Der Schwierige: Lustspiel in drei Akten
Part 5
_Nanni._ Wir plauschen hier ganz unbefangen: vor allem darf's nicht ausschauen, als ob du ihm nachlaufen tätest.
_Antoinette._ Wenn man nur das Raffinement von der Helen hätt', die lauft ihm nach auf Schritt und Tritt, und dabei schaut's aus, als ob sie ihm aus dem Weg ging.
_Edine._ Ich wär' dafür, daß wir sie lassen, und daß sie ganz, wie wenn nichts wär', auf ihn zuging.
_Huberta._ In dem Zustand, wie sie ist, kann sie doch nicht auf ihn zugehen, wie wenn nichts wär'.
_Antoinette_ $(dem Weinen nah)$. Sagt's mir doch nicht, daß ich in einem Zustand bin! Lenkt's mich doch ab von mir! Sonst verlier ich ja meine ganze Contenance. Wenn ich nur wen zum Flirten da hätt'!
_Nanni_ $(will aufstehen)$. Ich hol' ihr den Stani her.
_Antoinette._ Der Stani tät mir nicht so viel nützen. Sobald ich weiß, daß der Kari wo in einer Wohnung ist, existieren die andern nicht mehr für mich.
_Huberta._ Der Feri Uhlfeldt tät vielleicht doch noch existieren.
_Antoinette._ Wenn die Helen in meiner Situation wär', die wüßt' sich zu helfen. Sie macht sich mit der größten Unverfrorenheit einen Paravant aus dem Theophil, und dahinter operiert sie.
_Huberta._ Aber sie schaut ja den Theophil gar nicht an, sie is' ja die ganze Zeit hinterm Kari her.
_Antoinette._ Sag' mir das noch, damit mir die Farb' ganz aus'm G'sicht geht. $(Steht auf.)$ Red't er denn mit ihr?
_Huberta._ Natürlich red't er mit ihr.
_Antoinette._ Immerfort?
_Huberta._ Sooft ich hing'schaut hab'.
_Antoinette._ Oh mein Gott, wenn du mir lauter unangenehme Sachen sagst, so werd' ich ja so häßlich werden! $(Sie setzt sich wieder.)$
_Nanni_ $(will aufstehen)$. Wenn dir deine drei Freundinnen zuviel sind, so lass' uns fort, ich spiel' ja auch sehr gern.
_Antoinette._ So bleibt's doch hier, so gebt's mir doch einen Rat, so sagt's mir doch, was ich tun soll.
_Huberta._ Wenn sie ihm vor einer Stunde die Jungfer ins Haus geschickt hat, so kann sie jetzt nicht die Hochmütige spielen.
_Nanni._ Umgekehrt sag' ich. Sie muß tun, als ob er ihr egal wär'. Das weiß ich vom Kartenspielen: wenn man die Karten leichtsinnig in die Hand nimmt, dann kommt's Glück. Man muß sich immer die innere Überlegenheit menagieren.
_Antoinette._ Mir is' grad zumut, wie wenn ich die Überlegene wär'!
_Huberta._ Du behandelst ihn aber ganz falsch, wenn du dich so aus der Hand gibst.
_Edine._ Wenn sie sich nur eine Direktive geben ließ! Ich kenn' doch den Männern ihren Charakter.
_Huberta._ Weißt, Edine, die Männer haben recht verschiedene Charaktere.
_Antoinette._ Das Gescheitste wär', ich fahr' nach Haus.
_Nanni._ Wer wird denn die Karten wegschmeißen, solang' er noch eine Chance in der Hand hat.
_Edine._ Wenn sie sich nur ein vernünftiges Wort sagen ließe. Ich hab' ja einen solchen Instinkt für solche psychologische Sachen. Es wär' ja absolut zu machen, daß die Ehe annulliert wird, sie ist eben unter einem moralischen Zwang gestanden die ganzen Jahre und dann, wenn sie annulliert ist, so heirat' sie ja der Kari, wenn die Sache halbwegs richtig eingefädelt wird.
_Huberta_ $(die nach rechts gesehen hat)$. Pst!
_Antoinette_ $(fährt auf)$. Kommt er? Mein Gott, wie mir die Knie zittern.
_Huberta._ Die Crescence kommt. Nimm dich zusammen.
_Antoinette_ $(vor sich)$. Lieber Gott, ich kann sie nicht ausstehen, sie mich auch nicht, aber ich will jede Bassesse machen, weil sie ja seine Schwester is'.
Vierte Szene
_Crescence_ $(kommt von rechts)$. Grüß euch Gott, was macht's ihr denn? Die Toinette schaut ja ganz zerbeutelt aus. Sprecht's ihr denn nicht? So viele junge Frauen! Da hätt' der Stani halt nicht in den Klub gehen dürfen, wie?
_Antoinette_ $(mühsam)$. Wir unterhalten uns vorläufig ohne Herren sehr gut.
_Crescence_ $(ohne sich zu setzen)$. Was sagt's ihr, wie famos die Helen heut ausschaut? Die wird doch als junge Frau eine Allure haben, daß überhaupt niemand gegen sie aufkommt!
_Huberta._ Is' die Helen auf einmal so in der Gnad' bei dir?
_Crescence._ Ihr seid's auch sehr herzig. Die Antoinette soll sich ein bißl schonen. Sie schaut ja aus, als ob sie drei Nächt' nicht g'schlafen hätt'. $(Im Gehen.)$ Ich muß dem Poldo Altenwyl sagen, wie brillant ich die Helen heut find'. $(Ab.)$
Fünfte Szene
_Antoinette._ Herr Gott, jetzt hab' ich's ja schriftlich, daß der Kari die Helen heiraten will.
_Edine._ Wieso denn?
_Antoinette._ Spürt's ihr denn nicht, wie sie für die zukünftige Schwägerin ins Zeug geht?
_Nanni._ Aber geh', bring' dich nicht um nichts und wieder nichts hinein in die Verzweiflung. Er wird gleich bei der Tür hereinkommen.
_Antoinette._ Wenn er in so einem Moment hereinkommt, bin ich ja ganz -- $(bringt ihr kleines Tuch vor die Augen)$ -- verloren. --
_Huberta._ So gehen wir. Inzwischen beruhigt sie sich.
_Antoinette._ Nein, geht's ihr zwei und schaut's, ob er wieder mit der Helen red't und stört's ihn dabei. Ihr habt's mich ja oft genug gestört, wenn ich so gern mit ihm allein gewesen wär'. Und die Edine bleibt bei mir. $(Alle sind aufgestanden, Huberta und Nanni gehen ab.)$
Sechste Szene
_Antoinette_ $(und Edine setzen sich links rückwärts)$.
_Edine._ Mein liebes Kind, du hast diese ganze Geschichte mit dem Kari vom ersten Moment falsch angepackt.
_Antoinette._ Woher weißt denn du das?
_Edine._ Das weiß ich von der Mademoiselle Feydeau, die hat mir haarklein alles erzählt, wie du die ganze Situation in der Grünleiten schon verfahren hast.
_Antoinette._ Diese mißgünstige Tratschen, was weiß denn die!
_Edine._ Aber sie kann doch nichts dafür, wenn sie dich hat mit die nackten Füß' über die Stiegen 'runterlaufen gehört, und gesehen mit offene Haar im Mondschein mit ihm spazieren gehen. -- Du hast eben die ganze G'schicht' von Anfang an viel zu terre à terre angepackt. Die Männer sind ja natürlich sehr terre à terre, aber deswegen muß eben von unserer Seiten etwas Höheres hineingebracht werden. Ein Mann wie der Kari Bühl aber ist sein Leben lang keiner Person begegnet, die ein bißl einen Idealismus in ihn hineingebracht hätte. Und darum ist er selbst nicht imstand', in eine Liebschaft was Höheres hineinzubringen, und so geht das vice versa. Wenn du mich in der ersten Zeit ein bißl um Rat gefragt hättest, wenn du dir hättest ein paar Direktiven geben lassen, ein paar Bücher empfehlen lassen -- so wärst du heut seine Frau!
_Antoinette._ Geh, ich bitt' dich, Edine, agacier' mich nicht.
Siebente Szene
_Huberta_ $(erscheint in der Tür)$. Also: der Kari kommt. Er sucht dich.
_Antoinette._ Jesus Maria! $(Sie sind alle aufgestanden.)$
_Nanni_ $(die rechts hinausgeschaut hat)$. Da kommt die Helen aus dem andern Salon.
_Antoinette._ Mein Gott, gerade in dem Moment, auf den alles ankommt, muß sie daher kommen und mir alles verderben. So tut's doch was dagegen. So geht's ihr doch entgegen. So halt's sie doch weg, vom Zimmer da!
_Huberta._ Bewahr' doch ein bißl deine Contenance.
_Nanni._ Wir gehen einfach unauffällig dort hinüber.
Achte Szene
_Helene_ $(tritt ein von rechts)$. Ihr schaut's ja aus, als ob ihr gerade von mir gesprochen hättet's. $(Stille.)$ Unterhalt's ihr euch? Soll ich euch Herren hereinschicken?
_Antoinette_ $(auf sie zu, fast ohne Selbstkontrolle)$. Wir unterhalten uns famos, und du bist ein Engel, mein Schatz, daß du dich um uns umschaust. Ich hab' dir noch gar nicht guten Abend gesagt. Du schaust schöner aus als je. $(Küßt sie.)$ Aber lass' uns nur und geh wieder.
_Helene._ Stör' ich euch? So geh' ich halt wieder. $(Geht.)$
Neunte Szene
_Antoinette_ $(streicht sich über die Wange, als wollte sie den Kuß abstreifen.)$ Was mach' ich denn? Was lass' ich mich denn von ihr küssen? Von dieser Viper, dieser falschen!
_Huberta._ So nimm dich ein bißl zusammen.
Zehnte Szene
_Hans Karl_ $(ist von rechts eingetreten)$.
_Antoinette_ $(nach einem kurzen Stummsein, Sichducken, rasch auf ihn zu, ganz dicht an ihn)$. Ich hab' die Briefe genommen und verbrannt. Ich bin keine sentimentale Gans, als die mich meine Agathe hinstellt, daß ich mich über alte Briefe totweinen könnt'. Ich hab' einmal nur das, was ich im Moment hab', und was ich nicht hab', will ich vergessen. Ich leb' nicht in der Vergangenheit, dazu bin ich nicht alt genug.
_Hans Karl._ Wollen wir uns nicht setzen? $(Führt sie zu den Fauteuils.)$
_Antoinette._ Ich bin halt nicht schlau. Wenn man nicht raffiniert ist, dann hat man nicht die Kraft, einen Menschen zu halten, wie Sie einer sind. Denn Sie sind ein Genre mit Ihrem Vetter Stani. Das möchte ich Ihnen sagen, damit Sie es wissen. Ich kenn' euch. Monströs selbstsüchtig und grenzenlos unzart. $(Nach einer kleinen Pause.)$ So sagen Sie doch was!
_Hans Karl._ Wenn Sie erlauben würden, so möchte ich versuchen, Sie an damals zu erinnern --
_Antoinette._ Ah, ich lass' mich nicht malträtieren. -- Auch nicht von jemandem, der mir früher einmal nicht gleichgültig war.
_Hans Karl._ Sie waren damals, ich meine vor zwei Jahren, Ihrem Mann momentan entfremdet. Sie waren in der großen Gefahr, in die Hände von einem Unwürdigen zu fallen. Da ist jemand gekommen -- der war -- zufällig ich. Ich wollte Sie -- beruhigen -- das war mein einziger Gedanke -- Sie der Gefahr entziehen -- von der ich Sie bedroht gewußt -- oder gespürt hab'. Das war eine Verkettung von Zufällen -- eine Ungeschicklichkeit -- ich weiß nicht, wie ich es nennen soll --
_Antoinette._ Diese paar Tage damals in der Grünleiten sind das einzige wirklich Schöne in meinem ganzen Leben. Die lass' ich nicht -- die Erinnerung, daran lass' ich mir nicht heruntersetzen. $(Steht auf.)$
_Hans Karl_ $(leise)$. Aber ich hab' ja alles so lieb. Es war ja so schön.
_Antoinette_ $(setzt sich mit einem ängstlichen Blick auf ihn.)$
_Hans Karl._ Es war ja so schön!
_Antoinette._ »Das war zufällig ich.« Damit wollen Sie mich insultieren. Sie sind draußen zynisch geworden. Ein zynischer Mensch, das ist das richtige Wort. Sie haben die Nuance verloren für das Mögliche und das Unmögliche. Wie haben Sie gesagt? Es war eine »Ungeschicklichkeit« von Ihnen? Sie insultieren mich ja in einem fort.
_Hans Karl._ Es ist draußen viel für mich anders geworden. Aber zynisch bin ich nicht geworden. Das Gegenteil, Antoinette. Wenn ich an unsern Anfang denke, so ist mir das etwas so Zartes, so Mysteriöses, ich getraue mich kaum, es vor mir selbst zu denken. Ich möchte mich fragen: Wie komm' ich denn dazu? Hab' ich denn dürfen? Aber $(sehr leise)$ ich bereu' nichts.
_Antoinette_ $(senkt die Augen)$. Aller Anfang ist schön.
_Hans Karl._ In jedem Anfang liegt die Ewigkeit.
_Antoinette_ $(ohne ihn anzusehen)$. Sie halten au fond alles für möglich und alles für erlaubt. Sie wollen nicht sehen, wie hilflos ein Wesen ist, über das Sie hinweggehen -- wie preisgegeben, denn das würde vielleicht Ihr Gewissen aufwecken.
_Hans Karl._ Ich habe keins.
_Antoinette_ $(sieht ihn an)$.
_Hans Karl._ Nicht in bezug auf uns.
_Antoinette._ Jetzt war ich das und das von Ihnen -- und weiß in diesem Augenblick so wenig, woran ich mit Ihnen bin, als wenn nie was zwischen uns gewesen wär'. Sie sind ja fürchterlich.
_Hans Karl._ Nichts ist bös. Der Augenblick ist nicht bös, nur das Festhalten-wollen ist unerlaubt. Nur das Sich-festkrampeln an das, was sich nicht halten laßt --
_Antoinette._ Ja, wir leben halt nicht nur wie die gewissen Fliegen vom Morgen bis zur Nacht. Wir sind halt am nächsten Tag auch noch da. Das paßt euch halt schlecht, solchen wie du einer bist.
_Hans Karl._ Alles was geschieht, das macht der Zufall. Es ist nicht zum Ausdenken, wie zufällig wir alle sind, und wie uns der Zufall zueinander jagt und auseinander jagt, und wie jeder mit jedem hausen könnte, wenn der Zufall es wollte.
_Antoinette._ Ich will nicht --
_Hans Karl_ $(spricht weiter, ohne ihren Widerstand zu respektieren)$. Darin ist aber so ein Grausen, daß der Mensch etwas hat finden müssen, um sich aus diesem Sumpf herauszuziehen, bei seinem eigenen Schopf. Und so hat er das Institut gefunden, das aus dem Zufälligen und Unreinen, das Notwendige, das Bleibende und das Gültige macht: die Ehe.
_Antoinette._ Ich spür', du willst mich verkuppeln mit meinem Mann. Es war nicht ein Augenblick, seitdem du hiersitz'st, wo ich mich hätte foppen lassen und es nicht gespürt hätte. Du nimmst dir wirklich alles heraus, du meinst schon, daß du alles darfst, zuerst verführen, dann noch beleidigen.
_Hans Karl._ Ich bin kein Verführer, Toinette, ich bin kein Frauenjäger.
_Antoinette._ Ja, das ist dein Kunststückl, damit hast du mich herumgekriegt, daß du kein Verführer bist, kein Mann für Frauen, daß du nur ein Freund bist, aber ein wirklicher Freund. Damit kokettierst du, sowie du mit allem kokettierst, was du hast, und mit allem, was dir fehlt. Man müßte, wenn's nach dir ging', nicht nur verliebt in dich sein, sondern dich noch liebhaben über die Vernunft hinaus, und um deiner selbst willen, und nicht einmal nur als Mann -- sondern -- ich weiß ja gar nicht, wie ich sagen soll, oh mein Gott, warum muß ein und derselbe Mensch so scharmant sein und zugleich so monströs eitel und selbstsüchtig und herzlos!
_Hans Karl._ Weiß sie, Toinette, was Herz ist, weiß sie das? Daß ein Mann Herz für eine Frau hat, das kann er nur durch Eins zeigen, nur durch ein Einziges auf der Welt: durch die Dauer, durch die Beständigkeit. Nur dadurch: das ist die Probe, die einzige.
_Antoinette._ Lass' mich mit dem Ado -- ich kann mit dem Ado nicht leben --
_Hans Karl._ Der hat dich lieb. Einmal und für alle Male. Der hat dich gewählt unter allen Frauen auf der Welt, und er hat dich liebbehalten und wird dich liebhaben für immer, weißt du, was das heißt? Für immer, gescheh' dir, was da will. Einen Freund haben, der dein ganzes Wesen lieb hat, für den du immer ganz schön bist, nicht nur heut und morgen, auch später, viel später, für den seine Augen der Schleier, den die Jahre oder was kommen kann, über dein Gesicht werfen -- für seine Augen ist das nicht da, du bist immer, die du bist, die Schönste, die Liebste, die Eine, die Einzige.
_Antoinette._ So hat er mich nicht gewählt. Geheiratet hat er mich halt. Von dem andern weiß ich nichts.
_Hans Karl._ Aber er weiß davon.
_Antoinette._ Das, was Sie da reden, das gibt's alles nicht. Das redet er sich ein -- das redet er Ihnen ein -- Ihr seid's einer wie der andere, Ihr Männer, Sie und der Ado und der Stani, ihr seid's alle aus einem Holz geschnitzt und darum versteht's ihr euch so gut und könnt's euch so gut in die Hände spielen.
_Hans Karl._ Das red't er mir nicht ein, das weiß ich, Toinette. Das ist eine heilige Wahrheit, die weiß ich -- ich muß sie immer schon gewußt haben, aber draußen ist sie erst ganz deutlich für mich geworden: es gibt einen Zufall, der macht scheinbar alles mit uns, wie er will -- aber mitten in dem Hierhin- und Dorthingeworfenwerden und der Stumpfheit und Todesangst, da spüren wir und wissen es auch, es gibt halt auch eine Notwendigkeit, die wählt uns von Augenblick zu Augenblick, die geht ganz leise, ganz dicht am Herzen vorbei und doch so schneidend scharf wie ein Schwert. Ohne die wäre da draußen kein Leben mehr gewesen, sondern nur ein tierisches Dahintaumeln. Und die gleiche Notwendigkeit gibt's halt auch zwischen Männern und Frauen -- wo die ist, da ist ein Zueinandermüssen und Verzeihung und Versöhnung und Beieinanderbleiben. Und da dürfen Kinder sein, und da ist eine Ehe und ein Heiligtum, trotz allem und allem --
_Antoinette_ $(steht auf)$. Alles, was du red'st, das heißt ja gar nichts anderes, als daß du heiraten willst, daß du demnächst die Helen heiraten wirst.
_Hans Karl_ $(bleibt sitzen, hält sie)$. Aber ich denk' doch nicht an die Helen! Ich red' doch von dir. Ich schwör' dir, daß ich von dir red'.
_Antoinette._ Aber dein ganzes Denken dreht sich um die Helen.
_Hans Karl._ Ich schwöre dir: ich hab' einen Auftrag an die Helen. Ganz einen andern, als du dir denkst. Ich sag' ihr noch heute --
_Antoinette._ Was sagst du ihr noch heute -- ein Geheimnis?
_Hans Karl._ Keines, das mich betrifft.
_Antoinette._ Aber etwas, das dich mit ihr verbindet?
_Hans Karl._ Aber das Gegenteil!
_Antoinette._ Das Gegenteil? Ein Adieu -- du sagst ihr, was ein Adieu ist zwischen dir und ihr?
_Hans Karl._ Zu einem Adieu ist kein Anlaß, denn es war ja nie etwas zwischen mir und ihr. Aber wenn's ihr Freud' macht, Toinette, so kommt's beinah' auf ein Adieu hinaus.
_Antoinette._ Ein Adieu fürs Leben?
_Hans Karl._ Ja, fürs Leben, Toinette.
_Antoinette_ $(sieht ihn ganz an)$. Fürs Leben? $(Nachdenklich.)$ Ja, sie ist so eine Heimliche und tut nichts zweimal und red't nichts zweimal. Sie nimmt nichts zurück -- sie hat sich in der Hand: ein Wort muß für sie entscheidend sein. Wenn du ihr sagst: adieu -- dann wird's für sie sein adieu und auf immer. Für sie wohl. $(Nach einer kleinen Pause.)$ Ich lass' mir von dir den Ado nicht einreden. Ich mag seine Händ' nicht. Sein Gesicht nicht. Seine Ohren nicht. $(Sehr leise.)$ Deine Hände hab' ich lieb. -- Was bist denn du? Ja, wer bist denn du? Du bist ein Zyniker, ein Egoist, ein Teufel bist du! Mich sitzen lassen ist dir zu gewöhnlich. Mich behalten, dazu bist du zu herzlos. Mich hergeben, dazu bist du zu raffiniert. So willst du mich zugleich loswerden und doch in deiner Macht haben, und dazu ist dir der Ado der Richtige. -- Geh hin und heirat' die Helen. Heirat', wenn du willst! Ich hab' mit deiner Verliebtheit vielleicht was anzufangen, mit deinen guten Ratschlägen aber gar nix. $(Will gehen.)$
_Hans Karl_ $(tut einen Schritt auf sie zu)$.
_Antoinette._ Lass' er mich gehen. $(Sie geht ein paar Schritte, dann halb zu ihm gewendet)$. Was soll denn jetzt aus mir werden? Red' er mir nur den Feri Uhlfeldt aus, der hat so viel Kraft, wenn er was will. Ich hab' gesagt, ich mag ihn nicht, er hat gesagt, ich kann nicht wissen, wie er als Freund ist, weil ich ihn noch nicht als Freund gehabt hab'. Solche Reden verwirren einen so. $(Halb unter Tränen, zart.)$ Jetzt wird er an allem schuld sein, was mir passiert.
_Hans Karl._ Sie braucht eins in der Welt: einen Freund. Einen guten Freund. $(Er küßt ihr die Hände.)$ Sei sie gut mit dem Ado.
_Antoinette._ Mit dem kann ich nicht gut sein.
_Hans Karl._ Sie kann mit jedem.
_Antoinette_ $(sanft)$. Kari, insultier' er mich doch nicht.
_Hans Karl._ Versteh' sie doch, wie ich meine.
_Antoinette._ Ich versteh' ihn ja sonst immer so gut.
_Hans Karl._ Könnt' sie's nicht versuchen?
_Antoinette._ Ihm zulieb' könnt' ich's versuchen. Aber er müßt' dabei sein und mir helfen.
_Hans Karl._ Jetzt hat sie mir ein halbes Versprechen gegeben.
Elfte Szene
_Der berühmte Mann_ $(ist von rechts eingetreten, sucht sich Hans Karl zu nähern, die beiden bemerken ihn nicht.)$
_Antoinette._ Er hat mir was versprochen.
_Hans Karl._ Für die erste Zeit.
_Antoinette_ $(dicht bei ihm)$. Mich liebhaben!
_Der berühmte Mann._ Pardon, ich störe wohl. $(Schnell ab.)$
_Hans Karl_ $(dicht bei ihr)$. Das tu' ich ja.
_Antoinette._ Sag er mir sehr was Liebes: nur für den Moment. Der Moment ist ja alles. Ich kann nur im Moment leben. Ich hab' so ein schlechtes Gedächtnis.
_Hans Karl._ Ich bin nicht verliebt in sie, aber ich hab' sie lieb.
_Antoinette._ Und das, was er der Helen sagen wird, ist ein Adieu?
_Hans Karl._ Ein Adieu.
_Antoinette._ So verhandelt er mich, so verkauft er mich!
_Hans Karl._ Aber sie war mir doch noch nie so nahe.
_Antoinette._ Er wird oft zu mir kommen, mir zureden? Er kann mir ja alles einreden.
_Hans Karl_ $(küßt sie auf die Stirn, fast ohne es zu wissen)$.
_Antoinette._ Dank schön. $(Läuft weg durch die Mitte.)$
_Hans Karl_ $(steht verwirrt, sammelt sich)$. Arme, kleine Antoinette.
Zwölfte Szene
_Crescence_ $(kommt durch die Mitte, sehr rasch)$. Also brillant hast du das gemacht. Das ist ja erste Klasse, wie du so was deichselst.
_Hans Karl._ Wie? Aber du weißt doch gar nicht.
_Crescence._ Was brauch' ich noch zu wissen. Ich weiß alles. Die Antoinette hat die Augen voller Tränen, sie stürzt an mir vorbei, so wie sie merkt, daß ich's bin, fallt sie mir um den Hals und ist wieder dahin wie der Wind, das sagt mir doch alles. Du hast ihr ins Gewissen geredet, du hast ihr besseres Selbst aufgeweckt, du hast ihr klargemacht, daß sie sich auf den Stani keine Hoffnungen mehr machen darf, und du hast ihr den einzigen Ausweg aus der verfahrenen Situation gezeigt, daß sie zu ihrem Mann zurück soll und trachten soll, ein anständiges, ruhiges Leben zu führen.
_Hans Karl._ Ja, so ungefähr. Aber es hat sich im Detail nicht so abgespielt. Ich hab' nicht deine zielbewußte Art. Ich komm' leicht von meiner Linie ab, das muß ich schon gestehen.
_Crescence._ Aber das ist doch ganz egal. Wenn du in so einem Tempo ein so brillantes Resultat erzielst, jetzt, wo du in dem Tempo drin bist, kann ich gar nicht erwarten, daß du die zwei Konversationen mit der Helen und mit dem Poldo Altenwyl absolvierst. Ich bitt' dich, geh sie nur an, ich halt dir die Daumen, denk' doch nur, daß dem Stani sein Lebensglück von deiner Suada abhängt.
_Hans Karl._ Sei außer Sorg', Crescence, ich hab' jetzt grad' während dem Reden mit der Antoinette Hechingen so die Hauptlinien gesehen für meine Konversation mit der Helen. Ich bin ganz in der Stimmung. Weißt du, das ist ja meine Schwäche, daß ich so selten das Definitive vor mir sehe: aber diesmal seh' ich's.
_Crescence._ Siehst du, das ist das Gute, wenn man ein Programm hat. Da kommt ein Zusammenhang in die ganze Geschichte. Also komm nur: wir suchen zusammen die Helen, sie muß ja in einem von den Salons sein und so, wie wir sie finden, lass' ich dich allein mit ihr. Und sobald wir ein Resultat haben, stürz' ich ans Telephon und depeschier' den Stani hierher.
Dreizehnte Szene
_Crescence_ $(und Hans Karl gehen links hinaus)$.
_Helene_ $(mit Neuhoff treten von rechts herein. Man hört eine gedämpfte Musik aus einem entfernten Salon.)$
_Neuhoff_ $(hinter ihr)$. Bleiben Sie stehen. Diese nichtsnutzige, leere, süße Musik und dieses Halbdunkel modellieren Sie wunderbar.
_Helene_ $(ist stehengeblieben, geht aber jetzt weiter auf die Fauteuils links zu)$. Ich stehe nicht gern Modell, Baron Neuhoff.
_Neuhoff._ Auch nicht, wenn ich die Augen schließe?
_Helene_ $(sagt nichts, sie steht links)$.
_Neuhoff._ Ihr Wesen, Helene! Wie niemand je war, sind Sie. Ihre Einfachheit ist das Resultat einer ungeheuren Anspannung. Regungslos wie eine Statue vibrieren Sie in sich, niemand ahnt es, der es aber ahnt, der vibriert mit Ihnen.
_Helene_ $(sieht ihn an, setzt sich)$.
_Neuhoff_ $(nicht ganz nahe)$. Wundervoll ist alles an Ihnen. Und dabei, wie alles Hohe, fast erschreckend selbstverständlich.
_Helene._ Ist Ihnen das Hohe selbstverständlich? Das war ein nobler Gedanke.
_Neuhoff._ Vielleicht könnte man seine Frau werden -- das war es, was Ihre Lippen sagen wollten, Helene!
_Helene._ Lesen Sie von den Lippen wie die Taubstummen?
_Neuhoff_ $(einen Schritt näher)$. Sie %werden mich heiraten%, weil Sie meinen Willen spüren in einer willenlosen Welt.
_Helene_ $(vor sich)$. Muß man? Ist es ein Gebot, dem eine Frau sich fügen muß: wenn sie gewählt und gewollt wird?
_Neuhoff._ Es gibt Wünsche, die nicht weit her sind. Die darf man unter seine schönen rassigen Füße treten. Der meine ist weit her. Er ist gewandert um die halbe Welt. Hier fand er sein Ziel. Sie wurden gefunden, Helene Altenwyl, vom stärksten Willen, auf dem weitesten Umweg, in der kraftlosesten aller Welten.
_Helene._ Ich bin aus ihr und bin nicht kraftlos.
_Neuhoff._ Ihr habt dem schönen Schein alles geopfert, auch die Kraft. Wir, dort in unserm nordischen Winkel, wo uns die Jahrhunderte vergessen, wir haben die Kraft behalten. So stehen wir gleich zu gleich und doch ungleich zu ungleich, und aus dieser Ungleichheit ist mir mein Recht über Sie erwachsen.
_Helene._ Ihr Recht?
_Neuhoff._ Das Recht des geistig Stärksten über die Frau, die er zu vergeistigen vermag.
_Helene._ Ich mag nicht diese mystischen Redensarten.
_Neuhoff._ Es waltet etwas Mystik zwischen zwei Menschen, die sich auf den ersten Blick erkannt haben. Ihr Stolz soll es nicht verneinen.