Der Schwierige: Lustspiel in drei Akten
Part 7
_Hechingen._ Ich würde mich bemühen, meinen Freund aus ihm zu machen, nicht aus Politik, sondern ganz unbefangen. Ich würde ihm herzlich entgegenkommen: das ist die Art, wie der Kari mir gezeigt hat, daß man die Menschen nehmen muß: mit einem leichten Handgelenk.
_Stani._ Aber es ist nicht alles au pied de la lettre zu nehmen, was der Onkel Kari sagt.
_Hechingen._ Au pied de la lettre natürlich nicht. Ich würde dich bitten, nicht zu übersehen, daß ich genau fühle, worauf es ankommt. Es kommt alles auf ein gewisses Etwas an, auf eine Grazie -- ich möchte sagen, es muß alles ein beständiges Impromptu sein. $(Er geht nervös auf und ab.)$
_Stani._ Man muß vor allem seine tenue zu wahren wissen. Beispielsweise, wenn der Onkel Kari eine Entscheidung über was immer zu erwarten hätte, so würde kein Mensch ihm etwas anmerken.
_Hechingen._ Aber natürlich. Dort hinter dieser Statue oder hinter der großen Azalee würde er, mit der größten Nonchalance stehen und plauschen -- ich mal mir das aus! Auf die Gefahr hin, dich zu langweilen, ich schwör' dir, daß ich jede kleine Nuance, die in ihm vorgehen würde, nachempfinden kann.
_Stani._ Da wir uns aber nicht beide hinter die Azalee stellen können und dieser Idiot von Diener absolut nicht wiederkommt, so werden wir vielleicht hinaufgehen.
_Hechingen._ Ja, gehen wir beide. Es tut mir wohl, diesen Augenblick nicht allein zu verbringen. Mein lieber Stani, ich hab' eine so aufrichtige Sympathie für dich! $(Hängt sich in ihn ein.)$
_Stani_ $(indem er seinen Arm von dem Hechingens entfernt)$. Aber vielleicht nicht bras dessus -- bras dessous wie die Komtessen, wenn sie das erste Jahr ausgehen, sondern jeder extra.
_Hechingen._ Bitte, bitte, wie dir's genehm ist. --
_Stani._ Ich würde dir vorschlagen, als erster zu starten. Ich komm' dann sofort nach.
_Hechingen_ $(geht voraus, verschwindet oben)$.
_Stani_ $(geht ihm nach)$.
Dritte Szene
_Helene_ $(tritt aus einer kleinen versteckten Tür in der linken Seitenwand. Sie wartet, bis Stani oben unsichtbar geworden ist. Dann ruft sie den Kammerdiener leise an)$. Wenzel, Wenzel, ich will Sie etwas fragen.
_Kammerdiener_ $(geht schnell zu ihr hinüber)$. Befehlen Komtesse?
_Helene_ $(mit sehr leichtem Ton)$. Haben Sie gesehen, ob der Graf Bühl fortgegangen ist?
_Kammerdiener._ Jawohl, sind fortgegangen, vor fünf Minuten.
_Helene._ Er hat nichts hinterlassen?
_Kammerdiener._ Wie meinen die Komtesse?
_Helene._ Einen Brief oder eine mündliche Post.
_Kammerdiener._ Mir nicht, ich werde gleich die andern Diener fragen. $(Geht hinüber.)$
_Helene_ $(steht und wartet)$.
_Stani_ $(wird oben sichtbar. Er sucht zu sehen, mit wem Helene spricht und verschwindet dann wieder)$.
_Kammerdiener_ $(kommt zurück zu Helene)$. Nein, gar nicht. Er hat sein Auto weggeschickt, sich Zigarre angezündet und ist gegangen.
_Helene_ $(sagt nichts)$.
_Kammerdiener_ $(nach einer kleinen Pause)$. Befehlen Komtesse noch etwas?
_Helene._ Ja, Wenzel, ich werd' in ein paar Minuten wiederkommen, und dann werd' ich aus dem Hause gehen.
_Kammerdiener._ Wegfahren, noch jetzt am Abend?
_Helene._ Nein, gehen, zu Fuß.
_Kammerdiener._ Ist jemand krank worden?
_Helene._ Nein, es ist niemand krank, ich muß mit jemandem sprechen.
_Kammerdiener._ Befehlen Komtesse, daß wer begleitet außer der Miß?
_Helene._ Nein, ich werde ganz allein gehen, auch die Miß Jekyll wird mich nicht begleiten. Ich werde hier herausgehen in einem Augenblick, wenn niemand von den Gästen hier fort geht. Und ich werde Ihnen einen Brief für den Papa geben.
_Kammerdiener._ Befehlen, daß ich den dann gleich hineintrage?
_Helene._ Nein, geben Sie ihn dem Papa, wenn er die letzten Gäste begleitet hat.
_Kammerdiener._ Wenn sich alle Herrschaften verabschiedet haben?
_Helene._ Ja, im Moment, wo er befiehlt, das Licht auszulöschen. Aber dann bleiben Sie bei ihm. Ich möchte, daß Sie -- $(sie stockt)$.
_Kammerdiener._ Befehlen?
_Helene._ Wie alt war ich, Wenzel, wie Sie hier ins Haus gekommen sind?
_Kammerdiener._ Fünf Jahre altes Mäderl waren Komtesse.
_Helene._ Es ist gut, Wenzel, ich danke Ihnen. Ich werde hier herauskommen, und Sie werden mir ein Zeichen geben, ob der Weg frei ist. $(Reicht ihm ihre Hand zum Küssen)$.
_Kammerdiener._ Befehlen. $(Küßt die Hand.)$
_Helene_ $(geht wieder ab durch die kleine Tür)$.
Vierte Szene
$Antoinette und Neuhoff kommen rechts seitwärts der Treppe aus dem Wintergarten.$
_Antoinette._ Das war die Helen. War sie allein? Hat sie mich gesehen?
_Neuhoff._ Ich glaube nicht. Aber was liegt daran? Jedenfalls haben Sie diesen Blick nicht zu fürchten.
_Antoinette._ Ich fürcht' mich vor ihr. So oft ich an sie denk', glaub' ich, daß mich wer angelogen hat. Gehen wir woanders hin, wir können nicht hier im Vestibül sitzen.
_Neuhoff._ Beruhigen Sie sich. Kari Bühl ist fort. Ich habe soeben gesehen, wie er fortgegangen ist.
_Antoinette._ Gerade jetzt im Augenblick?
_Neuhoff_ $(versteht, woran sie denkt)$. Er ist unbemerkt und unbegleitet fortgegangen.
_Antoinette._ Wie?
_Neuhoff._ Eine gewisse Person hat ihn nicht bis hierher begleitet und hat überhaupt in der letzten halben Stunde seines Hierseins nicht mit ihm gesprochen. Ich habe es festgestellt. Seien Sie ruhig.
_Antoinette._ Er hat mir geschworen, er wird ihr Adieu sagen für immer. Ich möcht ihr Gesicht sehen, dann wüßt' ich --
_Neuhoff._ Dieses Gesicht ist hart wie Stein. Bleiben Sie bei mir hier.
_Antoinette._ Ich --
_Neuhoff._ Ihr Gesicht ist entzückend. Andere Gesichter verstecken alles. Das Ihrige ist ein unaufhörliches Geständnis. Man könnte diesem Gesicht alles entreißen, was je in Ihnen vorgegangen ist.
_Antoinette._ Man könnte? Vielleicht -- wenn man einen Schatten von Recht dazu hätte.
_Neuhoff._ Man nimmt das Recht dazu aus dem Moment. Sie sind eine Frau, eine wirkliche, entzückende Frau. Sie gehören keinem und jedem! Nein: Sie haben noch keinem gehört, Sie warten noch immer.
_Antoinette_ $(mit einem kleinen nervösen Lachen)$. Nicht auf Sie!
_Neuhoff._ Ja, genau auf mich, das heißt auf den Mann, den Sie noch nicht kennen, auf den wirklichen Mann, auf Ritterlichkeit, auf Güte, die in der Kraft wurzelt. Denn die Karis haben Sie nur malträtiert, betrogen vom ersten bis zum letzten Augenblick, diese Sorte von Menschen ohne Güte, ohne Kern, ohne Nerv, ohne Loyalität! Diese Schmarotzer, denen ein Wesen wie Sie immer wieder und wieder in die Schlinge fällt, ungelohnt, unbedankt, unbeglückt, erniedrigt in ihrer zartesten Weiblichkeit! $(Will ihre Hand ergreifen.)$
_Antoinette._ Wie Sie sich echauffieren! Aber vor Ihnen bin ich sicher, Ihr kalter, wollender Verstand hebt ja den Kopf aus jedem Wort, das Sie reden. Ich hab' nicht einmal Angst vor Ihnen. Ich will Sie nicht!
_Neuhoff._ Mein Verstand, ich hass' ihn ja! Ich will ja erlöst sein von ihm, mich verlangt ja nichts anderes, als ihn bei Ihnen zu verlieren, süße kleine Antoinette! $(Er will ihre Hand nehmen.)$
_Hechingen_ $(wird oben sichtbar, tritt aber gleich wieder zurück)$.
_Neuhoff_ $(hat ihn gesehen, nimmt ihre Hand nicht, ändert die Stellung und den Gesichtsausdruck)$.
_Antoinette._ Ah, jetzt hab' ich Sie durch und durch gesehen, wie sich das jäh verändern kann in Ihrem Gesicht! Ich will Ihnen sagen, was jetzt passiert ist: jetzt ist oben die Helen vorbeigegangen, und in diesem Augenblick hab' ich in Ihnen lesen können wie in einem offenen Buch. Dépit und Ohnmacht, Zorn, Scham und die Lust, mich zu kriegen -- faute de mieux -- das alles war zugleich darin. Die Edine schimpft mit mir, daß ich komplizierte Bücher nicht lesen kann. Aber das war recht kompliziert, und ich hab's doch lesen können in einem Nu. Geben Sie sich keine Müh' mit mir. Ich mag nicht!
_Neuhoff_ $(beugt sich zu ihr)$. Du sollst wollen!
_Antoinette_ $(steht auf)$. Oho! Ich mag nicht! Ich mag nicht! Denn das, was da aus Ihren Augen hervorwill und mich in seine Gewalt kriegen will, aber nur will! -- kann sein, daß das sehr männlich ist -- aber ich mag's nicht. Und wenn das Euer Bestes ist, so hat jede einzelne von uns, und wäre sie die Gewöhnlichste, etwas in sich, das besser ist als Euer Bestes, und das gefeit ist gegen Euer Bestes durch ein bisserl eine Angst. Aber keine solche Angst, die einen schwindlig macht, sondern eine ganz nüchterne, ganz prosaische. $(Sie geht gegen die Treppe, bleibt noch einmal stehen.)$ Verstehen Sie mich? Bin ich ganz deutlich? Ich fürcht' mich vor Ihnen, aber nicht genug, das ist Ihr Pech. Adieu, Baron Neuhoff. $(Neuhoff ist schnell nach dem Wintergarten abgegangen.)$
Fünfte Szene
_Hechingen_ $(tritt oben herein, er kommt sehr schnell die Treppe herunter)$.
_Antoinette_ $(ist betroffen und tritt zurück)$.
_Hechingen._ Toinette!
_Antoinette_ $(unwillkürlich)$. Auch das noch!
_Hechingen._ Wie sagst du?
_Antoinette._ Ich bin überrascht -- das mußt du doch begreifen.
_Hechingen._ Und ich bin glücklich. Ich danke meinem Gott, ich danke meiner Chance, ich danke diesem Augenblick!
_Antoinette._ Du siehst ein bissel verändert aus. Dein Ausdruck ist anders, ich weiß nicht, woran es liegt. Bist du nicht ganz wohl?
_Hechingen._ Liegt es nicht daran, daß diese schwarzen Augen mich lange nicht angeschaut haben?
_Antoinette._ Aber es ist ja nicht so lang her, daß man sich gesehen hat.
_Hechingen._ Sehen und Anschau'n ist zweierlei, Toinette. $(Er ist ihr näher gekommen.)$
_Antoinette_ $(tritt zurück)$.
_Hechingen._ Vielleicht aber ist es etwas anderes, das mich verändert hat, wenn ich die Unbescheidenheit haben darf, von mir zu sprechen.
_Antoinette._ Was denn? Ist etwas passiert? Interessierst du dich für wen?
_Hechingen._ Deinen Charme, deinen Stolz im Spiel zu sehen, die ganze Frau, die man liebt, plötzlich vor sich zu sehen, sie leben zu sehen!
_Antoinette._ Ah, von mir ist die Rede!
_Hechingen._ Ja, von dir. Ich war so glücklich, dich einmal so zu sehen wie du bist, denn da hab' ich dich einmal nicht intimidiert. Oh meine Gedanken, wie ich da oben gestanden bin! Diese Frau begehrt von allen und allen sich versagend! Mein Schicksal, dein Schicksal, denn es ist unser beider Schicksal. Setz dich zu mir! $(Er hat sich gesetzt, streckt die Hand nach ihr aus.)$
_Antoinette._ Man kann so gut im Stehen miteinander reden, wenn man so alte Bekannte ist.
_Hechingen_ $(ist wieder aufgestanden)$. Ich hab' dich nicht gekannt. Ich hab' erst andere Augen bekommen müssen. Der zu dir kommt, ist ein andrer, ein Verwandelter.
_Antoinette._ Du hast so einen neuen Ton in deinen Reden. Wo hast du dir das angewöhnt?
_Hechingen._ Der zu dir redet, das ist der, den du nicht kennst, Toinette, so wie er dich nicht gekannt hat! Und der sich nichts anderes wünscht, nichts anderes träumt, als von dir gekannt zu sein und dich zu kennen.
_Antoinette._ Ado, ich bitt' dich um alles, red' nicht mit mir, als wenn ich eine Speisewagenbekanntschaft aus einem Schnellzug wäre.
_Hechingen._ Mit der ich fahren möchte, fahren bis ans Ende der Welt! $(Will ihre Hand küssen, sie entzieht sie ihm.)$
_Antoinette._ Ich bitt' dich, merk' doch, daß mich das crispiert. Ein altes Ehepaar hat doch einen Ton miteinander. Den wechselt man doch nicht, das ist ja zum Schwindligwerden.
_Hechingen._ Ich weiß nichts von einem alten Ehepaar, ich weiß nichts von unserer Situation.
_Antoinette._ Aber das ist doch eine gegebene Situation.
_Hechingen._ Gegeben? Das alles gibt's ja gar nicht. Hier bist du und ich, und alles fängt wieder vom Frischen an.
_Antoinette._ Aber nein, gar nichts fängt vom Frischen an.
_Hechingen._ Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen.
_Antoinette._ Nein, nein, ich bitt' dich um alles, bleib' doch in deinem alten Genre. Ich kann's sonst nicht aushalten. Sei mir nicht bös, ich hab' ein bissel Migräne, ich hab' schon früher nach Haus' fahren wollen, bevor ich gewußt hab', daß ich dich -- ich hab' doch nicht wissen können!
_Hechingen._ Du hast nicht wissen können, wer der sein wird, der vor dich hintreten wird, und daß es nicht dein Mann ist, sondern ein neuer enflammierter Verehrer, enflammiert wie ein Bub' von zwanzig Jahren! Das verwirrt dich, das macht dich taumeln. $(Will ihre Hand nehmen.)$
_Antoinette._ Nein, es macht mich gar nicht taumeln, es macht mich ganz nüchtern. So terre à terre macht's mich, alles kommt mir so armselig vor und ich mir selbst. Ich hab' heut einen unglücklichen Abend, bitte, tu mir einen einzigen Gefallen, laß' mich nach Haus fahren.
_Hechingen._ Oh, Antoinette!
_Antoinette._ Das heißt wenn du mir etwas Bestimmtes hast sagen wollen, so sag's mir, ich werd's sehr gern anhören, aber ich bitt' dich um eins! Sag's ganz in deinem gewöhnlichen Ton, so wie immer.
_Hechingen_ $(betrübt und ernüchtert, schweigt)$.
_Antoinette._ So sag doch, was du mir hast sagen wollen.
_Hechingen._ Ich bin betroffen zu sehen, daß meine Gegenwart dich einerseits zu überraschen, anderseits zu belasten scheint. Ich durfte mich der Hoffnung hingeben, daß ein lieber Freund Gelegenheit genommen haben würde, dir von mir, von meinen unwandelbaren Gefühlen für dich zu sprechen. Ich habe mir zurecht gelegt, daß auf dieser Basis eine improvisierte Aussprache zwischen uns möglicherweise eine veränderte Situation schon vorfindet oder wenigstens schaffen würde können. -- Ich würde dich bitten, nicht zu übersehen, daß du mir die Gelegenheit, dir von meinem eigenen Innern zu sprechen, bisher nicht gewährt hast -- ich fasse mein Verhältnis zu dir so auf, Antoinette -- langweil' ich dich sehr?
_Antoinette._ Aber ich bitt' dich, sprich' doch weiter. Du hast mir doch was sagen wollen. Anders kann ich mir dein Herkommen nicht erklären.
_Hechingen._ Ich fass' unser Verhältnis als ein solches auf, das nur mich, nur mich, Antoinette, bindet, das mir, nur mir eine Prüfungszeit auferlegt, deren Dauer du zu bestimmen hast.
_Antoinette._ Aber wozu soll denn das sein, wohin soll denn das führen?
_Hechingen._ Wende ich mich freilich zu meinem eigenen Innern, Toinette --
_Antoinette._ Bitte, was ist, wenn du dich da wendest? $(Sie greift sich an die Schläfe.)$
_Hechingen._ -- so bedarf es allerdings keiner langen Prüfung. Immer und immer werde ich der Welt gegenüber versuchen, mich auf deinen Standpunkt zu stellen, werde immer wieder der Verteidiger deines Scharmes und deiner Freiheit sein. Und wenn man mir bewußt Entstellungen entgegenwirft, so werde ich triumphierend auf das vor wenigen Minuten hier Erlebte verweisen, auf den sprechenden Beweis, wie sehr es dir gegeben ist, die Männer, die dich begehren und bedrängen, in ihren Schranken zu halten.
_Antoinette_ $(nervös)$. Was denn?
_Hechingen._ Du wirst viel begehrt. Dein Typus ist die grande dame des XVIII. Jahrhunderts. Ich vermag in keiner Weise etwas Beklagenswertes daran zu erblicken. Nicht die Tatsache muß gewertet werden, sondern die Nuance. Ich lege Gewicht darauf, klarzustellen, daß, wie immer du handelst, deine Absichten für mich über jeden Zweifel erhaben sind.
_Antoinette_ $(dem Weinen nah)$. Mein lieber Ado, du meinst es sehr gut, aber meine Migräne wird stärker mit jedem Wort, was du sagst.
_Hechingen._ Oh, das tut mir sehr leid. Um so mehr, als diese Augenblicke für mich unendlich kostbar sind.
_Antoinette._ Bitte, hab' die Güte -- $(sie taumelt)$.
_Hechingen._ Ich versteh'. Ein Auto?
_Antoinette._ Ja. Die Edine hat mir erlaubt, ihres zu nehmen.
_Hechingen._ Sofort. $(Geht und gibt den Befehl. Kommt zurück mit ihrem Mantel. Indem er ihr hilft.)$ Ist das alles, was ich für dich tun kann?
_Antoinette._ Ja, alles.
_Kammerdiener_ $(an der Glastür, meldet)$. Das Auto für die Frau Gräfin.
_Antoinette_ $(geht sehr schnell ab)$.
_Hechingen_ $(will ihr nach, hält sich)$.
Sechste Szene
_Stani_ $(von rückwärts aus dem Wintergarten. Er scheint jemand zu suchen)$. Ah, du bist's, hast du meine Mutter nicht gesehen?
_Hechingen._ Nein, ich war nicht in den Salons. Ich hab' soeben meine Frau an ihr Auto begleitet. Es war eine Situation ohne Beispiel.
_Stani_ $(mit seiner eigenen Sache beschäftigt)$. Ich begreif' nicht. Die Mamu bestellt mich zuerst in den Wintergarten, dann läßt sie mir sagen, hier an der Stiege auf sie zu warten --
_Hechingen._ Ich muß mich jetzt unbedingt mit dem Kari aussprechen.
_Stani._ Da mußt du halt fortgehen und ihn suchen.
_Hechingen._ Mein Instinkt sagt mir, er ist nur fortgegangen, um mich im Klub aufzusuchen und wird wiederkommen. $(Geht nach oben.)$
_Stani._ Ja, wenn man so einen Instinkt hat, der einem alles sagt! Ah, da ist ja die Mamu!
Siebente Szene
_Crescence_ $(kommt unten von links seitwärts der Treppe heraus)$. Ich komm' über die Dienerstiegen, diese Diener machen nichts als Mißverständnisse. Zuerst sagt er mir, du bittest mich, in den Wintergarten zu kommen, dann sagt er in der Galerie --
_Stani._ Mamu, das ist ein Abend, wo man aus den Konfusionen überhaupt nicht herauskommt. Ich bin wirklich auf dem Punkt gestanden, wenn es nicht wegen ihr gewesen wäre, stante pede nach Haus zu fahren, eine Dusche zu nehmen und mich ins Bett zu legen. Ich vertrag' viel, aber eine schiefe Situation, das ist mir etwas so Odioses, das zerrt direkt an meinen Nerven. Ich muß vielmals bitten, mich doch jetzt au courant zu setzen.
_Crescence._ Ja, ich begreif' doch gar nicht, daß der Onkel Kari hat weggehen können, ohne mir auch nur einen Wink zu geben. Das ist eine von seinen Zerstreutheiten, ich bin ja desperat, mein guter Bub'.
_Stani._ Bitte mir doch die Situation etwas zu erklären. Bitte mir nur in großen Linien zu sagen, was vorgefallen ist.
_Crescence._ Aber alles ist ja genau nach dem Programm gegangen. Zuerst hat der Onkel Kari mit der Antoinette ein sehr agitiertes Gespräch geführt --
_Stani._ Das war schon der erste Fehler. Das hab' ich ja gewußt, das war eben zu kompliziert. Ich bitte mir also weiter zu sagen!
_Crescence._ Was soll ich ihm denn weiter sagen? Die Antoinette stürzt an mir vorbei, ganz bouleversiert, unmittelbar darauf setzt sich der Onkel Kari mit der Helen --
_Stani._ Es ist eben zu kompliziert, zwei solche Konversationen an einem Abend durchzuführen. Und der Onkel Kari --
_Crescence._ Das Gespräch mit der Helen geht ins Endlose, ich komm' an die Tür -- die Helen fällt mir in die Arme, ich bin selig, sie lauft weg, ganz verschämt, wie sich's gehört, ich stürz' ans Telephon und zitier' dich her!
_Stani._ Ja, ich bitte, das weiß ich ja, aber ich bitte, mir aufzuklären, was denn hier vorgegangen ist!
_Crescence._ Ich stürz' im Flug durch die Zimmer, such' den Kari, find' ihn nicht. Ich muß zurück zu der Partie, du kannst dir denken, wie ich gespielt hab'. Die Mariette Stradonitz invitiert auf Herz, ich spiel' Karo, dazwischen bet' ich die ganze Zeit zu die vierzehn Nothelfer. Gleich darauf mach' ich Renonce in Pik. Endlich kann ich aufstehen, ich such' den Kari wieder, ich find' ihn nicht! Ich geh' durch die finstern Zimmer bis an der Helen ihre Tür, ich hör' sie drin weinen. Ich klopf' an, sag' meinen Namen, sie gibt mir keine Antwort. Ich schleich' mich wieder zurück zur Partie, die Mariette fragt mich dreimal, ob mir schlecht ist, der Louis Castaldo schaut mich an, als ob ich ein Gespenst wär. --
_Stani._ Ich versteh' alles.
_Crescence._ Ja, was, ich versteh' ja gar nichts.
_Stani._ Alles, alles. Die ganze Sache ist mir klar.
_Crescence._ Ja, wie sieht er denn das?
_Stani._ Klar wie's Einmaleins. Die Antoinette in ihrer Verzweiflung hat einen Tratsch gemacht, sie hat aus dem Gespräch mit dem Onkel Kari entnommen, daß ich für sie verloren bin. Eine Frau, wenn sie in Verzweiflung ist, verliert ja total ihre Tenue; sie hat sich dann an die Helen heranfaufiliert und hat einen solchen Mordstratsch gemacht, daß die Helen mit ihrem Fumo und ihrer pyramidalen Empfindlichkeit beschlossen hat, auf mich zu verzichten, und wenn ihr das Herz brechen sollte.
_Crescence._ Und deswegen hat sie mir die Tür nicht aufgemacht!
_Stani._ Und der Onkel Kari, wie er gespürt hat, was er angerichtet hat, hat sich sofort aus dem Staub gemacht.
_Crescence._ Ja, dann steht die Sache doch sehr fatal! Ja, mein guter Bub', was sagst du denn da?
_Stani._ Meine gute Mamu, da sag' ich nur eins, und das ist das einzige, was ein Mann von Niveau sich in jeder schiefen Situation zu sagen hat: man bleibt, was man ist, daran kann eine gute oder eine schlechte Chance nichts ändern.
_Crescence._ Er ist ein lieber Bub', und ich adorier ihn für seine Haltung, aber deswegen darf man die Flinten noch nicht ins Korn werfen!
_Stani._ Ich bitte um alles, mir eine schiefe Situation zu ersparen.
_Crescence._ Für einen Menschen mit seiner Tenue gibt's keine schiefe Situation. Ich such' jetzt die Helen und werd' sie fragen, was zwischen jetzt und dreiviertel zehn passiert ist.
_Stani._ Ich bitt' inständig --
_Crescence._ Aber mein Bub', er ist mir tausendmal zu gut, als daß ich ihn wollt einer Familie oktroyieren und wenn's die vom Kaiser von China wär'. Aber anderseits ist mir doch auch die Helen zu lieb, als daß ich ihr Glück einem Tratsch von einer eifersüchtigen Gans, wie die Antoinette ist, aufopfern wollte. Also tu' er mir den Gefallen und bleib' er da und begleit er mich dann nach Haus, er sieht doch, wie ich agitiert bin. $(Sie geht die Treppe hinauf, Stani folgt ihr.)$
Achte Szene
_Helene_ $(ist durch die unsichtbare Tür links herausgetreten, im Mantel wie zum Fortgehen. Sie wartet, bis Crescence und Stani sie nicht mehr sehen können. Gleichzeitig ist Karl durch die Glastür rechts sichtbar geworden; er legt Hut, Stock und Mantel ab und erscheint. Helene hat Karl gesehen, bevor er sie erblickt hat. Ihr Gesicht verändert sich in einem Augenblick vollständig. Sie läßt ihren Abendmantel von den Schultern fallen, und dieser bleibt hinter der Treppe liegen, dann tritt sie Karl entgegen.)$
_Hans Karl_ $(betroffen)$. Helen, Sie sind noch hier?
_Helene_ $(hier und weiter in einer ganz festen, entschiedenen Haltung und in einem leichten, fast überlegenen Ton)$. Ich bin hier zu Haus.
_Hans Karl._ Sie sehen anders aus als sonst. Es ist etwas geschehen!
_Helene._ Ja, es ist etwas geschehen.
_Hans Karl._ Wann, so plötzlich?
_Helene._ Vor einer Stunde, glaub' ich.
_Hans Karl_ $(unsicher)$. Etwas Unangenehmes?
_Helene._ Wie?
_Hans Karl._ Etwas Aufregendes?
_Helene._ Ah ja, das schon.
_Hans Karl._ Etwas Irreparables?
_Helene._ Das wird sich zeigen. Schauen Sie, was dort liegt.
_Hans Karl._ Dort? Ein Pelz. Ein Damenmantel scheint mir.
_Helene._ Ja, mein Mantel liegt da. Ich hab' ausgehen wollen.
_Hans Karl._ Ausgehen?
_Helene._ Ja, den Grund davon werd' ich Ihnen auch dann sagen. Aber zuerst werden Sie mir sagen, warum Sie zurückgekommen sind. Das ist keine ganz gewöhnliche Manier.
_Hans Karl_ $(zögernd)$. Es macht mich immer ein bisserl verlegen, wenn man mich so direkt was fragt.
_Helene._ Ja, ich frag' Sie direkt.
_Hans Karl._ Ich kann's gar nicht leicht explizieren.
_Helene._ Wir können uns setzen. $(Sie setzen sich.)$
_Hans Karl._ Ich hab' früher in unserer Konversation -- da oben, in dem kleinen Salon --
_Helene._ Ah, da oben in dem kleinen Salon.
_Hans Karl_ $(unsicher durch ihren Ton)$. Ja, freilich, in dem kleinen Salon. Ich hab' da einen großen Fehler gemacht, einen sehr großen.
_Helene._ Ah?
_Hans Karl._ Ich hab' etwas Vergangenes zitiert.
_Helene._ Etwas Vergangenes?
_Hans Karl._ Gewisse ungereimte, rein persönliche Sachen, die in mir vorgegangen sind, wie ich im Feld draußen war, und später im Spital. Rein persönliche Einbildungen, Halluzinationen, sozusagen. Lauter Dinge, die absolut nicht dazu gehört haben.
_Helene._ Ja, ich versteh' Sie. Und?
_Hans Karl._ Da hab' ich Unrecht getan.
_Helene._ Inwiefern?
_Hans Karl._ Man kann das Vergangene nicht herzitieren, wie die Polizei einen vor das Kommissariat zitiert. Das Vergangene ist vergangen. Niemand hat das Recht, es in eine Konversation, die sich auf die Gegenwart bezieht, einzuflechten. Ich drück' mich elend aus, aber meine Gedanken darüber sind mir ganz klar.
_Helene._ Das hoff' ich.