Der Schwierige: Lustspiel in drei Akten

Part 8

Chapter 83,088 wordsPublic domain

_Hans Karl._ Es hat mich höchst unangenehm berührt in der Erinnerung, sobald ich allein mit mir selbst war, daß ich in meinem Alter mich so wenig in der Hand hab' -- und ich bin wieder gekommen, um Ihnen Ihre volle Freiheit, pardon, das Wort ist mir ganz ungeschickt über die Lippen gekommen -- um Ihnen Ihre volle Unbefangenheit zurückzugeben.

_Helene._ Meine Unbefangenheit -- mir wiedergeben?

_Hans Karl_ $(unsicher, will aufstehen)$.

_Helene_ $(bleibt sitzen)$. Also das haben Sie mir sagen wollen -- über Ihr Fortgehen früher?

_Hans Karl._ Ja, über mein Fortgehen und natürlich auch über mein Wiederkommen. Eines motiviert ja das andere.

_Helene._ Aha. Ich dank' Ihnen sehr. Und jetzt werd' ich Ihnen sagen, warum Sie wiedergekommen sind.

_Hans Karl._ Sie mir?

_Helene_ $(mit einem vollen Blick auf ihn)$. Sie sind wiedergekommen, weil ... ja! es gibt das! gelobt sei Gott im Himmel! $(Sie lacht.)$ Aber es ist vielleicht schade, daß Sie wiedergekommen sind. Denn hier ist vielleicht nicht der rechte Ort, das zu sagen, was gesagt werden muß -- vielleicht hätte das -- aber jetzt muß es halt hier gesagt werden.

_Hans Karl._ Oh mein Gott, Sie finden mich unbegreiflich. Sagen Sie es heraus!

_Helene._ Ich verstehe alles sehr gut. Ich versteh', was Sie fortgetrieben hat, und was Sie wieder zurückgebracht hat.

_Hans Karl._ Sie verstehen alles? Ich versteh' ja selbst nicht.

_Helene._ Wir können noch leiser reden, wenn's Ihnen recht ist. Was Sie hier hinausgetrieben hat, das war Ihr Mißtrauen, Ihre Furcht vor Ihrem eigenen Selbst -- sind Sie bös?

_Hans Karl._ Vor meinem Selbst?

_Helene._ Vor Ihrem eigentlichen tieferen Willen. Ja, der ist unbequem, der führt einen nicht den angenehmsten Weg. Er hat Sie eben hierher zurückgeführt.

_Hans Karl._ Ich versteh' Sie nicht, Helen!

_Helene_ $(ohne ihn anzusehen)$. Hart sind nicht solche Abschiede für Sie, aber hart ist manchmal, was dann in Ihnen vorgeht, wenn Sie mit sich allein sind.

_Hans Karl._ Sie wissen das alles?

_Helene._ Weil ich das alles weiß, darum hätt' ich ja die Kraft gehabt und hätte für Sie das Unmögliche getan.

_Hans Karl._ Was hätten Sie Unmögliches für mich getan?

_Helene._ Ich wär' Ihnen nachgegangen.

_Hans Karl._ Wie denn »nachgegangen«? Wie meinen Sie das?

_Helene._ Hier bei der Tür auf die Gasse hinaus. Ich hab' Ihnen doch meinen Mantel gezeigt, der dort hinten liegt.

_Hans Karl._ Sie wären mir -- ? Ja, wohin?

_Helene._ Ins Kasino oder anderswo -- was weiß ich, bis ich Sie halt gefunden hätte.

_Hans Karl._ Sie wären mir, Helen -- ? Sie hätten mich gesucht? Ohne zu denken, ob -- ?

_Helene._ Ja, ohne an irgend etwas sonst zu denken. Ich geh' dir nach -- Ich will, daß du mich --

_Hans Karl_ $(mit unsicherer Stimme)$. Sie, du, du willst? $(Für sich.)$ Da sind wieder diese unmöglichen Tränen! $(Zu ihr.)$ Ich hör' Sie schlecht. Sie sprechen so leise.

_Helene._ Sie hören mich ganz gut. Und da sind auch Tränen -- aber die helfen mir sogar eher, um das zu sagen --

_Hans Karl._ Du -- Sie haben etwas gesagt?

_Helene._ Dein Wille, dein Selbst; versteh' mich. Er hat dich umgedreht, wie du allein warst, und dich zu mir zurückgeführt. Und jetzt --

_Hans Karl._ Jetzt?

_Helene._ Jetzt weiß ich zwar nicht, ob du jemand wahrhaft liebhaben kannst -- aber ich bin in dich verliebt, und ich will -- aber das ist doch eine Enormität, daß Sie mich das sagen lassen!

_Hans Karl_ $(zitternd)$. Sie wollen von mir --

_Helene_ $(mit keinem festeren Ton als er)$. Von deinem Leben, von deiner Seele, von allem -- meinen Teil! $(Eine kleine Pause.)$

_Hans Karl._ Helen, alles, was Sie da sagen, perturbiert mich in der maßlosesten Weise um Ihretwillen, Helen, natürlich um Ihretwillen! Sie irren sich in bezug auf mich, ich hab' einen unmöglichen Charakter.

_Helene._ Sie sind, wie Sie sind, und ich will kennen, wie Sie sind.

_Hans Karl._ Es ist so eine namenlose Gefahr für Sie.

_Helene_ $(schüttelt den Kopf)$.

_Hans Karl._ Ich bin ein Mensch, der nichts als Mißverständnisse auf dem Gewissen hat.

_Helene_ $(lächelnd)$. Ja, das scheint.

_Hans Karl._ Ich hab' so vielen Frauen weh getan.

_Helene._ Die Liebe ist nicht süßlich.

_Hans Karl._ Ich bin ein maßloser Egoist.

_Helene._ Ja? Ich glaub nicht.

_Hans Karl._ Ich bin so unstet, nichts kann mich fesseln.

_Helene._ Ja, Sie können -- wie sagt man das? -- verführt werden und verführen. Alle haben Sie sie wahrhaft geliebt und alle wieder im Stich lassen. Die armen Frauen! Sie haben halt nicht die Kraft gehabt für Euch beide.

_Hans Karl._ Wie?

_Helene._ Begehren ist Ihre Natur. Aber nicht: das -- oder das -- sondern von einem Wesen: alles -- für immer! Es hätte eine die Kraft haben müssen, Sie zu zwingen, daß Sie von ihr immer mehr und mehr begehrt hätten. Bei der wären Sie dann geblieben.

_Hans Karl._ Wie du mich kennst!

_Helene._ Nach einer ganz kurzen Zeit waren sie dir alle gleichgültig, und du hast ein rasendes Mitleid gehabt, aber keine große Freundschaft für keine: das war mein Trost.

_Hans Karl._ Wie du alles weißt!

_Helene._ Nur darin hab' ich existiert. Das allein hab' ich verstanden.

_Hans Karl._ Da muß ich mich ja vor dir schämen.

_Helene._ Schäm' ich mich denn vor dir? Ah nein. Die Liebe schneidet ins lebendige Fleisch.

_Hans Karl._ Alles hast du gewußt und ertragen --

_Helene._ Ich hätt' nicht den kleinen Finger gerührt, um eine solche Frau von dir wegzubringen. Es wär' mir nicht dafür gestanden.

_Hans Karl._ Was ist das für ein Zauber, der in dir ist. Gar nicht wie die andern Frauen. Du machst einen so ruhig in einem selber.

_Helene._ Du kannst freilich die Freundschaft nicht fassen, die ich für dich hab'. Dazu wird eine lange Zeit nötig sein -- wenn du mir die geben kannst.

_Hans Karl._ Wie du das sagst!

_Helene._ Jetzt geh, damit dich niemand sieht. Und komm bald wieder. Komm morgen, am frühen Nachmittag. Die Leut' geht's nichts an, aber der Papa soll's schnell wissen. -- Der Papa soll's wissen -- der schon! Oder nicht, wie?

_Hans Karl_ $(verlegen)$. Es ist das -- mein guter Freund Poldo Altenwyl hat seit Tagen eine Angelegenheit, einen Wunsch -- den er mir oktroyieren will: er wünscht, daß ich, sehr überflüssigerweise, im Herrenhaus das Wort ergreife --

_Helene._ Aha --

_Hans Karl._ Und da geh' ich ihm seit Wochen mit der größten Vorsicht aus dem Weg -- vermeide mit ihm allein zu sein -- im Kasino, auf der Gasse, wo immer --

_Helene._ Sei ruhig -- es wird nur von der Hauptsache die Rede sein -- dafür garantier' ich. -- Es kommt schon jemand: ich muß fort.

_Hans Karl._ Helen!

_Helene_ $(schon im Gehen, bleibt nochmals stehen)$. Du! Leb wohl! $(Nimmt den Mantel auf und verschwindet durch die kleine Tür links.)$

Neunte Szene

_Crescence_ $(oben auf der Treppe)$. Kari! $(Kommt schnell die Stiege herunter.)$

_Hans Karl_ $(steht mit dem Rücken gegen die Stiege)$.

_Crescence._ Kari! Find' ich ihn endlich! Das ist ja eine Konfusion ohne Ende! $(Sie sieht sein Gesicht.)$ Kari! es ist was passiert! Sag mir, was?

_Hans Karl._ Es ist mir was passiert, aber wir wollen es gar nicht zergliedern.

_Crescence._ Bitte! aber du wirst mir doch erklären --

Zehnte Szene

_Hechingen_ $(kommt von oben, bleibt stehen, ruft Hans Karl halblaut zu)$. Kari, wenn ich dich auf eine Sekunde bitten dürfte!

_Hans Karl._ Ich steh' zur Verfügung. $(Zu Crescence.)$ Entschuldig' sie mich wirklich.

_Stani_ $(kommt gleichfalls von oben)$.

_Crescence_ $(zu Hans Karl)$. Aber der Bub'! Was soll ich denn dem Buben sagen? Der Bub' ist doch in einer schiefen Situation!

_Stani_ $(kommt herunter, zu Hechingen)$. Pardon, jetzt einen Moment muß unbedingt ich den Onkel Kari sprechen! $(Grüßt Hans Karl.)$

_Hans Karl._ Verzeih' mir einen Moment, lieber Ado! $(Läßt Hechingen stehen, tritt zu Crescence.)$ Komm sie daher, aber allein: ich will ihr was sagen. Aber wir wollen es in keiner Weise bereden.

_Crescence._ Aber ich bin doch keine indiskrete Person!

_Hans Karl._ Du bist eine engelsgute Frau. Also hör' zu! Die Helen hat sich verlobt.

_Crescence._ Sie hat sich verlobt mit'm Stani? Sie will ihn?

_Hans Karl._ Wart noch! So hab' doch nicht gleich die Tränen in den Augen, du weißt ja noch nicht.

_Crescence._ Es ist er, Kari, über den ich so gerührt bin. Der Bub' verdankt ihm ja alles!

_Hans Karl._ Wart' sie, Crescence! -- Nicht mit dem Stani!

_Crescence._ Nicht mit dem Stani? Ja, mit wem denn?

_Hans Karl_ $(mit großer Gêne)$. Gratulier' sie mir!

_Crescence._ Dir?

_Hans Karl._ Aber tret' sie dann gleich weg und misch sie's nicht in die Konversation. Sie hat sich -- ich hab' mich -- wir haben uns miteinander verlobt.

_Crescence._ Du hast dich! Ja, da bin ich ja selig!

_Hans Karl._ Ich bitte sie, jetzt vor allem zu bedenken, daß sie mir versprochen hat, mir diese odiosen Konfusionen zu ersparen, denen sich ein Mensch aussetzt, der sich unter die Leut' mischt.

_Crescence._ Ich werd' gewiß nichts tun -- $(Blick nach Stani.)$

_Hans Karl._ Ich hab' ihr gesagt, daß ich nichts erklären werd', niemandem, und daß ich bitten muß, mir die gewissen Mißverständnisse zu ersparen!

_Crescence._ Werd' er mir nur nicht stutzig! Das Gesicht hat er als kleiner Bub' gehabt, wenn man ihn konterkariert hat. Das hab' ich schon damals nicht sehen können! Ich will ja alles tun, wie er will.

_Hans Karl._ Sie ist die beste Frau von der Welt, und jetzt entschuldig' sie mich, der Ado hat das Bedürfnis, mit mir eine Konversation zu haben -- die muß also jetzt in Gottes Namen absolviert werden. $(Küßt ihr die Hand.)$

_Crescence._ Ich wart' noch auf ihn!

$Crescence, mit Stani, treten zur Seite, entfernt, aber dann und wann sichtbar.$

Elfte Szene

_Hechingen._ Du siehst mich so streng an! Es ist ein Vorwurf in deinem Blick!

_Hans Karl._ Aber gar nicht: ich bitt' um alles, wenigstens heute meine Blicke nicht auf die Goldwage zu legen.

_Hechingen._ Es ist etwas vorgefallen, was deine Meinung von mir geändert hat? oder deine Meinung von meiner Situation?

_Hans Karl_ $(in Gedanken verloren)$. Von deiner Situation?

_Hechingen._ Von meiner Situation gegenüber Antoinette natürlich! Darf ich dich fragen, wie du über meine Frau denkst?

_Hans Karl_ $(nervös)$. Ich bitt' um Vergebung, aber ich möchte heute nichts über Frauen sprechen. Man kann nicht analysieren, ohne in die odiosesten Mißverständnisse zu verfallen. Also ich bitt' mir's zu erlassen!

_Hechingen._ Ich verstehe. Ich begreife vollkommen. Aus allem, was du da sagst oder vielmehr in der zartesten Weise andeutest, bleibt für mich doch nur der einzige Schluß zu ziehen: daß du meine Situation für aussichtslos ansiehst.

Zwölfte Szene

_Hans Karl_ $(sagt nichts, sieht verstört nach rechts)$.

_Vinzenz_ $(ist von rechts eingetreten, im gleichen Anzug wie im ersten Akt, einen kleinen runden Hut in der Hand)$.

_Crescence_ $(ist auf Vinzenz zugetreten)$.

_Hechingen_ $(sehr betroffen durch Hans Karls Schweigen)$. Das ist der kritische Moment meines Lebens, den ich habe kommen sehen. Jetzt brauche ich deinen Beistand, mein guter Kari, wenn mir nicht die ganze Welt ins Wanken kommen soll.

_Hans Karl._ Aber mein guter Ado -- $(für sich, auf Vinzenz hinübersehend)$. Was ist denn das?

_Hechingen._ Ich will, wenn du es erlaubst, die Voraussetzungen rekapitulieren, die mich haben hoffen lassen --

_Hans Karl._ Entschuldige mich für eine Sekunde, ich sehe, da ist irgendwelche Konfusion passiert. $(Er geht hinüber zu Crescence und Vinzenz.)$

_Hechingen_ $(bleibt allein stehen)$.

_Stani_ $(ist seitwärts zurückgetreten, mit einigen Zeichen von Ungeduld)$.

_Crescence_ $(zu Hans Karl)$. Jetzt sagt er mir: du reist ab, morgen in aller Früh -- ja was bedeutet denn das?

_Hans Karl._ Was sagt er? Ich habe nicht befohlen --

_Crescence._ Kari, mit dir kommt man nicht heraus aus dem Wiegel-Wagel. Jetzt hab' ich mich doch in diese Verlobungsstimmung hineingedacht!

_Hans Karl._ Darf ich bitten --

_Crescence._ Mein Gott, es ist mir ja nur so herausgerutscht!

_Hans Karl_ $(zu Vinzenz)$. Wer hat Sie hergeschickt? Was soll es?

_Vinzenz._ Euer Erlaucht haben doch selbst Befehl gegeben, vor einer halben Stunde im Telephon.

_Hans Karl._ Ihnen? Ihnen hab' ich gar nichts befohlen.

_Vinzenz._ Der Portierin haben Erlaucht befohlen, wegen Abreise morgen früh sieben Uhr aufs Jagdhaus nach Gebhardtskirchen -- oder richtig gesagt, heut früh, denn jetzt haben wir viertel eins.

_Crescence._ Aber Kari, was heißt denn das alles?

_Hans Karl._ Wenn man mir erlassen möchte, über jeden Atemzug, den ich tu, Auskunft zu geben.

_Vinzenz_ $(zu Crescence)$. Das ist doch sehr einfach zu verstehen. Die Portierin ist nach oben gelaufen mit der Meldung, der Lukas war im Moment nicht auffindbar, also hab' ich die Sache in die Hand genommen. Chauffeur habe ich avisiert, Koffer hab' ich vom Boden holen lassen, Sekretär Neugebauer hab' ich auf alle Fälle aufwecken lassen, falls er gebraucht wird -- was braucht er zu schlafen, wenn das ganze Haus auf ist? -- und jetzt bin ich hier erschienen und stelle mich zur Verfügung, weitere Befehle entgegenzunehmen.

_Hans Karl._ Gehen Sie sofort nach Haus, bestellen Sie das Auto ab, lassen Sie die Koffer wieder auspacken, bitten Sie den Herrn Neugebauer, sich wieder schlafen zu legen und machen Sie, daß ich Ihr Gesicht nicht wieder sehe! Sie sind nicht in meinen Diensten, der Lukas ist vom übrigen unterrichtet. Treten Sie ab!

_Vinzenz._ Das ist mir eine sehr große Überraschung. $(Geht ab.)$

Dreizehnte Szene

_Crescence._ Aber so sag mir doch nur ein Wort! So erklär' mir nur --

_Hans Karl._ Da ist nichts zu erklären. Wie ich aus dem Kasino gegangen bin, war ich aus bestimmten Gründen vollkommen entschlossen, morgen früh abzureisen. Das war an der Ecke von der Freyung und der Herrengasse. Dort ist ein Café, in das bin ich hineingegangen und hab' von dort aus nach Haus telephoniert; dann wie ich aus dem Kaffeehaus herausgetreten bin, da bin ich, anstatt wie meine Absicht war, über die Freyung abzubiegen -- bin ich die Herrengasse heruntergegangen und wieder hier hereingetreten -- und da hat sich die Helen -- $(er streicht sich über die Stirn.)$

_Crescence._ Aber ich lass' ihn ja schon. $(Sie geht zu Stani hinüber, der sich etwas im Hintergrund gesetzt hat.)$

_Hans Karl_ $(gibt sich einen Ruck und geht auf Hechingen zu, sehr herzlich)$. Ich bitt' mir alles Vergangene zu verzeihen, ich hab' in allem und jedem unrecht und irrig gehandelt und bitt', mir meine Irrtümer alle zu verzeihen. Über den heutigen Abend kann ich im Detail keine Auskunft geben. Ich bitt', mir trotzdem ein gutes Andenken zu bewahren. $(Reicht ihm die Hand.)$

_Hechingen_ $(bestürzt)$. Du sagst mir ja Adieu, mein Guter! Du hast Tränen in den Augen. Aber ich versteh' dich ja, Kari. Du bist der wahre, gute Freund, unsereins ist halt nicht imstand', sich herauszuwursteln aus dem Schicksal, das die Gunst oder Nichtgunst der Frauen uns bereitet, du aber hast dich über diese ganze Atmosphäre ein für allemal hinausgeschoben --

_Hans Karl_ $(winkt ihn ab)$.

_Hechingen._ Das kannst du nicht negieren, das ist dieses gewisse Etwas von Superiorität, das dich umgibt, und wie im Leben schließlich alles nur Vor- oder Rückschritte macht, nichts stehen bleibt, so ist halt um dich von Tag zu Tag immer mehr die Einsamkeit des superioren Menschen.

_Hans Karl._ Das ist ja schon wieder ein kolossales Mißverständnis! $(Er sieht ängstlich nach rechts, wo in der Tür zum Wintergarten Altenwyl mit einem seiner Gäste sichtbar geworden ist.)$

_Hechingen._ Wie denn? Wie soll ich mir diese Worte erklären?

_Hans Karl._ Mein guter Ado, bitt' mir im Moment diese Erklärung und jede Erklärung zu erlassen. Ich bitt' dich, gehen wir da hinüber, es kommt da etwas auf mich zu, dem ich mich heute nicht mehr gewachsen fühle.

_Hechingen._ Was denn, was denn?

_Hans Karl._ Dort in der Tür, dort hinter mir!

_Hechingen_ $(sieht hin)$. Es ist doch nur unser Hausherr, der Poldo Altenwyl --

_Hans Karl._ -- der diesen letzten Moment seiner Soiree für den gegebenen Augenblick hält, um sich an mich in einer gräßlichen Absicht heranzupirschen; denn für was geht man denn auf eine Soiree, als daß einen jeder Mensch mit dem, was ihm gerade wichtig erscheint, in der erbarmungslosesten Weise über den Hals kommt!

_Hechingen._ Ich begreif' nicht --

_Hans Karl._ Daß ich in der übermorgigen Herrenhaussitzung mein Debüt als Redner feiern soll. Diese scharmante Mission hat er von unserm Klub übernommen, und weil ich ihnen im Kasino und überall aus dem Weg geh', so lauert er hier in seinem Haus auf die Sekunde, wo ich unbeschützt dasteh'! Ich bitt' dich, sprich recht lebhaft mit mir, so ein bissel agitiert, wie wenn wir etwas Wichtiges zu erledigen hätten.

_Hechingen._ Und du willst wieder refüsieren?

_Hans Karl._ Ich soll aufstehen und eine Rede halten, über Völkerversöhnung und über das Zusammenleben der Nationen -- ich, ein Mensch, der durchdrungen ist von einer Sache auf der Welt: daß es unmöglich ist, den Mund aufzumachen, ohne die heillosesten Konfusionen anzurichten! Aber lieber leg' ich doch die erbliche Mitgliedschaft nieder und verkriech' mich zeitlebens in eine Uhuhütten. Ich sollte einen Schwall von Worten in den Mund nehmen, von denen mir jedes einzelne geradezu indezent erscheint!

_Hechingen._ Das ist ein bisserl ein starker Ausdruck.

_Hans Karl_ $(sehr heftig, ohne sehr laut zu sein)$. Aber alles, was man ausspricht, ist indezent. Das simple Faktum, daß man etwas ausspricht, ist indezent. Und wenn man es genau nimmt, mein guter Ado, aber die Menschen nehmen eben nichts auf der Welt genau, liegt doch geradezu etwas Unverschämtes darin, daß man sich heranwagt, gewisse Dinge überhaupt zu erleben! Um gewisse Dinge zu erleben und sich dabei nicht indezent zu finden, dazu gehört ja eine so rasende Verliebtheit in sich selbst und ein Grad von Verblendung, den man vielleicht als erwachsener Mensch im innersten Winkel in sich tragen, aber niemals sich eingestehen kann! $(Sieht nach rechts.)$ Er ist weg. $(Will fort.)$

_Altenwyl_ $(ist nicht mehr sichtbar)$.

_Crescence_ $(tritt auf Kari zu.)$ So echappier er doch nicht! Jetzt muß er sich doch mit dem Stani über das Ganze aussprechen.

_Hans Karl_ $(sieht sie an)$.

_Crescence._ Aber er wird doch den Buben nicht so stehen lassen! Der Bub' beweist ja in der ganzen Sache eine Abnegation, eine Selbstüberwindung, über die ich geradezu starr bin. Er wird ihm doch ein Wort sagen. $(Sie winkt Stani, näherzutreten.)$

_Stani_ $(tritt einen Schritt näher)$.

_Hans Karl._ Gut, auch das noch. Aber es ist die letzte Soiree, auf der sie mich erscheinen sieht. $(Zu Stani, indem er auf ihn zutritt)$. Es war verfehlt, mein lieber Stani, meiner Suada etwas anzuvertrauen $(reicht ihm die Hand)$.

_Crescence._ So umarm' er doch den Buben! Der Bub' hat ja doch in dieser Geschichte eine Tenue bewiesen, die ohnegleichen ist.

_Hans Karl_ $(sieht vor sich hin, etwas abwesend)$.

_Crescence._ Ja, wenn er ihn nicht umarmt, so muß doch ich den Buben umarmen für seine Tenue.

_Hans Karl._ Bitte das vielleicht zu tun, wenn ich fort bin. $(Gewinnt schnell die Ausgangstür und ist verschwunden.)$

Vierzehnte Szene

_Crescence._ Also, das ist mir ganz egal, ich muß jemanden umarmen! Es ist doch heute zuviel vorgegangen, als daß eine Person mit Herz wie ich so mir nix dir nix nach Haus fahren und ins Bett gehen könnt'!

_Stani_ $(tritt einen Schritt zurück)$. Bitte, Mamu! nach meiner Idee gibt es zwei Kategorien von Demonstrationen. Die eine gehört ins strikteste Privatleben: dazu rechne ich alle Akte von Zärtlichkeit zwischen Blutsverwandten. Die andere hat sozusagen eine praktische und soziale Bedeutung: sie ist der pantomimische Ausdruck für eine außergewöhnliche, gewissermaßen familiengeschichtliche Situation.

_Crescence._ Ja, in der sind wir doch!

_Altenwyl_ $(mit einigen Gästen ist oben herausgetreten und ist im Begriffe, die Stiege herunterzukommen)$.

_Stani._ Und für diese gibt es seit tausend Jahren gewisse richtige und akzeptierte Formen. Was wir heute hier erlebt haben, war tant bien que mal, wenn man's Kind beim Namen nennt, eine Verlobung. Eine Verlobung kulminiert in der Umarmung des verlobten Paares. -- In unserm Fall ist das verlobte Paar zu bizarr, um sich an diese Formen zu halten. Mamu, sie ist die nächste Verwandte vom Onkel Kari, dort steht der Poldo Altenwyl, der Vater der Braut. Geh sie sans mot dire auf ihn zu und umarm' sie ihn, und das Ganze wird sein richtiges, offizielles Gesicht bekommen.

$Altenwyl ist mit einigen Gästen die Stiege heruntergekommen.$

_Crescence_ $(eilt auf Altenwyl zu und umarmt ihn. Die Gäste stehen überrascht)$.

$Vorhang.$

Druck von Frankenstein & Wagner, Leipzig.