Der Schwimmer

Chapter 13

Chapter 133,873 wordsPublic domain

Leider war Brüning nicht unter ihnen, Brüning, der einzige, der mit seiner Gemütlichkeit, Erfahrung und seiner Lebenskenntnis, mit seiner Zuneigung für Felder und seiner allgemeinen Beliebtheit im Klub die Sache noch hätte ins rechte Geleise bringen können. Er war nicht in Berlin, sondern wieder einmal auf einer seiner plötzlichen Reisen. Felder saß stumm und blaß da. Jedes der Worte Nagels ließ den Groll und die Bitterkeit in seinem Herzen höher und höher steigen. Das war ja alles falsch und unrecht, was er da vorbrachte, und jeden der Vorwürfe wies er im Innern von sich, sowie er fiel. Er hätte sich nicht um das Gedeihen des Klubs gekümmert, er, der nur für ihn, nur in ihm all diese Jahre gelebt hatte?--Zwar mit der Jugendabteilung hatte er sich wenig befaßt, das war richtig; aber er verstand nun einmal nicht, Anordnungen zu geben und zu lehren. Er war doch nicht der Schwimmwart. Aber war es nicht weit wichtiger gewesen, daß er selbst in unermüdlichem Eifer sich ausgebildet hatte?--Wie hätte er es denn sonst zum ersten Schwimmer der Welt bringen können? Wie hätte er sich dankbarer erweisen können, als dadurch, daß er alle Erfolge mit seinem Verein teilte und dessen halbvergessenen Namen wieder zu Ehren brachte?--Er habe sich früher nicht an den Debatten beteiligt. --Auch das sei wahr, aber diese kleinlichen Streitigkeiten ekelten ihn nun einmal an. Dafür habe er geschwommen, geschwommen, siegreich geschwommen!... War das nicht mehr wert, als alle Worte?--

So wies er innerlich jeden der Vorwürfe, einen nach dem anderen, zurück, und nur auf den letzten: den des Ehrgeizes nach einem fremden Ziele, fand er nicht die richtige Antwort, so daß er, als Nagel endlich geendet und er blaß und verwirrt aufstand, um zu antworten, fast alles vergessen hatte, was er, der Schwerfällige, dem Redegewandten entgegnen wollte.

Er brach los, aber was er vorbrachte, waren nur unzusammenhängende Worte und halbe Sätze. Er hatte nie verstanden, sich auszudrücken-- und auch in dieser Stunde, wo sein Herz so voll war, gingen seine Augen nur unruhig von einem der bekannten Gesichter zum anderen, als suchten sie bei ihnen Hilfe gegen diese unerhörten Beleidigungen und Anklagen, bis sie auf der Statuette des Springers hafteten, die dicht vor ihm auf dem Tische stand und die er in seiner Erregung erst jetzt sah. Sie war heute gekommen, während er nach Hamburg gefahren war. Der Bildhauer hatte seiner Dankbarkeit und Erkenntlichkeit für Felder einen Ausdruck geben wollen, und da dieser so oft und mit solcher Liebe von seinem Klub gesprochen, hatte er gedacht, ihm eine Freude zu machen, wenn er diesem eine kleine Nachbildung seines inzwischen so berühmt gewordenen Werkes für das Vereinszimmer stiftete... Nun stand das wertvolle Geschenk auf dem Tische vor Felder.

Als dieser begriff, was es war, stockte er von neuem, und abermals wallte ein mächtiger Groll in ihm auf. Immer und immer wiederholte er ohne Zusammenhang das Wort von der Niederlage, und fast sinnlos vor Zorn schrie er endlich, als er in keinem der Gesichter um sich her auch nur eine Spur von Verständnis für seine Gefühle fand, über den ganzen Tisch hinweg:

--Ja, Niederlagen wünscht ihr mir, aber meine Preise nehmt ihr gern!

Das hätte er nicht sagen dürfen, und er merkte es sofort an der Stille, die diesen Worten folgte. Dann unterbrach sie eine scharfe, höhnische Stimme vom Tischende her, die eines alten Gegners:

--Sogar von dem Meisterspringer...

Vor Felders Augen wurde es dunkel. Er wußte nicht mehr, was er tat. Er griff nach der Statuette, zog sie so heftig zu sich heran, daß ein Arm abbrach, faßte sie und schleuderte sie zu Boden, wo sie in tausend Splitter zerbrach.

Ohne sich umzusehen, ging er hinaus. Niemand hielt ihn, niemand ging ihm nach.

Als er im Torwege des Hauses an der Straße stand, fühlte er plötzlich, daß seine Augen naß waren. Er sah nichts mehr und fuhr mit dem Handrücken über sie hin. Dann merkte er, daß es Tränen waren. Er wunderte sich.

Es war das erste und einzige Mal in seinem Leben, daß er weinte.

Dann lachte er laut auf, trotzig und verächtlich.

9

Koepke mußte den Brief aufsetzen, in dem Felder seinen Austritt anmeldete. Kein Entwurf genügte dem im Innersten Gekränkten. Sogar der übliche "Schwimmergruß" am Ende mußte fortbleiben und wurde durch das steife "Hochachtend" ersetzt. Endlich entschied er sich für die kürzeste Fassung. Trotzdem dauerten Vorbereitungen und Ausführung der Abschrift fast eine Stunde.--Daß Koepke zugleich mit ihm austrat, war ebenso selbstverständlich, wie nebensächlich.

Es war kaum bekannt geworden, daß Felder den S.-C. B. 1879 verlassen wollte, als sich bereits mehrere der ersten Berliner Schwimmvereine um seine Mitgliedschaft bewarben. Alle wären stolz darauf gewesen, den Meisterschwimmer ihr eigen zu nennen. Aber Felder hatte bereits entschieden, und es war mehr ein Zufall, als Absicht, der ihn den Klub "Hecht" wählen ließ. Er traf eines Abends mit mehreren der ihm gut bekannten Mitglieder zusammen, ein Wort gab das andere, und Felder war sein Mitglied, ehe er sich dessen versah. Es war kein besonders hervorragender, aber geachteter und strebsamer Verein, der sich natürlich mit dem S.-C. B. 1879 in keiner Beziehung messen konnte, aber doch auch nicht zu jenen kleinen Klubs gehörte, die lediglich aus Vereinssimpelei entstanden waren und das Schwimmen nur so nebenbei betrieben. Er setzte sich in seiner Herrenabteilung meist aus kleinen Gewerbetreibenden und Beamten, in seinen jüngeren Leuten aus deren Angehörigen und Bekannten zusammen und bildete gewissermaßen eine große Familie.

Für Felder war die Art und Weise entscheidend, mit der man ihm entgegenkam. Man betrachtete seinen Eintritt als hohe Ehre und nahm die Gelegenheit sofort wahr, den Tag als Fest zu feiern, wie man überhaupt in geselligen Zusammenkünften groß war.

Felder gebot von der ersten Stunde an unumschränkt in allem, was er wollte und wünschte. Das war nun zwar niemals mehr, als Beteiligung an jeder irgendwie bedeutsamen Schwimmkonkurrenz. Denn jetzt, wo er sich endgültig auf dieses, sein Gebiet, beschränkte, war seine Eifersucht, unumschränkt auf ihm zu herrschen, größer als je. Keiner widersprach seinen Wünschen. Dafür erwartete man Wunderdinge von ihm, als Geringstes einen ganz neuen Aufschwung des Klubs.

Der Anfang war vielverheißend. Man leerte die Kasse willig, um Felder auf möglichst viele auswärtige Feste senden zu können, und freute sich kindlich an den eroberten Preisen, mit denen man das noch recht kahle Klubzimmer schmückte. So siegte er im Laufe der Sommermonate nacheinander: im Schwimmen um die "Havelmeisterschaft", bei dem neben ihm nur noch einer startete; in Magdeburg im Schwimmen um die "Elbmeisterschaft", die er nun schon zweimal sein nannte; in dem großen "Müggelseeschwimmen", einem heißen Kampfe; in Hannover, wo er allein an den Start ging, und daneben in mehreren lokalen Veranstaltungen der Berliner Klubs. Er unterlag eigentlich nur ein einziges Mal, als er auf dem Gastschwimmen des "Triton" sich von dem Favorit dieses Klubs im Brustschwimmen zu dessen eigenem Erstaunen schlagen ließ.

Aber die Kämpfe dieses Jahres standen unter keinem günstigen Zeichen und nicht auf der Höhe derer der Vorjahre. Die Europameisterschaft wurde nicht in England ausgefochten, sondern in Wien. Als Felder im August dort hinreiste, fand er weder von England, noch von Italien Konkurrenten vor. England hatte, wie gewöhnlich, keine entsandt, und der italienische Meister, mit dem er nun schon zweimal so erfolgreich gerungen und der Stein und Bein geschworen, ihn beim dritten Male unterzukriegen, war nicht erschienen. Er sei krank, hieß es... Deutschland hatte überhaupt keinen geschickt außer ihm. Es konnte nichts Besseres tun. Aber die Freude an der diesjährigen Europameisterschaft war Felder getrübt. Er wäre nur zufrieden gewesen, wenn er sie gegen die ersten Meister der Welt auch diesmal hätte verteidigen können, vor allem gegen jenen australischen Schwimmer, von dessen phänomenalen Leistungen die internationalen Sportblätter so viel sprachen, dessen Rekord über die 1000-Meter- Strecke den seinen um zwei Minuten übertraf und dessen Porträt deshalb in der letzten Nummer des "Sport im Bilde" neben das seine gestellt war. Aber der war nicht gekommen und auch nicht erwartet worden... Er messe sich nur in Australien und England, hieß es.

Als Sieger kehrte er zurück, mit Jubel empfangen. Als Sieger ging er auch aus dem diesjährigen großen Verbandsschwimmen in Charlottenburg hervor, wo er einen doppelten Triumph davontrug. Denn hier führte er zum ersten Male die neuen schwarz-gelben Farben gegen die blauweißen ins Feld. Der S.-C. B. 1879 wagte es und hatte zum Schwimmen über dreihundert Meter--wie früher ihn--ein Mitglied gemeldet. Felder lachte, als er es hörte.--Gegen ihn!--Man wollte ihn ersetzen?--Man sollte sich täuschen. Er wollte ihnen zeigen, was sie an ihm verloren hatten. Und es machte ihm ein grausames Vergnügen, den früheren Klubgenossen, mit dem er so manches Mal zusammen im Spiel geübt hatte, noch neben sich liegen zu lassen, als die anderen drei Konkurrenten schon längst hinter ihnen geblieben waren, ihm zu erlauben, bis auf Körperlänge ans Ziel zu kommen, schon die Rufe zu hören, die früher ihm gegolten, und ihn dann unter dem tosenden Beifall der Schwarz-Gelben und aller Zuschauer um diese eine Körperlänge zu schlagen, indem er mit seinem gefürchteten und berühmten Anschlag ans Ziel ging...

An diesem Abend, als er neben diesem 300-Meter-Siege auch noch den neu gestifteten "Kaiserpreis" für den "Hecht" erwarb und seine neuen Genossen nicht genug tun konnten, ihm ihre Freude und Dankbarkeit zu beweisen, während der S.-C. B. 1879 in corpore das Lokal der Preisverteilung verließ, genoß er ganz das Gefühl der Genugtuung gesättigter Rache.

Aber in nächster Zeit, in den langen Tagen und Wochen zwischen den großen Festen, sonst stets so ausgefüllt durch ruhige Arbeit und frohen Verkehr mit lieben Freunden, fühlte er mehr als je, was er in diesem Sommer verloren. Keinen der beiden Schläge--die ersten, die er in seinem Leben empfangen,--vermochte er zu verwinden: weder die Niederlage im Springen, noch den Verlust seines Klubs. Der eine hatte ihn noch trotziger und eifersüchtiger gemacht, obwohl sie ihn tief verletzt; aber an dem anderen litt er. Es war eine Wunde, die sich nicht schließen wollte.

Denn unter seinen neuen Genossen fühlte er sich fremd. Wie als Knabe schon, war er auch jetzt noch nicht imstande, sich schnell an neue Menschen anzuschließen und im Verkehr sich leicht zu geben. Das wurde natürlich auf der anderen Seite ebenfalls empfunden und manche Versuche vertraulicher Annäherung hörten von selbst auf.

Felder war nicht mehr zufrieden und glücklich. Noch standen seine Siege ganz auf der Höhe derer vom Vorjahre. Er schwamm noch ebenso tadellos, sein Stil war unanfechtbar, wie seine Siege, aber sie machten nicht mehr dasselbe Aufsehen wie bisher. Man hatte sich an sie gewöhnt und erwartete nichts anderes von ihm. Er selbst legte ihnen nicht den Wert mehr bei, wie früher.--Manche sagten, eine gewisse Gier und Rücksichtslosigkeit habe sich seiner bemächtigt, die ihm früher nicht eigen gewesen sei.

Vielleicht täuschten sie sich, weil er nicht mehr so ruhig war, wie sonst, nicht mehr mit derselben frohen Unbekümmertheit und Heiterkeit an den Start ging. Aber in einem hatten sie recht: Felder war wirklich ein anderer geworden. Er war nicht mehr zufrieden, nicht mehr glücklich.

Außerdem beschlich ihn jetzt zuweilen ein ganz neues Gefühl, das er nie vorher gekannt hatte: er fühlte sich einsam.

10

Es war nichts Besonderes, daß sich im Briefkasten des Klubs Sendungen für Felder befanden. Glückwünsche, Einladungen zur Beteiligung an Schwimmfesten, Anliegen aller Art, um Photographien, Lebenslauf und Autograph kamen alle Woche, und es war nicht das erstemal, daß sich unter all diesen geschäftlichen Dingen, die sämtlich von Koepke mit rührender Sorgfalt und komischer Wichtigtuerei erledigt wurden, so daß Felder nur seinen Namen unter die Antworten zu setzen brauchte-- es war nicht das erstemal, daß sich unter den Eingängen Schreiben von zarter Hand befanden, auf die der Empfänger zwar nie reagierte und die er meistens dem Gelächter seiner Freunde preisgab, Briefe, die ihn aber doch dazu veranlaßt hatten, seine Korrespondenz erst selbst durchzusehen, ehe er sie seinem getreuen Sekretär auslieferte. Eines Abends wurde ihm nur ein Brief gegeben, und kaum hatte ihn Felder in der Hand, als er wußte, von wem er kam. Er spürte einen schwachen, unvergessenen Duft und schob ihn hastig in die Tasche. Sobald er allein war, öffnete er ihn. Erst schien er ihm in einer fremden Sprache geschrieben zu sein, so fremd und seltsam kamen ihm die schlanken, eckigen Buchstaben vor. Dann entzifferte er ihn nach und nach. Keine Anrede, keine Unterschrift. Was er las, waren nur diese Zeilen:

"--Ich bitte Sie, mich zu besuchen. Ich weiß, Sie werden kommen. Jeden Freitag abend um 8 Uhr wird man sie an der Ecke der Charlotten- und Taubenstraße, der südwestlichen Ecke des Gendarmenmarkts, dort, wo die Litfaßsäule steht, erwarten, um Sie zu mir zu führen. Ich weiß, Sie werden kommen!..."

Felder war ganz verblüfft. Er nahm das Kuvert in die Hand: der Brief war an ihn. Er trug die Adresse des S.-C. B. 1879 und war durch dessen Schriftführer, wie schon so mancher andere, einfach an den "Hecht" weitergesandt worden. Es war kein Zweifel möglich.

Und plötzlich, während er noch das Papier in der Hand hielt und nicht wußte, was erdenken sollte, stieg von ihm wieder der starke, seltsame Duft eines bestimmten Parfüms auf und mit ihm die hohe, schlanke Gestalt in grauer Seide mit dem kühnen und festen Blick.

Das war sie, die ihn damals im Café so unverwandt angeblickt, die er in der Kunstausstellung zum zweiten und an dem Nachmittag desselben Tages--er biß die Zähne zusammen, wenn er an diesen Tag dachte--zum dritten Male gesehen hatte, und dann nie wieder...

Sie mußte es sein, die dies schrieb. Es konnte niemand anders sein. Der Brief war von ihr.

Aber was fiel dieser Person denn ein?--Das war ja der reine Wahnsinn, einem so zu schreiben: ohne Anrede, ohne Namen und in diesem Ton! Aber sie irrte sich, diese "Dame". Er war keiner von denen... Sie konnte lange warten. Er zerknitterte das rauhe, englische Papier in einen unförmlichen Klumpen und warf ihn fort. Dann bückte er sich, las die Zeilen noch einmal und zerriß den Brief in lauter kleine Stücke, die er fallen ließ.

Also _das_ wollte sie von ihm!--

Aber sie konnte lange warten. Einstweilen würde sie sich schon mit ihrem Alten begnügen müssen.

11

So ging auch dieser Sommer zu Ende, und Franz Felder war fast froh darüber. Viele neue Ehren hatte er ihm gebracht, keine neuen, keine reinen Freuden mehr.

Alles war anders geworden gegen den vorigen. Ein kurzes Jahr, und welche Veränderungen!--

Getrennt von seinen alten Freunden, fremd und unheimisch unter den neuen; nicht mehr dumpf in den engen Bezirk eines abgeschlossenen Lebens gebannt, sondern beunruhigt durch Einblicke in die Lebensführung anderer Kreise, erworben auf weiten und abwechslungsreichen Reisen beim Streifen weiterer Fernen; neben unerhörten, nicht endenwollenden Siegen eine lächerliche, zwecklose, einzig selbstverschuldete Niederlage--hatte er Gefühle von Bitterkeit, Groll und wiederum gesättigter Rache kennen gelernt, die der schlichten, frohen Unbekümmertheit seiner Jugend bisher völlig fremd gewesen waren.

Er hatte die höchste Höhe erreicht. Keine bewundernden Augen folgten seinem Aufstieg mehr.

Er stand oben, ganz allein, wie er es gewollt. Nun ging es in schwindelnder Höhe von Grat zu Grat, und wer ihm nachsah bei seiner hastigen Wanderung von Sieg zu Sieg, ohne Ausruhen, ohne Freude mehr, der konnte sich eines bangen Gefühles für ihn nicht erwehren.

Eines Tages würde er fallen in den Abgrund der Vergessenheit.

Felder selbst wußte es. Aber wie der tollkühne Wagehals, der in atemloser Hast von Gipfel zu Gipfel eilt und keinen Blick rückwärts mehr in die Tiefe zu tun wagt, weil er fürchtet, der Schwindel könne ihn ergreifen und niederreißen, so wollte auch er nicht mehr daran denken, woher er gekommen war, und nicht wissen, wohin er ging.

Statt in ruhiger Wahl sich die schönsten der Früchte von dem Baume zu pflücken und sie zu genießen, rüttelte er in unersättlicher Begierde an ihm und ließ sie zur Erde fallen, ohne sich kaum noch die Mühe zu geben, sie zu zählen.

Die stille Wut des Gehetzten überfiel ihn zuweilen, von dem man das Unmögliche verlangt und der doch über seine eigene Kraft nicht hinaus kann.

Und doch war er es ganz allein, der sich unaufhörlich antrieb mit den quälenden Zurufen seines Innern: "Weiter!--weiter!--Immer weiter!-- Nur kein Stillstehen! "...

Er schwamm nicht mehr, wie bisher.

Er hatte keine Achtung mehr vor seiner eigenen Kunst, weil sie ihm nicht mehr die höchste Freude war.

Wie er angefangen, in seinen Gegnern seine Feinde zu sehen, so sah er einen Feind jetzt auch in seinem Wasser.

Nie tummelte er sich mehr in ihm, wie als Knabe im kindlichen Spiel; nie rang er mehr mit ihm, um die Kraft des Jünglings in ehrenvollem Kampfe mit dem Gegner zu messen.

Das Wasser war sein _Feind_ geworden. Er kämpfte mit ihm auf Tod und Leben--um sein Leben!

Und er behandelte es, wie einen Feind. Er grüßte es nicht mehr mit frohem, leuchtendem Blick, wenn er seine glitzernde Fläche sah. Er koste es nicht mehr mit warmer Hand und hielt keine vertrauliche, heimliche Zwiesprache mehr mit ihm.

Hastig kam er, griff beim Sprunge mit den Händen in die Flut, als wolle er sie würgend bei der Gurgel packen, schlug und mißhandelte sie, wenn sie ihn nicht schnell genug zum Ziele trug, und das Wasser schien es zu fühlen.

Er bildete sich ein, es setze ihm seit einiger Zeit einen geheimen Widerstand entgegen, als trüge es ihn nicht mehr so leicht wie bisher zu seinen Zielen, und rasend vor Wut mißhandelte er es mit den Fäusten, um es seinem Willen gefügig zu machen.

Und das Wasser murrte und grollte und schrie unter diesen ungewohnten grausamen und rohen Schlägen, und bäumte sich auf, und ließ ihn doch immer noch gewähren, weil es ihn vor allen so lange geliebt hatte und immer noch liebte.

Aber Felder hörte die heimliche Warnung der vertrauten Stimme schon nicht mehr.

Vierter Teil

1

Er war nicht mehr zufrieden und nicht mehr glücklich.

Es schien ihm, als habe sein Leben keinen Inhalt mehr. Was seine Freude gewesen war, war es nicht mehr.

Und stärker und stärker wurde das Gefühl der Einsamkeit in ihm. Er hatte zwar jetzt jeden Abend etwas vor, ging hierhin in ein Varietétheater, und dorthin zum Bier, aber wiewohl er in Gesellschaft war, fühlte er sich doch allein.

Eines Tages erhielt er einen zweiten Brief, auf demselben starken, rauhen Papier mit dem unbeschnittenen Rande: "--Vergessen Sie nicht: _jeden_ Freitag Abend um 8 Uhr erwartet man Sie an der Ecke der Tauben- und Charlottenstraße, dort, wo die Litfaßsäule steht, denn ich weiß, Sie werden kommen. Einmal werden Sie kommen--ganz sicher!"...

Wieder knitterte er ihn zusammen, und wieder faltete er ihn auseinander, um ihn abermals zu lesen. Die Geschichte wurde ihm unheimlich. Der bestimmte, überlegene Ton des Briefes ließ diesmal kein Lachen in ihm aufkommen. Wenn er noch seine alten Freunde gehabt hätte, würde er einem von ihnen, zum Beispiel Brüning, den Brief gezeigt haben. Unter seinen neuen war keiner, dem er sich anvertrauen mochte.

Er dachte zuweilen an die erste Begegnung im Café und die beiden ihr folgenden. Manchmal, wenn er eine schöne Frau oder ein hübsches Mädchen sah, kam ihm die Fremde ins Gedächtnis, und immer fiel der Vergleich zu ihren Gunsten aus. Immer dachte er auch daran, daß sie an jenem Nachmittag seinem Unterliegen beigewohnt--weshalb war sie damals gekommen, wenn nicht seinetwegen?--Wußte sie, wer er war?--Und was mußte sie nun von ihm denken?--

Das Rätselhafte der ganzen Sache begann ihn zu beschäftigen. Diese geheimnisvollen Briefe--woher hatte sie seinen Namen erfahren und den des Klubs?--Sie mußte ihn an jenem ersten Abend im Café gehört haben, anders war es überhaupt nicht möglich.

Und dieses Rendezvous?--Ecke Tauben- und Charlottenstraße. Das war am Schauspielhause. Auf dem Gendarmenmarkte. Wer erwartete ihn dort?-- Und was wollte sie von ihm?--Was konnte sie von ihm wollen?--Nur eines!

Nie wäre er hingegangen, wenn er sich nicht so einsam gefühlt hätte, wenn sie ihn nicht an jenem Nachmittage gesehen und--wenn sie nicht so schön gewesen wäre!

Denn sie war so schön, daß er sie nie vergessen hatte. Als er diesen zweiten Brief bekam, fühlte er es; und er zerriß ihn nicht, sondern steckte ihn zu sich.

Dann wieder kamen ihm diese Aufforderungen dumm und schamlos vor. Er wußte ganz gut, was sie von ihm wollte. Er war kein kleiner Junge mehr, und zudem war er ein Berliner. Mit ihm "sich amüsieren"--das wollte sie!... Schließlich, nachdem er den ersten Freitag und den zweiten hatte verstreichen lassen, beschloß er, an einem nächsten einmal an der bezeichneten Ecke vorbei zu gehen. Er wollte doch einmal nachsehen, wer denn dort auf ihn wartete. Wahrscheinlich niemand... Sie hatte es jetzt wohl aufgegeben, nachdem sie einmal gesehen, daß "mit ihm nichts zu machen war".--

Um sieben Uhr kam er von der Arbeit. Um acht war er an der Ecke. Er hatte recht: es war niemand da, um ihn zu "erwarten". Er war doch ein rechter Esel. Da--schon wandte er sich zum Gehen--stand, wie aus der Erde gewachsen, dicht neben ihm eine alte, kleine Frau, in einen weiten Mantel gehüllt und den Kopf halb unter einer großen Kapuze verborgen, so daß Felder nur die scharfe Nase und die dunklen, funkelnden Augen sah, und sagte mit einem fremden Akzent hastig und bestimmt: "Bitte mir nur zu folgen!--Nicht weit..."

Wo war sie so plötzlich hergekommen?--Hatte sie hinter der Säule gestanden?--Oder war sie aus einer der wartenden Droschken gestiegen?--Felder erfuhr es nie. Aber er folgte ihr fast willenlos, so überrascht war er.

Die Alte ging schnell vor ihm her. Noch überlegte er, ob er nicht umkehren sollte, als sie bereits vor einem Hause halt machte und die Tür öffnete. Er hatte nur Zeit, zu fragen: "Wohin führen Sie mich denn eigentlich?"--Aber die Alte verstand seine Frage offenbar gar nicht. Sowie er die ersten Worte sprach, unterbrach sie ihn und sagte wieder nur (und es war wie eine eingelernte Redensart) schnell und in hartem Deutsch: "Bitte mir nur zu folgen!--Gar nicht weit!--Schon hier!"--Nochmals, als sie dann die Treppen hinaufstiegen und er immer weiter, wie gebannt, folgte, wollte er fragen und sich wehren, aber wieder wurde eine Tür geöffnet, aus dem Entree strömte es ihm hell und warm entgegen, und die Alte wiederholte, indem sie ihn durch Gebärden aufforderte, seinen Überzieher abzulegen und ihm dabei behilflich war: "Schon hier!--Schon hier!"--

Im nächsten Augenblick stand Franz Felder in einem hohen, dämmerigen Gemach: schwere Teppiche auf dem Boden, schwere Portieren über den Türen und Fenstern, schwere Fauteuils und Ruhestätten, aber sonst alles klein und leicht, die tausend verschiedenen Luxusdinge aus der Umgebung einer verwöhnten Frau.

In der Mitte des Zimmers stand sie selbst, in einem dünnen fast durchsichtigen Gewande, ihn erwartend. Als sie ihn sah, ging sie langsam auf ihn zu, bis sie dicht vor ihm stand. Sie waren allein. Sie sah ihn an, aber ganz anders, wie sonst: mit einem unbeschreiblichen Lächeln. Sie legte ihre Arme um seinen Nacken und ihr Körper preßte sich dicht an den seinen.

Dann küßte sie ihn, und es war wie ein Aufatmen, als sie dann das erste Wort sagte: "Endlich!..."

Er stand ganz still. Er wußte nicht, was er tun sollte. Aber das Blut stieg ihm zu Kopf: wie schön sie war!--Und der Duft, der fremde, seltsame Duft, der von ihr ausging, dieser Duft, den er kannte, berauschte ihn und brachte ihn um seine letzten Sinne.

Noch wollte er nicht. Aber er mußte. Wie schön sie war!... Er wußte schon nicht mehr, wo er war und was er tat.

Sie sah es. Sie empfand es.