Der Schwierige: Lustspiel in drei Akten

Part 6

Chapter 63,564 wordsPublic domain

_Helene_ $(sie ist aufgestanden)$. Er verneint es immer wieder.

_Neuhoff._ Helene, bei Ihnen wäre meine Rettung -- meine Zusammenfassung, meine Ermöglichung!

_Helene._ Ich will von niemand wissen, der sein Leben unter solche Bedingungen stellt! $(Sie tut ein paar Schritte an ihm vorbei; ihr Blick haftet an der offenen Tür rechts, wo sie eingetreten ist.)$

_Neuhoff._ Wie Ihr Gesicht sich verändert! Was ist das, Helene?

_Helene_ $(schweigt, sieht nach rechts)$.

_Neuhoff_ $(ist hinter sie getreten, folgt ihrem Blick)$. Oh! Graf Bühl erscheint auf der Bildfläche! $(Er tritt zurück von der Tür.)$ Sie fühlen magnetisch seine Nähe -- ja spüren Sie denn nicht, unbegreifliches Geschöpf, daß Sie für ihn nicht da sind?

_Helene._ Ich bin schon da für ihn, irgendwie bin ich schon da!

_Neuhoff._ Verschwenderin! Sie leihen ihm alles, auch noch die Kraft, mit der er Sie hält.

_Helene._ Die Kraft, mit der ein Mensch einen hält -- die hat ihm wohl Gott gegeben.

_Neuhoff._ Ich staune. Womit übt ein Kari Bühl diese Faszination über Sie? Ohne Verdienst, sogar ohne Bemühung, ohne Willen, ohne Würde --

_Helene._ Ohne Würde!

_Neuhoff._ Der schlaffe zweideutige Mensch hat keine Würde.

_Helene._ Was für Worte gebrauchen Sie da?

_Neuhoff._ Mein nördlicher Jargon klingt etwas scharf in ihre schöngeformten Ohren. Aber ich vertrete seine Schärfe. Zweideutig nenne ich den Mann, der sich halb verschenkt und sich halb zurückbehält -- der Reserven in allem und jedem hält -- in allem und jedem Berechnungen --

_Helene._ Berechnung und Kari Bühl! Ja, sehen Sie ihn denn wirklich so wenig! Freilich ist es unmöglich, sein letztes Wort zu finden, das bei andern so leicht zu finden ist. Die Ungeschicklichkeit, die ihn so liebenswürdig macht, der timide Hochmut, seine Herablassung, freilich ist alles ein Versteckenspiel, freilich läßt es sich mit plumpen Händen nicht fassen. -- Die Eitelkeit erstarrt ihn ja nicht, durch die alle andern steif und hölzern werden -- die Vernunft erniedrigt ihn ja nicht, die aus den meisten so etwas Gewöhnliches macht -- er gehört nur sich selber -- niemand kennt ihn, da ist es kein Wunder, daß Sie ihn nicht kennen!

_Neuhoff._ So habe ich Sie nie zuvor gesehen, Helene. Ich genieße diesen unvergleichlichen Augenblick! Einmal sehe ich Sie, wie Gott Sie geschaffen hat, Leib und Seele. Ein Schauspiel für Götter. Pfui über die Weichheit bei Männern wie bei Frauen! Aber Strenge, die weich wird, ist herrlich über alles!

_Helene_ $(schweigt)$.

_Neuhoff._ Gestehen Sie mir zu, es zeigt von etwas Superiorität, wenn ein Mann es an einer Frau genießen kann, wie sie einen andern bewundert. Aber ich vermag es: denn ich bagatellisiere Ihre Bewunderung für Kari Bühl.

_Helene._ Sie verwechseln die Nuancen. Sie sind aigriert, wo es nicht am Platz ist.

_Neuhoff._ Über was ich hinweggehe, das aigriert mich nicht.

_Helene._ Sie kennen ihn nicht! Sie haben ihn kaum gesprochen.

_Neuhoff._ Ich habe ihn besucht --

_Helene_ $(sieht ihn an)$.

_Neuhoff._ -- Es ist nicht zu sagen, wie dieser Mensch Sie preisgibt -- Sie bedeuten ihm nichts. Sie sind es, über die er hinweggeht.

_Helene_ $(ruhig)$. Nein.

_Neuhoff._ Es war ein Zweikampf zwischen mir und ihm, ein Zweikampf um Sie! -- und ich bin nicht unterlegen.

_Helene._ Nein, es war kein Zweikampf. Es verdient keinen so heroischen Namen. Sie sind hingegangen, um dasselbe zu tun, was ich in diesem Augenblick tu'! $(Lacht.)$ Ich gebe mir alle Mühe, den Grafen Bühl zu sehen, ohne daß er mich sieht. Aber ich tue es ohne Hintergedanken.

_Neuhoff._ Helene!

_Helene._ Ich denke nicht, dabei etwas wegzutragen, das mir nützen könnte!

_Neuhoff._ Sie treten mich ja in den Staub, Helene -- und ich lasse mich treten!

_Helene_ $(schweigt)$.

_Neuhoff._ Und nichts bringt mich näher?

_Helene._ Nichts. $(Sie geht einen Schritt auf die Tür rechts zu.)$

_Neuhoff._ Alles an Ihnen ist schön, Helene. Wenn Sie sich niedersetzen, ist es, als ob Sie ausruhen müßten von einem großen Schmerz -- und wenn Sie quer durchs Zimmer gehen, ist es, als ob Sie einer ewigen Entscheidung entgegengingen.

_Hans Karl_ $(ist in der Tür rechts erschienen)$.

_Helene_ $(gibt Neuhoff keine Antwort. Sie geht lautlos langsam auf die Tür rechts zu)$.

_Neuhoff_ $(geht schnell links hinaus)$.

Vierzehnte Szene

_Hans Karl._ Ja, ich habe mit Ihnen zu reden.

_Helene._ Is' es etwas sehr Ernstes?

_Hans Karl._ Es kommt vor, daß es einem zugemutet wird. Durchs Reden kommt ja alles auf der Welt zustande. Allerdings, es ist ein bißl lächerlich, wenn man sich einbildet, durch wohlgesetzte Wörter eine weiß Gott wie große Wirkung auszuüben, in einem Leben, wo doch schließlich alles auf die letzte unaussprechliche Nuance ankommt. Das Reden basiert auf einer indezenten Selbstüberschätzung.

_Helene._ Wenn alle Menschen wüßten, wie unwichtig sie sind, würde keiner den Mund aufmachen.

_Hans Karl._ Sie haben einen so klaren Verstand, Helene. Sie wissen immer in jedem Moment so sehr, worauf es ankommt.

_Helene._ Weiß ich das?

_Hans Karl._ Man versteht sich mit Ihnen ausgezeichnet. Da muß man sehr achtgeben.

_Helene_ $(sieht ihn an)$. Da muß man achtgeben?

_Hans Karl._ Freilich. Sympathie ist ganz gut, aber auf ihr herumzureiten, wäre doch namenlos indiskret. Darum muß man doch gerade auf der Hut sein, wenn man das Gefühl hat, sich sehr gut zu verstehen.

_Helene._ Das müssen Sie tun, natürlich. So ist Ihre Natur. Wer sich einfallen ließe, Sie fixieren zu wollen, wäre schon verloren. Aber wer glaubt, daß Sie ihm für immer Adieu gesagt haben, dem könnte passieren, daß Sie ihm wieder guten Tag sagen. -- Heut' hat die Antoinette wieder Charme für Sie gehabt.

_Hans Karl._ Sie bemerken alles!

_Helene._ Sie verbrauchen auf Ihre Art die armen Frauen, aber Sie haben sie gar nicht sehr lieb. Es gehört viel Contenance dazu oder ein bißl Gewöhnlichkeit, um Ihre Freundin zu bleiben.

_Hans Karl._ Wenn Sie mich so sehen, dann bin ich Ihnen ja direkt unsympathisch!

_Helene._ Gar nicht. Sie sind scharmant. Sie sind bei all dem wie ein Kind.

_Hans Karl._ Wie ein Kind? Und dabei bin ich nahezu ein alter Mensch. Das ist doch ein Horreur. Mit neununddreißig Jahren nicht wissen, woran man mit sich selber ist, das ist doch eine Schand'.

_Helene._ Ich brauchte nie nachzudenken, woran ich mit mir selber bin. Bei mir ist wirklich gar nichts los, es ist nichts da, als ein anständiges, ruhiges Benehmen.

_Hans Karl._ Sie haben so eine reizende Art!

_Helene._ Ich möchte nicht sentimental sein, das langweilt mich. Ich möchte lieber terre à terre sein, wie Gott weiß wer, als sentimental. Ich möchte auch nicht spleenig sein, und ich möchte nicht kokett sein. So bleibt mir nichts übrig, als möglichst artig zu sein.

_Hans Karl_ $(schweigt)$.

_Helene._ Au fond können wir Frauen tun was wir wollen, meinetwegen Solfèges singen oder politisieren, wir meinen immer noch was andres damit. -- Solfèges singen ist indiskreter, Artigsein ist diskreter, es drückt die bestimmte Absicht aus, keine Indiskretionen zu begehen. Weder gegen sich, noch gegen einen andern.

_Hans Karl._ Alles an Ihnen ist besonders und schön. Ihnen kann ja gar nichts geschehen. Heiraten Sie wen immer, heiraten Sie den Neuhoff, nein den Neuhoff, wenn sich's vermeiden laßt, lieber nicht, aber den ersten besten frischen Menschen, einen Menschen wie meinen Neffen Stani, ja, wirklich Helene, heiraten Sie den Stani, er möchte so gern, und Ihnen kann ja gar nichts passieren. Sie sind ja unzerstörbar, das steht ja deutlich in Ihrem Gesicht geschrieben. Ich bin immer fasziniert von einem wirklich schönen Gesicht -- aber das Ihre --

_Helene._ Ich möchte nicht, daß Sie so mit mir reden, Graf Bühl.

_Hans Karl._ Aber nein, an ihnen ist ja nicht die Schönheit das Entscheidende, sondern ganz etwas anderes: in Ihnen liegt das Notwendige. Sie können mich natürlich nicht verstehen, ich versteh' mich selbst viel schlechter, wenn ich red', als wenn ich still bin. Ich kann gar nicht versuchen, Ihnen das zu explizieren, es ist halt etwas, was ich draußen begreifen gelernt habe: daß in den Gesichtern der Menschen etwas geschrieben steht. Sehen Sie, auch in einem Gesicht, wie dem von der Antoinette kann ich lesen --

_Helene_ $(mit einem flüchtigen Lächeln)$. Aber davon bin ich überzeugt.

_Hans Karl_ $(ernst)$. Ja, es ist ein scharmantes, liebes Gesicht, aber es steht immer ein und derselbe stumme Vorwurf in ihm eingegraben: Warum habt's ihr mich alle dem fürchterlichen Zufall überlassen? Und das gibt ihrer kleinen Maske etwas so Hilfloses, Verzweifeltes, daß man Angst um sie haben könnte.

_Helene._ Aber die Antoinette ist doch da. Sie existiert doch so ganz für den Moment. So müssen doch Frauen sein, der Moment ist ja alles. Was soll denn die Welt mit einer Person anfangen, wie ich bin? Für mich ist ja der Moment gar nicht da, ich stehe da und sehe die Lampen dort brennen, und in mir sehe ich sie schon ausgelöscht. Und ich spreche mit Ihnen, wir sind ganz allein in einem Zimmer, aber in mir ist das jetzt schon vorbei: wie wenn irgendein gleichgültiger Mensch hereingekommen wäre und uns gestört hätte, die Huberta oder der Theophil Neuhoff oder wer immer, und das schon vorüber wäre, daß ich mit Ihnen allein dagesessen bin, bei dieser Musik, die zu allem auf der Welt besser paßt, als zu uns beiden -- und Sie schon wieder irgendwo dort zwischen den Leuten. Und ich auch irgendwo zwischen den Leuten.

_Hans Karl_ $(leise)$. Jeder muß glücklich sein, der mit Ihnen leben darf, und muß Gott danken bis an sein Lebensende, Helen, bis an sein Lebensende, sei's, wer's sei. Nehmen Sie nicht den Neuhoff, Helen, -- eher einen Menschen wie den Stani, oder auch nicht den Stani, einen ganz andern, der ein braver, nobler Mensch ist -- und ein Mann: das ist alles, was ich nicht bin. $(Er steht auf.)$

_Helene_ $(steht auch auf, sie spürt, daß er gehen will)$. Sie sagen mir ja Adieu!

_Hans Karl_ $(gibt keine Antwort)$.

_Helene._ Auch das hab' ich voraus gewußt. Daß einmal ein Moment kommen wird, wo Sie mir so plötzlich Adieu sagen werden und ein Ende machen -- wo gar nichts war. Aber denen, wo wirklich was war, denen können Sie nie Adieu sagen.

_Hans Karl._ Helen, es sind gewisse Gründe.

_Helene._ Ich glaube, ich habe alles in der Welt, was sich auf uns zwei bezieht, schon einmal gedacht. So sind wir schon einmal gestanden, so hat eine fade Musik gespielt, und so haben Sie mir Adieu gesagt, einmal für allemal.

_Hans Karl._ Es ist nicht nur so aus diesem Augenblick heraus, Helen, daß ich Ihnen Adieu sage. Oh nein, das dürfen Sie nicht glauben. Denn daß man jemandem Adieu sagen muß, dahinter versteckt sich ja was.

_Helene._ Was denn?

_Hans Karl._ Da muß man ja sehr zu jemandem gehören und doch nicht ganz zu ihm gehören dürfen.

_Helene_ $(zuckt)$. Was wollen Sie damit sagen?

_Hans Karl._ Da draußen, da war manchmal was -- mein Gott, ja, wer könnte denn das erzählen!

_Helene._ Ja, mir. Jetzt.

_Hans Karl._ Da waren solche Stunden, gegen Abend oder in der Nacht, der frühe Morgen mit dem Morgenstern -- Helen, Sie waren da sehr nahe von mir. Dann war dieses Verschüttetwerden, Sie haben davon gehört --

_Helene._ Ja, ich hab' davon gehört --

_Hans Karl._ Das war nur ein Moment, dreißig Sekunden sollen es gewesen sein, aber nach innen hat das ein anderes Maß. Für mich war's eine ganze Lebenszeit, die ich gelebt hab', und in diesem Stück Leben, da waren Sie meine Frau. Ist das nicht spaßig?

_Helene._ Da war ich Ihre Frau?

_Hans Karl._ Nicht meine zukünftige Frau. Das ist das Sonderbare. Meine Frau ganz einfach. Als ein fait accompli. Das Ganze hat eher etwas Vergangenes gehabt als etwas Zukünftiges.

_Helene_ $(schweigt)$.

_Hans Karl._ Mein Gott, ich bin eben nicht möglich, das sag' ich ja der Crescence! Jetzt sitz' ich da neben Ihnen in einer Soiree und verlier' mich in Geschichten, wie der alte Millesimo, Gott hab' ihn selig, den schließlich die Leut' allein sitzen lassen haben, mit seinen Anekdoten ohne Pointe, und der das gar nicht bemerkt hat und mutterseelenallein weiter erzählt hat.

_Helene._ Aber ich lass' Sie gar nicht sitzen, ich hör' zu, Graf Kari. Sie haben mir etwas sagen wollen, war es das?

_Hans Karl._ Nämlich: das war eine sehr subtile Lektion, die mir da eine höhere Macht erteilt hat. Ich werd' Ihnen sagen, Helen, was die Lektion bedeutet hat.

_Helene_ $(hat sich gesetzt, er setzt sich auch, die Musik hat aufgehört)$.

_Hans Karl._ Es hat mir in einem ausgewählten Augenblick ganz eingeprägt werden sollen, wie das Glück ausschaut, das ich mir verscherzt habe. Wodurch ich mir's verscherzt habe, das wissen Sie ja so gut wie ich.

_Helene._ Das weiß ich so gut wie Sie?

_Hans Karl._ Indem ich halt, solange noch Zeit war, nicht erkannt habe, worin das Einzige liegen könnte, worauf es ankäm'. Und daß ich das nicht erkannt habe, das war eben die Schwäche meiner Natur. Und so habe ich diese Prüfung nicht bestanden. Später im Feldspital, in den vielen ruhigen Tagen und Nächten hab' ich das alles mit einer unbeschreiblichen Klarheit und Reinheit erkennen können.

_Helene._ War es das, was Sie mir haben sagen wollen, genau das?

_Hans Karl._ Die Genesung ist so ein merkwürdiger Zustand. Darin ist mir die ganze Welt wiedergekommen, wie etwas Reines, Neues und dabei so Selbstverständliches. Ich hab' da auf einmal ausdenken können, was das ist: ein Mensch. Und wie das sein muß: zwei Menschen, die ihr Leben aufeinander legen und werden wie ein Mensch. Ich habe -- in der Ahnung wenigstens -- mir vorstellen können -- was da dazu gehört, wie heilig das ist und wie wunderbar. Und sonderbarerweise, es war nicht meine Ehe, die ganz ungerufen die Mitte von diesem Denken war -- obwohl es ja leicht möglich ist, daß ich noch einmal heirat' -- sondern es war Ihre Ehe.

_Helene._ Meine Ehe! Meine Ehe -- mit wem denn?

_Hans Karl._ Das weiß ich nicht. Aber ich hab' mir das in einer ganz genauen Weise vorstellen können, wie das alles sein wird, und wie es sich abspielen wird, mit ganz wenigen Leuten und ganz heilig und feierlich, und wie alles so sein wird, wie sich's gehört zu Ihren Augen und zu Ihrer Stirn und zu Ihren Lippen, die nichts Überflüssiges reden können, und zu Ihren Händen, die nichts Unwürdiges besiegeln können -- und sogar das Ja-Wort hab' ich gehört, ganz klar und rein, von Ihrer klaren, reinen Stimme -- ganz von weitem, denn ich war doch natürlich nicht dabei, ich war doch nicht dabei! -- Wie käm' ich als ein Außenstehender zu der Zeremonie -- Aber es hat mich gefreut, Ihnen einmal zu sagen, wie ich's Ihnen mein. -- Und das kann man natürlich nur in einem besonderen Moment; wie der jetzige, sozusagen in einem definitiven Moment --

_Helene_ $(ist dem Umsinken nah, beherrscht sich aber)$.

_Hans Karl_ $(Tränen in den Augen)$. Mein Gott, jetzt hab' ich Sie ganz bouleversiert, das liegt an meiner unmöglichen Art, ich attendrier mich sofort, wenn ich von was sprech' oder hör', was nicht aufs Allerbanalste hinausgeht -- es sind die Nerven seit der Geschichte, aber das steckt sensible Menschen wie Sie natürlich an -- ich gehör' eben nicht unter Menschen -- das sag' ich ja der Crescence -- ich bitt' Sie tausendmal um Verzeihung, vergessen Sie alles, was ich da Konfuses zusammengeredt hab' -- es kommen ja in so einem Abschiedsmoment tausend Erinnerungen durcheinander -- $(hastig, weil er fühlt, daß sie nicht mehr allein sind)$ -- aber wer sich beisammen hat, der vermeidet natürlich, sie auszukramen -- Adieu, Helen, Adieu.

_Der berühmte Mann_ $(ist von rechts eingetreten)$.

_Helene_ $(kaum ihrer selbst mächtig)$. Adieu! $(Sie wollen sich die Hände geben, keine Hand findet die andere.)$

_Hans Karl_ $(will fort nach rechts)$.

_Der berühmte Mann_ $(tritt auf ihn zu)$.

_Hans Karl_ $(sieht sich nach links um)$.

_Crescence_ $(tritt von links ein)$.

_Der berühmte Mann._ Es war seit langem mein lebhafter Wunsch, Euer Erlaucht --

_Hans Karl_ $(eilt fort nach rechts)$. Pardon, mein Herr! $(An ihm vorbei.)$

_Crescence_ $(tritt zu Helene, die totenblaß dasteht)$. --

_Der berühmte Mann_ $(ist verlegen abgegangen)$.

_Hans Karl_ $(erscheint nochmals in der Tür rechts, sieht herein, wie unschlüssig und verschwindet gleich wieder, wie er Crescence bei Helene sieht)$.

_Helene_ $(zu Crescence, fast ohne Besinnung)$. Du bist's, Crescence? Er ist ja noch einmal hereingekommen. Hat er noch etwas gesagt? $(Sie taumelt, Crescence hält sie)$.

_Crescence._ Aber ich bin ja so glücklich. Deine Ergriffenheit macht mich ja so glücklich!

_Helene._ Pardon, Crescence, sei mir nicht bös! $(Macht sich los und läuft weg nach links.)$

_Crescence._ Ihr habt's euch eben beide viel lieber, als ihr wißt's, der Stani und du! $(Sie wischt sich die Augen.)$

$Der Vorhang fällt.$

_DRITTER AKT_

$Vorsaal im Altenwylschen Haus. Rechts der Ausgang in die Einfahrt. Treppe in der Mitte. Hinaufführend zu einer Galerie, von der links und rechts je eine Flügeltür in die eigentlichen Gemächer führt. Unten neben der Treppe niedrige Diwans oder Bänke.$

Erste Szene

_Kammerdiener_ $(steht beim Ausgang rechts. Andere Diener stehen außerhalb, sind durch die Glasscheiben des Windfangs sichtbar. Kammerdiener ruft den andern Dienern zu)$. Herr Hofrat Professor Brücke!

_Der berühmte Mann_ $(kommt die Treppe herunter)$.

_Diener_ $(kommt von rechts mit dem Pelz, in dem innen zwei Cache-nez hängen, mit Überschuhen.)$

_Kammerdiener_ $(während dem berühmten Mann in die Überkleider geholfen wird.)$ Befehlen Herr Hofrat ein Auto?

_Der berühmte Mann._ Ich danke. Ist seine Erlaucht, der Graf Bühl nicht soeben vor mir gewesen?

_Kammerdiener._ Soeben im Augenblick.

_Der berühmte Mann._ Ist er fortgefahren?

_Kammerdiener._ Nein, Erlaucht hat sein Auto weggeschickt, er hat zwei Herren vorfahren sehen und ist hinter die Portiersloge getreten und hat sie vorbeigelassen. Jetzt muß er gerade aus dem Haus sein.

_Der berühmte Mann_ $(beeilt sich)$. Ich werde ihn einholen. $(Er geht, man sieht zugleich draußen Stani und Hechingen eintreten.)$

Zweite Szene

$Stani und Hechingen treten herein, hinter jedem ein Diener, der ihm Überrock und Hut abnimmt.$

_Stani_ $(grüßt im Vorbeigehen den berühmten Mann)$. Guten Abend Wenzel, meine Mutter ist da?

_Kammerdiener._ Sehr wohl, Frau Gräfin sind beim Spiel. $(Tritt ab, ebenso die andern Diener.)$

_Stani_ $(will hinaufgehen)$.

_Hechingen_ $(steht seitlich an einem Spiegel, sichtlich nervös)$.

$(Ein anderer Altenwylscher Diener kommt die Treppe herab.)$

_Stani_ $(hält den Diener auf)$. Sie kennen mich?

_Diener._ Sehr wohl, Herr Graf.

_Stani._ Gehen Sie durch die Salons und suchen Sie den Grafen Bühl, bis Sie ihn finden. Dann nähern Sie sich ihm unauffällig und melden ihm, ich lasse ihn bitten auf ein Wort, entweder im Eckzimmer der Bildergalerie oder im chinesischen Rauchzimmer. Verstanden? Also was werden Sie sagen?

_Diener._ Ich werde melden, Herr Graf Freudenberg wünschen mit seiner Erlaucht privat ein Wort zu sprechen, entweder im Eckzimmer --

_Stani._ Gut.

_Diener_ $(geht)$.

_Hechingen._ Pst, Diener!

_Diener_ $(hört ihn nicht, geht oben hinein)$.

_Stani_ $(hat sich gesetzt)$.

_Hechingen_ $(sieht ihn an)$.

_Stani._ Wenn du vielleicht ohne mich eintreten würdest? Ich habe eine Post hinaufgeschickt, ich warte hier einen Moment, bis er mir die Antwort bringt.

_Hechingen._ Ich leiste dir Gesellschaft.

_Stani._ Nein, ich bitte sehr, daß du dich durch mich nicht aufhalten laßt. Du warst ja sehr pressiert herzukommen --

_Hechingen._ Mein lieber Stani, du siehst mich in einer ganz besonderen Situation vor dir. Wenn ich jetzt die Schwelle dieses Salons überschreite, so entscheidet sich mein Schicksal.

_Stani_ $(enerviert über Hechingens nervöses Auf-und-ab-Gehen)$. Möchtest du nicht vielleicht Platz nehmen? Ich wart' nur auf den Diener, wie gesagt.

_Hechingen._ Ich kann mich nicht setzen, ich bin zu agitiert.

_Stani._ Du hast vielleicht ein bissel schnell den Schampus hinuntergetrunken.

_Hechingen._ Auf die Gefahr hin, dich zu langweilen, mein lieber Stani, muß ich dir gestehen, daß für mich in dieser Stunde außerordentlich Großes auf dem Spiel steht.

_Stani_ $(während Hechingen sich wieder nervös zerstreut von ihm entfernt)$. Aber es steht ja öfter irgend etwas Seriöses auf dem Spiel. Es kommt nur darauf an, sich nichts merken zu lassen.

_Hechingen_ $(wieder näher)$. Dein Onkel Kari hat es in seiner freundschaftlichen Güte auf sich genommen, mit der Antoinette, mit meiner Frau, ein Gespräch zu führen, dessen Ausgang wie gesagt --

_Stani._ Der Onkel Kari?

_Hechingen._ Ich mußte mir sagen, daß ich mein Schicksal in die Hand keines nobleren, keines selbstloseren Freundes --

_Stani._ Aber natürlich -- Wenn er nur die Zeit gefunden hat?

_Hechingen._ Wie?

_Stani._ Er übernimmt manchmal ein bissel viel, der Onkel Kari. Wenn irgend jemand etwas von ihm will -- er kann nicht nein sagen.

_Hechingen._ Es war abgemacht, daß ich im Klub ein telephonisches Signal erwarte, ob ich hier herkommen soll, oder ob mein Erscheinen noch nicht opportun ist.

_Stani._ Ah. Da hätte ich aber an deiner Stelle auch wirklich gewartet.

_Hechingen._ Ich war nicht mehr imstande, länger zu warten. Bedenke, was für mich auf dem Spiel steht!

_Stani._ Über solche Entscheidungen muß man halt ein bissel erhaben sein. Aha! $(Sieht den Diener, der oben heraustritt.)$

_Diener_ $(kommt die Treppe herunter)$.

_Stani_ $(ihm entgegen, läßt Hechingen stehen)$.

_Diener._ Nein, ich glaube, seine Erlaucht müssen fort sein.

_Stani._ Sie glauben? Ich habe Ihnen gesagt, sie sollen herumgehen, bis Sie ihn finden.

_Diener._ Verschiedene Herrschaften haben auch schon gefragt, seine Erlaucht müssen rein unauffällig verschwunden sein.

_Stani._ Sapristi! Dann gehen Sie zu meiner Mutter und melden Sie ihr, ich lasse vielmals bitten, sie möchte auf einen Moment zu mir in den vordersten Salon herauskommen. Ich muß meinen Onkel oder sie sprechen, bevor ich eintrete.

_Diener._ Sehr wohl. $(Geht wieder hinauf.)$

_Hechingen._ Mein Instinkt sagt mir, daß der Kari in der Minute heraustreten wird, um mir das Resultat zu verkündigen, und daß es ein glückliches sein wird.

_Stani._ So einen sicheren Instinkt hast du? Ich gratuliere.

_Hechingen._ Etwas hat ihn abgehalten zu telephonieren, aber er hat mich herbeigewünscht. Ich fühle mich ununterbrochen im Kontakt mit ihm.

_Stani._ Fabelhaft!

_Hechingen._ Das ist bei uns gegenseitig. Sehr oft spricht er etwas aus, was ich im gleichen Augenblick mir gedacht habe.

_Stani._ Du bist offenbar ein großartiges Medium.

_Hechingen._ Mein lieber Freund, wie ich ein junger Hund war wie du, hätte ich auch viel nicht für möglich gehalten, aber wenn man seine fünfunddreißig auf dem Buckel hat, da gehen einem die Augen für so manches auf. Es ist ja, wie wenn man früher taub und blind gewesen wäre.

_Stani._ Was du nicht sagst!

_Hechingen._ Ich verdank' ja dem Kari geradezu meine zweite Erziehung. Ich lege Gewicht darauf, klarzustellen, daß ich ohne ihn einfach aus meiner verworrenen Lebenssituation nicht herausgefunden hätte.

_Stani._ Das ist enorm.

_Hechingen._ Ein Wesen wie die Antoinette, mag man auch ihr Mann gewesen sein, das sagt noch gar nichts, man hat eben keine Ahnung von dieser inneren Feinheit. Ich bitte nicht zu übersehen, daß ein solches Wesen ein Schmetterling ist, dessen Blütenstaub man schonen muß. Wenn du sie kennen würdest, ich meine näher kennen --

_Stani_ $(verbindliche Gebärde)$.

_Hechingen._ Ich fass' mein Verhältnis zu ihr jetzt so auf, daß es einfach meine Schuldigkeit ist, ihr die Freiheit zu gewähren, deren ihre bizarre, phantasievolle Natur bedarf. Sie hat die Natur der grande dame des XVIII. Jahrhunderts. Nur dadurch, daß man ihr die volle Freiheit gewährt, kann man sie an sich fesseln.

_Stani._ Ah.

_Hechingen._ Man muß large sein, das ist es, was ich dem Kari verdanke. Ich würde keineswegs etwas Irreparables darin erblicken, einen Menschen, der sie verehrt, in larger Weise heranzuziehen.

_Stani._ Ich begreife.