf. Aber er wir kein guter Sportgenosse und kein angenehmer Gesellschafter unter den "Hechten". Sie wußten es vorher, hatten es oft genug gehört, als sie sich um seine Mitgliedschaft bewarben, daß sie im Grunde nur seinen Namen bekamen, und sie sahen ihm alles nach. Daß er ihnen so fremd bleiben würde hatten sie wohl nicht gedacht.
Keiner hatte eine Ahnung davon, was ihn der Sportsache innerlich zu entziehen begann. Felder selbst sah und hörte nicht, was um ihn her vorging.
Er sah nur noch _sie_.
Eines Abends gab sie ihm ihr erstes Geschenk. Sie saßen sich müde und schweigsam gegenüber und wußten nicht wovon sie sprechen sollten. Sie zeigte ihm ihre Schmucksachen und erklärte ihm ihren Wert. Er sah Dinge, die er nie geahnt hatte. Wenn er nach ihrem Ursprung fragte, lachte sie mit ihrem überlegenen Lachen: "O, das war, als sie in Buenos-Aires gewesen war, der weiße Pflanzer"--und dies Halsband kam aus London "von einem Herrn, der mit dem Prinzen von Wales sehr befreundet war... ja, dieser 'Prince des Galles'!..."...Und so ging es weiter, und Felder verstand nichts und begriff noch immer nichts und wollte auch nichts mehr begreifen.
Sie legte ihm die Ketten und Spangen um, wie einem Kinde, mit dem man spielt. Und dann kam, was Felder so lange heimlich gefürchtet, und was er so entschlossen war, schon beim ersten Versuch energisch abzuweisen: dies Armband, das für ihr Gelenk etwas zu weit war und sich so fest um das seine schmiegte, dies goldene Band mit dem daran baumelnden Schloß sollte er immer tragen als Andenken an sie--so taten es jetzt die Männer; und als sie sein Widerstreben sah, kam dieser maßlose Zorn über sie, den er nicht zum ersten Male an ihr sah--ihre Augen blitzten, und ihre Lippen, die bebten, sprachen fremde und unverständliche Worte der Entrüstung und der Beschimpfung, bis sie dann bei seinen vergeblichen Versuchen, das Geschenk abzustreifen, ihre Wut ebenso schnell wieder vergaß und in ein Lachen ausbrach: Oh, er mußte es ja behalten, er kam ja nicht los, sie hatte ja den Schlüssel, und den bekam er nicht, nein, den Schlüssel nicht... Und er, erschreckt durch ihren Zorn und gedemütigt durch ihr Lachen, wagte nicht mehr, ihre erste Gabe zurückzuweisen. Es sollte nur ihre letzte bleiben,--so beruhigte er sich selbst.
Er trug es, das Armband von Gold.
Nie hatte einer seiner Siege, selbst der des Vorjahres in England nicht, ein solches Aufsehen gemacht, wie dieses einfache Armband; nie sprach man so viel von Felder, wie in diesen Wochen, als er mit dem Goldreif am Arm an den Start ging und schwamm. Man lachte, man spottete, man schimpfte und forschte nach; man empörte sich, man zuckte die Achseln, man machte Vorstellungen und--man erriet... Allerseits aber war man sich einig, daß es einfach lächerlich sei für einen Mann wie Felder, die dümmste und weibischste aller Moden mitzumachen, die man den Gigerln und Narren überließ. Ein deutscher Schwimmer und--ein goldenes Armband!--Es war der unerhörteste Widerspruch!--
Felder sah und hörte nichts. Höchstens, daß er verächtlich lächelte, wenn die Blicke und Worte allzu zudringlich auf seinem Handgelenk ruhten.
Höher als sonst streckte er seinen Arm empor, unter die Augen der Zuschauer: an ihm glänzte der schmale Reif und leise klirrte das winzige Schloß beim Ansprung gegen die goldene Kette.
3
Er stand noch nicht im Zeichen des Rückganges, wie die bösen und durch "das Armband" von neuem aufgereizten Stimmen behaupteten. Aber selbst ruhigere Beobachter, die sich durch äußere Dinge nicht oder doch nur wenig beeinflussen ließen, fanden seit einiger Zeit Felders Stil nicht mehr so sicher, sein Tempo nicht mehr so fließend wie bisher.
Vor allem nicht mehr so rein. Er schien Rücksichten auf seine Gegner überhaupt nicht mehr zu kennen. Es genügte ihm nicht mehr, seine Siege, wie bisher, in leichtem Kanter nach Hause zu bringen, sondern er strebte danach, sie auch dem Publikum recht deutlich zum Bewußtsein zu bringen, indem er ihm seine Überlegenheit über die andern auf alle Weise zeigte. Darunter mußte sein Stil natürlich leiden.
Er fühlte es selbst und sogar einzelne Bemerkungen darüber kamen ihm zu Ohren.
Er war zum zweiten Winterfest des Schwimmerbundes zu einem Seitenschwimmen gemeldet. Es fiel in den Anfang des Februar. Felder hatte nicht die Absicht, zu starten; aber da er auf der Sitzung des "Hecht" wieder einmal nicht anwesend gewesen war, hatte sein Klub für ihn die Meldung erlassen, in der Überzeugung, damit seinen Wünschen-- die nach möglichster Beteiligung strebten--zu entsprechen. Er war ärgerlich. Man hätte ihn doch wenigstens fragen müssen. Wann denn?-- entgegnete man ihm. Man sah ihn ja so unregelmäßig. Und wenn man ihn nicht gemeldet hätte, wäre er ebenfalls böse gewesen und hätte von Zurücksetzung gesprochen.
Er zog die Meldung nicht zurück; es war ihm einerlei. Ein Sieg mehr, darauf kam es nicht an! Aber das sagte er gleich: zu der langweiligen Preisverteilung und zu dem noch langweiligeren Tanzvergnügen nachher kam er nicht. Er hatte keine Zeit am Abend; er war eingeladen.
Er war jetzt immer eingeladen, kein Mensch wußte, von wem. Aber man wagte nichts zu entgegnen und war froh, daß er keine weiteren Schwierigkeiten machte. Er erschien, wie jetzt immer, spät auf dem Fest. Er war die ganze Nacht bei ihr gewesen, und auch am Morgen wollte sie ihn nicht fortlassen. Er blieb nur zu gern. Sie frühstückten im Bett, spät, und die Stunden wurden verschleudert bis über den Mittag hinaus.
Schnell kleidete er sich aus und trat in die überfüllte Halle mit seinem hochmütigen und finsteren Lächeln auf dem Gesicht. Diese Feste hatten keinen Reiz mehr für ihn. Er fühlte weder Erwartung, noch Aufregung. Er nahm seine Mitwirkung jetzt nur als eine Pflicht, die von ihm erledigt werden mußte, da er nun einmal der Franz Felder war. Je bälder sie getan war, desto besser. Um so eher konnte er wieder bei ihr sein...
Ungeduldig wartend stand er unter seiner Mannschaft. Er hielt die Arme gekreuzt über der Brust und an seinem rechten Handgelenk glänzte herausfordernd das goldene Armband, als wolle er die Blicke aller darauf lenken. Kaum, daß er seinen Klubgenossen antwortete, wenn sie mit einer Frage zu ihm traten.... Gleichgültig glitt sein Blick über die Wasserfläche hin, wo eben ein Rennen zu Ende ging und schnaufende Gestalten die Länge des Bassins durchkreuzten.
Sonst hatte Felder nie den Augenblick erwarten können, in dem er selbst ins Wasser durfte. Heute kümmerte er sich nicht einmal mehr um seine Konkurrenten; er hatte sich kaum die Zeit genommen, ihre Namen auf dem Programm zu lesen. Wie gewöhnlich jetzt, ließ er sich Zeit während der ersten Länge. Bei der zweiten arbeitete er sich vor; bei der dritten wollte er sich dann nach den anderen umschauen.
Er war gut in der Form heute, aber nicht so frisch wie sonst, so-- schien es ihm. Er nahm daher schon die zweite Länge von Anfang an mit Ernst. Bei der dritten wollte ihm der Vorsprung nicht gelingen. Irgend jemand, er wußte nicht wer, lag immer dicht neben ihm und blieb es bis ans Ende. Er konnte ihn nicht los werden, nicht mit aller Anstrengung, und die ungewöhnliche Erregung am Start brachte ihn zu der Überzeugung, daß sein Sieg diesmal sehr gefährdet worden war.
Aber es war noch mehr als das. Es war ein totes Rennen. Die Richter konnten sich nicht einigen und es blieb unentschieden.
Ein totes Rennen--das war weiter nicht schlimm. Ein totes Rennen war keine Niederlage. Aber es wurmte ihn doch, und er nahm sich vor, in nächster Zeit wieder einmal zu trainieren. "Sie" erleichterte ihm seinen Vorsatz, da sie ihm jetzt noch öfter absagte, als bisher; so übte Felder denn wieder fast jeden Abend, teils für sich allein, teils auch unbekümmert an den Übungsabenden des "Hecht", und er fühlte sich Herr seiner Kraft, wie immer. Sich die Zeit, wie früher, nehmen zu lassen, verschmähte er.
Er freute sich besonders auf das nächste Meeting: auf dem Feste des "Poseidon" wollte er seinem alten Gegner im Gastschwimmen über die 200 Meter einmal wieder gegenüber treten und ihm--was er bisher gern vermieden--auf dem Fest eines Brudervereins unter den Augen der Seinen den Lorbeer entreißen.
Eine Bemerkung Wenzels gelegentlich seines Springdebuts war ihm zu Ohren gekommen. Felder hatte sie nicht vergessen, wie er nie etwas vergaß, was man ihm zugefügt. Dies sollte seine Rache sein.
Die Konkurrenz war merkwürdig stark besetzt: sechs Schwimmer von sechs bedeutenden Klubs rangen um den ehrenvollen "Poseidonjahrespreis". Felder freute sich auf seinen Sieg; er freute sich noch, als er an den Start ging, obwohl er sich wiederum nicht ganz frisch fühlte. Aber er war so sicher wie immer.
Dann, als er im Wasser und in der zweiten Länge lag, geschah etwas, was er nie für möglich gehalten hätte: er fühlte, wie ihn eine plötzliche Mattigkeit überkam, und als er--gegen sie mit aller Kraft ankämpfend--etwa in der Mitte der dritten nicht nur Wenzel leicht vorauseilen, sondern auch rechts und links je einen Gegner neben sich liegen sah, da hatte er zum ersten Male seit Jahren das deutliche Gefühl, daß er diesmal nie als Erster ans Ziel gelangen würde. Und mit gleicher Deutlichkeit empfand er, daß es in diesem Augenblicke nur einen Ausweg für ihn gab, um dieser unvermeidlichen Niederlage zu entfliehen: "Aussetzen!"--
Plötzlich im Schwimmen aufhörend und tief bis zum Grunde des Bassins niedertauchend, schwamm er dort bis zum Fußende der Leiter, während er über sich das Rauschen des Wassers unter dem hastigen Wenden der Konkurrenten hörte, und stieg an ihr hinter ihnen, die ihm seinen Sieg entführten, aus dem Wasser unter die verblüfften Zuschauer, seinem triefenden Körper rücksichtslos Platz schaffend...
Er war an diesem Abend nicht einmal böse, um so mehr, als er hörte, daß nicht Wenzel, sondern ein junger Magdeburger vom dortigen "Neptun", dessen Namen bisher nie genannt war, Sieger geworden war.-- Er hatte "ausgesetzt". Nun, was war dabei weiter!--Das taten die größten Schwimmer aller Zeiten und Länder alle Augenblicke, und das Wunderbare bei ihm war nur das, daß es das erstemal war. Und weil es das erstemal war, so war er über jeden Verdacht erhaben, daß er den alten, bekannten Kniff angewandt habe, um einer Niederlage zu entgehen.
Er--Franz Felder--fürchtete keinen Schwimmer der ganzen Welt und brauchte keinen zu fürchten. Das wußte jeder. Aber selbst er konnte einmal unpäßlich sein, und das war er heute. Denn hätte er sonst wohl das Rennen aufgegeben?
Und _den_ Triumph genoß er wenigstens an diesem Tage, daß keiner, auch sein ärgster Gegner nicht, es wagte, den Verdacht dieses Kniffs auszusprechen. Die Mutmaßungen und Prophezeiungen indessen, in denen man sich erging, hörte Felder glücklicherweise nicht. Sonst wäre seine Stimmung an diesem Abend doch getrübt worden, die durch die ungeäußerte leise Enttäuschung seiner Genossen vom "Hecht" nicht beeinträchtigt, aber durch die Aussicht auf das nächste Schwimmen sogar noch bedeutend gehoben wurde.
Denn als Felder sich die erreichten Zeiten des 200-Meter-Schwimmens geben ließ, sah er, daß die Leistung dieses jungen, unbekannten Magdeburgers nicht nur mit Hinsicht auf seine erstklassigen Konkurrenten, sondern auch in bezug auf die erreichte Zeit eine außerordentliche genannt werden mußte. Sie erreichte natürlich nicht den von Felder vor zwei Jahren aufgestellten und seitdem von ihm selbst nie wieder erreichten Rekord von 3:02, aber sie kam doch bedenklich nahe an ihn heran.
Der junge Seubert hatte die 200 Meter in 3:25 1/5, Minuten gemacht.
Das reizte Felder. Da war das nächste große Fest, zugleich das letzte dieses Winters, das erste Jahresschwimmen des neugegründeten "Norddeutschen Schwimmkartells", das besonders großartig und feierlich gestaltet werden sollte, um Zweck und Bedeutung dieser natürlich wieder aus vielen eifersüchtigen Fehden hervorgegangenen Neugründung recht zur Wirkung zu bringen, da war dies große Fest so recht die Gelegenheit, um sich auch diesmal einen glänzenden Abgang von der Saison zu sichern und einmal wieder "sich selbst zu übertreffen", das einzige, was er noch konnte.
Er hatte ja nur nötig, etwas mäßiger zu leben und etwas mehr zu trainieren. Daß allerdings beides nötig war, leuchtete sogar ihm ein. Dieses plötzliche Versagen der Kraft heute konnte doch kein reiner Zufall sein. Es durfte jedenfalls nie wieder vorkommen; denn er konnte wohl einmal "aussetzen", aber nun auch nicht wieder.--
Er tat beides: er war jetzt nicht nur nicht enttäuscht, sondern begrüßte es sogar mit Befriedigung, wenn eine Absage von ihr eintraf. Gab sie ihm doch einen freien Abend der unausgesetzten Übung, so eifrig und ernst, wie er seit langem nicht mehr betrieben.